Auf den Bush geklopft

 

 

Kritik an der "fundamentalistischen Arroganz" der westlichen Führungsmacht

 

Veröffentlicht am  15. Mai 2002 von

 

AG Friedensforschung an der Universität Kassel

 

Homepage: www.ag-friedensforschung.de


 

>Hier< zum Artikel: "Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus" -

Eine (deutsche) Antwort auf das Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror"

von 60 amerikanischen Intellektuellen


Zusammenfassung: Afghanistan-Krieg völlig wirkungslos mit 5.000 von US-Bomben als getötet errechnete Zivilisten und mindestens 15.000 getöteten Männern als deklarierte Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer, sowie Hinterlassung von Streubombe als Gefahr nicht nur für die Landwirtschaft. USA entwickelt neue Atombomben, betreibt Staatsverschuldung durch Schwindel erregend hohen Rüstungsausgaben, ignoriert internationale Verträge (>hier<)...

Es gehört wahrlich nicht viel Phantasie dazu, die Gesprächsthemen zu erraten, die der auf richterliche Anweisung bestellte US-Präsidenten George W. Bush mit einigen europäischen Regierungschefs und Staatspräsidenten Ende Mai verhandelt. Obenan auf der Agenda steht der nach dem 11. September letzten Jahres begonnene (oder nur auf einer neuen Stufe fortgesetzte?) "Krieg gegen den Terrorismus", für den die USA einerseits weitere politisch-moralische Unterstützung einwerben wollen, aus dem die Europäer andererseits aber auch soweit herausgehalten werden sollen, dass sie nicht auf die Idee kommen, mitreden zu wollen. Mitkämpfen und Maulhalten: Nach dieser Devise funktionierte die im September zusammengezimmerte weltweite "Allianz gegen den Terror" auch recht gut.

Im Afghanistan-Krieg, der trotz der beschönigenden Bilanz des deutschen Bundeskanzlers anlässlich seines Besuchs in Kabul am 9. Mai weder irgendein Problem gelöst hat noch zu Ende ist, wurde Kritik an der völkerrechtswidrigen Kriegsführung nur von politischen Außenseitern geübt. Die Heimatfront in den USA und die "uneingeschränkt" solidarisch mit den USA verbundenen Partnerstaaten hielten die Reihen fest geschlossen. Die wenigen aufmüpfigen Berichte und Kommentare, die es vorübergehend etwa bezüglich der Behandlung der gefangenen Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer in Guantánamo gab, sind längst wieder in Vergessenheit geraten. Kaum jemand erinnert an die Kriegsbilanz, die Marc Herold bereits nach zwei Monaten Krieg, am 7. Dezember veröffentlicht hatte, als er ca. 5.000 von US-Bomben getötete Zivilisten errechnete. Wie viele sind bis heute dazu gekommen? Und wie viele Zivilisten befinden sich wohl unter den mindestens 15.000 getöteten Männern, die als Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer deklariert wurden? Solche Fragen wurden auch vom Tross der Journalisten nicht gestellt, die den Kanzler, den "Kaiser" (der Präsident des FC-Bayern, Franz Beckenbauer, war Sondergast der Regierungsdelegation) und ein rundes Dutzend Wirtschaftsmanager auf dem Trip nach Kabul begleiteten. In erschreckender Weise ausgeblendet bleiben die Wirkungen Tausenden und Abertausenden Luft- und Raketenangriffe der USA und Großbritanniens, die seit dem 7. Oktober auf afghanische Städte, Dörfer und "Terrornester" geflogen wurden. Wenn von den sichtbaren Zerstörungen in Kandahar, Masar-i-Sharrif, Dschalalabad oder Kabul die Rede ist, werden sie regelmäßig dem über 20-jährigen Kriegs- und Bürgerkriegsgeschehen angelastet, so, als hätte der US-Krieg diese Zerstörungen nur beendet und wäre nicht selbst Teil davon gewesen. Ebenso verhält es sich mit den im ganzen Land verstreut liegenden Minen, die ein wirklich normales Leben und Arbeiten - zum Beispiel in der Landwirtschaft - auf lange Sicht verhindern. Wie viele davon entstammen den berüchtigten Clusterbomben, welche die US-Bomber abgeworfen hatten und die heute noch als Blindgänger eine tödliche Gefahr darstellen?

