Totale Herrschaft

Hannah Arendt:
Elemente und
Ursprünge
totaler
Herrschaft
Band III:
Totale Herrschaft
Ullstein Buch Nr. 3183 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M - Berlin - Wien
ISBN 3 548 03183 8
Ungekürzte Ausgabe
Umschlagentwurf: Kurt Weidemann
Alle Rechte vorbehalten Copyright 1951, © 1958
1966, 1968 by Hannah Arendt Printed in Germany 1975 Gesamtherstellung: Ebner,
Ulm
Hannah Arendt untersuchte die "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" Hitlerdeutschlands nach der Niederlage und des "Stalinismus" Jahre vor Stalins Tod: anhand der Revolutionen im Gefolge des Ersten Weltkrieges, dann den Aufstieg totalitärer Bewegungen und die Aushöhlung der parlamentarischen Regierungsform und wie das alles in neue Tyrannenherrschaften aller Art, faschistische und halbfaschistische, Einparteien- und Militärdiktaturen (Spanien, Portugal usw.). Sie analysierte die totalitären Regierungen, die fest etabliert schienen und von den Massen getragen wurden.
Ihre Analyseergebnisse lassen sich sogar auf unseren heutigen Kapitalismuswahn mit seinem Totalen Markt übertragen, der - wie Carl Amery (>hier<) sagt: "auf dem Zenit seiner Macht und Wirksamkeit alle natürlichen Ressourcen verzehrt und sich als alternativlos darstellt. Alternativlosigkeit ist das Zeichen von Allmacht. Allmacht ist das Kennzeichen einer Ideologie bzw. Religion."
Bei © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG ist über Hannah
Arendt zu lesen: "Soziologin und Politologin", am 14.10. 1906 in Hannover
geboren und am 4.12. 1975 in New York gestorben; "Schülerin von M.Heidegger,
E.Husserl und K.Jaspers, musste als Jüdin 1933 nach Frankreich, 1940 in die USA
emigrieren; seit 1959 Professorin für Politik in Princeton. Sie befasste sich
v.a. mit der Erforschung des Totalitarismus und politisch-philosophischen
Grundsatzfragen.
Werke: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951);
Rahel Varnhagen (1959);
Vita activa oder Vom tätigen Leben (1960);
Eichmann in
Jerusalem (1963); Über die Revolution (1963).
Literatur:
Young-Bruehl,E.: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Ausdem Amerikanischen.
Frankfurt am Main 1991.
Brunkhorst,H.: Hannah Arendt. München 1999.
Breier, K.-H.: Hannah Arendt zur Einführung. Hamburg 22001.
Inhalt des vorliegenden Buches:
Vorwort
10. Der Untergang der Klassengesellschaft (Die Massen / Das zeitweilige Bündnis zwischen Mob und Elite) -
11. Die totalitäre Bewegung (Totalitäre Propaganda/ Totale Organisation)
12. Die totale Herrschaft (Der Staatsapparat / Die Rolle der Geheimpolizei / Die Konzentrationslager) .
13. Ideologie und Terror: eine neue
Staatsform - Bibliographie • Personenregister
Leseprobe aus "Die totalitäre Bewegung (Totalitäre Propaganda) - Seite 107:
"...Die Hartnäckigkeit, mit der totalitäre Führer an den ursprünglichen Lügen, welche die Bewegung zur Macht gebracht haben, selbst dann festhalten, wenn ihre Absurdität voll erwiesen ist, hat wenig mit der bekannten Psychologie des Lügners zu tun, der das letzte Opfer seiner eigenen Lügen wird, wenn diese es nur zu genügendem Ansehen in der Welt gebracht haben (>Hier< ein »modernes« Beispiel.). Sobald die Lügen der Propaganda sich in einer »lebendigen Organisation« verkörpert haben, können sie nicht mehr eliminiert werden, ohne das ganze Gebäude der Organisation selbst zu gefährden. Die Nazipropaganda verwandelte die Fabel einer jüdischen Weltverschwörung aus einer objektiv debattierbaren Lüge in das zentrale Element einer totalitären Wirklichkeit: Die Nazis handelten wirklich so, als ob die Welt von Juden beherrscht sei und einer Gegenverschwörung bedürfe, um gerettet zu werden. Die Rassedoktrinen waren nicht mehr eine Theorie höchst zweifelhaften wissenschaftlichen Wertes, sondern wurden jeden Tag innerhalb einer funktionierenden Welt realisiert, in deren Rahmen es höchst »unrealistisch« gewesen wäre, ihren Realitätswert zu bezweifeln. So braucht auch der Bolschewismus sich nicht mehr darauf einzulassen, die ausschlaggebende Bedeutung der Klassenkämpfe für die Geschichte oder die unbedingte Abhängigkeit des Wohlergehens des Proletariats vom Wohlergehen der Sowjetunion oder die objektive Überlegenheit der Arbeiterklasse über alle anderen Klassen der Menschheit zu beweisen; die funktionierende Organisation der Komintern (Kurzwort für Kommunistische Internationale) ist überzeugender, als ein bloßes Argument oder selbst eine bloße Ideologie es jemals sein könnten.
... Alle bloßen Argumente gegen die Propaganda, die ja aus einer Wirklichkeit stammen,
welche die Bewegung ohnehin zu ändern verspricht, sind bereits im vorhinein
dadurch disqualifiziert, daß die Massen die wirkliche Welt weder akzeptieren
können noch akzeptieren wollen. Totalitäre Propaganda ... ist Teil der totalitären Welt und wird nur mit ihr zusammen
vernichtet. Erst im Moment der Niederlage macht sich die wesentliche Schwäche
totalitärer Propaganda geltend. Bricht die Bewegung aus gleich welchen äußeren
Gründen zusammen und ist die »Gewalt der Organisation« verschwunden, so hören
ihre Anhänger von einem Tag zum anderen auf, an ein Dogma und eine Fiktion zu
glauben, der ihr Leben zu opfern sie gestern noch bereit waren. Mit dem
Zusammenbruch ihrer fiktiven Heimat kehren die Massen wieder in die Welt zurück,
vor deren Realität die Bewegung sie geschützt hatte, werden wieder zu den
isolierten Individuen, als die sie sich massenhaft zusammengefunden hatten, und
übernehmen entweder neue Aufgaben in einer veränderten Welt oder fallen in die
verzweifelte Überflüssigkeit zurück, von der die Fiktion sie für einen Moment
erlöst hatte... In aller
Stille, als handele es sich um nichts als einen dummen Reinfall, werden sie ihre
Vergangenheit aufgeben und, wenn es Not tut, verleugnen, sich nach einer neuen
vielversprechenden Fiktion umsehen oder warten, bis die alte Ideologie wieder an
Stärke gewinnt und eine neue Massenbewegung ins Leben ruft. Es ist mehr als ein
Zeichen allgemein menschlicher Schwäche oder spezifisch deutschen Opportunismus,
daß die Alliierten nach der Niederlage von Nazideutschland vergeblich nach einem
einzigen überzeugten Nazi in der Bevölkerung fahndeten, und dies besagt nichts
gegen die Tatsache, daß vermutlich achtzig Prozent des deutschen Volkes
irgendwann einmal überzeugte Anhänger oder Sympathisierende der Nazis gewesen
waren..."