Margot Käßmann (geborene Schulze)

Wahrscheinlich in Hamburg aufgenommen. Die Bedeutung des Hindtergrundbildes muss noch geklärt werden.

Die evangelische Theologin mit Doktorwürde*, kam 3.Juni 1958 in Marburg als Tochter eines Tankstellenbesitzer-Ehepaares zur Welt. 1985 wurde sie ordiniert, d.h. in das Pfarramt eingesetzt während eines Gottesdienstes in einer evangelischen Kirche und ihr die Befähigung zu diesem geistlichen Amt (genauer: Kirchenamt) zuerkannt mit Übertragung der Rechte zur Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung. Von 1991 bis März 2003 war sie Mitglied des Exekutivausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen und von 1994 bis 1999 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Im Juni desselben Jahres wurde sie zur Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover gewählt und war damit in Deutschland, nach Maria Jepsen, die zweite Frau in einem Bischofsamt.
* Ehrendoktor des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Gotfried-Wilhelm-Leibnitz-Universität Hannover

Am 28. Oktober 2009 als Nachfolgerin von Wolfgang Huber zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD* gewählt.
* evangelische Kirche Deutschlands, ein Zusammenschluss von 24 lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Deutschland  (>hier< auf dieser Seite einiges über die "Unzahl an Splitterungen der evangelisch Gläubigen")

Dieser Wahl zu einer weiblichen Ratsvorsitzenden der EKD verweigert die russisch-orthodoxe Kirche weitere Gespräche und Meinungsaustausch mit der EKD. (Ende der seit 1959 geführten "Dialoge". Hinweis >hier<)

Noch ein wenig aus dem Lebenslauf der Ratsvorsitzenden: 1981 heiratete sie den Pfarrer Eckhard Käßmann, mit welchem sie sich die Pfarrstelle in der kurhessisch-waldeck'schen Landeskirche teilte. Den Eheleuten wurden vier Töchter geboren, die Ehe jedoch 2007 geschieden. Zur Zeit lebt Frau Käßmann mit ihrer jüngsten Tochter in Hannover.

Nach dem Abitur 1977 studierte Frau Käßmann, damals noch namens Schulze, evangelische Theologie in Tübingen, dann in Edinburgh, Göttingen und Marburg finanziert durch ein Stipendium. Erwähnt sei, dass sie während ihres Studiums an mehrwöchigen archäologischen Ausgrabungen teilnahm in der ehemaligen Kreuzfahrerstadt Akko (Israel) nördlich von Haifa. (Der ehemalige Hafen von Akko ist versandet, zum Teil wieder freigelegt. Akko gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.)

Frau Käßmann trat von allen Ämtern (außer Pfarramt) Ende Februar 2010 zurück, nachdem sie wegen Trunkenheit am Steuer ihres Dienstwagens erwischt worden war.

>Hier< ein Interview aus der Wochenzeitschrift Der Spiegel


Bei de.wikipedia.org ist zu lesen: Ansichten und Meinungen

Käßmann tritt für eine größere Betonung des Christentums in der evangelischen Kirche ein, als dies in den vergangenen Jahrzehnten üblich gewesen sei. Im Konfirmandenunterricht habe man ihrer Meinung nach mehr über Sekten und Drogen gesprochen als über die Bibel. Sie plädiert für ein klares geistliches Profil kirchlicher Einrichtungen, in evangelischen Kindertagesstätten könne man nicht nur fröhliche Herbstlieder singen, sondern es müssten die biblischen Geschichten erzählt werden. Kinder und Erwachsene sollten wieder mehr beten und Kirchen sollten wie Kirchen aussehen und nicht wie unverbindliche Gemeindezentren.

Kontroversen

Käßmann setzt sich auch kritisch mit einzelnen Positionen der römisch-katholischen Kirche auseinander. So kritisiert Käßmann unter anderem bestimmte sexualethische Vorbehalte der katholischen Kirche gegenüber Homosexualität und der Verbreitung von Kondomen zur Verhinderung von AIDS, fordert die Zulassung von Frauen zum Priesteramt und die Aufhebung des Zölibats.

