Afrikanische Sitten

 

aus dem Roman

"Tagebuch eines Selbstmörders"

(von Walter Rath)


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Der erste Teil dieser "Kurzgeschichte" schildert den "Stellenwert einer Frau" in der afrikanischen Tradition. >Hier< kann man direkt zur Beschneidungszeremonie springen. Am Schluß wird noch geschildert, warum viele Afrikaner eine Zahnlücke haben.

 

Freitag, 29.9.1978

Franz {ein schweißerischer Student} und ich {ein afrikanischer Mischling namens Michel, mit Franz befreundet} hatten Mussa {afrikanischer Hotelangestellter: siehe Bild} zum Abendessen eingeladen, worüber er sich sehr freute, als Gast im Eßsaal sitzen und »vornehm« speisen zu können. Er trank reichlich Bier, das seine Zunge löste.

Franz fragte ihn, warum er drei Frauen habe, und Mussa begann zu erzählen in einem überraschend guten Englisch, das ich nicht erwartet hatte. Gut, Englisch war die offizielle Unterrichtssprache bei uns. Aber Mussa praktizierte es doch fast gar nicht.

„Nun“, begann er, „bei uns war das früher so, daß es genug freies Land gab, das man roden und dann bebauen konnte. Dieses Land gehörte einem dann. Der Mann schnitt das Gras mit einer Panga {einem langen Messer, einem Busch-Messer} und die Frau hackte den Boden und grub die Wurzeln aus. Das ging langsamer als das Grasschneiden. Der Mann {nichts tuend} mußte die Frau immer wieder antreiben, schneller zu arbeiten. Aber sie konnte einfach nicht mithalten. Dann kam man wohl auf den Gedanken, sich noch eine Frau zu halten, die der ersten beim Hacken und Feldbestellen zu helfen hatte. Auch fielen die Frauen ja öfters aus, weil sie Kinder bekamen, die vorhandenen Kinder zu versorgen und das Essen zu kochen hatten.“

„Warum machten denn die Männer nicht auch Feldarbeit?“ fragte Franz dazwischen.

Mussa lachte, nahm einen Schluck Bier und fuhr fort: „Das war doch keine Arbeit für einen Mann. Der Mann mußte ja auch die Frauen und das Vieh beaufsichtigen. Also, ich glaube, so fing es an, daß sich ein Mann mehrere Frauen nahm. Je mehr Frauen jemand hatte, desto mehr Land konnte er roden und erwerben und desto mehr Kinder wurden ihm geboren. Mädchen waren besonders wertvoll, weil man sie, wie kann man sagen? weil man sie einem Schwiegervater für einen seiner Söhne anbieten konnte. Ein Mädchen brachte mindestens zwölf Stück Rindvieh ein, und wenn es besonders schön und tüchtig war, mußte sogar noch mehr bezahlt werden. Die Dowery {Kaufpreis für eine Frau} konnte auch in Raten bezahlt werden. Immerhin machten einen die Mädchen reich. Sie waren entsprechend wertvoll.“

Franz stellte eine weitere Frage: „Dann waren weibliche menschliche Wesen so etwas wie Arbeitstiere, Nutztiere?“

Mussa nickte grinsend.

Franz fügte eine Frage hinzu: „Wie sieht das denn heute aus?“

Mussa wiegte den Kopf und sagte mit einem etwas bedauernden Ton: „Ja, ja, auch bei uns ändern sich die Zeiten. Heute kann man für ein Mädchen, eine Frau, meine ich, auch Geld oder etwas anderes geben, wie Land, Ziegen oder Schafe, Werkzeuge...“ Er überlegte.

Franz nutzte die Gelegenheit, um weitere Fragen zu stellen: „Hatte denn der junge Mann keinen Einfluß darauf, welches Mädchen er zur Frau haben wollte? Liebte er denn die Frau?“

„Wie?“ Mussa hatte bestimmt den zweiten Teil der Frage nicht verstanden. (Das Gefühl Liebe existierte nicht bei uns.) Er sprach aber weiter, ohne auf eine Erläuterung seiner Frage »wie« zu warten: „Ein junger Mann hatte normaler Weise keinen Grund, ein Mädchen abzulehnen, wenn es gesund war und auch sonst nichts gegen es vorlag. Frau ist doch einfach Frau...“

Franz schaute mich entsetzt an. Mussa fuhr fort: „Aber wie ich schon sagte, heute ist alles anders. Heute wählen immer mehr Männer ihre Frauen selber, gehorchen den Älteren nicht mehr so ohne weiteres.“

„Mußtest du auch bezahlen?“ erkundigte sich Franz.

