Geschlechterfrage

Regine Gildemeister
Soziale Konstruktion von Geschlecht

Zur Einführung

Anfang der 90er Jahre erreichte die Debatte  um die "Kategorie Geschlecht" bzw. die  "soziale Konstruktion von Geschlecht"  auch weite Kreise außerhalb des Hochschulbereichs. Zu dieser Zeit galt der Protest der Frauen gegen die ihnen zugewiesene Position als grundsätzlich legitim. In der Folge wanderte das  Begriffsgebilde der "sozialen Konstruktion von Geschlecht" in alle möglichen politischen Programme (insbesondere des "gender-mainstreaming"). Dabei verlor es weitestgehend seine inhaltlichen Konturen und auch seinen Stachel.  In der Öffentlichkeit wurde es relativ still um die Geschlechterfrage. Das Problem war politisch "auf Kurs" gebracht

1 , Diskussionen zur "Kategorie Geschlecht"  waren  (wieder)   überwiegend akademische Diskussionen. 

 Aktuell aber sind Frauen in der BRD  in fast allen Medien wieder ein Top-Thema: Frauen gelten als verantwortlich für den demographischen Niedergang, sie würden das Kinderkriegen verweigern und Renten unsicher machen. "Schuld" an diesem Prozess sei eine falsch verstandene "Emanzipation"

2.  Statt um "Gleichheit" zu ringen, solle der "Differenz" stärker Rechnung getragen und der traditionellen Form der Familie mehr Gewicht zugemessen werden. Die ganze Debatte um die "soziale Konstruktion" von Geschlecht scheint nie geführt worden zu sein: es sind Frauen, die Kinder bekommen und auf diese ihre Natur  sollten sie sich doch auch wieder rückbesinnen: Frauen sollen die (deutsche)  Welt retten.

Es gilt derzeit wohl, sich daran zu erinnern,  dass solche auf ein Geschlecht bezogenen inhaltlichen Bestimmungen wichtige Ausgangspunkte von Frauenbewegungen waren: sie wurden zunehmend als hemmende Zuschreibung erfahren, durch die Frauen eine Männern selbstverständliche Vielfalt von Lebensentwürfen abgesprochen wurde. Ihre Renaissance zeigt sich etwa  in der derzeitigen Diskreditierung von Frauen, für die "Kinder bekommen" eine Option unter anderen ist und die öffentlich in der Bild-Zeitung an den Pranger gestellt wurden.  Die "Gleichheit der Frauen" in der Differenz der Geschlechter war immer nur eine ihrer (sozialen) Kategorisierung und der damit verbundenen Zwänge. Sie ist nicht Ausdruck der persönlichen Potentiale von Frauen (Knapp 1988). Gerade in der "Versämtlichung" (Hedwig Dohm) zeige sich vielmehr der Herrschaftscharakter der Klassifikation, der darin liegende "Identitätszwang"  habe eine Vereinseitigung weiblicher Individuen zur Folge.

In der gesamten Debatte um die "soziale Konstruktion von Geschlecht" geht es an zentraler Stelle darum,  die Geschlechtszugehörigkeit  weniger als Eigenschaft oder Merkmal von Individuen zu thematisieren, sondern jene soziale Prozesse in den Blick zu nehmen, in denen "Geschlecht" als sozial folgenreiche Unterscheidung hervorgebracht und reproduziert wird. Gesucht wurde eine Antwort auf die nur auf den ersten Blick einfache Frage: Wie kommt es zu einer Zweiteilung der Gesellschaft in "Frauen" und "Männer"?

1So erwiesen sich etwa Frauen als Gewinnerinnen der Bildungsexpansion, sie haben die besseren Abschlüsse, ihre Erwerbsquote auch in qualifizierten Berufen stieg. Wenn überhaupt, so wurde nun die Benachteiligung von Jungen thematisiert ("Jungenkatastrophe"). Sich zu einem wie immer gearteten Feminismus zu bekennen war wenig attraktiv In der sich etablierenden Geschlechterforschung freilich war und ist die Hartnäckigkeit der sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern nach wie vor ein zentrales Thema.
2Dass Männer in diesem Prozess auch einen Part haben wird nur in sehr wenigen Beiträgen thematisiert, etwa in verschiedenen Beiträge, vor allem aber in Leserbriefen in DIE ZEIT, März 2006

Anfänge

Diese Form der Thematisierung, in der Frauen nicht auf ihre "Weibchen-Funktion" (Nachwuchs auszutragen) reduziert werden,  beginnt in gewissem Sinne mit dem  Buch "Das andere Geschlecht" , in dem  Simone de Beauvoir  zunächst einmal ihren Ärger formuliert: Das Thema  selbst sei "ärgerlich", "besonders für die Frauen" 3:
"Ein Mann käme gar nicht auf den Gedanken, ein Buch über die besondere Lage zu schreiben, in der sich innerhalb der Menschheit die Männer befinden. (...) Ein Mann fängt niemals damit an, sich erst einmal als  Individuum eines bestimmten Geschlechts vorzustellen: Daß er ein Mann ist, versteht sich von selbst (...). Er faßt seinen Körper als die direkte und normale Beziehung zur Welt auf, die er in objektiver Form darzustellen meint, während er den Körper der Frau als gleichsam belastet durch alles sieht, was ihr eigentümlich ist und was ihm als ein Hindernis, eine Fessel erscheint (...).  Jedenfalls ist sie nichts anderes als was der Mann befindet; so spricht man auch von ihr als vom Anderen Geschlecht, worin sich ausdrückt, daß sie dem Mann in erster Linie als Sexualwesen erscheint: Da sie es für ihn ist, ist sie es ein für allemal. Sie wird bestimmt und unterschieden mit Bezug auf den Mann, dieser aber nicht mit Bezug auf sie; sie ist das Unwesentliche angesichts des Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: Sie ist das Andere" (1951, 10f).

