Soziale Abweichungen

von Diplom-Psychologin Sigrid Neumann

(Beitrag als Diskussionsgrundlage für ein Seminar mit katholischen ausländischen Studenten in Altenberg bei Köln in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts)

 

 

Abgrenzung

und Definition

 

Wenn wir uns hier mit abweichendem Verhalten beschäftigen, so haben wir zunächst die Schwierigkeit der Definition, d.h. konkret: Wir wissen nicht genau, wie wir abweichendes Verhalten abgrenzen sollen; denn es gibt für den Menschen kein natürliches Verhalten und dementsprechend kein unnatürliches, was wir als abweichend definieren könnten.

 

 

Der Mensch ist nicht instinktgesteuert sondern ein soziales Wesen, d.h. sein Verhalten richtet sich nach seiner Gruppe aus und wird aus der Sicht dieser Gruppe als natürlich oder als unnatürliche, als normal oder abnormal definiert.


Es gibt kein einziges menschliches Verhalten, das durchgängig in allen heute noch existierenden Kulturen oder ehemals existenten als positiv oder negativ angesehen wird bzw. wurde.

 

Beispiele

Um dieses Problem zu verdeutlichen zuerst ein paar Beispiele:

 


Mord wird in einigen Kulturen als schwere, strafwürdige Tat angesehen (so in meiner).

 

Bei den Eskimos (kurz >hier<) wird ein Mord dadurch ausgeglichen, daß der Mörder in die Sippe des Ermordeten eintritt und dessen Frau heiratet.

 

Demgegenüber ist es für die Eskimos unerklärlich, daß es kollektive Aggressionen, wie z.B. den Krieg geben kann. (Die Postkarte "2187 von der Grafikerin, Beate Heinen, aus dem Kunstverlag D-56653 Maria Laach" bringt einen Aufruf des dänischen - vor allem Tierbuch-Schriftstellers, Svend Fleuron, der 1966 im Alter von 90 Jahren gestorben ist.)


Bei den Kwakiuti (>hier<)-  einem Indianerstamm an der Nordwestküste der USA - galt der Mord als legitime Form der Bereicherung. Der Mörder übernahm mit dem Mord auch die Privilegien und magischen Geheimnisse des von ihm Ermordeten.
 

immanente

Erklärungsweise

 

Wenn wir von sozialen Abweichungen sprechen, so sollten wir hierbei von der sozialen Gruppe selbst ausgehen und aus ihr heraus abweichendes oder angepaßtes Verhalten definieren. Ein allgemeiner Vergleich über alle Kulturen hinweg erscheint oft nicht sehr sinnvoll, weil Abweichungen nur von den Grundmustern der Kultur, wie Sozialstruktur, Religion und Tradition, von denen sich die Normen und Werte ableiten, erklärt werden können.

 

 

Ich werde aber trotzdem nicht umhinkommen, von meiner eigenen Kultur auszugehen und von ihr her Verhaltensweisen herausstellen, die bei uns als abweichend gelten. Ich tue dieses, um überhaupt einen übergeordneten Gesichtspunktpunkt zu haben.

 

Wir können aber allgemein, wenn auch sehr kurz und vereinfacht sagen, daß diejenigen Menschen, die die Normen und Werte ihrer Kultur am strengsten vertreten, ein angepaßtes Verhalten und die, die sie kaum oder nicht vertreten, ein unangepaßtes Verhalten haben.

 

Spielraum

und

Sanktionen

 

 

 

Der Spielraum., der dem einzelnen an abweichendem Verhalten gelassen wird, ist wiederum von Kultur zu Kultur unterschiedlich, und es ist auch unterschiedlich, wie diese Abweichungen sanktioniert werden. Bei den Zunis - einem äußerst friedfertigen Puebloindianerstamm - wo alles nach genau vorgeschriebenen Mustern verlauft, werden Menschen., die bei ihren Gebeten sich nicht genau an den vorgeschriebenen Wortlaut halten, der Hexerei beschuldigt, wie auch der Zauberei, und sie müssen eine Reihe von Exerzismusritualen über sich ergehen lassen, um wieder vom Stamm akzeptiert zu werden. Ähnlich werden Mörder behandelt, die nach bestimmten Ritualen dann den Bund der Kriegsgesellschaft - eine Art von Polizei - aufgenommen werden. Ist der Mörder dann in diesem Bund, ist er ein anerkanntes und akzeptiertes Mitglied der Gemeinschaft.