Käßmann brüskierte im Januar 2009 Muslime in Deutschland mit ihrer Ansicht, ehemalige und ungenutzte Kirchen sollten besser verfallen oder abgerissen werden als sie Muslimen zur Umnutzung als Moscheen zu überlassen. Positiv sei hingegen eine Umwidmung zu einer Synagoge. Erst nach Protesten relativierte sie ihre Aussagen leicht, stellte nun allerdings die Friedensfähigkeit des Islam infrage: „Wenn eine Kirchengemeinde sagt, sie sei überzeugt, dass eine Nutzung als Moschee in tiefstem Frieden geschehen kann, bin ich einverstanden“, sagte Käßmann. „Im Moment sehe ich aber nicht, dass das möglich ist.“

Wichtig ist für Käßmann auch der Kampf gegen Rechtsextremismus. Die Kirche dürfe nicht wieder wie 1933 wegsehen. So tritt Käßmann auch für ein Verbot der NPD ein. Sie argumentiert: „Wie wollen wir jungen Menschen vermitteln, dass sie diese Partei nicht wählen sollten, wenn sie doch offiziell zugelassen ist?“

Predigten zur Jahreswende 2009/2010

Heiligabend 2009 ging Margot Käßmann in der Predigt in der Marktkirche Hannover von einer Weihnachtskartenserie mit dem Motto „Alles wird gut!“ aus. Darin stellte sie fest:

„Nichts ist gut in Sachen Klima, wenn weiter die Gesinnung vorherrscht: Nach uns die Sintflut! Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. […] Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. […] Nein, es ist nicht alles gut, […] wenn wir realisieren, dass das Armutsrisiko von Kindern unter 15 Jahren in den vergangenen Jahren überproportional angestiegen ist. […] Nichts ist gut, wenn es in einer Gemeinschaft so schwer, so beschämend ist, Hilfe anzunehmen. [...] Es ist nicht gut, nein, es ist entsetzlich traurig, dass Robert Enke (der Fußballspieler, der sich vor einen Zug warf und den Lokführer traumatisierte) Angst hatte, seine Depression offiziell behandeln zu lassen. […] Nichts ist gut, wenn bei uns durchgängig eine Atmosphäre der Gnadenlosigkeit herrscht und alle immer stark sein müssen - wie unmenschlich! […] ‚Alles wird gut‘ ist viel zu banal. Als Christinnen und Christen sagen wir stattdessen: Alles ist aufgehoben bei Gott. Ich kann darauf vertrauen, dass ich nie tiefer fallen werde als in Gottes Hand.“

Margot Käßmann: Weihnachtspredigt 2009

Die Tagespresse verbreitete, Käßmann fordere einen raschen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Als Begründung wurde ein Zitat Käßmanns angeführt: „Auch nach den weitesten Maßstäben der Evangelischen Kirche in Deutschland ist dieser Krieg so nicht zu rechtfertigen, deshalb muss die gewalttätige Auseinandersetzung möglichst rasch beendet werden“. Aufgrund dieser Aussage wurde sie von verschiedenen Seiten heftig kritisiert. Sie selbst betonte, dass sie nicht naiv den sofortigen Abzug fordere.

„Die hannoversche Landesbischöfin sagte, ein Einsatz wie in Afghanistan sei nur zu rechtfertigen, wenn die zivile Komponente klar dominiere. ‚Der Vorrang des Zivilen aber ist doch beim Bundeswehreinsatz längst infrage gestellt. Und er wird vollends zerstört, wenn Deutschland weitere Einsatztruppen nach Afghanistan schickt‘, sagte sie.“

Quelle: RP-Online, abgerufen am 15. Januar 2010

In ihrer Neujahrspredigt 2010 (in der Dresdner Frauenkirche) wiederholte Käßmann die meisten der Äußerungen der Weihnachtspredigt 2009. Diese Äußerungen bewirkten ein kontroverses Echo in der Öffentlichkeit und führten zu einer Einladung der Bischöfin in das Verteidigungsministerium durch Minister zu Guttenberg. Käßmann war schon vorher durch die Militärseelsorge zu einem Gottesdienst in Afghanistan eingeladen worden. Die Bischöfin äußerte nach dem Gespräch mit zu Guttenberg, dass sie möglicherweise zusammen mit dem Verteidigungsminister fahren werde.

Am 15. Januar 2010 lobte Bundespräsident Horst Köhler Käßmann beim Festakt zur 1.000-Jahrfeier der Michaeliskirche Hildesheim:

„Mit Ihrer Neujahrspredigt in Dresden haben Sie uns allen einen Dienst erwiesen. […] Ich mache mir nicht alle Ihre Worte zu eigen, aber unser Land braucht solche Beiträge. Das ist eine überfällige Debatte.“

Quelle: Pressemitteilung von epd (?)