Es ist genau dieser Blick, der das Buch von Simone de Beauvoir von dem unterscheidet, das bis zu diesem Zeitpunkt zum Thema Frauen und Männer geschrieben wurde.  Der qualitativen Sprung liegt darin, dass Simone de Beauvoir nicht "über" Frauen schrieb, sondern die Frage stellte: "Was ist eine Frau" (Beauvoir 1951, 8)  Dieses Buch bricht mit der Tradition, dass sich gebildete und engagierte  Frauen zur Frauenfrage äußern. S. de Beauvoir  nimmt vielmehr einen allgemeinen Standpunkt ein, macht den Prozess der Besonderung selbst zum Thema. Und damit beginnt in gewisser Weise die Debatte um die "soziale Konstruktion von Geschlecht". 

3Und so reagiert implizit auch heute eine Mehrheit von Frauen, relativ unabhängig davon, welcher Lebensweg und welcher Lebensentwurf angezielt wurde. An die eigene "Besonderung" erinnert zu werden ist tendenziell kränkend und wird vielfach abgewehrt.

Messbarkeit  und Relationalität

Die Einteilung der Welt in Männer und Frauen wird  i.a.R. als ein außergesellschaftlicher, als ein der Welt der Natur zugewiesener Tatbestand gesehen. Bis in aktuellen Diskussionen  hinein kann man freilich den Eindruck gewinnen, dass nur Frauen "Geschlechtswesen" sind. "Mensch-Sein" erhebt sich offenbar über Geschlechtszugehörigkeit. Dabei geschieht in der Regel eine fraglos vorgenommene Gleichsetzung dieses "Allgemein-Menschlichen"  mit dem "Männlichen". Zugleich wird diese Gleichsetzung  - darauf wies  Georg Simmel bereits 1902 hin - nicht kenntlich gemacht.

 Es scheint nicht zufällig zu sein, dass die Frage "was ist eine Frau?"   in einer Zeit gestellt wurde, in der die Verbindung von "Frau und Familie", von "Frau und Hausfrau" in den westlichen Gesellschaften in hohem Maße normativ verankert war. Der hohe Grad normativer Verankerung zog einerseits ein Bedürfnis nach einer Objektivierung des Unterschieds nach sich und andererseits zog er Zweifel auf sich. Gerade in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden in Westeuropa und in den USA eine Vielzahl von Forschungsarbeiten, die nichts anderes taten, als  die "Unterschiede" zwischen den Geschlechtern in Eigenschaften, Fähigkeiten, Charaktermerkmalen, psychischen Profilen etc. zu untersuchen und vor allem: messbar und damit objektivierbar zu machen. Die Forschungen präsentierten in diesen Jahren ein Bild, nach dem Frauen sanft, passiv, freundlich, emotional, anpassungsfähig, abhängig, schlecht in mathematischem und räumlichem Denken seien, während Männer die Merkmale aktiv, unabhängig, aggressiv, rational, logisch, gut in mathematischem und räumlichen Denken etc. aufwiesen. Eine große Übereinstimmung bestand in der Beurteilung dieser Eigenschaften: Beide Geschlechter, Frauen und Männer, bewerteten die den Männern zugeschriebenen Items positiver als die den Frauen zugeschriebenen Merkmalen.

Wie Gern in ihrem Überblick über die Ergebnisse dieser Forschungen zeigt, haben die Geschlechterstereotype im Laufe der Zeit allerdings auch gewisse Modifikationen erfahren (Gern 1992, S.36f., vgl. dazu auch Hagemann-White 1988). So wurden in Untersuchungen der achtziger Jahre geringere Unterschiede hinsichtlich der Aggressivität und fast keine mehr in Emotionalität und Unabhängigkeit gefunden. Insgesamt war die Anzahl der als "geschlechtstypisch" eingeschätzten Merkmalsausprägungen drastisch zurückgegangen. Bis heute stimmen nach wie vor beide Geschlechter der Auffassung zu, Frauen hätten ein größeres emotionales Verständnis und eine stärkere interpersonale Orientierung als Männer und für sie seien generell zwischenmenschliche Beziehungen wichtiger. Verändert hat sich auch die Bewertung: Vor allem für die Studien der  achtziger und neunziger Jahre gilt, dass Frauen Merkmale und auf das eigene Geschlecht bezogene Items negativer bewerteten als Männer - Männer fanden und finden in entsprechenden Befragungen "weibliche Eigenschaften" (bei Frauen!) zunehmend positiv.  Auch dazu ist die aktuelle Debatte um die Geburtenrate ein schönes Beispiel: Nur Frauen seien  "selbstlos" und "aufopferungsfähig".

Ganz offensichtlich ging es nicht oder auch: nie nur um messbare und darin objektivierbare Unterschiede, sondern es ging und geht  vor allem um Komplementarität . Nicht zuletzt darauf zielte die Frage: "Was ist eine Frau"? Die mit soviel Akribie und Sorgfalt untersuchten "Unterschiede" sind ja nicht unabhängig voneinander zu denken, sie sind systematisch aufeinander bezogen, sie sind relational. In einem grundsätzlichen Sinn geht es stets um ein Verhältnis, da ein Geschlecht unausweichlich auf das jeweils andere verweist und die je konkrete Verhältnisbestimmung ist wiederum  ein Resultat sozialer Ordnungen.

