"Gottesvergiftung"
von
Tillmann Moser
Tillmann Moser schreibt in seinem Buch Gottesvergiftung: "...Du hast aus mir eine Gottesratte gemacht, ein angstgejagtes Tier in einem Experiment ohne Ausweg..." und am Ende seines Buches: ..."Es genügt mir, daß ich dich (Gott) nicht mehr sehen brauche... Wenn ich in manche Gesichter sehe, empfinde ich keinen Verlust mehr, und menschliche Gesichter werden deines ersetzen, weil deines unmenschlich war. Meine Augen lernen sehen, seit du mir nicht mehr den Horizont verdunkelst."
Im Folgenden ein Auszug (als Leseprobe):
"Gebete vor Morgengrauen
Lieber Gott,
ich möchte mit einem Fluch beginnen, oder mit einer Beschimpfung, die mir bald
Erleichterung brächte. Eine Art innere Explosion müßte es werden, die dich
zerfetzte. Ich wäre dann nicht nur dich, sondern auch diese elende Beschämung
los, mich noch einmal mit dir beschäftigen zu müssen. Ich dachte, du wärst tot,
begraben, zumindest aber vergessen oder wärst mir gleichgültig geworden. Du
warst eine solche Enttäuschung, ein solcher Betrug in meinem Leben, daß ich, als
ich ganz allmählich und unter Qualen dahinterkam, dich links liegen ließ. Nicht
daß du als Person überlebt hättest, als ein faßliches Gegenüber. Du warst einst
so fürchterlich real, neben Vater und Mutter die wichtigste Figur in meinem
Kinderleben. Nein, obwohl es mich wundert, wie leicht es mir fällt, dich immer
noch so direkt anreden zu können. Du hast überlebt in meiner seelischen
Struktur: ganze Gewölbe, Verehrungsthrone, innere Zimmer- und Kapellenfluchten
wurden für dich angelegt. Du haustest in mir wie ein Gift, von dem sich der
Körper nie befreien konnte. Du wohntest in mir als mein Selbsthaß. Du bist in
mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit, als mein Körper und meine
Seele klein waren. Beide wurden, entgegen einer freieren Bestimmung, zu deiner
Wohnung gemacht, und ich war so stolz, daß du auch in mir kleinem jungen Wohnung
nehmen würdest. Es gab Jahre, wo ich dir mein Leben weihen wollte, wo zwischen
dir und mir verhandelt wurde über einen Erwählungsvertrag. Du hast schon ganz
früh mit meinem Größenwahn gespielt, ihn genährt, ihn an geheiligten Vorbildern
gesteigert, die mir in deinem Namen vor Augen gehalten wurden. Ich habe dir so
schreckliche Opfer gebracht an Fröhlichkeit, Freude an mir und anderen, und der
Lohn war, neben der Steigerung des Erwähltheitsgefühls, oder dem Kampf darum,
ein Quentchen Geliebtsein vielleicht, vielleicht ein Quentchen weniger
Verdammnis. Weil ich dich insgeheim haßte um der Demütigungen willen, die ich
auf mich nahm, um dir zu gefallen, um deine Gunst zu erwerben oder auch nur um
deine Ungunst zu vermeiden, mußte ich dich immer mehr verehren, dich immer
inständiger anflehen, an mir doch ein wenig Wohlgefallen zu finden. Und so bist
du immer wirklicher geworden, einfach deshalb, weil du mich, aus vielen Gründen,
nicht gemocht hast. Ich habe unter niemandem so gelitten in meinem Leben wie
unter deiner mir aufgezwungenen Existenz. Indem ich dir zeige, wie du als
Krankheit in mich eingezogen bist, und als Krankheit fast über mich
hinweggewachsen wärst, hoffe ich, mich ein Stück weit von dir heilen zu können.
Ich weiß, daß du in den Narben, falls ich dich aus mir vertreiben kann, bis zu
meinem Tode hausen wirst. Sie werden mich beißen, und du wirst mich noch mit
Phantomschmerzen quälen, wenn du längst wegamputiert bist.
