Es grüsst ein wütender Antichrist
>Hier<: Gott ist eifersüchtig, kleinlich, ungerecht, nachtragender
ein Überwachungsfanatiker, rachsüchtig, blutrünstig,
rassistisch, der Kinder und Völker mordend...
Gregor Keuschnig
über Richard Dawkins Kampfschrift »Der Gotteswahn«
"Der Gotteswahn" ist ein
Missionierungsversuch, eine Kampfschrift wider alles und allem, was in
irgendeiner Form mit Transzendenz in Verbindung gebracht werden kann. Der
rationalistische Furor des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins ist
eine Mischung zwischen krudem Weltverbesserungspathos, der Paranoia frommer
Exorzisten, die überall nur noch Besessene sehen, die von ihrer Krankheit zu
heilen sind und einem archaisch-jakobinischem Moralverständnis. Der
monotheistischen Chauvinismus speziell des Christentums hat es ihm angetan
(früh werden Konfuzianismus und Buddhismus ausgeklammert; sie werden flugs als
ethische Systeme eingeordnet) und sein Bildersturm für einen radikalen
Atheismus nimmt im Laufe des Buches wahrhaft kulturrevolutionärere Züge an
(verflacht dann allerdings auf den letzten 50 Seiten).
Religion ist eine "psychiatrische Krankheit"
Es ist eigentlich ganz einfach. Zunächst einmal wird der Atheismus als
tapferes, grossartiges Ziel ausgegeben. Dann verweigert Dawkins ausdrücklich
und dezidiert den religiösen Gefühlen von Menschen seinen Respekt – vermutlich,
um historische Ungerechtigkeiten ein für allemal auszugleichen (der
bewusstseinserweiternde Feminismus der 68er ist da sein "Lehrmeister").
Eigentlich also ein Vorgehen, welches dem freimütig bekannten Zweck der
Bekehrung zuwiderläuft, denn gemeinhin gewinnt man einen Menschen für eine Idee
nicht dadurch, in dem man seine bisherigen Überzeugungen in den Dreck zieht.
Nachdem dann Albert Einstein und – etwas später -Thomas Jefferson als
Gesinnungsgenossen vereinnahmt wurden (bei Jefferson unterschlägt Dawkins
allerdings dessen Bewunderung dem Neuen Testament gegenüber, welches in der
sogenannten "Jefferson Bible" mündete) geht es dann los: Religion ist eine
psychiatrische Krankheit, ein Virus, sie entsteht durch
Fehlfunktionen einzelner Gehirnmodule; ihre Verfechter sind sehr viel dümmer
als Atheisten (gläubige Katholiken haben – immer noch nach Dawkins – eine
unterdurchschnittliche Intelligenz).
Die Theologie selber ist gar kein Forschungsgegenstand, da Gott eh nicht
existiert (ein Schluss, der den Autor für den Rest des Buches entbindet, sich
mit kritischen religionswissenschaftlichen Stimmen auseinanderzusetzen; eine
"Seele", die den Körper überdauert, existiert ebenfalls nicht. Ein besonderes
Anliegen ist ihm die religiöse Indoktrination von Kindern und er
behauptet, der durch sexuellen Missbrauch erzeugte psychische Schaden, sei
nachweislich geringer als der, den eine katholische Erziehung anrichte. Und
ein Beispiel für das Unheil, welches Religionen heute noch anrichten, erkennt er
im islamischen Dschihadismus, in dem er die Aktionen der Selbstmordattentäter
als aus der Religion abgeleitete Imperative behauptet.
