
Gebundenes
Buch mit Schutzumschlag, 576 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
64 s/w Abbildungen
1. Auflage
Verlag Karl Blessing ,München
aus der
Verlagsgruppe: Random House
ca. € 24,95 [D] | € 25,70
[A]
Glaube ist nicht nur Glaubenssache
>Hier< ein kurzer Lebenslauf und
darunter eine Leseprobe.
>Hier< (auf neuer Webseite) Diskussion im WDR-Funkhaus Wallrafplatz am 11.12.2008(Köln) zum Thema "Warum Menschen glauben - Neue Erkenntnisse der Wissenschaften zum Glauben und seinen Wirkungen" und Auszüge aus dem Buch von Ulrich Schnabel und Andreas Sentker "Wie kommt die Welt in den Kopf ? - Reise durch die Werkstätten der Bewusstseinsforscher", 1997, Rowohlt
Der Physiker Ulrich Schnabel bietet in seinem Buch
„Die Vermessung des Glaubens“ ein unterhaltsames und äußerst
lehrreiches Panoptikum wissenschaftlicher Forschung über
Religion
„Wenn es um unseren Glauben geht, sind wir alle Experten.
Zumindest glauben wir das“, schreibt Ulrich Schnabel zu
Beginn seines Buches „Die Vermessung des Glaubens“, um dann
auf den nächsten über 500 faszinierend zu lesenden Seiten zu
beweisen: Vieles am Glauben ist Glaubenssache, aber auch die
verschiedensten Disziplinen der Wissenschaft können
Erkenntnisse zum besseren Verständnis dieses anscheinend
unüberwindbaren Phänomens „Religion“ beitragen.
Schnabel hat unzählige Forschungen, Statistiken und
Experimente zusammengetragen aus den Bereichen der
Evolutionsbiologie genauso wie aus der Sozialpsychologie,
aus den Neurowissenschaften ebenso wie aus der Medizin.
Dazwischen kommen in Interviews Protagonisten der
verschiedenen Bereiche zu Wort und erzählen von ihrer
Einstellung zum Glauben und zur Religion und brechen so
theoretische Überlegungen auf persönliche Erfahrungen
herunter.
Das Thema Religion fordert den Spagat zwischen religiöser
Tradition und persönlichem Glauben. Psychologische,
kulturelle, biologische, soziale und medizinische Aspekte
des Menschseins spielten im Verständnis von Glauben und
Religion eine Rolle, schreibt Schnabel. Also könne man diese
Effekte nicht auf eine einzige Ursache oder Wirkung
reduzieren. Der Autor betreibt in seinem Buch so etwas wie
eine interdisziplinäre, subjektiv-objektive
Glaubensforschung, unterhaltsam geschrieben und mit einer
gehörigen Portion Humor.
Grad der Frömmigkeit und deren negative Effekte
Die harten Fakten der Wissenschaft widerlegen so manch
landläufig beinahe als sicher geltende Meinung, etwa jene,
dass religiöse Menschen häufiger moralischer handelten als
nicht-religiöse. Die meisten psychologischen und
sozialwissenschaftlichen Studien, die Schnabel im Kapitel
„Zwischen Nächstenliebe und Fundamentalismus“, beschreibt,
finden keine positiven Auswirkungen der Religion auf das
moralische Verhalten der Gläubigen. Manche Forscher
konstatieren sogar negative Auswirkungen. Zwar betonten
viele Gläubige, wie wichtig ihnen Werte wie Nächstenliebe,
Toleranz oder Hilfsbereitschaft seien, doch im praktischen
Handeln spielen diese Werte dann doch eine kleinere Rolle
als angenommen.