Ein Teil meines Hasses auf meine Familie rührt daher, daß sie mir die
Gotteskrankheit eingegeben hat. Du wurdest mir eingeträufelt, kaum daß die
ersten Zeichen der Empfänglichkeit, der Verwundbarkeit sichtbar wurden. Das
Anwachsen der Krankheit wurde, alter Familientradition gemäß, mit Freude
betrachtet. Sie haben das Wuchern der Tumore in meiner Seele nach dem Kalender
des Kirchenjahres verfolgt und gefeiert. Die Feste waren die Höhepunkte des
Krankheitsverlaufs. Und ich will dir auch gleich sagen, warum ich so gierig war
nach dir, oder wehrlos gegen dieses Wuchern. Der Humus, auf dem du wachsen
konntest, war kindliches Unglück. Und wäre auch nur ein Hauch von Ehrgefühl in
dir, du würdest schamrot werden, wenn ich dir klarmache, was die wirklichen
Bedingungen deines Wachstums in mir waren, du Konkursverwalter der Liebe, des
Unglücks, der mißlingenden Menschlichkeit. Es gab unerkannte Zeichen der
Auflehnung gegen dich. Meine Blase, die ich Dummkopf dafür verachtet habe, war
ein Herd des Widerstands. Dutzende von Malen hat sie es geschafft, daß ich,
natürlich in panischer Beschämung statt in trotziger Weigerung, während der
Predigt aus dem Gottesdienst rennen mußte. Und einige Male habe ich es nicht
mehr geschafft oder nicht mehr schaffen wollen, und habe während irgendeines
hochgemuten Chorals oder einer eindringlichen Predigt aus vollem Rohr in die
Hose gepißt, daß eine Lache unter mir entstand und man mich hinausbringen mußte,
weg von den irritiert dreinblickenden Lobe-den-Herrn-Sängern. Ich hätte die
Wahrheit, daß es dir und all den Ansteckungsgehilfen galt, nicht ertragen; denn
ich hätte mich, ohne jeden verstehenden Bundesgenossen, nur noch verlassener und
der ewig lauernden Verdammnis näher gefühlt. Und soll ich dir verraten, daß es
im weiteren Kreise deiner mir bekannten Verehrer noch viele gibt, die den
feierlichen Dienst an dir nur mit großen Blasensorgen überstehen? Stunden vor
dem Gottesdienst trinken sie nichts mehr und können sich bei der Predigt oder
beim Gesang nicht konzentrieren, weil ihre feierlich-ängstliche Aufmerksamkeit,
die sie auf den Gesichtern tragen, viel weiter unten versammelt ist.
Aber weißt du, was das Schlimmste ist, das sie mir über dich erzählt haben? Es
ist die tückisch ausgestreute Überzeugung, daß du alles hörst und alles siehst
und auch die geheimen Gedanken erkennen kannst. Hier hakte es sehr früh aus mit
der Menschenwürde; doch dies ist ein Begriff der Erwachsenenwelt. In der
Kinderwelt sieht das dann so aus, daß man sich elend fühlt, weil du einem
lauernd und ohne Pausen des Erbarmens zusiehst und zuhörst und mit Gedankenlesen
beschäftigt bist. Vorübergehend mag es gelingen, lauter Sachen zu denken oder zu
tun, die dich erfreuen, oder die dich zumindest milde stimmen. Ganz wahllos
fallen mir ein paar Sachen ein, die dich traurig gemacht haben, und das war ja
immer das Schlimmste: dich traurig machen - ja, die ganze Last der Sorge um dein
Befinden lag beständig auf mir, du kränkbare, empfindliche Person, die schon
depressiv zu werden drohte, wenn ich mir die Zähne nicht geputzt hatte. Also:
Hosen zerreißen hat dir nicht gepaßt; im Kindergarten mit den anderen Buben in
hohem Bogen an die Wand pinkeln, hat dir nicht gepaßt, obwohl gerade das ohne
dich ein eher festliches Gefühl hätte vermitteln können; die Mädchen an den
