Der Glaube macht's
Hoffnungen können heilen
Der Placebo-Effekt, einst Forschem ein Ärgernis,
ist inzwischen Ziel
wissenschaftlicher Untersuchungen
VON MARGIT MERTENS

„Ich werde gefällig sein (gefallen - sagt der Stadt-Anzeiger)", verspricht das lateinische Wort placebo nicht zu Unrecht. Dass Placebos wirken, ist inzwischen ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass Patienten, denen die wirkungslosen Substanzen Linderung bringen, keine Simulanten sind. Unter Placebo versteht man eine pharmakologisch nicht wirksame Substanz, aber auch eine Scheinoperation oder eine therapeutische Maßnahme ohne bekannte Wirkung auf den Stoffwechsel. -
„Der Placebo-Effekt kann sowohl über die Erwartung als auch die Konditionierung
vermittelt werden", betont Regine Klinger, Leiterin der psychotherapeutischen
Ambulanz der Universität Hamburg. In ihren Versuchen zeigte sich, dass bei
Probanden, denen eine Salbe gegen Schmerzen versprochen worden war, allein diese
Erwartung den Schmerz signifikant abschwächte. Für die Praxis bedeute das, dass
die rein pharmakologische Wirkung eines Schmerzmittels durch eine
Erwartungshaltung noch gesteigert werden kann.
„Das wachsende Interesse an der Placebo-Forschung ist auf die nachweislich
schmerzlindernde Wirkung von Placebos zurückzuführen", betont Klinger. „Der
Placebo-Effekt hat sich in letzter Zeit von einem Ärgernis in klinischen und
pharmakologischen Forschungen zu einem biologischen Phänomen gewandelt, das
selber Ziel wissenschaftlicher Untersuchungen ist", erklärt Fabrizio Benedetti
von der Universität Turin. Zusammen mit seinen deutschen Kollegen Manfred
Schedlowski und Paul Enck von den Universitätskliniken Essen und Tübingen
organisierte er kürzlich das erste internationale Symposium mit den führenden
Placeboforschern der Welt in Tutzing, um die Forschungsergebnisse
zusammenzuführen und zu klären, wie sich Placebos gezielt zum Wohle von
Patienten nutzen lassen.
„Auf jeden Fall spielt das psychosoziale Umfeld einer Behandlung eine
Schlüsselrolle", stellt der Neurowissenschaftler Benedetti fest. In den letzten
Jahren sei entdeckt worden, dass Placebos viele Krankheiten und Therapien
beeinflussen, beispielsweise Schmerzen, motorische oder psychische Störungen
oder solche des Immun-, Hormon-, Herzkreislauf- und des Atmungssystems. Als
Mechanismen, die zu einer Placeboreaktion führen, würden hauptsächlich die
Konditionierung, die Erwartung und die Bedeutung, die wir einer Maßnahme
zumessen, diskutiert, sagt Georg Schönbächler (Universität Zürich).
Dabei spielt der gesamte Kontext der Behandlung eine Rolle, wie die Tablette
oder Spritze, Anwesenheit und Auftreten eines Arztes, Geräte oder der weiße
Kittel, also die ganze „Show" drumherum. Dies zeigte beispielsweise Ted Kaptchuk
von der Harvard Medical School in einer Studie mit 262 Reizdarmpatienten, die
entweder gar nicht behandelt wurden oder von unfreundlichen oder von
emphatischen Medizinern ein Placebo bekamen. Das Ergebnis: Die Patienten, die am
intensivsten umsorgt wurden, verspürten die meiste Linderung. Benedetti konnte
ebenfalls die Wirkung der „Arznei Arzt" zeigen: So linderte ein vom Arzt
gespritztes Scheinmittel die Schmerzen von Patienten deutlicher als eine
Morphininfusion, die heimlich erfolgte. Daher sei es wichtig, dass ein Therapeut
versuche, die Erwartung eines möglichen Heilerfolges einer Therapie glaubhaft zu
wecken und eine angstreduzierende Atmosphäre von Vertrauen und Mitgefühl
schaffen, betont Schönbächler. „Zeremonien und Rituale im therapeutischen
Prozess können zusätzlich unbewusste gesundheitsdienliche Ressourcen aktivieren
und sollten nicht belächelt werden: Zu einem Pharmakon (Arznei) gehört immer
auch ein bisschen »Pharmagie«".
