Dr. Rainer Hagencord

http://www.theologische-zoologie.de/hagencord.htm

geb. 1961 in Ahlen (Westfalen), hat von 1980 bis 1985 Theologie in Münster und Fribourg (Schweiz) studiert, wurde 1987 zum Priester geweiht und hat nach vierjähriger seelsorglicher Arbeit Biologie und Philosophie in Münster studiert und mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Schwerpunkt seines Studiums war die Verhaltensbiologie.

Von 1996 bis 2000 hat er als Hochschulpfarrer in Münster schwerpunktmäßig das interdisziplinäre Gespräch zwischen Theologie und Biologie in der Gemeinde etabliert. Hier entstand auch die Idee für das Promotionsvorhaben. Sehr schnell waren sowohl Herr Prof. Dr. Norbert Sachser vom Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie als auch Herr Prof. Dr. Dr. habil. Klaus Müller vom Seminar für philosophische Grundfragen der Theologie bereit, die Arbeit zu betreuen.

Eine Intensivierung erfuhr die Auseinandersetzung mit dem Thema dadurch, dass der Bischof von Münster, Dr. Reinhard Lettmann, im Jahre 2002 Rainer Hagencord frei stellte für die Mitarbeit am Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie.

Der Fachbereich Katholische Theologie der Westfälischen Wilhelms Universität in Münster hat dann im Sommersemester 2004 die Dissertation mit dem Titel "Das Tier: Eine Herausforderung für die christliche Anthropologie. Theologische und verhaltensbiologische Argumente für einen Perspektivenwechsel" angenommen.

Inzwischen liegt das Buch mit dem Titel "Diesseits von Eden. Verhaltensbiologische und theologische Argumente " in der 3. Auflage vor. Dr. Dr. hc. mult. Jane Goodall, neben Diane Fossey wohl die bedeutendste Primatologin der Welt, zudem UNO- Friedensbotschafterin und Gründerin des Jane-Goodall-Institutes, hat gern das Vorwort geschrieben. Seit Herbst 2004 stehen Jane Goodall und Rainer Hagencord in freundschaftlichem Kontakt, sodass sie gern die Schirmherrschaft über das Institut übernahm und an der Eröffnung des Institutes am 15.12.2009 in Münster teilnehmen wird.

Die britische Primatenforscherin, Jane Goodall kam 1934 in London zur Welt und widmete sich viele Jahre dem Verhaltensstudium frei lebender Schimpansen, v. a. im Gombe-Stream-Schimpansenreservat in Nordtansania, wo sie 1965 das "Gombe-Stream-Research-Center" gründete und 1976 ihr eigenes "Jane Goodall Institute for Wildlife Research, Education and Conservation". Besonders empfehlenswert ist ihr schon 1990 erschienenes Buch: "Through a window. My thirty years with the chimpanzees of Gombe" (das inzwischen auch auf deutsch vorliegen soll mit dem Titel: "Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre am Gombe-Strom". - Der Fluss entspringt im Ostafrikanischen Graben und fließt in den Tanganjikasee, der Burundi und Tanzania [= Tansania in deutsch] vom Kongo trennt).

Die US-amerikanische Physiotherapeutin, Primatologin und Aktivistin für den Artenschutz, Diane Fossey, wurde 1932 in Kalifornien geboren, starb aber bereits Ende 1985 in Ruanda (=Rwanda). Ab 1963 betrieb sie Forschungen insbesondere über das Sozialverhalten von frei lebenden Berggorillas in der Republik Kongo und im benachbarten Ruanda.


Der katholische Priester und Biologe Rainer Hagencord plädiert für mehr Ehrfurcht vor den Tieren und brachte einmal in einem Interview seine Empörung zum Ausdruck: weil "viele Christen, Christinnen sich ja das Thema Bewahrung der Schöpfung auf die Fahnen geschrieben haben, aber für viele endet das an der Fleischtheke. Für viele heißt Schöpfung offenbar Sonne, Mond und Sterne und im Moment auch das Klima, aber was da hinter der Fleischtheke liegt, was da gegessen wird, das spielt offenbar keine Rolle, und es wird oftmals problemlos auch Billigfleisch konsumiert, das halte ich für inakzeptabel..."

