
>Hier< über Rechtsextremismus
und
>hier< etwas mehr zu Heitmeyer.

Wilhelm Heitmeyer, Joachim Müller, Helmut
Schröder
Verlockender Fundamentalismus
Suhrkamp Verlag, 1997, ISBN 3-518-11767-X
Weil sie in Deutschland nicht heimisch werden können, suchen türkische
Jugendliche Trost im Koran und Geborgenheit im Islam. Wie anfällig sind sie
dadurch für Fundamentalismus und radikale politische Ideologien? Die Soziologen
Wilhelm Heitmeyer, Joachim Müller und Helmut Schröder haben dies zum erstenmal
untersucht: Sie weisen auf die Probleme zunehmender Desintegration durch die
Entwicklung einer muslimischen Parallelgesellschaft hin.
Islamischer Fundamentalismus ist immer wieder Gegenstand von Tabuisierungs-
oder Skandalisierungsversuchen, so daß differenzierte Debatten verhindert
werden. Dazu trägt auch der Umstand bei, daß diese Variante der politischen
Instrumentalisierung der islamischen Religion, die auch Gewalt zur Durchsetzung
von Macht ins Kalkül zieht, auf kleine Gruppen reduziert wird.
Unbeleuchtet blieb daher bisher die Frage, welches Unterstützungs- oder
Mobilisierungspotential sich auch in Bevölkerungsgruppen muslimischen Glaubens
in der Bundesrepublik findet.
Antworten darauf sind nötiger denn je, denn insbesondere jugendliche Inländer
mit ausländischem Paß drohen einerseits vor zunehmenden Integrationsproblemen zu
stehen, andererseits mehren sich die Angebote islamistischer Gruppen, beflügelt
vom politischen Rückenwind wie etwa in der Türkei, die die religiöse
Gewißheitssuche politisch ausnutzen.
Die erste empirische Untersuchung mit ca. 1200 türkischen Jugendlichen zeigt, daß ein erhebliches Potential an islamisch-fundamentalistischen Orientierungen
besteht, das dringend Anlaß zu öffentlichen Auseinandersetzungen mit
islamistischen Gruppen gibt.
(Webseitenteil erstellt: 2009)
In
diesem Zusammenhang sei auf einen Artikel von Heitmeyer in den "Arbeitshilfen
für die politische Bildung - Argumente gegen den Hass" der Bundeszentrale für
politische Bildung verwiesen:
Jugend und Rechtsextremismus
Von ökonomisch-sozialen Alltagserfahrungen zur rechtsextremistisch motivierten
Gewalt-Eskalation
wobei es um Aufklärung des Prozesses von den ökonomisch-sozialen
Alltagserfahrungen zur rechtsextremistisch motivierten Gewalt-Eskalation bei
Jugendlichen geht. aufklären zu können.
Die leitende These: Rechtsextremismus wird hier nicht als ein politisches
Problem gesehen, das am Rande der Gesellschaft entsteht, sondern das in
zentralen ökonomisch-sozialen Bereichen der hochindustriellen Gesellschaft seine
Quellen hat. Insofern sind für eine Ursachenanalyse die rechtsextremistischen
oder neonazistischen Organisationen eher ein sekundäres (Folge-)Problem. Für
eine Prozessanalyse sind dagegen von primärem Interesse:
- Ökonomisch-soziale Alltagserfahrungen: Ohnmacht, Handlungsunsicherheit,
Vereinzelung
- Subjektive Verarbeitungen: Autoritär-nationalisierende Orientierungsmuster und
Gewaltakzeptanz
- Soziale Verdichtungen: Problempotentiale in unterschiedlichen
Orientierungs-»Milieus«
- Politische Verfestigungen: Organisationsanbindungen im rechtsextremistischen
Spektrum und ihre quantitativen Entwicklungen
- Gewalt-Eskalation: Legitimationsbeschaffung durch Normalisierungsprozesse
Zum Kristallisationskern dieses Prozesses gehöret die
autoritär-nationalisierenden Orientierungsmuster weil sie
zum einen in der Nähe breiter sozialer Akzeptanz lagern,
zum zweiten als Legitimationsmuster für subtile wie offene Formen
von Gewaltakzeptanz dienen können
und drittens, weil sie sie sich nicht offenkundig in der
Ideenkontinuität national sozialistischer Prägung mit z.B. antisemitischen
Inhalten befinden, sondern die »Ausländerfrage« zum Angelpunkt haben und dadurch
in der Lage sind, eine Brücke herzustellen zwischen konservativen und
traditionell rechtsextremistischen Positionen. Kern der These ist die Annahme,
dass sich der Prozess der Zunahme rechtsextremistischer Wahlerfolge oder
neonazistischer Militanz wesentlich dadurch entscheidet, ob die
autoritär-nationalisierenden Orientierungsmuster durch (neo-)konservative
politische Strömungen einen Normalisierungszuwachs erfahren und die Hinwendung
von Jugendlichen erleichtern und verstärken.