Doch auch die größeren Fragen nach dem eigentlichen Zweck des Afghanistan-Krieges und dem erzielten Erfolg werden nicht allzu häufig gestellt. Diente der Krieg ursprünglich dazu, die Strukturen der Terrororganisation von Al Qaida zu zerschlagen und den Oberterroristen Ossama bin Laden zu fangen ("dead or alive"), so änderten sich in seinem Verlauf die Kriegsziele grundlegend: In den Vordergrund rückten das politische Ziel eines Regimewechsels, die Befreiung der afghanischen Frauen und die Besetzung des Landes als einem geostrategisch wichtigen Stützpunkt für die Fortsetzung des angeblichen "Kriegs gegen den Terror". Nun wissen wir alle, wohin es führt, wenn Regierungen selbstherrlich darüber entscheiden, wann ein beliebiges anderes Regime per Krieg gestürzt werden soll: ins unkontrollierbare Chaos einer neuen Weltunordnung, in der das internationale Recht, insbesondere die UN-Charta mit ihren Prinzipien der Gleichheit und Souveränität aller Staaten und des strikten Gewaltverbots keine Gültigkeit mehr besäßen. Wir wissen auch (und die Medien könnten es auch zur Kenntnis nehmen), dass die Befreiung der Frau in Afghanistan nicht mit der mediengerechten Entfernung der gestaltverhüllenden Burka eintritt.

Nein, mit dem Afghanistan-Krieg wurde nichts erreicht: Das neue Regime von UN- und US-Gnaden, das allenfalls die Region um die Hauptstadt kontrolliert, wird weder in der Lage sein, das Land zu einen, noch den USA langfristig eine Garantie auf einen gesicherten Erdöl- und Gaskorridor aus Zentralasien zum Indischen Ozean zu bieten. Das einzige Ergebnis des Krieges und seiner Nachfolgekriege wird sein, dass sich die USA im nahöstlichen Krisengürtel militärisch einigeln und dadurch die fundamentalen Widerstände, den Zorn und Hass ihrer Umgebung nur noch weiter fördern.

Die US-Administration ist auch auf anderen Feldern bemüht, alte Feindschaften zu pflegen und sich neue Feinde zu schaffen. Während die Wucht der Anschläge vom 11. September, welche die USA erstmals in die Rolle eines "Opfers" versetzt hat, mit der Zeit zu verblassen scheint, erinnert die Welt sich wieder stärker der "Täterrolle" der USA. Etwa daran, dass

Das jüngste Beispiel für ihre fundamentalistische Arroganz lieferte die Führungsmacht des Westens bei der UN-Kinderkonferenz ab, als sie sich nicht nur weigerte, das Verbot der Todesstrafe in das Schlussdokument aufzunehmen, sondern zusammen mit dem Vatikan und - bezeichnenderweise - einigen islamischen Staaten alle Formulierungen ablehnte, die als eine vage Befürwortung der Abtreibung hätten interpretiert werden können (vgl. FR, 13.05.2002)

Man sieht: Die Gründe, die US-Politik öffentlich zu kritisieren, werden immer zahlreicher. Die Demonstrationen anlässlich des Bush-Besuchs in der Bundesrepublik (21./22. Mai) richten sich dabei nicht gegen den Staatsbesuch als solchen (derartige Besuche sind selbstverständlicher Grundbestandteil jeglicher internationaler Politik), sondern gegen die konkrete Politik der US-Regierung, insbesondere deren kriegerische Außenpolitik. Dass dieser Protest - wie das bei der Friedensbewegung üblich ist - ausschließlich mit friedlichen Mitteln ausgedrückt wird, sollte sich dabei von selbst verstehen. Insofern gehören alle Versuche von Seiten der CDU/FDP und einiger Medien, die Aktionen in Berlin schon im Vorfeld in Misskredit zu bringen, sie vielleicht sogar verbieten zu lassen, zur Stimmungsmache und geistigen Vorbereitung auf jene Gewalt, die angeblich verhindert werden soll. Das totale Demo-Verbot und die anschließenden Polizeiübungen bei der Münchner Sicherheitskonferenz Ende Januar/Anfang Februar lassen erahnen, worum es hier geht. Immer schon war der Weg zur Gewalt mit Verboten gepflastert. In München war es nicht zuletzt der Besonnenheit der Demonstranten zu verdanken, dass alles noch so relativ friedlich ablief. In Berlin werden am 21. Mai Tausende und Abertausende Menschen friedlich demonstrieren, und im ganzen Land werden einen Tag später die "Bushtrommeln für den Frieden" gerührt werden. So laut, dass das auch an die Ohren der in uneingeschränkter Solidarität mit den USA verbundenen Bundesregierung dringt. Denn das politische Signal der Mai-Proteste der Friedensbewegung reicht über Bush und über den Tag hinaus. Es geht nicht nur darum "auf den Bush zu klopfen". Es geht auch um die kritische Begleitung der außen- und sicherheitspolitischen Aspekte des Bundestagswahlkampfes. Hier ist neben der Friedensbewegung auch der kritische Geist der Friedenswissenschaft gefragt.