Haaren ziehen hat dich verstimmt; an den Pimmel fassen hat dich vergrämt; die
Mutter anschwindeln, was manchmal lebensnotwendig war, hat dir tagelang Kummer
gemacht; den Brüdern ein Bein stellen brachte tiefe Sorgenfalten in dein
sogenanntes Antlitz. »Herr, erhebe dein Äntlitz über uns ...«, so haben wir am
Ende jedes Gottesdienstes gefleht, als gäbe es keine größere Sehnsucht, als
immerzu dein ewig-kontrollierendes big-brother-Gesicht über uns an der Decke zu
sehen. Du als Krankheit in mir bist eine Normenkrankheit, eine Krankheit der
unerfüllbaren Normen, die Krankheit des Angewiesenseins auf deine Gnade, die von
beamteten Herabflehern zusätzlich zu meinem Geflehe bei dir erbettelt werden
mußte. Ein Wucherer warst du mit deiner Gnade, oft nur hast du sie gegen
Menschenfleisch, doch immer nur provisorisch, mit dauerndem Widerrufsrecht,
vergeben. »Jeden Tag neu müssen wir den Herrn um Gnade bitten, uns von seiner
Gnade beschenken lassen. Amen.« Dabei wurde erzählt, daß deine Gnade wunderbar
und unerschöpflich sei, und wie froh wir sein müßten, wenn wir trotz unserer
immer wiederkehrenden Sünden immer wieder die Chance hätten, sie zu erwerben;
daß du dein Antlitz nie endgültig abwenden würdest, aber doch lange genug, um
Angst zu erzeugen und uns in der Furcht des Herrn zu halten. Weißt du: es ist
mir längst klargeworden, daß ich niemanden fürchte, ohne daß ich ihn nicht auch
um der Demütigung willen, mich fürchten zu müssen, haßte. Wieso sollte es mit
dir anders und die Furcht vor dir nicht mit Haß verknüpft sein? Nur bewußt
durfte es nicht werden, weil Gotteshaß das Unvorstellbarste, das unmittelbar zu
Verdammnis Führende war. »Wir sollen Gott fürchten und lieben ...« war mir
eingebleut worden, als ob nicht das erste das zweite fast unmöglich macht. Und
weil deine irrsinnige Daseinsbedingung, als einer, den man fürchten und lieben
soll, gleichzeitig Haß erzeugt hat, mußte man wiederum um so mehr Angst haben,
um so demütiger, um so dankbarer für den Aufschub sein, noch nicht verworfen zu
werden. Ich weiß, längst nicht allen bist du so wesentlich als Krankheit
erschienen wie mir. Es gibt da ein paar Spezialbedingungen, warum ich dich vor
allem als Vergiftung und Geschwür erlebt habe. Es hängt mit dem
jahrhundertealten Komposthaufen christlicher Familientradition zusammen, auf dem
du deine Kulturen in Ruhe züchten konntest. Die Intensivierung des Giftes war
ein generationenlanger Prozeß: da ist die wahre Gottessäure entstanden, die sich
eingeätzt hat in mein Fleisch.
Fast zwanzig Jahre lang war es mein oberstes Ziel, dir zu gefallen. Das bedeutet
nicht, daß ich besonders brav gewesen wäre, sondern daß ich immer und überall
Schuldgefühle hatte. Belustigt haben mich Freunde immer wieder auf einen
Mechanismus hingewiesen: ich war zu Besuch, fühlte mich wohl, hatte aber ein
schwer greifbares Gefühl, vielleicht doch Fehler gemacht zu haben, und nur
wenige Stunden oder Tage später trieb es mich anzurufen oder zu schreiben, um
eine gewundene Entschuldigung abzugeben oder zu erkunden, ob ich nicht doch
schweren Anstoß erregt hätte. Es war eine fundamentale Unsicherheit in mir, ob
ich nicht etwa mir gar nicht ganz einsehbare Normen verletzt hätte, ob nicht
binnen kurzer Zeit eine nicht berechenbare Strafe erfolgen würde, ob ich nicht
Sympathien verloren oder mir bei dem oder jenem starken Unmut zugezogen hätte.
