Auf den Bush geklopft
Kritik an der "fundamentalistischen Arroganz" der westlichen Führungsmacht
Veröffentlicht am 15. Mai 2002 von
AG Friedensforschung an der Universität Kassel
Homepage: www.ag-friedensforschung.de
>Hier< zum Artikel: "Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus" -
Eine (deutsche) Antwort auf das Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror"
von 60 amerikanischen Intellektuellen
Zusammenfassung: Afghanistan-Krieg völlig wirkungslos mit 5.000 von US-Bomben als getötet errechnete Zivilisten und mindestens 15.000 getöteten Männern als deklarierte Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer, sowie Hinterlassung von Streubombe als Gefahr nicht nur für die Landwirtschaft. USA entwickelt neue Atombomben, betreibt Staatsverschuldung durch Schwindel erregend hohen Rüstungsausgaben, ignoriert internationale Verträge (>hier<)...
Es gehört wahrlich nicht viel Phantasie dazu, die Gesprächsthemen zu
erraten, die der auf richterliche Anweisung bestellte US-Präsidenten
George W. Bush mit einigen europäischen Regierungschefs und
Staatspräsidenten Ende Mai verhandelt. Obenan auf der Agenda steht der nach dem 11.
September letzten Jahres begonnene (oder nur auf einer neuen
Stufe fortgesetzte?) "Krieg gegen den Terrorismus", für den die USA
einerseits weitere politisch-moralische Unterstützung
einwerben wollen, aus dem die Europäer
andererseits aber auch soweit herausgehalten werden sollen, dass sie
nicht auf die Idee kommen, mitreden zu wollen. Mitkämpfen und Maulhalten:
Nach dieser Devise funktionierte die im September zusammengezimmerte
weltweite "Allianz gegen den Terror" auch recht gut.
Im Afghanistan-Krieg, der trotz der beschönigenden Bilanz des deutschen
Bundeskanzlers anlässlich seines Besuchs in Kabul am 9. Mai weder
irgendein Problem gelöst hat noch zu Ende ist, wurde Kritik an der
völkerrechtswidrigen Kriegsführung nur von politischen Außenseitern
geübt. Die Heimatfront in den USA und die "uneingeschränkt" solidarisch
mit den USA verbundenen Partnerstaaten hielten die Reihen fest
geschlossen. Die wenigen aufmüpfigen Berichte und Kommentare, die es
vorübergehend etwa bezüglich der Behandlung der gefangenen
Taliban- und
Al-Qaida-Kämpfer in Guantánamo gab,
sind längst wieder in Vergessenheit geraten. Kaum jemand erinnert an die
Kriegsbilanz, die Marc Herold bereits nach zwei Monaten Krieg, am 7.
Dezember veröffentlicht hatte, als er ca. 5.000 von US-Bomben getötete
Zivilisten errechnete. Wie viele sind bis heute dazu gekommen? Und wie
viele Zivilisten befinden sich wohl unter den mindestens 15.000
getöteten Männern, die als Al-Qaida- und
Taliban-Kämpfer deklariert wurden? Solche
Fragen wurden auch vom Tross der Journalisten nicht gestellt, die den
Kanzler, den "Kaiser" (der Präsident des FC-Bayern, Franz Beckenbauer,
war Sondergast der Regierungsdelegation) und ein rundes Dutzend
Wirtschaftsmanager auf dem Trip nach Kabul begleiteten. In
erschreckender Weise ausgeblendet bleiben die Wirkungen Tausenden und
Abertausenden Luft- und Raketenangriffe der USA und Großbritanniens, die
seit dem 7. Oktober auf afghanische Städte, Dörfer und "Terrornester"
geflogen wurden. Wenn von den sichtbaren Zerstörungen in
Kandahar,
Masar-i-Sharrif, Dschalalabad oder
Kabul die Rede ist, werden sie regelmäßig dem über 20-jährigen Kriegs-
und Bürgerkriegsgeschehen angelastet, so, als hätte der US-Krieg diese
Zerstörungen nur beendet und wäre nicht selbst Teil davon gewesen.
Ebenso verhält es sich mit den im ganzen Land
verstreut liegenden Minen, die ein wirklich normales Leben und Arbeiten
- zum Beispiel in der Landwirtschaft - auf lange Sicht verhindern. Wie
viele davon entstammen den berüchtigten Clusterbomben, welche die
US-Bomber abgeworfen hatten und die heute noch als Blindgänger eine
tödliche Gefahr darstellen?