Die "sex -gender"  Unterscheidung und ihre Problematik

Ein erster Schritt, die einfache Verkoppelung von "Geschlecht" mit Natur und Biologie zu durchbrechen, erfolgte in den fünfziger Jahren in der angelsächsischen Sexualwissenschaft mit der Trennung von "sex" und "gender" (Stoller 1968 nach Kessler/McKenna, 1978, S.7f). Diese Unterscheidung wurde von der Frauenforschung der siebziger Jahre aufgenommen (Rubin 1975). Mit "sex" war das im engeren Sinne "biologische Geschlecht" (im Sinne von "biological raw material" (Rubin 1975, S. 165) angesprochen: Anatomie, Physiologie, Morphologie, Hormone und Chromosomen. Der Terminus "gender" dagegen zielte auf das "soziale Geschlecht" im Sinne seiner sozialen und kulturellen Prägung. Im Mittelpunkt stand die kulturelle Variabilität der an Frauen und Männer gerichteten Verhaltenserwartungen, Eigenschaftszuschreibungen und sozialen Positionierungen, die eng mit der jeweiligen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern korrespondieren.  Die Unterscheidung von "sex" und "gender" richtete sich damit gegen die in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft verbreitete "Natur der Frau" - Argumentation. Die soziale Ordnung und vor allem: die soziale Ungleichheit der Geschlechter wurde nicht als Folge körperlicher Differenzen gesehen, sondern in den Kontext sozio-kultureller Normierungen gestellt. Diese, so wurde betont, seien historisch spezifisch und daher wandelbar. Gleichzeitig blieb die grundlegende Teilung der Gesellschaft in Frauen und Männer unbefragt - sie galt nach wie vor als "natürlich"4.

Genau wie im Alltagsdenken auch wurde der Körper damit als eine Art außerkultureller Tatbestand behandelt. Das, was in der Regel in der Kategorie "sex" als "biologische Grundlagen" gefasst wurde (eben: Anatomie, Hormone, Physiologie, Morphologie, Genetik etc), war einem sozialwissenschaftlichen Zugang entzogen. Der Körper wurde auf diese Weise (sehr oft implizit) dem Reich der "Natur" zugewiesen und damit zum Gegenstand der  Natur-Wissenschaften. In der Konsequenz hieß das, dass zwischen dem Reich der "Natur" und dem der "Kultur" eine Trennlinie gezogen wurde, wobei jedoch die "Natur" als eine Art "Grundlage" der Ausprägungen auf der Ebene der Kultur galt. Diese Grundfigur (biologisches Substrat - zivilisatorisch-kulturelle Ausformungen)  wurde zunächst auch dann nicht infragegestellt, als die kulturvergleichende Forschung die enorme Vielfalt nicht nur der "Inhalte" sondern auch der geschlechterklassifikatorischen Arrangements offen legte.

Mit der Problematisierung der "sex-gender-Trennung wird die grundsätzliche Frage nach der Relationierung von Natur und Kultur in Bezug auf die Kategorie Geschlecht neu aufgeworfen. Betont wird, dass eine so säuberliche Trennung von Natur und Kultur unmöglich ist.  Daher kann das sogenannte "biologische Geschlecht" ("sex") der Analyse auch nicht einfach vorgelagert werden. Aus am Körper verorteten Genitalien entstehen noch keine Geschlechter und auch keine Geschlechterordnung - erst aus einer Geschlechterordnung heraus können Genitalien mit Bedeutung aufgeladen, zu "Geschlechtszeichen" werden. Eine naive Beziehung zwischen dem Begriff "Geschlecht" und dem damit erfassten "Gegenstand" könne es daher nicht geben - weder im Alltag sozialer Welten noch in der Wissenschaft. Begriffe sind kein "Abdruck", sie spiegeln die Welt nicht wieder. Gegenstände oder Tatbestände sind daher nicht einfach "gegeben", sondern sie werden erzeugt: "konstruiert". Und das gilt eben auch für "Geschlecht".

Mit dieser Debatte veränderte sich der Bedeutungshorizont, in dem die soziale Ungleichheit zwischen Männern und Frauen  wahrgenommen und analysiert wurde, in einem sehr grundsätzlichen Sinn: es ging nicht mehr um Frauen als Personen mit einer bestimmten Geschlechtszugehörigkeit, sondern es ging um die "Kategorie Geschlecht", es ging um "Geschlechterverhältnisse", "Geschlechterregimes" , "Geschlechterarrangements" etc.. Ein Minimalkonsens dieser unterschiedlichen Konzepte ist, dass Geschlecht primär als ein zentrales soziales Klassifikationssystem aufgefasst wird. Geschlecht ist nicht einfach ein Merkmal von Personen,  sondern vielmehr ein Merkmal der Sozialorganisation selbst, ein grundlegender Ordnungsfaktor gerade auch in modernen Gesellschaften. Dabei stehen in dieser Perspektive nicht sozialstrukturelle Auswirkungen im Zentrum der Betrachtung ("soziale Ungleichheit"), sondern die basalen Prozesse der Herstellung einer zweigeschlechtlichen sozialen Ordnung, die  eben nicht - wie die folgenden Untersuchungen zeigen werden - aus "der Natur der Sache" folgen, sondern in der "Kultur der Sache"  angelegt sind.

Nicht zuletzt an den darin liegenden grundlegenden Widersprüchen haben sich viele der konstruktionstheoretisch ansetzenden Arbeiten abgearbeitet, so West/Zimmerman 1987; Butler 1991; Gildemeister/Wetterer 1992

