Der zwanghafte Mensch und die Aggression

Auszüge aus dem Buch von

Fritz Riemann (kurzer Lebenslauf >hier<)

Grundformen der Angst - Ein tiefenpsychologische Studie

Ernst Reinhardt Verlag 1985, ISBN 3-497-00749-8

 

 

Auch der zwanghafte Mensch hat Schwierigkeiten mit seinen Aggressionen und Affekten. Er hat es zu früh lernen müssen, sich zu kontrollieren und zu beherrschen; spontane Reaktionen sind, wie wir bei der Betrachtung seiner Lebensgeschichte sehen werden, angstbesetzt; Äußerungen von Wut, Haß, Trotz und Feindseligkeit usf. mußte er von der Kindheit an unterdrücken, sie wurden bestraft oder waren von Liebesentzug gefolgt. Aber im Leben sind sie unvermeidlich - was also mit ihnen tun? Da sein Ich schon etwas kräftiger entwickelt ist, als beim Depressiven, hat er als Kind nicht dessen Verlustangst, derentwegen er seine Affekte aufgibt, sondern er mußte aus Strafangst sich seine Aggressionen verbieten. Sehen wir uns die Möglichkeiten an, die für ihn in solcher Situation übrig bleiben.


Die häufigste wird sein, daß er mit seinen Affekten und Aggressionen sehr vorsichtig umgeht; er wird zögern und zweifeln, ob er in einer Situation aggressiv sein darf, und wenn er es war, danach oft die Neigung haben, das Geäußerte wieder abzuschwächen, zu mildern, oder zurückzunehmen, zu widerrufen, wie in diesem Beispiel: Als ein Patient in einer Behandlungsstunde einmal eine etwas aggressive Bemerkung über seine Frau gemacht hatte, über die er sich mit Recht geärgert hatte, sagte er sofort abschwächend: »Das war natürlich übertrieben von mir gesagt; ich habe es nicht ausschließlich so gemeint, nur zur Verdeutlichung; bitte mißverstehen Sie mich nicht, Sie könnten sonst einen falschen Eindruck bekommen - wir verstehen uns im allgemeinen sehr gut.« Hier sieht man gut, mit welchem Schrecken und folgenden Schuldgefühlen eine Aggressionsäußerung erlebt wird; diese Abschwächungstendenz kann sich bis zur Wiedergutmachung oder zur Selbstbestrafung steigern.


Auch beim zwanghaften Menschen kann es zu einer Ideologiebildung kommen als weiterem Lösungsversuch des Konfliktes, Affekte zu haben, sie aber nicht äußern zu dürfen. Bei ihm wird der Verzicht auf die Affekte meist über die Ideologisierung der Selbstbeherrschung und Selbstzucht vollzogen: Affekte zu äußern, ist dann ein Zeichen von Sichgehenlassen, von Sich-nicht-in-derHand-Haben, ein Verhalten, das unter seiner Würde ist. So gesund das in gewissen Grenzen ist, besteht dabei doch die Gefahr, daß er sich damit überfordert, daß die Affekte zu sehr abgedrosselt werden und sich nun innen aufstauen, dann immer mehr Kontrolle brauchen, damit sie nicht durchbrechen. Daraus können sich Zwangssymptome entwickeln wie bei einer Frau, die ihre feindseligen Gefühle gegen ihren Mann nie äußerte, dafür eine Angst vor Messern und spitzen Gegenständen entwickelte, die sie sofort wegräumen mußte, wenn sie ihr zu Gesicht kamen - sie hätten die unterdrückten Aggressionen auslösen können, wenn sie länger in ihrem Blickfeld geblieben wären, und wer weiß, wozu sie dann fähig gewesen wäre. Hätte sie sich mit ihrem Mann auseinandergesetzt, wären ihre Aggressionen gar nicht so bedrohlich geworden, wie es durch die Stauung der Fall war.