Peter Strutynski

Dieser Beitrag erscheint in diesem Tagen im "FriedensJournal", 2/2002, einer neuen Zeitschrift, die vom Bundesausschuss Friedensratschlag herausgegeben wird.

"Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus"

Eine (deutsche) Antwort auf das Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror" von 60 amerikanischen Intellektuellen


Im Folgenden dokumentieren wir einen offenen Brief von rund 90 deutschen Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern und anderer "Prominenz", die sich darin mit dem Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror" von 60 US- amerikanischen Intellektuellen auseinandersetzen, das im März erschienen ist. Als Antwort auf dieses Manifest, dass mit vielen Worten die gegenwärtige Kriegspolitik der Bush-Administration rechtfertigt, war bereits im April ein Brief von US-Bürgern: "An unsere Freunde in Europa" erschienen.


"Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus": Eine Antwort auf das Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror" von 60 amerikanischen Intellektuellen

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Massenmord durch das terroristische Attentat am 11. September in Ihrem Land und der Krieg der USA in Afghanistan als Reaktion auf diesen Terror betrifft auch Europa, die islamische Welt und unser aller Zukunft. Es ist uns besonders wichtig, dass weltweit unter Intellektuellen der Zivilgesellschaften über die Ursachen und Folgen dieser Ereignisse ein offener und kritischer Dialog zu ihrer Bedeutung und Bewertung stattfindet. Verstehen Sie bitte unsere Antwort auf Ihr Manifest "gerechter Krieg gegen den Terror" als einen Beitrag in diesem Sinne.

Für den entsetzlichen Massenmord am 11. September gibt es keine moralische Rechtfertigung. Darin stimmen wir Ihnen uneingeschränkt zu. Wir teilen auch die von Ihnen zugrunde gelegten moralischen Maßstäbe, dass Menschenwürde, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Religion, unantastbar ist, dass das Streben nach Demokratie ein wichtiges Fundament für den Schutz der Menschenwürde, der individuellen Freiheiten, der Religionsfreiheit und der in der UN-Charta festgelegten Menschenrechte ist.

Doch genau diese moralischen Werte, die für uns universale Gültigkeit haben, veranlassen uns, auch den Krieg, den Ihre Regierung und ihre Verbündeten, uns eingeschlossen, in der Anti-Terror-Allianz in Afghanistan führen und dem bisher über 4000 unbeteiligte Menschen, darunter viele Kinder und Frauen, zum Opfer gefallen sind, mit derselben Schärfe abzulehnen, wie wir den Massenmord an den unbeteiligten Menschen durch den Terroranschlag verurteilen. Es gibt keine universal gültigen Werte, die es erlauben, einen Massenmord mit einem weiteren Massenmord zu rechtfertigen. Der Krieg der so genannten Antiterror-Allianz in Afghanistan ist kein ‚gerechter Krieg', - ein unglückseliger historischer Begriff, den wir nicht akzeptieren - er verletzt selbst die von Ihnen angeführte Bedingung "Unschuldige vor sicherem Leid zu bewahren" in krasser Form. Demokratische Staaten verfügen über hinreichend entwickelte rechtsstaatliche Mittel, um Verbrechen innerhalb ihres Einflussbereiches zu bekämpfen und um Schuldige zur Rechenschaft zu ziehen. Es gilt diese erprobten Mittel in enger Zusammenarbeit mit anderen Staaten global zu erweitern.