 

 

In unserem Kulturkreis hier, ist es total anders. Ein individuelles Gebet ist erwünscht, und ein Mörder hat kaum mehr die Möglichkeit, sozial integriert zu werden. Er wird lange Jahre, z.T. für das ganze Leben gesetzmäßiig abgesondert. Aber auch wenn er die Strafe hinter sich hat, kann er mit sozialer Ächtung rechnen.

 

Leitbild

Jede Kultur scheint außerdem ein bestimmtes Leitbild, eine Idealvorstellung zu haben.

 

Diese Idealvorstellung ist den Mitgliedern meist unbewußt, hat aber trotzdem eine fundamentale Bedeutung für die Bewertung. Derjenige, der sich am stärksten dem Idealbild nähert, wird als positiv angesehen und derjenige, der es nur gering verkörpert hat wenig Sozial-Prestige. In manchen Kulturen werden die Menschen, die dem Ideal entsprechen, als Helden angesehen, die anderen als Versager. Hierbei geht es nicht so sehr um abweichendes Vorhalten, sondern mehr um die Intensität, mit der erwünschtes Verhalten befolgt wird.

Als Beispiel für das Idealbild: Die Zunis haben das Idealbild der totalen Unauffälligkeit. Und über den, der auffällig wird, wird negativ gesprochen. Die Kwakiutl haben dagegen das Idealbild der sich ständig herausstellenden und Mut und Sozialprestige zeigenden Persönlichkeit.

Die letztgenannten Gesichtspunkte sind mehr Feinabstufungen von erwünschtem, bzw. weniger erwünschtem Vorhalten.

Ich will hier stärker auf die prägnanteren Formern des abweichenden Verhaltens eingehen, wobei ich als Grundmuster des abweichenden Verhaltens - wie bereits gesagt -  das Verhalten nehme, was in unserer, bzw. meiner Kultur als abweichend gilt. Ich werde mich hierbei auf zwei Arten der Abweichung beschränken: nämlich Krankheit und Kriminalität. - Dabei werde ich zuerst auf die Sichtweise eingehen, wie wir sie bei Kulturen finden, die nicht oder nur kaum naturwissenschaftlich orientiert sind. Dann werde ich die Sichtweise meiner Kultur kurz skizzieren

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Krankheit

 

In fast allen naturwissenschaftlich nicht so stark orientierten Kulturen gibt es keine natürlich verursachte Krankheit. Es wird auch nicht zwischen körperlicher und psychischer Krankheit unterschieden. Krankheit beruht entweder auf einem Fluch, einer Zauberei, wird als Strafe der Götter oder Ahnen angesehen oder stellt eine besondere Form des Ausgezeichnetseins dar. Mit bestimmter Ritualen, Gegenzauber, Besprechungen kann diese Krankheit - wenn erwünscht - rückgängig gemacht bzw. intensiviert werden.

 

Arten der

Reaktionen

Wir können mehrere Hauptarten von Reaktionen der sozialen Gruppe auf Krankheit feststellen:
 

 