Der Deutschland Funk (DLF) brachte in seiner (sonntäglichen) Sendung "Jenseits oder Diesseits von Eden?" (am 25.4.2010 von 8:35 bis 8:50), eine korrigierende Standpunktdarstellung der "feministischen" Theologin, Aurica Nutt, und dem theologischen Zoologen, Rainer Hagencord (als Sendung der Katholischen Kirche!) zur biblischen Schöpfungsgeschichte: Adam (hebräisch »Mensch«) wurde zwar zuerst geschaffen, aber danach sogleich die Tiere und dann erst die Eva (hebräisch »Leben«). Das würde bedeuten, dass »der Stellenwert der Tiere aus einer neuen Sicht mindestens gleichwertig zum Menschen und dem Leben einzuordnen ist«.

Hagencord erklärte (unter anderem), dass in der Schöpfung Adam der Erdling, nicht der Mann, sondern der Mensch, gewesen sei. Nach der Erschaffung dieses Adam, "schickt Gott der Herr dem Adam auf dessen Impuls hin, ihm eine Hilfe zu machen, die Tiere, und Adam soll die Tiere benennen. „Benennen“ heißt in diesem biblischen Kontext alles andere, als den Tieren das Etikett aufzukleben und sie sich vom Leibe zu halten, sondern eher das Gegenteil. Benennen heißt: in ein Vertrauensverhältnis einzutreten. Mehr noch: Adam soll die Tiere als ein Teil seiner selbst, seines animalischen Innenlebens, erfahren. Dann erst  kommt Eva ins Spiel."


Im Folgenden wird die gesamte Sendung von fast 15 Minuten des Deutschlandfunks vom 25.4.2010 wiedergegeben:

… Feministische Theologin trifft theologischen Zoologen

Die Geschichte von der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies gehört zu den am häufigsten diskutierten und interpretierten Bibeltexten. Der theologische Zoologe Rainer Hagencord und die feministische Theologin Aurica Nutt treffen sich zu einem Gedankenaustausch zu der Frage, worin aus ihrer Sicht die bleibende Aktualität der Erzählung besteht. Dabei betont Aurica Nutt vor allem die Figur der Eva, während Rainer Hagencord die Rolle der Tiere besonders am Herzen liegt. Beides mündet in der Formulierung des gemeinsamen Anliegens, den Tieren und Menschen "jenseits und diesseits von Eden" heute theologisch gerecht zu werden.

Autorin
Wir möchten heute als feministische Theologin und als theologischer Zoologe darüber sprechen, was uns die Paradiesgeschichte bedeutet, was uns dieses Bild von „Jenseits und diesseits von Eden“ sagt. In der Vorbereitung sind wir auf einen Schlager gekommen von 1983 von Nino de Angelo. 

(Musikeinspielung)

Hier heißt es:
„Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind, dann sind wir jenseits von Eden. Wenn wir nicht fühlen, die Erde, sie weint wie kein anderer Planet, dann haben wir umsonst gelebt.“

Wir würden gerne über diese Vorstellungen aus der Popkultur reden und uns fragen: Was haben wir - nach diesem Lied  - verloren mit dem Paradies, was bedeutet dieser Verlust an Unschuld, der mit der Paradiesgeschichte verbunden wird, und was bedeutet er speziell aus der Sicht einer feministischen Theologin und aus der Sicht eines theologischen Zoologen?

Autor 
Und ich würde gern direkt mit einer Frage an unsere Hörerinnen und Hörer einsteigen, und zwar einer Frage bezüglich der Dramaturgie der Geschichte: Viele wissen ja, dass Adam in diesen Garten gesetzt wird, und Adam ist der Erdling, nicht der Mann, sondern der Mensch, und manche haben sicher den Impulssatz Gottes im Ohr, wonach er dem Menschen eine Hilfe machen möchte, die ihm entspricht, denn er ist einsam. Und hier nun meine Frage: Wer kommt denn jetzt? - Und ich möchte wetten, dass die meisten Zuhörer und Zuhörerinnen sagen, jetzt kommt die Eva ins Spiel, und das stimmt eben nicht. Erst kommen die Tiere. 

Das heißt, Gott der Herr schickt dem Adam auf dessen Impuls hin, ihm eine Hilfe zu machen, die Tiere, und Adam soll die Tiere benennen. „Benennen“ heißt in diesem biblischen Kontext alles andere, als den Tieren das Etikett aufzukleben und sie sich vom Leibe zu halten, sondern eher das Gegenteil. Benennen heißt: in ein Vertrauensverhältnis einzutreten. Mehr noch: Adam soll die Tiere als ein Teil seiner selbst, seines animalischen Innenlebens, erfahren. Dann erst  kommt Eva ins Spiel.
 Den Tieren kommt somit im Verlauf der Menschwerdung, wie sie diese biblische Geschichte beschreibt,  ein hoher Wert zu. Sie formuliert eine „Anthropologie mit dem Gesicht zum Tier“.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Worte animal für Tier und anima für Seele verwandte Begriffe sind; erst seit der Neuzeit verbindet man mit animalisch das Fremde und Abstoßende, und so entwickelte sich eine „Anthropologie mit dem Rücken zum Tier“; die Wertschätzung für unsere Mitgeschöpfe ging mehr und mehr verloren.