Hans-Ulrich Klose (SPD) warnte allerdings in der BILD-Zeitung noch einmal: „Für die Soldaten dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass sie keine Christen seien, weil sie unter Umständen töten müssten.“

Außerdem:

Käßmann hatte auf einem Architekturforum in Hannover gesagt, man könne mit Kirchen nicht alles machen. Unter Umständen könne es besser sein, sie verfallen zu lassen oder abzureißen, als sie für eine „imageschädigende“ Nachnutzung zu verkaufen. Als Beispiele für unakzeptable Nachnutzungen hatte sie die Umgestaltung von Gotteshäusern zu Restaurants oder Diskotheken genannt. Auch eine Umnutzung als Moschee schloss sie aus. Als positives Beispiel hob sie dagegen die Umwidmung einer Kirche zu einer Synagoge hervor, wie es mit der Gustav-Adolf-Kirche in Leinhausen geschehen ist.

Kirchenwort zu Afghanistan

In einem Kirchenwort zu Afghanistan warnt die EKD wenige Tage vor der Londoner Afghanistankonferenz und der Regierungserklärung vor dem Bundestag zu Afghanistan vor „Weiter so“. Am 25. Januar 2010 forderten die Ratsvorsitzende Margot Käßmann, ihr Stellvertreter Nikolaus Schneider, Militärbischof Martin Dutzmann und der Friedensbeauftragte Renke Brahms: „Nach mehr als acht Jahren ist es Zeit, Bilanz zu ziehen und, wo erforderlich, Kurskorrekturen vorzunehmen.“ Die bisherigen Ergebnisse seien „zwiespältig und ernüchternd“. Es sei wichtig, „dass nicht die militärische Logik das Denken, Planen und Organisieren für Afghanistan beherrscht, sondern dass den zivilen Anstrengungen der Vorrang zukommt, der ihnen in friedensethischer Hinsicht gebührt.“ Deshalb empfiehlt die EKD dem Bundestag, „zugleich mit dem Mandat für den Bundeswehreinsatz auch einen Beschluss zum Einsatz ziviler Kräfte zu fassen.“

Schriften

  • Meine Füße auf weitem Raum. Reihe "Texte für die Seele", Hansisches Druck- und Verlagshaus/edition chrismon, Frankfurt/Main 2009, ISBN 978-3-86921-014-8
  • Die eucharistische Vision. Gütersloh 1992, ISBN 3-579-02071-4
  • mit Rüdiger Runge (Hrsgg.): Kirche in Bewegung. 50 Jahre Deutscher Evangelischer Kirchentag. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1999
  • Gewalt überwinden. Eine Dekade des Ökumenischen Rates der Kirchen. Hannover 2000, ISBN 3-7859-0803-2
  • Erziehen als Herausforderung. Freiburg 2002, ISBN 978-3-451-05197-5
  • Auf gutem Grund. Standpunkte und Predigten. Hannover 2002, ISBN 978-3-7859-0877-8
  • Kirche in gesellschaftlichen Konflikten. Kirchenleitende Predigten. Stuttgart 2003, ISBN 978-3-17-017901-1
  • Was können wir hoffen – was können wir tun? Antworten und Orientierung. Freiburg 2003, ISBN 978-3-451-05385-6
  • Ökumene am Scheideweg. Hannover 2003, ISBN 978-3-7859-0878-5
  • Wenn das Leben voller Fragen ist. Briefe der Zuwendung. Freiburg 2004, ISBN 978-3-451-05460-0
  • Gut zu leben. Gedanken für jeden Tag. Freiburg 2004, ISBN 978-3-451-05552-2
  • In der Welt habt ihr Angst… Mit Beiträgen von Angelika Beer, Dorothea Bobzin, Horst Hirschler, Wolfgang Schäuble u. a. Hannover 2004, ISBN 978-3-7859-0905-8
  • Wurzeln, die uns Flügel schenken. Gütersloh 2005, ISBN 978-3-579-06908-1
  • mit Wolfgang Huber, Manfred Kock: Wenn eure Kinder morgen fragen. Zur Zukunft der evangelischen Kirche. Im Gespräch mit Wilfried Köpke. Freiburg 2005, ISBN 978-3-451-28600-1
  • Wie ist es so im Himmel? Kinderfragen fordern uns heraus. Freiburg 2006, ISBN 978-3-451-29035-0
  • (Hrsg.): Ökumene bewegt. Die Kirchen auf dem Weg zueinander. Stuttgart 2006, ISBN 978-3-7831-2530-6
  • Mehr als fromme Wünsche. Was mich bewegt. Freiburg 2007, ISBN 978-3-451-05852-3
  • Gesät ist die Hoffnung. 14 Begegnungen auf dem Kreuzweg Jesu. Freiburg 2007, ISBN 978-3-451-29356-6
  • Matthias Micheel (Hrsg.): Ein Engel möge dich begleiten. Texte von Hermann Multhaupt, Anselm Grün, Margot Käßmann, Norbert Blüm u. a. Leipzig 2007, ISBN 978-3-7462-2310-0 (Neuauflage)
  • Mit Herzen, Mund und Händen. Spiritualität im Alltag leben. Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-06442-0
  • Mit Leib und Seele auf dem Weg. Handbuch des Pilgerns in der hannoverschen Landeskirche. Hannover 2007, ISBN 978-3-7859-0946-1
  • Was im Leben trägt, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-5790-7010-0
  • In der Mitte des Lebens, Herder, Freiburg 2008, ISBN 978-3-4513-0201-2
  • Mütter der Bibel, 20 Porträts für unsere Zeit, Herder, Freiburg, 2009, ISBN 978-3-4512-9855-4

