Willensfreiheit und Gehirnforschung
>Hier< mehr zum Autor D. Linke
>Hier< zu einer Erörterung des Begriffes "(Willens-)Freiheit"; danach
zum Buch mit Leseproben und Kommentaren,
>Hier< noch einiges zum Buch Hirnforschung und Willensfreiheit
herausgegeben von Christian Geyer
und
>hier< ausführlich weiterführende Literatur und Grundlagen.
Auf einer getrennten Seite:
Mehr über das Gehirn >hier<,
>hier<
zum Gedächtnis,
»Die Freiheit und das Gehirn,
eine neuro-philosophische Ethik«
Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober
2006
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel
«Die Freiheit und das Gehirn» im Verlag C.H.Beck, München
Copyright © 2005 by C. H. Beck, München
Umschlaggestaltung: any.way, Barbara Hanke
Abbildung: akg-images/van Gogh/Selbstbildnis
Satz: Sabon PostScript,
InDesign, bei Pinkuin
Satz und Datentechnik:
Berlin Druck und Bindung Clausen &
Bosse, Leck
Printed in Germany
ISBN 13: 978 3 499 62122 2
ISBN 10: 3 499 62122 3 (9,90 €)
www.rororo.de
Der Inhalt:
I. Einleitung:
Die Freiheit und das Gehirn
II. Kreativität, Ausdauer und Querdenken
Freiheit und Kreativität
Was ist Kreativität?
Das fraktale Gehirn
Der Umgang mit den eigenen Besonderheiten
Das Durchhaltevermögen: Am Beispiel van Goghs
Kein isoliertes Zentrum für Kreativität
Frauen haben mehr Möglichkeiten
Der Mozart-Effekt und Edisons Kugeln
Kreativität und Gehirnausnutzung
Praktische Hinweise für Kreativität und Ausdauer
Politik und Kreativität
Kreativität und Freiheit
Kreativität und Unendlichkeit
Kreativität und Kollision
III.
Der Kehlkopfverschlusslaut singt
Das vierstufige Handlungsmodell
Freiheit: Lücke im Bewusstsein?
Die Kreativität und das Neue
Das neurowissenschaftliche Argument für die Clash-Theorie der Vorstellungen
Die verschlungenen Wege des Explizierens
Warum halten uns Bilder gefangen?
Die Frage der Isomorphie
Mentale Räume
Territoriales Denken
Clash der Vorstellungen
«Höheres» Bewusstsein
Neurophysiologie jenseits von Moderne
und Postmoderne
Wie werden Vorstellungen explizit?
Auswege: Urteile, Nichtwissen, Leitmotive und Moderatoren
Der unmögliche Gesang
Die Competition und die virtuellen Maschinen
IV.
Freiheit und Codierung
Freiheit, Logik und Gehirn
Hirnprozesse tragen immer schon Bedeutungen
Unschärfe der Codierung?
Innen-Außen-Beziehung und Neurosemantik
Das Leib-Seele-Problem und die Parallelität
Freiheit und Selbstbezüglichkeit
Logik und Mythos
V.
Ethik des Denkens
Die Ethik des Denkens und die Vernunft
Freiheit und Gerechtigkeit
Ethik des Denkens
Das implizite Ich
Seltsam, manche sprechen sich selber mit Du an
Strafrecht und Verantwortung
Ethik des Denkens angesichts des kaum kalkulierbaren Verhältnisses von Explizitheit und Implizitheit
Einverleibungen des Ich
Rationalität als Ausschlusskriterium
Die Kreativität und die vermeintlichen «Loser»
Das Überleben des Menschen
Der Wohlstand und die Evolution
Keine Chance für klammheimliche Freude
Wirtschaftliche Prosperität
Ethik und Gehirn
Übersetzerfunktion der Neurotheologie für den öffentlichen Diskurs?
Unendlichkeit und Regel
Die Computerbrille projiziert ethische Regeln ins Sichtglas
Der chinesische Weise und die hundert Tage
VI.
Freiheit durch Auswählen
Vernunft und Freiheit
Auswählen
Das Ich und die Auswahl
Auswahl und Totalität
Toleranz für Auserwähltheit
Rationalität und Auserwähltheit
Zirkel, Widerspruch und neue Phönixe
Evolutionäre Wahrheit
Zirkel und Ungewissheit
VII.
Stört nur nie den Frieden der Liebenden!
Freiheit und Liebe
Stört nur nie den Frieden der Liebenden!
Der Tintenfisch und die Öffentlichkeit
Kritikfähigkeit und Sexualinteresse
Kann man Feindschaften durch Liebe überwinden?
Emotionen als neue Kampfesfront?
Der Rechtsstaat schützt vor Erniedrigung!
VIII.
Abbau, Identität und Wandel
Freiheit und Würde
Identität und Klischee
Der Geist verbirgt seinen Abbau: Er wechselt das Thema Pause machen
Perestroika mit neuen Zellen
Steuerung ohne Copilot
Sind Emotionen für eine Parallelmaschine ein guter Regelungsparameter?
Dasselbe und die Gruppenselektion
Die Identität des Oklahoma-Bombers
Patchwork-Identität: Wer flickt?
Das Ich und die Negativ-Mystik
Zur Genese des Subjekts
Die Lücke in der Systemanalyse
Biophysik des Bewusstseins
IX.
Über eine mentale Brücke kann man sogar mental nur schwer gehen
Verrückte sind Verliebte
Das Aushalten des Streits
Entschuldigung als Gefahr
Problemlösen als Problem
Wenn in jedem Satz ein Problem steckt
Vernunft und Wahrscheinlichkeit
Tod durch Grammatik
«Und wie geht es ihm?»
Streit und Verletzbarkeit
Die Dialektik und die Abwehr von Nähe
Kein Urteil über den Geisteszustand des anderen!
Die tragische Verwicklung bei Schizophrenie
Folie ä deux
Zur Irrelevanz psychiatrischer Diagnosen
Wo psychiatrische Diagnosen nicht hingehören
Medientheorie und Psychose: «Na, du Weichei!»
