Faktor Vier
Dieser Komplex an Literatur bringt Analysen zur Wahrscheinlichkeit (inzwischen Sicherheit) einer Zerstörung der zukünftigen Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde und machbare Vorschlägen zum Gegensteuern (verteilt auf mehrere Webseiten).
>Hier< zu einem Interview (mit Kommentar),
>Hier< ein Beispiel über Transportwege eines Erdbeerjoghurts.
Auf gesonderten Webseiten
>hier< zu weiteren 5 Büchern aus dem Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie,
>hier< "zur Lage der Welt 1993 - Daten fürs Überleben unseres Planeten,
>hier< zu 3 weiteren Büchern zur Weltentwicklung,
ferner >hier< "Das Maß für ökologisches Wirtschaften",
>hier< ein unverändert aktuelles Vorläuferbuch: "Zur Rettung des Planeten Erde"
und
>hier< ein Betrachtung zum Überleben der Erde aus psychologischer Sicht...".
Keines dieser Bücher berücksichtigt die Umweltzerstörung mit militärischen Mitteln:

Faktor Vier
Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch
Der neue Bericht an den Club of Rome
von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory B. Lovins und L. Hunter Lovins
Droemer Knaur, München
Ca. 288 Seiten mit 60 meist farb. Abb.. Gebunden. ISBN 3-426-26877-9
DM 45, /öS 333, /sFr. 45
Erschienen am
1.September 1995
Auf der Buchrückseite steht:
In der einfachen Formel Faktor vier steckt das Konzept einer zukunftssicheren, umweltschonenden und dennoch profitversprechenden Wirtschaftspolitik. Weizsäcker und seine Koautoren erläutern, auf welche Weise diese Formel dem technischen Fortschritt eine neue Richtung zu geben vermag und bei halbiertem Naturverbrauch nicht nur eine Verdoppelung des verteilbaren Wohlstands garantiert, sondern auch zu einem deutlich spürbaren Zuwachs an Lebensqualität für alle führt.
Das Buch ist wichtig und großartig... Zum Aufbau einer tragfähigen Gesellschaft
muß unser Verhalten von Grund auf und in allen Bereichen umgestaltet werden.
Faktor vier verbindet eine umfassende Analyse mit Handlungsanweisungen. Die
besondere Kraft dieses Buches liegt jedoch in der Vision einer Volkswirtschaft,
die zugleich intakte Ökosysteme, einen höheren Lebensstandard, Sicherheit und
Gerechtigkeit garantieren kann.
Randall Hayes, Executive Director der Umweltschutzorganisation Rainforest Action Network
Mutig und wegweisend... Kurt Biedenkopf, Ministerpräsident von Sachsen.
Enthält großartiges Konsenspotential für unsere zerstrittene Gesellschaft...
Wolfgang Huber, Bischof von Berlin-Brandenburg
...und auf der Umschlaginnenseite steht:
Die Botschaft von Faktor vier ist neu, einfach und aufregend: neu, weil sie nichts Geringeres ankündigt als eine neue Richtung des technischen Fortschritts, einfach, weil sie dafür eine einfache Formel anbietet, und aufregend, weil sie Profite verspricht.
