Kindheitstrauma

 

aus dem Roman

"Tagebuch eines Selbstmörders"

(von Walter Rath)

 

In diesem Auszug aus obigem Buch erzählt Franz, ein schweizerischer Student, seinem afrikanischen Mischlings-Freund Michel in einem Strandhotel an der Ostküste von Kenia seine frühkindlichen sexuellen Probleme:

 

 

„Erzähl' mir aus deiner Kindheit, von deinem Elternhaus“, unterbrach ich {der afrikanische Mischling} unser Schweigen.

Franz seufzte hörbar, schien zu überlegen und sagte zögernd: „Eigentlich kein so erfreuliches Thema. Ich habe meine Kindheit in unangenehmer Erinnerung.“

Er schwieg eine Weile. Dann fuhr er ausweichend fort: „Ich habe, äh, ich meine, äh, es fällt mir nicht leicht, darüber zu sprechen.“ Er verstummte wieder.

„Vielleicht tut es dir gut“, ermunterte ich ihn, „doch darüber zu sprechen, was es auch immer sein mag, und ich lerne dich besser kennen und verstehen.“

„Nun gut“, seufzte er und holte tief Luft.

Nach einer Pause begann er: „So ist das eben. Plötzlich bist du auf dieser Welt, tust den ersten Schrei über den Schock, der dir versetzt wird, wenn deine Mutter dich aus ihrer Wärme entläßt, aus der Geborgenheit, in der du dich unbewußt fühltest, und dem ruhigen Dahindämmern auspreßt, dich entlassen muß, um wieder bereit zu werden für die Schöpfung eines neuen Lebens. Du spürst den ersten Schmerz, wenn Ärzte und Hebammen dich mit Zangen zwicken und zwacken und dir kräftig eins auf den Arsch geben, damit du dir den Schleim aus dem Hals schreist. Du und nicht ein anderer war entstanden, als ein bestimmtes Spermchen deines Vaters in ein Ei deiner Mutter drang. Wäre ein anderes dieser vielen Chromosomenträger einen Bruchteil früher oder später auf das Ei getroffen, wärest nicht du sondern dein Bruder oder deine Schwester entstanden. Dich gäbe es nie und würde es nie gegeben haben. Die einen nennen das Zufall, was meine feste Überzeugung ist, und die anderen Vorsehung. Ob dieser Vorgang nun einfach rein und bloß zufällig war, was also meiner Weltanschauung entspricht, oder von, wer weiß wem, wie und was, vorgesehen war, ist für das Ergebnis belanglos. Du bist da und hast dich dem Existenz- und Konkurrenzkampf ums Überleben einzubeziehen. Dein rein biologisch fest einprogrammierter Selbsterhaltungstrieb wird dich zwingen, nicht aufzugeben, auch wenn du keinen Ausweg mehr siehst und es vielleicht auch keinen mehr gibt. Du stehst durch bis zum bitteren Ende. Wenn du Pech hast, wird man dich zum Militär einziehen, dich ins Feuer jagen, dich vielleicht in eine Todeszelle einsperren, Oder du mußt sonst 'was über dich ergehen lassen. Da gibt es viele Möglichkeiten. Die Palette der Grausamkeiten, mit der die Natur, aber insbesondere deine Artgenossen dir aufwarten, ist sehr bunt. Die Natur kümmert es nicht, wenn du in glühender Vulkanasche erstickst, wenn du nach einem Erdbeben verschüttet wirst, nicht gerettet werden kannst und langsam verhungerst beziehungsweise verdurstest, oder wenn du vom Hochwasser weggeschwemmt wirst und an einem Baum zerschellst. Doch wenn du Glück hast, das passiert zwar nicht vielen auf dieser Welt, dann geht es dir gut. Du bist vielleicht vom ersten Tage an berühmt, weil du der lang ersehnte Sohn eines Herrschers beziehungsweise Beherrschers eines Landes bist, der nach unzähligen Versuchen mit ärztlicher Hilfe und mit vielen Frauen endlich ein zeugungsfähiges Spermchen loslassen konnte, das traf, wie es diesem Schah, dem Kaiser von Persien gelang. Man wird dich vielleicht hätscheln und verhätscheln. Die Welt dreht sich um dich.“

Franz machte eine kurze Pause und fuhr fort: „Dieses Beispiel war vielleicht doch nicht so gut. Ob du in einer solchen Situation wirklich glücklich bist, sei dahingestellt; denn du wirst in deiner Freiheit, Freizügigkeit und Selbstverwirklichungsmöglichkeit sehr eingeschränkt sein.“

