Leon Mann

 

 

Leon Mann: Sozialpsychologie

Beltz Taschenbuch 42,

Beltz Verlag Weinheim und Basel, 1999

ISBN 3-407 22042 1


>Hier< ein paar Sätze aus dem 1. Buchkapitel:

Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens

 sind kulturelle Einflüsse...

und

(>hier<) aus Kapitel "6. Einstellungen" unter der Überschrift "Unbestätigte Erwartungen" eine unglaubliche Begebenheit.


Über dieses Buch:
Ein Individuum muß im Kontext seiner sozialen Einflüsse betrachtet werden. Wie nehmen wir andere Menschen wahr, wie werden wir in unseren Einstellungen von anderen Menschen beeinflußt, wie entstehen Konformität oder Hilfsbereitschaft, und was erzeugt das Gegenteil - diese und viele andere Fragen des täglichen Zusammenlebens beschäftigen die Sozialpsychologie. Sie untersucht, wie sich der Mensch als soziales Wesen verhält, wie sich Gruppen bilden, wie sie agieren und Individuen beeinflussen.
Leon Mann entwirft eine Sozialpsychologie, die vom Individuum ausgehend zu komplizierten sozialen Prozessen fortschreitet. Dabei thematisiert er Probleme, die für das gesellschaftliche Zusammenleben und den Einzelnen von allgemeinem Interesse sind: Autoritätsglauben, unterlassene Hilfeleistung, ruinöser Wettbewerb, politische Gefolgschaft usw. Die Auswahl der dargestellten Studien und mitgeteilten Forschungsergebnisse erleichtert besonders Studienanfängern und interessierten Laien den Einstieg in die Sozialpsychologie.

Der Autor:
Leon Mann war bis zu seiner Emeritierung Professor für Psychologie an der Flinders University of South Australia.


 

Einleitung (aus dem Buch als Leseprobe selbst entnommen)

Wie nehmen wir andere Menschen wahr, wie werden wir von anderen in unseren Einstellungen beeinflußt, wie entstehen Konformität, Gehorsamkeit und Hilfsbereitschaft, welchen Einfluß haben Gruppen auf Leistungs- und Entscheidungsverhalten? Diese und viele andere Fragen des alltäglichen Zusammenlebens sind Gegenstand sozialpsychologischer Forschung. Das vorliegende Buch möchte auf der Grundlage von Forschungsergebnissen hierzu Antwort geben.


Sozialpsychologie ist heute Pflichtfach im Grundstudium Psychologie; für viele andere Ausbildungs- und Studiengänge werden sozialpsychologische Grundkenntnisse, z. B. über Mimik, Gestik und Gesprächsführung benötigt. Sozialpsychologie ist also eine „praktische" Grundlagenwissenschaft, die seit ihren Anfängen interdisziplinären Charakter hat.


Der Begriff „Sozialpsychologie" findet sich, soweit wir wissen, zum ersten Mal 1871 bei dem Herbartianer Gustav Lindner. Eine akademische Disziplin mit dieser Bezeichnung kann man etwa mit der Jahrhundertwende ansetzen. Wenn an der Entstehung der Psychologie als Wissenschaftsdisziplin viele Philosophen und Physiologen des deutschen Sprachbereichs beteiligt waren, so gilt dies weniger für die Sozialpsychologie; sie stellt sich in ihrer Geschichte eher als „amerikanische" Wissenschaft dar, wenigstens leisteten amerikanische Soziologen und Psychologen wichtige Beiträge. Die Begegnung und Verschmelzung verschiedener Kulturkreise hatte in den USA das Interesse an Sozialisationsprozessen, Vorurteilen und Einstellungsänderungen besonders geweckt. Zudem begünstigten die Struktur und der damalige Ausbau der amerikanischen Universitäten die Begründung der Sozialpsychologie als Wissenschaftsdisziplin.


In Deutschland wurde das erste Institut für Sozialpsychologie 1922 an der Technischen Hochschule Karlsruhe durch Willy Hellpach (1877-195 5) gegründet. Es bestand jedoch nur kurze Zeit. Erst in den sechziger Jahren wurden erste Lehrstühle für Sozialpsychologie an deutschen Universitäten eingerichtet. So gab es in der Bundesrepublik, wie auch in anderen europäischen Ländern, viele Jahre lang eine Phase der Rezeption amerikanischer Forschung. Heute ist kein Wie nehmen wir andere Menschen wahr, wie werden wir von anderen in unseren Einstellungen beeinflußt, wie entstehen Konformität, Gehorsamkeit und Hilfsbereitschaft, welchen Einfluß haben Gruppen auf Leistungs- und Entscheidungsverhalten? Diese und viele andere Fragen des alltäglichen Zusammenlebens sind Gegenstand sozialpsychologischer Forschung. Das vorliegende Buch möchte auf der Grundlage von Forschungsergebnissen hierzu Antwort geben.