Bisher war Fortschritt gleichbedeutend mit dem ständigen Zuwachs an
Arbeitsproduktivität, was dazu führte, daß wir heute zwanzigmal mehr Wohlstand
aus einer menschlichen Stunde Arbeit herausholen als 1840. Doch um welchen
Preis: Die zunehmende Rationalisierung ließ die Arbeitslosigkeit ansteigen. Eine
weitere Erhöhung der Arbeitsproduktivität scheint volkswirtschaftlich kaum mehr
lohnend und im Hinblick auf unsere Umwelt gefährlich. Das Erdklima gerät aus dem
Gleichgewicht, die Artenvielfalt schwindet, und die Rohstoffe werden knapp. Uns
bleibt nur eines: weniger Natur zu verbrauchen und mit dem Wenigen wirksamer zu
arbeiten. Wir müssen eine Effizienzrevolution in Gang setzen, die dazu führt,
daß wir die Naturgüter mindestens viermal besser nutzen als bisher. Das ist der
Faktor vier Er macht es möglich, daß wir trotz halbierter Naturnutzung den
verteilbaren Wohlstand verdoppeln können. Wie das funktioniert, zeigen
Weizsäcker und seine Koautoren anhand zahlreicher konkreter Beispiele: Schon mit
den vorhandenen Technologien lassen sich heute Produkte erzeugen, die einen
vielfach höheren Nutzen haben als herkömmlich produzierte Güter und dabei
keineswegs teurer sein müssen, z. B. Solarhäuser - auch für sonnenarme Zonen -,
deren Energiekosten fast bei Null liegen, oder Supersparautos, die nicht nur
sparsam und sicher, sondern auch komfortabel sind.
Doch der Faktor vier ist nicht nur in der Produktion, sondern auch beim
Transport und Vertrieb von Gütern anwendbar: Es ist unnötig, die verschiedenen
Bestandteile zur Herstellung eines Erdbeerjoghurts aus Entfernungen von
insgesamt 3500 Kilometern zur Fabrik zu transportieren und das fertige Produkt
dann wieder auf eine weite Reise zum Kunden zu schicken.
Das Know-how für eine neue, umweltschonende Wachstumspolitik ist vorhanden. Wie
aber ist sie durchsetzbar? Fairen Wettbewerb für die Effizienz fordern die
Autoren. Keine Subvention mehr für Vergeudung. Und schließlich: die ökologische
Steuerreform*. Damit werden die Bedingungen für einen revolutionären Wandel zu
einer zukunftssicheren Wirtschaft und Technik geschaffen. Die
Effizienzrevolution macht Umweltschutz, der für die Wirtschaft bisher ein
Kostenfaktor war, zu einem Nutzenfaktor.
* Der britischer Volkswirtschaftler, Arthur Cecil Pigou, (1877 - 1959) hat bereits 1820 in Singapur die ökologische Steuerreform (ÖSR) vorgeschlagen. Pigou war Professor in Cambridge (1908-43). Beiträge zur Wohlfahrtstheorie sowie zur Geld- und Beschäftigungstheorie, z. B. Vermögenseffekte des Geldes (Pigou-Effekte) zur Überwindung gesamtwirtschaftlicher Unterbeschäftigung wurden bekannt als eine Richtung in der Volkswirtschaftlehre, der "Cambridger Schule".
Ernst Ulrich von Weizsäcker, geb. 1939, war Professor für Biologie in Essen,
Universitätspräsident in Kassel, Direktor am UNO-Zentrum für Wissenschaft und
Technik in New York und von 1984 bis 1991 Direktor des Instituts für Europäische
Umweltpolitik in Bonn. Heute ist er Präsident des 1991 gegründeten
Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie.
L. Hunter Lovins und Amory B. Lovins leiten das von ihnen 1982 gegründete Rocky
Mountain Institute im US-Staat Colorado. Ihre Arbeiten, die sie u. a. im Auftrag
von Regierungen und großen Industrieunternehmen ausführen, wurden vielfach
ausgezeichnet, u. a. mit dem Alternativen Nobelpreis.