Mussa nickte und gab eine Einschränkung: „Meine dritte Frau habe ich noch nicht ganz bezahlt.“

Dann berichtete er weiter: „Wenn nun jemand viele Söhne hatte, dann war das schwierig, für jeden die Dowery aufzubringen, für jeden zu bezahlen. Dabei konnte man arm werden, seine ganze Herde verlieren. Dann mußten die Söhne vom Nachbarstamm Vieh rauben, und dann gab es Krieg. Der Nachbarstamm wollte ja seine Rinder wieder haben und griff an.“

Mussa machte eine Pause, leerte sein Glas und goß gleich wieder nach, da man bei uns immer ein volles Glas haben muß.

Franz nutzte die Gelegenheit zu einer Feststellung: „Also heiratet ihr nicht, weil ihr eine Frau liebt. Verliebt ihr euch denn nie in jemanden?“

Mussa überlegte und erwiderte, die eigentliche Frage gar nicht beachtend: „Also, viele Frauen sind ein Zeichen von Wohlstand. Je mehr Frauen und Kinder man besitzt, desto angesehener ist man, desto größer ist ja der Besitz, den man hat.“

Franz blieb hartnäckig: „Wenn nun ein Mann eine Frau liebt, sie gerne hätte. Was geschieht dann?“

Mussa überlegte und meinte: „Nun, wenn ein Mann eine andere Frau mal haben will, dann ist das bei uns kein großes Problem. Man sagt es ihr, und meistens hat sie nichts dagegen, mit dir zu schlafen. Das gibt keine großen Schwierigkeiten.“

„Ja“, wollte Franz genauer wissen, „und wenn die Frau verheiratet ist?“

Mussa lachte und erklärte: „Nun, gerade das ist eigentlich einfacher. Die Frau ist ja keine Jungfrau mehr und dann fällt es weniger auf. Das braucht ja der Ehemann nicht zu wissen. Der wäre sonst wütend, weil du in seinen Besitz eingedrungen bist. Du hast dir etwas genommen, was dir nicht gehört. Er macht aber in der Regel nicht viel, damit es gar nicht groß auffällt. Vielleicht verprügelt er dich heimlich, wenn es die anderen nicht sehen, verstehst du? In jedem Fall wird er seine Frau ordentlich verprügeln...“

„Weil er eifersüchtig ist“, ergänzte Franz.

„Ja“, sagte Mussa, „weil du seinen Besitz angerührt hast. Die Frau muß wissen, daß sie ihm gehört. Er hat ja für sie bezahlt.“

„Entschuldige“, hakte Franz ein. „Ich habe von Eifersucht gesprochen und nicht vom Antasten des Besitzes. Das ist doch etwas anderes?“

„Wieso?“ fragte Mussa zurück.

Franz versuchte das Gefühl der Eifersucht zu erklären: „Wenn dich deine Frau mit einem anderen betrügt, fühlst du dann nicht innerlich einen Schmerz, weil man jemanden, den man liebt, den man gern hat, vielleicht verloren hat?“

Aber Mussa verstand ihn nicht (da es dieses Gefühl in unserer Tradition nicht gibt). Daher erwiderte er nur: „Ja, du bist wütend, weil dir jemand etwas wegnehmen will, was ihm nicht gehört. Du hast dich zu verteidigen, deinen Besitz zu verteidigen... Ich werde meine Frau verprügeln, damit sie weiß, wem sie gehört. Wenn ein Rind weglaufen will, holst du es ja auch wieder und erklärst ihm mit Stockhieben, wo es hingehört... Ja, da ist vielleicht ein Problem: Wenn die Frau von dem anderen, der sie dir wegnehmen wollte, ein Kind bekommt, und das Kind sieht nicht so aus wie der andere, dann hast du eins mehr. Dann ist es gut. Aber die Dorfweiber, die alles beobachten, und besonders, wenn schon Gerüchte im Umlauf sind, dann untersuchen sie das Kind nach Merkmalen, die der andere Mann hat. Dann wird es schon schwieriger, das Kind als das eigene auszugeben. Dann kannst du alles Mögliche behaupten; dann mußt du schließlich die Frau (er meinte die Ehefrau) wegjagen mit dem Kind, wenn du deine Ehre retten willst. Aber es ist besser, immer wieder zu versuchen, den Klatschweibern auszureden, daß das Kind vielleicht nicht von dir ist. Aber deine Frau ordentlich durchprügeln mußt du und den anderen“ (Mann) „auch.“ Mussa mußte wegen des vielen Bieres zur Toilette.

