Die Geschichte von der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies gehört zu den am häufigsten diskutierten und interpretierten Bibeltexten. Der theologische Zoologe Rainer Hagencord und die feministische Theologin Aurica Nutt treffen sich zu einem Gedankenaustausch zu der Frage, worin aus ihrer Sicht die bleibende Aktualität der Erzählung besteht. Dabei betont Aurica Nutt vor allem die Figur der Eva, während Rainer Hagencord die Rolle der Tiere besonders am Herzen liegt. Beides mündet in der Formulierung des gemeinsamen Anliegens, den Tieren und Menschen "jenseits und diesseits von Eden" heute theologisch gerecht zu werden.
Autorin
Wir möchten heute als feministische Theologin und als theologischer Zoologe darüber sprechen, was uns die Paradiesgeschichte bedeutet, was uns dieses Bild von „Jenseits und diesseits von Eden“ sagt. In der Vorbereitung sind wir auf einen Schlager gekommen von 1983 von Nino de Angelo.
(Musikeinspielung)
Hier heißt es:
„Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind,
dann sind wir jenseits von Eden. Wenn wir nicht fühlen,
die Erde, sie weint wie kein anderer Planet, dann haben
wir umsonst gelebt.“
Wir würden gerne über diese Vorstellungen aus der Popkultur reden und uns fragen: Was haben wir - nach diesem Lied - verloren mit dem Paradies, was bedeutet dieser Verlust an Unschuld, der mit der Paradiesgeschichte verbunden wird, und was bedeutet er speziell aus der Sicht einer feministischen Theologin und aus der Sicht eines theologischen Zoologen?
Autor
Und ich würde gern direkt mit einer Frage an unsere
Hörerinnen und Hörer einsteigen, und zwar einer Frage
bezüglich der Dramaturgie der Geschichte: Viele wissen
ja, dass Adam in diesen Garten gesetzt wird, und Adam
ist der Erdling, nicht der Mann, sondern der Mensch, und
manche haben sicher den Impulssatz Gottes im Ohr, wonach
er dem Menschen eine Hilfe machen möchte, die ihm
entspricht, denn er ist einsam. Und hier nun meine
Frage: Wer kommt denn jetzt? - Und ich möchte wetten,
dass die meisten Zuhörer und Zuhörerinnen sagen, jetzt
kommt die Eva ins Spiel, und das stimmt eben nicht. Erst
kommen die Tiere.
Das heißt, Gott der Herr schickt dem Adam auf dessen
Impuls hin, ihm eine Hilfe zu machen, die Tiere, und
Adam soll die Tiere benennen. „Benennen“ heißt in diesem
biblischen Kontext alles andere, als den Tieren das
Etikett aufzukleben und sie sich vom Leibe zu halten,
sondern eher das Gegenteil. Benennen heißt: in ein
Vertrauensverhältnis einzutreten. Mehr noch: Adam soll
die Tiere als ein Teil seiner selbst, seines
animalischen Innenlebens, erfahren. Dann erst kommt Eva
ins Spiel.
Den Tieren kommt somit im Verlauf der Menschwerdung,
wie sie diese biblische Geschichte beschreibt, ein
hoher Wert zu. Sie formuliert eine „Anthropologie mit
dem Gesicht zum Tier“.
Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Worte animal für Tier und anima für Seele verwandte Begriffe sind; erst seit der Neuzeit verbindet man mit animalisch das Fremde und Abstoßende, und so entwickelte sich eine „Anthropologie mit dem Rücken zum Tier“; die Wertschätzung für unsere Mitgeschöpfe ging mehr und mehr verloren.
Autorin
Sie ist insofern verloren gegangen, als sich
die meisten Menschen an die Tiere in der Erzählung
überhaupt nicht erinnern, sondern der Garten Eden
scheint ein Platz zu sein, an dem ein Mann und eine Frau
leben, also ein „Erdling“ und eine Hilfe, die ihm
entspricht, sowie eine Schlange, aber die anderen Tiere
sind aus der kollektiven Erinnerung verdrängt worden.
Die feministische Theologin betont jetzt gerne, dass aber in der Erzählung ausdrücklich gesagt wird, dass die Tiere als Gegenüber für den Mensch nicht ausreichen, sondern dass der Mensch eine Hilfe braucht, die ihm entspricht und das damit eben die Frau gemeint ist.