Sozialpsychologie ist heute Pflichtfach im Grundstudium Psychologie; für viele andere Ausbildungs- und Studiengänge werden sozialpsychologische Grundkenntnisse, z. B. über Mimik, Gestik und Gesprächsführung benötigt. Sozialpsychologie ist also eine „praktische" Grundlagenwissenschaft, die seit ihren Anfängen interdisziplinären Charakter hat.


Der Begriff „Sozialpsychologie" findet sich, soweit wir wissen, zum ersten Mal 1871 bei dem Herbartianer Gustav Lindner. Eine akademische Disziplin mit dieser Bezeichnung kann man etwa mit der Jahrhundertwende ansetzen. Wenn an der Entstehung der Psychologie als Wissenschaftsdisziplin viele Philosophen und Physiologen des deutschen Sprachbereichs beteiligt waren, so gilt dies weniger für die Sozialpsychologie; sie stellt sich in ihrer Geschichte eher als „amerikanische" Wissenschaft dar, wenigstens leisteten amerikanische Soziologen und Psychologen wichtige Beiträge. Die Begegnung und Verschmelzung verschiedener Kulturkreise hatte in den USA das Interesse an Sozialisationsprozessen, Vorurteilen und Einstellungsänderungen besonders geweckt. Zudem begünstigten die Struktur und der damalige Ausbau der amerikanischen Universitäten die Begründung der Sozialpsychologie als Wissenschaftsdisziplin.


In Deutschland wurde das erste Institut für Sozialpsychologie 1922 an der Technischen Hochschule Karlsruhe durch Willy Hellpach (1877-195 5) gegründet. Es bestand jedoch nur kurze Zeit. Erst in den sechziger Jahren wurden erste Lehrstühle für Sozialpsychologie an deutschen Universitäten eingerichtet. So gab es in der Bundesrepublik, wie auch in anderen europäischen Ländern, viele Jahre lang eine Phase der Rezeption amerikanischer Forschung. Heute ist kein Bereitschaft, Forderungen des Versuchsleiters mehr als im Alltag nachzukommen. Gerade in sozialpsychologischen Experimenten hat man - zum Teil aus diesem Grund - mit Täuschungstechniken gearbeitet. Dies hat wiederum zur Kritik an Täuschungsmanövern in der Psychologie geführt. Es waren vor allem diese zwei Kritikpunkte, die zur Wiederbelebung der Forschung in Alltagssituationen geführt haben. Experimente unter alltäglichen Bedingungen - sogenannte Feldexperimente - finden sich in Leon Manns Buch mehr als sonst in sozialpsychologischen Einführungen.


Die dritte Präferenz hängt mit der zweiten eng zusammen: Leon Mann hat versucht, eine Sozialpsychologie zu entwerfen, die sich mit Problemen von allgemeiner Bedeutung für den Menschen befaßt: Konformität, unterlassene Hilfeleistung, ruinöser Wettbewerb usw. Auf die Darstellung sozialpsychologischer Befunde von esoterischem Charakter oder von sehr spezieller Bedeutung wurde bewußt verzichtet.


Ganz offensichtlich ist es dem Verfasser gelungen, diese Ziele zu erreichen. Die Auswahl der dargestellten Arbeiten hinsichtlich ihrer Relevanz für die Erklärung des Sozialverhaltens im Alltag erleichtert besonders dem Studienanfänger und dem interessierten Laien den Einstieg in die Sozialpsychologie. Als ich mich gleich nach Erscheinen der englischen Originalausgabe für eine Übersetzung ins Deutsche einsetzte, war ich sicher, daß Leon Manns Verständnis der Sozialpsychologie zukunftsweisend war. Viele Themen, die Mann dargestellt hatte, suchte man damals in Lehrbüchern vergeblich. Meine Vermutung sollte sich bewahrheiten: Heute werden alltagsnahe Themen wie Lampenfieber, Gestik und Mimik, Hilfeleistung usw. in fast allen Lehrbüchern der Sozialpsychologie behandelt. Nicht ahnen konnte ich jedoch, daß die deutsche Übersetzung auch noch nach vielen Jahren als Standardeinführung dienen würde und als solche nach wie vor empfohlen werden kann.