Doch auch die größeren Fragen nach dem eigentlichen Zweck des
Afghanistan-Krieges und dem erzielten Erfolg werden nicht allzu häufig
gestellt. Diente der Krieg ursprünglich dazu, die Strukturen der
Terrororganisation von Al Qaida zu
zerschlagen und den Oberterroristen Ossama
bin Laden zu fangen ("dead
or alive"), so
änderten sich in seinem Verlauf die Kriegsziele grundlegend: In den
Vordergrund rückten das politische Ziel eines Regimewechsels, die
Befreiung der afghanischen Frauen und die Besetzung des Landes als einem
geostrategisch wichtigen Stützpunkt für die Fortsetzung des angeblichen
"Kriegs gegen den Terror". Nun wissen wir alle, wohin es führt, wenn
Regierungen selbstherrlich darüber entscheiden, wann ein beliebiges
anderes Regime per Krieg gestürzt werden soll: ins unkontrollierbare
Chaos einer neuen Weltunordnung, in der das internationale Recht,
insbesondere die UN-Charta mit ihren Prinzipien der Gleichheit und
Souveränität aller Staaten und des strikten Gewaltverbots keine
Gültigkeit mehr besäßen. Wir wissen auch (und die Medien könnten es auch
zur Kenntnis nehmen), dass die Befreiung der Frau in Afghanistan nicht
mit der mediengerechten Entfernung der
gestaltverhüllenden Burka eintritt.
Nein, mit dem Afghanistan-Krieg wurde nichts erreicht: Das neue Regime
von UN- und US-Gnaden, das allenfalls die Region um die Hauptstadt
kontrolliert, wird weder in der Lage sein, das Land zu einen, noch den
USA langfristig eine Garantie auf einen gesicherten Erdöl- und
Gaskorridor aus Zentralasien zum Indischen Ozean zu bieten. Das einzige
Ergebnis des Krieges und seiner Nachfolgekriege wird sein, dass sich die
USA im nahöstlichen Krisengürtel militärisch einigeln und dadurch die
fundamentalen Widerstände, den Zorn und Hass ihrer Umgebung nur noch
weiter fördern.
Die US-Administration ist auch auf anderen Feldern bemüht, alte
Feindschaften zu pflegen und sich neue Feinde
zu schaffen. Während die Wucht der Anschläge vom 11. September, welche
die USA erstmals in die Rolle eines "Opfers" versetzt hat, mit der Zeit
zu verblassen scheint, erinnert die Welt sich wieder stärker der
"Täterrolle" der USA. Etwa daran, dass
die USA
Rüstungskontrollverträge und andere internationale Vereinbarungen
(z.B. den ABM-Vertrag) nicht beachten oder einseitig kündigen; das
neueste Beispiel, das besonders bei den europäischen Bündnispartnern
auf Empörung (zumindest hinter vorgehaltener Hand) gestoßen ist,
betrifft die Annullierung der Unterschrift unter das römische Statut
für den Internationalen Strafgerichtshof (vgl. hierzu
"US-Präsident Bush brüskiert die Weltgemeinschaft").
Im Folgenden dokumentieren
wir einen offenen Brief von rund 90 deutschen Wissenschaftlern,
Künstlern und Schriftstellern und anderer "Prominenz", die sich darin
mit dem
Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror" von 60 US-
amerikanischen Intellektuellen auseinandersetzen, das im März erschienen
ist. Als Antwort auf dieses Manifest, dass mit vielen Worten die
gegenwärtige Kriegspolitik der Bush-Administration rechtfertigt, war
bereits im April ein
Brief von US-Bürgern: "An unsere Freunde in Europa"
erschienen.
"Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus": Eine
Antwort auf das Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror" von 60
amerikanischen Intellektuellen
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Massenmord durch das terroristische Attentat am 11. September in
Ihrem Land und der Krieg der USA in Afghanistan als Reaktion auf diesen
Terror betrifft auch Europa, die islamische Welt und unser aller
Zukunft. Es ist uns besonders wichtig, dass weltweit unter
Intellektuellen der Zivilgesellschaften über die Ursachen und Folgen
dieser Ereignisse ein offener und kritischer Dialog zu ihrer Bedeutung
und Bewertung stattfindet. Verstehen Sie bitte unsere Antwort auf Ihr
Manifest "gerechter Krieg gegen den Terror" als einen Beitrag in diesem
Sinne.