Personale Identität:
Künstlicher Ausschnitt aus einer Geste
Über eine mentale Brücke kann man sogar mental nur schwer geben
Zur Physiologie des Zorns 247 «Jawohl und Gomorrha»
X.
Neuroökonomie
Was ist Neuroökonomie?
Das Gehirn: Eine Formel, ein Ich oder ein Geldsystem?
Neuroökonomie und Freiheit
Sicherheit und Wahrscheinlichkeit
Die Suche nach Sicherheit kann verändert werden
Wahrscheinlichkeit und Regel
Informationen als vorgeformte Erwartungshäppchen?
XI.
Diagnose, Therapie und Prognose in Medizin und Politik
XII.
Plädoyer für Freiheit und Rationalität
Freiheit und Hirnforschung
Keine Freiheit: Mehr Demut oder Würde-Demontage?
Demut und Exzentrik
Der Sog der Freiheit
Die Rationalität und das Implizite
Projektionshimmel im Gehirn
Weltethos und emotionale Intelligenz
Das Gehirn als Über-Ich
Damasio und Buddha
Plädoyer für Freiheit und Rationalität
Freiheit und Handlung
Freiheit und Verantwortung
Ausblick: Hochkonjunktur für Freiheit!
XIII.
Die Freiheit und das Gehirn - ein Nachwort
Detlef
Linke,
geboren 1945 in Hohenfinow-Struwenberg (Brandenburg) (auf der
Flucht), gestorben am 6. Februar 2005, war ein deutscher
Hirnforscher. studierte
Medizin,
Philosophie und
Kommunikationswissenschaften. Er promovierte über
psychomotorische
Epilepsie und verfasste seine Habilitationsschrift über die
Sprachzentren des
Gehirns. Er war an der
Universität Bonn im Fachbereich Hirnforschung und
Neurowissenschaften tätig und war seit 1982 Leiter der
Abteilung für
Neurophysiologie und
Neurochirurgische Rehabilitation. Bekannt wurde er der
Öffentlichkeit durch eine Reihe von populärwissenschaftlichen
Büchern, in denen er insbesondere immer wieder eine Kritik am
Reduktionismus äußerte. (Reduktionismus: ist in der
Wissenschaftstheorie die Rückführung komplexer Sachverhalte auf
elementare Prinzipien oder Seinsbereiche, z.B. der geistigen
Wirklichkeit auf die Materie im Materialismus; auch kritische
Bezeichnung für eine vereinfachende Zurückführung, wie z.B. im
Behaviorismus, der psychisch-geistige Prozesse durch
messbare physische Vorgänge erklärbar ansieht. [>hier<
zu einer .pdf-Datei von Prof. Linke selber
(Achtung: zum Lesen ist ein Programm wie AcrobatReader
erforderlich)]
Prof. Linke war Mit-Herausgeber der Zeitschrift Ethica.
Wissenschaft und Verantwortung.
Europa und die Marsianer [Audio-CD], Köln: Supposé, 2005
* Die Freiheit des menschlichen Denkens steht zur Debatte. Prominente Vertreter der neuesten Hirnforschung bestreiten sie grundsätzlich. Zu Unrecht, wie der Neurologe und Philosoph Detlef B. Linke mit guten Gründen meint. Er zeigt, dass der Kreativität und der Zeit eine zentrale Rolle im menschlichen Denken und Handeln zukommt und weshalb sich genau darin die Freiheit des Denkens manifestiert.
"Vom Nutzen der Religion" von Karlheinz Weißmann (mehr bei sezession.de/6733/) -
ein Auszug zum Buch Religion als Risiko:
"...Prinzipielle Ablehnung" der Religiosität "ist selten geworden. Das gilt trotz der Gefahren des religiösen Fundamentalismus. Ein Buch wie Religion als Risiko des Neurophysiologen Detlef Linke erlangte kaum die Aufmerksamkeit, die ihm allein auf Grund des Titels hätte zukommen müssen. Linke vertrat in Reaktion auf den 11. September 2001 die Ansicht, daß Glaubensvorstellungen, wenn schon nicht prinzipiell gefährlich, so doch in ihren Auswirkungen problematisch seien. Es gehe dabei weniger um theologische Lehren, eher um unmittelbar handlungsleitende Konzepte in enger Verknüpfung mit bestimmten Hirnfunktionen, die dazu dienen, das Individuum in problematischen Situationen zu stützen und Verhaltenssicherheit zu ermöglichen, die aber auch helfen, Erfahrungen von Selbstüberschreitung wie Trance oder Ekstase zu deuten. Linke meint, daß sich die positiven Wirkungen der Religion heute auf anderem – weniger riskantem – Weg erreichen ließen und macht aus seinem Vorbehalt keinen Hehl, bleibt aber auch von einer grundsätzlichen Absage an die Religion weit entfernt..."
Unabhängigkeit von Zwang uns umgebender
Institutionen (lateinisch: "Einrichtungen", wie dem Staat, der Kultur,
den Gemeinschaften, wie weltlicher und religiöser Art, der Ehe und Familie...); Unabhängigkeit von
Mit-Einzelindividuen (in einer Hierarchie z.B.), von normativen Richtlinien (>hier<
zu Normen, die als Soll-, Muss-Normen mit Sanktionen und sozialer Kontrolle
durchgesetzt werden) oder auch innere Freiheit (als Unabhängigkeit von
Voreingenommenheiten und überhaupt von der eigenen mehr oder weniger starken
Zwangsstruktur
>hier< oder als Unabhängigkeit vom eigenen Konditioniertsein
>hier<).
Die Philosophie konzentriert sich auf die Entscheidungs- oder Willensfreiheit.
Untersucht wird, ob wir uns von Bevormundungen lösen und aus
institutionellen Bindungen befreien können, als »Freiheit wovon« oder ob uns selbstverantwortliches
Handeln möglich ist als »Freiheit wozu«. "Das
philosophische Denken stellt sowohl die Frage nach der Möglichkeit von Freiheit
als auch nach dem Inhalt des Freiheitsbegriffs. Die Ethik steckt die Grenzen der
Freiheit gegenüber der Willkür ab; insbesondere für die Aufklärung und den
deutschen Idealismus ist Freiheit die Grundlage der Humanität," kann man im
"Brockhaus" lesen. >Hier<
zur Seite "Moral und Ethik".
