Neil Postmann
>Hier< ein kurzer Lebenslauf und etwas zum Buch "Wir amüsieren uns zu Tode"
>Hier< (auf dieser Seite) eine Leseprobe (Kapitel heißt: "Das Verschwinden des Kindes")
>Hier< zum Buch: "Das Verschwinden der Kindheit".

Neil Postman:
Die Verweigerung der Hörigkeit - Lauter Einsprüche
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser
S. Fischer Verlag, 1988, ISBN 3-10-062408-4
Inhalt
Vorwort
.................................................................9
Sozialwissenschaft als Geschichtenerzählen 15
Das Unhaltbare aufhalten ................................32
Namen für Raketen ............................................47
Meine deutsche Frage ......................................52
Ein stilles Jubiläum ...........................................64
Das Gleichnis vom Kragenrand ......................76
Die Nachrichten ................................................82
Der Pädagoge als Schmerzkiller ......................92
Eine Frage des Anstands ..............................107
Megatonnen für Anthromegas ....................110
Der konservative Blickwinkel .......................115
Erinnerungen an das Goldene Zeitalter ......127
Kolumbusität ..................................................139
Alfred Korzybski ............................................147
Meine Ansprache zur Graduierungsfeier ...158
Am Abgrund des Friedens ...........................163
Das Verschwinden der Kindheit ..................172
Zukunftsschrott ..............................................186
Nachweise (Seite 200)
Einige der Essays in diesem Buch sind, wenn auch in stark veränderter Form, in
verschiedenen Zeitschriften erschienen. Sozialwissenschaft als
Geschichtenerzählen machte sein Debut als Vortrag und erschien dann in EtCetera. Namen für Raketen ist, bevor es den Weg in dieses Buch fand, zuerst in The
Realist aufgetaucht. Meine deutsche Frage erschien, wie in der Vorbemerkung
angegeben, zuerst im Stern. Ein stilles Jubiläum geht auf einen Auftrag der
Zeitschrift der ehemaligen Studenten der New York University zurück, wird aber
hier erstmals in gedruckter Form veröffentlicht. Eine längere Fassung von
Das Gleichnis vom Kragenrand erschien in Panorama. Eine Frage des Anstands
erschien in der Saturday Review, der Abdruck erfolgt mit freundlicher
Genehmigung dieser Zeitschrift. Megatonnen für Anthromegas erschien in einer
anderen Fassung in Village Voice. Am Abgrund des Friedens war ein Experiment,
das die Zeitschrift Liberation riskierte, und erscheint hier in erweiterter
Form. Der Essay mit dem Titel Die Nachrichten ist das Ergebnis einer
Zusammenarbeit mit Professor Jay Rosen von der New York University, und alle
etwaigen Unzulänglichkeiten gehen auf ihn zurück, nicht auf mich - mit anderen
Worten, er hat mir gestattet, diese letzte Bemerkung anzufügen. Er ist einer von
mehreren Kollegen und Studenten, die ich mit meinen Überlegungen behelligt habe
und deren Freigebigkeit in geistigen Belangen mich ermutigt hat, sie in diesem
Buch zu entfalten.
Auf der Buch-Rückseite: Man kennt ihn inzwischen auch hierzulande: Neil Postman, den spitzzüngigen Kritiker des Medien-Zeitalters, den unbequemen Warner vor der Austrocknung der Köpfe durch den elektronischen Bilder-Sturm, den achtsamen Verteidiger der Kinderwelt gegen die Zugriffe von Kommerz und organisiertem Zerstreuungsbetrieb. Postmans Diagnose in diesem Punkt ist unverändert: der Einzelne verliere zunehmend seine Wahrnehmungsgrund Differenzierungsfähigkeit an die »Apparate«, die ihm vorschreiben, was er zu glauben und wie er die Wirklichkeit aufzufassen hat. Das Ergebnis davon ist Abhängigkeit, ja Hörigkeit.
Mit den Spuren, die diese Abhängigkeit in der zeitgenössischen Gesellschaft
hinterlassen hat, beschäftigt sich Postman in den hier versammelten Aufsätzen.