Du hast mir so gründlich die Gewißheit geraubt, mich jemals in Ordnung fühlen zu
dürfen, mich mit mir aussöhnen, mich o. k. finden zu können.
Neulich war ich auf einem gruppentherapeutischen Training, und es ging um das
Ausmaß von Hemmungen, das jeder mit sich herumträgt. Da fragte der Trainer,
welche Sätze uns in unserem Leben am meisten eingeschüchtert hätten. Weißt du,
was bei mir zum Vorschein kam als die mich domestizierende, einengende,
schachmatt setzende stereotype Phrase: »Was wird der liebe Gott dazu sagen?«
Durch diesen Satz war ich früh meiner eigenen inneren Gerichtsbarkeit überlassen
worden. Im Grunde mußten die Eltern gar nicht mehr sehr viel Erziehungsarbeit
leisten, der Kampf um das, was ich tun und lassen durfte, vollzog sich nicht mit
ihnen als menschliche Instanz, mit der es einen gewissen Verhandlungsspielraum
gegeben hätte, sondern die »Selbstzucht«, wie das genannt wurde, war mir
überlassen, oder besser, der rasch anwachsenden Gotteskrankheit in mir. Du hast
mir dann kaum noch Chancen gelassen, mit mir selbst ein auskömmliches Leben zu
führen. Weißt du, welches Wort mich mit einer abenteuerlich tiefen Angst erfüllt
hat? Aussätzigkeit. Dir ist es doch tatsächlich gelungen, daß ich mich wegen
meiner kleinen Durchschnittssünden jahrelang aussätzig fühlte. Und die
Aussätzigen auf den biblischen Bildern wurden isoliert, an langen Stangen ließ
man ihnen die Mahlzeiten reichen, sie mußten mit Klappern herumlaufen, damit
niemand durch sie angesteckt wurde.
über seelische Vorgänge, gar über Ängste, wurde in unserer Familie nicht
geredet. So war ich deinem Wüten in mir ausgeliefert und hatte nicht einmal den
Gedanken daran, daß es irgendwo Entlastung geben könnte. Dein Hauptkennzeichen
für mich ist Erbarmungslosigkeit. Du hattest so viel an mir verboten, daß ich
nicht mehr zu lieben war. Deine Bedingungen waren zu hoch für mich, und niemand
hat sie gemildert, weil von einem bestimmten Punkt an nicht mehr davon die Rede
war. Ich habe dich flehentlich gebeten, mich auf die Seite der »Schafe« zu
nehmen, doch ich wußte, daß ich zu den »Böcken« gehörte. Es war mir als Kind so
selbstverständlich, daß die Welt, die jetzige und die spätere, aus Geretteten
und aus Verdammten bestand; das Fürchterliche war nur, daß ich, wie es auf
manchen Bildern zu sehen ist, immer über dem Abgrund der Verdammnis hing und
niemals wußte, wie lange der schmale Steg noch halten würde, der mich trug. Als
im Religionsunterricht die Prädestinationslehre besprochen wurde, nach der es
durch deinen unerforschlichen Ratschluß den Menschen von Anbeginn an bestimmt
ist, ob sie zu den Geretteten oder den Verdammten gehören, überfiel mich eine
entsetzliche Lähmung, weil alles ausweglos erschien. Mich faszinierte es, wie
viele Mittel meinen katholischen Schulfreunden gelassen wurden, um sich doch
noch zu retten, um Ablaß zu erhalten. Ich lauschte oft atemlos ihren
Berechnungen, wenn sie, vor und..."
Soweit dieses Kapitel, das nächste (der beiden Buchkapitel)
"Die Macht Deiner Lieder
Ich versuche in den letzten Tagen, die Lieder zu verstehen, in denen du dich hast preisen oder anflehen lassen, als ich jung war. Länger als eine knappe Stunde kann ich nicht im Gesangbuch lesen, sonst werde ich so traurig und verwirrt, daß ich hinauslaufen muß.
