Buch: S. Freud: "Der Mann Moses und die monotheistische Religion"
Zuvor eine kurze Geschichte: In Syrien hatten sich ein Deutscher und ein Syrer - beide Physiker und kompromißlose Glaubensgegner - vorgenommen, eine urchristlichen Kirche zu besichtigen. Nach dem Öffnen der Kirchentür knickte der Syrer ein und deutete eine Bekreuzigung an, schaute seinen Freud an, errötete und murmelte "Mon dieu, ...Pawlow". Später, wieder in der freien Luft diskutierten sie die von "Iwan Petrowitsch" herausgefundenen psychologischen Erkenntnisse über seinen berühmten "bedingten Reflex" sowie seiner "Erforschung des Lernens durch Konditionierung". Der syrische Naturwissenschaftler war griechisch orthodox (katholisch) aufgewachsen bzw. erzogen und "konditioniert" worden, also mit dem anerzogenen "bedingten Reflex" ausgestattet worden. Der deutsche Kollege, noch im "Dritten Reich" aufgewachsen, "hört", selbst nach dem Erklingen der bundesdeutschen dritten Strophe der Nationalhymne das martialisch (heißt auf Latein: "zum Kriegsgott Mars gehörig") zu brüllende Lied: "Die Fahne hoch! Die Reihen dichte geschlossen..." und muß es jedesmal bewußt belächeln.
Auch der Ausruf "Mon dieu" (mein Gott) ist bei Glaubensgegner als fast unausweichlicher Reflex zu werten.
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ZWANGSHANDLUNGEN UND
RELIGIONSÜBUNGEN
vg1. Löwenfeld: Die psychischen Zwangserscheinungen, 1904.
Ich bin gewiß-nicht der erste, dem die Ähnlichkeit der
sogenannten Zwangshandlungen Nervöser mit den Verrichtungen aufgefallen ist,
durch welche der Gläubige seine Frömmigkeit bezeugt. Der Name »Zeremoniell«
bürgt mir dafür, mit dem man gewisse dieser Zwangshandlungen belegt hat. Doch
scheint mir diese Ähnlichkeit eine mehr als oberflächliche zu sein, so daß man
aus einer Einsicht in die Entstehung des neurotischen Zeremoniells.
Analogieschlüsse auf die seelischen Vorgänge des religiösen Lebens wagen dürfte.
Die Leute, die Zwangshandlungen oder Zeremoniell ausüben, gehören nebst jenen,
die an Zwangsdenken, Zwangsvorstellungen, Zwangsimpulsen u. dgl. leiden, zu
einer besonderen klinischen Einheit, für deren Affektion der Name
»Zwangsneurose« gebräuchlich ist. Man möge aber nicht versuchen, die Eigenart
dieses Leidens aus seinem Namen abzuleiten, denn strenggenommen haben
andersartige krankhafte Seelenerscheinungen den gleichen Anspruch auf den
sogenannten »Zwangscharakter«. An Stelle einer Definition muß derzeit noch die
Detailkenntnis dieser Zustände treten, da es bisher nicht gelungen ist, das
wahrscheinlich tief liegende Kriterium der Zwangsneurose aufzuzeigen, dessen
Vorhandensein man doch in ihren Äußerungen allenthalben zu spüren vermeint. Das
neurotische Zeremoniell besteht in kleinen Verrichtungen, Zutaten,
Einschränkungen, Anordnungen, die bei gewissen Handlungen des täglichen Lebens
in immer gleicher oder gesetzmäßig abgeänderter Weise vollzogen werden. Diese
Tätigkeiten machen uns den Eindruck von bloßen »Formalitäten«; sie erscheinen
uns völlig bedeutungslos. Nicht anders erscheinen sie dem Kranken selbst, und
doch ist er unfähig, sie zu unterlassen, denn jede Abweichung von dem
Zeremoniell straft sich durch unerträgliche
Angst, die sofort die Nachholung des Unterlassenen erzwingt. Ebenso kleinlich
wie die Zeremoniehandlungen selbst sind die Anlässe und Tätigkeiten, welche
durch das Zeremoniell verziert, erschwert und jedenfalls auch verzögert werden,
z. B. das Ankleiden und Auskleiden, das Zubettegehen, die Befriedigung der
körperlichen Bedürfnisse. Man kann die Ausübung eines Zeremoniells beschreiben,
indem man es gleichsam durch eine Reihe ungeschriebener Gesetze ersetzt, also z.
