Martin Luther

>Hier< Auszüge aus den Hassausbrüchen Luthers gegen die "Juden"

und

>hier< zur damaligen Ansicht der Willensfreiheit, von Christof Hubig

(Daneben ein Bild und ein wenig von Melanchthon).

>Hier< gibt es noch eine Internetbuch-Seite über Luther

und

>hier< über Calvin und andere Reformatoren


Unter dem Bild steht: "Bildnis Luthers in seinem 38. Jahre, noch in Ordens-

tracht,  nach einer  Wiederholung  des Originalbildes Lukas Cranachs  vom

Jahre   1521.  Das  Original  der  Verlagshandlung  trägt  obigen  Spruch  als

Unterschrift." Text des Spruches: "Des Luthers gestalt mag wol verderben

Sein christlich gemiet wirt nymer sterben."                          

Luther mit 38 Jahren

Der große Reformator, geboren in Eisleben am 10.11. 1483 und dort auch gestorben am 18.2. 1546; Sohn des Bergmanns und späteren Hüttenmeisters Hans Luther und seiner Frau Margarethe, geborene Lindemann.

Er ging in Mansfeld (Mansfelder Land, nördlich des Harz-Randes), Magdeburg und Eisenach (Thüringen) zur Schule, studierte ab 1501 an der Universität Erfurt, erwarb 1505 den Titel "Magister Artium". Ein Jura-Studium, das er auf Wunsch seines Vaters begonnen hatte brach er ab und trat ins Erfurter Augustiner-Eremiten*kloster im Sommer 1505 ein nach dem Erlebnis eines schweren Gewitters und dem aus Angst gegebenen Versprechen: "Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden." 1507 wurde er Priester geweiht und begann das Studium der Theologie. 1510-11 war er in Ordensangelegenheiten nach Rom entsandt worden. Den Doktorgrad der Theologie erhielt er um 1515 und wurde anschließend zum Professor für Bibelauslegung ernannt.

* Ein Eremit lebt in Einsamkeit (als Klausner, als abgeschlossen) und in keiner Klostergemeinschaft (Eremita = Einsiedler).

 

Den berühmten Anschlag seiner 95 Thesen über den Ablass machte Luther am 31.10. 1517 veröffentlichte Luther in Wittenberg. Die unerwartete Öffentlichkeitswirkung und Zustimmung, die diese Sätze fanden, waren Ausdruck des in Deutschland angestauten Protestes gegen den Ablasshandel und eine verweltlichte, ihren geistlichen Auftrag in großem Umfang nicht mehr ernst nehmende (katholische) Kirche und bedeuteten faktisch den Beginn der Reformation. Ein Jahr nach dem "Thesenanschlag" wurde ein Ketzerprozess gegen Luther mit einer Vernehmung durch den Dominikaner-Kardinal Cajetan eingeleitet. (Der Theologe und Philosoph wurde 1469 in der italienischen Hafenstadt Gaeta, Provinz Latina, geboren und hieß Jacob de Vio, dann nach seinem Geburtsort Cajetanus). Zum Bruch Luthers mit dem Papsttum kam es, nachdem der "Ketzer" Luther die ihm zugestellte Bannandrohungsbulle "Exsurge Domine" am 10.12. 1520 verbrannte. Auf dem Reichstag in Worms (17./18. April 1521) beendete Luther seine Verteidigung mit dem bekannten Satz: "Hier steh ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen!" Als Verteidigung selbst wiederholte er den Inhalt aus seinen "reformatorischen Hauptschriften", betitelt mit:

- "An den christlichen Adel deutscher Nation",

- "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche",

- "Von der Freiheit eines Christenmenschen".

Einen geforderten Widerruf lehnte Luther ab mit der Folge, dass die kaiserliche "Reichsacht" über ihn verhängt wurde (Acht = Ächtung, Verfolgung). Auf Veranlassung Kurfürst Friedrichs III., des Weisen, von Sachsen wurde Luther auf dem Rückweg von Worms "überfallen" und zu seinem Schutz auf die Wartburg gebracht. Hier lebte er zehn Monate als "Junker Jörg". Während dieser Zeit übersetzte er das "Neue Testament".