The Club of Rome, 1968
gegründet, ist eine lockere Verbindung von Wissenschaftlern und Industriellen
mit dem Ziel: Untersuchung, Darstellung und Deutung der „Lage der Menschheit"
(„Weltproblematik") sowie Aufnahme und Pflege von Verbindungen zu nationalen und
internationalen Entscheidungszentren zum Zwecke der Friedenssicherung; Friede
als menschliches Zusammenleben auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit und
Achtung vor den anderen Menschen sowie der Harmonie der Natur (globaler
Rohstoffhaushalt und Umweltschutz). Zahlreiche Veröffentlichungen (z.B. 1972 von
Meadows/Randers „Grenzen des Wachstums", überarbeitete Neuauflage im
DVA 1992; Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1973. (aus
MEYERS TASCHENLEXIKON)
Über das Buch (diese Ausführung und das folgende Interview wurden von Herrn von Weizsäcker genehmigt):
Faktor 4 bedeutet: Die uns noch übrigbleibenden Rohstoffe (Ressourcen)
auf unserer Erde könnte unsere Zivilisation leicht viermal so wirkungsvoll
(effizient) ausnutzen. Um die Rohstoffe und die Natur überhaupt zu schonen,
sollten wir nur halb so viel wie derzeit verbrauchen, und dennoch würde
gleichzeitig der Wohlstand verdoppelbar sein; denn halbe Resourcen-Anzapfung,
aber viermal so wirkungsvoll ausgenutzt, ergäbe trotzdem - im Vergleich zu
derzeit - doppelt so viel gerecht zu verteilende Energie und Industrieprodukte.
Es steckt also in der machbaren Formel „Faktor vier" das umwälzende Konzept
einer zukunftssicheren, umweltschonenden und dennoch profitversprechenden
Wirtschaftspolitik. Die freie Marktwirtschaft müßte doch wohl leicht zu
überzeugen sein, daß sparsamer Umgang mit den Ressourcen Kosten spart und daß
die Anwendung moderner Technologien die Umsetzung der Rohstoffe in, dem Markt
anbietbare Produkte neue Chancen auf dem Weltmarkt öffnet und den Profit sogar
wesentlich erhöht.
Weizsäcker und seine Koautoren erläutern, auf welche Weise ihre Formel nicht nur
der freien Marktwirtschaft eine neue Richtung gibt, sondern auch bei allen
Menschen zu einem deutlich spürbaren Zuwachs an Lebensqualität führen kann.
Der „Faktor vier" ist beispielsweise nicht nur in der Produktion, sondern auch
beim Transport und Vertrieb von Gütern anwendbar: So wird (als ein der 50
beschriebenen Beispielen) gezeigt, daß es unnötig ist, die verschiedenen
Bestandteile zur Herstellung eines Erdbeerjoghurts aus Entfernungen von
insgesamt 3500 Kilometern zur Fabrik zu transportieren und das fertige Produkt
dann wieder auf eine weite Reise zum Kunden zu schicken. Das Know-how (das
Wissen-wie-machbar) für eine neue, umweltschonende Wachstumspolitik ist
vorhanden. Wie aber ist diese Politik durchsetzbar? Die Autoren fordern u.a.
- fairen Wettbewerb für die Effizienz,
- keine Subvention mehr für Vergeudung und schließlich
- die ökologische Steuerreform.
Damit werden die Bedingungen für einen revolutionären Wandel zu einer
zukunftssicheren Wirtschaft und Technik geschaffen. Die Effizienzrevolution
macht ohne einen „erhobenen Zeigefinger" den Umweltschutz einfach zu einem
Nutzenfaktor, der für die Wirtschaft bisher nur ein (möglichst vermeidbarer)
Kostenfaktor war.
In dem Herrn Walter Rath freundlicherweise am 26.9.1995 auf der Bahnfahrt von Köln nach Frankfurt gewährten Interview erklärte Herr Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie GmbH. (im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen) u.a.:
Frage: Was kann der zweifellos äußerst wichtige Beitrag Ihres
Buches mit Bezug auf die Gesamtentwicklung der Menschheit bewirken, selbst wenn
die dort aufgeführte und als durchaus realisierbare Mindestforderung - also
vierfache Rohstoffausnutzung - praktisch ab morgen früh durchgesetzt werden
könnte? Muß nicht erst eine Machthabergruppe gefunden werden, die Ihre Ideen
durchsetzt? Beispielsweise hat so eine Institution wie Greenpeace („grüner
Frieden") Erfolge zu verzeichnen. Wie stark ist der Club of Rome? Gelingt es, da
Leute reinzukriegen, Leute die Macht haben, die große Konzerne vertreten, die
Lobbies (>hier<) bei den
Regierungen unterhalten, denn heute ist ja alles nur über die Lobby zu machen.