Für den entsetzlichen Massenmord am 11. September gibt es keine
moralische Rechtfertigung. Darin stimmen wir Ihnen uneingeschränkt zu.
Wir teilen auch die von Ihnen zugrunde gelegten moralischen Maßstäbe,
dass Menschenwürde, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Religion,
unantastbar ist, dass das Streben nach Demokratie ein wichtiges
Fundament für den Schutz der Menschenwürde, der individuellen
Freiheiten, der Religionsfreiheit und der in der UN-Charta festgelegten
Menschenrechte ist.
Doch genau diese moralischen Werte, die für uns universale Gültigkeit
haben, veranlassen uns, auch den Krieg, den Ihre Regierung und ihre
Verbündeten, uns eingeschlossen, in der Anti-Terror-Allianz in
Afghanistan führen und dem bisher über 4000 unbeteiligte Menschen,
darunter viele Kinder und Frauen, zum Opfer gefallen sind, mit derselben
Schärfe abzulehnen, wie wir den Massenmord an den unbeteiligten Menschen
durch den Terroranschlag verurteilen. Es gibt keine universal gültigen
Werte, die es erlauben, einen Massenmord mit einem weiteren Massenmord
zu rechtfertigen. Der Krieg der so genannten Antiterror-Allianz in
Afghanistan ist kein ‚gerechter Krieg', - ein unglückseliger
historischer Begriff, den wir nicht akzeptieren - er verletzt selbst die
von Ihnen angeführte Bedingung "Unschuldige vor sicherem Leid zu
bewahren" in krasser Form. Demokratische Staaten verfügen über
hinreichend entwickelte rechtsstaatliche Mittel, um Verbrechen innerhalb
ihres Einflussbereiches zu bekämpfen und um Schuldige zur Rechenschaft
zu ziehen. Es gilt diese erprobten Mittel in enger Zusammenarbeit mit
anderen Staaten global zu erweitern.
Uns ist es unverständlich, dass Sie in Ihrem Aufruf über den Massenmord
an der afghanischen Zivilbevölkerung als Folge des mit den modernsten
Waffensystemen geführten Bombenkrieges kein einziges Wort verlieren. Die
Unantastbarkeit der Würde des Menschen gilt nicht nur für Menschen in
den Vereinigten Staaten, sondern auch für Menschen in Afghanistan, ja
sogar für die Taliban und die Al
Quaida-Gefangenen auf
Guantanamo. Sie beschwören in Ihrem Aufruf die Universalität
Ihrer moralischen Maßstäbe, machen diese gleichzeitig aber nur für sich
geltend. Durch diesen selektiven Gebrauch stellen Sie gerade deren
universale Gültigkeit drastisch in Frage und lassen so über die
Ernsthaftigkeit des eigenen Bekenntnisses größte Zweifel aufkommen. Wie
sollen die aus anderen Kulturkreisen diesen moralischen Maßstäben
gegenüber vorgebrachten Zweifel ausgeräumt werden können, wenn
ausgerechnet die Eliten US-amerikanischer Zivilisation, die sich als
Verfechter und Hüter dieser Werte begreifen, den Glauben an die
Universalität dieser Werte in Verruf bringen?. Müssen nicht andere
Nationen und Kulturkreise die Anwendung von zweierlei Maßstäben als
Ausdruck einer bis zur Gegenwart andauernden Arroganz und Ignoranz des
Westens wahrnehmen?
Auch können wir Ihnen angesichts der erdrückenden Last der historischen
Tatsachen nicht folgen, wenn Sie schreiben, Ihr Land habe wohl "zu
gewissen Zeiten ... eine fehlgeleitete und ungerechte Politik verfolgt".
Die Vereinigten Staaten haben für die Befreiung Europas vom Joch des
Nationalsozialismus einen hervorragenden Beitrag geleistet. Als führende
Supermacht während der Blockkonfrontation haben sie jedoch auch große
Verantwortung für schwer wiegende Fehlentwicklungen in der Welt auf sich
geladen. Durch zahlreiche geheimdienstliche bis direkt militärische
Interventionen, so z.B. im Iran, Indonesien, Chile, Guatemala, El
Salvador, Nicaragua, im Iran-Irak-Krieg auf der irakischen Seite und an
vielen anderen Stellen haben die Vereinigten Staaten Regime unterstützt,
die durch Staatsterrorismus und millionenfachen Mord an
Oppositionskräften regierten und Demokratisierungsprozesse verhinderten.