 

Luther kehrte 1522 nach Wittenberg zurück, um die radikalen, calvinistischen (>hier<) Kirchenreformen des Theologen und "Bilderstürmers" Andreas Rudolf Bodenstein (Karlstadt genannt) zu verhindern. Dieser reformatorischer Theologe trug den Namen seiner Geburtsstadt Karlstadt, Bayern. Er schloss sich 1517 Luther an, war seit 1518 Professor in Wittenberg und führte 1519 zusammen mit Luther die "Leipziger Disputation*". Es kam aber zum Bruch mit Luther wegen unterschiedlicher Auffassungen zum Abendmahl.

* theologisches Streitgespräch im Sommer 1519 zwischen den strikt konservativen katholischen Theologen, Johannes.Eck (eigentlich Maier aus Eck = Egg an der Münz) einerseits und Karlstadt mit Luther andererseits in der Pleißenburg zu Leipzig. Hauptthema: die Bedeutung des Papstamtes.

Zu erwähnen sind noch die zwischen dem 9. und 16.3. 1522 in Wittenberg gehaltenen Invocavitpredigten Luthers (Invocavit = "Er hat mich aufgerufen", Psalm 91, 15). In diesen Predigten setzte Luther sich von den theologischen Auffassungen der Täufer, den revolutionären sozialen Forderungen der Bauern (Bauernkrieg) und den ethisch ausgerichteten Vorstellungen eines auf Vernunft und Moral begründeten Christentums der Humanisten (Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon und anderen) ab, nachdem er alle drei Bewegungen in ihren Anliegen von Luther angenommen hatte. Dazu folgte Schriften von Luther, wie 

- "Wider die himmlischen Propheten",

- "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern",

und

- "De servo arbitrio" (heißt: Über den geknechteten Willen, gemeint ist, dass der freie Wille nichts sei).

 

Am 13.6. 1525 heiratete Luther die frühere Nonne Katharina von Bora, nachdem sie 1523zusammen mit elf anderen Nonnen aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma (an der Mulda in Sachsen) mit Zustimmung Luthers geflohen war.

 

Noch einige Daten aus: © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG.

"Seit 1526 widmete er sich v.a. in Zusammenarbeit mit Melanchthon dem Ausbau und der inneren Festigung des neu entstehenden evangelischen (Landes-)Kirchen- und Schulwesens (Durchführung der ersten Kirchen- und Schulvisitationen; Neuordnung des Gottesdienstes [deutsche Messe]), daneben war er vielfältig theologisch und schriftstellerisch tätig (großer und kleiner Katechismus, 1529; Abschluss der Bibelübersetzung, 1534; zahlreiche geistliche Lieder). 1530 unterstützte er Melanchthon von Coburg aus in den Verhandlungen um die Anerkennung des protestantischen Bekenntnisses auf dem Augsburger Reichstag (Augsburgische Konfession), an dem er als Geächteter nicht teilnehmen konnte. 1536 verfasste er im Hinblick auf das seit 1532 von Kaiser Karl V. geforderte Konzil (1537 nach Mantua einberufen und gescheitert) die Schmalkaldischen Artikel. Bis 1545 hielt Luther Vorlesungen in Wittenberg. Im Januar 1546 reiste er trotz schwacher Gesundheit über Halle nach Eisleben, um im Streit der Grafen von Mansfeld zu vermitteln. Er starb dort an einem schon längere Zeit währenden Herzleiden. Sein Leichnam wurde nach Wittenberg überführt und am 22.2. 1546 in der Schlosskirche beigesetzt."

 

Ein wichtige Gedanken bei Luthers Theologie (seiner "Kreuzestheologie", wie man sagt) sind:

- Christliche Existenz ist Nachfolge des Gekreuzigten.

