Psychologie des Völkermordes

»Irgendein Narr in einem Labor
könnte versehentlich die ganze Welt hochjagen.«

Ernest, Lord Rutherford of Nelson

Rutherford (1871 - 1937) wurde bekannt durch sein "Rutherford'sches Atommodell". Ihm gelang 1919 die erste künstliche Kernreaktion durch Beschuss von Stickstoff mit Alphateilchen, der dabei in Sauerstoff umgewandelt wurde. Er 1908 erhielt den Nobelpreis für Chemie.
 


 

Dieses Buch geht zum Teil auf die »Peter B. Lewis Lectures of the Center of International Studies« zurück, die Robert Jay Lifton 1988 an der Princeton University hielt.


Die Originalausgabe erschien 1990 bei Basic Books, Inc., Publishers, New York unter dem Titel
The Genocidal Mentality. Nazi Holocaust and Nuclear Threat.
© 1990 by Robert Jay Lifton and Eric Markusen
© für die deutsche Ausgabe
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart 1992

Schutzumschlag: Klett-Cotta-Design
Gesetzt aus der Sabon Antiqua 10p von Peter & Partner, Höchberg bei Würzburg
Auf säurefreiem und holzfreiem Werkdruckpapier gedruckt und gebunden bei Offizin Andersen Nexö Leipzig GmbH

Lifton, Robert Jay; Eric Markusen:
Die Psychologie des Völkermordes : Atomkrieg und Holocaust /
Aus dem Amerikan. übertr. von Hans Günter Holl. - Stuttgart : Klett-Cotta, 1992
Einheitssacht.: The genocidal mentality 
ISBN 3-608-93164-3
 



Aus den Buchumschlags-Innenseiten:

Katastrophen entwickeln sich oft aus ad-hoc-Maßnahmen. Das untermauern Lifton und Markusen anhand der inneren Logik, die vom Holocaust der »Endlösung« zum globalen Vernichtungspotential des »nuklearen Systems« geführt hat.
Die Autoren gehen davon aus, daß die »Endlösung« der Nazis nicht programmatisch geplant war, sondern aus einer fatalen Eigendynamik der Maßnahmen gegen die Juden resultierte. An einem nicht genau bestimmbaren Punkt hätten sich die endemischen Probleme der Aussonderung, Konzentration und Gettoisierung angestaut. Dadurch sei fast »von selbst« eine Schwelle überschritten worden. In dieser Situation habe der Impuls zur Vernichtung als Initialzündung gewirkt. Von da an sei der verheerende Prozeß unaufhaltsam gewesen.


Um dem Schrecklichen zu begegnen, wurde ohne Rücksicht auf die Konsequenzen etwas Schreckliches erfunden: die Atombombe. Deren Einsatz gegen Japan rechtfertigte Präsident Truman mit dem Willen Gottes. Doch die religiöse Beschwörung war kaum geeignet, Kernwaffen zu legitimieren. Nach dem Krieg sollte der Schrecken selber für den Segen bürgen: Die atomare Aufrüstung geriet unter den Bann der »Abschreckung«. Die Autoren zeigen, daß das System der nuklearen Abschreckung die gleichen psychischen Mechanismen fördert wie der Nazi-Holocaust: Dissoziation, Abstumpfung und Spaltung. Unter ihrem Schutz können sich die Institutionen einer demokratischen Gesellschaft in den Dienst der totalen Vernichtung stellen. Die »nukleare Ideologie« wird allmächtig. Dadurch bleibt es den Funktionären, Rüstungsforschern und Mitläufern erspart, sich die fatale Ähnlichkeit ihrer Ziele mit denen der Nazis bewußt zu machen. Inmitten der nuklearen Verblendung sehen Lifton und Markusen jedoch Anzeichen für ein neues Gattungsbewußtsein. Diese lebensbejahende Kraft gelte es zu stärken. Andernfalls drohe die Gefahr, daß auch die Schwelle von der Abschreckung zur totalen Vernichtung fast »von selbst« überschritten wird.


Die Autoren:

Robert Jay Lifton ist Professor für Psychiatrie und Psychologie an der City University of New York, dem John Jay College und an der Mount Sinai School of Medicine. Unter anderem veröffentlichte er folgende Bücher: »Ärzte im Dritten Reich« (1988), »Death in Life: Survivors of Hiroshima« (1982).

 

Eric Markusen ist Professor der Soziologie am Carthage College, Wisconsin, und Mitherausgeber des Buchs »Nuclear Weapons and the Threat of Nuclear War«.


Inhalt

W.Rath: Christus am fraktalen Kreuz über der gezündeten

ersten Wasserstoff-Bombe (als Zeugnis menschlichen Könnens) Effizienz-Verbesserung des Mordwerkzeuges

Vorwort von Robert Jay Lifton


Danksagung


1. »Wenn die Abschreckung scheitert«: Die nukleare Falle

Höchste Absurdität
Lehren aus dem Völkermord der Nazis
Eine menschliche Zukunft


2. Die Entstehung der Ausrottungsmentalität

Verrohung durch Technik
Brutale Abschreckung oder Flexible Antwort
Nukleare Normalität


3. Die Ideologie des Völkermordes: Trauma und Therapie

Die biomedizinische Obsession der Nazis: Rassenhygiene
Das atomare Trauma
Das Nuklearsystem als ideologische Therapie
Nukleare Ideologie und nationale Sicherheit