Natürlich gibt es immer Ausnahmen von der Regel, auch in den
Untersuchungen. In Studien, die auch noch den Grad der
Religiosität berücksichtigten, zeigte sich teilweise ein
verblüffendes Bild: Die größten Gemeinsamkeiten gab es
zwischen den Extremen, den Nicht-Gläubigen auf der einen
Seite und den Hochreligiösen auf der anderen Seite. Sie
hatten die geringste Neigung zu Vorurteilen sowie die größte
Toleranz. Religionspsychologen bezeichnen diesen Effekt als
„kurvilinearen Zusammenhang“: „Die negativen Effekte der
Religiosität nehmen zunächst mit dem Grad der Frömmigkeit
zu, verringern sich allerdings wieder, wenn dieser eine
bestimmte Schwelle überschreitet.“
Auch bei anderen Faktoren wie Glück und Gesundheit zeigte
sich in einer Studie dieser Zusammenhang. Am unglücklichsten
und mit den meisten Krankheitssymptomen behaftet waren
diejenigen, die sich als „schwach religiös“ bezeichneten.
Die Ungläubigen und die Hochreligiösen waren deutlich
glücklicher und gesünder. Aus psychologischer Sicht scheint
also nicht Glaube oder Nicht-Glaube das Wichtigste zu sein,
sondern vielmehr die Tatsache, dass man sich darin sicher
ist.
Das Feuern der Neuronen und die Bewusstseinserweiterung
Entgegen der Annahme vieler Psychologen Anfang des 20.
Jahrhunderts, die unter dem Einfluss Sigmund Freuds standen
und so etwas wie Zuflucht zum Glauben damit abtaten, dass
die Menschheit immer noch in ihrem Kindheitsstadium stecke,
wurde die Menschheit seitdem nicht erwachsener. Die Menschen
sind keineswegs von der Religion abgekommen, auch die
Wissenschaft forscht wieder vermehrt zu religiösen Fragen.
So versuchen auch Hirn- und Kognitionsforscher ein
neurobiologisches Verständnis von Religion zu erlangen.
Mittels Computer- oder Kernspintomografien versuchen sie
Einblicke in das lebende Gehirn zu erhalten, um
festzustellen, wie sich Religion im Gehirn und im Denken
manifestiert. Als schillerndste Figur der „Neurotheologie“
schildert Schnabel den kanadischen Forscher Dr. Persinger,
der es in den Neunzigerjahren zu einigem Ruhm gebracht hatte
mit seinen „Gottesexperimenten“. Persinger war der Meinung,
dass er - mittels eines gelben Motorradhelms, an den er
einige Magnetspulen montiert hatte - bewiesen habe, dass man
religiöse Erlebnisse einfach durch bestimmte neuronale
Aktivierungen erzeugen könne. Mit schwachen Magnetfeldern
könne man auf das Gehirn von Probanden einwirken und somit
quasi-religiöse Erfahrungen erzeugen, womit die Frage nach
transzendenten Wirklichkeiten in gewisser Weise überflüssig
würde.
Eine schwedische Forschergruppe hat dieses Experiment
mittlerweile nachgestellt und kam zu dem Ergebnis, dass es
keinerlei Hinweise auf eine Wirkung dieser magnetischen
Felder gäbe. Seitdem befinden sich die Urheber der beiden
Forschungen im Rechtsstreit. Probanten, die diesen Helm
verwendet haben, berichten von unterschiedlichen
Erfahrungen. Der überzeugte Atheist Richard Dawkins etwa
zeigte sich enttäuscht. Er habe nichts gespürt.
Letzten Endes, so Schnabel, bestimmen wohl nur die im Hirn
bereits vorhandenen Phantasien, ob und wie so eine
Bewusstseinserweiterung funktioniert. Dass religiöse Gefühle
in bestimmten Regionen des Gehirns stattfinden, etwa in den
Schläfenlappen, vermuten inzwischen einige Neurotheologen.
So gilt etwa die Epilepsie seit alters her als „heilige
Krankheit“. Dostojewskij etwa beschreibt die Sekunden, bevor
ein epileptischer Anfall beginnt, als den Moment unsagbaren
Glücks in höchsten religiösen Tönen. Aus medizinischer Sicht
gerät nur die Aktivität von Nervenzellen, das „Feuern“ der
Neuronen, in bestimmten Hirnregionen außer Kontrolle.