- Alle Christen sind in die Nachfolge und zur Priesterschaft (Priestertum aller Gläubigen) berufen.

 - Keine Unterscheidung zwischen geistlichen und weltlichen Ständen.

- Die Berufung der Menschen ist der konkrete Ort, an den sie Gott gestellt hat, ihm und ihren Mitmenschen zu dienen.

- Ohne die Gnade Gottes bleibt der Mensch in seinem Denken, Fühlen und Handeln Gefangener, d.h. Knecht der Sünde.

- Der Tod von Jesus Christus am Kreuz ist ein Gnadengeschenk Gottes zur Vergebung von Sünden. Diese kann weder durch "verdienstliche" Werke noch durch kirchliche Vermittlung - wie in Form eines Ablasses erlangt werden.

- In der staatlichen Gewalt sieht Luther die von Gott gewollte äußere Ordnung der Welt (als "Zweireiche-Lehre" bezeichnet).

- Die Bibel ist oberste Autorität für den Christen und wird von Luther als "Wort Gottes" jedem kirchlichen Lehramt übergeordnet.

- Von den sieben katholischen Sakramenten behält er nur Taufe und Abendmahl bei. (Die katholische und die orthodoxen Kirchen kennen also folgende sieben Sakramente [sacramentum = Weihe, Verpflichtung, z.B. zum Kriegsdienst]:

   1. Taufe,

   2. Firmung (u.a. mit Myronsalbung; Chrisam, ein geweihtes Salb-Öl),

   3. Eucharistie (= Danksagung, gemeint ist das Abendmahl),

   4. Buße,

   5. Krankensalbung (Heilige Ölung),

   6. Priesterweihe,

   7. Ehe;

   dabei wird zwischen mehr oder weniger wesentlichen Sakramenten unterschieden (Es gibt also eine Hierarchie der Sakramente)

Luther lehnt in der Abendmahlslehre die Transsubstantiation - die "Wandlung"  vom Leib Christi in Brot und seines Blutes in Wein beim Abendmahl ab, hält aber im Gegensatz zu Zwingli an der "wirklichen Gegenwart" von Leib und Blut Jesu Christi (Realpräsenz) fest als "Konsubstantiontion"  (mittellateinisch = Wesensverbindung).

- Den Opfercharakter der Messe, insbesondere mit der Erwartung einer Gegenleistung oder eines Dankes für etwas, lehnt Luther ab und betont den Gesichtspunkt der Versammlung der christlichen Gemeinde um Gottes Wort und Sakrament. (Die meisten Religionen sind gefüllt mir Opferriten bis zum Menschenopfer.)

 

Luther hat zweifellos einen ganz wesentlichen Beitrag zur Entwicklung und allem zur Vereinheitlichung der deutschen Sprache geleistet, die endlich gleichberechtigt neben die drei bis dahin als "heilig" erachteten Sprachen: Latein, Griechisch und Hebräisch. Bei der Übersetzung der Bibel ("Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft, Deudsch. D. Mart. Luth.") soll er berücksichtigt haben, gesprochene und damit jedem verständliche Worte zu verwenden, indem gesagte haben soll: "Man muss dem Volke auf's Maul scheuen." Bekannt ist von Luther die Schrift "Sendbrief vom Dolmetschen" aus dem Jahre 1530. Ihm wird nachgesagt, dass es die er selbst die deutsche Hochsprache meisterhaft beherrscht und entscheidend zu ihrer Durchsetzung beigetragen  habe. "Luther schloss sich an bereits ausgebildete überregionale Sprachformen an, an die Sprache der sächsischen (Meißen), später auch der habsburgischen Kanzlei und an die Traditionen der mitteldeutschen, mystisch-erbaulichen Prosaliteratur. In Lautstand, Orthographie, Flexion (volle Endungen), Wortschatz und Syntax wurde außerdem gemeinsam mit den Druckern seiner Werke ein Mittelweg zwischen den bestehenden Schreibdialekten angestrebt," schreibt Meyers Lexikon und weiter: "Für die Wirkungsgeschichte seiner Sprache (Luther-Deutsch) war bedeutsam, dass kein Werk - wie die Luther-Bibel - vorher eine so umfassende Verbreitung über das gesamte deutsche Sprachgebiet und in allen Ständen gefunden hatte. Der Reichtum von Luthers literarisch-sprachlichem Schaffen zeigt sich auch in den »Tischreden oder Colloquia Doct. Mart. Luthers...« (1566) und besonders in seinen geistlichen Liedern (u.a. »Ein feste Burg ist unser Gott«). Dass Luther der Kunstmusik breiten Raum im Gottesdienst einräumte, prägte die Entwicklung der protestantischen Kirchenmusik."


