Geldgier
Bei Geld setzt der Verstand aus...
Hirnforscher untersuchen, was in Menschen vorgeht, die Geld bekommen, anlegen oder ausgeben - Emotion statt Logik
VON ULRICH KRAFT
Aus: MAGAZIN des Kölner Stadt-Anzeiger Nr. 286 vom 6:/7. Dezember 2008
Seit Großbanken kollabieren und Aktienkurse sich weltweit auf Talfahrt befinden,
laufen nicht nur in Politik- und Finanzkreisen die Drähte heiß. Auch bei Armin
Falk im Neuroeconomics Lab der Uni Bonn klingelt in letzter Zeit ziemlich oft
das Telefon. Dort untersucht der diplomierte Volkswirt, wie Menschen sich in
finanziellen Angelegenheiten verhalten. Allerdings nicht mit Computermodellen
und Fragebögen, den klassischen Werkzeugen der empirischen Wirtschaftsforschung.
Sondern mit der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT), einem
bildgebenden Verfahren, das an Hand der Sauerstoffversorgung sichtbar macht,
welche Regionen im Gehirn gerade besonders aktiv sind und welche nicht. In der
Hirnforschung gilt die fMRT als präziseste Methode zur Erkundung des
menschlichen Geistes. Die meisten seiner Anrufer muss Armin Falk aber
enttäuschen. Sie fragen nach den Gründen für die Finanzkrise. „Was an den
Finanzmärkten gerade passiert und warum, kann auch die Neuroökonomie nicht
definitiv erklären", sagt Falk. „Aber einige unserer Erkenntnisse könnten dabei
helfen, die Dinge, die gerade passieren, besser zu verstehen - und vielleicht
sogar künftig zu verhindern."
Erst seit wenigen Jahren ergründen Neurowissenschaftler, Okonomen und
Psychologen gemeinsam, was in den Köpfen vor sich geht, wenn Menschen Geld
bekommen, anlegen oder ausgeben. Schon jetzt zeichnet sich ab: Der Homo
oeconomicus muss wohl endgültig zu Grabe getragen werden. Dieses Ideal der
klassischen Wirtschaftswissenschaften ist ein Muster an Logik und entscheidet je
nach Marktsituation ganz rational, was zu tun ist, um das Optimum für sich
herauszuholen. Also etwa, ob er von seinen Ersparnissen eine Wohnung kauft, sie
in Hedge-Fonds investiert oder unter der Matratze versteckt. So weit die
Theorie. Doch die Forschungsergebnisse von Neurofinanzwissenschaftlern belegen
immer deutlicher: Sobald der schnöde Mammon ins Spiel kommt, ist es mit der
Vernunft nicht mehr weit her.
Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück (rechts) mit dem
EU-Währungskommissar Joaquin Almunia zur Bankenkrise
bei einem Treffen in Büssel am 2.12.08 (>hier< zu einem kurzen Artikel)
Denn
statt der, fürs rationale Denken zuständigen Hirnregionen übernehmen Areale
das Ruder, die für eher rudimentäre Dinge wie Triebbefriedigung und Emotionen
verantwortlich sind. „Um die Börse zu durchforsten, benutzen Menschen die selbe
neuronale Maschinerie, die sie früher benutzt haben, um in der Steppe nach
Nahrung zu suchen", berichtet Peter Bossaerts, Neuroökonom an der
Polytechnischen Universität Lausanne. Die Frage sei, ob dieses
entwicklungsgeschichtlich uralte System sich gut für finanzielle Entscheidungen
eigne. „Ich habe da meine Zweifel", sagt der Forscher.
Beweise gefällig? Angenommen, jemand bekommt pro Woche eine Summe X, die
ausreicht, um lebensnotwendige Dinge wie Kleidung und Essen zu erstehen.
Alternativ wird ihm die doppelte Summe angeboten, wobei sich gleichzeitig aber
sämtliche Preise verdoppeln. Welches Szenario wird er bevorzugen? Ist doch Jacke
wie Hose, werden selbst mäßig begabte Rechner jetzt sagen, schließlich bleibt
die reale Kaufkraft absolut identisch. Doch das Gehirn sieht das offenbar
anders, wie Armin Falk und sein Bonner Team jetzt in einer fMRT-Untersuchung
herausfanden.
