Kein Gott außer Gott

Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg
Frankfurt am Main, Zürich, Wien
www.buechergilde.de
Mit freundlicher Genehmigung
des Verlags C. H. Beck, München
Für die deutsche Ausgabe:
© Verlag C. H. Beck oHG, München 2006
Satz: Fotosatz Janß, Pfungstadt
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier
(hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff)
Printed in Germany 2007
ISBN 978-3-7632-5765-2
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
No god but God. The Origins, Evolution, and Future of Islam
Copyright © 2005 by Reza Aslan
This translation is published by arrangement with Random House,
an imprint of Random House Publishing Group,
a division of Random House Inc.
Werbung auf der Buchrückseite: Die Geschichte des muslimischen Glaubens vom Propheten Mohammed bis zur Gegenwart - fesselnd, brillant und mit Leichtigkeit erzählt. Aber das Buch ist mehr als ein anschaulicher historischer Überblick: Aslan erklärt, warum der Islam gegenwärtig zwischen Traditionalisten und Reformern gespalten ist und tritt für eine islamische Aufklärung ein.
«Immer wieder wird der Leser durch Geschichten, Zitate, kleine Szenen verunsichert bis einem der Islam, der einem doch seit Jahren allabendlich in den Nachrichten begegnet, völlig staunenswert und fremdartig schillernd erscheint. Zugleich und fast nebenbei beantwortet das Buch allerdings auch die elementarsten Wissensfragen des nichtmuslimischen Durchschnittseuropäers 's (...)
»Kein Gott außer Gott«« ist eine perfekte Mischung aus Roman, Geschichtsbuch und Reiseliteratur, wie sie nur sehr selten gelingt.« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Reza Aslan
erzählt in diesem brillant geschriebenen Buch die Geschichte des
muslimischen Glaubens vom Propheten Muhammad bis zur Gegenwart. Dabei gelingt es
ihm meisterhaft, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln. Treffende
Geschichten, Beispiele und Portraits vermitteln einen höchst lebendigen Eindruck
von der ersten muslimischen Gemeinde in Medina, den Rivalitäten zwischen
Sunniten und Schiiten oder der islamischen Mystik. Aber das Buch ist mehr als
ein anschaulicher historischer Überblick: Aslan erklärt. warum der Islam
gegenwärtig zwischen Traditionalisten und Reformern gespalten ist und tritt für
eine islamische Aufklärung ein.
»Die Geschichten entfalten sich, als würde man sich einen Spielfilm ansehen. Wir
sehen, wie Mohammed von seinen ersten Visionen völlig verwirrt in die Arme
seiner älteren Frau sinkt, wie er fürchtet, den Verstand zu verlieren. Der
Streit unter seinen Nachfolgern liest sich wie ein Roman, der Untergang von
Husain wie eine klassische Sage. Das ist der Unterschied zu all den anderen
Sachbüchern über den Islam: Es liegt dem Autor etwas an der Sache, er ist ein
gläubiger Muslim, aber er hat keine nationalen oder ethnischen Standpunkte zu
verteidigen, keinen antiwestlichen Minderwertigkeitskomplex auszugleichen und
keine politische Agenda zu verkünden. Er betont vielmehr die Nähe der drei
monotheistischen Religionen und macht jene Elemente im Denken und Wirken des
Propheten deutlich, die genau diese Nähe zwischen Juden, Christen und Muslimen,
den Leuten des Buchs, unterstreichen.«
Reza Aslan, geboren in Iran, ist Islamwissenschaftler an der University of
California, Santa Barbara. In den USA ist er vor allem durch seine Beiträge für
große Zeitungen bekannt (New York
Times, Los Angeles Times, Washington Post und
andere).
Für seine wissenschaftliche und literarische Arbeit wurde er vielfach
ausgezeichnet.