 

Man hört sehr häufig, dass Luther eigentlich der erzkatholischste, religiöse Mensch seiner Zeit gewesen sei. Einer der (9) Päpste seiner Zeit "auf Erden" (>hier< eine Liste alle Päpste) soll mal ausgerufen haben: "Dieser Mensch (Luther) glaubt ja noch wirklich an Gott!"

 

Vermutungen, dass durch die "Reformatoren" des katholizistischen Systems die Renaissance* ("Wiedergeburt" in französisch, bedeutet: Wiedererweckung des klassischen Altertums) die Gegenreformation herausforderte, also vor allem die Rekatholisierung der protestantisch gewordenen Gebiete und Territorien. Diese Gegenreformation führte schließlich in den Dreißigjährigen Krieg, der 1648 mit dem "Westfälischen Frieden" endete. Auch wird unterstellt, dass Luther soziale Gedanken zu haben, glauben gemacht habe, weshalb es zu dem grausamen Bauernkrieg gekommen sei (1524/25) als Höhepunkt einer Krise der spätmittelalterlichen feudalen Ordnung (vor allem wegen des "Lehnwesens"). Dabei hat Luther gegen die Bauern gewettert (siehe oben: "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern").

* die Zeit von etwa 1350 bis in die Mitte des 16.Jahrhunderts mit einer in Italien beginnenden Lösung von der mittelalterlichen kirchlichen und feudalen Ordnung, einer gesellschaftlichen Umstrukturierung, in deren Folge eine von Adel und Bürgertum getragene weltliche Kultur entstand mit Wiederaufblühem der Künste. Die Renaissance steht in Beziehung mit humanistischen Gedanken, also Bildung des Geistes und die Verwirklichung von Menschenrechten. Mit der Neuentdeckung des geistigen Gutes der Antike wurde ein neues Menschenbild und Selbstverständnis gewonnen. Auch richteten sich die Träger der Renaissance wegen ihrer "offeneren" Denkweise gegen die Scholastik des Mittelalters (15./16. Jahrhundert). (Das griechische "scholastikós" heißt zwar: "mit der Wissenschaft befasst", aber die Scholastiker hatten nur die "rationale", d.h. verstandesmäßig, vernünftig, zweckmäßig, begrifflich fassbar, schlüssig abgeleitete Begründung, Deutung, Systematisierung und Verteidigung einer (Glaubens-)Wahrheit zum Ziel.)
 


Luther und sein unglaublicher Judenhass, :

7-Punkte-Plan zur Judenverfolgung (in original Schreibweise):

1. »Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien.

2. Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben. Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande.

3. Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird.

4. Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren.

5. Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe.

6. Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren.

7. Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen.

 

Weiter ist in der Schrift von Martin Luther: "von den Juden und ihren Lügen", Wittenberg 1543, als Beispiele zu finden:

 

»Hieher zum Kusse! Der Teufel hat in die Hosen geschissen und den Bauch abermals geleeret Das ist ein recht Heiligthum, das die Juden und was Jude sein will, küssen, fressen, sauffen und anbeten und soll der Teufel auch fressen und sauffen, was solche Jünger speien, oben und unten auswerfen können Hier sind die rechten Gäste und Wirthe zusammengekommen der Teufel frißt mit Lust, was der Juden oberes und unteres Maul speiet und spritzet«.

»Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Das ist nichts anderes...«

»dass man ihnen verbiete, bei uns ... öffentlich Gott zu loben, zu danken, zu beten, zu lehren bei Verlust Leibes und Lebens ...«

»Wenn ich könnte, wo würde ich ihn (den jüdischen Mitbürger) niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren.«


Philipp Melanchthon (eigentlich Schwarzert), von 1497 bis 1560, war reformatorischer Theologe und Humanist, seit 1518 Professor für griechische Sprache in Wittenberg; 1519 Anschluss an die Reformation und engster Mitarbeiter Luthers...


Im Zusammenhang mit den Reformatoren muss die philosophische Betrachtung zur Willensfreiheit erwähnt werden, die Christof Hubig in seinem Beitrag:

"Das neue Problem der Ethik; der Streit um die Willensfreiheit (Martin Luther, Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon)"

erörtert in "Propyläen: Geschichte der Literatur" herangezogen werden. Ein paar Sätze aus seinem Aufsatz:  "Neben der theoretischen Voraussetzung für die Erziehungslehren, der Entdeckung von Intentionalität und Perspektivismus, mußte für die Klärung der Kriterien, die individuelles Handeln leiten können, die Beantwortung der Frage nach der Willensfreiheit vordringlich sein. Daß deren Behandlung in eine Antinomie führt, war bereits für die mittelalterlichen Denker klar. Anselm von Canterbury (1033 - 1109, gilt als Vater der Mystik und Scholastik) hat sie in zwei Widersprüchen dargestellt: »Vorauswissen Gottes und freier Wille scheinen sich zu widersprechen. Denn dasjenige, was Gott voraussieht, muß notwendig in Zukunft eintreten, was aber durch den freien Willen geschieht, erfolgt mit keiner Notwendigkeit« (De concordia, quaest. 1, Opp. 507 A). Und: »Was Gott vorausbestimmt, muß in Zukunft eintreten. Wenn sonach Gott das Gute und Böse, was geschieht, vorausbestimmt, so geschieht nichts durch den freien Willen« (a.a.O., 519 C). Die Auflösung dieser Antinomie (Widerspruch zweier an sich gültiger Sätze) war für den theologischen Verstand nicht möglich. Die mystische (geheimnisvolle) Spekulation suchte die Auflösung in der Unendlichkeit Gottes, die die Widersprüche vereine. Thomas von Aquin sah die Freiheit des Menschen in seiner Fähigkeit, gegen die göttlich vorgegebene Richtung des Handelns zu verstoßen. Anselm von Canterburys Auflösung dieses Widerspruchs durch die Annahme Gottes als eines Wissens von Wandelbarem, nicht des sich Wandelnden selbst, so daß dieser Widerspruch nur dem Verstand als dem an das Medium der Zeit gebundenen erscheint, kann ebensowenig befriedigen.

Erst dadurch, daß im neuplatonistischen Sinne die menschliche Freiheit als gottähnlich begriffen wurde und der Mensch sich als Schaffender neben die Natur stellte, die gleichwohl Vorbild bleibt (Nikolaus von Kues, Giordano Bruno), konnte eine Auflösung des Widerspruchs entworfen werden. Dies setzt jedoch voraus, die Natur als unendliche zu denken. Erst Giordano Bruno (>hier<) hatte diesen Schritt vollzogen, den die Zeitgenossen nicht wagten.