Einmal Aussonderung des kranken Individuums von der Gruppe, weil der Kranke eine Gefahr für die Gruppe darstellt.
Wir können aber auch Pflege und erhöhte Aufmerksamkeit feststellen. In diesen Kulturen werden häufig Menschen krank, die der Aufmerksamkeit bedürfen, z.B. Frauen, die keine Söhne haben in Kulturen, wo nur Söhne erwünscht sind und nur Mütter von Söhnen etwas gelten. In anderen Kulturen, wo nur die erstgeborenen Söhne soziales Ansehen haben, werden öfter die zweitgeborenen krank. - Es scheint hier einmal der Vorgang der Kompensation vorzuliegen. Die eigene wenig beachtete Position und dadurch das Gefühl der Unzulänglichkeit wird ausgeglichen, indem man durch die Krankheit der Mittelpunkt wird und die anderen dazu verpflichtet, sich mit einen zu beschäftigen. Zum anderen können wir auch annehmen, daß das Gefühl des Versagens oder des Nicht-wert-seins seinen Ausdruck in der Krankheit findet. - Ich bin hier auf Krankheiten eingegangen, die starke psychische Anteile haben, nicht auf Krankheiten, die aufgrund von Unfällen oder Infektionen beruhen. Hier auch psychische Komponenten nachzuweisen, würde zu weit führen.

 

Bei den beiden eben genannten Formen der Reaktion auf Krankheit, wird Krankheit von der sozialen Gruppe als unerwünscht betrachtet. Wir finden aber auch den Aspekt der erwünschten Krankheit, z.B. bei den Prärieindianern. Hier sind Visionen und Ekstasen wünschenswerte Zustände. Für die Schamanen (Priester, Medizinmänner) ist es unablässig, in Zuckungen zu verfallen, Stimmen zu hören, ohnmächtig zu werden. Alle diese Formen des Verhaltens, die wir als Geisteskrankheit definieren würden, gelten als Indiz, daß der Kranke sich in einem intensiven Kontakt mit den Göttern, den Ahnen, etc. befindet. Der Kranke hat eine enge Beziehung zu dem Übernatürlichen und wird aufgrund dieser Beziehung sowohl gefürchtet wie auch respektiert. Er hat hier eine Sonderstellung mit hohem Sozialprestige. In diesen Kulturen versuchen auch viele Mitglieder, ähnlicher Visionen teilhaftig zu werden, z.B. durch Hungern, Selbstbereitung von körperlichen Schmerzen, Alkohol und Rauschgift.

 

Tod

 

 

Auch der Tod erscheint in vielen Kulturen nicht natürlich verursacht, sondern beruht auf Fluch, Hexerei, etc. So wie wir eine unterschiedliche Einstellung zu Krankheiten finden, finden wir auch eine dem Tod gegenüber. Bei den eben genannten Prärieindianern ist es ehrenvoll durch Selbstmord zu sterben oder sich den Tod zu wählen, indem man im Kampf fällt. An Alter zu sterben gilt als schändlich.

 

 

In anderen sozialen Gruppen werden Kranke und Sterbende hingebungsvoll gepflegt und in wiederum anderen - z.B. bei bestimmten Nomadenvölkern - werden Kranke und Sterbende zurückgelassen, um den Stamm, der weiterzieht, nicht zu belasten.

 

Kurz zusammengefaßt können wir sagen: Krankheit und auch Tod werden allgemein als übernatürlich verursacht angesehen: Dieses Übernatürliche kann als wünschenswert angesehen werden und zu einer besonders hervorgehobenen Stellung führen. Das kann so weit gehen, daß Menschen versuchen., diese Zustande künstlich zu erreichen. Krankheit und Tod sind unerwünschte Einbrüche und verlangen gewisse Rituale, um sie rückgängig zu machen - die Krankheit - bzw. den Tod etwas hinauszuzögern. Krankheit und Tod sind entweder gefährlich oder lästig und die Kranken und Sterbenden werden isoliert.

 

Wir sehen also, daß sich die einzelnen Kulturen unterschiedlich mit den fundamentaler Bedingungen des Lebens - wie Krankheit und Tod auseinander setzen.


Auf alle Fälle haben Kranke und Sterbende eine Sonderstellung und werden auch dementsprechend behandelt.

 

Kriminalität

Ich will jetzt auf die zweite Form des abweichenden Verhaltens eingehen: die Kriminalität.