Inhalt
PROLOG: Der Kampf der monotheistischen Religionen
1. DAS HEILIGTUM IN DER WÜSTE Das vorislamische Arabien
2. HÜTER DER SCHLÜSSEL Muhammad in Mekka
3. DIE STADT DES PROPHETEN Die ersten Muslime
4. KAMPF NACH DEM WILLEN GOTTES Der Dschihad
5. DIE RECHTGELEITETEN Die Nachfolger Muhammads
6. DIESE RELIGION IST EINE WISSENSCHAFT Theologie und Recht im Islam
7. IN DEN FUSSSTAPFEN VON MÄRTYRERN Vom Schiitentum zum Chomeinismus
8. FARBE DEINEN GEBETSTEPPICH MIT WEIN Der Weg der Sufis
9. EIN ERWACHEN IM OSTEN Die Antwort auf den Kolonialismus
10. DER LANGE WEG NACH MEDINA Die islamische Reformation
ANHANG
Dank • Anmerkungen
Literaturhinweise • Zeittafel
Glossar • Personenregister
Leseprobe aus dem letzten Kapitel: "DER LANGE WEG NACH MEDINA Die islamische Reformation "
«Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen», intoniert der
Iran-Air-Pilot, während unsere Maschine auf dem Mehrabad-Flughafen in Teheran
ausrollt. Unter den Passagieren macht sich nervöse Unruhe breit. Die Frauen
setzen sich gerade, rücken ihre Kopftücher zurecht und vergewissern sich, daß
ihre Hand- und Fußgelenke bedeckt sind, wie es der Anstand verlangt. Ihre
Ehemänner reiben sich den Schlaf aus den Augen und sammeln die Sachen ein, die
ihre Kinder im Gang verstreut haben.
Ich hebe den Kopf und schaue in die Gesichter, die ich seit unserem Abflug aus
London genau beobachtet habe. Sie gehören den jüngeren, alleinreisenden
Passagieren an Bord, Männer und Frauen Ende Zwanzig, Anfang Dreißig, genau wie
ich. Sie alle tragen schlecht sitzende Kleider, die aussehen wie aus dem
Secondhand-Laden - langärmelige Hemden, unförmige Hosen, schmucklose Kopftücher,
um möglichst keinen Anstoß zu erregen. Genau wie ich. In ihren Augen entdecke
ich dieselbe Besorgnis, die mich beherrscht. Eine Mischung aus Furcht und
Aufgeregtheit. Viele von uns besuchen zum ersten Mal das Land unserer Geburt,
das wir als Kinder nach der Revolution hatten verlassen müssen.
Vor einiger Zeit hat die iranische Regierung eine vorläufige Amnestie für alle
im Exil lebenden Iraner verkündet - eine riesige Diasporagemeinde, die Anfang
der achtziger Jahre nach Europa und in die Vereinigten Staaten emigrierte. Jeder
konnte in den Iran zurückkehren - besuchsweise, einmal pro Jahr und für
höchstens drei Monate -, ohne befürchten zu müssen, verhaftet oder zur
Ableistung des Militärdienstes gezwungen zu werden. Der Zuspruch war
überwältigend. Tausende junge Iraner strömten ins Land. Manche von ihnen kannten
den Iran nur aus den nostalgischen Erzählungen ihrer Eltern. Andere wie ich
waren zwar im Iran geboren, hatten dem Land aber als Kinder den Rücken kehren
müssen - zu jung, um selbständig zu entscheiden.
Wir gehen von Bord, hinaus in den dunstigen Frühmorgen. Es ist noch stockdunkel,
aber im Flughafen herrscht Hochbetrieb. An der Paßkontrolle drängen sich
Ankömmlinge aus Paris, Mailand, Berlin, Los Angeles. Warteschlangen gibt es
nicht. Babys schreien. Unerträglicher Gestank aus Schweiß und Zigarettenrauch
erfüllt die Luft. Ich bekomme Ellbogenstöße von allen Seiten. ... beklemmend lange Stunden später stehe ich endlich am Paßschalter. Ich
schiebe meinen Ausweis durch einen Schlitz in der Glasscheibe, hinter der ein
junger Mann mit bärtigem Kinn und kaputter Brille sitzt. Er blättert zerstreut
in meinem Paß, während ich meine vorbereiteten Antworten auf die Fragen, wer ich
bin und was ich hier will, im Geist rekapituliere.