21.5.2007: Der Spiegel
 

Menschen können scheitern

Von Stefan Berg und Peter Wensierski

Bischöfin Margot Käßmann, 48, über das Verhältnis von Tradition und Moderne in der evangelischen Kirche, das politische Engagement der Protestanten und ihre Scheidung

SPIEGEL: Frau Bischöfin, die evangelische Kirche debattiert derzeit darüber, wie modern sie sein muss und was sie an Tradition bewahren soll. Als Bischöfin symbolisieren Sie geradezu die Modernität Ihrer Kirche. Steht der Protestantismus vor einer Rolle rückwärts?

Käßmann: Wir ringen um die angemessene Balance zwischen Tradition und Innovation. Aber das richtige Maß zu finden ist für uns alle zusammen der Kraftakt.

SPIEGEL: Was ist notwendige Anpassung, was ist opportunistische Anbiederei?

Käßmann: Nehmen wir das Beispiel Gottesdienst. Sie können nicht jeden mit Videoclips und Beamer gestalten. Das darf es auch geben, aber eine traditionelle lutherische Liturgie zeigt auch eine Standhaftigkeit über Jahrhunderte. Die kam vielen lange Zeit veraltet vor. Doch Tradition bietet auch Heimat, die wir nicht durch irgendwelche Modernitäten vom Tisch wischen können.

SPIEGEL: Zur Tradition gehört es, dass die Geistlichen ihre Ehen nicht scheiden lassen sollen. Nun haben Sie nach 26 Jahren Ehe die Scheidung eingereicht - als Bischöfin. Gehört dies nun zur neuen Normalität?

Käßmann: Normalität kann das nicht sein, weil wir als evangelische Kirche die Ehe zwar nicht für ein Sakrament, aber für eine wichtige Institution, ja ein Leitbild halten. Dazu stehe ich. Aber Menschen können scheitern, das habe ich nun sehr bitter selbst erfahren müssen.

SPIEGEL: Können Sie noch Vorbild im Sinne Ihrer Kirche sein?

Käßmann: Den Pastorinnen und Pastoren in meiner Landeskirche habe ich geschrieben, dass ich die von mir zu erwartende Vorbildfunktion darin sehe, wahrhaftig zu sein. Nach evangelischem Verständnis haben Ordinierte im bischöflichen Amt keinen besonderen Weihestatus. Auch für sie gilt: Rechtfertigung geschieht allein aus Glauben.

SPIEGEL: Sie sehen Ihren offenen Umgang mit der Scheidung als Beitrag zu mehr Wahrhaftigkeit?

Käßmann: Für mich war das ein unendlich schwerer Schritt, und ich werde öffentlich zu meiner persönlichen Situation nicht weiter Stellung nehmen. Nur das muss klar sein: Unsere evangelische Kirche tritt für Ehe und Familie ein, weil das gewichtige Werte sind. Aber wir können als Personen scheitern und uns dann nur der Liebe Gottes anvertrauen.

SPIEGEL: Lange Zeit wurden Pfarrer bei Scheidung automatisch versetzt.

Käßmann: In meiner Landeskirche muss seit Jahren kein Pastor und keine Pastorin aus Anlass einer Scheidung mehr die Stelle wechseln, wenn nicht zusätzliche Tatsachen und Umstände vorliegen, die das fordern.