Er machte wieder eine längere Pause, als wüßte er nicht weiter. Ich fand, daß er ganz gut im Grübeln, Erzählen und Spinnen war. „Du wolltest meine Geschichte hören“, sagte er, offensichtlich den Faden wieder gefunden zu haben. „Laß mich überlegen... Ich bringe meine Geschichte besser in der »Er«-Form, dann habe ich mehr Distanz zu mir und zu dem, was mich irgendwie prägte.“

Er brach ab und erzählte nach einer geraumen Weile weiter: „Er entstand wie alle, nach einer Kette von Zufällen. Seine Mutter lernte zufällig seinen Vater kennen. Sie heirateten aus Liebe. Zumindest glaubten sie fest daran, bis daß der Tod sie schied. Die Eltern beschlossen, nur zwei Kinder haben zu wollen, einen strammen Jungen und ein hübsches Mädchen, so wie es der Idealvorstellung der europäischen Gesellschaft entspricht. Die Hochzeitsnacht, die beide, wie sie immer wieder betonten, jungfräulich begingen, war erfolgreich. Genau neun Monate danach kam nach Programm der Junge, der Stammhalter. Nach etwas mehr als drei Jahren Verhütungsmitteln und einer Abtreibung, weil der Vater betrunken war und sich nicht vorgesehen hatte, gelang der zweite geplante Streich. Aber, o Schreck, das Ergebnis war wieder ein Junge, vor allem zur Enttäuschung der Mutter. Man hatte nicht einmal einen Namen für ihn überlegt; so sicher war man sich gewesen, daß alles genau nach Wunsch und Plan verlaufen werde. - Die ersten Jahre verbrachte er wie alle Kleinstkinder: Unbewußt, von wenigen instinktiven Lebenstrieben geleitet, also mit Saugen, Schlafen, Verdauen, dabei Pupse lassend, welche die Mutter freudig registrierte, mit Exkrementieren. Ganz allmählich setzt bei ihm die Erinnerung ein, zuerst verschwommen, nicht mehr rekonstruierbar, ob durch Erzählen nachgeholfen oder aus wirklich selbständigem Erinnerungsvermögen. Es gibt aber eine zweifellos selbständige Erinnerung über ein Ereignis in seinem frühen Leben, über das man, das heißt seine Eltern, mit absoluter Sicherheit nie gesprochen haben würden. Die Mutter drohte mit bösem Blick: »Du sollst nicht immer an deinem Pipi spielen! - - So 'was tun nur böse Kinder - - bah, pfui!« Das war nur ein Beispiel aus den in Variationen immer wiederkehrenden Worten der Mutter, die seine frühe Kindheit begleiteten. Doch es gelang ihr nicht, diesen lustvollen Trieb des Spielens mit dem sogenannten Ding zu unterbinden. Das genaue Gegenteil trat ein: Sein ganzes Handeln und Denken kreiste nur um diesen einen Punkt. Die Mutter verfolgte ihn: Sie schlug unvermittelt die Bettdecke auf und schrie: »Du hast doch schon wieder...!« Sie riß die Toilettentür auf, die nur mit einem schwachen Haken verriegelt werden konnte, und tönte: »Du hast doch schon wieder...!« Er hatte an einem warmen Sommertag auf einer Lichtung im nahen Wäldchen gelegen. Sie rief nach ihm. Er kam. Sie betastete seine Hose. »Du hast doch schon wieder...! Ich hab dir doch verboten...!« Man schaffte ihn zum Arzt. Der Junge hatte furchtbare Angst. Man hatte nämlich immer wieder gedroht, daß man ihn zum Onkel Doktor bringen müsse, wenn das nicht aufhöre, der dann das Ding abzuschneiden habe. Denn, wenn er mit dieser Schweinerei nicht aufhöre, bekäme er die Schwindsucht, die Rückenmarksschwindsucht. Dann sei er rettungslos verloren. Aber er hatte nicht aufhören können. Es war sogar immer schlimmer geworden. Nun sprachen die Eltern, mit hochrotem Kopf, in höchster, sichtbarer Aufregung, von grenzenloser Scham geplagt, im Flüsterton mit dem Arzt. Dieser betrachtete den kleinen Jungen sehr ernst von oben bis unten. Das vier Jahre alte Kind hatte Todesangst. Sein Herz raste. Es blieb wie ein Kaninchen vor einer drohenden Python auf seinem Stuhl hocken. »Zieh dich aus!