Und ich merke beim Lesen deiner Lieder, wie tief mich manche der Texte und
Melodien berührt haben. Ich habe beim Lesen immer noch den halb unterirdischen
Schulsaal für unsere Gottesdienste vor Augen, erlebe von neuem das Sektengefühl,
diesen Geschmack auf der Zunge, daß wir nur geduldet sind von den
Andersgläubigen, die im Dorf den erfolgreicheren Gott haben, und wie ich dann im
Schulsaal den eigenen Gott aufgebläht habe, mich ins Rühmen verstieg, eine
imaginäre Beruhigung und Befriedigung beim gemeinsamen Singen und Beten suchte.
Du warst wirklich ein erstaunlich ge
wichtiger Teil meiner inneren und äußeren Wirklichkeit. Du hast dich manchmal
wie ein leuchtender oder dunkler Nebel vor die Welt geschoben, soweit es sie
überhaupt gab für mich. Denn darin hast du es leicht gehabt, ich meine: im
Beiseiteschieben der Wirklichkeit. Meine Familie hat nie viel von der irdischen
Realität verstanden, noch weniger davon, irdische Realität zu beherrschen oder
auch nur sie zu beeinflussen. Da warst du einfach eine immense Bereicherung,
eine strahlende oder düstere Ergänzung der weltlichen Enge. Oder umgekehrt,
unsere unverstandene kleine Welt war eine Ergänzung, ein kleiner, halbwirklicher
Anhang deines Gottesreiches, das Jammertal eben, in dem es im wesentlichen um
moralische Bewährung ging. Du hättest gar nicht so in mir Fuß fassen können ohne
die soziale Ohnmacht der Familie. Es gab kaum ein Gegengewicht gegen dich, du
warst die Gegenwelt, die so viel Unverstandenes verständlich und erträglich
machte.
Es ist mir jetzt dir gegenüber wichtig zu schreiben, daß ich im Schwarzwald in
einem komfortablen Hotel ein Zimmer mit Bad und Balkon bewohne, gestern abend
ein Hirschkalbssteak gegessen habe und triumphierend bei einem mit Kirschwasser
angerichteten Eisbecher feststellte, daß ich deine mißgünstige Präsenz, die
wiedererwachte, ganz gut in Schach halten konnte. Hirschkalbssteak klingt in
diesen Tagen fast wie eine Gotteslästerung, und ich merke, daß ich es halb aus
wachsender Zufriedenheit über diese deine allmähliche Entlarvung, halb doch noch
aus Trotz gegen dich gegessen habe. Hier in dieser Gegend bin ich in
Schülerzeiten Jahr um Jahr mit dem Brotbeutel herumgelaufen, oft mit
Marmeladebroten darin, und du hattest die Armut gesegnet und hast versucht, mich
mit ihr auf der Basis der Erwähltheit aller Armen für das Himmelreich zu
versöhnen. Nur die schlechten Menschen prassen in den Hotels und Gaststätten!,
war deine Devise. Deshalb habe ich meist, vermeintlich gottselig und so voller
Neid, meine Stullen im Freien verzehrt oder mir drinnen allenfalls eine nicht
anstößige Erbsensuppe gegönnt. Wenn ich heute in dieser Gegend einen Skilift
benutze, kann mich für einen Moment noch das Gefühl überkommen, das grenze an
Sünde.
Die Traurigkeit beim Lesen in deinem Gesangbuch ist eine Mischung aus Ohnmacht,
Resignation, Wertlosigkeit. Von dir geht eine Lähmung aller Initiative aus, ein
Gefühl von Vergeblichkeit allen irdischen Tuns. Ich höre wieder die schrillen
Stimmen älterer Frauen, die versuchen, beim Singen der Choräle in eine kleine
Ekstase zu geraten, zumindest aber in das Gefühl, weggetragen zu werden. Bei den
Männern ist es mehr die Lautheit, eine endlich erlaubte Selbstbetonung beim
gesungenen Ruhme Gottes. Die meisten, die in den Schulsaal kamen, durften ja
nicht laut sein im Leben. Sie mußten den Gemeindegesang abwarten, um überhaupt
die Stimme erheben zu dürfen, um sich etwas von der Seele zu singen oder zu
schreien, und ein paar Augenblicke lang stimmlichen Selbstgenuß zu erleben. Es
war auch für mich erhebend, wenn meine Stimme, einzeln zwar wahrnehmbar, doch
mit der Stimme der Gemeinde verschmolz. Im Grunde war es das Ziel aller Lieder,
Verschmelzung zu bewirken und Andacht hervorzurufen, und da deine Poeten und
Musiker inbrünstig zusammengearbeitet haben, ist in die Lieder vieles
eingegangen, was unwiderstehlich zur Verschmelzung und zur Andacht stimuliert.
