Zwangsverheiratung
Razzia auf Polygamisten-Ranch
183 Frauen und Kinder befreit - Vorwurf des sexuellen Missbrauchs
Mädchen sollen in der texanischen Mormonen-Sekte zwangsverheiratet worden sein.
VON RITA NEUBAUER
Houston - Eldorado ist eine „two-stop-light-town" - ein staubiges Nest in Texas
mit 2000 Einwohnern, ein paar Tankstellen, mehreren Kirchen und einer enormen
Ranch. Weit abgelegen von der nächsten Großstadt - 414 Kilometer sind es nach
Dallas - scheint das Kaff genau der richtige Ort für eine Sekte, die Polygamie
und sexuellen Missbrauch für die Glückseligkeit betreibt und junge Mädchen gegen
deren Willen verheiratet. Jetzt wurde durchgegriffen. Vertreter von Polizei und
Jugendamt stürmten die YFZ („Yearning for Zion")-Ranch der Fundamentalistischen
Kirche der Heiligen der Letzten Tage (FLDS). Deren ehemaliger Anführer Warren
Jeffs sitzt seit zwei Jahren hinter Gittern. 137 Kinder im Alter zwischen sechs
und 17 Jahren sowie 46 Frauen wurden in Bussen abtransportiert und an einen
geheimen Ort gebracht - um sie zu den Umständen auf der Ranch befragen.
Geh und tue, was er
dir sagt
SEKTENFÜHRER WARREN JEFFS
Inzwischen kam es auch zu einem Showdown zwischen Sektenmitgliedern und der Polizei, als diese Zutritt zum schneeweißen Tempel verlangte. Die Polizei - auf Gegenwehr eingerichtet, die aber ausblieb - war auf der Suche nach Dale Barlow, einem sexuellen Straftäter. Die Suche nach ihm hatte die Razzia ausgelöst. Ein 16-Jähriges Mädchen wirft ihm sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung vor. Sie sei, so schilderte sie der Polizei, mit dem 50-Jährigen verheiratet worden und habe ein Kind von ihm bekommen, als sie 15 war. Ein altbekannter Vorwurf gegen eine Sekte, die sich von der Mormonenkirche „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" abspaltete, als diese vor mehr als einem Jahrhundert die Polygamie aufgab. Schlagzeilen machen die Polygamisten immer wieder. Zuletzt im vergangenen Jahr, als Warren Jeffs (51) von einem Gericht in Utah zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, wegen Beihilfe zur Vergewaltigung einer 14-Jährigen. Jeffs - mit mehreren Dutzend Frauen in „spiritueller Union" verheiratet - droht Ende des Jahres ein weiterer Prozess in Arizona.
Unter Tränen hatte im ersten Prozess das Opfer geschildert, wie sie mit 14
Jahren von Jeffs zur Ehe mit einem älteren Mann gezwungen worden war. Jeffs habe
sie getraut und sie aufgefordert, „sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern".
Als die heute 22-Jährige sich ehelichen Beziehungen widersetzte, sagte Jeffs:
„Geh und tue, was er dir sagt." Dass auf der Ranch, die seit dem Kauf durch die
Fundamentalisten 2003 unter Beobachtung stand, erst jetzt eine Razzia stattfand,
ist nun Gegenstand öffentlicher Kritik.
Kölner Stadt-Anzeiger - Nr. 81 - Montag, 7. April 2008