Meme, die Gene des Geistes
P.M. 9/2007
MEME, der Code unserer Kultur
von Thomas Vasek
Chefredakteur:

Eine neue wissenschaftliche Theorie könnte unser
Weltbild radikal verändern: Unsere Kultur beruht auf dem
Überlebenskampf mysteriöser geistiger Viren, die von
Gehirn zu Gehirn überspringen. Sind diese "Meme" mächtiger als die Gene?
(Bilder aus P.M.: MagnumPhotos/AgenturFocus, GettyImages)
Richard Dawkins jagt ein Virus - ein Virus der besonderen Art. Seit Jahrtausenden verbreitet es sich unaufhaltsam über die geamte Welt. Und immer wieder springt es aufs Neue über. Von Generation zu Generation, von Mensch zu Mensch, von Gehirn zu Gehirn.
Das
Virus heißt Religion - und wenn es nach Dawkins geht, könnte es gefährlicher
kaum sein. In seinem neuen Buch"Der Gottes-Wahn" führt der britische
Evolutionsbiologe einen Kreuzzug gegen religiöse Ideen und Gottesvorstellungen
jeglicher Art. Der atheistische Wissenschaftler macht die Religion
verantwortlich für fast alle Übel dieser Welt - von der Unterdrückung der Frau
bis zu Terrorismus und Krieg.
IN DAWKINS' AUGEN ist der Gottesglaube bloß ein Beispiel für ein erfolgreiches ">Mem<".
Darunter versteht er kulturelle Informationen, die durch Imitation weitergegeben
werden. Ein Mem kann ein religiöses Ritual ebenso sein wie eine Melodie, ein
Schlagwort, ein Gerücht, ein Modetrend oder ein rassistisches Vorurteil. Ob wir
einen Witz aufschnappen oder im Radio den neuen Sommer-Hit hören - jedes Mal
"kopiert" unser Gehirn ein Mem. Vom Klassenzimmer bis zu Fernsehen und Internet:
Überall konkurrieren Meme um Aufmerksamkeit, Zeitungsspalten und Sendezeit - und
jederzeit sind sie bereit, unsere Gehirne zu infizieren. Doch wie schaffen es
die Meme, sich in unseren Köpfen einzunisten? Und welche Macht haben sie über
uns und unsere Kultur?
Darwins Evolutionstheorie lehrt, dass die Entwicklung des Lebens keinen Schöpfer
oder intelligenten Designer braucht. Die Mem-Forscher, darunter Biologen,
Psychologen und Neurowissenschaftler, stellen nun eine weitere provozierende
These auf: Selbst die vermeintlich größte menschliche Errungenschaft, die
Kultur, verdankt sich nicht unserer Kreativität und Erfindungskraft, sondern
einem ziellosen evolutionären Prozess. Wie die Gene die Grundbausteine des
Lebens sind, so sind die Meme die Grundbausteine der Kultur: Aus den Memen lässt
sich die Entstehung von Sprache und Religion ebenso erklären wie die Entwicklung
des Internets.
In seinem 1976 erstmals erschienenen Buch "Das egoistische Gen" propagierte
Richard Dawkins eine neue Interpretation der Darwin'schen Evolutionstheorie. Der
evolutionäre Wettbewerb, so Dawkins, findet nicht auf der Ebene von Arten und
Populationen statt, ja nicht einmal auf der Ebene von Individuen - sondern
letztlich zwischen biologischen Informationseinheiten, den Genen. Deren einziger
Daseinszweck besteht darin, sich zu replizieren, also Kopien von sich selbst
herzustellen. Dawkins bezeichnete Gene deshalb als "Replikatoren" - sie sind es,
die den evolutionären Prozess vorantreiben. Dabei benutzen sie lebende
Organismen wie uns Menschen gleichsam als Vehikel, um sich weiterzuverbreiten.

Charles Darwins
Evolutionsprinzip
gilt nicht nur in der
Biosphäre, sondern
universell
Nach Charles Darwins Theorie erfordert jeder evolutionäre Prozess drei
Voraussetzungen. Erstens müssen Lebewesen Unterschiede aufweisen, die ihre
Überlebenschancen beeinflussen (Variation). Zweitens dürfen nicht alle
Individuen überleben - es muss also ein Ausleseprozess stattfinden (Selektion).
Drittens schließlich braucht es einen Mechanismus, um jene Eigenschaften, die
das Überleben begünstigen, weiterzuverbreiten (Vererbung). Wo immer diese
Bedingungen erfüllt sind, findet Evolution statt - und zwar unvermeidlich.