B. für das Bettzeremoniell: der Sessel muß in solcher, bestimmter Stellung vor
dem Bette stehen, auf ihm die Kleider in gewisser Ordnung gefaltet liegen; die
Bettdecke muß am Fußende eingesteckt sein, das Bettuch glatt gestrichen; die
Polster müssen so und so verteilt liegen, der Körper selbst in einer genau
bestimmten Lage sein; dann erst darf man einschlafen. In leichten Fällen sieht
das Zeremoniell so der Übertreibung einer gewohnten und berechtigten Ordnung
gleich. Aber die besondere Gewissenhaftigkeit der Ausführung und die Angst bei
der Unterlassung kennzeichnen das Zeremoniell als »heilige Handlung«. Störungen
derselben werden meist schlecht vertragen; die Öffentlichkeit, die Gegenwart
anderer Personen während der Vollziehung ist fast immer ausgeschlossen.
Zu Zwangshandlungen im weiteren Sinne können alle beliebigen Tätigkeiten werden,
wenn sie durch kleine Zutaten verziert, durch Pausen und Wiederholungen
rhythmiert werden. Eine scharfe Abgrenzung des »Zeremoniells« von den
»Zwangshandlungen« wird man zu finden nicht erwarten. Meist sind die
Zwangshandlungen aus Zeremoniell hervorgegangen. Neben diesen beiden bilden den
Inhalt des Leidens Verbote und Verhinderungen (Abulien d.h. krankhafter Zustand
der Willen- oder Entschlusslosigkeit), die ja eigentlich das Werk der
Zwangshandlungen nur fortsetzen, indem dem Kranken einiges überhaupt nicht
erlaubt ist, anderes nur unter Befolgung eines vorgeschriebenen Zeremoniells.
Merkwürdig ist, daß Zwang wie Verbote (das eine tun müssen, das andere nicht tun
dürfen) anfänglich nur die einsamen Tätigkeiten der Menschen betreffen und deren
soziales Verhalten lange Zeit unbeeinträchtigt lassen; daher können solche
Kranke ihr Leiden durch viele Jahre als ihre Privatsache behandeln und
verbergen. Auch leiden viel mehr Personen an solchen Formen der Zwangsneurose,
als den Ärzten bekannt wird. Das Verbergen wird ferner vielen Kranken durch den
Umstand erleichtert, daß sie sehr wohl imstande sind, über einen Teil des Tages
ihre sozialen Pflichten zu erfüllen, nachdem sie eine Anzahl von Stunden in
melusinenhafter Abgeschiedenheit ihrem geheimnisvollen Tun gewidmet haben. Es
ist leicht einzusehen, worin die Ähnlichkeit des neurotischen Zeremoniells mit
den heiligen Handlungen des religiösen Ritus gelegen ist, in der Gewissensangst
bei der Unterlassung, in der vollen Isolierung von allem anderen Tun (Verbot der
Störung) und in der Gewissenhaftigkeit der Ausführung im kleinen. Aber ebenso
augenfällig sind die Unterscheidungen, von denen einige so grell sind, daß sie
den Vergleich zu einem sakrilegischen werden, lassen. Die größere individuelle
Mannigfaltigkeit der Zeremoniellhandlungen im Gegensatze zur Stereotypie des
Ritus (Gebet, Proskinesis usw.), der Privatcharakter derselben im Gegensatze zur
Öffentlichkeit und Gemeinsamkeit der Religionsübung; vor allem aber der eine
Unterschied, daß die kleinen Zutaten des religiösen Zeremoniells sinnvoll und
symbolisch gemeint sind, während die des neurotischen läppisch und sinnlos
erscheinen. Die Zwangsneurose liefert hier ein halb komisches, halb trauriges
Zerrbild einer Privatreligion. Indes wird gerade dieser einschneidendste
Unterschied zwischen neurotischem und religiösem Zeremoniell beseitigt, wenn man
mit Hilfe der psychoanalytischen Untersuchungstechnik zum Verständnis der
Zwangshandlungen durchdringt.2 Bei dieser Untersuchung wird der Anschein, als ob
Zwangshandlungen läppisch und sinnlos wären, gründlich zerstört und die
Begründung dieses Scheines aufgedeckt. Man erfährt, daß die Zwangshandlungen
durchwegs und in all ihren Einzelheiten sinnvoll sind, im Dienste von
bedeutsamen Interessen der Persönlichkeit stehen und fortwirkende Erlebnisse
sowie affektbesetzte Gedanken derselben zum Ausdrucke bringen. Sie tun dies in
zweierlei Art, entweder als direkte oder als symbolische Darstellungen; sie sind
demnach entweder historisch oder symbolisch zu deuten.