SPIEGEL: Im Klartext: wenn die Ehe durch eine neue Beziehung gebrochen wurde. Konservative geißeln Ihre Scheidung dennoch als Anpassung an den Zeitgeist.

Käßmann: Modernität im Sinne von Anpassung an den Zeitgeist und nicht ernst nehmen eines Eheversprechens kann ich für unsere Kirche nicht akzeptieren. Aber wir müssen den Menschen mit seinem Ringen ernst nehmen. Die seelsorgliche Zuwendung zu den Menschen steht in meiner Landeskirche bei der Begleitung von Trennungen, die immer bitter sind und wehtun, im Vordergrund. Pfarrerehen werden übrigens nicht mehr und nicht weniger geschieden als andere Ehen. Trotzdem bleibe ich dabei, dass das sechste Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" für uns gültig ist.

SPIEGEL: Hat es die katholische Kirche mit dem Zölibat leichter?

Käßmann: Auch der Katholizismus ringt ja, wenn ein Priester sich verliebt und aus dem Amt scheiden muss. Aber ich will die beiden Amtskonzepte nicht gegeneinander ausspielen. Im evangelischen Pfarrhaus spiegelt sich die ganze Lebensrealität von Familie und Kindern, dem großen Glück einer Familie, aber auch in den Zerreißproben.

SPIEGEL: Die Konturen des Protestantismus wirken dadurch mitunter verschwommener als die des Katholizismus. Gibt es unter den Evangelischen Neid auf die Kirche des Papstes?

Käßmann: Es gibt bei uns die Sehnsucht nach der Klarheit und dem Festhalten an der Tradition, ohne die Entschlossenheit zur Weltverantwortung aufzugeben. Ich finde das ein sehr gutes Zeichen, nachdem wir jahrelang manches sehr schnell verändert haben. Wir müssen wissen, wo wir stehen. Wir haben Bekenntnisse, die jahrhundertealt sind, wir feiern Gottesdienst in Kirchengebäuden, in denen seit tausend Jahren Väter und Mütter im Glauben gefeiert haben. Die Kirche steht fest für klare Grundsätze ...

SPIEGEL: ... die nicht einmal mehr alle Kirchenmitglieder kennen.

Käßmann: Deshalb dürfen wir die Bibel nicht aufs Spiel setzen, sondern müssen ganz deutlich sagen: Das ist die Quelle unseres Glaubens. Wenn viele Menschen keine biblischen Geschichten mehr kennen, ist das ein großer Verlust.

SPIEGEL: In Köln feierte der Papst beim Weltjugendtag seinen Triumph, nun kommt ein evangelischer Kirchentag in die Stadt am Rhein. Aber die Jubelbilder vom Papstbesuch sind kaum zu toppen. Sind Sie frustriert, dass im Mutterland der Reformation die Papstanhänger mehr punkten als die Evangelischen?

Käßmann: Im Römerbrief steht: Wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle mit.

SPIEGEL: Was haben Sie dem Comeback des Katholizismus entgegenzusetzen?

Käßmann: Schlicht unser eigenes Profil, nicht entgegen, sondern gegenüber übrigens. Wir haben das Priestertum aller Gläubigen. Ordinierte und Laien leiten gemeinsam die Kirche. Unsere Kirche lebt von der Partizipation, nicht nur von der Tradition, dafür ist der Kirchentag das beste Beispiel.

SPIEGEL: Der Kirchentag war immer ein Platz für Menschen, die mit der Tradition nichts mehr anfangen konnten. Hat er zur Selbstsäkularisation der Kirche beigetragen, die nun der EKD-Ratschef Bischof Wolfgang Huber beklagt?

Käßmann: Wir haben im Umgang mit der überlieferten Glaubenstradition Fehler gemacht. Wir haben Kirchen gebaut, die nicht mehr wie Kirchen aussahen, wir nannten sie Gemeindezentren. Der evangelische Theologe Karl Barth hat eine Zigarre demonstrativ in einer Kirche geraucht, um zu zeigen, dass es keine heiligen Räume gebe - ein falsches Zeichen.

SPIEGEL: Sind evangelische Kirchen heilig?

Käßmann: Sie sind jedenfalls keine beliebigen Räume, keine Orte für Modenschauen und Zinnober aller Art.

SPIEGEL: Sie klingen jetzt richtig katholisch.

Käßmann: "Katholisch" heißt ja "allgemein". Wir spüren überall, wie Menschen Halt suchen. Unsere Klöster etwa - wir haben ja in unserer Landeskirche 18 Klöster, die eine kluge Frau durch die Reformation gerettet hat - haben zum Teil Wartelisten für ihre Seminare. Es gibt das Bedürfnis nach Einkehr, Spiritualität und Besinnung.