Natürlich gibt es neuere Entwicklungen in der Sozialpsychologie, die der interessierte Leser in umfangreicheren Darstellungen und in Fachzeitschriften finden kann. Will man die Forschungstrends der Sozialpsychologie der letzten Jahre skizzieren, so ist dies aufgrund des schnellen Wachstums dieser Grundlagenwissenschaft nicht einfach. Insgesamt läßt sich sagen, daß heute die Nachteile eines behavioristischen Programms der Sozialpsychologie, wie es Floyd H. Allport 1924 entworfen hatte, klarer gesehen werden. Lange Zeit hatte das Denken in Reiz-Reaktions-Beziehungen auch die Sozialpsychologie geprägt, was kurioserweise dazu führte, daß gerade die sozialpsychologisch interessanten Bereiche wie soziale Kognitionen und Motivationen auf der Strecke blieben. Die sogenannte „kognitive Wende" in der Psychologie, d. h. die stärkere Rückbesinnung auf Vorgänge der Wahrnehmung, Bewertung usw., hat auch die Sozialpsychologie der letzten Jahrzehnte geprägt. Leon Mann stellt einige der wichtigsten Befunde hierzu in Kapitel S dar. Wer Leon Manns Einführung gelesen hat, wird sich vielleicht einer umfassenderen und anspruchsvolleren Darstellung widmen wollen. Inzwischen gibt es nicht nur zahlreiche Übersetzungen (z. B. Forgas, 1987; West & Wicklund, 1985; Secord & Backman, 1983; Stroebe u. a., 1996) und Nachschlagewerke (Frey &Greif, 1997; Werbik &Kaiser, 1981), sondern auch eine Reihe von neueren Lehrbüchern deutschsprachiger Autoren (Bierhoff, 1998; Lück, 1993; Herkner, 1993; Fischer & Wiswede, 1997; Witte, 1994) und eine große Anzahl spezieller Abhandlungen, z. B. zur angewandten Sozialpsychologie (Schultz-Gambard, 1987). Über aktuelle Forschungsergebnisse informieren die vierteljährlich erscheinenden Fachzeitschriften „Zeitschrift für Sozialpsychologie" und „Gruppendynamik. Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie".

Helmut E. Lück
 


 

Aus:

 

Kapitel 1

Die Grundlagen des Sozialverhaltens
Die Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens sind kulturelle Einflüsse, die von der Existenz organisierter Gesellschaften herrühren, soziale Einflüsse, die auf Primärgruppen in der Gesellschaft zurückzuführen sind, sowie auf Umwelteinflüsse, die durch die physikalischen Gegebenheiten der sozialen Umwelt vermittelt werden. Wenn man zu einer bestimmten Gesellschaft gehört, so heißt dies, daß man ihren kulturellen Werten ausgesetzt, wenn nicht sogar vollständig verhaftet ist; es bedeutet ferner ein gewisses Maß an Verhaltenskonformität ihrer Mitglieder und persönliche Abhängigkeit von wirksamen sozialen Kontakten mit anderen Personen. Zum Einfluß der physikalischen Aspekte der sozialen Umwelt gehört die Nutzung des Territoriums durch den Menschen sowie Verhaltenseffekte durch Übervölkerung, konstanter Kontakt und Isolation. .... In diesem 1. Kapitel richten wir unseren Blick auf die kulturellen, sozialen und umweltmäßigen Bedingungen, die erforderlich sind, wenn das Individuum in seinem Verhalten als „menschlich" gelten soll.
 

Kulturelle Einflüsse
Die Kultur ist der durchdringendste der sozialen Einflußfaktoren. Um die Bedeutung der menschlichen Gesellschaft als Sozialisierungsfaktor für das Verhalten zu verstehen, muß man sich mit der Kultur befassen, weil sie die wichtigste Gegebenheit in jeder Gesellschaft darstellt. Kultur besteht aus gelernten und organisierten Verhaltensstrukturen, die für eine bestimmte Gesellschaft typisch sind. Nach der Definition von Linton (1936) ist Kultur die „Summe aller Verhaltensstrukturen, Einstellungen und Werte, die die Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft gemeinsam haben und überliefern" (S. 288).
 