Der moderne Philosoph Dr. Schmidt-Salomon (>hier< sein Buch "Jenseits von Gut
und Böse") widmet der Freiheit, die wir nicht haben, u.a. ein Kapitel (2):
"Abschied von der Willensfreiheit" mit folgenden Begründungen (überschrieben
als):
- Das Gehirn und sein Ich: Warum die Hirnforschung unser Selbstkonzept erschüttert
- »Tun können, was man will! « - Die Freiheit, die wir meinen
- Jaqueline, Elliot und Mr. Spock: Wie Gefühle unser Verhalten bestimmen
- Die Gedanken sind frei? Möglichkeiten und Grenzen der bewussten Verhaltenssteuerung
- Die Furcht vor der Freiheit: Eichmann oder der Wille zur Ohnmacht
Was gibt es nicht alles im Zusammenhang mit Freiheit?
Nennen wir zuerst einmal die vom Präsident der USA, F.D. Roosevelt 1941 in
seiner Jahresbotschaft an den Kongress verkündeten, seiner Ansicht nach 4
wichtigsten:
- Meinungs- und Redefreiheit,
- Religionsfreiheit,
- Freiheit von Not (Deckung der Grundbedürfnisse) und
- Freiheit von Furcht (gemeint war vor einem Krieg, der dann grausamst auch für
die USA begann).
Da gibt es noch:
Freiheitlichkeit (= Unabhängigkeit, Freigebigkeit, Offenheit,
Vorurteilslosigkeit, weitherzige Gesinnung...)
Freiheitsbrief (von Ripen: Es ging um Grafschaft Holstein)
Freiheitsentziehung (die Nelson Mandela erfahren musste, der sich
aber die Freiheit nahm, diese Zeit "sinnvoll" zu nutzen und dann in Handeln
umzusetzen)
Freiheitsberaubung (die alle [Kriegs-]Gefangenen erfahren)
Freiheitsglocke (wehe, man befindet sich in ihrer Nähe)
Freiheitsgrad (sind immer beschränkt)
Freiheitskämpfer (Bush gegen Bin Laden)
Freiheitskrieg (Afghanistan)
Freiheitsparteien (meist auf Kosten anderer)
Freiheitsrechte (religiöse Umzüge in Nordirland z.B.)
Freiheitsstatue (vielleicht nur ein gut gemeintes Symbol)
Freiheitsstrafe (nicht für alle Täter)
Freiheitssymbole (Klu Klux Klan zur Befreiung von den Niggern)
Freiheit der Forschung (empfinden unsere Mitlebewesen, die Tiere
als das Grausamste, können manche Menschen auf "in-vitro"-Tests beschränken
>hier< suchen)
Freiheit der Gedanken (hat man in einer schlaflosen Nacht, meist
quälender Art. Man kann sich jede Art von Gedanken frei bewusst aussuchen)
Freiheit der Meere (davon haben die Meere mehr als genug)
Freiheit der Person (für den Wett-, den Machtkampf? Ausmalen und
Spinnen können wir unbegrenzt)
Freiheit des Wollens (= Willensfreiheit nicht nur zur
Bedürfnisbefriedigung, also egoistischer - lebenserhaltender bis
selbstsüchtiger Natur? Man hat auch die Freiheit zum Altruistismus, d.h. selbstlos, uneigennützig
zu sein)
Willensfreiheit haben wir uneingeschränkt.
Entscheidungsfreiheit
und
Handlungsfreiheit haben wir keineswegs, höchstens beschränkt (Siehe weiter
unten zu zerstörten Gehirnteilen)
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (mit Bezug auf
Steuer"vermeidungs"möglichkeiten? zwischen Kain und Abel?)
freiheraus (sprechen) (sich um Kopf und Kragen reden? Aber die
Freiheit haben wir, uns auszumalen, "dem Chef die Meinung zu sagen")
...
akademische Freiheit (Hochschulort beliebig wechseln?
Zulassungsbeschränkungen? akademische Lernfreiheit? akademische Lehr- und
Forschungsfreiheit scheitert an abhängig machendem Geld.)
Konrad-Adenauer-Freiheitspreis: verliehen seit 1979 für ein »Lebenswerk aus vorwiegend konservativer und christlicher Sicht«
(spricht für sich selbst.)
...
und viele Begriffe mit frei... beginnend, wie Freibetrag, Freibrief, Freibeuter,
... bis Freischärler, Freischütz, freiwillig, Freistoß, Freizeit und
Freizügigkeit.
Bei genauem Hinsehen bleibt doch nicht recht viel übrig von der "Freiheit, die ich meine"
und ich mir manchmal wünsche, wie eigenständig, gleichberechtigt, selbständig,
unabhängig, ungehemmt, unbeaufsichtigt, unkontrolliert, fessellos, ungehindert,
salopp und natürlich sein, sowie denken, sagen und tun können, wie wir es
wünschen (natürlich ohne einem anderen Lebewesen schädigend "auf die Füße zu
treten").
Schauen wir uns daher auch vergleichend einmal die Bedeutung von "unfrei" sein an,
beginnend mit sogenannten Unannehmlichkeiten (Abhängigkeit, Lästigkeiten, Ärgerlichkeiten,
Belästigungen... Plackerei, Hörigkeit, Schikane...) bis durch Einkerkerung und Quälerei
durch Mitmenschen von uns (>hier<
der Luzifer-Effekt):
In Verlegenheit, aus der Fassung gebracht worden sein; peinlich berührt, verwirrt, bestürzt, in
Geldverlegenheit sein; sich unwohl, behelligt, belästigt, verdrießlich,
überfordert, behindert, willenlos, mutlos, ausgesetzt, ausgetrixt, ausgestoßen,
bedrängt, unterlegen, unterworfen, unterjocht, geknechtet, ausgebeutet, in
starker Abhängigkeit, verängstigt, wehrlos, gefesselt und schließlich völlig
ohnmächtig fühlen, ja körperlich und geistig sogar Folter ausgesetzt zu sein. Die soeben
gegebene Auflistung, bei der ich versucht habe, sich steigernde gefühlte oder
sogar erlebte Zustände anzugeben (ein guter Schriftsteller würde vieles mehr und
auch in der Art des Steigerungsverlaufs bringen können), lässt uns kaum auch nur
einen kleinen Lichtblick mit ungetrübter und absoluter, also von allem
losgelöster Entscheidungs- und Handlungs-Freiheit in unserem Leben. In der
Regel führen wir Zwangshandlungen aus und nicht freiwillig, also nicht nach
unseren freien Wollen. Es gibt zwar Kriegsfreiwillige. Aber die meisten Soldaten
haben den Krieg keineswegs freiwillig mitgemacht. Sie handelten unter dem
Zwang des Fahneneides und der Angst vor der standrechtlichen
Erschießung bei Befehlsverweigerung.