Autorin
 Sie ist insofern verloren gegangen, als sich die meisten Menschen an die Tiere in der Erzählung überhaupt nicht erinnern, sondern der Garten Eden scheint ein Platz zu sein, an dem ein Mann und eine Frau leben, also ein „Erdling“ und eine Hilfe, die ihm entspricht, sowie eine Schlange, aber die anderen Tiere sind aus der kollektiven Erinnerung verdrängt worden.

Die feministische Theologin betont jetzt gerne, dass aber in der Erzählung ausdrücklich gesagt wird, dass die Tiere als Gegenüber für den Mensch nicht ausreichen, sondern dass der Mensch eine Hilfe braucht, die ihm entspricht und das damit eben die Frau gemeint ist.

Erst mit der Erschaffung der Frau heißt der „Erdling“ überhaupt Mann, also im ersten Teil der Erzählung ist von „Adam“ die Rede, was von „Adama“, die Erde kommt und es ist überhaupt nicht die Rede vom „Mann“. Und das „Menschenwesen“, so kann man sagen, wird in dem Moment zum Mann, als ihm die Frau als Hilfe zur Seite gestellt wird. Und was mir noch wichtig ist: der Name „Chawwa“, Eva bedeutet, „Mutter aller, die leben“, also von der Ursprungsgeschichte her ist der Name „Eva“ ein Ehrentitel. Außerdem wird nirgendwo in der hebräischen Bibel der Frau die Schuld am Zustand der Welt , die sich jetzt „jenseits von Eden“ befindet, angelastet. 

Autor
Damit spielst Du auf eine Lesart der Geschichte an, nämlich die der „Sündenfallgeschichte“.
Dann steht die „Vertreibung“ im Mittelpunkt.

Es gibt ja eine zweite Lesart, die von einer Emanzipationsgeschichte erzählt.

Hier ergibt sich sicher ein starkes Potential für Dich als feministische Theologin; denn je nach Lesart gibt es eine andere Einschätzung der Rolle der Frau, oder?

Autorin
Ich glaube, dass wir uns an dieser Stelle wirklich treffen, weil zunächst mal vom Textbefund her wichtig ist, dass die Bibel an dieser Stelle gar nicht von Sünde oder von einem Sündenfall spricht – das tut sie erst später im Zusammenhang mit der Geschichte von Kain und Abel – und die Bibel spricht auch nicht von Verführung. Also vom Text her verführt Eva Adam nicht – schon gar nicht in einem sexuellen Sinn – sondern es geht um die Erkenntnis von Gut und Böse, und diese Erkenntnis von Gut und Böse raubt den Menschen die Unbefangenheit. Da kommt das Thema Scham ins Spiel, Scham aufgrund des Endes des Urzustands, des ungebrochenen vertrauensvollen Miteinanders von Mensch, Gott und Schöpfung, nach dem sich die Menschen zurücksehnen. 

Aber es ist auch ein anderer Blick auf diese Geschichte denkbar: Die Menschen konnten sich als Menschen ja gar nicht anders entwickeln, als den Urzustand zu verlassen; vielleicht ist es das, was jungen Menschen in der Pubertät passiert, nämlich dass mit dem Erwachsenwerden ein vertrauensvolles, ein kindliches und selbstverständliches Sein-in-der-Welt verloren geht, nach dem wir uns ein Leben lang zurücksehnen. Dass sich der Zustand aber ändert, hat mit Erkenntnis zu tun, nicht mit Sünde.

Autor
Für mich ist das auch ein wichtiger Gedanke, weil es mir darum geht, die Tiere theologisch zu  würdigen.

Ein erster Punkt: Die Schlange ist ja genannt, als eben das Tier, das in diesen Prozess hineinführt, weil sie das schlaueste Tier ist.

Damit ist die erste Spur gelegt: Der Mensch lernt vom Tier und übrigens auch vom Baum, was es heißt, Mensch zu sein! Das Animalische und das Vegetative sind Grundlagen des Menschen; diese Weisheit steckt als tiefes Erfahrungswissen in diesem biblischen Text und macht genau das deutlich, was du gesagt hast: erwachsen sein geht nur, wenn ich diese Kräfte kenne und mich auch von ihnen bewegen lasse: 

Ich bin natürlich etwas anderes als der Baum und auch als das Tier, ich bin Mensch, aber ohne diese Kräfte, ohne die Fähigkeit, mit ihnen angemessen umzugehen, werde ich nicht erwachsen. 