Dadurch erleben manche Menschen religiöse Gefühle, viele
andere bekommen jedoch einfach Angst.
Die neurobiologischen Aktivitäten sind nur Aspekte. Genauso
wichtig sind die Persönlichkeit des Patienten, sein Umfeld
oder seine momentane Situation. Der Psychologe Daniel Batson
bezeichnet das Gehirn „nur als Hardware, durch die Religion
erfahrbar wird“. Auch neurobiologische Aktivitäten der
Religiosität können letzten Endes wohl nur erklärt werden,
wenn auch der kulturelle Kontext mit all seinen Traditionen
den Deutungsrahmen liefert, wie auch Meditationsforschungen
zeigten.
Das Gehirn will glauben
Sich eine Gesellschaft ohne jeglichen Glauben vorzustellen,
ist beinahe unmöglich. Jede Kultur hat ihre religiösen
Vorstellungen. Ausgerechnet die Evolutionsbiologie, die so
sehr im Kontrast zum derzeit aufkommenden Kreationismus
steht, beschreibt, warum das religiöse Denken universell
unter den Menschen verbreitet ist. Im Laufe der
Menschheitsgeschichte haben sich Fähigkeiten des Denkens
entwickelt, die ursächlich für den Glauben sind. So sucht
beispielsweise die Kausalität unseres Denkens auch für
unerklärbare Phänomene einen Grund. Schnell sind diese
Gründe mystischer Natur, wenn nichts mehr anderes
weiterhilft.
Doch auch der religiöse Zusammenhalt einer Gruppe bietet
laut Untersuchungen einen Überlebensvorteil. Selbst
ungläubige Forscher sind der Meinung, die natürliche
Funktionsweise des Gehirns sei es, religiöse Gedanken zu
erzeugen. Dennoch zeigt sich bei aller
evolutionsbiologischen Prädisposition zur Religiosität der
Verfall des Glaubens, zumindest in Europa. Während
Abertausende die Eventhaftigkeit des Kirchentages feiern,
sind viele Kirchen im regulären Betrieb leer. Schnabel
sieht, zumindest in Europa, eine Schwächung der gesammelten
religiösen Traditionen, jedoch auch die Tatsache, dass das
individuelle, religiöse Erleben wichtiger wird, was man an
der zunehmenden Begeisterung für Pilgerreisen, Fasten oder
Schweigerituale feststellen könne.
Natürlich ist dieser Effekt den institutionalisierten
Religionen ein Dorn im Auge, unterminiert er doch den
Glauben an eine autoritäre Hierarchie. In einem schönen
Resümee stellt Schnabel klar: „Jede religiöse Tradition ist
ein zweischneidiges Schwert: Sie kann dem Einzelnen helfen,
sich aus seiner Ich-Zentriertheit zu befreien und kann ihn
auf einer anderen Ebene umso mehr versklaven. Ein
Patentrezept, wie das eine ohne das andere zu erreichen
wäre, ist leider nicht in Sicht.“
Schnabels Buch bietet für Gläubige, Zweifler und Atheisten
eine Menge Erkenntnisse, die vor Gefahren und Irrwegen
warnen, und beweist außerdem, dass bestimmte Formen des
Glaubens durchaus auch mit einem wissenschaftlichen Weltbild
in Einklang zu bringen sind. Und zu allem Überfluss macht
das Buch auch noch eine Menge Spaß beim Lesen. Einen
Heidenspaß.
Ulrich Schnabel, geboren 1962, studierte Physik und Publizistik in Karlsruhe und Berlin und ist Wissenschaftsredakteur bei der ZEIT. 1997 veröffentlichte er bei Rowohlt zusammen mit Andreas Sentker: »Wie kommt die Welt in den Kopf. Reise durch die Werkstätten der Bewusstseinsforscher«. Ulrich Schnabel schrieb in der ZEIT und in GEO viel beachtete Artikel über Religion und Bewusstseinsforschung und wurde 2006 mit dem »Georg von Holtzbrinck-Preis« für Wissenschaftsjournalismus ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.