Grundlegende  Untersuchungen

 Gerade historische Studien zeigen,  dass sich das Wissen über und die Konzeption von "Geschlecht" im historischen Verlauf immer wieder verändert hat. Vor allem mit der in der Industrialisierung einsetzenden Abtrennung der Haus- und Familiensphäre von der Erwerbsarbeit entstanden Vorstellungen einer "Polarität", einer qualitativen Differenz der Geschlechter, wie sie uns oben im Merkmalskatalog der "Unterschiede" begegneten. Die bis dahin dominante religiöse Verortung des Menschen im sozialen Raum  (der durch Gott angewiesene Platz in der Gesellschaft) wurde durch das Naturrecht und eine damit  verbundene wissenschaftlich biologisierte Betrachtungsweise ersetzt. Die in dieser Zeit aufkommende Rede von grundlegend verschiedenen "Geschlechtscharakteren" entspricht dabei der Ausdifferenzierung der Sphären von Öffentlichkeit und Privatheit und der Wertung dieser Sphären: Der Unterordnung bzw. der Dienstbarkeit des Privaten für den öffentlichen Bereich (Hausen 1976, Klinger 2000). Die Frau findet im Innern der Familie ihren naturgemäßen Platz, der Mann muss "hinaus ins feindliche Leben" (Schiller), in die Welt der Berufe, der Wissenschaft, der Kunst.  Frauen waren daraus systematisch ausgeschlossen. Diese strikte Arbeitsteilung war - historisch gesehen - vergleichsweise neu, erwies sich aber als äußerst persistent. Gegen sie richteten sich die ersten Frauenbewegungen der Jahrhundertwende, die das Recht auf Ausbildung und (qualifizierte) Erwerbstätigkeit einklagten.

Die Historisierung und Relativierung dessen, was als "weiblich" oder "männlich" gilt, macht auch vor dem Körper nicht halt: auf den geschlechtlichen Körper bezogene Bilder und Theorien formen sich in jeder Epoche neu aus, werden zugleich aber jedes Mal zur unveränderbaren Biologie erklärt. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun bringt dies folgendermaßen auf den Punkt:
"Heute sind etwa die Hälfte aller Studierenden und immerhin ein Teil der Lehrenden und Forschenden Frauen. Liest man jedoch die Beiträge zur Debatte um 1900 über die Zulassung von Frauen zu den Universitäten und höherer Ausbildung, könnte man meinen, dass sich innerhalb von rund einhundert Jahren eine radikale Mutation des weiblichen Körpers vollzogen haben muss. Denn die Gegner des Frauenstudiums argumentierten nicht mit den kulturellen Kodierungen von Weiblichkeit, sondern mit der biologischen, mithin unveränderbaren Beschaffenheit des weiblichen Körpers. Unter ihnen waren die angesehensten Wissenschaftler ihrer Zeit und Forscher aller Disziplinen - nicht nur Theologen und Historiker, auch Physiker, Mediziner, Biologen, die zum Teil sogar mit der Gefahr hereditärer Schäden argumentierten. Ihre Argumente waren schlagkräftig und überzeugten ihre Zeitgenossen" (von Braun 2003, S.148).

Die Wissenschaften waren immer wieder damit befasst, Bilder und Konzepte der geschlechtlichen Körpers zu entwerfen:  in Bezug  auf die medizinische Anatomie der Antike und des Mittelalters arbeitete Thomas Laqueur (1992) heraus, dass zu diesen Zeiten das "Ein-Geschlecht- Modell" gültig war, in dem Frauen als anatomisch umgekehrte, minderwertige Männer konzipiert waren. Die weiblichen Genitalien sind die nach innen gewendete Version der männlichen - als solche aber "gleich". Frauen wurden als  graduell unterschiedlich und nicht qualitativ different angesehen. Der Wechsel zum "Zwei-Geschlechter-Modell" der Neuzeit, in dem "die Frau"  als grundsätzlich unterschiedlich vom Mann gedacht wird, sei dabei nicht auf wissenschaftliche Entdeckungen und besseres wissenschaftliches Wissen zurückzuführen, sondern auf gesellschaftliche und kulturelle Prozesse, die diesen Wandel im europäischen Kontext forcierten. Dem entspricht die Studie von Claudia Honegger (1991); sie zeigt detailliert auf, wie zwischen 1750 und 1850 in den Humanwissenschaften eine "Theorie der Frau" und  eine normativ aufgeladene Theorie der Geschlechterordnung entsteht, die auf einer Zurechnung nur der Frau zur Natur beruht - "der Mann" dagegen erscheint als Träger  von Geist und Kultur und somit als "eigentlicher Mensch". Für die Frau als "Naturwesen" wird der Uterus zum zentralen Organ, an ihm lässt sich die "natürliche Bestimmung des Weibes" ablesen.  An dieser historischen Bruchstelle  wird eine wichtige  Grundlage der Identifizierung des Männlichen mit dem Allgemeinen gelegt, das sich durch die gesamte moderne Wissenschaftsgeschichte zieht.

In Londa Schiebingers Fallstudien zur Klassifikation von Pflanzen und Tieren im 18. Jahrhundert (1995) wird zum Thema,  wie die jeweiligen Vorstellungen einer zweigeschlechtlichen sozialen Ordnung auf die Analyse der "Natur" als Gegenstand von Biologie und Zoologie übertragen wurden.  Da erhalten Pflanzen  Geschlechtsorgane, zeigen sich im "Hochzeitsschmuck",  "vermählen" sich und liegen im "Brautbett".  Auch die Arbeiten von Donna Haraway zur Reanalyse der Primatenforschung (1989) machen deutlich, wie eng grundlegende Denkmodelle in der Biologie mit der Sozialwelt und dem jeweils zeitgenössischen Alltagswissen verkoppelt wurden.

Studien im Kulturvergleich weisen schließlich nach, dass es durchaus Kulturen gegeben hat, die keine derart strikte binäre Klassifikation vornahmen, sondern drei oder mehr Geschlechter kannten. Es zeigt sich, dass die Verknüpfung der Geschlechtszugehörigkeit mit physiologischen Merkmalen nicht zwingend ist und  sich die Zuweisung zu einem Geschlecht im Lebensverlauf verändern kann (im Überblick: Kessler/McKenna 1978, Herdt 1994). Solche Untersuchungen führten dazu, nicht nur die Inhalte, sondern auch die Form der Binarität der Geschlechter als mindestens kulturell überformt und vor allem in ihrer Relevanz als kulturell determiniert zu erkennen. Zu ähnlichen Ergebnissen führen auch die Studien zur Transsexualität, auf die ich noch näher eingehen werde.