Zurück zum Buch "Die Freiheit und das Gehirn" von Detlef B. Linke mit Leseproben und kurzen Stellungnahmen:
Die Einleitung beginnt mit: "Unsere
entscheidende Orientierung finden wir im Konzept der Freiheit... Auch wenn
dieses Konzept von Gehirnen getragen wird, so bedeutet dies nicht, dass Freiheit
nur eine Angelegenheit des Gehirns ist. Es gilt jedoch, die Ergebnisse der
Hirnforschung beim Freiheitskonzept zu berücksichtigen. Lange Zeit verstand man
Freiheit als die Fähigkeit, bewegen zu können, ohne selbst bewegt zu werden.
Dies konnte man sich allerdings nur für ein nichtmaterielles Wesen vorstellen,
denn Materie ist den Einwirkungen anderer Dinge und Gegebenheiten ausgesetzt.
Der Mensch wurde daher in vielen Freiheitstheorien als eine Art «gehirnloser
Gott» konzipiert und auf diese Weise als von Natur und Welt unabhängig gedacht.
Die explosionsartige Entwicklung der Hirnforschung in den letzten Jahrzehnten
hat nun diese Intuition von der absoluten Freiheit etwas ins Wanken gebracht.
Aber es gibt auch zahlreiche Gründe, die uns kulturell lieb gewordene und für
die Politik unentbehrliche Freiheit als Konzept nicht nur von einigen
Laborexperimenten abhängig zu machen. Es gilt daher zu einer realistischen
Einschätzung der Einwände der Hirnforschung gegenüber dem Konzept der Freiheit
zu gelangen und eine Skizze des Menschen zu entwerfen, die gleichwohl Befunde
und Hinweise der Hirnforschung benutzt. Genauso wichtig ist es aber,
herauszuarbeiten, auf welche Weise der Freiheitsbegriff gegenüber den Einwürfen
der Experimentatoren und den Naturalisierungsvorhaben der Neurowissenschaften
immunisiert werden könnte. Dabei ist es wichtig zu sehen, dass die Etablierung
solch eines begrifflichen Immunsystems selber Konsequenzen für die Gestaltung
der menschlichen Freiheit hat, die für eine auf Technologie und
Naturwissenschaft angewiesene Nation und Gesellschaft sowie für Impetus und
Motivation nachteilig sein kann. Ich bin der Ansicht, dass Freiheitstheorie und
Hirnforschung durchaus nebeneinander bestehen können und bei der Frage, wie
Freiheit zu verwirklichen sei (was kann der Mensch leisten, was soll er tun,
woran soll er sich orientieren), sogar eine fruchtbare Interaktion möglich ist,
sodass eine weitere Teilung der Gesellschaft in die zwei Kulturen
(Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft) als überholt angesehen werden kann."
Folgende Ansicht von Detlev B. Linke kann ich nicht ganz nachvollziehen, nachdem
ich trotz mehrfachen Lesens nicht begriffen habe was er wirklich meint. Aber
vielleicht habe ich nur das Problem auf Grund meiner inzwischen verfestigten
Vorstellungen: "Nun lässt sich das Freiheitskonzept durchaus so formulieren,
dass man sagt, es gebe ein Reich der Vernunftgründe, das unabhängig von allen
Determiniertheiten und Ursachen der Natur zu denken sei. Will man nun zeigen,
dass alle Realisationen von Vernunft selber im Reich der Ursachen und
Determiniertheiten zu Hause sind, dann muss man dafür Sorge tragen, dass
wichtige Diskurse der Freiheit rekonstruierbar bleiben. Die wichtige Konzeption
der Freiheit als Selbstverhältnis zur Notwendigkeit, die z. B. auch bei der
politischen Begründung eines freien Staates als Verhältnis des Bürgers zu seinem
Staat von größter Bedeutung ist, müsste in einem Diskurs der Determiniertheit
wieder auftreten. Hier kann die Hirnforschung durchaus zeigen, dass
Selbstverhältnisse auch als Hirnprozesse denkbar sind. Solche Selbstverhältnisse
können dabei von der Hirnforschung als ein Vorgang gezeigt werden, bei dem alle
Prozesse (z. B. Gruppenselektion von Neuronenaktivität) wieder in dasselbe,
nämlich dasselbe des ganzen Gehirns verweisen. Insofern könnte man - bei
genügendem Mut - sogar damit zu Rande kommen, dass diesen Selbstbezügen kein
eigenes Zentrum (z. B. in Form eines isolierbaren Ich) zugewiesen werden kann.
In dieser Situation eröffnet sich die kreative Chance, die Brüche und
Verwerfungen, die innerhalb der Geistesgeschichte selber zu verzeichnen sind,
und das Aufbrechen neuer Konzeptionen in der Hirnforschung als Gelegenheit zu
nehmen, das Anliegen der Freiheit und die Konzeption der Natürlichkeit des
Menschen auf eine neue Art zusammenzuführen, wobei auf eine unendliche Weise die
Prozesse des Gehirns stets wieder in dasselbe weisen, das zugleich auch immer
etwas Neues ist."
Kommentar: Mit diesen wenigen einleitenden obigen Leseprobensätzen wird die Diskussion angestoßen, ob wir Menschen uns frei machen können, uns frei zu entscheiden oder ob wir - physiologisch gesehen - durch Vorgedachtes (Meme >hier< aber eher psychologisch/soziologisch interpretierbar), durch unsere kulturelle >Prägung< zu sehr festgelegt sind. (Noch einmal die obigen Aufzählungen durchgehen. Kommen Sie gegen - wenigsten einige Begriffe an, indem Sie sich "einfach" die Freiheit dazu nehmen?)
