Zurück ins Mittelalter?
Alan
Posener:
„Benedikts Kreuzzug - Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft".
Ulstein
269 Seiten,
18 Euro
>Hier< zu einem Interview mit Alan Posener
"Als
der Papst einen Holocaust-Leugner zurück in den Schoß der Kirche holte, war das Entsetzen groß. Doch dieser Schritt war
nicht gedankenlos, wie viele meinen. Alan Posener weist eindrucksvoll nach, dass Benedikt XVI. schon seit langem
einen Feldzug gegen die Errungenschaften der Moderne führt und zwar mit aller Konsequenz
Die Konfrontation mit der 68er-Bewegung und der Theologie der Befreiung¿ machte Joseph Ratzinger zum Hauptvertreter
eines kompromisslosen Konservatismus. Seither formuliert er mit großer
Radikalität und Beharrlichkeit die Grundsätze eines intellektuellen
Rollbacks der Moderne. Als Papst Benedikt XVI. bekämpft er den weltlichen
Staat und die Werte der Aufklärung: Pluralismus der Gesellschaft und des
Glaubens, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frau,
Emanzipation der Wissenschaft von der Religion. Mit seiner Rede in Auschwitz
revidierte der Papst die Position der katholischen Kirche zum Holocaust; der
Ton gegenüber den Juden hat sich ebenfalls verschärft. In ihrem Widerstand gegen die Moderne, so das
provozierende Fazit dieses Buches, ist die katholische Kirche dem islamistischen Fundamentalismus bereits
auf paradoxe Weise nahe gerückt" (zitiert aus Produktbeschreibung bei
www.ullsteinbuchverlage.de).
Angebot vom Weltbild-Verlag:
200 Seiten (statt 269 bzw. woanders sogar 272),
ISBN-10: 3550087934
ISBN-13: 9783550087936
Alan Posener, geboren 1949 in London,
aufgewachsen in Kuala Lumpur und Berlin, ist Korrespondent für Politik und Gesellschaft für die Welt am Sonntag.
Mit seinem Weblog "Apocalypso", seinem Videoblog "Blattkritik" und als Mitglied der "Achse des Guten" wurde er einer der
einflussreichsten deutschen Blogger. Posener schrieb Monographien u.a. über John F. Kennedy, William Shakespeare und
die Jungfrau Maria. 2007 erschien sein Buch Imperium der Zukunft. Warum Europa Weltmacht werden muss.
Posener hält Papst Benedikt XVI. und seine Gedanken für
„gefährlich".
Rolf Helfert schreibt in der Tageszeitung "Kölner Stadt-Anzeiger" unter der
Überschrift : Auf dem Weg
zurück ins
Mittelalter: Kaum zum Papst gewählt, entließ Benedikt XVI. den Schneider des Vatikans, weil
die Soutane zu kurz geraten war. Der oberste Hirte sei rachsüchtig und
hasserfüllt, glaubt der britisch-deutsche Journalist Alan Posener, der dieses
kritische und gute Buch verfasst hat. „Ja, ich klage an. Ich halte Benedikts
Denken für irregeleitet, gefährlich und in letzter Instanz für
menschenverachtend." Letztlich verdamme er die gesamte Moderne; seit der
Renaissance erliege Europa einem „neuen Heidentum".
Benedikt, ehemaliger Chef der Glaubenskongregation (gemeint ist
die Kurienkongregation seit 1965 namens "Kongregation für die Glaubenslehre"), welche die Inquisition
beerbte, predige den Gang ins Mittelalter. Betrachte man Ratzinger nüchtern,
wirke er zwergenhaft. Europa wolle Benedikt in einen „christlichen Kontinent"
verwandeln. Aufklärung, Volkssouveränität und Wissenschaft gefährdeten das
menschliche Heil. Der Papst hege wenige und schlichte Gedanken. Seine These von
der „Diktatur des Relativismus*" zeige, dass er die Demokratie bekämpfe, denn
Benedikt akzeptiere nur katholische Dogmen.