Auf etwas anders reagiert eine Regierung nicht, nicht wahr?
Antwort: Ich glaube, daß das Wort „Machthaber" irreführend ist.
Das stammt aus autoritären Geschichtsperioden. Heute ist es tatsächlich so, daß
der Shell-Konzern die Schlauchbootkämpfe von Greenpeace als „Machthaber(gehabe)"
auf aßt. Wenn es uns gelingt, eine neue Vision von Fortschritt einzupflanzen,
dann ist das auch „Macht". Dann müssen sich Politiker auf diese neue Vision
einstellen bei Strafe des Nichtgewähltwerdens. Deswegen versuchen wir auch, mit
diesem Buch ganz bewußt attraktiv und „gefällig" zu reden, gefällig in dem
Sinne, daß da leicht lesbare Farbbilder drinsind und nicht lange komplizierte
Sätze mit erhobenem Zeigefinger. Wir wollen also nicht nur die Besserwisser im
Lande erreichen; sondern wir wollen auch die Schlechterwisser damit erreichen.
Bundeskanzler Dr. Kohl hat bei der Regierungserklärung 1994, das ist weniger als
ein Jahr her, noch in großen Tönen das sogenannte 5-Liter-Auto angekündigt, und
weniger als 12 Monate später treten die drei vielleicht einflußreichsten
Ministerpräsidenten vor die Presse und verkünden, daß die deutschen Autobauer
auch das 3Liter-Auto* zuwege bringen können. Nun begründen wir in unserem Buch:
Das technisch-rationale Ziel ist das Eineinhalb-Liter-Auto, das wir als
einigermaßen erreichbar bezeichnen. Nun lassen wir mal das 3-Liter-Auto als
goldene Mitte erscheinen. Das ist auch eine Funktion dieses Buches: Denen, die
heute so mutig sind mit dem 3-Liter-Auto, auf ganz freundschaftliche Weise
mitzuteilen: So mutig ist das gar nicht. Nun muß der Trend weiter angestoßen
werden. Das können wir nur, indem wir mehr und mehr Ingenieure, Manager,
Projekt, Gewerkschaftler, Industrieführer ins gleiche Boot ziehen. Wir brauchen
dabei stets auch den Journalismus. Wenn die Journalisten sich verschwören
würden, unser Buch totzuschweigen, dann wäre es nichts wert. Dann würde es von
einigen Gelehrten gelesen, die sich vielleicht amüsieren würden, aber nicht von
ihren Arbeitskollegen, den Töchtern und Söhnen.
Hier sei ein Zitat aus dem Buch selbst ergänzend angehängt: „Die
Effizienzrevolution haben wir ganz bewußt als wirtschaftliches Gewinnspiel
eingeführt, nicht als umweltpolitischen Bußgang. Wir wollen, daß alle mitmachen,
nicht nur die ökologischen Büßer.
Aber die Zeichen stehen auf Sturm. Der neueste Bericht des Worldwatch
Institute zur Lage der Welt (1995) oder Die Grenzen des Wachstums von
Meadows/Randers (1992) machen klar, daß wir uns mit der Natur auf
Kollisionskurs befinden. Die Natur würde eine Kollision irgendwie
überstehen; die Menschheit nicht."
Frage: Es gibt ja Gottseidank eine gewisse Vorbereitung, daß das Buch
entsprechend dem Bewußtsein wenigstens vieler Menschen in den Industrienationen
aufgenommen wird. Es ist irgendwie reif. Kommen wir zurück auf die höhere
Effizienzmöglichkeiten bei Autos. Die Produktion von großen, komfortablen
Hochgeschwindigkeitswagen mit enorm hohem Verbrauch von einem Vielfachen der
3-Literverbraucher wird nun aber nach wie vor weitergehen?