Umfrage per E-Mail
In Anbetracht dessen, dass Dawkins ein Wissenschaftler ist, sind seine
Methoden – gelinde gesagt - reichlich merkwürdig. Als er beispielsweise beweisen
will, dass Hochschulgelehrte in Grossbritannien im Verhältnis zur Bevölkerung
überdurchschnittlich atheistisch eingestellt sind (also ein indirekter weiterer
Nachweis für die These, dass religiöse Menschen unintelligent sind),
zitiert er eine Studie, die wie folgt ablief: Befragt wurden 1074 Fellows der
Royal Society, die eine E-Mail-Adresse besassen (die grosse Mehrheit), und von
diesen antworteten ungefähr 23 Prozent (was für eine solche Untersuchung eine
gute Quote ist). Das Resultat: Nur 3,3 Prozent der Fellows äusserten zu
der Aussage, es gebe einen persönlichen Gott eine starke Zustimmung […], 78,8
Prozent dagegen lehnten sie völlig ab…. Scheinbar beeindruckend.
Aber das Ergebnis ist vollkommen wertlos und überhaupt nicht repräsentativ.
Zunächst wurden offensichtlich nur die Fellows mit E-Mail-Adresse befragt – ein
fragwürdiges Auswahlkriterium. Desweiteren bleibt Dawkins schuldig, wie hoch die
"kleine Minderheit" ist, die keine E-Mail-Adresse hat. Und dann ist die
Beteiligung von 23% viel zu niedrig, um einen Schluss auf die "Frömmigkeit" in
der gesamten "Royal Society" zu ziehen. Unerwähnt bleibt auch noch, ob die
Erhebung "neutral" durchgeführt wurde, oder ob die beiden Befrager (Cornwell und
Stirrat) in Erscheinung getreten sind (also den Befragten die "Intention" der
Anfrage durchaus hätte bekannt sein können). Und nicht erwähnt wird auch, ob die
Antworten der Fellows anonymisiert wurden oder schlicht mit dem "Antwort"-Button
erfolgten.
Induktive Schlüsse, Verallgemeinerungen, Behauptungen,
Widersprüche
Dawkins arbeitet mit Vorliebe mit induktiven Schlüssen, die er dann als
Beweise ausgibt. Beispielsweise belegt er die eigentlich schockierende
Behauptung, die religiöse Erziehung von Kindern wäre dem sexuellen Missbrauch
gleichzustellen, mit genau zwei Quellen: Zum ersten den Brief einer Frau, die
einmal als Kind von einem Priester im Auto gestreichelt wurde und zum
zweiten mit der Mail einer anderen Frau, die heute ihre religiöse Erziehung
nachträglich als Martyrium empfindet.
Manchmal vollzieht er reichlich sprunghafte Assoziationen. Etwa, wenn er Thomas
Jefferson als Atheist darstellen will, aus Christopher Hitchens
Jefferson-Biographie zitierend: Als seine Tage zur Neige gingen, schrieb
Jefferson mehr als einmal an Freunde, er sehe seinem bevorstehenden Ende weder
mit Hoffnung noch mit Furcht entgegen. Zweifellos eine interessante Aussage,
die mit den gängigen Dogmen des Christentums nicht direkt in Verbindung zu
bringen sind. Um so verblüffender dennoch der Schluss: Das war das Gleiche,
als hätte er unmissverständlich erklärt, dass er kein Christ war. Übrigens
kein Problem für den Jünger des ethischen Zeitgeistes schnell noch
Immanuel Kant Atheismus zuzuschreiben, Huxleys doppeldeutige Äusserungen wissend
als Atheismus zu interpretieren und Adolf Hitler zum (vielleicht) gläubigen
Christen zu machen (mit einigen Goebbels-Zitate und ein bisschen "Mein Kampf").
Letzteres, damit nicht böse Menschen Stalin und Hitler zu Repräsentanten der
Handlungen von Atheisten machen können (so hilflos "wehrt" sich Dawkins gegen
eine lächerliche Schlussfolgerung – anstatt einfach den Fehlschluss offenzulegen).