Franz sagte: „Das finde ich alles ganz entsetzlich, wirklich entsetzlich.“

Ich schüttelte den Kopf, sah Franz an und kommentierte: „Von deiner Lebensgewohnheit, ich meine, von deiner Denkgewohnheit her sicher. Aber die Leute, die in der alten Tradition behaftet sind, empfinden das alles ganz anders als du. Für sie ist das selbstverständlich, was du entsetzlich findest, für die Männer so gut wie für die Frauen, die ja die Kinder erziehen und damit ihren Einfluß auf sie geltend machen. Wenn die Frauen das nicht auch als selbstverständlich ansähen, würden sie doch bei ihren Kinder zumindest kritische Zweifel setzen, die dann zu einer Änderung führten. Nein, das ist für sie alles ganz genau richtig so. Die Frauen kommen überhaupt nicht auf die Idee, daß es anders sein sollte und könnte.“

„Das wird dann zu einer Gesetzmäßigkeit wie im Tierreich“, meinte Franz als Erklärung geben zu können: „Da wohl keine Gefühle, wie Liebe und Zuneigung entwickelt werden - du erzähltest mir einmal, daß Kinder ab dem vierten Lebensjahr sich einfach selbst überlassen werden, keine körperliche Zuneigung mehr erfahren, nicht gedrückt und liebkost werden, gab es wohl kein Ausbrechen aus diesem System.“

Mussa kam zurück. Wir gingen nach draußen auf die Terrasse, da wir längst satt waren, und bestellten noch etwas zu trinken. Wir saßen alle eine Weile schweigend da.

Plötzlich fragte Franz, sich an Mussa wendend: „Warum werden bei euch die Jungen beschnitten?“

Mussa kicherte und wollte wissen: „Bist du denn nicht beschnitten?“

Franz schüttelte den Kopf.

„Dann siehst du ja wie ein kleiner Junge aus“, lachte Mussa. „Das muß ja ganz komisch aussehen. Bist du denn ein richtiger Mann?“ Er lachte, daß sein ganzer Körper bebte, fuhr sich immer wieder dabei mit der Hand über sein Gesicht und zeigte seine Zahnlücken.

„Also“, begann er, „wenn Jungen zwölf bis dreizehn Jahre alt sind, werden sie zu Männern gemacht. Nach unserer Tradition wird dann ein großes Fest gemacht, Ziegen und Schafe geschlachtet, getanzt, gegessen und getrunken. Tage oder Wochen vorher hat ein alter, erfahrener Mann die Jungen mit in den Wald genommen und aufgeklärt. Die Jungen wissen, was gemacht wird und warum, nämlich daß sie jetzt zum Mann werden. Sie freuen sich darauf; denn dann sind sie keine Kinder mehr.“

Er machte eine Pause, als hätte er den Faden verloren, erzählte aber weiter: „Also, das geht dann so: Der Junge wird zum Fluß gebracht und ganz in das kalte Wasser getaucht. Dann wird er mit Schlamm und Lehm beschmiert und völlig nackt ins Dorf gebracht, wo alle schon einen Kreis gebildet haben, in dessen Mitte der Beschneider auf den Jungen wartet. Man gibt ihm einen Stock, den er mit beiden Händen ergreift und hinter seinen Nacken hält. Er steht ganz aufrecht da. Vor ihm sitzt der Beschneider, der das Messer ganz scharf gemacht und im Feuer sterilisiert hat. Der Junge steht frei da. Niemand hält ihn fest. Er beweist jetzt, daß er männlich Schmerzen erträgt, nicht bibbert.“

Mussa kicherte und lachte, wobei er sich wieder schüttelte und mit der flachen Hand über sein Gesicht fuhr.