Antwort: Da haben wir in dem Buch eine wunderschöne Idee beigesteuert,
die der Autoindustrie übrigens mächtig gefallen muß: nämlich eine Abwrackprämie
proportional zum Effizienzgewinn; d.h. für einen 20-Liter-Säufer kriegst du eine
höhere Abwrackprämie als für einen 5-LiterSchlitten, ein bißchen eine
nachträgliche Bestrafung derer, die sich frühzeitig umgestellt haben. Das
Verschwinden der Wagen mit sehr hohem Verbrauch kann dazu führen, daß der
Flottenaustausch viel flotter vonstatten geht als sonst üblich und hat den
RiesenVorteil, daß wir keine sozialen Verteilungsprobleme schaffen, da es
üblicherweise die ärmeren Schichten sind, die die ineffizienten Schlitten
fahren, die sich Neuerungen nicht sogleich leisten können (z.B. mit
Katalysator).
Frage: Unsere Vorräte gehen zu Ende gehen. Wenn wir uns die bekannten
Statistiken nach den derzeitigen Kentnissen ansehen, so können wir das
Zuendegehen lediglich hinauszögern. Es ist aber unvermeidlich: Irgendwann ist
Schluß mit dem System, das wir heute haben. Sicher wird die Menschheit einiges
mit neuen Erfindungen schaffen, sich beispielsweise alle benötigten Atome
künstlich züchten. Da haben die Physiker ja schon einiges an Antimaterie im
Speicher, womit eine, im Vergleich zu Kernspaltung und Kernfusion viel
intensivere Energie freigesetzt werden kann. Solche Techniken sind vielleicht
aber erst in hunderten von Jahren möglich, und es wäre vermessen, wenn wir
Prognosen für solche fernen zukünftigen Zeiträume geben wollten...
Antwort: Darauf kann ich eine gute Antwort geben: Wenn wir die Dynamik
jetzt beginnen, eine Erhöhung der durchschnittlichen Ressourceneffizienz, sagen
wir mal 5% pro Jahr bei einer Zunahme der Weltbevölkerung um 1,9% pro Jahr und
einer Zunahme des durchschnittlichen Weltwohlstandes um vielleicht 1,2 % pro
Jahr zu erreichen, dann wird also die Effizienz schneller wachsen als der
Verbrauch, so, daß der Verbrauch dann im Laufe der Zeit exponentiell abnehmen
könnte, so wie er jetzt noch zunimmt. Außerdem kommt man dann irgendwann in ein
Gebiet des Niedrigverbrauchs, in welchem der überwiegende Teil und schließlich
sogar alles aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden könnte. Es gibt ja die
Solarenergie. Man kann im Prinzip das Äquivalent von Erdgas aus Kompost gewinnen
als Biogas, das Äquivalent von Öl aus Palmen oder Raps gewinnen, und das gleiche
gilt auch für viele mineralische Rohstoffe. Man kann das Äquivalent
mineralischer Rohstoffe zum großen Teil aus nachwachsenden Rohstoffen, z. B. aus
Holz ersetzen. Wir schreiben ja auch, daß Holz der günstigste Stoff in der
Energiebilanz ist. Es gibt genug nachwachsendes Holz (selbst bei einer noch
weiter wachsenden Weltbevölkerung).
Dazu kommt da noch, daß die Dynamik des Bevölkerungswachstums ganz wesentlich an
mangelnder Frauenbildung, an mangelnder Frauensouveränität hängt. Sofern man
bereit ist, diesem Mangel abzuhelfen, dann sehe ich keinen Grund, warum sich die
Weltbevölkerung nicht schon deutlich unterhalb von 11 Milliarden stabilisieren
würde.
Frage: Viele Wissenschaftler sagen, die Grenze liegt bei 8 Milliarden als
Erträglichkeitsgrenze der Erde...
Antwort: Das hängt davon ab, wie die Ressourcen angegriffen werden. Bei
der heutigen Verschwendung wären schon 3 Milliarden „Wohlstandsmenschen" zu
viel.