Erst mit der Erschaffung der Frau heißt der „Erdling“ überhaupt Mann, also im ersten Teil der Erzählung ist von „Adam“ die Rede, was von „Adama“, die Erde kommt und es ist überhaupt nicht die Rede vom „Mann“. Und das „Menschenwesen“, so kann man sagen, wird in dem Moment zum Mann, als ihm die Frau als Hilfe zur Seite gestellt wird. Und was mir noch wichtig ist: der Name „Chawwa“, Eva bedeutet, „Mutter aller, die leben“, also von der Ursprungsgeschichte her ist der Name „Eva“ ein Ehrentitel. Außerdem wird nirgendwo in der hebräischen Bibel der Frau die Schuld am Zustand der Welt , die sich jetzt „jenseits von Eden“ befindet, angelastet.
Autor
Damit spielst Du auf eine Lesart der Geschichte
an, nämlich die der „Sündenfallgeschichte“.
Dann steht die „Vertreibung“ im Mittelpunkt.
Es gibt ja eine zweite Lesart, die von einer Emanzipationsgeschichte erzählt.
Hier ergibt sich sicher ein starkes Potential für Dich als feministische Theologin; denn je nach Lesart gibt es eine andere Einschätzung der Rolle der Frau, oder?
Autorin
Ich glaube, dass wir uns an dieser Stelle wirklich
treffen, weil zunächst mal vom Textbefund her wichtig
ist, dass die Bibel an dieser Stelle gar nicht von Sünde
oder von einem Sündenfall spricht – das tut sie erst
später im Zusammenhang mit der Geschichte von Kain und
Abel – und die Bibel spricht auch nicht von Verführung.
Also vom Text her verführt Eva Adam nicht – schon gar
nicht in einem sexuellen Sinn – sondern es geht um die
Erkenntnis von Gut und Böse, und diese Erkenntnis von
Gut und Böse raubt den Menschen die Unbefangenheit. Da
kommt das Thema Scham ins Spiel, Scham aufgrund des
Endes des Urzustands, des ungebrochenen vertrauensvollen
Miteinanders von Mensch, Gott und Schöpfung, nach dem
sich die Menschen zurücksehnen.
Aber es ist auch ein anderer Blick auf diese Geschichte denkbar: Die Menschen konnten sich als Menschen ja gar nicht anders entwickeln, als den Urzustand zu verlassen; vielleicht ist es das, was jungen Menschen in der Pubertät passiert, nämlich dass mit dem Erwachsenwerden ein vertrauensvolles, ein kindliches und selbstverständliches Sein-in-der-Welt verloren geht, nach dem wir uns ein Leben lang zurücksehnen. Dass sich der Zustand aber ändert, hat mit Erkenntnis zu tun, nicht mit Sünde.
Autor
Für mich ist das auch ein wichtiger Gedanke,
weil es mir darum geht, die Tiere theologisch zu
würdigen.
Ein erster Punkt: Die Schlange ist ja genannt, als eben
das Tier, das in diesen Prozess hineinführt, weil sie
das schlaueste Tier ist.
Damit ist die erste Spur gelegt: Der Mensch lernt vom Tier und übrigens auch vom Baum, was es heißt, Mensch zu sein! Das Animalische und das Vegetative sind Grundlagen des Menschen; diese Weisheit steckt als tiefes Erfahrungswissen in diesem biblischen Text und macht genau das deutlich, was du gesagt hast: erwachsen sein geht nur, wenn ich diese Kräfte kenne und mich auch von ihnen bewegen lasse:
Ich bin natürlich etwas anderes als der Baum und auch als das Tier, ich bin Mensch, aber ohne diese Kräfte, ohne die Fähigkeit, mit ihnen angemessen umzugehen, werde ich nicht erwachsen.
Autorin
Zur Schlange und zum Baum möchte ich
hinzufügen: Es gibt in der alt-orientalischen
Ikonografie eine starke Tradition der Verbindung von
Baum und Frau, von Baum und Göttin, es sind auch an dem
Baum Tiere anwesend. Das würde jetzt zu weit führen,
nachzuzeichnen, wie diese Bildtradition im jüdisch
christlichen Monotheismus verloren gegangen ist oder
„verloren gegangen wurde“. Aber auf jeden Fall kann man
sagen, das dieses Motiv, Eva unter den Baum zu stellen,
sozusagen zwangsläufig mit dieser Ikonografie verbunden
ist. Also wer sollte unter dem Baum stehen, wenn nicht
Eva? Sie hat die Verbindung zum Baum und zur Schlange,
sie ist diejenige, die mit der Schlange, dem klügsten
aller Tiere, kommuniziert. Damit will ich nicht sagen,
dass Frauen der Natur stärker verhaftet sind; es gibt ja
auch Strömungen im Feminismus, die in diese Richtung
denken, die also aus der Gebärfähigkeit der Frau
ableiten, dass die Frau der Natur in größerem Maß
verbunden ist. Ich gebe offen zu, dass ich da sehr
skeptisch bin.