Uns ist es unverständlich, dass Sie in Ihrem Aufruf über den Massenmord an der afghanischen Zivilbevölkerung als Folge des mit den modernsten Waffensystemen geführten Bombenkrieges kein einziges Wort verlieren. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen gilt nicht nur für Menschen in den Vereinigten Staaten, sondern auch für Menschen in Afghanistan, ja sogar für die Taliban und die Al Quaida-Gefangenen auf Guantanamo. Sie beschwören in Ihrem Aufruf die Universalität Ihrer moralischen Maßstäbe, machen diese gleichzeitig aber nur für sich geltend. Durch diesen selektiven Gebrauch stellen Sie gerade deren universale Gültigkeit drastisch in Frage und lassen so über die Ernsthaftigkeit des eigenen Bekenntnisses größte Zweifel aufkommen. Wie sollen die aus anderen Kulturkreisen diesen moralischen Maßstäben gegenüber vorgebrachten Zweifel ausgeräumt werden können, wenn ausgerechnet die Eliten US-amerikanischer Zivilisation, die sich als Verfechter und Hüter dieser Werte begreifen, den Glauben an die Universalität dieser Werte in Verruf bringen?. Müssen nicht andere Nationen und Kulturkreise die Anwendung von zweierlei Maßstäben als Ausdruck einer bis zur Gegenwart andauernden Arroganz und Ignoranz des Westens wahrnehmen?

Auch können wir Ihnen angesichts der erdrückenden Last der historischen Tatsachen nicht folgen, wenn Sie schreiben, Ihr Land habe wohl "zu gewissen Zeiten ... eine fehlgeleitete und ungerechte Politik verfolgt". Die Vereinigten Staaten haben für die Befreiung Europas vom Joch des Nationalsozialismus einen hervorragenden Beitrag geleistet. Als führende Supermacht während der Blockkonfrontation haben sie jedoch auch große Verantwortung für schwer wiegende Fehlentwicklungen in der Welt auf sich geladen. Durch zahlreiche geheimdienstliche bis direkt militärische Interventionen, so z.B. im Iran, Indonesien, Chile, Guatemala, El Salvador, Nicaragua, im Iran-Irak-Krieg auf der irakischen Seite und an vielen anderen Stellen haben die Vereinigten Staaten Regime unterstützt, die durch Staatsterrorismus und millionenfachen Mord an Oppositionskräften regierten und Demokratisierungsprozesse verhinderten. Nicht selten fielen frei gewählte Regierungen diesen Interventionen zum Opfer.

Viele der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Stellungnahme hatten gehofft, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion würde eine neue Ära der Abrüstung, der Völkerverständigung, des Dialogs der Kulturen und der Hoffnung für Milliarden von durch Hunger und Krankheit Not leidenden und gedemütigten Menschen beginnen. Wir erwarteten und setzten uns dafür ein, dass die westlichen Industriestaaten nach vier Jahrzehnten des Hasses, der gegenseitigen Bedrohung und des Wettrüstens ihre schöpferischen Potentiale in den Dienst der Überwindung von Armut, Umweltzerstörung und der Entfaltung von Demokratie stellten. Diese Erwartungen wurden jedoch enttäuscht. Die Vereinigten Staaten konzentrierten vielmehr ihre Phantasie, sowie ihre wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Kapazitäten darauf, ihre Position als die einzig verbliebene Supermacht in der Welt zu festigen und eine unipolare Weltordnung zu etablieren. In ihr versuchen sie, weitgehend in eigener Machtvollkommenheit über das Schicksal von Völkern zu entscheiden. Viele Indizien, wie beispielsweise die systematische Errichtung von amerikanischen Militärbasen auf dem Balkan, im Mittleren Osten und in Zentralasien erhärten diese Einschätzung.

In diesem Sinne erscheinen Analysen plausibel, nach denen die Vereinigten Staaten, entgegen offiziellen Verlautbarungen im Mittleren Osten und in Zentralasien einschließlich Afghanistan, nicht in erster Linie humanitäre Ziele verfolgen, den Terrorismus bekämpfen oder der Verbreitung von Massenvernichtungsmitteln vorbeugen wollen, sondern sich vielmehr von geostrategischen Motiven leiten lassen. Durch ihren Zugriff auf die für die Weltwirtschaft existenziellen Ölquellen dieser Region und auf die Öltransportrouten erhöhen die Vereinigten Staaten tatsächlich in beträchtlichem Ausmaß ihre geostrategischen Optionen, um ihre Hegemonialposition nicht nur gegen die angeschlagene Supermacht Russland und die aufsteigende Regionalmacht China, sondern auch gegen Europa und Japan für die nächsten Jahrzehnte zu festigen.