Einige Beispiele, die diese Behauptung erläutern sollen, darf ich mir hier wohl
nicht ersparen. Wer mit den Ergebnissen der psychoanalytischen Forschung bei den
Psychoneurosen vertraut ist, wird nicht überrascht sein zu hören, daß das durch
die Zwangshandlungen oder das Zeremoniell Dargestellte sich aus dem intimsten,
meist aus dem sexuellen Erleben der Betroffenen ableitet:
a) Ein Mädchen meiner Beobachtung stand unter dem Zwange, nach dem Waschen die
Waschschüssel mehrmals herumzuschwenken. Die Bedeutung dieser
Zeremoniellhandlung lag in dem sprichwörtlichen Sätze: Man soll schmutziges
Wasser nicht ausgießen, ehe man reines hat. Die Handlung war dazu bestimmt, ihre
geliebte Schwester zu mahnen und zurückzuhalten, daß sie sich von ihrem
unerfreulichen Manne nicht eher scheiden lasse, als bis sie eine Beziehung zu
einem besseren angeknüpft habe.
b) Eine von ihrem Manne getrennt lebende Frau folgte beim Essen dem Zwange, das
Beste stehen zu lassen, z. B. von einem Stück gebratenen Fleisch nur die Ränder
zu genießen. Dieser Verzicht erklärte sich durch das Datum seiner Entstehung. Er
war am Tage aufgetreten, nachdem sie ihrem Manne den ehelichen Verkehr
gekündigt, d. h. aufs Beste verzichtet hatte.
c) Dieselbe Patientin konnte eigentlich nur auf einem einzigen Sessel sitzen und
konnte sich nur mit Schwierigkeit von ihm erheben. Der Sessel symbolisierte ihr
mit Beziehung auf bestimmte Details ihres Ehelebens den Mann, dem sie die Treue
hielt. Sie fand zur Aufklärung ihres Zwanges den Satz: »Man trennt sich so
schwer von einem (Manne, Sessel), auf dem man einmal gesessen ist.«
d) Sie pflegte eine Zeit hindurch eine besonders auffällige und sinnlose
Zwangshandlung zu wiederholen. Sie lief dann aus ihrem Zimmer in ein anderes, in
dessen Mitte ein Tisch stand, rückte die auf ihm liegende Tischdecke in gewisser
Art zurecht, schellte dem Stubenmädchen, das an den Tisch herantreten mußte, und
entließ sie wieder mit einem gleichgültigen Auftrag. Bei den Bemühungen, diesen
Zwang aufzuklären, fiel ihr ein, daß die betreffende Tischdecke an einer Stelle
einen mißfarbigen Fleck hatte, und daß sie jedesmal die Decke so legte, daß der
Fleck dem Stubenmädchen in die Augen fallen mußte. Das Ganze war dann eine
Reproduktion eines Erlebnisses aus ihrer Ehe, welches ihren Gedanken später ein
Problem zu lösen gegeben hatte. Ihr Mann war in der Brautnacht von einem nicht
ungewöhnlichen Mißgeschick befallen worden. Er fand sich impotent und »kam viele
Male im Laufe der Nacht aus seinem Zimmer in ihres gerannt«, um den Versuch, ob
es nicht doch gelänge, zu wiederholen. Am Morgen äußerte er, er müsse sich ja
vor dem Hotelstubenmädchen schämen, welches die Betten in Ordnung bringen werde,
ergriff darum ein Fläschchen mit roter Tinte und goß dessen Inhalt über das
Bettuch aus, aber so ungeschickt, daß der rote Fleck an einer für seine Absicht
sehr ungeeigneten Stelle zustande kam. Sie spielte also Braumacht mit jener
Zwangshandlung. »Tisch und Bett« machen zusammen die Ehe aus.