So reagierten bestimmte Teile des Belohnungssystems auf den doppelten Betrag mit
einer deutlich stärkeren Aktivierung als auf die eigentlich ebenso „wertvolle"
Ausgangssumme. „Durch die gesteigerte Belohnungsaktivität verschafft der höhere
nominale Wert mehr Befriedigung", fasst Falk die noch nicht veröffentlichten
Ergebnisse zusammen. „Deshalb haben unsere Probanden bei gleicher Kaufkraft das
Gefühl, besser dran zu sein, wenn sie mehr Geld bekommen."
Spätestens seit Brian Knutson vor einigen Jahren eine Reihe von Freiwilligen in
den Magnetresonanztomografen schob, stehen die Belohnungsareale im Fokus der
Neuroökonomen. Dabei wollte der Hirnforscher von der Stanford University
eigentlich untersuchen, was intensivste Emotionen unter der Schädeldecke
bewirken. Also zeigte Knutson seinen Probanden Fotos von Nackten und sogar von
geköpften Leichen.
Doch die Reaktionen verblassten verglichen mit dem, was geschah, als er den
Leuten Bargeld anbot. Wie wild geworden feuerten jetzt die Neuronen im Nucleus
accumbens. Diese Region gehört zum neuronalen Belohnungsnetzwerk, dessen Aufgabe
darin besteht, dafür zu sorgen, dass wir unsere Grundbedürfnisse befriedigen. So
elementare Dinge wie Essen und Sex führen dort zur Freisetzung des Botenstoffs
Dopamin, der uns Wohlbefinden und intensive Glücksgefühle beschert.
Allein die Tatsache, dass bedruckte Scheine diese Areale anregen, widerlegt eine
weitere These der traditionellen Ökonomie. Sie lautet: Geld allein macht nicht
glücklich. Sondern höchstens die vielen schönen Sachen, die der Konsument sich
davon kauft. Dass Dollar, Euro & Co unmittelbare Befriedigung verschaffen,
überrascht auch Neuroökonom Armin Falk. „Dass etwas so Neues wie Geld in einem
alten, archaischen Bereich und nicht im rationalen Teil des Gehirns eine so
unmittelbare physiologische Wirkung hat, erstaunt schon", meint der 40-Jährige.
„Offenbar assoziieren wir Geld so sehr mit Bedürfnisbefriedigung, dass es quasi
eins ist."
Weitere Experimente aus der Neurofinanzwissenschaft zeigen: Es ist vor allem die
Aussicht auf einen monetären Gewinn, die das dopaminerge Belohnungsnetzwerk
anregt. Je höher die Summe, die auf dem Spiel steht, umso aktiver sind dort die
Nervenzellen. Offenbar ist die Gier aufs Geld stärker ins Gehirn einprogrammiert
als das Geld selbst. Und je mehr es zu holen gibt, desto größer ist auch die
Gier. Somit scheint ein Vorwurf, der seit Beginn der Finanzkrise schon oft
geäußert wurde, zumindest neurophysiologisch nicht ganz unbegründet. Stecken die
Scheine erst einmal im Portemonnaie, übernehmen höher entwickelte Hirnregionen
das Zepter - etwa der präfrontale Kortex, der als der Sitz der Vernunft gilt.
Doch das liebe Geld will ja auch wieder investiert werden. Dann kommt der Bereich der Neuroökonomie ins Spiel, mit dem sich Peter Bossaerts beschäftigt: die Risikoabschätzung. „Das Risiko beeinflusst Investmententscheidungen in entgegengesetzter Weise zur erwarteten Belohnung", sagt der gebürtige Belgier. „Obwohl Menschen dafür bezahlen, den möglichen Gewinn zu maximieren, zahlen sie auch dafür, die Risiken zu minimieren." Bossaerts möchte die Hirnregionen identifizieren, die das Risikoverhalten von Anlegern und Börsenmaklern lenken.