Trotz der Differenzen über derartige Einschätzungen stimmen wir alle darin weitestgehend überein, dass die Konzentration von ungeheuren Machtpotentialen in einem einzigen Land der Welt und die militärische Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzwingen zu können, eine wichtige Quelle der Instabilität von grenz- und kulturüberschreitenden Beziehungen ist. Sie ist auch eine Quelle des Ohnmachtsgefühls und der Demütigung vor allem für jene Menschen geworden, die sich als Opfer dieser Machtungleichheit empfinden. Die Anwesenheit von amerikanischen Soldaten in Reichweite islamischer Heiligtümer in Saudi-Arabien z.B., die von vielen Moslems offensichtlich als ein Stachel im eigenen Fleisch und als Angriff auf die eigene Kultur und das Selbstwertgefühl empfunden wird, symbolisiert die als bedrohlich empfundene Machtungleichheit. Die als ungerecht wahrgenommene eigene Unterlegenheit ruft affektive Enthemmungen hervor und mobilisiert ein ungeheures Reaktionspotential bis zur Bereitschaft, auch das eigene Leben durch Selbstmordattentate zu opfern. Derartige Reaktionen als Folge der Instabilität der Machtbalance in der gegenwärtig unipolaren Weltordnung sind nicht kulturspezifisch. Sie könnten in jedem anderen Teil der Welt und zu jedem anderen Zeitpunkt in neuer Form ausgelöst werden. Ein Krieg der Überlegenen gegen die Selbstmordattentate der Unterlegenen ist ein Anachronismus. Er entfesselt Hemmungen und mobilisiert, wie im Israel-Palästina-Konflikt, noch größere Bereitschaft zu terroristischen Anschlägen und terroristischen Militäreinsätzen. Die gegenwärtige Weise der Globalisierung, die soziale Ungleichheiten verschärft und kulturelle Differenzierungen zerstört, trägt ihren Teil zu den Instabilitäten und Spannungen bei, die sich in gewaltträchtigen Reaktionen entladen.

Mit Sorge beobachten wir, dass führende Persönlichkeiten aus dem Umfeld Ihres Präsidenten immer offensiver den Europäern totalen Gehorsam gegenüber Amerika abverlangen und erpresserisch jegliche Kritik aus Europa mit Äußerungen wie "Europa braucht Amerika, Amerika braucht aber Europa nicht" im Keim ersticken wollen. Die "uneingeschränkte Solidarität" unserer und manch anderer europäischer Regierungen zu den Vereinigten Staaten und ihre Bereitschaft, den Antiterror-Krieg kritiklos mitzutragen, wird hier von vielen Menschen als Entmündigung und Schwäche empfunden. Die politische Klasse in Europa hat offensichtlich nicht begriffen, dass sie mit ihrer Unterwürfigkeit gegenüber der übermächtigen und einzigen Supermacht nicht nur eine perspektivlose Politik macht, sondern auch noch für die Agitation rechtsradikaler Kräfte ein günstiges Klima erzeugt. Zu unserem eigenen Bedauern haben Regierungen der EU-Staaten bisher auch versäumt, eine eigenständige EU-europäische Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik für den Nahen und Mittleren Osten sowie für Zentralasien und für ihre Beziehungen zur islamischen Welt zu entwickeln, die auf Kooperation, auf Unteilbarkeit der Menschenwürde und der Menschenrechte beruht. Ja, es ist sogar zu befürchten, dass sie auf Grund ihrer Konzeptionslosigkeit und trotz ihrer Kritik letztlich auch bereit sein könnten, einen amerikanischen Krieg gegen den Irak moralisch zu legitimieren oder gar aktiv mitzutragen.