e) Wenn sie den Zwang angenommen hatte, die Nummer jeder Geldnote zu notieren,
ehe sie dieselbe aus ihren Händen gab, so war dies gleichfalls historisch
aufzuklären. Zur Zeit, als sie sich noch mit der Absicht trug, ihren Mann zu
verlassen, wenn sie einen anderen, vertrauenswürdigeren fände, ließ sie sich in
einem Badeorte die höflichen Bemühungen eines Herrn gefallen, über dessen
Bereitschaft, Ernst zu machen, sie doch im Zweifel blieb. Eines Tages um
Kleingeld verlegen, bat sie ihn, ihr ein Fünfkronenstück zu wechseln. Er tat es,
steckte das große Geldstück ein und äußerte galant, er gedenke sich von diesem
nie wieder zu trennen, da es durch ihre Hand, gegangen sei. Bei späterem
Beisammensein. war sie nun oft in Versuchung, ihn aufzufordern, er möge ihr das
Fünfkronenstück vorzeigen, gleichsam um sich so zu überzeugen, ob sie seinen
Huldigungen Glauben schenken dürfe. Sie unterließ es aber mit der guten
Begründung,. daß man gleichwertige Münzen nicht voneinander unterscheiden könne.
Der Zweifel
blieb also ungelöst; er hinterließ ihr den Zwang, die Nummern der Geldnoten,
durch welche jede einzelne von allen ihr gleichwertigen individuell
unterschieden ist, zu notieren. Diese wenigen Beispiele, aus der Fülle meiner
Erfahrung herausgehoben, sollen nur den Satz, daß alles an den Zwangshandlungen
sinnvoll und deutbar ist, erläutern. Das gleiche gilt für das eigentliche
Zeremoniell, nur daß hier der Beweis umständlichere Mitteilung erfordern würde.
Ich verkenne es keineswegs, wie sehr wir uns bei den Aufklärungen der
Zwangshandlungen vom Gedankenkreise der Religion zu entfernen scheinen.
Es gehört zu den Bedingungen des Krankseins, daß die dem Zwange folgende Person
ihn ausübe, ohne seine Bedeutung - wenigstens seine Hauptbedeutung - zu kennen.
Erst durch die Bemühung der psychoanalytischen Therapie wird ihr der Sinn der
Zwangshandlung und damit die zu ihr treibenden Motive bewußt gemacht. Wir
sprechen diesen bedeutsamen Sachverhalt in den Worten aus, daß die
Zwangshandlung unbewußten Motiven und Vorstellungen zum Ausdruck diene. Darin
scheint nun ein neuerlicher Unterschied gegen die Religionsübung zu liegen; aber
man muß daran denken, daß auch der einzelne Fromme in der Regel das religiöse
Zeremoniell ausübt, ohne nach dessen Bedeutung zu fragen, während allerdings der
Priester und der Forscher mit dem meist symbolischen Sinn des Ritus bekannt sein
mögen. Die Motive, die zur Religionsübung drängen, sind aber allen Gläubigen
unbekannt oder werden in ihrem Bewußtsein durch vorgeschobene Motive vertreten.