Autor
Und damit zeigt sich die zweite Spur, nämlich
mit der Frage, was ist jetzt mit den Tieren nach diesem
Gang aus Eden hinaus? Es ist plausibel anzunehmen, dass
die Tiere den Garten Eden nicht verlassen mussten; der
Ort des Tieres ist eben diesseits von Eden!
Ich weiß, dass das natürlich sehr heikel ist, denn das
Leben eines Tieres, sei es in der freien Wildbahn oder
auch in der Massentierhaltung, ist alles andere als
idyllisch oder paradiesisch.
Und dennoch glaube ich, an diesem Bild festhalten zu
können. Denn die Bibel will hier etwas zum Wesen von
Mensch und Tier und zu ihrem je anderen Zustand nach dem
Verlust von Eden sagen. Die Existenz des Menschen haben
wir gerade beschrieben. Jenseits von Eden hat er zu
leben: in Verantwortung, das Los der Sterblichkeit gilt
es zu ertragen, seine Existenz muss er begründen; die
Fragen wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich sind
ständige Begleiter.
Diese Not kennt das Tier nicht. So deutet Thomas von Aquin die Psalmverse, in denen es heißt: „die Raben werden unmittelbar von Gott ernährt, die Löwen übrigens auch“, völlig unsentimental - und folgert: Das Tier lebt gottunmittelbar. Anders als der Mensch kann sich das Tier gar nicht gegen das Bewegt-Werden durch Gott wehren.
Dieses Wort von der Gott-Unmittelbarkeit des Tieres trifft etwas sehr Wichtiges und wirft die Frage auf, was denn das Tier noch hat, was wir verloren haben.
„Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis“ heißt es bei Jesaja.
Die beiden Tiere müssen nicht erst ihre Identität entwickeln, sich bilden und sich fragen, wer sie sind; also das tun, was uns zu Erwachsenen macht. Und dann stimmt doch unsere Metapher, wonach das Tier diesseits, wir aber jenseits von Eden unser Leben gestalten müssen.
Laut biblischer Anthropologie steht der Mensch
zwischen Tier und Engel: Führt der Engel in die
Verantwortung, erinnert das Tier an die wesenhafte
Beheimatung im Garten Eden.
Diesen Gedanken nimmt übrigens der Evangelist Markus
auf, wenn er vom Neuen Menschen – Jesus- sagt, dass er
vor seinem öffentlichen Wirken 40 Tage bei den wilden
Tieren lebte, und die Engel ihm dienten.
Autorin
Das Leben der Menschen zwischen Engel und Tier – also
das Leben jenseits von Eden - nicht als eine Strafe
Gottes zu sehen, darin besteht ein großes Anliegen
feministischer Theologinnen angesichts der verheerenden
Wirkungsgeschichte, die die Schöpfungserzählungen für
die Bewertung von Frauen hatten. Damit meine ich die
fatale Gleichsetzung von Frauen mit Eva, die sozusagen
an allem schuld sein soll - auch am sogenannten
Sündenfall.
Autor
Wenn ich das höre, könnte ich direkt neidisch
werden. Denn das Phänomen des Sexismus scheint auch
innerhalb der Theologie - auch durch Ansätze, die du und
andere Theologinnen erarbeiten - an vielen Stellen
überwunden - um es etwas vorsichtig zu sagen. Wir leben
also schon in einer Kirche, in einer Gesellschaft, in
der dieser Sexismus angefragt wird.
Aber wie ist es mit dem, was Ethiker den Speziesismus nennen? Das heißt, wie steht es um das Problem, dass immer noch der Gedanke vorherrscht: Diese eine Art, nämlich Homo Sapiens, habe allen anderen Arten etwas voraus, ja, letztlich gäbe es diesen Planeten nur um unseretwillen!
