Papst-Rede über "Glaube, Vernunft und Universität"
am 12. September 2006
Bilder: ORF
Muslime
verärgert über angebliche "Verleumdungen" durch den Papst "Al-Jazeera" brachte am Donnerstag Kommentare wie "Er muss seine Äußerungen zurückziehen", "Gefährliche Worte, die nicht einmal ein Volksschulkind aussprechen würde, weil es weiß, dass es damit dem Terrorismus einen Nährboden bereitet" und "Man wusste ja, dass sich dieser Papst mit dem internationalen Zionismus verbündet hat". Ähnlich war die Berichterstattung von "Al-Arabiya", des zweitgrößten arabischen Satellitensenders. Er übertitelte seine Meldung so: "Der Papst übt wenige Wochen vor seinem geplanten Türkei-Besuch Kritik am Islam" und fügte hinzu: "Damit dürfte er den Zorn der islamischen Welt heraufbeschwören."
Vermutlich als Reaktion auf die umstrittenen Aussagen von Papst Benedikt XVI. über den Islam haben Palästinenser am Freitag einen Sprengstoffanschlag auf eine Kirche im Gazastreifen verübt. Vor dem Eingang einer Kirche in Gaza sei eine selbstgebaute Bombe gezündet worden, die Sachschaden angerichtet habe, teilte die Polizei mit. Hintergrund seien offensichtlich die Äußerungen des Papstes.
Papst Benedikt XVI. hatte am Dienstag bei einer Rede über "Glaube, Vernunft und Universität" an der Universität Regensburg aus einem Streitgespräch zwischen dem christlichen Kaiser von Byzanz, Manuel II. Palaeologos, (1350-1425) und einem persischen Theologen zitiert. Der Papst griff dabei einen laut eigener Aussage "im Aufbau des Dialogs eher marginalen Punkt" aus dem mittelalterlichen Text heraus und zitierte den Kaiser mit den Worten: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten".
Benedikt XVI. betonte in seiner Vorlesung vor allem die im Folgenden von Kaiser gebrachte Begründung, "warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist": Sie stehe im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele, denn "Gott hat kein Gefallen am Blut". Der "entscheidende Satz in dieser Argumentation" lautet für den Papst: "Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider".
Im Folgenden erklärte Benedikt XVI., unter Berufung auf den Herausgeber des Dialogs, Theodore Khoury, für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner sei dieser Satz "evident". Für die muslimische Lehre hingegen sei Gott "absolut transzendent". Für den Islam sei der Wille Gottes "an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit."

Im weiteren Verlauf seiner Vorlesung versuchte Benedikt XVI. zu zeigen, dass für das christliche Gottesverständnis die Vernünftigkeit Gottes entscheidend ist. Unter anderem wies er verschiedene Versuche, das Christentum vom "griechischen" Gedanken des "Logos" zu lösen zurück. Der kirchliche Glaube habe immer daran festgehalten, dass es "zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie gibt", betonte der Papst. Zum Schluss der Rede erklärte der Papst, das Christentum solle, von seiner Überzeugung aus, dass nicht vernunftgemäßes Handeln dem Wesen Gottes widerspreche, beim "Dialog der Kulturen" die Gesprächspartner einladen.
"Befremden" hat die Rede des Papstes laut "Islamischer Glaubensgemeinschaft in Österreich" bei vielen Muslimen ausgelöst. Es sei "fraglich", ob "Zitate eines byzantinischen Kaisers aus dem 14. Jh., in denen eine Einschätzung des Propheten Muhammad als 'inhuman' wiedergegeben wird", dem gegenseitigen Verständnis zuträglich seien, heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Erklärung der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Durch die Papst-Aussage könnten sich "all jene, die nur zu gerne das Feindbild eines 'Islam mit Feuer und Schwert' bedient sehen", bestätigt fühlen, unterstreicht die Glaubensgemeinschaft. Vermisst wird, dass die "eigene Position des Islam" in der Papst-Rede nicht zur Sprache gekommen ist.
"Viele Fragen" wirft es für die Islamische Glaubensgemeinschaft auf, die Trennung zwischen Christentum und Islam im Punkt des Umgangs mit Gewalt vornehmen zu wollen. Die Geschichte der Christenheit "von internen Religionskriegen bis zur Inquisition hat in der subjektiven Wahrnehmung des Papstes zumindest in dieser Rede eine vollständige Verharmlosung und Verdrängung erfahren", kritisiert die Islamische Glaubensgemeinschaft.
Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) hat Papst Benedikt XVI. vorgeworfen, er habe eine "Verleumdungskampagne" gegen den Islam und den Propheten Mohammed begonnen. Der Papst habe Mohammed in seiner Vorlesung in Regensburg als "böse und unmenschlich" dargestellt, kritisierte die OIC, der 57 Staaten angehören. In einer Erklärung vom Donnerstagabend betonte die OIC, man hoffe, "dass diese Kampagne nicht der Prolog für eine neue Politik des Vatikans gegenüber dem Islam ist, besonders nach den vielen Jahrzehnten des Dialoges, der die Kleriker des Vatikans und die führenden Denker und Religionsgelehrten der Muslime einander näher gebracht hat." Die OIC habe sich ihrerseits immer zurückgehalten und sich nie auf eine Polemik über die Kreuzzüge und Religionskriege der katholischen Kirche und die Verfolgung von Muslimen während der Inquisition eingelassen, betonten die Vertreter der Mitgliedstaaten.
Das pakistanische Parlament verurteilte am Freitag in einer einstimmig verabschiedeten Resolution die Bemerkungen von Papst Benedikt XVI. zum Islam und forderte eine Entschuldigung des katholischen Kirchenoberhauptes.
Der Leiter der Moslem-Bruderschaft, Mohamed Mahdi Akef, forderte am Donnerstag eine Entschuldigung des römisch-katholischen Kirchenoberhaupts für dessen Äußerungen zum moslemischen Verständnis des Heiligen Krieges. Er rief alle muslimischen Staaten dazu auf, mit dem Abbruch ihrer Beziehungen zum Vatikan zu drohen, sollte der Papst seine Äußerungen nicht zurücknehmen. Fawi Zefzaf, Vorsitzender des Ausschusses für den Religionsdialog im ägyptischen Parlament, nannte den Papst einen "Lügner" und warnte: "Gewöhnliche Karikaturen (des Propheten Mohammed, Anm.) haben eine wütende Antwort der moslemischen Massen ausgelöst, was wird wohl die Reaktion auf derartige Aussagen sein?"
In Indien rief der oberste Geistliche der größten Moschee des Landes, der Jama Masjid in Neu-Delhi, die Gläubigen auf, auf die Bemerkungen des Papstes zu reagieren. "Kein Papst hat jemals den Ruhm des Islams so sehr anzugreifen versucht wie dieser Papst", sagte Syed Ahmed Bukhari während des Freitagsgebetes. "Moslems müssen darauf auf eine Art und Weise reagieren, die den Papst zwingt, sich zu entschuldigen." Bukhari sagte nicht konkret, was er von den Gläubigen erwartet.
Zwei hochrangige islamische Geistliche in Kuwait, Haken al-Mutairi, Chef der Partei der Islamischen Gemeinschaft, und Sayed Baqer al-Mohri, Vorsitzender der schiitischen Ulema-Versammlung, verlangten eine offizielle Entschuldigung. Mutairi sagte, das Kirchenoberhaupt müsse sich "sofort" für seine "Verleumdungen" beim muslimischen Volk entschuldigen. Seine Aussagen reihten sich in den Krieg ein, den der Westen gegenwärtig gegen die islamische Welt führe, wie in Afghanistan, im Irak und im Libanon.
Der Sohn Gottes – "Wie verträgt sich denn das mit Vernunft?"
Zuvor hatte bereits die oberste türkische Religionsbehörde eine Entschuldigung für die während der Deutschlandreise gefallenen Bemerkungen des Papstes gefordert. Die Worte des Kirchenoberhauptes seien "extrem bedauerlich und Besorgnis erregend", sagte der Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten, Ali Bardakoglu. Die Christen sollten erst einmal erklären, wie ihre Religion mit der Vernunft in Einklang gebracht werden könne. "Die Christen sagen, Jesus sei der Sohn Gottes. Wie verträgt sich denn das mit Vernunft?" Mit Blick auf den für Ende November geplanten Türkei-Besuch von Benedikt XVI. sagte Bardakoglu, er erwarte "keinen Nutzen" vom Besuch eines Papstes, "der in dieser Weise über den heiligen Propheten des Islams denkt."
