Die Parteien haben das anders verstanden, anders verstehen wollen;
und waren dabei überaus erfolgreich. Sie haben dem harmlos
klingenden Zeitwort die Aufforderung entnommen, sich zu Herren des
gesamten Staatsapparates aufzuwerfen; und nicht nur des Staates
einschließlich der Verwaltung, der Beamtenschaft und des
öffentlichen Dienstes, sondern des täglichen Lebens überhaupt bis in
seine letzten, privat genannten Schlupfwinkel.
Mittlerweile dringt
der Parteibetrieb, wie es der frühere Bundespräsident Richard von
Weizsäcker einmal gesagt hat,
durch alle Ritzen der Gesellschaft;
es
ist schwierig, wo nicht
sogar unmöglich, Gerichtspräsident,
Rundfunkintendant, Schulrat oder Sparkassendirektor zu werden, ohne
dass die Parteien bei solchen und ähnlichen Vorgängen ein Wort
mitsprechen - meist das entscheidende.
Einer der hartnäckigsten Kritiker dieser Selbstermächtigungspolitik
war und ist der Freiburger Politologe Wilhelm Hennis. Die Aufsätze,
mit denen er die fatale Entwicklung über die Jahre hin begleitet
hat, sind unter dem Titel "Auf dem Weg in den Parteienstaat" bei
Reclam erschienen und bis heute, ja heute sogar erst recht eine
erhellende Lektüre. Der erste Satz in dieser Sammlung lautet:
"Die politischen Parteien waren bis
zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch eine Randerscheinung des
politischen Lebens. Heute bestimmen sie in fast allen Staaten der
Welt die Formen und Inhalte der politischen Willensbildung."
Das Heute, von dem der Aufsatz hier spricht, liegt etliche
Jahrzehnte zurück; der Text erschien im Jahre 1969. Was würde, was
müsste Hennis heute wohl sagen, nachdem sich die Parteien 40 Jahre
lang damit beschäftigt haben, ihre ohnehin schon starke
Machtstellung noch weiter zu befestigen?

Tatsächlich haben die
Parteien, gestützt auf eine höchst
einseitige Auslegung des von ihnen sogenannten
Parteienprivilegs,
die Macht in allen ihren ursprünglich einmal getrennten Parzellen an
sich gebracht und dergestalt eine der wichtigsten Vorkehrungen gegen
den
Machtmissbrach,
die Teilung der Gewalten, außer Kraft gesetzt.
Wohin man sich auch wendet, an die Regierung, an die Gerichte oder
an das Parlament: Die Parteien sind immer schon zur Stelle und
sorgen dafür, das nichts gegen ihren Willen geschieht. Am
folgenreichsten haben sie die Parlamentsarbeit entstellt, indem sie
den Abgeordneten zu einen mehr oder weniger gehorsamen
Parteisoldaten degradiert haben, der seinem Gewissen nur dann folgen
darf, wenn es die Fraktionsführung erlaubt. Als eine Maschine,
spezialisiert auf die Eroberung und Verteidigung der Macht, arbeitet
die Partei genauso, wie Hennis sie beschreibt:
"Sie lässt sich vor jedes Ziel
spannen, jeden Inhalt kann man in sie hineintun. Parteien können ein
kostbares Besitztum der politischen Freiheit sein, sie können
genauso das Werkzeug erbarmungsloser Tyrannei abgeben."
Es gibt auch noch ein Drittes, das mittlerweile sogar als Regel
gelten darf: den
sanften Terror, der nicht zwingt, sondern lockt,
der das Volk statt mit Verbot und Strafe mit Abwrackprämien und
Sonderangeboten, Beitragsermäßigungen und Steuersparmodellen an die
Leine nimmt. Dieser moderne, sozialpolitisch weichgespülte Terror
verspricht den Leuten ein Leben mit wenig Arbeit und üppigen Renten
- vorausgesetzt, sie geben sich mit Lohn und Alterslohn zufrieden
und halten ansonsten Ruhe. Nicht der mündige, sondern der satte, der
träge, der selbstgefällige Bürger, der Bürger in seiner Doppelrolle
als Produzent und Konsument, ist das Ideal der Parteien. Alle vier
Jahre brauchen sie ihn als Wähler, als aktives Mitglied aber nur
dann, wenn er dazu bereit ist, beim Spiel um die Macht nach ihren
Regeln mitzutun. Hennis zitiert aus den einschlägigen Bestimmungen
und folgert sarkastisch:
"Wer das liest, der sieht im Geiste
eine etwas dusselige Bevölkerung, die von ihren im ständigen Einsatz
befindlichen Hinführern auf den Pfad der politischen Bildung und
Tugend gebracht wird. Das politische Deutschland - eine ewige
pädagogische Provinz."
Von einer lebendigen Verbindung zwischen unten und oben, zwischen
dem Volk und den Staatsorganen kann im Ernst keine Rede sein.
Die
Parteien haben den Sitz der Macht mit ihren Truppen umstellt, sie
bewachen die Zugänge und lassen nur solche Leute passieren, die die
Parole kennen und routiniert nachsprechen. Quereinsteiger wie Paul
Kirchhof*, die vom Klüngel wenig, dafür aber umso mehr von der Sache
verstehen, stören nur und werden weggebissen, zuerst von den
Freunden in der eigenen, danach von den Gegnern in den anderen
Parteien. Das Ergebnis ist eine politische Klasse, die den
Ansprüchen, die an sie gestellt werden müssen, nicht mehr gerecht
wird.
* 1943 in Osnabrück geboren, deutscher Verfassungs- und
Steuerrechtler, Professor an der Juristischen Fakultät der
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er war von 1987 bis 1999
Richter am Bundesverfassungsgericht.