Autorin
Zur Schlange und zum Baum möchte ich hinzufügen: Es gibt in der alt-orientalischen Ikonografie eine starke Tradition der Verbindung von Baum und Frau, von Baum und Göttin, es sind auch an dem Baum Tiere anwesend. Das würde jetzt zu weit führen, nachzuzeichnen, wie diese Bildtradition im jüdisch christlichen Monotheismus verloren gegangen ist oder „verloren gegangen wurde“. Aber auf jeden Fall kann man sagen, das dieses Motiv, Eva unter den Baum zu stellen, sozusagen zwangsläufig mit dieser Ikonografie verbunden ist. Also wer sollte unter dem Baum stehen, wenn nicht Eva? Sie hat die Verbindung zum Baum und zur Schlange, sie ist diejenige, die mit der Schlange, dem klügsten aller Tiere, kommuniziert. Damit will ich nicht sagen, dass Frauen der Natur stärker verhaftet sind; es gibt ja auch Strömungen im Feminismus, die in diese Richtung denken, die also aus der Gebärfähigkeit der Frau ableiten, dass die Frau der Natur in größerem Maß verbunden ist. Ich gebe offen zu, dass ich da sehr skeptisch bin.

Autor
Und damit zeigt sich die zweite Spur, nämlich mit der Frage, was ist jetzt mit den Tieren nach diesem Gang  aus Eden hinaus? Es ist plausibel anzunehmen, dass die Tiere den Garten Eden nicht verlassen mussten; der Ort des Tieres ist eben diesseits von Eden!
Ich weiß, dass das natürlich sehr heikel ist, denn das Leben eines Tieres, sei es in der freien Wildbahn oder auch in der Massentierhaltung, ist alles andere als idyllisch oder paradiesisch.
Und dennoch glaube ich, an diesem Bild festhalten zu können. Denn die Bibel will hier etwas  zum Wesen von Mensch und Tier und zu ihrem je anderen Zustand nach dem Verlust von Eden sagen. Die Existenz des Menschen haben wir gerade beschrieben. Jenseits von Eden hat er zu leben: in Verantwortung, das Los der Sterblichkeit gilt es zu ertragen, seine Existenz muss er begründen; die Fragen wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich sind ständige Begleiter.

Diese Not kennt das Tier nicht. So deutet Thomas von Aquin die Psalmverse, in denen es heißt: „die Raben werden unmittelbar von Gott ernährt, die Löwen übrigens auch“, völlig unsentimental - und folgert: Das Tier lebt gottunmittelbar. Anders als der Mensch kann sich das Tier gar nicht gegen das Bewegt-Werden durch Gott wehren.

Dieses Wort von der Gott-Unmittelbarkeit des Tieres trifft etwas sehr Wichtiges und wirft die Frage auf, was denn das Tier noch hat, was wir verloren haben.

„Der Ochse kennt seinen  Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis“ heißt es bei Jesaja. 

Die beiden Tiere müssen nicht erst ihre Identität entwickeln, sich bilden und sich fragen, wer sie sind; also das tun, was uns zu Erwachsenen macht. Und dann stimmt doch unsere Metapher, wonach das Tier diesseits, wir aber jenseits von Eden unser Leben gestalten müssen.

Laut biblischer Anthropologie steht der Mensch zwischen Tier und Engel: Führt der Engel in die Verantwortung, erinnert das Tier an die wesenhafte Beheimatung im Garten Eden.
Diesen Gedanken nimmt übrigens der Evangelist Markus auf, wenn er vom Neuen Menschen – Jesus-  sagt, dass er vor seinem öffentlichen Wirken 40 Tage bei den wilden Tieren lebte, und die Engel ihm dienten.

Autorin 
Das Leben der Menschen zwischen Engel und Tier  – also das Leben jenseits von Eden - nicht als eine Strafe Gottes zu sehen, darin besteht ein großes Anliegen feministischer Theologinnen angesichts der verheerenden Wirkungsgeschichte, die die Schöpfungserzählungen für die Bewertung von Frauen hatten. Damit meine ich die fatale Gleichsetzung von Frauen mit Eva, die sozusagen an allem schuld sein soll - auch am sogenannten Sündenfall.