SPIEGEL: Bisher hieß es in Ihrer Kirche: Geht hinaus in die Welt. Heißt es jetzt: Geht hinein in die Gebetskammern?

Käßmann: Das halte ich für einen konstruierten Gegensatz. Ich brauche die Kraft aus dem Gottesdienst, um dann den Mut zu haben, in der Welt diesen Glauben verantwortlich und konsequent zu leben. Ich schöpfe aus dem Glauben die Kraft, anderen zu helfen, anderen zu widersprechen und politisch aktiv zu werden.

SPIEGEL: Beten als Training für Politik?

Käßmann: Glaube als Voraussetzung für Engagement, so würde ich das sagen. Ich kann doch nicht predigen über den barmherzigen Samariter und zugleich sagen, wie es den Aidskranken in der Welt geht, ist mir herzlich egal. Christlicher Glaube kann nie unpolitisch sein.

SPIEGEL: Huber sagt: "Nach meiner Überzeugung sollte es nicht länger als typisch protestantisch gelten, dass wir das Innenleben des Glaubens, die spirituelle Leidenschaft im Herzen, die geistige Tiefe in der Seele vernachlässigen." Das klingt nach einem unpolitischen Glaubensleben.

Käßmann: Vor einer puren Innerlichkeit kann ich nur warnen und dafür steht Bischof Huber nun wahrhaftig nicht. Es gab aber eine Zeit, in der wir uns so stark gesellschaftspolitisch engagiert haben, dass nicht mehr erkennbar war, warum wir dies tun, wie dies mit unserem Glauben zusammenhängt. Wir haben im Konfirmandenunterricht in unseren Gemeinden mehr über Sekten und Drogen gesprochen als über die Bibel. Wir können in evangelischen Kindertagesstätten nicht nur fröhliche Herbstlieder singen, sondern wir müssen die biblischen Geschichten wieder erzählen. Unsere Erzieherinnen leisten da viel! Viele Kinder wissen nicht mehr, was ein Gebet ist, und Eltern fragen: Wie kann ich überhaupt mit meinem Kind beten?

SPIEGEL: Wird da nicht der Bock zum Gärtner gemacht? Sie und Huber waren führend in der Kirchentagsbewegung, Sie standen der Institution Kirche sehr kritisch gegenüber. Sind Sie geeignet, heute für mehr Frömmigkeit zu werben?

Käßmann: Wir sagen ja nicht "Alle Mann zurück!" Aber wir sagen: Die Kirche ist fest gegründet im biblischen Wort. Am Anfang war das Wort. Das muss sitzen, und das ist auch gut lutherisch.

SPIEGEL: Das Wort "fromm" hat keinen altmodischen Beigeschmack mehr?

Käßmann: Ich finde "fromm" keinen negativen Begriff. Ich finde, du musst schon anständig fromm sein, um als Christ und Christin in der Welt zu stehen. Ich bin in einer Grundfrömmigkeit erzogen, die mich mein ganzes Leben gehalten und getragen hat. Deshalb weiß ich, wie wichtig es ist, persönlich im Glauben gestärkt zu sein, um dann auch etwas auszuhalten.

SPIEGEL: Es ist jetzt oft vom "Kerngeschäft" der Kirche die Rede. Das klingt so, als gehöre das gesellschaftliche Engagement nicht mehr dazu.

Käßmann: Das Kerngeschäft ist die Begleitung von Menschen. Dazu gehören Gottesdienst, Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung.

SPIEGEL: Politisches Engagement nicht?

Käßmann: Das ist der nächste Schritt. Weil ich glaube, treibt mich der Zustand der Welt um. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, der Zustand unserer Kirche beschäftigt uns mehr als der der Welt. Aber nehmen Sie Themen wie Klimawandel, Aids, G-8-Gipfel, dann sehen Sie: Wir engagieren uns sehr wohl in Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

SPIEGEL: Politische Worte der Kirchen finden kaum mehr Resonanz. Warum?

Käßmann: Natürlich wirkt sich der Rückgang der Mitglieder aus. Aber noch immer ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied einer der beiden großen Kirchen. Wir haben je 25 Millionen Mitglieder.

SPIEGEL: Kanzleramtschef Thomas de Maizière hat einmal gesagt, die Öffentlichkeit müsse zur Kenntnis nehmen, dass jeden Sonntag mehr Menschen in den Gottesdienst gehen als in die Fußballstadien.