 

 

Wir können kriminelles Verhalten definieren als ein Verhalten, bei dem es um mehr oder weniger bewußte Schädigung der anderen Gruppenmitglieder geht. Was als schädigend gilt, ist wiederum kulturellspezifisch. Wir finden auch hier wiederum die unterschiedlichsten Formen der Auseinandersetzung. Schädigung anderer kann als wünschenswert angesehen werden, wenn nun sich dabei bereichern kann. Damit erhöht nun gleichzeitig sein Sozialprestige z.B. bei den Kwaquitl

 

Kriminalität kann in den Schamkulturen* als positiv angesehen werden, wenn der kriminelle Akt nicht heraus kommt, aber als sehr schändlich und mit schlimmen Strafen verbunden, wenn der Kriminelle erwischt wird. Wir haben hier also keine eindeutige Einstellung der Kriminalität gegenüber. Der Gesichtspunkt der sozialen Unauffälligkeit ist entscheidend.

*  Schamgefühle entstehen als Reaktion auf Kritik oder Bloßstellung von außen ("an den Pranger Stellen"). Nach Erik H. Erikson wird Schamgefühl etwa im Alter von 3 Jahren entwickelt. Kind will nur nicht auffallen, hat aber noch kein schlechtes Gewissen. Aber Zurechtweisung und Strafe erfolgen öffentlich. In einer „Schuldkultur“ ist das Über-ICH maßgeblich. Der Gesetzesbrecher geht ins Gefängnis und bereut. Er bestraft sich selber. Über-Ich wird von Autorität (Eltern) verinnerlicht durch deren "Normen" >hier<.

In der Schamkultur schreit der Dieb am lautesten: "Haltet den Dieb!"

 

Die Kriminellen und die Psychopathen/Soziopathen (>hier<) empfinden entweder keine Scham oder haben die Vorstellung, daß sie nicht auffällig und zur Rechenschaft gezogen werden.

 

In wiederum anderen. Kulturen wird Kriminalität zu den Krankheiten gezählt - z.B. den Zunis, weil man sich einfach nicht vorstellen kann, daß jemand der normal und gesund ist, zu diesem Verhalten fähig ist. Kriminalität wird aber auch in Zusammenhang mit Zauberei gebracht. Hier liegt die Meinung zugrunde, daß nur derjenige, der gute Beziehungen zum Übernatürlichen hat, so stark stark ist, daß er andere schädigen kann.

 

Kriminelles Verhalten können wir grob in zwei Arten unterteilen: Kriminelles Verhalten aufgrund schichtspezifischer und aufgrund individueller Kriterien. Schichtspezifisches  kriminelles Verhalten haben wir häufig bei den sozial Schwachen, jener Bevölkerungsgruppe, die keine soziale Anerkennung hat und deren Normen nicht oder kaum den Normen der Gesamtbevölkerung entsprechen. Die Eltern dieser Kriminellen haben oft selber kriminelle Tendenzen, sodaß wir hier auch von Modell-Lernen sprechen können. Hinzu kommt, daß sich viele Mitglieder dieser sozialen Gruppe als diskriminiert erleben, was sie auch tatsächlich sind. Ihre kriminellen Akte sind oft Racheakt, oder sie verstehen ihre Diebstähle z.B. als eine rechtmäßige Wegnahme von dem, was ihnen zusteht und was man ihnen bislang zu Unrecht verweigert hat.

 

Wir finden hier bei Jugendlichen - und auch bei Kindern - die Bildung von Banden, die sich darauf spezialisieren, Autos und Automaten zuknacken oder einfach alles zusammenschlagen. Mit zunehmenden Alter kann sich die Kriminalität auch auf andere Gebiete ausweiten.

 

Insgesamt können wir hier sagen, daß diese Menschen aufgrund ihrer benachteiligten sozialen Situation ein abweichendes Verhalten zeigen.

 

Das individuelle kriminelle Verhalten kann die unterschiedlichsten Ursachen haben:

- Soziale Notlage,

- wenig Einblick in die Konsequenzen des Tuns,

- spezielle psychische Fehlentwicklungen

oder aber auch ein starker Egoismus verbunden mit Verachtung der Mitmenschen. Auch kommt Kriminalität im Zusammenhang mit Psychosen vor. Aber dieses ist viel weniger häufig, als es  von Sensationsberichten der Zeitungen her erscheint.