Die Analyse der Zwangshandlungen hat uns bereits eine Art von Einsicht in die
Verursachung derselben und in die Verkettung der für sie maßgebenden Motive
ermöglicht. Man kann sagen, der an Zwang und Verboten Leidende benimmt sich so,
als stehe er unter der Herrschaft eines Schuldbewußtseins, von dem er allerdings
nichts weiß, eines unbewußten Schuldbewußtseins also, wie man es ausdrücken muß
mit Hinwegsetzung über das Sträuben der hier zusammentreffenden Worte. Dies
Schuldbewußtsein hat seine Quelle in gewissen frühzeitigen Seelenvorgängen,
findet aber eine beständige Auffrischung in der bei jedem rezenten Anlaß
erneuerten Versuchung und läßt anderseits eine immer lauernde Erwartungsangst,
Unheilserwartung, entstehen, die durch den Begriff der Bestrafung an die innere
Wahrnehmung der Versuchung geknüpft ist. Zu Beginn der Zeremoniellbildung wird
dem Kranken noch bewußt, daß er dies oder jenes tun müsse, sonst werde Unheil
geschehen, und in der Regel wird die Art des zu erwartenden Unheils noch seinem
Bewußtsein genannt. Der jedesmal nachweisbare Zusammenhang zwischen dem Anlasse,
bei dem die Erwartungsangst auftritt, und dem Inhalte, mit dem sie droht, ist
dem Kranken bereits verhüllt. Das Zeremoniell beginnt so als Abwehr- oder
Versicherungshandlung, Schutzmaßregel.
Dem Schuldbewußtsein der Zwangsneurotiker entspricht die Beteuerung der Frommen,
sie wüßten, daß sie im Herzen arge Sünder seien; den Wert von Abwehr- und
Schutzmaßregeln scheinen die frommen Übungen (Gebete, Anrufungen usw.) zu haben,
mit denen sie jede Tätigkeit des Tages und zumal jede außergewöhnliche
Unternehmung einleiten.
Einen tieferen Einblick in den Mechanismus der Zwangsneurose gewinnt man, wenn
man die ihr zugrunde liegende erste Tatsache in Würdigung zieht: diese ist
allemal die Verdrängung einer Triebregung (einer Komponente des Sexualtriebes),
welche in der Konstitution der Person enthalten war, im kindlichen Leben
derselben sich eine Weile äußern durfte und darauf der Unterdrückung verfiel.
Eine spezielle, auf die Ziele dieses Triebes gerichtete Gewissenhaftigkeit wird
bei der Verdrängung desselben geschaffen, aber diese psychische Reaktionsbildung
fühlt sich nicht sicher, sondern von dem im Unbewußten lauernden Triebe
beständig bedroht. Der Einfluß des verdrängten Triebes wird, als Versuchung
empfunden, beim Prozeß der Verdrängung selbst entsteht die Angst, die sich als
Erwartungsangst der Zukunft bemächtigt. Der Verdrängungsprozeß, der zur
Zwangsneurose führt, ist als ein unvollkommen gelungener zu bezeichnen, der
immer mehr zu mißlingen droht. Er ist daher einem nicht abzuschließenden
Konflikt zu vergleichen; es werden immer neue psychische Anstrengungen
erfordert, um dem konstanten Andrängen des Triebes das Gleichgewicht zu halten.
Die Zeremoniell- und Zwangshandlungen entstehen so teils zur Abwehr der
Versuchung, teils zum Schutze gegen das erwartete Unheil. Gegen die Versuchung
scheinen die Schutzhandlungen bald nicht auszureichen; es treten dann die
Verbote auf, welche die Situation der Versuchung ferne legen sollen. Verbote
ersetzen Zwangshandlungen, wie man sieht, ebenso wie eine Phobie den
hysterischen Anfall zu ersparen bestimmt ist. Anderseits stellt das Zeremoniell
die Summe der Bedingungen dar, unter denen anderes, noch nicht absolut
Verbotenes erlaubt ist, ganz ähnlich wie das kirchliche Ehezeremoniell dem
Frommen die Gestattung des sonst sündhaften Sexualgenusses bedeutet. Zum
Charakter der Zwangsneurose wie aller ähnlichen Affektionen gehört noch, daß
ihre Äußerungen (Symptome, darunter auch die Zwangshandlungen) die Bedingung
eines Kompromisses zwischen den streitenden seelischen Mächten erfüllen. Sie
bringen also auch immer etwas von der Lust wieder, die sie zu verhüten bestimmt
sind, dienen dem verdrängten
Triebe nicht minder als den ihn verdrängenden Instanzen. ja, mit dem
Fortschritte der Krankheit nähern sich die ursprünglich eher die Abwehr
besorgenden Handlungen immer mehr den verpönten Aktionen an, durch welche sich
der Trieb in der Kindheit äußern durfte.