* nach Brockhaus (2007):
1) die erkenntnistheoretische Haltung, die alle Erkenntnis nur als relativ gelten lässt, weil sie durch den Standort des Erkennenden (besonders durch seine Individualität) bedingt sei (Protagoras, bedeutender griechischer Philosoph der Sophisten, wegen Gottlosigkeit verurteilt, vermutlich auf der Flucht ertrunken, bekannt mit dem Satz: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge");
2) die Lehre, dass nur die Beziehungen der Dinge zueinander, nicht aber diese selbst erkennbar seien (kritischer Rationalismus).
Frei die Wahrheit zu suchen, bringe Verderbnis und Sünde. Allein der Papst erschaue Gott; die staatliche Gewalt sei religiöser Kontrolle zu unterstellen. Eben deshalb beabsichtige der Vatikan, Pius XII. heiligzusprechen, obwohl dieser Papst zahlreiche Diktatoren, darunter Franco und Salazar, begünstigte. Nicht minder fördere Benedikt die „totalitär" gesinnte „Integrierte Gemeinde" und bejahe manche Ideen der Pius-Bruderschaft.
Auch die Wissenschaft soll nach der Einschätzung Poseners ihr stolzes Haupt
beugen. Das unaufgeklärte Mittelalter sehe Benedikt „als glückliche Epoche". Den
Papst erfreue der Spruch des Theologen Söhngen: „Die Kirche ist weiser als ich,
und ihr vertraue ich mehr als meiner eigenen Gelehrtheit." Der Gläubige,
resümiert Posener, sei zur „intellektuellen Selbstaufgabe" verpflichtet.
Benedikt rechtfertige sogar den Prozess gegen Galileo Galilei, der die Natur
„folterte" und die Atombombe ermöglicht habe. Walter Brandmüller, Historiker des
Vatikans, tadelt Galilei: „Die Unversehrtheit des Wortes Gottes ist entschieden
wichtiger als die Hypothese eines Professors." Katholiken und Moslems
formulierten sogar eine gemeinsame Erklärung, in der es heißt, dass niemand die
Religion „verspotten" dürfe. Hartnäckig geißelt der Papst Darwins
Abstammungstheorie. Wenn Affe und Homo sapiens die gleichen Vorfahren haben,
gibt es keinen Sündenfall, so dass die Kirche entblößt und leer dasteht. 2004
beschloss eine Theologenkommission unter Leitung Ratzingers: „Einen
Evolutionsprozess, der außerhalb der göttlichen Vorsehung fiele, kann es einfach
nicht geben." Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Noch immer ignoriere
Benedikt zahlreiche Verbrechen der katholischen Kirche und huldige der puren
Macht.
Interview zwischen dem stellvertretenden Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeiger, Joachim Frank, und Alan Posener, erschienen im MAGAZIN des Kölner Stadt-Anzeiger vom Samstag/Sonntag, 31.Okt./1. Nov. 2009 Nr. 254:
"Rummel um Ratzinger
Glaube versus Demokratie: Alan Posener und seine Papst-Kritik"
Herr Posener, was haben Sie gegen Papst Benedikt?
ALAN POSENER: Zunächst habe ich etwas gegen Personenkult und wollte deshalb den
Rummel um Ratzinger hinterfragen. Dabei bin ich auf einen erschreckend
reaktionären Menschen gestoßen.
Ein hartes Wort.
POSENER: Mir fällt kein anderes ein, wenn sich einer dazu bekennt, die Aufklärung
aufzuheben - wörtlich „zu reinigen", ein schrecklicher Ausdruck! Wenn einer
Darwin rückgängig machen will, den Prozess gegen Galileo Galilei verteidigt,
kein Hehl aus seiner Schwulenfeindlichkeit macht ...
Das alles könnte Sie als NichtKatholiken kalt lassen.