Dies impliziert eine Ethik, die nur den Menschen in den Blick nimmt und dabei bestimmte negative Phänomene als „Kolateralschäden“ in Kauf nimmt. Ich denke an die unselige Massentierhaltung, an den Raubbau in all den Lebensräumen der Tiere, in den Meeren dieser Welt; an die Folgen unseres immer größer werdenden Hungers nach immer mehr billigem Fleisch u.s.w. Und dies wird allzu oft – auch in der Kirche - mit diesem speziesistischen Argument legitimiert: letztlich sei dieser Planet nur für uns da. Aber dafür gibt es überhaupt kein vernünftiges Argument.
Daher ist es das Anliegen einer theologischen
Zoologie, die Würde des Tieres stark zu machen, nicht um
den Menschen abzuwerten, sondern um ihn einerseits neu
zu verorten,
das heißt: das Animalische und die Naturverbundenheit
innerhalb einer Anthropologie stark zu machen, und auf
der anderen Seite daran zu erinnern, dass es bei der
„Bewahrung der Schöpfung“ nicht nur um „Sonne, Mond und
Sterne“ geht, sondern auch um Puten, Hühner und
Schweine. Diese Verantwortung unterscheidet den Menschen
letztlich vom Tier, auch biblisch gesehen: Der Mensch
soll die Tiere benennen, er hat den Auftrag, das
Tierlich- Tierische in sich zu entdecken und die Tiere
zu bewahren und zu schützen, er ist Anwalt der Tiere und
das hat dann ethische Konsequenzen in die brisantesten
Fragen der Gegenwart hinein.
Autorin
Die Abwertung von Tieren gegenüber den
Menschen, der Anthropozentrismus, durch den der Mensch
sich selber - also als Mann und Frau - in den
Mittelpunkt des Universums stellt und ja auch sehr viel
auf die Tiere projiziert, vielleicht aus einer Art von
Neid heraus auf diesen gottunmittelbaren Zustand; ich
glaube, dass da sehr viele Parallelen erkennbar sind zu
dem Androzentrismus. Mit Androzentrismus meine ich ein
Denken, das den Mann zum Maß aller Dinge erhoben und die
Frau abgewertet hat - mit dem Unterschied, dass Frauen
mittlerweile selbst ihre Stimme erheben und das Frauen
eben durch zunehmende Bildung gelernt haben, sich nicht
mehr alles gefallen zu lassen und sich für andere Frauen
einsetzen. Auch wenn ich nicht glaube, dass das
Patriarchat morgen zu Ende sein wird, ist es eben doch
so, das Frauen eine Stimme entwickeln und entwickelt
haben - und Tiere eben nicht. Hier sind die Tiere
wehrloser als die Frauen und hier sind auch Frauen in
die Pflicht genommen, genauso wie Männer, für die Tiere
zu sorgen und den Tieren eine Stimme zu geben und sich
sozusagen an die Geschichte ihrer eigenen Abwertung zu
erinnern, an die Geschichte der Projektion durch Männer.
Es gab Jahrhunderte und Jahrtausende, in den Frauen sehr oft stumm waren und wir fast keine Zeugnisse von Frauen haben, und es ist eine wichtige Aufgabe für Frauen, sich daran zu erinnern und da noch mal ganz speziell als Anwältinnen der Tiere aufzutreten. Und wenn Du so willst, tragen Männer eine besondere Verantwortung in Bezug auf die Geschichte des Androzentrismus. Aber in Bezug auf die Tiere sind Männer und Frauen gefragt: was ist es eigentlich, warum werte ich dieses Animalische in mir ab? Was ist das, was mich von den Tieren so entfernt? Ich möchte das Wort „Hass“ jetzt nicht benutzen, obwohl ich mich zugleich frage: wie Menschen oft mit den Tieren umgehen, wie soll man das anders bezeichnen als mit „hasserfüllt“.
Autor
Ich freue mich, das jetzt ganz klar geworden
ist, das es eine Solidarität gibt zwischen uns Beiden,
nämlich zwischen einer feministischen Theologin und
einem theologischen Zoologen.
Von
1996 bis 2000 hat er als Hochschulpfarrer in Münster schwerpunktmäßig das
interdisziplinäre Gespräch zwischen Theologie und Biologie in der Gemeinde
etabliert. Hier entstand auch die Idee für das Promotionsvorhaben. Sehr schnell
waren sowohl Herr Prof. Dr. Norbert Sachser vom Institut für Neuro- und
Verhaltensbiologie als auch Herr Prof. Dr. Dr. habil. Klaus Müller vom Seminar
für philosophische Grundfragen der Theologie bereit, die Arbeit zu betreuen.