Käßmann: Ja, fast fünf Millionen Menschen gehen jeden Sonntag in die Kirche, nur 700 000 in die Fußballstadien. Die Wahrnehmung ist eine andere. Der Protestantismus hat bis heute eine prägende Kraft für die Gesellschaft. Aber wir haben Mitverantwortung für die verzerrte Wahrnehmung, wenn wir den Schrumpfungsprozess einfach so hinnehmen, und jedes Jahr betreten die Austritte melden, aber nicht freudig die Taufen. Wir müssen den Willen zeigen, gegen den Trend zu wachsen.

SPIEGEL: Auch selbstbewusster auftreten?

Käßmann: Das finde ich schon. Es hat sich schon Stalin geirrt, als er gefragt hat: Wie viele Bataillone hat der Papst? Gebete und Kerzen können die Welt verändern. Das haben wir 1989 erlebt.

SPIEGEL: Frau Bischöfin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Das Gespräch führten die Redakteure Stefan Berg und Peter Wensierski. * Links: beim Weltjugendtag in Köln 2005; rechts: beim evangelischen Kirchentag in Hannover 2005.

 
DER SPIEGEL 21/2007
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Die evangelische Kirche Deutschlands, ist (derzeit - Februar 2010) ein Zusammenschluss von 24 lutherischen, von reformierten und sogenannten unierten Kirchen in Deutschland. Was alles darunter zu verstehen ist, sei beispielhaft im Folgenden kurz (nur mit Namen oder wenigen beschreibenden Sätzen) angeschnitten. (Einzelheiten wären Bände füllend.)

Einige Namen:

Neuapostolische Kirche (versteht sich als Fortsetzung der Urkirche. Höchsten geistlichen Autorität ist die »Apostelversammlung«) 
(Wieder-)Täufer (praktizieren die Erwachsenentaufe und lehnen die Kindertaufe als unbiblisch ab)
Baptisten (größte evangelische Freikirche: Trennung von Kirche und Staat. Nur Erwachsene werden meist durch Untertauchen getauft.)
Mennoniten ("Alt-evangelische Taufgesinnte" nach dem friesischen Theologen, Menno Simons; sonst wie oben)
Brüdergemeine (oder Brüderunität; Freikirche, die persönlichen Glauben und Gemeinde als Bruderschaft und Dienstgemeinschaft betont)
Evangelisch-methodistische Kirche (Laien-Prediger, daher Bruch mit etablierter anglikanischer Kirche...)
Quäker (englisch Quakers - wegen ihres enthusiastisch-ekstatischen Verhaltens bei ihren Versammlungen)
Altlutherische evangelische Freikirche (im Gegensatz zu protestantischen Unionsbestrebungen der "unierten Kirchen")
Altkatholiken (lehnen die Unfehlbarkeit des Papstes ab, weltweit etwa 6 Millionen Mitglieder)
Hugenotten (Calvinisten, Name von Franzosen entstellt aus »Eidgenossen« - z.B. ss zu tt, so wie ein Tschüss in Köln aus á dieu kommen soll)

Unter "uniertem Glauben" versteht man: Kirchen mit orthodoxer und orientalischer Tradition. Sie erkennen prinzipiell den Primat (oberste Stellung) des Papstes und die katholische Glaubenslehre an. Abweichungen gibt es in der Lithurgie (Kirchenleitung). Im Gegensatz zur klassisch katholischen hierarchischen Struktur (Papst, danach Bischofs-, Priester-, Diakonenämter) erfolgt bei den unierten auch den reformierten Kirchen die Leitung der einzelnen Kirchen durch paritätisch (d.h. gleichgestellt) zusammengesetzte Synoden (Synode bedeutet: Zusammenkünfte, Versammlungen = Konzile). Da gibt es noch den Ältestenrat (die Prespyter auf griechisch) bei den Reformierten.

Ein wenig über Sekten (lateinisch secta: Richtung, Schule, Lehre, Partei), die in der Regel alle fest eingebunden sind in ideologische Lehrsysteme (allzu häufig von Fanatismus geprägt). Dass sie auf die Postulierung religiöser beziehungsweise ideologischer Absolutheitsansprüche mit universellem Geltungsanspruch bauen, verbunden mit der Unfähigkeit und dem Unwillen, Andersdenkenden und »Abtrünnigen« (Aussteigern, Dissidenten) wahrheitsrelevante Erkenntnisse zuzubilligen (Intoleranz), unterscheidet sie von keiner anderen Religionsgemeinschaft bzw. Ideologie, bei denen hinzukommend in der Regel ein ausgeprägter Gruppenegoismus kommt, der Nichtmitglieder strikt ausgrenzt.