Frage: Nun findet der Zuwachs ja vorwiegend in den Entwicklungsländern
statt, und das sehe ich sehr problematisch, weil in den Entwicklungsländern ja
ganz selten Demokratien etabliert sind sondern Diktaturen...
Antwort: Ich glaube, das hängt wenig damit zusammen. Ich würde sogar
sagen, das Bevölkerungswachstum und Verbrauchswachstum pro Kopf der Bevölkerung
war in der Geschichte in Demokratien im Durchschnitt höher als im autoritärem
System. So sehr man politisch beklagen mag, daß es immer noch autoritäre Systeme
gibt, mit der Frage der Ressourcenausschöpfung und dem Bevölkerungswachstum hat
das nichts zu tun. Wenn es gelingt, z.B. ein Haus zu bauen, das keine Heizkosten
mehr hat oder ein Auto, was nur 1½ Liter
braucht, einen Bürostuhl mit praktisch unbegrenzter Lebensdauer, dann wird es
auf einmal möglich, 10 Milliarden Menschen zu einem befriedigenden Wohlstand zu
verhelfen, und dieser ist das sicherste Mittel, um die Bevölkerungsexplosion zu
stoppen. Das ist von der Regierungsform weitestgehend unabhängig...
Frage: Muß man nicht leider sagen, daß das Umeltbewußtsein in
Entwicklungsländern fast noch gar nicht existiert?
Antwort: Nur auf eine andere Art. Die in Demokratien geforderten und
angegangenen, mehr oder weniger halbherzigen Lösungen sind doch nicht das
Einzige, was der Umwelt nun tatsächlich zugute kommt. Jeder Sudanese im oberen
Niltal weiß von der Endlichkeit der Fischressourcen und weiß sie zu schonen. Ob
er deswegen schon gleich Rauchgasentschwefelungsanlagen braucht, ist für ihn
zumindest eine total nebensächliche Frage. Ihm fehlt natürlich das Bewußtsein
für Rauchgasentschwefelung, aber nicht ein Umweltbewußtsein.
Frage: Sie haben ja auch in Ihrem Buch die Statistiken, wonach die
Welktbevölkerung irgendwann wieder sinkt. Worauf begründet sich diese Annahme?
Antwort: Auf der realistischen Wohlstandsperspektive, die der „Faktor 4"
anbietet.
Frage: Wir kennen nicht alle Parameter (Bedingungen), um genaue Aussagen
über die zukünftigen Entwicklungen machen zu können. Es wäre auch sehr schön,
wenn es möglich sein würde, die Simulationen landesspezifisch wenigstens
industrieland- und entwicklungslandspezifisch durchführen zu können. Weltglobale
Aussagen sind nun wirklich zu „global". Schauen wir uns nun einmal die Kurve für
den Konsumgüterverbrauch an, dann sinkt die ja ganz erheblich ab. Daraus können
wir schließen: Der derzeitige Konsum ist nicht aufrecht zu erhalten oder?
Antwort: Die heute übliche Art von Konsum im Sinne von immer mehr
Naturverbrauch ist nicht aufrecht zu erhalten. Es muß sich auch die Ökonomie
ändern. Die heutige Ökonomie mißt den Umsatz und nicht den Wertzuwachs. Wenn man
eine wertorientierte Ökonomie will, dann erscheinen auf einmal ein
Verkehrsunfall oder das Leerpumpen eines Erdgasfeldes nicht mehr als „Wachstum"
sondern als Wertverlust.
Während heute (noch) reichlich fließende Ressourcen strömen und es noch billiger
ist, ein paar mehr Öltanker und Erzfrachter loszuschicken, nachdem aus Brasilien
und Kamerum Bodenschätze rausgeholt worden sind, wird es in einer
wertorientierten Ökonomie viel wirtschaftlicher sein, haltbarere Materialien zu
erreichen, Produkte mit einer viel längeren Lebensdauer.