 

Westlich

Kulturspezi-

fisches:

Wenn ich jetzt vom Kulturkreis der westlichen Länder ausgehe und deren Erklärungsweise - die wissenschaftliche - zur Abgrenzung und Interpretation von Abweichungen zugrunde lege, bieten sich folgende Tatbestände:

 

körperliche

Erkrankungen

 

 

Wir haben zum Teil rein körperliche Erkrankungen, die entweder angeboren sind, d.h. vererbt, während der Schwangerschaft oder der Geburt erworben wurden, bzw. Krankheiten, die man sich im Laufe des Lebens durch Unfälle oder Infektionen erworben hat. Andere körperliche Krankheiten, wie z.B. Kreislaufstörungen, Herzinfarkt, Magenbeschwerden werden teilweise als psychisch verursacht angesehen. Und zwar entstehen diese Krankheiten - auch wenn eine angeborene Disposition zugrunde liegt - häufig aufgrund einer bestimmten Lebensführung.

 

 

Wir können diese Erkrankungen im großen und ganzen als ein Stress-Phänomen betrachten, und zwar in dem Sinne, daß die Menschen, die diese Krankheiten haben, zu starken sozialen, familiären und/oder beruflichen Belastungen ausgesetzt sind. Sie können zu wenig "abschalten" und sich keine psychische oder körperliche Entspannung gönnen.

 

Dieses kann zweierlei Ursachen haben. Einmal können die Belastungen tatsächlich zu stark sein. Andererseits kann sich das Individuum in diese Stresssituation gebracht haben, weil es den überhöhten Idealanforderungen eines stets leistungsfähigen, aktiven Menschen entsprechen wollte und meist auch noch will.

 

Psycho-somatische

Krankheiten

Bei den psychosomatischen Krankheiten haben wir als Ursprung ein starkes psychisches Problem - ein Trauma - was verdrängt wurde, sich aber in körperlichen Auswirkungen zeigt. Diese Menschen tauschen ein eigentlich körperliches Leiden gegen ein psychisches ein.

 

 

Sie fühlen sich psychisch gesund, Diese Form der Ausdrucksweise scheint den Normen meiner Kultur zu entsprechen, da bei uns körperliche Erkrankungen toleriert werden und sogar häufig Pflegehaltungen und Mitleid hervorrufen.

 

Ausgenommen von diesem Sozial-Akzeptiert-sein sind allerdings Krankheitn mit körperlichen Mißbildungen, wie z.B. bei Körperbehinderten, Spastikern etc. Menschen, die diese Krankheiten haben, werden gefürchtet und abgelehnt. Auch körperliche Erkrankungen, die psychische Auswirkungen haben, wie z.B. Hirnschädigungen, Epilepsien, werden gefürchtet und abgelehnt. Diese Kranken werden meist isoliert und in spezielle Heime gebracht. Dort unterliegen sie der Pflege besonders sozialengagierter Menschen.

 

 

Werden also körperliche Erkrankungen - bis auf die Ausnahmen - sozial toleriert und oft sogar mit erhöhter Aufmerksamkeit bedacht, verhält es sich bei den psychischen Krankheiten anders. Psychisch krank zu sein ist ein Makel, der auch den Geheilten weiterhin stigmatisiert.

 

Wir können im allgemeinen zwei Arten von psychischen Krankheiten unterscheiden,  die Neurosen und die Psychosen. Diesen liegt nach psychologischer Erklärungsweise und auch nach den Erklärungen der sehr modernen Psychiatrie (auch der Antipsychiatrie) ausschließich eine psychische Komponente zu Grunde.

 

Neurosen

 

Neurotiker sind meist sozial unauffällig. Oft nehmen sie sogar Positionen in Kultur und Wissenschaft ein. Häufig weiß nur die Familie und der engste Freundeskreis, daß diese Menschen leiden.

 

 

Sie haben starke Ängste, fallen oft in Depressionen, heben Selbstmordgedanken und erleben das Leben oft als sinnlos und leer.