Drei Themen bestimmen seine Argumentation: 1. die explosive Entwicklung der
Technologie und ihr Einfluß auf das gegenwärtige und künftige Zusammenleben der
Menschen; 2. die rasante Ausbreitung der Neuen Medien und deren Folgen für die
überlieferte Kultur, das kulturelle Bewußtsein und seine Sprache; 3. die Rolle
der Erziehung in Familie und Schule bei der Ausbildung von Urteilsvermögen,
Selbst- und Fremdwahrnehmung, Freiheits- und Bindungskräften. »Es ist sicherlich
richtig, daß der, der die Macht zu definieren besitzt, unser Herr und Gebieter
ist; aber ebenso richtig ist, daß niemals wirklich Sklave werden kann, wer eine
alternative Definition im Kopfe hat.«
Leseprobe aus dem Kapitel "Das Verschwinden der Kindheit" von "Verweigerung der Hörigkeit": Wie immer man die Verwandlung, die sich da vollzieht, beschreiben will, es ist jedenfalls offenkundig, daß sich Erwachsene und Kinder in ihrem Verhalten, ihren Einstellungen, ihren Wünschen und sogar in ihrer körperlichen Erscheinung immer weniger voneinander unterscheiden lassen. Es gibt zum Beispiel heute kaum noch einen Unterschied zwischen den Verbrechen von Erwachsenen und denen, die von Kindern begangen werden - und in vielen amerikanischen Bundesstaaten werden sie auch auf dieselbe Weise bestraft. Nur ein Indiz: Zwischen 1950 und 1985 hat die Zahl der von Jugendlichen unter 15 Jahren begangenen Delikte, die das FBI als »Schwerverbrechen« einstuft, um 11 tausend Prozent zugenommen ! Auch in der Kleidung gibt es kaum Unterschiede. Die Kinderbekleidungsindustrie hat in den letzten fünfzehn Jahren einen tiefgreifenden Wandel durchgemacht, so daß jene Modeformen, die früher eindeutig als »Kinderkleider« erkennbar waren, heute praktisch verschwunden sind. Elfjährige Jungen tragen auf Geburtstagspartys Anzüge mit Weste, und einundsechzigjährige Männer tragen zum gleichen Anlaß Jeans. Zwölfjährige Mädchen laufen mit Stöckelschuhen herum, zweiundfünfzigjährige Männer mit Turnschuhen. Auf den Straßen von New York und Chicago sieht man erwachsene Frauen mit Söckchen und imitierten Kinderlackschuhen, und auch der Minirock, dieses augenfälligste und peinlichste Beispiel für die Nachahmung einer Kindermode durch die Erwachsenen, ist wieder aufgetaucht. Ein anderes Beispiel: Kinderspiele, die früher überaus phantasiereich und vielfältig und so ganz und gar ungeeignet für Erwachsene waren, schwinden mehr und mehr. Einrichtungen wie der Little League Baseball und der Peewee Football werden nicht nur von Erwachsenen überwacht, auch in ihrer Organisation und in ihrem emotionalen Stil entsprechen sie ganz dem Profi-Sport.
Schnellimbißgerichte, die früher nur für den undifferenzierten Geschmack und die eisernen Mägen von Jugendlichen geeignet schienen, sind heute auch für Erwachsene eine gebräuchliche Kost. Man hat schon vergessen, daß man von Erwachsenen früher einmal annahm, sie hätten in Fragen des Essens einen entwickelteren Geschmack als Kinder; die Werbespots von McDonald's und Burger King zeigen uns, daß dieser Unterschied nicht mehr relevant ist. Auch die Sprache von Kindern und Erwachsenen hat sich verändert, so daß die Vorstellung, es könnte Wörter geben, die Erwachsene in Gegenwart von Kindern nicht verwenden sollten, heutzutage ein wenig lächerlich wirkt. Angesichts der unnachgiebigen Enthüllung aller Erwachsenengeheimnisse durch das Fernsehen lassen sich sprachliche Geheimnisse nur schwer bewahren, und es erscheint mir nicht unvorstellbar, daß wir in naher Zukunft wieder bei der Situation des 13. und 14. Jahrhunderts angelangt sind, wo es Wörter, die für junge Ohren untauglich waren, nicht gab. Selbstverständlich läßt sich mit Hilfe moderner Verhütungsmittel das sexuelle Verlangen von Erwachsenen und Kindern ohne größere Beschränkungen und ohne ernsthaftes Verständnis für seine Bedeutung befriedigen. Hier hat das Fernsehen eine Rolle von enormer Bedeutung übernommen, denn es hält die gesamte Bevölkerung nicht nur in einem Zustand hoher sexueller Spannung, es propagiert auch eine Art von Egalitarismus der sexuellen Erfüllung: Aus einem dunklen, tiefen Erwachsenengeheimnis wird die Sexualität in ein Produkt verwandelt, das für jeden erhältlich ist, so wie ein Mundwasser oder ein Deodorant...

Das Verschwinden der Kindheit
S. Fischer Verlag, 1983, ISBN 3-10-1062406-8
»... es ist für die elektronischen Medien un möglich, irgendwelche Geheimnisse zu bewahren. Ohne Geheimnisse kann es so etwas wie Kindheit nicht geben.«
Auf der Buch-Rückseite: Dieses
Buch bricht den faulen Frieden, den die Erwachsenen mit der Gleichgültigkeit
geschlossen haben, um die Welt bis in die Nischen hinein nach ihrem Bilde
einzurichten. Es handelt von dem vielleicht folgenschwersten kulturellen
Kolonisierungsunternehmen in der Gegenwart: der Zerstörung der Kindheit durch
Mißachtung oder Destabilisierung ihrer Spielräume, ihrer inneren Geschichte und
ihrer spezifischen Zeitrechnung. Brisant ist nicht nur Postmans (gut belegte)
These, daß in der abendländischen Zivilisation die Idee der Kindheit im
Verschwinden begriffen sei, sondern auch seine intelligente Analyse der
elektronischen Medien, die er als die machtvollen Beschleuniger dieser
Entwicklung bestimmt. Postmans Kritik gilt der Allianz von Kommerz, Ideologie
und Gedankenlosigkeit gegen die Ansprüche der Kinder auf eine eigene, freie
Lebenszeit: auf die Kindheit nicht als eine biologische, sondern vielmehr als
eine kulturelle Erfahrung. Die Vorstellungs- und Empfindungswelt der Kindheit
ist endgültig dann abgeschafft, wenn die Kinder und Jugendlichen nur noch zu
Erwachsenen-Wünschen fähig sind.
Neil Postman, geboren 1931, ist Professor für Media Ecology an der New York
University. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Veröffentlichungen zu
Fragen der Erziehung. 1975 erhielt er den »Earl Kelly Award« für seine Arbeiten
über Semantik.