Als Besorgnis erregend empfinden viele von uns den wachsenden Einfluss fundamentalistischer Kräfte in den Vereinigten Staaten auf die politische Elite Ihres Landes, der unverkennbar auch vor dem Weißen Haus nicht Halt macht. Die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, die Stigmatisierung ganzer Staaten samt ihrer Bevölkerungen ist dazu geeignet, rassistischen, nationalistischen und religiösen Fanatismus zu schüren, die Menschen ihrer Fähigkeit zu differenzierter Wahrnehmung der lebendigen Wirklichkeit und der Einsicht zu berauben, dass Andersartigkeit und kulturelle Vielfalt kein Unglück, sondern ein Segen für alle darstellen und dass das Wohlergehen auch der Mächtigsten dieser Erde auf Dauer davon abhängt, dass die Welt als ein Ganzes gesehen wird, dessen Reichtum und Schönheit in den Unterschieden besteht. Fundamentalismus beginnt damit, die eigene Kultur als die einzig wahre, einzig gute und schöne zu erklären. Fundamentalistische Reaktionen auf reale Konflikte unserer Welt verschließen unsere Augen vor zivilen und gewaltfreien Lösungen dieser Konflikte und setzen die Eskalation zwischen Terrorismus und Krieg erst recht in Gang.

Mit Bestürzung haben wir von unseren amerikanischen Freunden und Kolleginnen auch vernommen, dass Gelehrte und Journalisten unter Druck gesetzt und als Verräter denunziert werden, wenn sie den Kriegskurs ihrer Regierung kritisch betrachten oder ablehnen. Sorgen Sie dafür, dass der Meinungspluralismus und die liberale Tradition in Ihrem Land nicht unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung beeinträchtigt werden. Helfen Sie mit, dem Vormarsch des fundamentalistischen Geistes in den Vereinigten Staaten Einhalt zu gebieten. Die amerikanischen Werte, auf die Sie sich mit Stolz beziehen, stehen auf dem Prüfstand.

Zur Bekämpfung der terroristischen Selbstmordattentate gibt es sicherlich verschiedene Wege. Unsere Meinungen gehen darüber auseinander. Wir alle sind jedoch zutiefst davon überzeugt, dass die Achtung der Menschenwürde eine Grundvoraussetzung für alle Lösungswege darstellt. Nur wenn weltweit und bei den ökonomisch und militärisch schwächeren Nationen und Kulturkreisen die Auffassung einkehrt, dass der Westen als der ökonomisch und militärisch mächtigste Kulturkreis es mit der Universalität der Menschenwürde ernst meint, dass diese nicht eine bloße Floskel ist, von der je nach Bedarf Gebrauch gemacht wird, nur dann erhöht sich die Chance, dass terroristische Selbstmordattentate nicht die beabsichtigte Resonanz erfahren, sondern in allen Ländern auf vehemente Ablehnung stossen. Erst wenn die Schwächeren dieser Welt sich in der Auffassung sicher wissen, dass kein auch noch so mächtiger Staat ihre Würde verletzen, sie demütigen und ihre Lebensbedingungen willkürlich beeinträchtigen wird, erst dann schöpfen diese Menschen Kraft und Bereitschaft, ihre Augen und Herzen für die moralischen Werte anderer Kulturen zu öffnen. Erst dann sind auch die Voraussetzungen dafür gegeben, dass ein echter Dialog zwischen den Kulturen in Gang kommt.

Wir brauchen moralisch begründete, weltweit akzeptable und allseits geachtete gemeinsame Spielregeln im Zusammenleben der Menschen, welche die Kooperation anstelle von Konfrontation in den Vordergrund rücken und den durch die beschleunigte Veränderung der Lebenswelt und die ständig wachsenden Gewaltpotentiale erzeugten Bedrohungsängsten sowie den daraus resultierenden Sicherheitsbedürfnissen der Menschen den Boden entziehen. Damit eröffnen sich Möglichkeiten, die vornehmlich auf wirtschaftliche Belange orientierte Globalisierung gerechter zu gestalten, die weltweite Armut wirksam anzugehen, gemeinsam die globalen Umweltrisiken zu entschärfen, Konflikte mit friedlichen Mitteln zu meistern und eine Weltkultur zu schaffen, die nicht in einer, sondern in sehr vielen Sprachen reden kann.

Wir rufen Sie auf, über diese und andere Perspektiven für unser aller Zukunft mit uns und mit den Intellektuellen aus anderen Teilen der Welt in einen offenen Dialog einzutreten.