„Ja“, sagte er, „dann wird fachmännisch die Haut von dem Ding abgeschält, ganz vorsichtig und das Ding verbunden. Dann ist der Junge zu einem Mann geworden. Alle haben es gesehen und sind Zeuge...“

„Und wenn der Junge weint?“ unterbrach Franz.

„Das ist unmöglich“, kommentierte Mussa. „Das kommt nicht vor. Nein, nein, er weint auf keinen Fall.“

„Und wenn er doch weint?“ beharrte Franz.

Mussa wurde ärgerlich: „Nein, nein, das macht er nicht. Das wäre das Schlimmste, was er machen könnte. Also das, das wäre eine Blamage für die ganze Familie, für das ganze Dorf. Dann würde er verprügelt. Nein, das gibt es nicht.“

Pause...

„Warum zieht man euch die Zähne?“ wollte Franz unvermittelt wissen.

„Die Zähne?“ wiederholte Mussa: „Also das ist so: Ja, das hat einfache medizinische Gründe. Wenn du dir die Krankheit (er meinte Tetanie*) geholt hast, die dir alle Muskeln verkrampft und du nicht mehr den Mund aufmachen kannst und nichts mehr essen kannst, dann kann man dich durch die Zahnlücken hindurch ernähren, dir etwas einflößen, dir Milch geben und Wasser, damit du nicht stirbst. Das Ausgraben der Zähne machen wir dann, wenn du neue Zähne bekommen hast“ (er meinte das zweite Gebiß). „Also dann graben sie dir, je nach Stammeszugehörigkeit mit einem flachen, scharfen Messer die Schneidezähne aus, bei unserem Stamm sechs Stück...“

*{Nicht Tetanie, was starke Muskelkrämpfe bedeutet, insbesondere durch Calciummangel. Michel meint Tetanus, also den oft tödlich verlaufenden Wundstarrkrampf, hervorgerufen durch das Toxin des Bakteriums Clostridium tetani.}

„Das muß doch schrecklich weh tun“, unterbrach Franz.

Mussa zuckte die Schultern und erklärte: „Aber das muß doch sein.“

Wir saßen eine Weile schweigend beieinander bis Mussa Franz in die Seite stieß, lachte und sagte: „So, du bist also gar kein richtiger Mann?“

Franz schaute ihn ärgerlich an und entgegnete: „Wieso? Ach so, ich verstehe. Aber meinst du, das sei die einzige Möglichkeit, seine Männlichkeit zu beweisen?“

Mussa lachte und stichelte: „Du hast also nie bewiesen, daß du Schmerzen wie ein Mann ertragen kannst. Dann würdest du also davon laufen, wenn Krieg ist.“

„Wenn Krieg ist?“ wiederholte Franz.

„Ja, wenn Krieg ist“, bestätigte Mussa seine Worte und ergänzte: „Wenn also Krieg ist, wenn, wie ich schon gesagt habe, Rinder von einem anderen Stamm geraubt worden sind und die“ (aus dem anderen Dorf) „mit Speeren und anderen Waffen kommen, um die geraubten Rinder zurückzuholen, dann mußt du dich doch verteidigen. Wenn also dein Dorf angegriffen wird, dann ziehen die jungen Männer mit Speeren und Schilden aus, um das Dorf zu verteidigen. Wenn dann jemand vom Speer getroffen wird, zieht er sich leise zurück, um zu sterben. Stell dir vor, welche moralische Wirkung es auf deine Leute“ (die eigenen Kameraden, meinte er) „hätte, wenn du laut anfingst zu schreien. Es darf keiner merken, daß du getroffen worden bist. Verstehst du?“

Franz nickte.

Ich war überrascht, daß Mussa sich unter moralischer Wirkung etwas vorstellen konnte.

Mussa diskutierte noch lange mit Franz, der entgegnete, daß es doch solche Kämpfe heute nicht gäbe.

Ich hing meinen eigenen Gedanken nach und hörte nicht mehr zu. Ich war ja doch wirklich gar kein richtiger Afrikaner, das wurde mir klar, nicht beschnitten und hatte ein volles, unbeschädigtes Gebiß. Ich war nur am Rande mit der Tradition hier in Berührung gekommen. Wohin gehörte ich eigentlich?


>Hier< zum Artikel, der die Beschneidung im Einzelnen beschreibt.