POSENER: Nein, denn ich glaube, am Ende geht es um unsere Demokratie. Sie lebt
davon, dass sie keine endgültigen Wahrheiten annimmt. Sonst bräuchte es ja auch
keine Regierung und keine Opposition, weil die einen immer Recht hätten und die
anderen immer Unrecht.
Bestreiten Sie damit nicht der Religion im Allgemeinen, dem Katholizismus im
Besonderen einen legitimen Platz im demokratischen System?
POSENER: Die Kluft zwischen dem Wahrheitsanspruch der Religion und der pluralen
Gesellschaft ist im Prinzip nicht überbrückbar, das stimmt. Aber in der Praxis
ist der Widerspruch sehr wohl auflösbar. Denn es ist ja niemand gezwungen,
katholisch zu sein oder zu bleiben. Wenn also der Papst sagt, „du bist
katholisch, also musst du dich so und so
verhalten", dann ist das so weit in Ordnung. Wenn er sich aber zum moralischen
Gewissen der ganzen Menschheit aufschwingt und behauptet, dass es keine wahre
Ethik ohne religiöse Grundierung gebe oder dass die christliche Lehre über der
Demokratie stehe, dann muss man sich dem widersetzen. Wohin das sonst führt,
sieht man in vielen islamischen Ländern, wo Apostasie - der Abfall vom Glauben -
ein todeswürdiges Verbrechen ist.
Unbestreitbar hat sich der Papst gegen Gewalt im Namen der Religion gewandt, was
in unserer Zeit speziell auf den Islam zielt.
POSENER: Das stimmt, aber die
aufgeregten Reaktionen auf die berühmte „Regensburger Rede" von 2006 mit dem
Mohammedkritischen Zitat aus dem Mittelalter haben völlig überdeckt, dass
Benedikt im zweiten Teil derselben Rede auf große Gemeinsamkeiten zwischen
Christentum und Islam hinweist, zum Beispiel im Kampf für einen Vorrang des
Glaubens vor der Vernunft, gegen eine - wie er sich ausdrückt - „entseelte
Moderne" oder gegen die Verspottung der Religion. Als damals die
Mohammed-Karikaturen erschienen, hat er sich auf die Seite der islamischen
Kritiker von Meinungs- und Pressefreiheit gestellt. Wenn man aber Spott nicht
akzeptiert, ist das der Anfang vom Ende der Freiheit.
So weit die Theorie. Aber schließen Toleranz und Anstand nicht auch das Gebot
ein, respektvoll mit den Glaubensüberzeugungen anderer umzugehen?
POSENER: Klar, es gibt geschmacklose Kritik - speziell am Christentum, weil sie
da auch nichts kostet. Diese billige Kritik finde ich auch blöd. Aber im Islam
können kritische oder spöttische Worte gegen die Religion das Leben kosten. Und
da, finde ich, darf sich die katholische Kirche nicht mit Vertretern des Islam
hinstellen und sagen, „wir haben da gemeinsam ein Problem mit der
Religionskritik". Sie müsste im Gegenteil sagen, „solange Religionskritiker mit
dem Tod bedroht werden, gibt es für uns keine Gemeinsamkeit mit euch".
Können Sie dem Papst eigentlich überhaupt etwas Gutes abgewinnen?
POSENER: Ehrlich gesagt, nein. Das Einzige, was ihn mir etwas sympathisch werden
lässt, ist Mitleid: Dieser Mann hieß schon mit zwölf Jahren im Jungenstift
„Bücher-Ratz"; nach 60, 70 Jahren kann er sich an keinen einzigen
Lausbubenstreich erinnern. Sein ganzes Leben ist Papier. Da sage ich: „Mensch,
du hast doch nie gelebt! Da tust du mir leid!" Aber wenn ich dann wiederum sehe,
wie unerbittlich, ressentimentgeladen und kleinlich er mit seinen Gegnern
abrechnet, dann vergeht auch diese Regung ziemlich schnell wieder. Also, nein,
ich fand nichts an ihm, was bleiben wird.