Die Vermessung des Glaubens - Glaube ist nicht nur Glaubenssache
Eine Leseprobe aus "3 Von der Unberechenbarkeit der Gnade
Im Juli 2007
lief eine kuriose Meldung über
die Nachrichtenticker: In der
rumänischen Stadt Timisoara
wollte ein verurteilter
Straftäter Gott vor Gericht
verklagen. »Während meiner
Taufe«, schrieb Mircea Pavel in
seiner Klageschrift, »bin ich
einen Vertrag mit dem
Beschuldigten eingegangen, der
mich vor dem Bösen bewahren
sollte.« Doch Gott habe seinen
Teil dieses Vertrags nicht
eingehalten. Denn Pavel muss
derzeit wegen Mordes eine
zwanzigjährige Haftstrafe
absitzen. Dafür wollte er »den
genannten Gott, wohnhaft im
Himmel und in Rumänien vertreten
durch die orthodoxe Kirche«,
haftbar machen. Das Gericht
zeigte sich wenig beeindruckt:
Gott sei keine juristische
Person und habe nicht einmal
eine Adresse, argumentierte die
Staatsanwaltschaft. Die Klage
wurde deshalb postwendend
abgewiesen.
Diese Geschichte ist nicht nur
aus juristischer Sicht
bemerkenswert, sondern auch aus
theologischer. Denn sie
verdeutlicht, dass
Verpflichtungen im religiösen
Bereich stets nur vom Menschen
ausgehen können, niemals jedoch
vom Gegenstand des menschlichen
Glaubens. Gott gibt nun einmal
keine Garantie, er unterliegt
nicht der Logik eines
Gebrauchtwagenhändlers. Kein
Gläubiger kann ihn für
ausstehende Leistungen haftbar
machen oder ihm unterlassene
Lieferungen in Rechnung stellen.
Das gilt auch für den Umgang mit
Krankheiten, Selbst der feste
Glaube an ein Wunder garantiert
nicht, dass dieses wirklich
eintritt. Eben darum erregen ja
Fälle wie jener von Marie-Simon
Pierre so viel Aufsehen: Weil
sie so selten sind. Für diese
Unwägbarkeit gibt es im
christlichen Sprachgebrauch den
schönen Begriff der Gnade. Diese
kann den Gläubigen zuteil
werden; doch fest damit rechnen
sollte man nicht. Denn die
Gnade, so sehen es Christen,
liege letztlich in Gottes Hand
und ist somit dem menschlichen
Zugriff entzogen.
Wie steht die Sache aus Sicht
der Placeboforschung? Lassen
sich mit ihrer Hilfe
medizinische »Wunder«
verlässlicher planen, liefert
sie jene Garantie, die dem
religiösen Glauben abgeht?
Leider nein. Denn ebenso wenig,
wie religiöse Mirakel
vorhersehbar sind, lassen sich
Placeboeffekte beim einzelnen
Individuum prognostizieren.
Manche Menschen sprechen auf
Scheinbehandlungen extrem gut
an, bei anderen verpufft das
Prinzip Hoffnung ergebnislos.
Zwar hat die Forschung über die
Jahre festgestellt, dass die
Placebowirkung im Mittel 20 bis
50 Prozent beträgt - bei
Einzelnen kann sie allerdings
auch sehr viel höher oder
niedriger liegen. Was die
»Placebosensitiven« von den
»Nichtsensitiven« unterscheidet,
ist weitgehend ungeklärt. Frauen
reagieren nicht stärker als
Männer, Ingenieure nicht anders
als Hausfrauen, und selbst
zwischen Alt und Jung scheint es
keine signifikanten Unterschiede
zu geben. Klar ist nur: Die
individuellen Differenzen sind
enorm. Zudem kann sich die
Empfänglichkeit für Placebos von
Krankheit zu Krankheit
unterscheiden.
Und noch etwas macht den
Placeboeffekt so schwer
berechenbar: Er hängt - ähnlich
wie die Wirkung religiöser
Glaubenssätze - sehr von der
Person desjenigen ab, der die
therapeutische Botschaft
übermittelt... "