Nicht selten fielen frei gewählte Regierungen diesen Interventionen zum
Opfer.
Viele der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Stellungnahme
hatten gehofft, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion würde eine neue
Ära der Abrüstung, der Völkerverständigung, des Dialogs der Kulturen und
der Hoffnung für Milliarden von durch Hunger und Krankheit Not leidenden
und gedemütigten Menschen beginnen. Wir erwarteten und setzten uns dafür
ein, dass die westlichen Industriestaaten nach vier Jahrzehnten des
Hasses, der gegenseitigen Bedrohung und des Wettrüstens ihre
schöpferischen Potentiale in den Dienst der Überwindung von Armut,
Umweltzerstörung und der Entfaltung von Demokratie stellten. Diese
Erwartungen wurden jedoch enttäuscht. Die Vereinigten Staaten
konzentrierten vielmehr ihre Phantasie, sowie ihre
wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Kapazitäten darauf, ihre
Position als die einzig verbliebene Supermacht in der Welt zu festigen
und eine unipolare Weltordnung zu etablieren. In ihr versuchen sie,
weitgehend in eigener Machtvollkommenheit über das Schicksal von Völkern
zu entscheiden. Viele Indizien, wie beispielsweise die systematische
Errichtung von amerikanischen Militärbasen auf dem Balkan, im Mittleren
Osten und in Zentralasien erhärten diese Einschätzung.
In diesem Sinne erscheinen Analysen plausibel, nach denen die
Vereinigten Staaten, entgegen offiziellen Verlautbarungen im Mittleren
Osten und in Zentralasien einschließlich Afghanistan, nicht in erster
Linie humanitäre Ziele verfolgen, den Terrorismus bekämpfen oder der
Verbreitung von Massenvernichtungsmitteln vorbeugen wollen, sondern sich
vielmehr von geostrategischen Motiven leiten lassen. Durch ihren Zugriff
auf die für die Weltwirtschaft existenziellen Ölquellen dieser Region
und auf die Öltransportrouten erhöhen die Vereinigten Staaten
tatsächlich in beträchtlichem Ausmaß ihre geostrategischen Optionen, um
ihre Hegemonialposition nicht nur gegen die angeschlagene Supermacht
Russland und die aufsteigende Regionalmacht China, sondern auch gegen
Europa und Japan für die nächsten Jahrzehnte zu festigen.
Trotz der Differenzen über derartige Einschätzungen stimmen wir alle
darin weitestgehend überein, dass die Konzentration von ungeheuren
Machtpotentialen in einem einzigen Land der Welt und die militärische
Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzwingen zu können, eine
wichtige Quelle der Instabilität von grenz- und
kulturüberschreitenden Beziehungen ist. Sie ist auch eine Quelle
des Ohnmachtsgefühls und der Demütigung vor
allem für jene Menschen geworden, die sich als Opfer dieser
Machtungleichheit empfinden. Die Anwesenheit von amerikanischen Soldaten
in Reichweite islamischer Heiligtümer in Saudi-Arabien z.B., die von
vielen Moslems offensichtlich als ein Stachel im eigenen Fleisch und als
Angriff auf die eigene Kultur und das Selbstwertgefühl empfunden wird,
symbolisiert die als bedrohlich empfundene Machtungleichheit. Die als
ungerecht wahrgenommene eigene Unterlegenheit ruft affektive
Enthemmungen hervor und mobilisiert ein ungeheures Reaktionspotential
bis zur Bereitschaft, auch das eigene Leben durch Selbstmordattentate zu
opfern. Derartige Reaktionen als Folge der Instabilität der Machtbalance
in der gegenwärtig unipolaren Weltordnung sind nicht kulturspezifisch.
Sie könnten in jedem anderen Teil der Welt und zu jedem anderen
Zeitpunkt in neuer Form ausgelöst werden. Ein Krieg der Überlegenen
gegen die Selbstmordattentate der Unterlegenen ist ein Anachronismus. Er
entfesselt Hemmungen und mobilisiert, wie im Israel-Palästina-Konflikt,
noch größere Bereitschaft zu terroristischen Anschlägen und
terroristischen Militäreinsätzen. Die gegenwärtige Weise der
Globalisierung, die soziale Ungleichheiten verschärft und kulturelle
Differenzierungen zerstört, trägt ihren Teil zu den Instabilitäten und
Spannungen bei, die sich in gewaltträchtigen Reaktionen entladen.