Nur durch unsere Freiheit im Denken sind von Mitmenschen Denkgebäude entstanden, in denen es sich viel bequemer "wohnen" lässt als die Affen auf ihren Bäumen. Diese "Denkgebäude" sind den Mitmenschen erschwert und oft überhaupt nicht ermöglicht worden, weil diese selbst keinerlei Freiheit wollten und wollen. Sie träumen nur in vorgedachten, ideologischen Bahnen. Sie wollen geleitet werden. Sie genießen keine Gedankenfreiheit, da sie - in der Regel - zu gar keinen Gedanken fähig sind. Sie haben keinen freien Kopf, der nur vollgestopft ist mit Aggression, Fanatismus, Verhaltensregeln. Freiheit im Denken kann doch nur dann aufkommen durch Zweifel, Wissensdrang, Unzufriedenheit.
Zitat Linke: "Die Befunde der Hirnforschung, auf die sich einige der Hirnforscher berufen, die
das Konzept der Freiheit zurückweisen, sind für solch weitreichende Folgerungen
keineswegs ausreichend. Zentrale Experimente, z. B. das von B. Libet und
Nachfolgern, haben keine »Freiheit aus Gründen« zum Thema, sondern lediglich die
Ausführung instruierter Fingerbewegungen, bei denen der Zeitpunkt der Bewegung
und zum Teil auch die zu wählende Hand willkürlich bestimmt werden konnte.
Keinesfalls ging es hier um Entscheidungsprozesse im Sinne des Abwägens von
Gründen. Freiheit im klassischen Sinne, als Entscheidungsfähigkeit aus Gründen
(Vernunftgründen), wäre eher dann Thema gewesen, wenn die Hirnforscher, bereits
während sie die Versuchspersonen fragten, ob sie an dem Experiment teilnehmen
möchten, schon ihre Messungen hätten durchführen können. Es lässt sich jedoch
nicht leicht standardisieren, Messungen der Hirntätigkeit durchzuführen, während
die Versuchspersonen überlegen und die Gründe des Für und Wider der Teilnahme am
Experiment abwägen. (lohnt sich das überhaupt, ist es interessant usw.)...
Wichtig ist dabei vor allem, auf die größere zeitliche Dimension menschlichen
Verhaltens einzugehen, dessen Eigentümlichkeiten in einem Versuch, bei dem nur
wenige Millisekunden für eine Entscheidung zur Verfügung stehen, kaum zum
Ausdruck kommen können. «Lass dir Zeit», solle der Gruß der Philosophen sein,
meinte der 1951 in Cambridge gestorbene österreichischer Philosoph Ludwig
Wittgenstein."
Ein Beispiel sei wiedergegeben, das zeigt, wie weit die Hirnforschung inzwischen gediehen ist (aus einer Sendung des Südwestfunks vom 7.8.2002): "... Eine Ratte irrt durch enge Gänge, mal hierhin, mal dahin. Sie lernt im Labyrinth einen neuen Weg. Ihr Gehirn arbeitet heftig; die Nervenzellen geben ein Feuerwerk an elektrischen Signalen ab. Wissenschaftler haben das Gehirn der Ratte verdrahtet und zeichnen das Muster der Signale auf. Dann schläft die Ratte mit den Drähten im Kopf ein. Und während sie schläft, zeigen sich plötzlich dieselben Muster wieder. Die Ratte träumt davon, im Labyrinth zu laufen" entsprechend einer Vorwegnahme durch den Psychoanalytiker, Sigmund Freud: Nachts verarbeitet das Gehirn Tageserlebnisse. Professor Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher an der Uni Ulm, ergänzte in vorhin erwähnter Sendung: "Das ist das bahnbrechende: Es ist mittlerweilen nicht nur möglich zu sagen: Die Ratte träumt gerade; man kann sogar einigermaßen angeben, wovon sie träumt, nämlich beispielsweise von der linken hinteren Ecke des Labyrinths oder von der rechten vorderen."
Der Bremer Hirnforscher Professor Gerhard Roth sieht voraus, dass man in der Lage sein wird, "eine empirische Grundlage der Psychotherapie und Psychoanalyse zu bilden, und zwar sehr viel weitgehender als man das jetzt glaubt. Man wird das Unbewusste, das Vorbewusste, das Bewusste, das Ich, das Über-Ich nicht mehr definieren können ohne die Hirnforschung." So kann man wieder eine der Theorien des Herrn Freud bestätigen, "wonach das Unbewusste weitgehend das Bewusstsein beherrscht und dass das Unbewusste sich vor dem Bewussten entwickelt." Daraus folgt ein wichtige Erkenntnis: "Entscheidungen werden im Unbewussten gefällt". Nun laufen im Unbewussten seelische Vorgänge ab, die einer Selbstbeobachtung nicht zugänglich sind, zumindest nicht unmittelbar, die jedoch an bestimmten Verhaltensweisen (Wirkungen) erkannt werden können, in der Regel nur von erfahrenen Außenstehenden.
Der Neurologe Antonio R. Damasio (Bücher: 1. Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. Aus dem Englischen. Taschenbuchausgabe München 2002 und 2. Descartes' Irrtum, [wo und wann erschienen: ?]) hat durch Verletzungen am Gehirn herausgefunden, dass Menschen, bei denen bestimmt Teile bzw. die Bahnen zur Weiterleitung von Gefühlen und Affekten zerstört worden waren, sich nicht entscheiden können, selbst wenn sie für eine Entscheidung alle notwendigen Informationen bekommen haben. In diesen Fällen haben Menschen keine Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Man weiß inzwischen, dass uns die meisten seelischen Vorgänge unbewusst bleiben. Damit wissen wir auch nicht viel über unsere unbewussten Prägungen (>hier<).
