Kritik an Parteiensystem
Eichborn-Verlag
April 2009
ISBN:9783821857084
192 Seiten
14.95 Euro, 24.90 sFr
”Ein aufrüttelndes Buch!“
(Wochenzeitschrift "Hörzu", 19/2009)
Der Eichborn-Verlag schreibt auf seiner Internetseite zum Buch:
"Glauben Sie, dass die besten Leute heute Politiker werden? Denken Sie, dass Sie die Politik einer Partei verändern können, wenn Sie ihr beitreten? Fühlen Sie sich gut und befreit, wenn Sie Ihr Kreuz bei der Wahl gemacht haben? Wenn Sie nur einmal mit »Nein« antworten müssen, dann brauchen Sie dieses Buch.
Die nächste Bundestagswahl steht an. Bloß — warum soll man wählen? Statt streitbare Charaktere mit Haltung und Profil sind Politiker nur noch am Machterhalt interessierte Parteisoldaten, die ihre Visionen aus den aktuellen Meinungsumfragen beziehen — und nach Bedarf der öffentlich in Talkshows inszenierten Politik anpassen. Überzeugende Antworten auf die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der Globalisierung? Neue Ideen für die drängenden gesellschaftlichen Fragen und Veränderungen? Fehlanzeige! Nie war Politik so weit weg von uns und unserer Lebenswelt wie heute. Was können wir dagegen tun?
Ungültig wählen, sagt Axel Brüggemann. Denn ungültig zu wählen ist keine Untugend, sondern ein hochpolitischer Akt. Nur eine wirklich niederschmetternde Ablehnung kann von den Politikern nicht mehr ignoriert werden und zwingt zur Veränderung des Systems. Wie diese Veränderung aussehen kann und was genau sich ändern muss, zeigt er in dem Buch: Mehr Transparenz im Parlament und in den Ausschüssen, mehr direkte Demokratie, mehr Bürgerbeteiligung und Verantwortung des Einzelnen für seine Gemeinde, seine Stadt, sein Land. Nur so kann Politik wieder von vielen Menschen und Ideen getragen werden und Spaß machen."
Einiges mehr zum Buch:
Axel Brüggemann argumentiert originell,
seine Forderung nach mehr bürgerlichem
Engagement nachvollziehbar
(schrieb Günther Fries für die
Tageszeitung Kölner Stadt-Anzeiger und
weiter:)
Sinkende Wahlbeteiligung, Ausverkauf der
Politik und Politikverdrossenheit - das
sind die Themen unzähliger Bücher, die
anlässlich des Superwahljahrs 2009 aus
den Druckerpressen kommen. Vermutlich
die originellste der Neuerscheinungen
stammt aus der Feder des Berliner
Publizisten Axel Brüggemann. In „Wir
holen uns die Politik zurück!"
unterzieht er das Parteiensystem in
Deutschland einer kritischen Analyse und
geht hart ins Gericht mit der
Politikerkaste. Sein Befund: Die
Politiker haben den Bezug zu den
Lebensrealitäten der Bürger verloren und
können sich nicht mehr in diese
hineinversetzen:
Das Attribut Volksvertreter müsse ihnen
deshalb abgesprochen werden. Die Menschenferne der Politiker
zeige sich beispielsweise darin, dass
sie Armut als statistisches Phänomen
abtun und die existenzieller Nöte von
Menschen - von einem zusehends
wachsenden Teil der Deutschen - schlicht
ignorieren. In „Steinmerkels* Wunderland"
findet Politik ohne die Beteiligung der
Bevölkerung statt und parteipolitische
Unterschiede sind kaum noch erkennbar.
Es regiert die „Generation Blass mit
Schlips", die es nicht schafft,
wesentliche Themen zu formulieren und
die Gründe für ihre Politik deutlich zu
machen. Die Volksparteien agieren nur
mehr als „reine Machterwerbsagenturen",
deren Interesse allein darin besteht,
sich von Legislatur- zu
Legislaturperiode zu mogeln. Und wer
wählt, wählt inzwischen oft nur noch das
kleinere Übel statt die eigene
Überzeugung.
* Zusammenziehung von Walter STEINmeier, derzeitiger Bundesaußenminister; MERKEL, Bundeskanzlerin
"Ist das politische Koordinatensystem,
das wir haben, noch gültig? Und bringt
es überhaupt was, wen ich wähle? Ist die
Partei, die ich immer gewählt habe,
überhaupt noch die richtige?", fragt
Axel Brüggemann und trifft damit den Nerv der
Zeit. Dabei seien die Deutschen
eigentlich nicht politikmüde, denn so
viel wie die Wahlbeteiligung
kontinuierlich sinke, steige das
ehrenamtliche* Engagement. Für Brüggemann
ein Zeichen dafür, dass der einzelne
nicht uninteressiert ist und sich in die
Gesellschaft einbringt.
* Ehrenamt: unentgeltliche Tätigkeit! (Ersetzt also unterhaltsfähige Arbeit.)
Was kann man tun, Wähler und Gewählte
einander wieder näherzubringen, um so
die verkrusteten Strukturen der Politik
aufzubrechen? Vor allem sei es
notwendig, dass die Bürger den Anspruch
auf eine demokratische Politikkultur mit
mehr Mitsprache in ihrem eigenen Land
nicht nur einklagen, sondern sich diese
erkämpfen: „Die Wähler müssen auf ihr
Recht bestehen, als Souverän der
Staatsgewalt zu agieren."
Der Appell des Autors an die
politisch-moralische Verantwortung der
Staatsbürger ist die zentrale Botschaft
des Essays. Um den politischen Diskurs
um Wähler, Politiker, Macht und
Wählerauftrag wieder ins öffentliche
Bewusstsein zu rücken, bedarf es
allerdings eines radikalen Schritts:
„Massives Ungültigwählen".
So könne man
den amtierenden Politikern das Vertrauen
entziehen und sie zwingen, sich wieder
näher an den realen Problemen der
Menschen zu bewegen. Anders als die
Nichtwähler nehmen die Falschwähler teil
am demokratischen Prozess; sie sind ein
öffentlicher und also quantifizierbarer
Teil des Wahlergebnisses. Vehement und
durchaus nachvollziehbar widerspricht
Brüggemann der gängigen Auffassung,
Falschwähler würden ihre Chance vertun,
das Land demokratisch mitzugestalten. Ungültigwählen sei keine Untugend,
sondern gerade in Krisenzeiten der
Demokratie ein hochpolitischer Akt.
Nicht zuletzt setzten die Ungültigwähler
ein deutliches Zeichen, wenn es am
Wahlabend heißt, so und so viel Prozent
aller Deutschen haben ihren Stimmzettel
ungültig gemacht. Der Weg wäre endlich
frei für eine offene politische
Diskussionskultur, die sich
grundlegenden Fragen stellt wie
plebiszitäre* Demokratie, Veränderung
des Wahlrechts sowie Entfernung des
Koalitions- und Fraktionszwangs.
Am Ende steht die Frage: Ist die
Ablösung der alten politischen
Inszenierung durch eine neue
Politikkultur nur ein Traum? Die
Alternative wäre freilich, alles geht so
weiter wie bisher, „die Politiker
regieren und wir lamentieren, dass sie
uns die Politik wegnehmen".
* Plebiszit = Volksabstimmung
Ob und
inwieweit das von Brüggemann beschworene
„Experiment Demokratie" aber die
Fähigkeit besitzt, „sich selbst infrage
zu stellen - und zu heilen", darüber
lässt sich trefflich streiten, stellt Günther
Fries (für die Tageszeitung Kölner
Stadt-Anzeiger) in den Raum.