Der neu aufbrechende Streit um die Willensfreiheit prägte sowohl den nördlichen Humanismus wie auch die Überlegungen der Italiener. Valla (Laurentius bzw. Lorenzo, italienischer Humanist, etwa 1406 - 1457, war Sekretär am päpstlichen Hof) hat in seiner Schrift "De Libero arbitrio" (= vom freien Willen; 1493) sowie in der Umarbeitung seines umstrittenen Traktats "De voluptate" (Lustbarkeit, Schauspiele; 1431) als "De vero bono" (= von der guten Wahrheit; 1432/1483) den epikureischen Standpunkt (durch richtiges Denken ein glückseliges Leben zu gewinnen) vertreten, daß die Lust das einzige Gut sei, und dies durch die These begründet, daß die kirchliche Lehre von der Prädestination (Vorherbestimmung) den allumfassenden Kausalzusammenhang der Natur beschreibe, so daß gilt: »Es ist also dasselbe, was Gott oder die Natur bewirken.«

Diese Säkularisierung (Verweltlichung, Entkirchlichung, Entchristlichung) der Prädestinationslehre qua (durch) Rückführung auf den Kausalzusammenhang der Natur stößt nun allerdings bei Melanchthon, der selbst in dem Streit zwischen Erasmus und Luther um die Willensfreiheit stand und vermittelte, auf entschiedenen Widerspruch. Mit Aristoteles und Cicero geht Melanchthon von der sich selbst gewissen sittlichen Freiheit des Menschen aus, deren Einsicht jedoch verdunkelt sein könne. Das Problem des Vorauswissens Gottes stelle sich nicht, weil nur über realisierte Wirklichkeit etwas Wahres gewußt werden könne. Zur Auflösung des Prädestinationsproblems selbst hingegen führte ein mühsamerer Weg Melanchthons. Luther als Anhänger der Prädestination, die die gesamte Reformation, wie Ernst Troeltsch (1865 - 1923; stellte den Absolutheitsanspruch der religiösen Unüberbietbarkeit infrage) hervorhob, stärker ans Mittelalter bindet als den Humanismus, hatte eine Widerlegung durch Erasmus herausgefordert.

In seinem Gespräch oder seiner Unterredung über den freien Willen (1524) reagierte Erasmus auf eine Kritik Luthers, der ihm vorgeworfen hatte, in seiner Auslegung des Römer-Briefes die Erbsünde und die göttliche Souveränität nicht genügend berücksichtigt zu haben. Nachdem Vermittlungsversuche scheiterten, war der um die "bonae litterae" (gute Lieteratur) besorgte Erasmus herausgefordert, jene Schrift zu verfassen, da er vom lutherischen Absprechen der Freiheit negative Konsequenzen für Wissenschaft, Erziehung und Sittlichkeit erwartete. In einer gründlichen philologischen Auseinandersetzung mit den von Luther angeführten Autoren des Alten und Neuen Testamentes weist er die in Luthers "Assertio* omnium articulorum M. Lutherr", 36. Artikel (1520), gegebene Deutung der Schriftsteller als falsch nach, insbesondere die Gnadenlehre. Hingegen nimmt er einen Synergismus (Zusammenwirken zwischen Gott und Mensch im freien Handeln) dergestalt an, daß Gott als »causa principalis« in allen freien Handlungen enthalten sei, da er als Ideal des Guten und Idee der Gerechtigkeit, insbesondere der gerechten Vergeltung im Jenseits, deren höchstes Ziel vorstelle. Der Mensch ist jedoch ein sittliches Wesen, das heißt, er kann das Gute wollen oder ablehnen. Die »voluntas signi« als (Zeichen des) Willen Gottes ist kein Zwang, sondern Leitbild, dies ist der Anteil der Gnade, der zugleich ausmacht, daß das gute Handeln Gott zu verdanken ist und die Verzweiflung zugunsten eines sittlichen Strebens vom Individuum genommen wird. »Ganz wie wenn ein Herr, der den schlechten Charakter eines Knechtes kennt, jenem eine Aufgabe anvertraut, bei der ihm Gelegenheit zu sündigen geboten wird, wobei ertappt, er zum abschreckenden Beispiel für die anderen bestraft wird: Er weiß voraus, daß jener sündigen und seinen wahren Charakter zeigen wird, und will, daß er zugrunde geht...

* Assertion: Feststellung, Behauptung,  Aussagen, Beurteilung oder Urteile, die ohne Beweis Gültigkeit beanspruchen.