Orientierungsmuster statt Organisations-Ansatz
Die dominierende Analyseperspektive in der
Rechtsextremismusforschung war lange Zeit der Organisations-Ansatz, in dessen
Mittelpunkt die Mitgliedschaft in den einschlägigen Organisationen stand Das
bedeutet aber, dass - was Jugendliche angeht - mit einem überholten
Politikbegriff gearbeitet wird, weil die Distanz zu politischen Organisationen
weit verbreitet ist. Im Gefolge dieses organisationsbezogenen Politikbegriffes
setzte man dann auch konsequenterweise am Endpunkt des Prozesses an, was zur
Folge hatte, dass der Prozess selbst eher randständig blieb bzw. vom
Ausgangspunkt der Mitgliedschaft z.B in neonazistischen Gruppen zurückverfolgt
und rekonstruiert wurde. Da damit durchaus problematische Folgen der politischen
(Gegen-)Strategie verbunden sind, weil das Handeln fast ausschließlich auf
besonders auffälliges Agieren vor allem von organisierter »Neonazis« gerichtet
ist und zumeist in die weitgehend folgenlosen Verbotsforderungen einmündet, wird
hier ein anderer Ansatz bevorzugt: die Orientierungsmusterperspektive.
Damit soll das Hauptaugenmerk auf das Geschehen gelenkt werden, was vor einer
Mitgliedschaft in einschlägigen Organisationen, vor entsprechenden
Wahlentscheidungen liegt oder auch mit der Mitgliedschaft in sozial
akzeptierten Gruppierungen oder Organisationen verbunden ist. Es ist die
Konsequenz aus dem banalen Umstand, dass Jugendliche nicht als
»Rechtsextremisten« oder »Neonazis« geboren werden, sondern dass sich solche
Entwicklungen in der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt im
Verlaufe der Sozialisation formen. Sie sind das Ergebnis der Verarbeitung von
sozialen Erfahrungen im einzigartigen Lebenslauf, von unmittelbaren Eindrücken
aus aktuellen Interaktionssituationen oder aus Informationen der sozialen
Kommunikation und projektiven Entwürfen (>hier<
die Projektion), die sich zu Orientierungsmustern verdichten und Handeln
anleiten und begründen.
Während der organisationsbezogene Ansatz nun aufgrund der Mitgliedschaftsrolle
über ein ganz trennscharfes Kriterium verfügt, was als »rechtsextremistisch«
gilt (was aber gleichzeitig seine analytische Schwäche zur Ursachenanalyse
ausmacht), stellen sich beim Orientierungsmuster-Ansatz die Probleme dort, wo
bestimmt werden muss, welche - Orientierungsmuster als »rechtsextremistisch«
gelten können.
Erster Bereich: Ideologie der Ungleichheit. also
- nationalistische Überhöhungen, um die eigene Nation als Elite zu sehen;
- rassistische Sichtweisen, also die eigene kulturelle und moralische
Überlegenheit für sich zu beanspruchen, um andere abzuwerten und als
minderwertig anzusehen;
- totalitäres Normverständnis, d.h. die Ausgrenzung von anderen zu fordern, die
nicht zur Eigengruppe (>hier<
zur Eigen-/Fremdgruppe) dazugehören und deren Merkmale tragen;
- Betonung des Rechtes des Stärkeren. weil sich erst durch »Auslese« ein
gesundes Volk im Konkurrenzkampf mit anderen Völkern entwickeln kann.
Der zweite Bereich konzentriert sich auf Gewaltakzeptanz
und Gewaltanwendung zur Regelung sozialer Vorgänge. Dazu gehören u.a.
- die Gültigkeit von Feindbildern, um die Zugehörigkeit zur Eigengruppe deutlich
zu machen und die Richtung der Aktivitäten zu bündeln;
- die Ablehnung von Konfliktlösung durch Verhandlungen, weil Kampf zum
natürlichen, alltäglichen Verhalten gezählt wird, um sich gegen andere zwecks
Auslese durchzusetzen;
- die Akzeptanz personeller Gewalt, weil sie »naturgebunden« ist und die
natürlichen Vorgänge regelt.
Entscheidend ist nach diesem Konzept weniger, dass alle Elemente auftreten,
sondern dass aus beider Bereichen verschiedene Elemente kombiniert wer den. Damit
kann dieses Konzept auf die vielfältiger Schattierungen im rechtsextremistischen
Spektrum und seinem Vorfeld variabel eingehen und ist nicht an das starre Konzept
der Mitgliedschaft gebunden. Es ergibt sich vor allem der Vorteil, dass die (mitgliedschaftsunabhängigen) Verschiebungen in
die politischen Kultur thematisiert
werden können. Daher geht es hier auch weniger um einen verfassungsrechtlich
orientierten Begriff von Rechtsextremismus, sondern um ein Konzept des
»soziologischen Rechtsextremismus«.
Das Vorher Gesagte kann auf jede Zuwendung zu einer Religion bzw. einer
Ideologie überhaupt übertragen werden!
Walter Rath, Dezember
2011
Wilhelm Heitmeyer (1945 geboren) ist
Professor für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Sozialisation an der Universität
Bielefeld.
Heitmeyers Forschungsinteresse gilt seit
1982 den Bereichen: Rechtsextremismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit,
ethnisch-kulturellen Konflikten, sozialer Desintegration und
seit einigen Jahren der so genannten gruppenbezogenen
Menschenfeindlichkeit (group focused enmity).
Heitmeyer gründete 1996 das Institut für
interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung und leitet es
seitdem.
Gemeinsam mit Douglas Massey (Princeton
University), Steven Messner (University of Albany, NY), James
Sidanius (Harvard University) und Michel Wieviorka (École des
Hautes Études en Sciences Sociales, Paris) gibt er das
»International Journal of Conflict and Violence« heraus.