Typisch hiefür sind die Zeugen Jehovas (ernste Bibelforscher), die nicht einmal in eine Staatsform integrierbar sein wollen; denn sie leben bereits im Reiche Gottes, befolgen aber weltliche Gesetze, sind Kriegsdienstverweigerer (was sie in die Todeszellen brachte).

Eine weitere, teilweise als gefährlich angesehene Sekte ist bekannt mit dem rechtlich geschützten Namen Scientology®:  von lateinisch scientia = Wissen Sie wurde vom US-amerikanischen Sciencefiction-Autor Lafayette Ronald Hubbard (1911 bis 1986) propagiert als »angewandte religiöse Philosophie und Technologie«. Hubbards Beschreibung des Lebens als unbedingter Überlebenswille baut ein Szenario des Überlebenskampfes in Form des darwinschen »Survival of the Fittest« auf: Der den irdischen Bedingungen am besten angepasste und geeignetste überlebt. Diese Ansicht wird jedoch mittlerweile für die gesamte Biologie in Zweifel gezogen. Die Vorstellung vom ständigen Kampf gegen die feindliche Umwelt schlägt sich bei Scientology allerdings offensichtlich in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten nieder. Die Organisation versteht sich als Erlösungsreligion, der es geht um die Perfektionierung, das »Clearing« (das Reinigen, Auf- und Ausräumen) jedes Menschen, »die Klärung« des Planeten. Grundlage ist die Dianetik (ein unbekanntes Wort: aus griechisch dia = durch und vielleicht nous = Seele), ist also das, was die Seele dem Menschen antut und die Methode zur Linderung von unerwünschten Gefühle, Eindrücken, Aufregungen, Ängsten und schließlich psychosomatischen Krankheiten. Dianetik ist das Werkzeug zur Erschaffung des neuen Menschen mit dem Ziel, aus dem Geist neu geboren zu werden. Das soll über eine Steigerung geistiger Kräfte erreicht werden, die das Bewusstsein von Unsterblichkeit hervorbringe. (Der Weg zum Heil durch Erkenntnis ist zunächst in Hubbards Buch »Dianetics - The modern Science of Mental Health« begründet worden. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und in vielen Ländern verbreitet.) Im Prozess der »Reinigung von Körper und Geist« sollen mehrere Entwicklungsphasen durchlaufen werden, bei denen der persönliche Horizont geweitet werde. Scientology ist inzwischen zugleich eine weltweit verbreitete Organisation, deren deutscher Zweig 1971 als »Scientology® Kirche Deutschland« gegründet wurde. Die kritische Diskussion in Deutschland wurde in den 1990er-Jahren besonders um die Frage geführt, ob Scientology® eine Religion sei oder eine neuartige Form einer politischen Organisation darstelle. Das Bundesarbeitsgericht hat 1995 jedoch entschieden, dass die »Scientology®-Kirche Deutschland Hamburg e.V.« keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft im Sinne der Artikel 4 und 140 des Grundgesetzes ist. Zuverlässige Mitgliederzahlen gibt es nicht, in Deutschland werden um die 10 Tausend geschätzt. Kritiker werfen ihr vor, dass sie Menschen psychologisch manipuliert, aus ihren sozialen Bindungen herauslöst und finanziell ausbeutet.

Zweifellos lässt sich eine solche Organisation wie Scientology mit dem Opus Dei (Orden?) vergleichen, »Werk Gottes« lateinisch. Das Opus Dei ist konservativ katholisch und ein Gebilde aus Laien und einer Personalprälatur (Priester und Diakone - Diakon = Diener, ein Kleriker nach Empfang der untersten Stufe des Weihesakraments als Vorstufe der Priesterweihe).  Das Opus Dei wurde 1928  in Madrid gegründet als männliches Werk vom spanischen Priester Josemaría Escrivá de Balaguer y Albas (1902 bis 1975). Dieser wurde 1992 selig und 2002 sogar heilig gesprochen. Seit 1982 hat das Opus Dei seinen Sitz in Rom. Inzwischen haben auch Frauen Zugang. >Hier< zur Beziehung des Papstes zu Opus Dei.

In den USA gibt es inzwischen eine kaum noch angebbare Zahl an neuen Sekten...

Walter Rath, Februar 2010