Dass Placebos körpereigene Opioide, die Endorphine, aktivieren, die wiederum das
Schmerzempfinden dämpfen, konnte 1979 erstmals nachgewiesen werden. Heute zeigen
bildgebende Verfahren wie die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) oder die
funktionelle Magnetresonanz-Tomographie (fMRT), dass Placebos je nach Erwartung,
Konditionierung oder Bedeutung unterschiedliche Gehirnregionen und
Stoffwechselprozesse aktivieren. Je nach Beschwerden werden die Gehirnareale
aktiviert, die Schmerzen verarbeiten, die Angst oder Stress reduzieren oder das
Belohnungssystem ankurbeln. Placebos beeinflussen Botenstoffe und das
Wachstumshormon.
In einer Studie aktivierte eine grüne Traubenzuckertablette mit der Instruktion
„dies wird ihre Schmerzen im Arm lindern" das Endorphinsystem. Die gleiche
Tablette bewirkte bei einem Parkinson-Patienten mit der Ankündigung, sie werde
die Beweglichkeit seines Armes erleichtern, über das Dopaminsystem eine
deutliche Besserung seiner Symptomatik. Bei Depressionen sorgen Placebos für
einen steigenden Serotoninspiegel. „Für eine Synthese der verschiedenen Befunde
ist es zurzeit sicher noch zu früh", meint Schönbächler. „Doch könnte man die
Förderung der Selbstheilungstendenz als gemeinsamen Nenner postulieren."
„Wir konnten nachweisen, dass gezielte Placebo-Effekte auf Organe möglich sind",
erklärt Karin Meissner von der Universität München. Sie konnte mit
Scheinmedikamenten die Magenbewegungen ihrer Probanden verändern. Auch gegen
Allergien helfen Placebos, zeigen Studien von Schedlowski mit
Hausstauballergikern. Die Betroffenen wurden zunächst konditioniert, indem sie
ein wirksames Medikament gegen allergischen Schnupfen zusammen mit einem
ungewöhnlich schmeckenden Getränk einnahmen. Später zeigte sich bei der Gabe
eines Placebos mit dem gleichen Getränk sowohl subjektiv wie objektiv messbar
eine deutliche Linderung ihrer Allergiesymptome.
In Versuchen mit Ratten konnte Schedlowski mittels Konditionierung die
Immunantwort unterdrücken. Diese Wirkung kann beispielsweise bei
Organtransplantationen wichtig sein. „Umso mehr, da die Konditionierung des
Immunsystems auch bei Menschen nachgewiesen wurde", betont Schedlowski.
„Kenntnisse über den PlaceboEffekt sollten daher jedem angehenden Mediziner
vermittelt werden und Eingang in den klinischen Alltag finden", sagt Schedlowski.
So können die Arzneimittelwirkungen maximiert und unerwünschte Nebenwirkungen
von Medikamenten verringert werden.
Howard Spiro, Placebo - Heilung, Hoffnung und Arzt-Patient-Beziehung,
Verlag Hans Huber, Bern 2005, ISBN: 3456842341, 28,95 Euro
Howard Brody, Darylin Brody, Der Placebo-Effekt. Die Selbstheilungskräfte unseres Körpers,
Dtv, München 2002, ISBN: 3-423-36312-6 (Antiquariate)
Auch
der Arzt hat
einen Placebo-Effekt
Die Beziehung zu den Patienten macht einen Teil der Heilwirkung aus
KÖLNER
STADT-ANZEIGER:
Herr Enk, manche Studien zeigen, dass Placebos besser wirken als die konventionelle Therapie. Wissenschaftlich wird aber nur anerkannt, was in Placebo-kontrollierten Studien stärker wirkt als das Placebo. Sind diese Studien noch etwas wert?
