Aleviten-Protest

Helmut Frangenberg: „Der Schaden ist sehr groß" >hier<



Ein Gespräch mit Angelina Maccarone zum Streit über ihren „Tatort"-Film


Der Protest der Aleviten gegen den am Sonntag (30.,12,2007) ausgestrahlten ARD-Krimi überrascht die Regisseurin

 

"Ich wollte genau das Gegenteil"


In dem Film „Wem Ehre gebührt" der ARD-Krimiserie „Tatort", der am Sonntag ausgestrahlt wurde, geht es um einen Inzest-Fall in einer alevitischen Familie. Sunnitische Muslime sollen eine vor unzähligen Jahren die Behauptung aufgestellt haben: Sex unter Familienmitgliedern bei den Aleviten sei ein religiöses Ritual. Nachdem der ARD-Krimi einen solchen Fall geschildert hat, kam es zu den Protesten.

 

Maria Furtwängler spielt die Kommissarin, die aus Köln stammende Angelina Maccarone (41) schrieb das Drehbuch und führte Regie.

 

Die Alevitische* Gemeinde von Berlin hat wegen Volksverhetzung gegen den für diesen „Tatort" verantwortlichen NDR Strafanzeige erstattet. Die Aleviten, eine muslimische Religionsgruppe, sehen durch den Film alte sunnitische Vorurteile gegen sie  bedient und demonstrieren derzeit in mehreren deutschen Städten. (MaS)

* Nusairïer (Nosseirier), nach ihrem angeblichen Gründer Abu Suaib Mohammed Ibn Nusair (880) benannte islamische Religionspartei und Sondergemeinschaft; Selbstbezeichnung Alawiten. Verbreitet in Syrien (rund 12% der Bevölkerung) und in Libanon (etwa 50000 Nusairier). Die Zahl der religionsgeschichtlich verwandten Aleviten in der Türkei wird offiziell mit etwa 10 Mio. angegeben. Die Nusairier haben sich früh von den Ismailiten abgespalten und werden aufgrund ihrer theologischen Positionen zu den extremen Schiiten gerechnet. (© 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG)


 

KÖLNER STADT-ANZEIGER (KStA): Frau Maccarone, waren Sie überrascht von der heftigen Reaktion auf diesen „Tatort"?


ANGELINA MACCARONE: Ja, das war ich. Dieses alte Stigma, diese Unterstellung des Inzests war mir nicht bewusst. Zudem wird die Tat ja in keiner Weise religiös motiviert oder gerechtfertigt - im Gegenteil: Es gibt auch einen alevitischen Kommissar, der fassungslos vor diesem Familiendrama steht.

 

Mir ging es um eine differenzierte Darstellung türkischer Migranten

Angelina Maccarone (BILD: DPA)

Drehbuch-Autorin und Regisseurin MaccaroneKStA: Dass das Thema heikel ist, war den Beteiligten sicherlich vorher bewusst: Hat der NDR den Film vorher gezeigt? In den Zeitungen war jetzt die Rede davon, dass schon vorher versucht wurde, die Ausstrahlung zu verhindern.


MACCARONE: Die Proteste basierten darauf, dass die „Hürryet" sich am Samstag offenbar sehr reduziert zu dem Film geäußert hat und publik gemacht hat, dass es um Aleviten und Inzest geht. Daraufhin kam es zu ersten Protesten der Aleviten, und der NDR hat - was wohl erstmals beim „Tatort" der Fall war - zu Beginn eine Schrifttafel eingeblendet, dass es sich um eine Fiktion handelt, um das einfach zu deeskalieren.


KStA: Sie haben ja auch das Drehbuch geschrieben. War der Ausgangspunkt ein konkreter Fall?


MACCARONE: Nein, es ist eine rein  fiktive Geschichte. Mir ging es um eine differenzierte Darstellung türkischer Migranten, denn es gibt zurzeit viele Vorurteile, die teilweise auf Vorkommnissen basieren wie dem Ehrenmord in Berlin, der Schlagzeilen machte. Ich wollte einen Fall erzählen, der unabhängig  von Nationalität und Religion.

 

KStA: Sie haben dennoch recherchiert?


MACCARONE: Ja, natürlich, und das Erstaunliche bei meinen Recherchen, die sich hauptsächlich auf das stützten, was die Gruppierungen selber sagen, war, dass auf den Seiten, wo Aleviten schildern, - was ihren Glauben ausmacht, dieses Stigma - gar nicht vorkommt. Das kann ich auch verstehen, dass sie nicht ihre  Stigmatisierung - die noch aus dem Osmanischen Reich stammt - dort präsentieren. Aber das ist natürlich - der Grund dafür, dass ich dort, trotz ausführlicher Recherche, nichts gefunden habe.

KStA: Sie hatten auch Passagen im Film, wo Türken miteinander Türkisch reden, die nicht untertitelt waren.


MACCARAONE: Das war auch eine bewusste Entscheidung, weil sonst im deutschen Fernsehen türkische Migranten ausschließlich Deutsch miteinander reden. Der Verzicht auf Untertitel war mir wichtig, weil es näher an der Lebenswirklichkeit ist. Die deutsche Kommissarin erlebt das als Ausgeschlossensein, und das transportiert sich auch dem Zuschauer. Das hat auch der NDR so akzeptiert.


KStA: Wie kam dieser Stoffzustande? Hatten Sie einen Auftrag für einen„ Tatort" mit dieser Kommissarin?


MACCARONE: Ja, die zweite Vorgabe war, etwas zu erzählen, das in einem türkischen Milieu spielt.