Ein „Risikoabschätzungsareal" hat er gemeinsam mit Forschem vom Caltech in
Pasadena bereits gefunden - mit einem Spielkartenexperiment, das der 48-Jährige
oft einsetzt. Dabei wird eine Karte nach der anderen aufgedeckt. Liegt der Wert
der nachfolgenden Karte höher, gibt es einen Dollar. Aber nur, wenn die
Versuchsperson nach dem Aufdecken einer Karte tatsächlich riskiert, auf die
nächste zu setzen. Da die Gewinnchancen sich je nach Wert der aufgedeckten Karte
ändern, muss das Risiko immer wieder neu berechnet werden.
Hirnscans zeigten: Unterliefen den Probanden Fehler bei der Risikoabschätzung, ging das mit einer frühzeitigen Aktivierung der anterioren Insula einher. Dort werden Emotionen integriert und zum präfrontalen Kortex geschickt, dem Teil des Gehirns, der Handlungsentscheidungen fällt. Sowohl positive wie Zufriedenheit und Euphorie, als auch negative wie Ekel und Angst. „Emotionen beeinflussen die Risikoabschätzung - und aus Sicht der Evolution ist das auch sinnvoll", sagt Bossaerts. „Angst ist ja kein schlechter Ratgeber, wenn man einen Dschungel durchstreift, in dem es Tiger gibt." Doch an den Märkten erweise sich diese Verbindung mitunter als fatal. Wegen des Angstreflexes würden Anleger auf Verluste überreagieren, anstatt das Risiko nüchtern abzuwägen.
Den Hauptgrund dafür, dass unser Verstand beim Geld oft aussetzt, sieht Peter
Bossaerts aber darin, dass „finanzielle Risiken extrem schwer vorherzusagen
sind, sehr viel schwerer als natürliche". Letztere folgen der berühmten
Gauß'schen Normalverteilung. Das heißt, starke Ausschläge von der Norm sind die
absolute Ausnahme. Als Beispiel nennt der Forscher Erdbeben. Wenn eine
Population lange in einem Erdbebengebiet lebt, weiß sie, dass es kein Grund ist,
in Panik zu verfallen, wenn die Erde ein bisschen wackelt. Passiert schließlich
ständig. Natürlich kann der kleine Rumpler auch der Vorbote eines schweren
Bebens sein, doch die Erfahrung zeigt - das ist extrem selten.
„Die Lebensbedingungen des Menschen waren immer riskant", erklärt Bossaerts.
„Sie haben unser Gehirn so geformt, dass wir mit diesen Risiken leben und
überleben können." Ein Anpassungsprozess, der sich über die gesamte Entwicklung
des Homo sapiens erstreckt. Das sind mehrere hunderttausend Jahre.
Wertpapierbörsen gibt es seit etwas über einem halben Jahrhundert. Anders als in
der Natur ist dort das Risiko auch nicht normalverteilt.
Würde man die Gaußkurve auf die Aktienmärkte übertragen, so Peter Bossaerts,
dürften derart extreme Ausschläge wie im Moment so gut wie nie vorkommen.
Tatsächlich gab es zuletzt aber alle zehn Jahre einen größeren Crash. Und wenn
die Kurse einbrechen, können selbst Börsengurus nicht absehen, was am nächsten
Tag passiert. Geht es wieder nach oben? Oder vielleicht doch nochmal fünf
Prozent nach unten? Solche Prognosen, das beweist die Realität, sind meist
ähnlich zuverlässig wie Kaffeesatzleserei.
Warum? Weil es für uns Menschen lange gar nicht notwendig war, solche Risiken,
wie sie die Finanzmärkte bieten, einzuschätzen, meint der Neuroökonom. „Dort
müssen wir mit einer Art Risiko umgehen, das unser Gehirn vielleicht einfach
nicht verstehen kann." Wie so vieles in seinem jungen Forschungsgebiet sei das
bislang nur eine Vermutung. Doch Bossaerts glaubt, dass die Erkenntnisse der
Neuroökonomie helfen könnten, „Wege zu finden, die Finanzmärkte ein wenig zu
schützen, sie dazu zu bringen, in Zukunft besser Entscheidungen zu fällen". Dass
das Not tut, wird auch ein klassischer Ökonom nicht bezweifeln.