Und dann widerspricht sich Dawkins gelegentlich in seinem Übereifer, etwa wenn
er einerseits zugibt, viele benutzten Religion als Etikett, um ihre
Zwecke durchzusetzen aber später dann den Dschihadismus direkt aus dem Koran
ableitet. Oder er begeht ausdrücklich nicht den Weg, dem Christentum die ganzen
Verbrechen der letzten zweitausend Jahre gebetsmühlenartig (!) vorzuwerfen
(Kreuzzüge; Missionierungen; Eroberungen; Inquisition), weil es ja grausame und
böse Menschen in jedem Jahrhundert gegeben habe – um dann irgendwann wieder auf
die unheilvolle Christengeschichte im Namen der Bibel hinzuweisen.
Manchmal schreibt er schlichtweg Unsinn, etwa wenn er Altruismus im Tierreich
laufend mit Symbiose verwechselt oder die amerikanischen Gründerväter beleglos
als Säkularisten bezeichnet (andere Quellen sagen exakt das Gegenteil –
wie wäre es, Mr. Dawkins, dies mal wissenschaftlich zu klären?) oder behauptet
Dualisten interpretieren geistige Krankheiten bereitwillig als
"Teufelsbesessenheit". Vom Islam hat Dawkins offensichtlich überhaupt keine
Kenntnisse – einmal spricht er von der allgemein üblichen Interpretation des
Islam [sic!]. Von einem Autor über Religion erwarte ich als
Mindestkriterium, dass er weiss, dass es so etwas gar nicht gibt.
Nichtexistenzbeweise
Natürlich ist Religion auch als Stifter für ethische und moralische Fragen
untauglich. Dawkins begründet dies für das Christentum hauptsächlich mit der
Blutrünstigkeit des Gottes des Alten Testaments (das Opfer Abrahams wird
ausführlich behandelt), die sich auch in einigen Teilen im Neuen Testament
fortsetzt (gemeint ist hauptsächlich die Erbsünde; aber ein paar freundliche
Worte zur Bergpredigt findet er dennoch). Mit spürbarer Lust an der Verspottung
des Gegenstands greift Dawkins einige Erzählungen des Alten Testaments heraus,
die exemplarisch für seine These stehen. Dabei rennt er – was ihm offensichtlich
unbekannt ist – offene Türen en masse ein, aber die Dekonstruktion dieser
tatsächlich furchtbaren Texte macht ihm einfach zuviel Spass, während der Leser
ob der Redundanzen schon ein bisschen gelangweilt ist.
Eine Moral basierend auf diesen launisch-boshaften Tyrannen namens "Gott"
ist für Dawkins schlichtweg unmöglich zu begründen. Soweit mag man ihm ja
durchaus folgen. Hieraus zieht er jedoch den Schluss, dass die Kirche ihre
Kompetenz in diesen Fragen für alle Zeiten und vollständig eingebüsst hat.
Moraltheologen wie beispielsweise Hans Küng, die versuchen, eine allgemein
gültige Weltethik aus den monotheistischen Religionen zu destillieren, kennt
Dawkins natürlich nicht (seine Literaturliste enthält fast ausschliesslich
englischsprachige Publikationen, die mehrheitlich seiner Linie folgen).
Warum er bei einem derart eindeutigen Resultat für die Gefährlichkeit und
Nutzlosigkeit von Religion überhaupt noch den Beweis der Nichtexistenz Gottes
vornimmt, bleibt sein Geheimnis. Dieser Abschnitt, welchen er als einer seiner
Kernkapitel sieht, gehört zum schwächsten des Buches. Die These Gott
existiert nicht, da es kein Lebewesen gibt, welches ausserhalb eines
Evolutionsprozesses steht ist in seiner Substanzlosigkeit vielen sogenannten
Gottesbeweisen ebenbürtig. Den Einwand, dass Gott als "Begründer" der Evolution
gesehen werden würde, kontert Dawkins mit einem lustigen Einfall: Wenn es Gott
gäbe, dann müsste es ein Wesen geben, welches diesen Gott erschaffen hat. Und
dann eines, welchen den Vater Gottes erschuf, usw. In dem er diese Regression
ins Unendliche treibt, versucht er zu beweisen, dass es deshalb keinen Gott
geben kann. Diese These ist selbst für einen Ungläubigen einfach zu widerlegen,
in dem er (mit Kant) Gott als ein "Ding an sich" (ein "möglicher Gedanke")
"sieht", welches der Kausalität (die nur für die "Welt der Erscheinungen" gilt)
entzogen ist.