« befahl der Arzt und bemerkte: »Der ist aber sehr dünn! Ißt er nicht richtig? Ich werd' ihn erst einmal gründlich untersuchen.« Die Eltern stürzten sich auf den Jungen, zerrten an seinen Kleidungsstücken, zogen ihn ganz aus bis er völlig nackt, hilflos und wehrlos dastand, von panischer Angst erfüllt, aber auch von entsetzlicher Scham wegen seiner totalen Blöße. Niemand war da, nicht einmal sein starker Vater, der ihm Schutz bot. Er fühlte sich von Todfeinden umringt. Der Arzt kam näher, und er war sich sicher, daß es jetzt geschehen werde, was seine Mutter oft und eindringlich genug angedroht hatte. In dieser ausweglosen Lage, wie dann übrigens später immer bei unangenehmen Situationen, schwoll der »Corpus Delicti« {lateinisch: schuldiger Körper} an, richtete sich als einzige, zwar unwirksame Waffe, wie zur Abwehr auf. Die Röte der Eltern erhellte das Zimmer. Er mußte sich auf eine Pritsche legen. Der Arzt tastete ihn ab, legte seinen Kopf auf Brust und Bauch des Jungen, befühlte seine Beine und Füße. »Der hat ja eiskalte Füße,« bemerkte er. »Das kommt alles nur daher, daß er kalte Füße hat. Ziehen Sie ihn immer recht warm an. Er kann sich wieder anziehen.« Die Eltern waren aufgeregt und keuchend mit dem Bekleiden des Jungen bemüht. »Du blamierst uns bis auf die Knochen!« zischte die Mutter ihn an. Der Arzt schrieb etwas auf einen Zettel, den er dem Vater überreichte, und sagte: »Hier habe ich etwas Blutbildendes aufgeschrieben. Das können Sie sich aus der Apotheke holen. Halten Sie den Jungen, wie ich schon sagte, gut warm. Auf Wiedersehen. Der nächste bitte!...« Von da ab gab es zu jeder Mahlzeit Lebertran, einen großen Eßlöffel voll von dieser widerlich riechenden, zähen Flüssigkeit, die dem Jungen bald jeglichen Appetit vor den Mahlzeiten nahm. Ihm drehte sich jedes Mal der Magen um. Die Speisen wurden sehr fett angereichert. Speck wurde ausgelassen und auf Gemüse und auf alles geträufelt. Der Junge war nun vor ein zweites, unlösbares Problem gestellt. Er konnte nicht mehr essen; aber er wurde mit Strafandrohung gezwungen, festgehalten, genudelt, beschimpft, geohrfeigt. Er wurde verbandagiert mit Leibchen, mit wollner, kratziger Unterhose, mit langen Strümpfen, darunter Kniestrümpfen, mit langer Hose. Aber es nutzte alles nichts. Jeden Tag gellten die Worte seiner Mutter mehrmals in sein Ohr: »Du hast doch schon wieder....! Was sollen wir bloß machen?« Tränen der Verzweiflung flossen über ihr Gesicht. Man suchte einen Wunderdoktor auf, tuschelte mit ihm. Der schrieb irgendetwas auf, was noch widerlicher schmeckte als dieser Lebertran. Es half auch nicht. Der Junge fing allmählich zu lernen an, wie er sein Laster verbergen konnte. Das war nicht so einfach: Bei jeder, insbesondere unpassenden Gelegenheit strömte das Blut in das »Ding«. Es richtete sich auf, beulte die Hose aus, so daß jeder sehen konnte, was für ein Schwein dieser Junge war. Er preßte es mit der Hand in seiner Hosentasche gegen den Bauch. Doch die Mutter ahnte sein Absicht des Versteckens und schrie ihn an: »Nimm die Hand aus der Hosentasche! « und geiferte lauter, nachdem er gehorcht hatte: »Ich