Artikel: Kritik an Dawkins Buch "Gotteswahn"

www.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,7103734,00.html

ZDF: aspekte - Sendung vom 12.10.2007

Streitschrift wider die Religion

Evolutionsbiologe und Bestsellerautor Richard Dawkins. Quelle: UllsteinEvolutionsbiologe Richard Dawkins über "Gotteswahn" Ullstein)

Religiöser Fanatismus hat in den USA eine erschreckende Konjunktur. Christliche Fundamentalisten kämpfen gegen alles, was nicht in ihr Weltbild passt - gegen Schwule, Lesben, Ungläubige und andere Minderheit. Da scheint es nur allzu verständlich, wenn sich eine Gegenbewegung formiert: die sogenannten Neuen Atheisten. Ihr bekanntester Wortführer ist der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der durch sein Buch "Das egoistische Gen" vor 30 Jahren weltberühmt wurde.

 Sein atheistisches Manifest ist ein internationaler Bestseller und wurde auch hierzulande binnen weniger Tage zum Kassenschlager und erregt die Gemüter. Denn mit seinem Pamphlet kämpft er nicht nur gegen die Perversionen des Glaubens, gegen Hassprediger, Selbstmordattentäter und bibeltreue Christen. Dawkins kämpft gegen die Religion selbst.A]

Größter Irrtum der Menschheit

Stolz verkündet er: "Ich wende mich gegen Gott, alle Götter, alles Übernatürliche, ganz gleich, wo und wann es erfunden wurde oder noch erfunden werden wird." Jede Religion steht und fällt mit der Behauptung, dass es einen Gott gibt, sagt Dawkins. Die "Gotteshypothese" sei eine wissenschaftliche Hypothese über das Universum, die man genau so skeptisch analysieren sollte, wie jede anderer. Und sie sei äußerst unwahrscheinlich.

Da hat Dawkins sicherlich Recht: Mit naturwissenschaftlichen Mitteln lässt sich die Existenz Gottes nicht beweisen - das Gegenteil allerdings auch nicht.B] Deshalb unterscheidet man ja zwischen Glauben und Wissen. Doch von dieser Unterscheidung will Dawkins nichts wissen. Deshalb ist sein Buch auch so polemisch. Zugegeben, Dawkins schreibt scharfzüngig und pointiert. Aber er ist selber ein Missionar. Er will Menschen die Religion austreiben und unterscheidet sich in seiner Tonlage oft kaum von den religiösen Fanatikern, die ihm ein Gräuel sind. Für einen Wissenschaftler ist seine Abrechnung mit der Religion oft erstaunlich unredlich.

Virus Religion

So schreibt er, sexueller Missbrauch sei zweifellos etwas Entsetzliches, aber der dadurch verursachte langfristige psychische Schaden sei nachweislich geringer als der, den eine katholische Erziehung anrichte. Unbestritten, es gibt Christen, die ihren Kindern im Namen Gottes Schreckliches antun. Aber das Christentum, mit dem Dawkins glaubt abrechnen zu müssen, ist ein Zerrbild. Diese Form des Glaubens gibt es in Europa schon lange nicht mehr.

Beinahe komische Züge nimmt sein Buch an, wenn Dawkins mit Hilfe der Evolutionstheorie erklären will, warum Menschen zu allen Zeiten an allen Orten religiös waren. Er meint, Religion sei eine Art Virus, der sich in den Köpfen der Menschen vermehrt. Sozusagen ein überflüssiges Nebenprodukt der Evolution - ohne Überlebenswert. Auch seine Fachkollegen kritisieren, dies sei pseudowissenschaftlicher Unsinn. Dawkins biege sich die Wissenschaft zurecht für sein persönliches Weltbild.

Grundlose Kampfansage

Dawkins will uns glauben machen, es sei eine "mutige" und "großartige" Sache, Atheist zu sein und für diese Sache zu kämpfen. Das mag auf die Vereinigten Staaten zutreffen, in denen Fundamentalisten die Gesellschaft spalten. Aber in Europa sind Atheisten keine unterdrückte Minderheit. Und die Kirche ist längst keine Macht, die uns das Leben zur Hölle macht und die Luft zum Atmen nimmt. Nehmen wir zum Beispiel Berlin: Im dortigen Stadtteil Prenzlauer Berg sind 91 Prozent Menschen konfessionslos.

Hierzulande brauchen Atheisten keine Schützenhilfe von einem intoleranten Polemiker und Kulturkämpfer wie Dawkins. Sie sollten sich von ihm den Respekt gegenüber dem Glauben Anderer nicht ausreden lassen.

 von Anna Riek

Richard Dawkins, Gotteswahn, Ullstein. Quelle: Ullstein

Der Gotteswahn

The God Delusion
von Richard Dawkins
Ullstein Verlag
576 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3550086881
Preis: 22,90 Euro


Abmerkungen Walter Rath (Autor dieses Internetbuches Gotteswahn.Info):

A]  >Hier< sei auf eine Bemerkung hingewiesen, welche am Seitenende im Hinweis auf eine Aufführung von Nathan der Weise (von G.E.Lessing) im Kursaal von Bad Honnef zu finden ist.

B]  Gerade das Internetbuch Gotteswahn.Info zeigt doch wohl eindeutig, dass sich die Menschen (wahrscheinlich nur männliche Menschen) in ihrer Vorstellungskraft fast genau so viele Götter, Halbgötter, Musterbilder oder als Ahnenverklärungen geschaffen haben wie leibliche Kinder in die Welt gesetzt worden sind. Ein uns Menschen überlegenes höheres Wesen oder unbekannte Lebensformen sind sogar wahrscheinlich. Aber all die Götter und Teufel der "weltlichen" Religionen sind ausschließlich Phantasiegebilde und existieren nach dem Ausschlussverfahren genau so wenig wie die vom Philosophen B.Russel erdachte Teekanne (>hier<).