Ich werde dir eine Reihe von Liedern vorhalten und dir erklären, wie sie auf
mich gewirkt, wie sie meine Täuschung über deine Realität vertieft haben.
Es gibt einige, die mir heute noch die Tränen in die Augen treiben, weil sie
verknüpft sind mit Momenten eines vollkommenen Geborgenheitsgefühls, eines
geborgten freilich, mehr geahnt als wirklich. Das ist ja das schlimme Geheimnis
an dir, daß alles nur Verweisung ist auf etwas großartig Unwirkliches. Einige
deiner Lieder, am meisten die von Paul Gerhardt, sind verknüpft mit
Augenblicken, in denen meine Mutter es verstand, im täglichen Leben nicht
ansprechbare oder formulierbare Gefühle singend oder betend so mit dir zu
verbinden, daß sie plötzlich greifbar schienen; daß ihr Gesang dem Stimme
verlieh, wonach wir uns alle sehnten.
»Der Mond ist aufgegangen,
die güldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwärz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.
So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.«
(368*) Die Lied-Nummern beziehen sich auf das Evangelische Kirchengesangbuch.
Ein anderes Lied will ich nennen, das viele Jahre hindurch gesungen und
gebetet wurde. Mehr als fünf Gottesbeweise ist dieses Lied schwer, und es
erfüllt mich immer noch mit einer Andacht, für die ich heute keinen Inhalt mehr
habe:
»Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen, auf,
auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.
Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so laß die Englein singen:
»Dies Kind soll unverletzet sein.«
Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben,
kein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar. «
(361)
Es sind Lieder, die, mit der Stimme meiner Mutter gesungen, auch starke
Kinderängste gebannt oder gemildert haben. Sie haben das Gefühl vermittelt, die
Eltern verwalteten einen Teil deiner tröstlichen Macht und seien fähig, sie uns
mitzuteilen. In diesen beiden Liedern lag ein Stück verdichteter Harmonie,
Stimmungen am Übergang von Wirklichkeit und Verweisung auf unwirklich
Wunderbares. Wenn der Vater gar mitbrummte und ebenfalls im Einklang mit dir
schien, war die Welt in eine feierliche Schönheit getaucht. Uns alle schien dann
ein ungeheuer kostbares Band zusammenzuhalten, das im Alltag verschwand und dann
plötzlich wieder, aber immer nur mit deiner Mithilfe, zu leuchten begann.
Im Grunde hattest du also unser aller Seelen gepachtet, so daß wir ohne dich
einander keine Gefühle mitteilen konnten, und in diesen beiden Liedern wurden
wesentliche Gefühle annähernd Sprache und zwischen uns fühlbar gemacht. Sie
haben die Mauern der Verschlossenheit vorübergehend niedergelegt. Es waren
Familien-, keine Gemeindelieder, das muß ihre Kostbarkeit ausgemacht haben. Es
sind Verse fast ohne Theologie, ohne Sünde, Schuld und Gnade, sie drücken
einfach nur den Übergang von Unruhe zu Geborgenheit aus. Die Erfahrung war eben,
daß ein wirkliches Zusammengehören nur durch den Umweg über dich möglich war,
und da dieses Gefühl des Zusammengehörens unentbehrlich war, wurdest auch du
unentbehrlich. Ich war fromm, weil du der Zugang zu sonst Unzugänglichem warst.