 

Alle psychologischen Theorien legen den Ursprung der Neurose in die frühe Kindheit. Der Neurotiker hat oft eine etwas leiblose Kindheit mit ihn ängstigenden und ihn verwirrenden Eltern gehabt. Wir finden aber auch sehr verwöhnende Eltern (over-protecting-mother), die dem Kind alles abnahmen und ihm dadurch ein Gefühl der Abhängigkeit und Ohnmacht vermittelten. Diese Angst- und Ohnmachtserlebnisse der Kindheit wurden vom Neurotiker nicht verarbeitet. Wir sprechen hier von einem Trauma.

 

Der Neurotiker ist meist durch ein überstarkes Über-Ich (Gewissen) gekennzeichnet. Gefühle der Ohnmacht und des Versagens schiebt er er seiner eigenen Unfähigkeit zu. Auch fühlt er sich oft schuldig, schon bei den geringsten Anlässen. Dies Schuldgefühle veranlassen Neurotiker - im Sinne der Kompensation - Höchstleistungen zu voll bringen, um wenigstens in einem Gebiet vor sich bestehen zu können. Es kann auch vorkommen, daß der Neurotiker sich selber mit seinen überhöhten Anforderungen zu stark belastet, so daß sein neurotisches System zusammenbricht. Dann sprechen wir vom neurotischen Zusammenbruch. Arbeits- und Bindungsfähigkeit, selbst gesuchte Isolation, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit und auch Selbstmord können die Folge sein.

 

Allgemein kann man sagen, daß der Neurotiker die Normen der Kultur in einer überstarken Weise verinnerlicht hat und sich ständig selber für die kleinsten Abweichungen bestraft, auch wenn sie von der sozialen Gruppe toleriert werden. - Wir können beinahe sagen, daß der Neurotiker der typische Kranke unserer Kultur ist. Er ist krank und zeigt ein abweichendes Verhalten, weil er sich innerlich zu stark an die Kultur, die Normen und Werte angepaßt hat.

 

Aktualneurose

Es gibt neben diesen Charakterneurosen auch Aktualneurosen. Menschen mit Aktualneurosen zeigen oft das gleiche Verhalten wie die Neurotiker nach dem neurotischen Zusammenbruch.

 

 

Die Aktualneurose geht aber nicht auf traumatische Kindheitserlebnisse zurück. Sie entstehen aus zum Teil jahrelangen sehr einschränkenden und/oder ängstigenden Lebensbedingungen. Soziale Isolation, Verlust geliebter Menschen, Verlust der alten Umgebung, der Heimat, sich Einfinden-müssen in neue, wenig bekannte Bedingungen können zu Aktualneurosen führen. Wir haben häufig Aktualneurosen bei Emigranten, Menschen, die politisches Asyl gesucht haben, etc.

 

Psychosen

Zu den Psychosen gehören Schizophrenie, Manie und Depression. Manie und Depression treten auch oft zusammen auf und werden dann als manisch-depressives Irresein bezeichnet.

 

 

Psychosen werden auf frühe, meist sehr frühe Kindheitserlebnisse zurückgeführt. Hier finden wir als Verursacher häufig totale Vernachlässigung, Bedrohung oder allgemein chaotische familiäre Zustände. Das weitere Erleben des Psychotikers seiner selbst und der Welt entspricht diesen frühen Erfahrungen. Die Welt wird als äußerst feindlich, bedrohend und als chaotisch erlebt. Das hat zur Folge, daß der Psychotiker sich von der Realität dieser Welt zurück zieht, sich z.B. total unempfindlich, unansprechbar macht oder sich eine eigene Welt mit Wahnvorstellungen aufbaut.

 

Das Individuum ist hier auf sich selber zurückgeworfen und findet keinen befriedigenden oder gar keinen Kontakt mehr mit seinen Mitmenschen.

 

Psychosen können jahrelang schlummern und dann manifest werden, d.h. ausbrechen. Bezeichnend hierbei ist, daß der Ausbruch immer gekoppelt ist mit sozialen Versagungssituationen: Verlust der Arbeitsstelle, Verlust eines geliebten Menschen, Umzug in eine andere Stadt und damit verbundene Isolation.