 

Der „Tatort" greift immer wieder gesellschaftliche Probleme auf


KStA: Es gibt ja sowohl im Umfeld der schwangeren Kommissarin als auch bei dem türkischen Vater eine gewisse Überfürsorglichkeit.


MACCARONE: Natürlich versuche ich auch, die Privatgeschichte der Kommissarin im Fall zu spiegeln.


Sie hat einen türkischen Kollegen an ihrer Seite, der vom künftigen Hamburger „Tatort"-Kommissar Mehmet Kurtulus gespielt wird. Das ist ein wenig irritierend.
MACCARONE: Ich habe sofort an ihn für diese Rolle gedacht, vielleicht hat er dem NDR so gut gefallen, dass sie ihn daraufhin engagiert haben. Die Bekanntgabe, dass er der Nachfolger von Robert Atzorn wird, kam kurz nachdem wir abgedreht hatten.


KStA: Ist der„ Tatort " eine gute Möglichkeit, mit solchen Geschichten ein großes Publikum zu erreichen?


MACCARONE: Der „Tatort" greift seit 30 Jahren immer gesellschaftliche Probleme auf, deshalb war das eine reizvolle Aufgabe. Die Figur des Kommissars setzt einem bestimmte Grenzen, aber das fand ich spannend. Und natürlich ist es toll, wenn man sieben Millionen Zuschauer hat - nicht so toll ist, wenn man danach eine Anzeige wegen Volksverhetzung bekommt, das ist j a genau das Gegenteil von dem, was ich wollte.


KStA: Sie haben mittlerweile einen weiteren „Tatort" mit Kommissarin Lindholm abgedreht...


MACCARONE: Ja, da geht es um Schrebergartenbesitzer.

Das Gespräch führte Frank Arnold (Kölner Stadt-Anzeiger, Freitag, 28.12.2007)

 


Der aus einem Furz hergeleitete Donnerschlag wird lauter:

„Der Schaden ist sehr groß"
Alevitische Gemeinde verteidigt ihren Protest gegen einen „Tatort"-Film
Tausende wollen in Köln gegen den Film demonstrieren, in dem es um Inzest unter Aleviten ging.
VON HELMUT FRANGENBERG

Ali Erkan Toprak
Köln - Die Alevitische Gemeide Deutschland hat den Protest gegen den NDR-Tatort vom vergangenen Sonntag verteidigt. Man könne verstehen, dass die deutsche Öffentlichkeit die Reaktionen als übertrieben empfinde, sagte Generalsekretär Ali Ertan Toprak. Doch der angerichtete Schaden sei sehr groß. Ah Dachorganisation habe man versucht, die Empörung der Aleviten ir Deutschland zu kanalisieren. Die geplante Großdemonstration am Sonntag in Köln sei ein demokratisches Mittel. Toprak rechnet mit rund 20.000 Demonstranten, die Polizei erwartet rund 10.000. Toprat zeigte auch Verständnis für die erstatteten Strafanzeigen wegen Volksverhetzung. Auch das sei eine „Form des Protestes", auch wenn nicht viel dabei heraus komme. In dem Fernsehkrimi ging es um eine alevitische Familie, in der der Vater seine Tochter missbraucht hatte. Die Tochter flüchtet sich daraufhin sie in eine strenge Religiosität. Diese Verknüpfung sei das eigentliche Problem, so Toprak. Der„Tatort" greife ein uraltes Inzest-Vorurteil auf, mit dem Pogrome gegen Aleviten begründet worden seien, und suggeriere dann, dass man sein Seelenheil in einer strengen Auslegung des Islam finde. Das seien gefährliche Botschaften, die man nicht einfach mit dem Hinweis auf die Kunst- und Medienfreiheit vom Tisch wischen könne. Die Regisseurin habe nicht nur schlecht recherchiert, sie handele auch „grob fahrlässig", weil sie „Islamisten in die Hände spielt". „Eine Schleichwerbung für den Islam im Sinne der orthodoxen Muslime auf Kosten der säkularen Aleviten durch einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender können wir als Aleviten und Bundesbürger nicht hinnehmen", heißt es in einem offenen Brief an Bundesinnenminister Schäuble. Die Alevitische Gemeinde nimmt Bezug auf die Islamkonferenz. Die Aussagen des Krimis torpedierten die Integrationspolitik der Bundesregierung. „Was ist denn die Deutsche Islamkonferenz noch wert, wenn der Wertekonsens, den wir gemeinsam mit islamischen Organisationen und der Bundesregierung anstreben durch einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender dermaßen über den Haufen geworfen wird?"


Auch die Türkisch-Islamische Union Ditib forderte die ARD gestern auf, sich zu entschuldigen. Man habe großes Verständnis für den Protest. Toprak nannte die Unterstützung durch die Ditib „heuchlerisch". Die Ditib sei der verlängerte Arm der türkischen Religionsbehörde, die sich bis heute weigere, die Aleviten als eigenständige Religionsgemeinschaft anzuerkennen. Die Aleviten seien auch nach der Gründung der türkischen Republik weiter verfolgt und diffamiert worden. Dabei sei der Inzest-Vorwurf immer als Vorurteil bemüht worden, um den „Volkszorn seitens sunnitische Moslems" anzustacheln.


 

Man sieht, wie von Religionsführern eine Nichtigkeit im Rahmen eines religiösem Wahns aufgebauscht werden kann. Der Fall ist bestimmt noch nicht zu Ende(?)