Es sollte noch erwähnt werden, dass auch schon ein altes, bisher unstrittig angenommenes Dogma (griechisch »Meinung«, »Verfügung«, »Lehrsatz«, also eine Aussage, mit absolutem Gültigkeitsanspruch, mit unumstößlicher Wahrheit) seine Gültigkeit verloren hat, wonach sich Nervenzellen, insbesondere Gehirnzellen nicht erneuern. Tatsächlich werden aber nicht nur neue Zellverbindungen im Gehirn hergestellt sondern sogar - bei bestimmten Lernaufgaben - neue Nervenzellen.
Der Hamburger Psychosomatikspezialist, Prof. Friedrich-Wilhelm Deneke vertritt die Auffassung, dass alles im Gehirn mehrfach abgespeichert sein muss (das da Komprimieren, Dekomprimieren, Umkodieren usw. abläuft). Anders kann es kaum sein; denn im Gehirn werden alle Moleküle alle paar Jahre gewechselt bzw. erneuert. Jegliche Speicherung ist an Materie gebunden: Ohne Hardware keine Software. (Nun komme mir keiner mit der guten Seele. Dann hört die Diskussion auf; denn alle Gläubigen kennen die absolute Wahrheit, die sie mit allen Mitteln verteidigen, z.B. >hier< zu einer einmal festgelegten Meinung. Wissenschaftler stellen alles immer wieder infrage.) Bekannt ist, dass Personen, die einen Schlaganfall erlitten hatten, was die Zerstörung einiger Gehirnteile bedeutete, allmählich vieles wieder erinnern und auch physisch machen können, auch wenn es ein sehr langwieriger Prozess ist.
Detlef B. Linke (mit seinem Buch auf dieser Webseite) wehrt sich gegen "die Äußerung, dass alle Hirntätigkeit deterministisch sei". Er findet das als "unzureichend, da ja gerade die Frage, wie notwendige Regeln des Zusammenlebens von uns zu realisieren sind, auch wenn wir noch so sehr von Interessen und Umständen determiniert werden, für das individuelle Wohl wie auch das der Weltgesellschaft von entscheidender Bedeutung ist. Die ungeprüfte Verabschiedung von Freiheitskonzeptionen aufgrund allein deterministischer Argumente erscheint mir also höchst gefährlich zu sein und muss scharf zurückgewiesen werden."
Wie alles auf der Welt, ist auch diese Frage nach Freiheit, welcher Art und wozu, sehr komplex und nicht eindeutig festlegbar- zumindest zur Zeit nicht. Noch vor wenigen Jahren dozierte Herr Professor Werner Scheid (>hier<): Da gibt es den großen Trennungsstrich - hier die Gesunden und dort die Kranken! Scheid war nicht nur anerkannter Neurologe und Psychiater sondern sogar Dekan der Medizinischen Fakultät (1951-1952) und Rektor der Universität zu Köln (1966-1967). Den vorgenannten (damaligen Standard-)Blödsinn hat er nicht nur einmal von sich gegeben.
Freiheit auf allen vorgenannten Gebieten ist kein Geschenk Gottes und nichts
Naturgegebenes (Determiniertes). Man muss sich Freiheit nehmen. Giordano Bruno
hat sie bis zu seiner Verbrennung (1600) nicht aufgegeben. Ideologisch fest
eingebundene Menschen haben und wollen auch keine Freiheit. Es ist wichtig
festzustellen, dass Freiheit mit hoher Verantwortung verbunden ist. Freiheit ist
mit einer übergeordneten Ethik (>hier<)
eng verknüpft. Wer beispielsweise die derzeitige rudimentären*
Menschenrechtskonvention nicht einmal einhält, verdient keine uneingeschränkte
Freiheit, nimmt sich diese aber rücksichtslos wie ein ausschließlich räuberisch
geprägter fleischfressender Dinosaurier.
* (rudimentum = erster Versuch, Probestück, Vorschule)
Dr. Ulfried Geuter, Autor des Manuskripts mit dem Thema »Hier irrte Freud; da lag er richtig - Was Hirnforscher und Psychotherapeuten voneinander lernen« zur Sendung des Südwestfunks vom 7.8.2002, erklärt: "Das Denken ist ein spätes Produkt der Evolution. Die ursprüngliche Aufgabe von Gehirnen ist es nämlich, die innere Ordnung eines Organismus aufrecht zu erhalten und ihn vor äußeren Gefahren zu schützen. Zu diesem Zweck steuert das menschliche Gehirn die dafür notwendigen inneren Abläufe und äußeren Handlungen, vom Herzschlag bis zum Häuser bauen". Damit ist eine wichtige Aussage gemacht worden: Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen weit und breit, welchen die völlig sinnlose Evolution, ohne irgend einen Sinn und Verstand durchschauen konnte, um sich auf Grund unserer über Alltäglichkeiten - Nahrungssuche und Vermehrung - hinausgehende Denkfähigkeit nicht nur Menschenrechte sondern überhaupt umfassenden Umweltschutz auszudenken. Das macht Menschen (leider immer noch eine ganz geringe Minderheit) zu einer noch nie dagewesene, aus dem Darwinismus herausragenden aus abweichenden Wesensart.
Der Göttinger Neurobiologe, Prof .Gerald Hüther meint: "Das war nur möglich, indem man Gefühle hatte, und die wichtigste Bedrohung" ... und ... "das wichtigste formende und formgebende Element in der Entwicklung des menschlichen Gehirns" ist "die soziale Interaktion." Das heißt: Dieses besondere Gehirn verleiht uns (theoretisch) die Fähigkeit, mit Mitmenschen Erfahrungen auszutauschen, diese inzwischen nicht nur persönlich sondern allgemein zugänglich zu speichern und damit eine Basis aufzubauen für unseres zukünftiges, nicht naturgegebenes rücksichtloses Handeln. Doch wie bereits durch obige Klammer angedeutet, sind die ideologisch fundamentalistisch geprägten Menschen weder in der Lage noch willens, dieses Abheben von den evolutionären Gesetzen mitzumachen. Das bisher nicht gelöste Problem liegt in der Sorge der Herrschenden um den Verlust ihrer Pfründe, also ihrer Vermögensaneignung und -ausstattung. Ihr bester Schutz ist die Volksverdummung oder die Weigerung einer umfassenden Ausbildung und damit Aufklärung.