Implizites Ergebnis aller dieser Untersuchungen ist, dass das biologische Geschlecht ("sex") nicht einfach als "gegeben" zu betrachten sei, sondern  selber als "gendered category", eben als  vergeschlechtlichte und vergeschlechtlichende  Kategorie zu konzipieren ist. Das bedeutet nicht, "Natur" auszuklammern, sondern systematisch daraufhin zuweisen, dass "Natur" nur als kulturell gedeutete für uns wahrnehmbar ist.  Diese Wendung jedoch, dass auch unsere Vorstellungen und Konzepte des biologischen Körpers nicht einfach "natürlich gegeben" sind, sondern Produkte historischer, gesellschaftlich-kultureller Interpretation, diese Wendung stellt eine Argumentationsfigur dar, mit der das normale Alltagsbewusstsein allergrößte Schwierigkeiten hat. Nur auf diese Weise aber wird die Struktur der Zweigeschlechtlichkeit selber zum Thema, können  Denkmodelle jenseits von Gleichheit und Differenz entwickelt und  Modelle simpler (binärer) Opposition überschritten werden.  Darin lag der "Stachel" dieser Analysen und eben dieses Stachel ist bei der Umsetzung in politische Programme weitgehend verloren gegangen (Gildemeister/Robert 2003).

"Doing gender"

Das Konzept des "Doing gender" (West/Zimmerman 1987) bezieht sich auf kulturvergleichende Untersuchungen, vor allem aber auf empirische Studien zur Transsexualität von Harold Garfinkel (1967) und Susan Kessler/Wendy McKenna (1978). 

Die besondere Bedeutung der Studien zu Transsexuellen für die Geschlechterforschung im Allgemeinen und für das Konzept des "Doing gender" im Besonderen liegt darin, dass im Falle der Transsexualität Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit nicht "einfach" vorhanden ist und quasi naturwüchsig in der Lebensgeschichte realisiert wird, sondern dass ein Geschlechtswechsel angestrebt und vollzogen wird. Damit tritt Transsexualität in einen Gegensatz zu jenen grundlegenden Selbstverständlichkeiten des Alltagswissens, dass es "von Natur aus" zwei und nur zwei Geschlechter gibt und die Geschlechtszugehörigkeit am Körper eindeutig ablesbar, angeboren und lebenslang unveränderbar ist. In den Transsexuellenstudien wird damit dem auch andernorts fruchtbaren Prinzip gefolgt, etwas über Konstruktionsweisen von "Normalität" zu erfahren, indem sie analysieren, was geschieht, wenn diese Normalität verletzt wird.

Im Alltag, im konkreten Umgang der Menschen miteinander wird in der Identifikation des Anderen als "weiblich" oder "männlich" nicht auf Physiologie, Hormone und/oder Chromosome rekurriert, sondern auf Darstellungsleistungen und Interpretationen dieser Darstellungen in Interaktionen. Dem Begriff der "Interaktion" kommt in diesem theoretischen Kontext eine zentrale und dem sozialwissenschaftlichen Laien in der Regel nicht geläufige Bedeutung zu -  daraus speisen sich eine ganze Reihe von Missverständnissen. In unserem Alltag denken wir in der Regel, dass Interaktion dadurch entsteht, dass mehr oder weniger vorsozial gedachte Personen - als "Frauen", als "Männer" - in Kontakt miteinander treten und dann mit- oder auch gegeneinander handeln. Die interaktionstheoretische Soziologie dagegen betont,, dass Interaktion einen formenden Prozess eigener Art darstellt. Interaktion entsteht zwangsläufig immer dann, wenn Personen physisch präsent sind, sich wechselseitig wahrnehmen und aufeinander reagieren können. In diesem Prozess entsteht ein Zwang zur kategorialen und individuellen Identifikation der Interaktionsteilnehmer, zur   Kategorisierung als männlich oder weiblich, als "Frau" oder "Mann"  Aus einem solchen Blickwinkel wird die Frage nach der Geschlechtszugehörigkeit daher in gewissem Sinne aus dem einzelnen Individuum und seinem psycho-physischen "Geschlecht-sein" herausverlagert.  Stattdessen wird  Geschlechtszugehörigkeit als eine interaktive und situationstypische Praxis verstanden und  als solche analysiert.

 Garfinkel zeigte nun am Beispiel der Fallstudie "Agnes", einer Mann zu Frau Transsexuellen, dass auch Transsexuelle der Vorstellung einer "Natur der Zweigeschlechtlichkeits" folgen. Sie sind sich ihrer eigenen Geschlechtszugehörigkeit völlig sicher, sie haben nur einen "falschen Körper". Diesen "Fehler" gelte es zunächst zu verbergen und schließlich aber in einer Operation zu beseitigen. Garfinkel zeigt nun, dass diese Konstellation, sich als Frau zu fühlen, aber männliche Genitalien zu haben, keine Erschütterung der grundlegenden, alltagsweltlich unhinterfragten Gewissheit zwei und nur zweier Geschlechter  auslöst, sondern - gesellschaftlich gesehen - zur Konstruktion eines "Dritten" führt, zur Konstruktion des "Anormalen" mit der darin enthaltenen Abwertung und Ausgrenzung. Individuell soll mit dem angestrebten Geschlechtswechsel eben diese Zuordnung zum "Anormalen" vermieden werden. Daher bezeichnet Garfinkel  die Zweigeschlechtlichkeit als "a matter of objective, institutionalized facts, i.e. moral facts" (1967: 122, Herv. durch V.) Nur wenn die Zweigeschlechtlichkeit in diesem Sinne als "moralischer Tatbestand" betrachtet wird, wird verstehbar, warum Agnes in ihrem Anspruch, eine Frau zu sein, diskreditierbar ist und ihren "Makel" verbergen bzw. "beseitigen" muss.