Autor
Wenn ich das höre, könnte ich direkt neidisch werden. Denn das Phänomen des Sexismus scheint auch innerhalb der Theologie - auch durch Ansätze, die du und andere Theologinnen erarbeiten -  an vielen Stellen überwunden - um es etwas vorsichtig zu sagen. Wir leben also schon in einer Kirche, in einer Gesellschaft,  in der dieser Sexismus angefragt wird. 

Aber wie ist es mit dem, was Ethiker den Speziesismus nennen? Das heißt, wie steht es um das Problem, dass immer noch der Gedanke vorherrscht: Diese eine Art, nämlich Homo Sapiens, habe allen anderen Arten etwas voraus, ja, letztlich gäbe es diesen Planeten nur um unseretwillen!

Dies impliziert eine Ethik, die nur den Menschen in den Blick nimmt und dabei bestimmte negative Phänomene als „Kolateralschäden“ in Kauf nimmt. Ich denke an die unselige Massentierhaltung, an den Raubbau in all den Lebensräumen der Tiere, in den Meeren dieser Welt; an die Folgen unseres immer größer werdenden Hungers nach immer mehr billigem Fleisch u.s.w. Und dies wird allzu oft – auch in der Kirche -  mit diesem speziesistischen Argument legitimiert: letztlich sei dieser Planet nur für uns da. Aber dafür gibt es überhaupt kein vernünftiges Argument.

Daher ist es das Anliegen einer theologischen Zoologie, die Würde des Tieres stark zu machen, nicht um den Menschen abzuwerten, sondern um ihn einerseits neu zu verorten,
das heißt: das Animalische und die Naturverbundenheit innerhalb einer Anthropologie stark zu machen, und auf der anderen Seite daran zu erinnern, dass es bei der „Bewahrung der Schöpfung“ nicht nur um „Sonne, Mond und Sterne“ geht, sondern auch um Puten, Hühner und Schweine. Diese Verantwortung unterscheidet den Menschen letztlich vom Tier, auch biblisch gesehen: Der Mensch soll die Tiere benennen, er hat den Auftrag, das Tierlich- Tierische in sich zu entdecken und die Tiere zu bewahren und zu schützen, er ist Anwalt der Tiere und das hat dann ethische Konsequenzen in die brisantesten Fragen der Gegenwart hinein.

Autorin
Die Abwertung von Tieren gegenüber den Menschen, der Anthropozentrismus, durch den der Mensch sich selber - also als Mann und Frau - in den Mittelpunkt des Universums stellt und ja auch sehr viel auf die Tiere projiziert, vielleicht aus einer Art von Neid heraus auf diesen  gottunmittelbaren Zustand; ich glaube, dass da sehr viele Parallelen erkennbar sind zu dem Androzentrismus. Mit Androzentrismus meine ich ein Denken, das den Mann zum Maß aller Dinge erhoben und die Frau abgewertet hat - mit dem Unterschied, dass Frauen mittlerweile selbst ihre Stimme erheben und das Frauen eben durch zunehmende Bildung gelernt haben, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen und sich für andere Frauen einsetzen. Auch wenn ich nicht glaube, dass das  Patriarchat morgen zu Ende sein wird, ist es eben doch so, das Frauen eine Stimme entwickeln und entwickelt haben - und Tiere eben nicht. Hier sind die Tiere wehrloser als die Frauen und hier sind auch Frauen in die Pflicht genommen, genauso wie Männer, für die Tiere zu sorgen und den Tieren eine Stimme zu geben und sich sozusagen an die Geschichte ihrer eigenen Abwertung zu erinnern, an die Geschichte der Projektion durch Männer.

Es gab Jahrhunderte und Jahrtausende, in den Frauen sehr oft stumm waren und wir fast keine Zeugnisse von Frauen haben, und es ist eine wichtige Aufgabe für Frauen, sich daran zu erinnern und da noch mal ganz speziell als Anwältinnen der Tiere aufzutreten. Und wenn Du so willst, tragen Männer eine besondere Verantwortung in Bezug auf die Geschichte des Androzentrismus. Aber in Bezug auf die Tiere sind Männer und Frauen gefragt: was ist es eigentlich, warum werte ich dieses Animalische in mir ab? Was ist das, was mich von den Tieren so entfernt? Ich möchte das Wort „Hass“ jetzt nicht benutzen, obwohl ich mich zugleich frage: wie Menschen oft mit den Tieren umgehen, wie soll man das anders bezeichnen als mit „hasserfüllt“.

Autor
Ich freue mich, das jetzt ganz klar geworden ist, das es eine Solidarität gibt zwischen uns Beiden, nämlich zwischen einer feministischen Theologin und einem theologischen Zoologen.

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