Von den "Zellhaufen" und "Kaulquappen"
Beim Thema Abtreibung läuft Dawkins zu Hochform auf. Zunächst einmal stellt er
fest, dass viele Personen, die für ein radikales Abtreibungsverbot plädieren
gleichzeitig Befürworter der Todesstrafe für Kapitalverbrechen sind (er bezieht
sich hier auf die USA und nennt natürlich als prominentestes Beispiel George W.
Bush). Aber statt diesen interessanten Zusammenhang detailliert zu
durchleuchten, dient das natürlich ausschliesslich als Munition gegen Religion.
Fatalerweise glaubt der Autor mit effekthascherischer Wortwahl noch mehr
erreichen zu können. Zunächst wird Mutter Teresa als
scheinheilig-heuchlerisch tituliert (weil sie eine andere Meinung als er
vertritt) und dann werden menschliche Embryos (Kaulquappen) mit Kühen in
einem Schlachthaus verglichen (letztere würden bei der Schlachtung mehr leiden
als Embryos, wenn diese vor Entwicklung des Nervensystems abgetrieben würden).
Und überhaupt sei das anthropozentrische Weltbild sowieso schädlich (er fordert
keine Sonderrechte mehr für die menschliche Spezies) und das primitive
Schwarz-Weiss-Bild funktioniert auch bei diesem Thema aufgrund der strikt
selektiven Wahrnehmung wunderbar:
Religiöse Ethiker diskutieren häufig über Fragen wie die, wann ein Embryo zu
einer Person wird, also zu einem menschlichen Wesen. Säkulare Ethiker dagegen
fragen eher: "Ganz gleich, ob es ein Mensch ist (was
bedeutet das bei einem
kleinen Zellhaufen überhaupt?) – von welchem Entwicklungsstadium an ist ein
Embryo jeder beliebigen Tierart in der Lage, zu
leiden?
Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn – wer seine Thesen nicht übernimmt, ist ein
"Religiöser" (Agnostiker finden am Anfang des Buches nur zögernd einen gewissen
Respekt; im Grunde betrachtet er sie als Weicheier). Und man stellt
altbekanntes auch bei Dawkins fest: Eine Person bestimmt ex cathedra, wer der
Abtrünnige, der Häretiker ist, und wer der Verkünder des neuen, ethischen
Zeitgeistes.
Worum es wirklich geht
Atheisten haben keinen Glauben postuliert Dawkins – und ernennt flugs die
natürliche Selektion, die unsichtbare Hand (Hand?) der Evolution
zur unumstösslichen Tatsache. Für Dawkins ist das nicht bloss
wissenschaftliches Axiom, sondern ein Faktum (vom Gödelschen
Unvollständigkeitssatz hat er scheinbar noch nie etwas gehört). Evolution und
religiöser Glauben sind für ihn nicht vereinbar. Damit begibt er sich in
seltsamer Übereinstimmung mit den Kreationisten, die er so vehement bekämpft.
Und dieser "Kampf" bildet der wahre Hintergrund für dieses Buch. Dawkins zitiert
den Genetiker Jerry Coyne:
Für Wissenschaftler wie Dawkins und Wilson [E. O. Wilson, den berühmten
Biologen der Harvard University] tobt der wahre Krieg zwischen Rationalismus und
Aberglauben. Naturwissenschaft ist eine Form des Rationalismus, und Religion ist
die am weitesten verbreitete Form des Aberglaubens. Der Kreationismus ist nur
ein Symptom dessen, was sie als ihren grösseren Feind ansehen: die Religion.