Zur Willensfreiheit gibt es eine recht eindrucksvolle Regelung bei einem sogenannten Naturvolk. Die Entscheidungsträger sitzen zusammen und treffen eine Entscheidung, wobei es absolut verboten ist, irgendein Rauschmittel genommen zu haben, ob Alkohol, Droge oder Rauchware. Danach betrinkt man sich oder berauscht sich anderweitig bis an die Grenze dessen, was noch nach einem Wachzustand aussieht. Wieder wird jetzt abgestimmt. Haben die Entscheidungsträger mehrheitlich genauso wie im nüchternen Zustand entschieden, gilt diese Entscheidung unumstößlich. Daraus kann geschlossen werden, dass es bekannt ist, welchen Freiheitsgrad Menschen im Rahmen einer Handlungsfreiheit haben können.
Abschließend noch eine Bemerkung, die auch Detlef Linke in seinem Buch "Die Freiheit und das Gehirn" behandelt, wonach Kreativität und schöpferisches Handeln im Zusammenhang stehen mit Freiheit nicht nur im Denken sondern auch in Bezug auf unabhängig sein, d.h. physische und psychische Sicherheit müssen gegeben sein.
Walter Rath, Februar 2010
Christian Geyer, 1960 in Aachen geboren, studierte
Philosophie, Geschichte und Germanistik in Bonn und Köln, volontierte bei der
Zeitung „Die Welt“ und war anschließend Redakteur für deren Hochschulseite, seit
1992 Feuilletonredakteur bei der F.A.Z., anschließend für das Ressort „Neue
Sachbücher“ zuständig.
Produktbeschreibung:
Der Neurophysiologe Benjamin Libet hat in Experimenten nachgewiesen, daß jeder bewußten Handlungsentscheidung Hirnaktivitäten vorausgehen, welche die Handlung bereits festgelegt haben. Was folgt daraus? Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer behaupten: Unser Wille ist nicht frei, unsere Handlungen sind determiniert. Wenn diese Behauptung zutrifft, ergeben sich daraus schwerwiegende Konsequenzen: Vom Strafrecht bis zu unserem Selbstverständnis als Menschen stünde alles zur Disposition. Aber ist der subjektive Eindruck, frei zu handeln, wirklich bloße Illusion? Sind die Laborbefunde selbsterklärend? Wer entscheidet über deren Deutung? Natur- oder Geisteswissenschaftler?
Süddeutsche Zeitung Zeitung von 13.11.2004: Unbewusst, höchste Lust
Illusionen freier Köpfe:
Neue Bücher zur Hirnforschung
MICHAEL PAUEN: Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der
Hirnforschung.
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2004. 272 Seiten, 19,90 Euro.
CHRISTIAN GEYER (Hrsg.): Willensfreiheit und Hirnforschung. Zur Deutung der
neuesten Experimente.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2004. 295 Seiten, 10 Euro.
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
Bücher über Willensfreiheit haben Konjunktur. Nach Peter Bieris Bestseller „Das
Handwerk der Freiheit” hat nun Michael Pauen mit „Illusion Freiheit?” eine
Minimaltheorie der Willensfreiheit vorgelegt, die zugleich eine Maximaltheorie
sein soll, weil jede stärkere Theorie zu Schwierigkeiten führt. Das Buch kommt
zur rechten Zeit, denn die Öffentlichkeit bekommt von Hirnforschern wie Gerhard
Roth und Wolf Singer des öfteren zu hören, dass Willensfreiheit eine Illusion
sei, weil das, was man will, von Prozessen im Gehirn determiniert ist und weil
einem die Determinanten des eigenen Willens nicht völlig bewusst sind.
Pauens Theorie, die eine Variante kompatibilistischer Positionen darstellt, in
denen von der Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Determinismus ausgegangen
wird, umfasst zwei Prinzipien: das Autonomie- und das Urheberschaftsprinzip: Das
Autonomieprinzip fordert, dass äußere und innere Zwänge bei einem Willen, der
frei sein soll, abwesend sind. Das Urheberschaftsprinzip besagt, dass ein freier
Wille der Person und nicht dem Zufall oder personfremden Einflüssen zuschreibbar
sein muss. Wenn beide Prinzipien erfüllt sind, soll der Wille einer Person als
selbstbestimmt, und damit frei gelten.
Was nun die Zuschreibbarkeit eines Willens zu dem Selbst, dem Ich oder eben der
jeweiligen Person angeht, so möchte Pauen ihn an das binden, was er „personale
Präferenzen” nennt. Personale Präferenzen sind Wünsche, Überzeugungen und
Dispositionen, die für das jeweilige Selbst konstitutiv sind. Unter drei
verschiedenen Interpretationen dieser Präferenzen entscheidet sich Pauen für
eine Interpretation, die nur diejenigen Wünsche, Überzeugungen und Dispositionen
als zum Selbst gehörend zulässt, die „möglicher Gegenstand einer wirksamen
selbstbestimmten Entscheidung” sind und die man insbesondere durch einen
Willensentschluss aufgeben könnte. Dadurch erweisen sich etwa
Suchtdispositionen, die man nicht durch einen solchen Entschluss aufgeben kann,
als nicht zum Selbst gehörend.
Ein Willensakt ist also genau dann frei, wenn sich die Entscheidung der Person
auf ihre personalen Präferenzen zurückführen lässt. Es könnte sein, dass die
Bestimmung der Präferenzen als mögliche Gegenstände selbstbestimmter und daher
freier Entscheidungen diese Explikation von Willensfreiheit zirkulär macht, aber
der grundlegende Gedanke, dass Urheberschaft und Autonomie für Willensfreiheit
konstitutiv sein sollen, ist davon nicht betroffen.
Können wir anders?