Von diesen Verhältnissen wäre etwa folgendes auch auf dem Gebiete des religiösen
Lebens wiederzufinden: Auch der Religionsbildung scheint die Unterdrückung, der
Verzicht auf gewisse Triebregungen zugrunde zu liegen; es sind aber nicht wie
bei der Neurose ausschließlich sexuelle Komponenten, . sondern eigensüchtige,
sozialschädliche Triebe, denen übrigens ein sexueller Beitrag meist nicht
versagt ist. Das Schuldbewußtsein in der Folge der nicht erlöschenden
Versuchung, die Erwartungsangst als Angst vor göttlichen Strafen sind uns ja auf
religiösem Gebiete früher bekannt geworden als auf dem der Neurose. Vielleicht
wegen der beigemengten sexuellen Komponenten, vielleicht infolge allgemeiner
Eigenschaften der Triebe erweist sich die Triebunterdrückung auch im religiösen
Leben als eine unzureichende und nicht abschließbare. Volle Rückfälle in die
Sünde sind beim Frommen sogar häufiger als beim Neurotiker und begründen eine
neue Art von religiösen Betätigungen, die Bußhandlungen, zu denen man in der
Zwangsneurose die Gegenstücke findet. Einen eigentümlichen und entwürdigenden
Charakter der Zwangsneurose sahen wir darin, daß das Zeremoniell sich an kleine
Handlungen des täglichen Lebens anschließt und sich in läppischen Vorschriften
und Einschränkungen derselben äußert. Man versteht diesen auffälligen Zug in der
Gestaltung des Krankheitsbildes erst, wenn man erfährt, daß der Mechanismus der
psychischen Verschiebung, den ich zuerst bei der Traumbildung3 aufgefunden, die
seelischen Vorgänge der Zwangsneurose beherrscht. In den wenigen Beispielen von
Zwangshandlungen ist bereits ersichtlich, wie durch eine Verschiebung vom
Eigentlichen, Bedeutsamen, auf ein ersetzendes Kleines, z. B. vom Mann auf den
Sessel, die Symbolik und das Detail der Ausführung zustande kommen. Diese
Neigung zur Verschiebung ist es, die das Bild der Krankheitserscheinungen immer
weiter abändert und es endlich dahin bringt, das scheinbar Geringfügigste zum
Wichtigsten und Dringendsten zu machen. Es ist nicht zu verkennen, daß auf dem
religiösen Gebiete eine ähnliche Neigung zur Verschiebung des psychischen
Wertes, und zwar in gleichem Sinne, besteht, so daß allmählich das kleinliche
Zeremoniell der Religionsübung zum Wesentlichen wird, welches deren
Gedankeninhalt beiseite gedrängt hat. Darum unterliegen die Religionen auch
ruckweise einsetzenden Reformen, welche das dem Zwang der Menschheitsgeschichte
-, welche Anteile dieser Triebregungen aufgenommen, weitergebildet oder ihnen
selbst höhere Ziele zugewiesen haben, auf jeden Fall aber sie durch feste
Verknüpfungen binden und mit ihren Triebkräften nach ihren eigenen Absichten
walten. Einen anderen Anteil derselben elementaren Triebregungen hat aber diese
höhere Organisation, die uns als das Ich bekannt ist, als unbrauchbar von sich
gewiesen, weil sie sich in die organische Einheit des Individuums nicht fügen
konnten oder weil sie sich gegen die kulturellen Ziele desselben sträubten. Das
Ich ist nicht imstande, diese ihm nicht unterworfenen seelischen Mächte
auszurotten, aber es wendet sich von ihnen ab, beläßt sie auf dem primitivsten
psychologischen Niveau, schützt sich gegen ihre Ansprüche durch energische
Schutz- und Gegensatzbildungen oder sucht sich durch Ersatzbefriedigungen mit
ihnen abzufinden. Ungebändigt und unzerstörbar, doch an jeder Betätigung
gehemmt, bilden diese der Verdrängung verfallenen Triebe und ihre primitive
seelische Repräsentanz die seelische Unterwelt, den Kern des eigentlich
Unbewußten, stets bereit, ihre Ansprüche geltend zu machen und auf jedem Umweg
zur Befriedigung vorzudringen. Daher die Labilität des stolzen psychischen
Oberbaus, der nächtliche Vorstoß des Verpönten und Verdrängten im Traume, die
Eignung, an Neurosen und Psychosen zu erkranken, sobald sich das
Kräfteverhältnis zwischen dem Ich und dem Verdrängten zuungunsten des Ichs
verschiebt.