hab' das doch geahnt! Was sollen wir bloß machen?! « Die kleine »Zeltstange« in der Hose war Beweis für die Todsünde, die da Woll-Lust heißt, für ein unheilbares Laster, die größte Schande, die ein Junge seiner Mutter bereiten kann. »Warum hat Gott uns mit dieser Schande bestraft?! « jammerte sie. Eines Tages hatte sie ihn wohl durch das Schlüsselloch der Toilettentür beobachtet. »Mach' sofort die Tür auf! « rief sie mit sich überschlagender Stimme. »Kannst du nicht hören?! Mann, Mann - sie nannte ihren Ehemann so - komm' schnell! Er macht es schon wieder! Diesmal mußt du 'was tun! « Die Tür wurde aufgebrochen und er herausgeholt. »Jetzt sollte er endlich 'mal die gehörigste Tracht Prügel bekommen, die er schon lange verdient hat!« schrie sie, völlig außer Kontrolle. Der Vater wehrte ab. Ihm war die Situation offensichtlich lästig und nicht so sehr der Rede wert. Sie feuerte ihn aber an, beschimpfte ihn als unfähig, Kinder zu erziehen, als Feigling. »Nur du bist schuld!« zeterte sie. »Du bist nicht streng genug. Du verdirbst die Kinder. Hättest du früher einmal ein Machtwort gesprochen... Er braucht jetzt eine gehörige Tracht Prügel, daß ihm wirklich Hören und Sehen vergeht!« Sie riß dem Jungen die Hose ganz herunter, steckte seinen Kopf zwischen ihre Beine und geiferte: »Jetzt los! ...auf den nackten Hintern!« Der Vater hatte sich den Ledergürtel seiner Hose abgebunden und schlug mit aller Kraft auf den Jungen ein, der keinen Laut von sich gab, ein Anzeichen für die Mutter, daß die Schläge nicht wuchtig genug wären. Sie feuerte ihren Ehemann zu kräftigerem Zuschlagen an: »Schlag doch richtig zu, du Schlappschwanz! Der spürt doch gar nichts! Der schreit ja nicht einmal!« Der Junge hatte sich auf den Boden fallen lassen, krümmte sich vor Schmerzen zusammen. Doch noch schlimmer war die Demütigung, die unendliche Scham wegen seiner Abnormität, seiner schweinischen Gelüste. Der Vater schlug in blindem Zorn auf ihn ein, warf plötzlich den Riemen auf den Boden, trat mit voller Wucht und Wut gegen eine Tür, so daß sie splitterte, und schrie seine Frau an: »Du machst die ganze Welt verrückt! Ich schlage mein Kind wegen nichts! Du spinnst wohl!« Sie geiferte und keifte noch eine Weile hinter ihm her, während er das Haus verließ. Das Glied des Jungen war in der Aufregung wieder steif geworden. Die Mutter sah es und schrie: »Tod schlagen sollte man dich!« Der Vater war zurückgekommen und warnte seine Frau, ihn nicht noch einmal so gegen seinen Sohn aufzuhetzen. »Ja!« schrie sie ihn an, »schau dir nur sein Ding wieder an! Selbst Schläge wirken nicht. Dem macht gar nichts aus!« »Verdammt noch mal,« donnerte der Vater, »hör endlich auf! Wenn er nun mal so ein Ding hat! Was kann er denn dafür?!« »Nein, das kommt nur davon, daß er dauernd daran spielt!« ereiferte sie sich. Die Eltern entfernten sich, wobei sie sich lautstark beschimpften. Der Junge begann zu weinen. Der Vater hatte ihn nie vorher geschlagen. Der kleine Kerl fühlte einen viel stärkeren seelischen als körperlichen Schmerz, begann seine feindliche Umwelt und vor allem sich selbst zu hassen, wurde sehr scheu und still, lachte nur noch ganz selten, urinierte nachts im Schlaf unkontrolliert ins Bett, schämte sich vor seinen Mitmenschen, vor allem vor seinen Familienangehörigen. Hautausschläge begannen, an den Händen zu wuchern, gegen die es keine Heilungsmittel gab. Langsam wuchs er heran...“