Nach Ansicht radikaler Darwinisten wie Richard Dawkins gilt das
Evolutionsprinzip nicht nur in der Biosphäre, sondern universell. Nicht nur Gene
können als Replikatoren fungieren - sondern eben auch die Meme.
So wie Gene sich durch Fortpflanzung replizieren, verbreiten sich Meme durch
Imitation. Als Vehikel dazu benutzen sie nicht Spermien und Eizellen, sondern
das menschliche Gehirn. Dabei verfolgen die Meme, analog zu den Genen, nur ein
"Ziel", - ihr eigenes Überleben. Und wie die Gene unterliegen auch die Meme
einem evolutionären Ausleseprozess: Nur die an ihre Umwelt am besten angepassten
Meme können sich erfolgreich weiterverbreiten.
Aus der Sicht so genannter Soziobiologen und Evolutionspsychologen werden
menschliche Verhaltensweisen in letzter Konsequenz durch unser evolutionäres
Erbe bestimmt. Nach dieser Theorie dient alles, von unseren Schönheitsidealen
bis zur Kleidermode, letztlich nur einem einzigen Zweck - unserer genetischen
"Fitness". Auch der menschliche Geist und unsere Kultur sind demnach am Ende
biologische Phänomene. "Die Gene halten die Kultur an der Leine", formulierte
der berühmte Evolutionsbiologe Edward O. Wilson. Diese Theorie ist heute
weitgehend akzeptiert - und doch sind die Gene nicht alles.
Zwar teilen wir viele Eigenschaften mit unseren evolutionsgeschichtlichen
Vorfahren, vom Mechanismus der Fortpflanzung bis hin zum Fluchtinstinkt. Doch
zugleich haben wir im Verlauf vieler Jahrtausende auch höhere Fähigkeiten
entwickelt, durch die wir uns von allen anderen Tieren unterscheiden. Zum
Beispiel die Musik: Beethovens "Waldsteinsonate" bringt unseren Genen keinen
Fitnessvorteil. Ähnlich ist es mit unserem hochentwickelten Sprachvermögen oder
der Fähigkeit zu mathematischem Denken. Aber wie konnten sich diese
Eigenschaften dann entwickeln, wenn sie unseren Genen nicht dienen? Warum
entstand überhaupt die menschliche Kultur?
Die US-Antropologen Peter Richerson und Richard Boyd sehen die kulturelle
Entwicklung als Adaptionsprozess. Die biologische Evolution würde auf
Umweltveränderungen viel zu langsam reagieren. Erst die Kultur erlaubte es den
Menschen, sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen. Vor rund 500 000 Jahren
könnte dieser Prozess begonnen haben. Rasch wechselnde klimatische Verhältnisse,
so glauben die Forscher, zwangen die Menschen der Frühzeit, neue Fertigkeiten zu
entwickeln ...
Kommentar: Die Überlegungen, sich Meme vorzustellen, ist ganz lustig, aber nicht ernst zu nehmen; denn das Problem ist ein rein psychisches. Die Stichworte der psychischen Religionsbereitschaft und des sich einhüllen in die jeweils herrschende Religion und Ideologie (Weltanschauung) sind >hier< zu finden. Genau so wie bisher keine Art von (vermutetem zusätzlichem) Gehirn im so genannten "hohlen Bauch" nachzuweisen war, wird man (sehr wahrscheinlich) auch keine "Meme" finden.
Wenn schon "Meme", so etwas wie eine Virusinfektion, dann sterben diese Meme so wie die Viren auch mit unserem individuellen Tod; denn ein Kind, das in Europa geboren worden ist, dort vielleicht sogar eine kurze Zeit gelebt hat, wird nicht automatisch die Muttersprache sprechen und die kulturelle Tradition befolgen, wenn es in einen anderen Kulturraum- und Sprachraum kommt, wenn es also woanders die prägende Kindheit verbringt. >Hier< eine kritische Betrachtung.
Schon beim französischer Philosophen und Schriftsteller, Michel Foucaults (1926 bis1984), finden sich Ansätze einer kulturellen Infektion. Das nur am Rande
(Walter Rath)