 Kessler/McKenna (1978) gehen in ihrer Analyse zehn Jahre später dem in die Geschlechterattribution  eingewobenen Mechanismus der differenten Wertung von "weiblich" und "männlich" nach: dem alltäglichen Phallozentrismus.  Sie zeigen, dass in der von ihnen untersuchten Population  - amerikanische Frauen, Männer und Kinder -  der Penis das allein ausschlaggebende Kriterium der Geschlechtszuschreibung ist: "Penis equals male but vagina does not equal female" (Kessler/McKenna 1978: 151). Es gebe keine positiven Merkmale, deren Fehlen zur Einstufung als "Nicht-Frauen" (also: als Mann) führen würde. Eine Person werde nur dann als "weiblich" wahrgenommen, wenn "männliche" Zeichen abwesend sind. Und so folgern die Autorinnen: "In the social construction of gender male is the primary construction" (1978: 159).  Das alltagsweltlich so ausschlaggebende "Faktum" des männlichen Genitals ist aber in alltäglichen Abläufen so gut wie nie sichtbar. Andere Merkmale (Kleidung, Frisur, Stimme, Mimik etc.) dienen als Hinweise auf die Existenz entsprechender Genitalien. Auf ihrer Grundlage wird angenommen, dass sie existieren. Nicht zuletzt deswegen ist die Visualisierung, die Bildhaftigkeit in der Herstellung von Geschlecht so bedeutsam. Die Darstellung muss selbstevident sein. Nach der Geschlechtszugehörigkeit zu fragen, stellt einen Normbruch auf beiden Seiten dar.

Vor dem Hintergrund dieser Studien macht es keinen Sinn, zwischen Natur ("sex") und Kultur ("gender") eine scharfe Trennlinie zu ziehen und gleichzeitig "die Natur" als Grundlage für die unterschiedlichsten kulturellen Formen anzusehen.  Mit dem Konzept des "Doing gender"  wird diese einfache  Relation abgelöst. An ihre Stelle tritt eine dreigliedrige Neufassung (West/Zimmerman 1987) nämlich:

- "sex": die Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts aufgrund sozial vereinbarter biologischer Kriterien;
- "sex-category": die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht im Alltag aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kategorie. Diese muss der Geburtsklassifikation nicht entsprechen;
- "gender": die intersubjektive Validierung in Interaktionsprozessen durch ein situations-adäquates Verhalten und Handeln im Lichte normativer Vorgaben.

Mit dieser dreigliedrigen Fassung wird Natur als kulturell gedeutete in die soziale Konstruktion von Geschlecht hineingeholt. Zugleich wird hier wird noch einmal deutlich, was damit gemeint ist, dass "Interaktion" eine eigenständige Analyseebene in der Geschlechterforschung darstellt (nicht: die einzige!). Die dreigliedrige Klassifikation  bewahrt vor dem Missverständnis, Geschlecht sei etwas, was ein Individuum einfach "hat" und das im alltäglichen Handeln nur seinen Ausdruck findet. Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität sind vielmehr als fortlaufender Herstellungsprozess aufzufassen,  der zusammen mit faktisch jeder menschlichen Aktivität vollzogen wird. Damit wird die mit dem "sex-gender-Modell" vorgegebene Sichtweise auf Geschlecht praktisch "umgedreht": Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit wird nicht als quasi natürlicher Ausgangspunkt von und für Unterscheidungen im menschlichen Handeln, Verhalten und Erleben betrachtet, sondern als ein Ergebnis komplexer sozialer Prozesse. Erst diese im "Doing gender" gebündelten Prozesse machen etwa die Gebärfähigkeit von Frauen zur Grundlage eines separierten und tendenziell benachteiligenden Status - und nicht umgekehrt (Lorber 1991: 356). Indem wir aber diesen Vorgang in der "Natur" oder der Biologie verankern ("naturalisieren"), wird der Prozess der sozialen Konstruktion unsichtbar.

 Dieser Prozess der interaktiven Herstellung von Geschlecht vollzieht sich nicht in einer Art "luftleerem Raum": jede Interaktion beruht  auf vorgängigen Typisierungen und Klassifikationen. Insofern verweist ihre Analyse notwendig und unvermeidbar auf zugrundeliegende institutionelle Ordnungen:  Wenn wir in Interaktionen Personen klassifizieren und typisieren (als männlich - weiblich, alt - jung, schwarz - weiß, arm - reich etc) so aktualisieren wir damit gleichzeitig  ein  institutionelles Wissen  um die mit der Klassifikation verbundenen Verhaltenserwartungen. Umgekehrt leitet dieses Wissen permanent den Klassifikationsprozess an. Diesen wechselseitigen Prozess hatte Erving Goffman im Auge, als er die Figur des "institutional genderism" bzw. der "institutionellen Reflexivität" entwickelte, dass nämlich "Geschlecht" in sozialen Abläufen so institutionalisiert wird, "dass es genau die Merkmale des Männlichen und Weiblichen entwickelt, welche angeblich die differente Institutionalisierung begründen" (Kotthoff 1994: 162). 

Auf die Frage "Can we ever not do gender?"  antworteten daher West/Zimmerman 1987 noch mit einem strikten "No". Dieses "No" wird inzwischen von unterschiedlicher Seite in Frage gestellt, etwa,  wenn die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, dass in Interaktionen "gender" niemals allein sondern stets simultan mit Klassen- und ethnischen Unterschieden erzeugt wird und dabei auch in den Hintergrund treten kann ("doing difference": West/Fenstermaker 1995, Fenstermaker/West 2001).  Zudem müsse rein theorieimmanent neben einem "Doing gender" auch ein "undoing gender" denkbar sein (Hirschauer 1994).