Franz hörte plötzlich auf, weiter zu erzählen. Wir waren wohl schon zum hundertsten Male den gleichen Weg am Ufer hin und her gelaufen. Ich ergriff seine Hand, sagte aber nichts.

Nach einer Weile fragte Franz: „Soll ich dir noch eine Geschichte von ihm erzählen? Eigentlich bin wohl ganz verrückt geworden, dir, den ich ja kaum kenne, so etwas zu erzählen.“

„Ja, bitte“, bettelte ich. „Das war zwar schrecklich, was du da berichtet hast, aber so sehr beeindruckend und bitte erzähl' mehr. Ich glaube, daß es sehr, sehr wichtig ist.“

Nach einer kurzen Pause begann Franz wieder: „Ein neues, komfortables Haus war bezogen worden. Als er fünf Jahre alt war, mußte sein drei Jahre älterer Bruder das Bett hüten. Er litt an Windpocken oder einer ähnlichen sogenannten Kinderkrankheit. Der Hausarzt wurde gerufen, der die üblichen Mittel verschrieb und den Eltern riet: »Packen Sie den Kleinen auch gleich mit ins Bett. Der kriegt's ja sowieso auch. Dann ist er nicht so sehr geschwächt, und es ist ein Abwaschen.« Also mußte er auch das Bett hüten, obwohl völlig gesund und, wie jedes Kind, voller Tatendrang. Doch er war zur völligen Untätigkeit verurteilt, konnte ja noch nicht lesen oder sich sonst irgendwie beschäftigen. Er spielte an sich selbst, was der Bruder bemerkte, der die Mutter herbei rief, die das übliche Theater aufführte und Worte schrie, wie »dieser verdammte, verdorbene Bengel«... Nachdem sie wieder hinausgegangen war, litt der fünfjährige, ins Bett verbannte Junge unter seiner starken, verbotenen, vom Teufel verursachte Erregung, die die ganze Haut kribbelig machte, das Herz schlagen ließ, als wolle es die kleine, schwache Brust sprengen. Er mußte onanieren, sich entspannen; aber der ältere Bruder hatte nichts anderes zu tun, als aufzupassen. Der Junge fühlte sich in einer unerträglichen Anspannung. Die Eltern kamen herein, um zu sagen, daß sie jetzt unten im Hotel zu tun haben würden und die Kinder schlafen sollten. Als sie gegangen waren, drehte sich der Bruder um, wohl in der Absicht, den Rat der Eltern zu befolgen. Der sogenannte Kleine, wie ihn die Familie nannte, stand auf, eilte in die Küche, holte ein scharfes, spitzes Messer, ging ins Badezimmer und stach in die Eichel des versteiften Gliedes. Sogleich spritze Blut bei jedem Pulsschlag in einem kräftigen Strahl heraus. Um sein Glied wickelte er Toilettenpapier, das sogleich von Blut durchtränkt wurde. Die Schwellung des Gliedes hatte aber sofort nachgelassen, und ganz allmählich verebbte auch der Blutstrom. Er brauchte das Papier nicht mehr so häufig zu wechseln, suchte ein Taschentuch und machte sich mit Pflaster einen festen Verband. Dann spülte er das blutige Papier weg und wischte den völlig beschmierten Boden notdürftig auf. Ihm war ganz schwindelig geworden, so daß er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, und er kann sich an Einzelheiten des weiteren Ablaufs nicht mehr genau erinnern, zum Beispiel wie er zurück ins Schlafzimmer gekommen ist. Doch kann er sich genau daran erinnern, daß der Bruder in einem Befehlston fragte: »Wo warst du?« »Ich mußte mal,« log der Kleine und schlief vor Erschöpfung ein. Er weiß nicht, wie lange danach die Mutter das Zimmer betreten, die Kinder durch das Einschalten der Deckenbeleuchtung aufgeweckt und aufgeregt gerufen hatte: »Was ist denn das im Badezimmer für eine Schweinerei? Da ist ja überall Blut!« »Mir hat plötzlich die Nase schrecklich geblutet«, log der Junge. Die Mutter schaute in sein Gesicht und seine Nasenlöcher, nahm ihn in den Arm und sagte mit weinerlicher Stimme: »Du armer kleiner Junge! Du hast ja eh' schon kein Blut!« Sie drückte und küßte ihn zärtlich. Der Kleine begann bis zur völligen Erschöpfung zu weinen und war wohl in den Armen seiner Mutter wieder eingeschlafen.“

Franz machte eine Pause. Ich hätte gerne gefragt, wie die Geschichte weitergegangen war, wie die Wunde behandelt wurde und dergleichen. Aber ich wollte das Franz nicht zumuten, den, wie ich sicher bin, diese Berichte ziemlich erregt und aufgewühlt hatten. Da ich ihn während der ganzen Zeit bei der Hand gehalten hatte, merkte ich, daß seine Hand unwahrscheinlich stark Schweiß absonderte und er leicht zitterte.

Franz riß sich los, rieb seine Hand an dem Gewand, das er trug und sagte aufgeregt: „Mensch, warum erzähl ich dir das eigentlich. Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Was hast du jetzt für einen Eindruck von mir? Ich hab' tatsächlich einen Stich in der Birne.“

Ich ergriff seine Hand wieder und schwieg. Unvermittelt blieb Franz stehen, schaute mich an und wollte wissen: „Hast du auch onaniert?“

Ich lachte und gestand: „Solange ich mich zurückerinnern kann“, und fügte hinzu: „Aber ich wurde wohl nie dabei erwischt!“

Franz zeigte sich sehr überrascht: „Ich höre immer nur von anderen, daß sie es viel später nach der sogenannten Pubertät angefangen hätten. Dann bist du also genau so ein Schwein wie ich!“

Wir begannen albern zu werden, redeten und redeten. Ich hatte über meine intimen Erlebnisse und Diskussionen mit Elisabeth zu berichten.