Der algerische Islamwissenschaftler Mustapha Cherif erklärte, die zitierten Äußerungen des Papstes zeigten, "dass der Islam verkannt" werde. "Viele schockierte Muslime haben mich angesprochen, um mich zu fragen, ob man jetzt eine verstärkte Allianz konservativer Katholiken mit evangelikalen Protestanten in einem muslimfeindlichen Kreuzzug erwarten muss", sagte der Mitgründer der Gruppe für islamisch- christliche Freundschaft GAIC. Benedikt XVI. habe aber auch signalisiert, dass er "die Debatte mit den Muslimen" suche. "Auch die Muslime müssen beitragen, ihre Religion zu erklären und die Deformationen zu kritisieren, die Wasser auf die Mühlen unserer Feinde geben", sagte Cherif.
Link: - Wortlaut der Vorlesung von Benedikt XVI. an der Universität Regensburg

"Ich hätte mir ein paar Worte der Differenzierung gewünscht. Zwei, drei Zeilen hätten viel bewirkt", sagte Khoury am Freitag der dpa in Münster angesichts der zum Teil heftigen Kritik am Vortrag des Papstes. Dazu hätte aus Sicht des Religionswissenschaftlers auch gehört, auf die Entstehungszeit der Zitate im Mittelalter und die damals übliche Gesprächspolemik hinzuweisen.
Papst Benedikt XVI. hatte bei der Vorlesung an der Universität Regensburg am Dienstag aus einem von Khoury herausgegebenen Dialog von 1391 zitiert, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit geführt haben soll. In dem vom Papst zitierten Satz des Anstoßes sagt der Kaiser: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den der predigte, durch das Schwert zu verbreiten."
Gegen die aktuelle Kritik aus der muslimischen Welt nahm Khoury den Papst aber in Schutz - auch wenn nach Ansicht Khourys die Menschen in der islamischen Welt angesichts der aktuellen Weltlage "sehr, sehr empfindlich" seien: "Es handelte sich um einen wissenschaftlichen Vortrag und hätte auch von der Presse wissenschaftlich analysiert werden müssen", kritisierte der 76- Jährige die Medienberichte der vergangenen Tage. "Ein unkluges oder gar fahrlässiges Verhalten des Papstes kann ich nicht erkennen", betonte der Gelehrte. Khoury sagte zur Kritik aus islamischen Ländern, wenn eine aktuelle Lesart der Äußerungen überhaupt denkbar sei, dann die, dass der Papst den "radikalen Islam abgekanzelt" habe.
Zum Kontext der von Benedikt XVI. wiedergegebenen, mehr als 600 Jahre alten Zitate von Kaiser Manuel II. sagte der Islamexperte: "Er redet so, wie alle Menschem im Mittelalter geredet haben." Allerdings seien gerade deshalb "einige Worte der Neutralisierung" wünschenswert gewesen. "Ich selbst sagte zu dem Dialog auch, "die Texte sind nicht meine Meinung"", betonte Herausgeber Khoury. Der im Libanon geborene Khoury lehrte bis zu seiner Pensionierung 1993 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster und leitete dort das Seminar für Religionswissenschaften.
Auch der Leiter des Hamburger Orient-Instituts, Udo Steinbach, ist nicht der Meinung, dass sich der Papst im aktuellen Streit um dessen Äußerungen über den Propheten Mohammed entschuldigen muss. Der Papst fordere "explizit einen Dialog zwischen den Kulturen und liefert dazu wichtige Positionen aus christlicher Sicht, durchaus auch selbstkritisch. Aber eigentlich war die Vorlesung auch eine Steilvorlage an islamische Theologen, ihrerseits zum Verhältnis von Gewalt und Religion Stellung zu nehmen und die Friedfertigkeit des Islam zu untermauern", sagte Steinbach in einem Interview mit den "Lübecker Nachrichten" (Sonnabend-Ausgabe).
Er könne in diesem Fall die Empörung vieler Muslime nicht verstehen. "Diejenigen, die sich da empören, können nicht die ganze Rede des Papstes gelesen haben. Es geht da um das Verhältnis von Religion und Frieden, und der Papst gibt dazu wichtige Anmerkungen aus christlicher Sicht." Andere Interpretationen würden "von Leuten benutzt, die die Missstimmungen, die es seit dem Karikaturenstreit gibt, noch verstärken wollen".
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