Die nächste Überlegung mußte sagen, daß eine solche Auffassung vom Leben der
menschlichen Seele unmöglich auf das Gebiet des Traumes und der nervösen
Erkrankungen eingeschränkt werden konnte. Wenn sie etwas Richtiges getroffen
hatte, so mußte sie auch für das normale seelische Geschehen zutreffend sein,
und selbst die höchsten Leistungen des Menschengeistes mußten eine Beziehung zu
den in der Pathologie erkannten Momenten, zur Verdrängung, zu den Bemühungen um
die Bewältigung des Unbewußten, zu den Befriedigungsmöglichkeiten der primitiven
Triebe erkennen lassen. Es wurde von da an eine unwiderstehliche Versuchung, ein
wissenschaftliches Gebot, die Untersuchungsmethoden der Psychoanalyse weit weg
von ihrem Mutterboden auf die mannigfaltigsten Geisteswissenschaften anzuwenden.
Ja selbst die psychoanalytische Arbeit an den Kranken mahnte unaufhörlich an
diese neue Aufgabe, denn es war unverkennbar, daß die einzelnen Formen der
Neurose die stärksten Anklänge an die höchstwertigen Schöpfungen unserer Kultur
vernehmen ließen. Der Hysteriker ist ein unzweifelhafter Dichter, wenngleich er
seine Phantasien im wesentlichen mimisch und ohne Rücksicht auf das Verständnis
der anderen darstellt; das Zeremoniell und die Verbote des Zwangsneurotikers
nötigen uns zum Urteil, er habe sich eine Privatreligion geschaffen, und selbst
die Wahnbildungen der Paranoiker zeigen eine unerwünschte äußere Ähnlichkeit und
innere Verwandtschaft mit den Systemen unserer Philosophen. Man kann sich des
Eindruckes nicht erwehren, daß hier Kranke in asozialer Weise doch dieselben
Versuche zur Lösung ihrer Konflikte und Beschwichtigung ihrer drängenden
Bedürfnisse unternehmen, die Dichtung, Religion und Philosophie heißen, wenn sie
in einer für eine Mehrzahl verbindlichen Weise ausgeführt werden. O. Rank und H.
Sachs haben 19-13 in einer überaus gedankenreichen Schrift (»Die Bedeutung der
Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften«) zusammengestellt, welche
Ergebnisse die Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften bis
dahin geliefert hatte. Mythologie, Literatur- und Religionsgeschichte scheinen
die am leichtesten zugänglichen Gebiete zu sein. Für den Mythos ist die
endgültige Formel, welche ihm seinen Platz in solchem Zusammenhange anweist,
noch nicht gefunden. In einem großen Buche über den Inzestkomplex hat Otto Rank'
den überraschenden Nachweis erbracht, daß die Stoffwahl insbesondere der
dramatischen Dichtung vorwiegend durch den Umfang des von der Psychoanalyse so
genannten Ödipus-Komplexes bestimmt wird, durch dessen Bearbeitung in den
mannigfachsten Abänderungen, Entstellungen und Verhüllungen der Dichter sein
eigenes, persönliches Verhältnis zu diesem affektiven Thema zu erledigen sucht.