Frage: Was sicher dann vom Konsumenten erst dann gewünscht werden wird,
wenn er technische Fortschritt in eine Sättigung hineingerät, wenn nicht immer
eine weitere technische Neuerung reizvoll ist, die Geschwindigkeit nicht weiter
gesteigert und der Komfort eines Fahrzeug nicht wesentlich verbessert werden
kann...
Antwort: Komfort und Geschwindigkeit sind nicht das Gleiche. Übrigens
stehen Bewegung, Fortbewegung überhaupt nicht im Widerspruch zur Nachhaltigkeit.
Der Rheinfall von Schaffhausen
bewegt sich seit tausenden von Jahren und ist gewissermaßen stabil. Es kommt
drauf an, daß Input und Output sich gegenseitig treffen, daß nicht mehr
verbraucht wird als ständig mühelos nachfließt.
Natürlich wird es große zivilisatorische Umstellungen geben. Sie werden meines
Erachtens aber nicht größer sein, als das, was zwischen unserer
Großvätergeneration und uns liegt. Unsere Großväter haben noch ohne jede Ironie
gesagt: Der Schornstein muß rauchen. Wenn wir heute einen rauchenden Schornstein
sehen, assoziieren wir damit: Da ist was defekt; d.h. in zukünftigen
Zivilisationen werden sich einige derzeitige Leitmotive, also „noch schneller,
noch höher, noch stärker" (vielleicht) überlebt haben. Zivilisatorische
Änderungen vollziehen sich aber eher gemächlich, manchmal fast unmerklich.
Kommentar zum Interview vor über 18 Jahren - zum Stichwort Kraftfahrzeug:
* In Wirklichkeit hat sich ein pervertieretes "Wachstum" gerade in der Automobilindustrie ausgetobt: Immer höhere PS-Zahlen (1 PferdeStärke etwa gleich 0,74 KiloWatt) . Es gibt fast kein einziges Modell mehr unter 100 PS. Der Durchschnitt liegt bei 150 PS. Ein 70-PS-Motor könnte auf einen Verbrauch von 5 Liter pro 100 km "gezüchtet" werden. 90 PS sind auf 6 Liter zu drücken, wenn keinesfalls eine höhere Geschwindigkeit als 120 km/Stunde gefahren wird. Ständig mit Licht fahren, ist die Empfehlung; denn das fördert den Umsatz der Ölindustrie: Verbrauchserhöhung von 0,5 bis 1 Liter mehr auf 100 Kilometern. 230 Autofirmen waren in diesem Jahr (2008) auf der Pariser Ausstellung vertreten. Jede Firme hat mindestens 5 Modelle und je Modell mindestens 5 verschiedene Motorstärken und -arten (Benzin, Diesel). Die Farbpalette ist unbeschreiblich. Der Unterschied zwischen den Modellen ist nur an den Rückleuchten und anderem Kinkerlitz zu erkennen. Die steuerlich absetzbaren Entwicklungskosten gehen je Modell in die Milliarden. Die Verkaufsniederlassungen sind Menschen- (Kaufinteressenten-)leer. Jedes Modell hat eine Sitz-Wanne, aus der man als älterer Mensch beinahe nur mit fremder Hilfe herausgezogen werden muß. Es gibt keine Lenkradschaltung mehr, keine Schiebetüren bei reinen Personenfahrzeugen, dafür 4 verschiedene Arten, den Rückwärtsgang zu schalten. Anstatt froh zu sein, wenn eine Firma endlich vom Markt verschwindet, wird ihr Unterstützung (Subvention) angeboten..
Die Transportwege eines Erdbeerjoghurts.

Links: Ein durchschnittlicher, in Stuttgart hergestellter Erdbeerjoghurt und seine Bestandteile und Behältermaterialien reisen insgesamt 3500 km weit. 4500 km werden zuvor von den Grundstoffen zurückgelegt, die an die Zulieferer der Meierei gehen. Rechts: Ein Joghurt derselben Qualität kann mit einem Viertel der Transportintensität hergestellt werden.
Mehr zu diesem Thema ab Seite 150 des Buches!
Walter Rath, November 2008