Mit Sorge beobachten wir, dass führende Persönlichkeiten aus dem Umfeld
Ihres Präsidenten immer offensiver den Europäern totalen Gehorsam
gegenüber Amerika abverlangen und erpresserisch jegliche Kritik aus
Europa mit Äußerungen wie "Europa braucht Amerika, Amerika braucht aber
Europa nicht" im Keim ersticken wollen. Die "uneingeschränkte
Solidarität" unserer und manch anderer europäischer Regierungen zu den
Vereinigten Staaten und ihre Bereitschaft, den Antiterror-Krieg
kritiklos mitzutragen,
wird hier von vielen Menschen als Entmündigung und Schwäche
empfunden. Die politische Klasse in Europa hat offensichtlich nicht
begriffen, dass sie mit ihrer Unterwürfigkeit gegenüber der
übermächtigen und einzigen Supermacht nicht nur eine perspektivlose
Politik macht, sondern auch noch für die Agitation rechtsradikaler
Kräfte ein günstiges Klima erzeugt. Zu unserem eigenen Bedauern haben
Regierungen der EU-Staaten bisher auch versäumt, eine eigenständige
EU-europäische Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik für den Nahen
und Mittleren Osten sowie für Zentralasien und für ihre Beziehungen zur
islamischen Welt zu entwickeln, die auf Kooperation, auf Unteilbarkeit
der Menschenwürde und der Menschenrechte beruht. Ja, es ist sogar zu
befürchten, dass sie auf Grund ihrer Konzeptionslosigkeit und trotz
ihrer Kritik letztlich auch bereit sein könnten, einen amerikanischen
Krieg gegen den Irak moralisch zu legitimieren oder gar aktiv
mitzutragen.
Als Besorgnis erregend empfinden viele von uns den wachsenden Einfluss
fundamentalistischer Kräfte in den Vereinigten Staaten auf die
politische Elite Ihres Landes, der unverkennbar auch vor dem Weißen Haus
nicht Halt macht. Die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, die
Stigmatisierung ganzer Staaten samt ihrer Bevölkerungen ist dazu
geeignet, rassistischen, nationalistischen und religiösen Fanatismus zu
schüren, die Menschen ihrer Fähigkeit zu differenzierter Wahrnehmung der
lebendigen Wirklichkeit und der Einsicht zu berauben, dass
Andersartigkeit und kulturelle Vielfalt kein Unglück, sondern ein Segen
für alle darstellen und dass das Wohlergehen auch der Mächtigsten dieser
Erde auf Dauer davon abhängt, dass die Welt als ein Ganzes gesehen wird,
dessen Reichtum und Schönheit in den Unterschieden besteht.
Fundamentalismus beginnt damit, die eigene Kultur als die einzig wahre,
einzig gute und schöne zu erklären. Fundamentalistische Reaktionen auf
reale Konflikte unserer Welt verschließen unsere Augen vor zivilen und
gewaltfreien Lösungen dieser Konflikte und setzen die Eskalation
zwischen Terrorismus und Krieg erst recht in Gang.
Mit Bestürzung haben wir von unseren amerikanischen Freunden und
Kolleginnen auch vernommen, dass Gelehrte und Journalisten unter Druck
gesetzt und als Verräter denunziert werden, wenn sie den Kriegskurs
ihrer Regierung kritisch betrachten oder ablehnen. Sorgen Sie dafür,
dass der Meinungspluralismus und die liberale Tradition in Ihrem Land
nicht unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung beeinträchtigt werden.
Helfen Sie mit, dem Vormarsch des fundamentalistischen Geistes in den
Vereinigten Staaten Einhalt zu gebieten. Die amerikanischen Werte, auf
die Sie sich mit Stolz beziehen, stehen auf dem Prüfstand.