Presserechtlich verantwortlich: Hans Peter Dürr, Mohssen Massarrat, Heiko Kauffmann, Frank Uhe, c/o IPPNW, Körtestr. 10, 10967 Berlin

UnterzeichnerInnen:

Prof. Dr. Hans Ackermann, Marburg - Dr. Stephan Albrecht, Hamburg - Dr. Franz Alt, Baden-Baden - Prof. Dr. Elmar Altvater, Berlin - Carl Amery, München - Prof. Dr. Klaus J. Bade, Osnabrück - Prof. Dr. Hans-Eckehard Bahr, Bochum - Franz J. Bautz, München - Prof. Dr. Jörg Becker, Solingen - Dr. Wolfgang Bender, Kronberg - Prof. Dr. Adelheid Biesecker, Bremen - Michael Bouteiller, Lübeck - Prof. Dr. Elmar Brähler, Leipzig - Dr. Dieter Bricke, Bergen - Dr. Nikolaus und Nedialka Bubner, Berlin - Annelie Buntenbach, Berlin - Prof. Dr. Andreas Buro, Grävenwiesbach - Prof. Dr. Wolfgang Däubler, Dusslingen - Gerhard Diefenbach, Aachen - Hermann H. Dieter, Trebbin-Blankensee - Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Hamburg - Tankred Dorst, München - Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Dürr, München - Dr. Matthias Engelke, Trier - Prof. Dr. Andreas Flitner, Tübingen - Helmut Frenz, Hamburg - Prof. Dr. Georges Fülgraff, Berlin - Prof. Dr. Bernhard Glaeser, Berlin - Prof. Dr. Ulrich Gottstein, Frankfurt - Dr. Franz-Theo Gottwald, München - Jürgen Grässlin, Freiburg - Bernd Hahnfeld, Hamburg - Dr. Dirk-Michael Harmsen, Karlsruhe - Prof. Dr. Bodo Hambrecht, Berlin - Prof. Dr. Heinz und Brigitte Häberle, Herrsching - Irmgard Heilberger, Neuburg - Christoph Hein, Berlin - Prof. Dr. Peter Hennicke, Wuppertal - Detlef Hensche, Berlin - Prof. Dr. Wolfgang Hesse, Marburg - Prof. Dr. Helmut Holzapfel, Kassel - Ina Hönninger, Weßling - Prof. Willi Hoss und Heidemarie Hoss-Rohweder, Stuttgart - Prof. Dr. Ferdinand Hucho, Berlin - Prof. Dr. Jörg Huffschmid, Bremen - Otto Jaeckel, Wiesbaden - Prof. Dr. Walter Jens, Tübingen - Heiko Kauffmann, Meerbusch - Prof. Dr. Wolfgang Klein, Berlin - Hans Krieger, München - Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff, Berlin - Helmar Krupp, Weingarten - Herbert Leuninger, Hofheim - Frauke Liesenborghs, München - Volker Lindemann, Schleswig - Prof. Dr. Dr. Dieter S. Lutz, Hamburg - Prof. Dr. Birgit Mahnkopf, Berlin - Prof. Dr. Mohssen Massarrat, Osnabrück - Prof. Dr. Ingeborg Maus, Frankfurt - Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich, Essen - Prof. Dr. Klaus Meschkat, Hannover - PD Dr. Klaus Metz, Berlin - Prof. Dr. Dietmar Mieth, Tübingen - Prof. Dr. Norman Paech, Hamburg - Gunda Rachert, Osnabrück - Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter - Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Berlin - Prof. Dr. Werner Ruf, Kassel - Peter Rühmkorf, Hamburg - Dr. Gerd Dieter Schmid, Fischbachau - Horst Schmitthenner, Frankfurt - Prof. Dr. Jürgen Schneider, Göttingen - PD Dr. Schiltenwolf, Heidelberg - Friedrich Schorlemmer, Wittenberg - Prof. Dr. Herbert Schui, Buchholz - Prof. Dr. Randeria Shalini, Berlin - Tilman Spengler, Ambach - Prof. Dr. Dorothee Sölle, Hamburg - Eckart Stevens-Bartol, München - Prof. Dr. Harmen Storck, Hannover - Frank Uhe, Berlin - Peter Vonnahme, Kaufering - Peter Wahl, Bonn - Günter Wallraff, Köln - Dr. Rainer Werning, Frechen - Christa Wichterich, Bonn - Walter Wilken, Hannover - Frieder-Otto Wolf, Berlin - Dr. Herbert Wulf, Pinneberg
 


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