 

Wir können bei diesen Formen von Krankheit davon ausgehen, daß die Eltern - als Vertreter der sozialen Gruppe - ihren Kindern nicht genügend Stabilität und Sicherheit verliehen haben, sodaß sie keine Grundlagen an psychischer Kraft haben, um mit Versagungssituationen fertig zu werden.

 

Abschluß

Ich möchte abschließend feststellen, daß unsere Kultur abweichendes Verhalten zu begünstigen scheint.

 

Wir haben die Idealvorstellung, daß das Leben des Menschen erfolgreich zu sein hat. Dieser Erfolg ist leicht zu erreichen, und es liegt nur beim Einzelindividuum, ob ein hohes Sozialprestige erreicht wird oder nicht. Die Diskrepanz zwischen dieser Vorstellung und der Realität läßt viele Menschen scheitern. Die eigene Situation wird mit der Idealvorstellung verglichen, und der Vergleich fällt meistens zu ungunsten des Individuums aus. Mangelnde Kommunikation mit Mitmenschen, die diese Vorstellung korrigieren könnten und zunehmende Isolierung begünstigen abweichendes Verhalten. Das abweichende Verhalten zeigt die Schwachstellen unserer Kultur.


Allgemein können wir sagen, daß wir gerade über die Abweichungen ein genaueres Bild einer Kultur bekommen. Denn unerwünschtes abweichendes Verhalten tritt hauptsächlich bei den schwächsten Mitgliedern einer sozialer Gruppe auf, bei den psychisch sensibelsten und den sozial am wenigsten akzeptierten, die der einschränkenden und auffordernden Normen nicht gewachsen sind. Welcher Art die einschränkenden Normen sind und wie hoch und in welcher Art die Idealanforderungen sind, ist bei den erfolgreichen und sozial akzeptierten Mitgliedern einer Kultur weniger gut festzustellen.


Kwakiutl: Stamm der Nordwestküstenindianer im Nordosten der Insel Vancouver und auf dem gegenüberliegenden Festland von British Columbia, Kanada, etwa 7500 Kwakiutl; leben heute v.a. von der Lohnarbeit in der Fischverarbeitung und dem Kunsthandwerk (Holzskulpturen wie Masken und Wappenpfähle und Malereien in ausdrucksstarken Formen und kräftigen Farben); bekannt durch ihre Geschenkverteilungs- und Verdienstfeste (Potlatch). © 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

Kwakiutls sollen friedlich sein, jedoch zeigt der Artikel von Martha Padfield: Cannibal Dances in the Kwakiutl World ein Bild nicht unserer Vorstellungen.
 

Eskimo:    ("Rohfleischesser" auf indianisch), in der Eskimo-Sprache: Inuit = Menschen; eine mongolid aussehnde Volksgruppe von nur etwas über 100 Tausend Angehörigen, die von Nordostsibirien über Alaska bis Grönland verstreut lebt.

Eskimos werden als friedvolle Leute (peaceful people) bezeichnet, die einfach nur überleben wollen. "Sie kämpfen niemals gegen einander in ihren eigenen Stämmen, und, sollte es doch mal vorkommen, Krieg zu führen, dann töten sie nur Männer. Frauen und Kinder bleiben unverletzt und werden in manchen Fällen von den Siegern "adoptiert" - wenn nicht von der eigenen Volksgruppe.

Hass und Wut sind zwei Sachen, die Askimos am meisten fürchten, weil sie zu Dummheiten Anlass geben und Gefahren mit sich bringen können. Eskimos sind auch sehr sehr freundliche Leute. Befremdlich werden sie, wenn sie für uns Mitteleuropäer "in einer völlig unzivilisierten Art" Kaninchen fangen und sie verzehren wie Raubtiere, ohne die Tiere zu töten oder zu betäuben. Auch der Umgang mit Wild.

Entnommen aus: The snow walker. (2008, February 01). In WriteWork.com. Retrieved 04:27, July 24, 2011,