Das Wichtigste an deiner Substanz im Guten war das Spüren elterlicher Zuneigung,
die sonst natürlich vorhanden, aber verborgen, unaussprechbar war.
Bevor der Flüchtlingsstrom nach dem Krieg auch fahrradfahrende Pfarrer und
Vikare zu uns in den dörflichen Schulsaal brachte, die sich in der Schulküche im
Keller den im schwarzen Köfferchen mitgeführten Talar überzogen, ist mein Vater
mit mir manchmal mit seinem mit Armeskraft fortbewegten Invalidenwägelchen über
Land gezogen in den Gottesdienst in der kleinen Kreisstadt. Ich glaube, vieles
an diesen frommen Exkursionen war ebenfalls Gottesbeweis: daß er sich mit mir
allein aufmachte in die Stadt; daß wir des Gottesdienstes wegen eine Stunde lang
fuhren oder wanderten; die Größe der Kirche, die Lautheit der Orgel, aber mehr
noch: seine Gesten und seine Haltung, die ich scheu beobachtete, den gesenkten
Kopf, seine Ergriffenheit, die Tatsache, daß er mit dir in einem wirklichen
Gespräch schien, seine Verehrung für dich, das war ungeheuerlich, denn er
erschien mir trotz seiner Krankheit noch riesig damals; sein gesenkter Kopf,
sein Singen, eine Art von Verwandlung, als ob er selbst vor jemand Riesigem und
Verehrungswürdigen stünde, der nur mir nicht sichtbar war. Den riesigen Vater
vor dir in Demut zu sehen, ist eindrucksvoll, und gerade, daß alles so sprachlos
war zwischen uns, hat dich für mich in eine so archaische Größe und Unnahbarkeit
gehoben. Über ' unserem Heimweg lag dann eine Atmosphäre der Andacht, es mag
sein, daß mein Vater ohne mich gar nicht losgezogen wäre, es hatte also etwas
mit der Einführung des kleinen Jungen in ein Vermächtnis zu tun, das aber mit
Worten nicht erklärbar war, sondern nur durch eine Expedition. Ich nehme an, daß
er mir auf dem Heimweg manchmal biblische Geschichten erzählt hat, und daß in
ihn, neben mir Vier- oder Fünfjährigem, seine Kinderfrömmigkeit zurückkehrte,
wobei die Weltkenntnis von ihm abfiel wie ein in der Andachtstimmung
unbrauchbarer Teil seiner Person; und da er nicht wirklich mit mir reden konnte,
erzählte er mir biblische Geschichten, und in dieser Welt gab das die größte uns
erreichbare Nähe. Ich staunte ihn dann an, weil er so viel vom lieben Gott wußte.
Er selbst hatte seinen Vater als Menschen wohl am deutlichsten erlebt, wenn er
auf der Kanzel stand und es ihm dort gelang, sein Herz zu öffnen. Auch er mußte
schon aus den Veränderungen des Stimmklanges bei den verschiedenen Formen, in
denen sein Vater mit Gott umging, auf Gefühle bei diesem herben Pfarrer
schließen, die' Möglichkeit von väterlicher Güte erahnen. Ich glaube, die
Wanderungen mit meinem Vater in die Kirche waren Stufen eines Vermächtnisses,
wobei der Inhalt des Vermächtnisses, von den erzählten Geschichten abgesehen,
geheimnisvoll blieb, eine Atmosphäre der Verehrung und Andacht, in die auch die
Natur einbezogen war, oder Teile von ihr, Wolken zum Beispiel, Lerchen,
fliehendes Wild oder kreisende Raubvögel, Feldkreuze und Kirchenglocken. Alles
war in deiner Hand. Rückblickend scheint mir aber auch, daß sich mein Vater mit
dem, was er mir über dich erzählt hat, vor mir geschützt hat. Viele Fragen
endeten vor einem Geheimnis, mit einem Verweis auf dich. Beide Eltern müssen ein
Interesse gehabt haben, ein unmittelbar psychisches, meine ich, ..."