Personen: Tillmann Moser

Von "Gottesvergiftung zum erträglichen Gott"

 

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Tilmann Moser:
Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott. Psychoanalytische Überlegungen

ISBN: 3783123186
Euro 19,90
Kreuz Verlag,
Stuttgart, 2003

Tilmann Moser: Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott

 

Das Alter verändert die Sichtweisen. Mit Anfang 30 schrieb der bekannte Psychoanalytiker Tilmann Moser das Buch "Gottesvergiftung". Darin rechnete er mit dem strafenden, übermächtigen Gott seiner Kindheit ab. Heute, mit über 60, wendet sich Moser in seinem neuesten Buch Gott versöhnlich zu.

 

Zwischen Richtergott und Verschmelzung mit dem Göttlichen

Dazwischen liegen Jahrzehnte der psychotherapeutischen Erfahrung, in denen er in den Seelen seiner Patienten nicht nur dem Schrecken eines Richtergottes begegnete, sondern auch dem Wunsch nach einer Einbettung in Höheres und nach der Kraft, die ein Glaube daran bei seelischem Leiden geben kann. Denn Glaube, das weiß man mittlerweile auch aus wissenschaftlichen Untersuchungen, kann Heilung fördern. Neben zerstörerischen gibt es förderliche Gottesbilder, und beide können in einer Psychotherapie Thema werden.

Moser entdeckt aufs Neue ein altes Gefühl: die Andacht, deren Ziel die Verschmelzung mit dem Göttlichen sei. Er versteht Andacht als ein grundlegendes Gefühl und als ein emotionales Fundament der Religion, das in der frühen Beziehung zur Mutter gegossen wird:

Zitat: "Kinder entwickeln in einem bestimmten Alter die Fähigkeit zur Andacht", heißt es in dem Buch, und diese Fähigkeit gründe in dem Gefühl eines "feierlichen Zusammenhangs", den der Säugling mit der Mutter leiblich erfahre. Poetisch formuliert Moser:
"Die Mutter tränkt das Kind mit früher Gefühlstheologie. Sie ist eine Urperson für die Entwicklung von Andacht."

 

 

Die missbrauchte Andacht des Kindes

 

Maria mit dem Jesuskind verkörpert bildlich in unserer Kultur dieses feierliche Gefühl. Später aber, meint Moser, erfolge oft eine Indoktrination durch "heilige Männer", die das spirituelle Bedürfnis des Kindes religiös oder auch politisch missbrauchen, etwa in der andächtigen Bindung an einen Führer. Spreche man in einer Psychotherapie bei nicht religiösen Menschen religiöse Gefühle aus der Kindheit an, stoße man zuweilen auf solche "missbrauchte Andacht". Dann habe der Therapeut die Aufgabe, dem Patienten zu helfen, ein neurotisch verzerrtes Gottesbild von dem Bild eines Gottes zu trennen, der das Kind als wertvollen Menschen auf der Welt willkommen heißt.

Zitat: "Die Psychotherapie möchte dem Patienten noch einmal die Fähigkeit zur Prüfung, zur Wahl zurückgeben, um das Vergiftete vom Heilsamen zu unterscheiden. Sie darf sich also weder in den Dienst einer Glaubensrichtung stellen noch Gläubigkeit und Religiosität prinzipiell bekämpfen."

Daher brauche der gläubige Patient auch keinen gläubigen Therapeuten, aber einen der "fromm und andächtig" sein könne. Moser selbst glaubt nicht an einen persönlichen Gott. Aber er glaubt an die Aufgabe des Therapeuten, den Patienten dahin zu führen, sein Leben zu bejahen.

 

 

Der Patient in der Rolle Gottes

 

Was dies in einer Therapie bedeuten kann, zeigt er anhand von drei Fallgeschichten. Dabei lässt er sich in den Abschriften therapeutischer Dialoge von Tonbandprotokollen bei seiner Arbeit über die Schulter schauen. Ein depressiver Patient zum Beispiel, der wegen Selbstmordgefahr öfter in einer Klinik war, ist Mitglied einer pietistischen Gruppe, in der die Angst vor dem Satan gepredigt wird. Er quält sich ständig mit Selbstanklagen. Moser lässt ihn in einem Rollenspiel die Seiten mit Gott tauschen und in der Position Gottes zu sich selbst sprechen - ein häufiges therapeutisches Vorgehen Mosers, bei dem der Patient seine innere Auseinandersetzung wie in einem Theaterstück als Dialog darstellt, in dem er alleine beide Seiten spielt und bei dem der Therapeut Regie führt. In dem Spiel sagt der Patient in der Rolle Gottes zu sich selbst:

Zitat: "Die anderen leben einfach drauflos, während du dich tyrannisierst. Du quälst dich so, dass du auch mir Schande machst. Es kann doch keiner vollkommen sein."

Der Patient entdeckt etwas Neues: Er hatte sich ein Gottesbild zurechtgelegt, das ihm erlaubte, sich mit Hilfe eines Übervaters über den eigenen Vater zu erheben. Über einen launischen, trinkenden Vater, der Hitlerjugend, Krieg und Gefangenschaft hinter sich hatte. Im Unterschied zu diesem Vater wollte er fromm, friedfertig, sühnebereit und asexuell sein. Und schuf sich einen Gott, der das von ihm verlangte.
Moser fordert den Patienten nicht auf, seine religiösen Überzeugungen aufzugeben. Sondern er verbündet sich sozusagen mit dem Bild eines gütigen Gottes, um ihm zu helfen, sich selbst weniger zu zerstören.

Dümpeln Mosers Fallgeschichten in seinem neuen Buch etwas dahin, so läuft der Autor im letzten Kapitel zur Hochform auf. Hier ist er bei einer auch aus anderen Büchern bekannten Stärke: dem pointierten Essay, in dem er sich an dem Text eines anderen reibt. Diesmal an den "Confessiones", den Bekenntnissen des Heiligen Augustinus, den er als hochneurotischen Theologen der Angst und der Schuldgefühle, als Protagonisten der Lebensverneinung vorführt und seiner Heiligkeit entkleidet. Die Bekenntnisse des Augustinus seien eine Autobiographie der Schmähung des eigenen Lebens. Augustinus, der sich klein fühlt und groß sein will, erhebe sich zu ungeahnter Größe, indem er sich in seiner Selbstkasteiung von Gott erwählt fühlt und dadurch dem Größten, Gott nahe. Der Ohnmächtige füllt seine seelische Leere durch Rühmen des Allmächtigen, Tausenden Gläubigen zum schlechten Vorbild:

Zitat: "Du bist einer der großen Verführer der Christenheit zur verquälten Gottsuche und Jenseitssehnsucht, und du hast für Unzählige mit zur Lebenszerstörung beigetragen, weil du ihnen das Leben als Sündenpfuhl und Schlammbad der Versuchung geschildert hast."

Moser setzt dem Gott der Verdammung und Errettung des Augustinus einen erträglichen Gott entgegen, der - wie der hilfreiche Therapeut im Diesseits - aus dem Jenseits heraus das Leben der Menschen bejaht.


(Ulfried Geuter)