Zwar kann Religion ohne Kreationismus existieren, aber einen Kreationismus ohne
Religion gibt es nicht. (Hervorhebung von mir)
"Der Gotteswahn" ist nur auf Basis dieses Zitats zu verstehen. Dawkins sind die
kreationistischen Umtriebe in den USA, die auch immer mehr nach Europa
überschwappen, zutiefst zuwider (in Deutschland wird das Phänomen,
obwohl es erste Anzeichen gibt, noch weitgehend unterschätzt). Indem
Kreationisten (die amerikanischen Taliban) durch ihr dogmatisches
Behaupten der Wörtlichkeit der Bibel elementarste naturwissenschaftliche
Forschungsergebnisse ad absurdum führen und eine eigene, krude Moral aus ihrer
Exegese schöpfen, greifen sie das Primat der Naturwissenschaften an. Vermutlich
überziehen sie Dawkins' "Lebenswerk" mit ähnlich unflätigen Texten, so dass sich
dieser zum Befreiungsschlag genötigt sieht (Christopher Hitchens ist ein anderer
Protagonist dieser vehementen Religionskritik). Ein-, zweimal verbeisst sich
Dawkins geradezu in Texten des (kreationistischen) "Wachtturms", und man fragt
sich, warum ein Naturwissenschaftler sich in derartige Niederungen begibt. Statt
sich in einzelne Formulierungen einer Wochen- oder Monatsschrift zu verlieren,
hätte vielleicht eine etwas detaillierte Betrachtung der unterschiedlichen
Bewegungen und ihrer inzwischen gesellschaftspolitischen Verstrickungen gut
getan. Aber feines Argumentieren und Ausarbeiten ist Dawkins' Sache nicht; er
ist ein Uhrmacher, der mit Axt und Vorschlaghammer reparieren möchte.
Chemotherapie gegen Kreationisten
Da die Religion gemäss obiger These die Basis für kreationistisches Gedankengut
darstellt, ist es Dawkins weder möglich, eine Diversifizierung von Religion und
Gottesglauben vorzunehmen, noch eine Religionsinterpretation in Betracht zu
ziehen, welche die Evolutionstheorie inkorporiert und versucht, eine Synthese
zwischen Naturwissenschaft und Glauben zu schaffen (Vorreiter dieses Strebens,
wie den deutschen Religionsphilosophen Karl Rahner, hat er wohl nicht gelesen).
Dawkins kennt – und wiederum gibt es Ähnlichkeiten zwischen ihm und denjenigen,
die er bekämpft – nur die Dichotomie "gut" oder "böse". Kreationisten sind böse
und – und hierin liegt der zweite Grund für Dawkins' Erregung – nicht nur
dogmatische Bibelinterpreten, die sektenartig das Land mit falschen Lehren
überziehen. Sie streben insbesondere - zusammen mit den Evangelikalen – nach
gesellschaftlichem und politischem Einfluss, ja: Macht. Dawkins ist ein Anhänger
des westlichen Universalismus und warnt in diesem Zusammenhang vor einer
Zerstörung des (demokratischen) Wertesystems unter anderem durch falsch
verstandene Toleranz denjenigen gegenüber, die das Falsche verbreiten. Er nimmt
da ausdrücklich den Islam nicht aus, wobei sein Islam-Bashing begrenzt ist und
immer im Kontext mit dem eigentlichen Feindbild, dem Christentum, gesehen werden
muss (das Judentum wird nur mit zwei, drei despektierlichen Bemerkungen
"bedacht" [man ahnt, warum]; Scientology hält er einer einzigen Bemerkung für
eine Religion, die intelligent gestaltet sei – eine Ausnahme, wie
Dawkins schreibt, ohne diese Einlassung zu präzisieren).