Traditionellerweise wird Willensfreiheit außer mit Urheberschaft und Abwesenheit
von Zwang auch noch mit einer weiteren Bedingung verknüpft, nämlich mit dem
Prinzip der alternativen Möglichkeiten. Damit der Wille einer Person frei ist,
so heißt es oft, muss die Person auch die Möglichkeit gehabt haben, anders zu
handeln, als sie tatsächlich gehandelt hat. Dieses Prinzip lässt sich
verschieden streng interpretieren. In der strengsten Interpretation, die besagt,
dass jemand unter genau den gleichen Umständen innerer und äußerer Art hätte
anders handeln können müssen, ist es jedoch mit dem Prinzip der Urheberschaft
nicht vereinbar, weil eine andere Entscheidung bei Vorliegen derselben Gründe
bedeutet, dass die Entscheidung gerade nicht von der Person abhängig ist.
Will man am Prinzip der Urheberschaft festhalten, muss man das Prinzip in dieser
Interpretation aufgeben. Pauen argumentiert dafür, das Prinzip so zu
interpretieren, dass die äußeren Bedingungen die Ausführung der Handlung
gestatten.
Im letzten Teil des Buches erfährt der Leser einiges über psychologische Modelle
von Willensakten, über die kontrovers diskutierten Experimente des
amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet, deren Ausbeutung für die These
von der Willensfreiheit als Illusion Pauen mit überzeugenden Argumenten
zurückweist, über die These von Daniel Wegner, dass der freie Wille deshalb
illusionär sei, weil wir uns über die wirklichen Ursachen einer Entscheidung
täuschen können, über Antonio Damasios Idee, dass Emotionen einen wichtigen
Einfluss auf Entscheidungen haben, und über die unterschiedliche Bedeutung von
Autonomie und Urheberschaft in westlichen und östlichen Kulturen. Ein Kapitel
über die Beziehungen zwischen Willensfreiheit, Schuld und Strafe und ein kurzer
Ausblick auf mögliche Weiterentwicklungen der vorgelegten Konzeption von
Willensfreiheit schließen den Band ab.
Als Dokumentation einer Diskussion der These, Willensfreiheit sei eine Illusion,
die in der FAZ geführt wurde, ist nun das von Christian Geyer herausgegebene
Buch Hirnforschung und Willensfreiheit erschienen, dessen Titel „Zur Deutung der
neuesten Experimente” mehr verspricht, als der Inhalt des Bandes hält. Was immer
auch die neuesten Experimente sein mögen, so werden die Experimente von Libet,
Haggard und Eimer, die in den letzten Jahren für einige Aufregung sorgten, nur
von ganz wenigen Diskussionsteilnehmern besprochen. Größeren Raum nehmen zwei
Texte von Wolf Singer und Gerhard Roth ein, die in der „Deutschen Zeitschrift
für Philosophie” erschienen sind und um deren Positionen sich die Diskussion zu
einem guten Teil rankt. Es geht jedoch nicht nur um Willensfreiheit und
Hirnforschung, sondern auch um den möglichen Beitrag, den die
Neurowissenschaften zur Geschichtswissenschaft leisten können, um die Frage, was
bei meditativen und mystischen Zuständen im Gehirn passiert, um „die
neurobiologische Naturalisierung reflexiver Innerlichkeit”, um die mögliche
Konvergenz von Friedrich Dürrenmatts Auffassung der Bedeutung des Gehirns mit
neurobiologischen Auffassungen und andere Dinge. Es hätte dem Buch gewiss nicht
geschadet, wenn sich die Auswahl der einzelnen Beiträge mehr an der thematischen
Linie des Verhältnisses von Willensfreiheit und Hirnforschung orientiert hätte.
Was heißt hier frei?
Das Grundproblem einer Verständigung zwischen Neuro- und den
Geisteswissenschaftlern besteht zum einen in der nicht diskutierten
Voraussetzung der Neurowissenschaftler, dass der Determinismus des Gehirns -
der, wie Libet in seinem neuen Buch „Mind Time” zu Recht meint, nichts weiter
als ein Glaube vieler Naturwissenschaftler ist -, Willensfreiheit auf jeden Fall
ausschließt, dass ein freier Willensentschluss ein solcher ist, für den es
überhaupt keine Ursachen gibt oder der am Anfang einer neuen Kausalkette steht.
Zum anderen interpretiert Gerhard Roth das Anders-handeln-Können als unter genau
denselben inneren und äußeren Bedingungen eine andere Handlung oder einen
anderen Entschluss vollziehen. Damit wird die Grundidee der Kompatibilisten,
nämlich dass Willensfreiheit eine Struktur ist, die mit dem Verhältnis der
Entscheidungen zum Selbst zu tun hat, überhaupt nicht gewürdigt.
Eine begriffliche Verständigung darüber, was man vernünftigerweise unter
Willensfreiheit verstehen sollte, anstatt davon auszugehen, dass wir doch alle
schon einen hinreichenden Konsens darüber haben, was wir mit Willensfreiheit
meinen, wäre sehr dienlich. In diesem Zusammenhang ist auch die Tendenz von Roth
und Singer zu kritisieren, die unbewussten Determinanten von Verhalten gegenüber
den bewussten in einer solchen Weise in den Vordergrund zu stellen, dass der
Eindruck erweckt wird, die bewusste Abwägung von Gründen spiele für unsere
Handlungen eine vernachlässigbare Rolle oder das bloße Konfabulieren von
Handlungsgründen zur nachträglichen Rationalisierung sei die Regel anstatt die
Ausnahme.
Eine fruchtbarere Kooperation zwischen Neurowissenschaftlern, Psychologen und
Philosophen könnte darin bestehen, sich zunächst auf einen tragbaren Begriff von
Willensfreiheit zu einigen, bei dem beispielsweise, wie von Pauen vorgeschlagen,
die Merkmale der Urheberschaft und Autonomie im Vordergrund stehen, und dann die
Frage zu stellen, worin das Selbst auf der neuronalen Ebene besteht, was zu ihm
gehört und was nicht. Dass man hier nicht nur die Option einer Identität hat,
die von Singer abgelehnt wird, und auch nicht nur die Alternative der
Kausalbeziehung zwischen neuronalen Ereignissen und mentalen Zuständen, lehrt
ein Blick in die Philosophie des Geistes, in der die Realisierungsbeziehung als
aussichtsreicher Kandidat für das Verhältnis zwischen personalen Präferenzen und
bestimmten Eigenschaften der neuronalen Dynamik angesehen werden kann.
JÜRGEN SCHRÖDER
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