«Was ist ihr Herkunftsland?» fragt der Beamte müde.
«Die Vereinigten Staaten», antworte ich.
Er richtet sich auf und sieht mich an. Wir sind gleich alt, auch wenn er mit
seinem müden Blick und dem unrasierten Kinn sehr viel älter wirkt. Er ist ein
Kind der Revolution. Ich bin ein Flüchtling - ein Abtrünniger. Er hat versucht,
jene Dekaden zu überleben, die ich nur aus der Ferne verfolgte. Plötzlich werde
ich von Gefühlen überwältigt. Ich kann ihm kaum in die Augen schauen, als die
Frage kommt: «Wo waren Sie?», die die Kontrollbeamten zu stellen verpflichtet
sind. Ich höre einen Vorwurf heraus...
Noch ein paar Sätze als Leseprobe aus obigem Kapitel:
... Wer behauptet, ein Staat sei nur dann islamisch, wenn die Souveränität in
der Hand Gottes liegt, plädiert letztlich dafür, daß diese Souveränität von der
Geistlichkeit ausgeübt wird. Da Religion per Definitionem Interpretation ist,
liegt in einem religiösen Staat die Souveränität bei denen, die die religiöse
Deutungshoheit innehaben. Gerade deshalb kann eine islamische Demokratie kein
religiöser Staat sein, andernfalls wäre er eine Oligarchie (Herrschaft der
wenigen) und keine Demokratie.
Von der Zeit des Propheten (Mohammed) über die Zeit der rechtgeleiteten Kalifen
(Nachfolger Mohammeds) bis hin zu den großen Reichen und Sultanaten (Sultan =
Herrscher, ein Titel seit dem 10./11. Jahrhundert insbesondere türkischen
Ursprungs) der muslimischen Welt war kein einziger Versuch, eine starre,
einheitliche Linie des islamischen Glaubens und der islamischen Praxis
durchzusetzen, von Erfolg gekrönt. Ja, bis zur Gründung der Islamischen Republik
Iran gab es kein islamisches Gemeinwesen, in dem eine einzelne Person das
Deutungsmonopol des Korans innehatte. Daher kann velayat-e faqib (?) in
einer islamischen Demokratie nur Statthalterschaft bedeuten. Nicht Herrschaft.
Was nicht heißt, daß religiöse Autoritäten keinen Einfluß auf den Staat hätten.
Chomeini mag recht damit haben, daß derjenige am besten qualifiziert ist, die
Religion zu interpretieren, der sich sein Leben lang mit ihr beschäftigt hat.
Doch dies kann nur - wie beim Papst in Rom - eine moralische, keine politische
Einflußnahme bedeuten. Die Funktion des Klerus in einer islamischen Demokratie
besteht nicht in der Ausübung der Herrschaft, sondern in der Bewahrung und - was
noch wichtiger ist - in der Widerspiegelung der moralischen Fundamente des
Staates. Und da nicht die Religion, sondern die Interpretation der Religion über
das befindet, was als moralisch zu gelten hat, muß diese Interpretation stets
durch den Konsens der Gemeinschaft erfolgen.
Einer islamischen Demokratie kann es letztlich nicht darum gehen,
Volkssouveränität mit göttlicher Souveränität in Einklang zu bringen; sie muß
bestrebt sein, «das Glück der Menschen mit der Billigung Gottes» in Einklang zu
bringen, um noch einmal Abdolkarim Soroush (?) zu zitieren. Und falls es
zwischen beiden zum Konflikt kommt, muß die Interpretation des Islams hinter die
demokratisch-politische Realität zurücktreten, nicht umgekehrt. So war es immer.
Von dem Augenblick an, als Gott dem Propheten das erste Wort der Offenbarung
übermittelte («Lies!»), entwickelte sich die Geschichte des Islams aus den
jeweiligen sozialen, kulturellen und politischen Lebenshintergründen derer, die
seine Geschichte erzählten. Heute ist eine neue Lesart notwendig.
Bemerkungen in ( ) von Walter Rath - Februar 2010