Zur Bekämpfung der terroristischen Selbstmordattentate gibt es
sicherlich verschiedene Wege. Unsere Meinungen gehen darüber
auseinander. Wir alle sind jedoch zutiefst davon überzeugt, dass die
Achtung der Menschenwürde eine Grundvoraussetzung für alle Lösungswege
darstellt. Nur wenn weltweit und bei den ökonomisch und militärisch
schwächeren Nationen und Kulturkreisen die Auffassung einkehrt, dass der
Westen als der ökonomisch und militärisch mächtigste Kulturkreis es mit
der Universalität der Menschenwürde ernst meint, dass diese nicht eine
bloße Floskel ist, von der je nach Bedarf Gebrauch gemacht wird, nur
dann erhöht sich die Chance, dass terroristische Selbstmordattentate
nicht die beabsichtigte Resonanz erfahren, sondern in allen Ländern auf
vehemente Ablehnung stossen. Erst wenn die
Schwächeren dieser Welt sich in der Auffassung sicher wissen, dass kein
auch noch so mächtiger Staat ihre Würde verletzen, sie demütigen und
ihre Lebensbedingungen willkürlich beeinträchtigen wird, erst dann
schöpfen diese Menschen Kraft und Bereitschaft, ihre Augen und Herzen
für die moralischen Werte anderer Kulturen zu öffnen. Erst dann sind
auch die Voraussetzungen dafür gegeben, dass ein echter Dialog zwischen
den Kulturen in Gang kommt.
Wir brauchen moralisch begründete, weltweit akzeptable und allseits
geachtete gemeinsame Spielregeln im Zusammenleben der Menschen, welche
die Kooperation anstelle von Konfrontation in den Vordergrund rücken und
den durch die beschleunigte Veränderung der Lebenswelt und die ständig
wachsenden Gewaltpotentiale erzeugten Bedrohungsängsten sowie den daraus
resultierenden Sicherheitsbedürfnissen der Menschen den Boden entziehen.
Damit eröffnen sich Möglichkeiten, die vornehmlich auf wirtschaftliche
Belange orientierte Globalisierung gerechter zu gestalten, die weltweite
Armut wirksam anzugehen, gemeinsam die globalen Umweltrisiken zu
entschärfen, Konflikte mit friedlichen Mitteln zu meistern und eine
Weltkultur zu schaffen, die nicht in einer, sondern in sehr vielen
Sprachen reden kann.
Wir rufen Sie auf, über diese und andere Perspektiven für unser aller
Zukunft mit uns und mit den Intellektuellen aus anderen Teilen der Welt
in einen offenen Dialog einzutreten.
Presserechtlich verantwortlich: Hans Peter Dürr,
Mohssen Massarrat, Heiko Kauffmann,
Frank Uhe, c/o IPPNW, Körtestr. 10, 10967
Berlin
UnterzeichnerInnen:
Prof. Dr. Hans Ackermann, Marburg - Dr. Stephan Albrecht, Hamburg - Dr.
Franz Alt, Baden-Baden - Prof. Dr. Elmar Altvater, Berlin - Carl
Amery, München - Prof. Dr. Klaus J. Bade,
Osnabrück - Prof. Dr. Hans-Eckehard Bahr, Bochum - Franz J.
Bautz, München - Prof. Dr. Jörg Becker,
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Biesecker, Bremen - Michael
Bouteiller, Lübeck - Prof. Dr. Elmar
Brähler, Leipzig - Dr. Dieter
Bricke, Bergen - Dr. Nikolaus und
Nedialka Bubner,
Berlin - Annelie Buntenbach, Berlin - Prof. Dr. Andreas
Buro, Grävenwiesbach - Prof. Dr. Wolfgang
Däubler, Dusslingen - Gerhard
Diefenbach, Aachen - Hermann H. Dieter,
Trebbin-Blankensee - Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Hamburg - Tankred
Dorst, München - Prof. Dr. Dr. Hans-Peter
Dürr, München - Dr. Matthias Engelke, Trier
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Helmut Frenz, Hamburg - Prof. Dr. Georges
Fülgraff, Berlin - Prof. Dr. Bernhard
Glaeser, Berlin - Prof. Dr. Ulrich
Gottstein, Frankfurt - Dr. Franz-Theo Gottwald, München - Jürgen
Grässlin, Freiburg - Bernd Hahnfeld, Hamburg
- Dr. Dirk-Michael Harmsen, Karlsruhe -
Prof. Dr. Bodo Hambrecht, Berlin - Prof. Dr.
Heinz und Brigitte Häberle, Herrsching - Irmgard
Heilberger, Neuburg - Christoph Hein, Berlin - Prof. Dr. Peter
Hennicke, Wuppertal - Detlef
Hensche, Berlin - Prof. Dr. Wolfgang Hesse,
Marburg - Prof. Dr. Helmut Holzapfel, Kassel - Ina Hönninger, Weßling -
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Tübingen - Heiko Kauffmann, Meerbusch - Prof. Dr. Wolfgang Klein, Berlin
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Frauke Liesenborghs, München - Volker
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