Vor diesem Hintergrund spielt sich dieser Kulturkampf ab: Dawkins sieht die
Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht im fortgeschrittenen Stadium einer
Krebskrankheit. Sein Buch ist somit eine Therapie, in der dann auch
Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen sind (in dem man beispielsweise den gesamten
gemässigten oder gar progressiven Klerus verprellt). Und um Europa (und sein
Heimatland Grossbritannien) hiervor zu beschützen, verordnet er eine radikale,
neoadjuvante Chemotherapie. Man sieht in der Ferne den moralischen Impetus und
den guten Willen (den hatten die Jakobiner sicherlich auch am Anfang) – aber
viel Wohlwollen zerstört Dawkins durch seinen abstossenden Rigorismus.
Es grüsst ein wütender Antichrist, der unfähig ist, beispielsweise eine Synthese
zwischen den feinen Denkstrukturen des Existentialismus und der von ihm als
Gegenbild postulierten Naturwissenschaft fortzuschreiben. (Weshalb ich den
Existentialismus immer vorziehe.) Ein unbedingter Rechthaber, der keinen
Tabubruch scheut, um Aufmerksamkeit zu erheischen; ein Zwangsprovokateur. Die
Verwunderung über die Vorwürfe seiner schrillen Sprache im Nachwort klingt dabei
wie Heuchelei. Von "nüchternem Nachdenken", welches er sich selber attestiert,
ist er meilenweit entfernt.
Hundenasen und die Schönheit von Schrödingers Katze
Dawkins entwickelt keine neue Ideologie als Religionssurrogat. Einmal zitiert er
irgendwelche neuen zehn Gebote (das 10. Gebot lautet: Stelle alles
infrage) – und gibt wenig später zu, nur den ersten Googletreffer
wiedergegeben zu haben; es hätte enorm viele, andere "Angebote" gegeben. Ihm
reicht eigentlich die Schönheit der Naturwissenschaft als Ersatz für das
religiöse Denken. Seine Bekehrung hin zu diesem Denken fallen eher ungelenk aus.
Da wird die Schönheit des Modells von Schrödingers Katze und der "Viele-Welten-Theorie"
postuliert oder das Geruchsvermögen von Hunden gepriesen. Oder man könnte mal
"Per Anhalter durch die Galaxis" lesen. Und natürlich die Beschwörung der
bewusstseinserweiternden natürlichen Selektion (wobei Dawkins vielleicht
einigen
Irrtümern in der Interpretation Darwins aufsitzt). Und obschon für Dawkins
Religion und Religionsgefühle nur evolutionäre Nebenprodukte darstellen, die als
religiöse Ideen überleben, weil sie sich mit anderen Memen vertragen (Meme
sind Dawkins Erfindung – es sind, vereinfacht gesagt, kulturelle
Verhaltensweisen, analog zum Gen, allerdings nicht stofflicher Natur) und in
Memplexen, also einem imaginären Korb kultureller Tradierungen, Überreste
darstellen (diese Hypothese überzeugt nicht richtig), scheint er zu ahnen, dass
seine Gegenwelten wenig attraktiv sind, denn hier ermattet sein einst so
vehementer Furor.
Die Attraktiviät religiöser Strukturen
Bei aller Kritik an seiner Sprache und der unreflektierten Hingabe
naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen gegenüber – zwei wesentliche Gründe
für das scheinbar unvertilgbare Verlangen vieler Menschen nach Transzendentalem
hat Dawkins schlichtweg vergessen: Zum einen sind Religionen
Gemeinschaftsstifter, und zwar notfalls über alle physischen Grenzen hinweg
(zweifellos mit der Gefahr, auch ausgrenzend zu wirken). Ein wichtiger Punkt,
der sich im Christentum in der "Gemeinde" zeigt, oder im Islam in der "Umma",
die über das religiöse hinaus auch soziale Funktionen übernimmt. In dieser
Gemeinschaft wird – unter anderem, aber immer irgendwie präsent - die
Ungeheuerlichkeit der Todestatsache aufgearbeitet: Die Gläubigen wollen sich
nicht mit dem geborgten Dasein abfinden. Man mag das Lebens als zwecklos
bezeichnen – und dies mag ja durchaus richtig sein (wer vermag es zu sagen?) -,
aber diese Perspektive ist offensichtlich für viele Menschen nicht besonders
verlockend.