Der vielfach geäußerte Vorwurf, Geschlecht werde in diesen Analysen zu einer "frei flottierenden Konstruktion" kann daher nur als ein Missverständnis bezeichnet werden. "Bloße" oder "frei flottierende" Konstruktionen ohne soziale Vorgabe sind in dieser Perspektive  gar nicht denkbar. Jede Handlung findet in der institutionell objektivierten gesellschaftlichen Wirklichkeit immer schon eine solche Vorgabe. Zugleich muss aber in jeder Handlung diese Vorgabe situationsangemessen und kontextsensibel ausgedeutet werden. Wird dieser Prozess fokussiert, wird es möglich,  die soziale Realität auf die in ihr stattfindende  Konstruktionsarbeit hin zu analysieren (ausführlich dazu Gildemeister 2001).

5] Das Konzept des "Doing gender" entstammt der interaktionstheoretisch begründeten (Wissens-)Soziologie und ist lediglich eine (allerdings sehr verbreitete) Variante in der theoretischen Debatte um die "soziale Konstruktion von Geschlecht". Großen Einfluss hat aber auch die Soziologie Bourdieus gewonnen, da sie die Möglichkeit eröffnet, sowohl gesellschaftstheoretische Bezüge aufzunehmen als auch auf der Mikroebene mit dem Begriff des "Spiels" zu arbeiten. Neuerdings gibt es verstärkt systemtheoretisch inspirierter Annäherungen. (z.B. Weinbach/Stichweh 2003, Pasero/Weinbach 2003) Die diskurstheoretischen Ansätze beziehen sich vor allem auf Michel Foucault, gleichzeitig aber auch auf den französischen Poststrukturalismus und die Lancansche Spielart der Psychoanalyse. Diese Ansätze sind vor allem durch Judith Butler (1991) bekannt geworden. Mit ihnen verbindet sich die Forderung nach der "Dekonstruktion" der Kategorie Geschlecht als wissenschaftlich-politischer Strategie.
6] Das Phänomen der Transsexualität kann selbst als Ausdruck einer historisch spezifischen Geschlechterkonstruktion analysiert werden. Einbezogen in ein medizinisches Behandlungsprogramm, in dem vor allem der Operationswunsch zu einem Nachweis für die Echtheit der angestrebten Geschlechtszugehörigkeit wird, entrichten Transsexuelle eine Art "Normalisierungstribut" (Hirschauer 1993a: 328 ff) an die sozial durchgesetzte Norm der Zweigeschlechtlichkeit ("moral fact").

Ausblick

Die These einer "sozialen Konstruktion von Geschlecht" scheint zunächst äußerst erfahrungsfern. Im Alltag auch moderner Gesellschaften sind entsprechende Analysen auf den ersten Blick von begrenzter Relevanz - sie scheinen akademisch.  In der Alltagsplausibilität ist die Geschlechtlichkeit von Personen trotz aller dieser Analysen und Debatten  fraglos eine Sache der Natur. Und dabei spielt nach wie vor nicht einfach der "Körper" sondern aktuell (in Europa!) vor allem die Gebärfähigkeit der Frauen (wieder) eine zentrale Rolle: Frauen kriegen Kinder und in dem Maße, wie diese Kinder ausbleiben, geraten Frauen als Frauen verstärkt in den Blick. Pointiert: Je stärker die Fertilitätsrate und die demografische Entwicklung als Bedrohung erfahren wird, desto intensiver wird der Blick auf Frauen als potenziell Gebärende. Die Vermutung der Möglichkeit des Gebärens macht Frauen wieder "gleich" - jenseits aller faktisch zu konstatierenden Differenzierungen von Lebenslagen unter Frauen.

Daran hat auch die weltweite Institutionalisierung von Gleichberechtigungsnormen wenig geändert (Heintz 2001). Auf ihrer Grundlage konnten und können Differenzbildungen und daraus resultierende soziale Ungleichheiten  in Frage gestellt werden - anders wären  die aktuellen Debatten und Bewegungen gar nicht verstehbar, das immer neue Auftreten der Frage: Was ist männlich, was ist weiblich?  Die Institutionalisierung von Gleichberechtigung und Gleichstellung hat ja auch, wie oben gezeigt, durchaus Erfolge gezeitigt. Das "Mehr an Gleichheit" von Frauen und Männern hat jedoch den grundlegenden Modus der Naturalisierung in der "sozialen Konstruktion von Geschlecht"  nicht berührt.  In dieser  resistenten Rahmung werden Frauen und Männer nach wie vor sowohl polar und komplementär aufeinander bezogen wahrgenommen als auch exklusiv und sich wechselseitig ausschließend gedacht. Dieses Muster geht in unreflektierter, hochgradiger routinisierter Weise stillschweigend in faktisch jede soziale Situation und Interaktion ein - gerade in der Nichtthematisierung liegt die machtvolle Wirklichkeit der Klassifikation und Konstruktion.

Mit der aktuellen Fixierung auf die Gebärfähigkeit der Frauen  und die Fertilitätsraten wird immer wieder eine Präsupposition7 in Gang gesetzt, in der unausgesprochen das reduktionistisch-biologistische Modell des 19. Jahrhunderts zitiert wird, in deren Folge sich die entsprechenden Bilder mehr oder weniger automatisch einstellen. Wenn Frauen Kinder bekommen und Männer aber nicht, so wird über diese Konstellation immer wieder die genannte Präsuppositionslogik ausgelöst und  es werden - unausgesprochen! - lebenspraktische Entscheidungen generiert und aktualisiert,  die in dieser impliziten Logik verankert und rückversichert sind. Das ist wie schon vor 100 Jahren durchaus folgenreich:   Sowohl die Organisationen der Erwerbsarbeit  als auch das  berufliche Handeln werden immer wieder mit dieser Logik "infiziert".