4. Wissenschaft, Technik und Totalitarismus

Technik als Schicksal
Höchste Macht
Der antikommunistische Totalitarismus
Der Zwang zur Mystifizierung
Ideologische Ethik
Legitimation
Töten als Therapie


5. Spezialisten

Fachleute im Dritten Reich: Anpassung und Spaltung
Spezialisten für Kernwaffen
Die Leidenschaft der Problemlösung
Psychische Muster im nuklearen System

 
6. Die Eigendynamik des Völkermordes

Der nationalsozialistische Behemoth
Der nukleare Behemoth
Der Behemoth des Völkermordes
Das Überschreiten der nuklearen Schwelle

7. Abschreckung und Dissoziation

Dissoziation bei den Nazis
Die Abschreckungsfalle
Varianten der Abschreckung
Die Sprache der Fühllosigkeit
Dissoziative Verschiebungen und Kämpfe
Der Abschreckungskult und sein Niedergang
Das Feld der Dissoziation

8. Opfer

Abstumpfung bei Nazi-Opfern und Zuschauern
Die Opfer eines Atomkriegs
Nukleare Abstumpfung
Tiefe Bunker - grenzenloser Wahn

 

9. Eine Gattungsmentalität

Abkehr von der Ausrottungsmentalität
Gattungsbewußtsein und Gattungsselbst
Ein Wendepunkt der Menschheit


Anmerkungen

 

Register



Leseprobe aus: Vorwort von Robert Jay Lifton

Lange bevor ich mich Ende der siebziger Jahre auf die Nazi-Ärzte zu konzentrieren begann, beunruhigten mich die psychologischen und moralischen Aspekte der nuklearen Bedrohung. Als 1986 The Nazi Doctors: Medical Killing and the Psychology of Genocide (Deutsche Ausgabe: Ärzte im Dritten Reich, Stuttgart 1988) erschien, war ich überzeugt, daß zwischen dem Verhalten der Deutschen im Dritten Reich und dem Beitrag der Amerikaner und Sowjets zur atomaren Aufrüstung deutliche Parallelen bestanden. Ich sah meine Aufgabe als Wissenschaftler darin, die Greuel der Nazis nicht nur zu dokumentieren, sondern auch anzuwenden, was ich daraus gelernt hatte.


In den frühen achtziger Jahren erörterte ich diese Probleme mit Eric Markusen. Er half mir bei der Studie über die Nazi-Ärzte, referierte über Kernwaffen und schrieb seine Dissertation über die strategischen Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg und damit verwandte Aspekte des Holocaust. Markusen schlug vor, gemeinsam ein Buch zu schreiben, und wir einigten uns auf ein Verfahren.


Auch wenn das Problem der nuklearen Bedrohung immer wieder zu Vergleichen mit dem Holocaust einlädt, bleiben diese meist unsystematisch, was die Differenzen und Parallelen angeht. Daher verbanden wir unsere Einsichten in die Dynamik des Völkermordes und der nuklearen Aufrüstung mit einer Forschungsmethode, die von Erik Erikson beeinflußt ist: Wir nutzten den tiefenpsychologischen Ansatz, um bewußte wie unbewußte Motive der erforschten Epoche zu analysieren; während Erikson sich auf historische Persönlichkeiten konzentrierte, untersuchten wir gemeinsame Themen und psychische Merkmale bestimmter Gruppen, die geschichtsbildende Kräfte ihrer Zeit repräsentieren.


Ich hatte mich bereits in einer frühen Studie mit Gruppen in China und im Westen befaßt, die im Rahmen einer »Gehirnwäsche« umdenken lernen mußten. Das war keine chinesische Spezialität, sondern entsprach einer allgemeinen Tendenz unserer Zeit zum Absolutismus und zu »totalitären Ideologien«. Zudem hatte ich meine Studie über Hiroshima mit psychologischen Problemen der nuklearen Bedrohung verbunden und abschließend die Überlebenden von Hiroshima mit denen der nationalsozialistischen Konzentrationslager verglichen. Als ich Vietnam-Veteranen untersuchte, ging es mir nicht nur um den Krieg, sondern auch um die Frage, ob sich Menschen, die den Tod vor Augen hatten, psychisch so weit verändern können, daß sie Gewalt ablehnen. Meine Untersuchung über NaziÄrzte zeigte, daß sich praktisch jeder in den Dienst des Bösen stellen kann, indem er psychische Mechanismen wie die »Spaltung« aktiviert.


Alle diese Studien waren mit ausgedehnten Interviews verbunden, um die Einstellung der Befragten direkt kennenzulernen, zu verstehen (um mit Isaiah Berlin zu sprechen), »wie es für sie gewesen sein muß, so zu denken, zu empfinden und zu handeln«. Dadurch erhielt ich empirische Daten, aus denen ich gemeinsame Themen destillieren und auf dieser Basis nach der gesellschaftlichen und historischen Bedeutung des Materials fragen konnte.


Auch für die vorliegende Studie habe ich Interviews geführt, vor allem mit ehemaligen Rüstungsforschern, mit Nuklearstrategen und mit hochrangigen Offizieren im Ruhestand. Ich befragte sechs ehemalige Strategen, von denen zwei als Berater des Präsidenten und vier auch als Wissenschaftler tätig waren; sechs Physiker, die in der Rüstungsforschung gearbeitet haben, und drei Admirale a. D. Diese Gespräche enthüllten nicht nur die psychische Identifikation mit den Kernwaffen, sondern warfen auch andere psychologische und moralische Fragen auf, denen wir nachgehen konnten...