Der andere Punkt, der in Dawkins Theoriegerüst keinen Eingang gefunden hat, und
der die weltweite Zunahme nach religiösem Überbau teilweise erklärt, liegt in
der zunehmenden Verunsicherung, welche die pluralistisch-kapitalistische Welt
bietet. Viele sehnen sich einerseits nach Freiheit und Glück – aber erfahren
schnell, dass die Glücksversprechen (materieller und ideeller Natur) schwierig
zu erreichen sind. Parallel hierzu empfinden viele einen diffusen, von der Masse
erzeugten Druck, diese Glücksversprechen erfüllen zu müssen. Sie sehen sich in
einem Konformitätszwang, der aber - bei Einhaltung der Normen – letztlich
trotzdem überhaupt kein Sicherheitsnetz bietet; im Gegenteil: man steigert u. U.
die Abhängigkeit fremdbestimmter Entscheidungen, denn nichts ist mehr sicher.
In dieser, von vielen als vage Bedrohung empfundenen Situation, wächst nicht nur
der Hang zu hierarchischen politischen Entscheidungen (die "einfache" Lösungen
anbieten), sondern auch die Bereitschaft sich mit einem irgendwie gearteten
transzendentalen Netz zu umgeben, an das beispielsweise grundlegende
"Entscheidungen" oder sogar das Scheitern delegiert werden können. Das ist ein
Grund, der für den immer noch steigenden Zulauf hin zur Esoterik oder Sekten (im
westlichen Kulturraum) oder eine der "grossen" Religionen führt (insbesondere
des Islam). Hier ist in de Regel eine einfache, gradlinige Struktur, die vor der
Komplexität der Aussenwelt schützt oder mindestens Antworten gibt. Und hier
greift wieder der obige Punkt: Statt lauter individualisierte Konformisten (nur
scheinbar ein Widerspruch), die einem imaginären und unsicheren Glück
hinterherjagen, bringt man sich ein in eine Gemeinschaft, die eindeutige
Paradigmen postuliert und klare Ziele hat. Religion als Reaktion wider die
zunehmend empfundene Komplexität der globalisierten und "unsicherer" gewordenen
Welt (zu beobachten insbesondere am "Boom" nach dem Zusammenbruch des
Kommunismus in den osteuropäischen Staaten).
Man mag dies verurteilen oder die Menschen, die so reagieren, beschimpfen, in
dem man sie für dumm erklärt. Aber gelöst hat man das Problem damit nicht.
Gregor Keuschnig
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Original-Zitate aus dem Buch
"Der Gotteswahn".
Aus: http://www.glanzundelend.de/startseite.htm
Es wäre in Ordnung, wenn Dawkins die Gottesvorstellung des Alten Testamentes als primitiv ablehnt. Aber diese Vokabel benutzt er nicht, sondern bezeichnet Gott als „die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur" (S. 45). Nun, unangenehm ist subjektiv und unterschreitet die Grenze einer objektiven Abhandlung. Aber es geht noch weiter: Jahwe sei „eifersüchtig - und noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger, ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann." (S. 45) Ist (z.B.) eklig eine Vokabel der Biologie? Der Philosophie? Oder der Demagogie?
Eine Bewertung von jemandem, nicht weiter genannt, aus der "karl-leisner-jugend" (bei Google oder sonstwo suchen!)