Was dies in einer Therapie
bedeuten kann, zeigt er anhand von drei Fallgeschichten.
Dabei lässt er sich in den Abschriften therapeutischer
Dialoge von Tonbandprotokollen bei seiner Arbeit über die
Schulter schauen. Ein depressiver Patient zum Beispiel, der
wegen Selbstmordgefahr öfter in einer Klinik war, ist
Mitglied einer pietistischen Gruppe, in der die Angst vor
dem Satan gepredigt wird. Er quält sich ständig mit
Selbstanklagen. Moser lässt ihn in einem Rollenspiel die
Seiten mit Gott tauschen und in der Position Gottes zu sich
selbst sprechen - ein häufiges therapeutisches Vorgehen
Mosers, bei dem der Patient seine innere Auseinandersetzung
wie in einem Theaterstück als Dialog darstellt, in dem er
alleine beide Seiten spielt und bei dem der Therapeut Regie
führt. In dem Spiel sagt der Patient in der Rolle Gottes zu
sich selbst:
Zitat: "Die anderen leben einfach drauflos, während du dich
tyrannisierst. Du quälst dich so, dass du auch mir Schande
machst. Es kann doch keiner vollkommen sein."
Der Patient entdeckt etwas Neues: Er hatte sich ein
Gottesbild zurechtgelegt, das ihm erlaubte, sich mit Hilfe
eines Übervaters über den eigenen Vater zu erheben. Über
einen launischen, trinkenden Vater, der Hitlerjugend, Krieg
und Gefangenschaft hinter sich hatte. Im Unterschied zu
diesem Vater wollte er fromm, friedfertig, sühnebereit und
asexuell sein. Und schuf sich einen Gott, der das von ihm
verlangte.
Moser fordert den Patienten nicht auf, seine religiösen
Überzeugungen aufzugeben. Sondern er verbündet sich
sozusagen mit dem Bild eines gütigen Gottes, um ihm zu
helfen, sich selbst weniger zu zerstören.
Dümpeln Mosers Fallgeschichten in seinem neuen Buch etwas
dahin, so läuft der Autor im letzten Kapitel zur Hochform
auf. Hier ist er bei einer auch aus anderen Büchern
bekannten Stärke: dem pointierten Essay, in dem er sich an
dem Text eines anderen reibt. Diesmal an den "Confessiones",
den Bekenntnissen des Heiligen Augustinus, den er als
hochneurotischen Theologen der Angst und der Schuldgefühle,
als Protagonisten der Lebensverneinung vorführt und seiner
Heiligkeit entkleidet. Die Bekenntnisse des Augustinus seien
eine Autobiographie der Schmähung des eigenen Lebens.
Augustinus, der sich klein fühlt und groß sein will, erhebe
sich zu ungeahnter Größe, indem er sich in seiner
Selbstkasteiung von Gott erwählt fühlt und dadurch dem
Größten, Gott nahe. Der Ohnmächtige füllt seine seelische
Leere durch Rühmen des Allmächtigen, Tausenden Gläubigen zum
schlechten Vorbild:
Zitat: "Du bist einer der großen Verführer der Christenheit
zur verquälten Gottsuche und Jenseitssehnsucht, und du hast
für Unzählige mit zur Lebenszerstörung beigetragen, weil du
ihnen das Leben als Sündenpfuhl und Schlammbad der
Versuchung geschildert hast."
Moser setzt dem Gott der Verdammung und Errettung des
Augustinus einen erträglichen Gott entgegen, der - wie der
hilfreiche Therapeut im Diesseits - aus dem Jenseits heraus
das Leben der Menschen bejaht.
(Ulfried Geuter)