Der Ödipus-Komplex, d. i. die affektive Einstellung zur Familie, im engeren
Sinne zu Vater und Mutter, ist jener Stoff, an dessen Bewältigung der einzelne
Neurotiker scheitert, und der darum regelmäßig den Kern seiner Neurose bildet.
Er verdankt aber seine Bedeutung keineswegs einem uns unverständlichen
Zusammentreffen, sondern die biologischen Tatsachen der langen Unselbständigkeit
und langsamen Reifung des jungen Menschen, sowie des komplizierten
Entwicklungsganges seiner Liebesfähigkeit drücken sich in dieser Betonung des
Verhältnisses zu den Eltern aus und haben zur Folge, daß die Überwindung des
Ödipus-Komplexes mit der zweckmäßigsten Bewältigung der archaischen,
animalischenErbschaft des Menschen zusammenfällt. In dieser sind zwar alle
Kräfte enthalten, welche für die spätere Kulturentwicklung des einzelnen
benötigt werden, aber sie müssen erst aus gesondert und verarbeitet werden. So
wie es der einzelne Mensch mitbringt, ist dieses archaische Erbgut für die
Zwecke des sozialen Kulturlebens nicht zu brauchen. Es bedarf eines Schrittes
weiter, um den Ausgangspunkt für die psychoanalytische Betrachtung des
religiösen Lebens zu finden. Was heute für den einzelnen Erbgut ist, das war
einmal vor einer langen Reihe von Generationen, die es einander übertragen
haben, Neuerwerb. Auch der Ödipus-Komplex kann also eine Entwicklungsgeschichte
haben und das Studium der Prähistorie kann dazu führen, diese zu erraten. Die
Forschung nimmt an, daß das menschliche Familienleben sich in entlegenen
Urzeiten ganz anders gestaltet hatte, als wir es heute kennen, und bestätigt
diese Vermutung durch Befunde bei den heute lebenden Primitiven. Unterzieht man
das prähistorische und ethnologische Material darüber einer psychoanalytischen
Bearbeitung, so stellt sich ein unerwartet präzises Ergebnis heraus: daß
Gottvater dereinst leibhaftig auf Erden gewandelt und als Häuptling der
Urmenschenhorde seine Herrschermacht gebraucht hat, bis ihn seine Söhne im
Vereine erschlugen. Ferner, daß durch die Wirkung dieser befreienden Untat und
in der Reaktion auf dieselbe die ersten sozialen Bindungen entstanden, die
grundlegenden moralischen Beschränkungen und die älteste Form einer Religion,
der Totemismus. Daß aber auch die späteren Religionen von demselben Inhalt
erfüllt und bemüht sind, einerseits die Spuren jenes Verbrechens zu verwischen
oder es zu sühnen, indem sie andere Lösungen für den Kampf zwischen Vater und
Söhnen einsetzen, anderseits aber nicht umhinkönnen, die Beseitigung des Vaters
von neuem zu wiederholen. Dabei läßt sich auch im Mythus der Nachhall jenes, die
ganze Menschheitsentwicklung riesengroß überschattenden Ereignisses erkennen.
Diese auf den Einsichten von Robertson Smith fußende, von mir in Totem und Tabu
1912 entwickelte Hypothese hat Th. Reik seinen Studien über Probleme der
Religionspsychologie zugrunde gelegt, von denen hier der erste Band ausgegeben
wird. Der psychoanalytischen Technik getreu gehen diese Arbeiten von bisher
unverstandenen Einzelheiten des religiösen Lebens aus, um durch deren Aufklärung
Aufschluß über die tiefsten Voraussetzungen und letzten Ziele der Religionen zu
gewinnen, und behalten die Beziehung zwischen dem Urzeitlichen und dem heutigen
Primitiven sowie den Zusammenhang kultureller Leistung mit neurotischer
Ersatzbildung •unverrückt im Auge. Im übrigen darf auf die Einleitung des
Verfassers verwiesen und die Erwartung ausgesprochen werden, daß sein Werk sich
der Beachtung Fachkundiger selbst empfehlen wird.