PAUL ENCK Ja klar! Wenn in
Medikamentenstudien das Placebo besser wirkt, wird das Medikament eben nicht
zugelassen. Der Placebo-Response scheint in den letzten Jahren zuzunehmen, bei
Depressionen sprechen 20 Prozent mehr Patienten auf Placebos an als vor 20
Jahren. Ich vermute, dass veränderte Studiendesigns den Placebo-Response stärker
herausfordern, z. B. dadurch, dass die Probanden jede Woche zum Arzt gehen statt
nur zu Beginn und Ende der Studie.
Das macht eine Zulassung natürlich schwieriger.
ENCK Ein Verum (Wirkstoff) hat doch auch eine Placebokomponente, etwa eine
positive Erwartung, die durch eine eintretende Linderung der Symptome noch
verstärkt wird.
Lässt sich die pure Wirkung eines Medikamentes messen?
ENCK Die Wirkung eines Verums muss oberhalb der des Placebos liegen. Die
Differenz zwischen beiden ist der Medikamenteneffekt. Allerdings könnte dieser
Wert durch bessere Studiendesigns exakter bestimmt werden.
Wie müssten die aussehen?
ENCK Ein weiterentwickeltes Cross-over-Konzept zum Beispiel. Cross-over
bedeutet, der gleiche Patient bekommt beispielsweise abwechselnd eine Woche lang
ein Verum und nach einer gewissen Auswaschzeit eine Woche lang ein Placebo. Wenn
man den Zeitpunkt des Wechsels und möglichst Beginn und Ende der jeweiligen
Phase verdecken und die Phasen mehrfach variieren würde, ließen sich Placebo-
und Verum-Effekt deutlicher voneinander abgrenzen.
Wenn Placebos wirken, warum werden sie nicht öfter genutzt?
ENCK Außerhalb" von Medikamentenstudien darf und wird es Placebos nicht nur
in Deutschland nicht geben. In Studien muss der Patient seine Einwilligung
geben, dass er möglicherweise ein Placebo bekommt. Eine Medikation verspricht
die Wahrscheinlichkeit einer Heilung. Der Arzt muss an dieses Heilversprechen
glauben oder er handelt unethisch.
Das heilende Potenzial von Placebos wird also verschenkt?
ENCK Der Arzt hat eine Aufklärungspflicht, der Preis für rationale Aufklärung
ist die Entzauberung der Medizin. Umso wichtiger ist die Placebo-Wirkung des
Arztes. Es ist bekannt, dass die Intensität der Arzt-Patient-Beziehung einen
Teil der Heilwirkung ausmacht. Das nutzt auch jeder gute Arzt, aber es ist ein
Dilemma, wenn sein Wartezimmer voll ist. Diese Placebowirkung des Arztes
herauszukitzeln, macht auch den Erfolg der Homöopathie aus. Wenn nach einer
ausführlichen Anamnese ein Präparat „nur für Sie" hergestellt wird, ist das
wirkstofffrei, hat aber durch die starke Arzt-PatientenBeziehung eine
Heilwirkung.
Der Arzt darf aber dem Patienten nichts vormachen?
ENCK Ein Arzt darf nur im Interesse des Patienten etwas wirkungsschwaches
verschreiben, etwa Schlaftabletten aus Sorge vor einer Abhängigkeit durch ein
pflanzliches Mittel ersetzen, und ihn in dem Glauben lassen, das hätte die
gleiche Wirkung. Die Wirkung eines Medikamentes durch Suggestion zu fördern, ist
ärztliche Empathie.
INTERVIEW: MARGIT MERTENS