Inhaltsverzeichnis:

 

1. Die Grundlagen des Sozialverhaltens

Kulturelle Einflüsse
Soziale Einflüsse
    Sozialisierung
    De-Sozialisierung
    Re-Sozialisierung
Frühe soziale Kontakte
Umwelteinflüsse
    Das Territorium
    Übervölkerung
    Isolation und konstanter Kontakt
Menschen und andere Lebewesen: Sozialverhalten der Primaten

    Die Grundlage des Sozialverhaltens bei Primaten

    Soziale Herrschaft
Zusammenfassung

2. Gruppenverhalten

Gruppenmitgliedschaft
Eigenschaften von Kleingruppen
    Soziometrische Struktur
    Machtstruktur
    Kommunikationsstruktur
    Rollenstruktur
Gruppenstruktur und Führung
Gruppennormen
    Konformität in bezug auf Gruppennormen
Bezugsgruppen
    Positive und negative Bezugsgruppen
    Mehrfache Bezugsgruppen
Soziale Anziehung in Gruppen
    Vorgeschichte und Konsequenzen der Anziehung
Zusammenfassung

3. Die Ergebnisse sozialer Interaktionen Konformität

Konformität
    Konformität im Laboratorium und im Alltag
    Arten der Konformität und Nonkonformität
    Wer sind die Konformisten?
    Der Nutzen der Konformität
Gehorsam
Soziale Verantwortung
    Die Reaktion eines Beobachters auf ein Opfer
    Die Einstellung des Missetäters gegenüber seinem Opfer
    Altruismus - aufopferndes Verhalten
Kooperation und Wettbewerb
    Panik
    Spiele und Wirklichkeit
Zusammenfassung

4. Verhalten bei Anwesenheit anderer

Soziale Leistungsaktivierung
Angst vor Publikum
Verlegenheit und Selbstachtung
Sorge um soziales Ansehen
Einige Gründe der Gesellung
    Bedürfnis nach Angstreduktion
    Bedürfnis nach Selbsteinschätzung
    Verlegenheit und Statusverlust
    Stellung in der Geschwisterreihe
Die Interpretation der Erfahrung
Distanz zwischen Personen und Blickkontakt Mensch als Masse
Zusammenfassung

5. Wahrnehmung anderer Personen

Das Gebiet der Wahrnehmung anderer Personen . . .
Die Fähigkeit, andere Menschen zu beurteilen
Eindrucksbildung
    Prozesse der Schlußfolgerung
    Wie sich ein Eindruck bildet
    Reihenfolgeeffekte bei der Eindrucksbildung
    Wie man einen bestimmten Eindruck erzielt
Genauigkeit der sozialen Wahrnehmung und soziale Interaktion
    Rollenverhalten und Wahrnehmungsgenauigkeit
Soziale Wahrnehmung: Die Interpretation sozialer
    Verursachung
    Verantwortung
    Zugeschriebene Verantwortung und Status
    Zugeschriebene Verantwortung und Überwachungsmöglichkeit
    Zugeschriebene Verantwortung - Glück und Unglück
    Vorsatz
    Entschuldbarkeit
    Verzerrungen und Täuschungen im Zuschreibungsprozeß
Zusammenfassung
 

6. Einstellungen

Die Struktur der Einstellungen
Die Bedeutung der drei Einstellungskomponenten
Funktionen der Einstellungen _
Vorurteil als eine Einstellung zur Ich-Verteidigung
Einstellungen und Konsistenztheorie
    Heiders Balanceprinzip
    Osgoods und Tannenbaums Kongruitätsprinzip
    Festingers Dissonanztheorie
    Unerwartete negative Konsequenzen
    Unbestätigte Erwartungen
    Erzwungene Mittäterschaft und unzureichende Rechtfertigung
Sozialer Einfluß: Der Prozeß des Einstellungswandels
Zusammenfassung

 

7. Entscheidungsprozesse

Stufen des Entscheidungsverhaltens
    Prozesse vor der Entscheidung
    Der Entscheidungsakt
Prozesse nach der Entscheidung
    Einstellungskonflikte und Entscheidungsverhalten Wahlentscheidungen
    Bruch mit politischen Parteien
    Der Zeitpunkt politischer Entscheidungen .
Gruppenentscheidungen
    Risikoentscheidungen in Gruppen
Entscheidungsverhalten und nationales Verhalten

Zusammenfassung


Literaturverzeichnis

Sachregister
 


 

>Hier< mehr zu Kultur und "Werten" - nicht in diesem Buch