Dennoch: So "ordentlich" und unhintergehbar, wie auch im Konzept des "Doing gender" noch unterstellt, funktioniert das Ungleichgewicht (die Asymmetrie) zwischen den Geschlechtern nicht mehr. Das interessante Phänomen ist doch, dass der sozial hergestellte Rahmen der Binarität durchaus auch als kontrafaktisch zu erlebten und erfahrenen sozialen Wirklichkeit gesehen werden könnte. Für eine solche Perspektive ist das Theorem der "sozialen Konstruktion von Geschlecht" unverzichtbar. Die sozialen Differenzierungen etwa in den Dimensionen race, class , sexual difference und nicht zuletzt: Alter bringen  längst eine mehr als zweiteilige "Genderstruktur" hervor. Die Interdependenzen zwischen diesen Kategorien werden in diesem Kurs ja noch systematisch zum Thema.  Generell steigt die kontextuelle Kontingenz der Kategorie Geschlecht: Geschlecht muss in unterschiedlichen Kontexten in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichen Ausmaß relevant gemacht werden (vgl. dazu auch die "De-Institutionalisierungsthese" bei Heintz/Nadai 1998).  Im Prinzip wächst damit die  Chance, den Konstruktionscharakter der Kategorien offen zu legen - wäre da nicht das grundlegende Bedürfnis nach vertrauten sozialen Mustern als einer Voraussetzung der Selbstvergewisserung, der Erfahrung lebensweltlicher Selbstverständlichkeit und Stabilität, das umso größer wird, je mehr sich in der Welt verändert. 

Strikt binäre Zuschreibungen in der öffentlichen Thematisierung könnten jedoch längst auch als ein Ambiguitätsversagen8 gedeutet werden. Das gilt auch und gerade in der und für die Debatte um die Geburtenrate. Sieht man sich diese Debatte nämlich genauer an, so geht es gar nicht um "alle Frauen", es geht nicht um die ungelernte Arbeiterin ohne Schulabschluss, schon gar nicht um die Migrantin: es geht primär  um die gut ausgebildeten deutschen (!) Frauen der gehobenen Mittelschicht,  die sich  der "natürlichen" biologischen Reproduktion "verweigern". Richtiger wäre wohl, dass   "Kinder zu haben" sich für sie inzwischen vielfach als schwer realisierbar darstellt.9 Ihnen das traditionelle Geschlechterarrangement in modernisiertem Gewandt ("Vereinbarkeit von Beruf und Familie") wieder schmackhaft zu machen, bedarf offenbar des Rückverweises auf die "Natur der Frau", auf jene "Versämtlichung", in  der dann scheinbar alle Frauen wieder gleich sind. Ob sich das Rad der Zeit jedoch zurückdrehen lässt, das ist eine offene Frage.

7‚Präsupposition' bedeutet ‚stillschweigende Voraussetzung', Im Fall der Geschlechterdifferenzierung sind mit der Präsupposition der Naturalisierung weitreichende soziale Strukturbildungen verbunden sind.
8 Ambiguität: Zwei- oder Mehrdeutigkeit. Ambiguitätsversagen benennt die mangelnde Fähigkeit, solche Zwei- oder Mehrdeutigkeit auszuhalten und in das eigene Handeln zu integrieren. Stattdessen wird auf einfache -komplexitätsreduzierende - Weltbilder wie das der strikten Zweigeschlechtlichkeit zurückgegriffen.
9Der Anteil von Männern an der Aufzucht von Kindern wird dabei in der öffentlichen Diskussion wie gesagt nur in sehr geringem Ausmaß angesprochen. Zwar sind Bemühungen um eine bessere öffentliche Kinderbetreuung inzwischen weitgehend Konsens. Nach wie vor aber ist die Zuständigkeit für best. Qualitäten sozialer Bezogenheit ("Care") bei den Frauen verblieben - auch in der Sicht vieler Frauen. Die nach wie vor ungleiche Verteilung von Arbeit immer neu zu thematisieren, in der es über die Klassifikation auch um Interessen und um Macht geht, ist nach wie vor eine Aufgabe der Geschlechterforschung.

Drei Fragen zur Diskussion

1. Eine These im Text ist, dass die Bedeutsamkeit der Differenzierung (Unterscheidung) nach Geschlecht je nach Kontext variiert. Wenn Sie dazu Ihre eigene Erfahrung befragen:
Wann und wie wird die Geschlechtszugehörigkeit thematisch
- wenn Sie mit gleichgeschlechtlichen Freundinnen/Freunden zusammen sind?
- wenn Sie im gemischtgeschlechtlichen Freundeskreis etwas gemeinsam unternehmen?
- Wenn Sie mit Kolleginnen und Kollegen Mittagessen gehen?
- Wenn Sie im Familienkreis zusammen kommen (Partner, Eltern, Großeltern, Kinder, nähere Verwandte)?
- Wenn Sie in einem gemischtgeschlechtlichen Team arbeiten?
Was sind Unterschiede, was  Gemeinsamkeiten in Form und Inhalt der Thematisierung?

2. Klassische These im "Doing Gender" Konzept ist, dass Geschlecht eine allgegenwärtige omnirelevante Kategorie im gesellschaftlichen Zusammenleben ist. Die neuere Diskussion betont demgegenüber, dass die Kategorie zwar allgegenwärtig im Sinne von "omnipräsent" ist, ihre Relevanz aber kontextabhängig ist. Was ist mit "Kontext" gemeint, worin liegt die Problematik dieses Begriffs?

3. In der Debatte um  die demographische Entwicklung werden immer wieder die im Vergleich zu anderen Ländern geringeren Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Deutschland als eine "Ursache" für den hiesigen Geburtenschwund benannt.  Wie würden Sie diese Argumentation aus einer konstruktionstheoretischen Perspektive heraus  beurteilen?