Ein Soldat bei der Minenverlegung im 2. WeltkriegEine weitere Möglichkeit für zwanghafte Menschen in jenem Dilemma ist es, nach gleichsam legitimen Möglichkeiten für ihre Aggressionen zu suchen, nach Anlässen und Gelegenheiten, die ihnen Aggressionsäußerungen nicht nur erlauben, sondern sogar noch als einen Wert erscheinen lassen - was ja in manchen Berufen möglich ist. Dann bekämpfen sie all das, was sie sich selbst verbieten mußten, nun überall, wo sie darauf stoßen. So können Fanatiker auf allen möglichen Gebieten entstehen, die unerbittlich, kompromißlos und rücksichtslos immer gegen irgendetwas kämpfen - sei es auf hygienischem, auf triebhaftem, moralischem oder religiösem Gebiet. Sie richten die Aggression nicht mehr gegen sich selbst, wie die Depressiven, sondern gegen etwas oder jemanden draußen, mit gutem Gewissen, weil sie überzeugt sind, damit etwas Notwendiges zu tun. Man kann sich vorstellen, wie gefährlich das werden kann; denn wenn man vor allem nach einem Ventil für seine Aggressionen sucht, wird man überall etwas finden, gegen das man »aus Überzeugung« angehen kann. Das erlaubt ihnen sogar massivste Aggressionen, die durch den Zweck nun geheiligt werden können - wir hatten bei den christlichen Ideologien schon darauf hingewiesen.

 

Auch hier ist die Grenze zwischen dem Gesunden und dem Kranken sehr schmal, denn die Aggression verbindet sich nun mit Normen, die an sich einen Wert bedeuten, zumindest bedeuten können. Wie katastrophal es sich auswirken kann, wenn man etwa ein Kollektiv dazu bringt, seine Aggressionen in den Dienst einer Ideologie zu stellen, konnten wir in der Judenverfolgung im Dritten Reich erleben, können wir bei allen Kriegen sehen, in denen die Vernichtung des Feindes zur Tugend erhoben und womöglich von der Kirche noch sanktioniert wird.


Eine etwas mildere Variante der beschriebenen »legitimierten« Aggression ist die übermäßige Korrektheit, die, neben der Unterdrückung der Aggression, wohl die häufigste Form zwanghafter Aggressionsäußerung ist - ohne daß dem Zwanghaften hierbei die Aggression bewußt zu sein pflegt. Die Möglichkeiten, seine Affekte durch solche Korrektheit auszuleben bis zu ans Sadistische grenzenden Verhaltensweisen, sind außerordentlich zahlreich: der Beamte, der auf die Minute pünktlich den Schalter schließt, auch wenn er leicht noch jemanden abfertigen könnte; der Lehrer, der den kleinsten Interpunktions- oder Unaufmerksamkeitsfehler ankreidet; der Prüfer, der nur die haargenau von ihm erwartete Antwort als richtig gelten läßt; der Richter, der sich an den Buchstaben des Gesetzes hält, für den Tat Tat ist, ohne Berücksichtigung der Motivation - es ließen sich noch viele Beispiele für solche Aggressionsäquivalente finden. Sie alle leben auf solche scheinbar legitime Weise durch Überkorrektheit ihre Aggressionen aus, mißbrauchen ihre Macht, und tarnen ihr Verhalten vor sich selbst damit, daß sie ja nur konsequent etwas Richtiges, einen Wert vertreten. Das ist aber gerade das Gefährliche an der Aggression Zwanghafter, daß sie sich so oft auf Werte berufen, wodurch dann schwer zu erkennen ist, was für die Sache notwendig, was Selbstzweck dabei ist. Natürlich, »Ordnung muß sein« - aber eine lebendige, und keine pedantische Ordentlichkeit; und Sittlichkeit ist ein Wert - aber eine lebensfeindliche Moral ist es nicht mehr.


Von hier aus führt eine direkte Linie zu allem, was wir als Dressur bezeichnen können, als Drill, wie wir ihn vom Militär her kennen. Für die Aggression Zwanghafter ist es, wie wir sahen, überhaupt charakteristisch, daß sie sich an Normen, Regeln und Prinzipien hält; sie geschieht bevorzugt »im Namen von ...« und pflegt eng mit dem Machttrieb gekoppelt zu sein. Dadurch kann man ihnen die Aggression oft schwer nachweisen, und sie bekommt gleichsam etwas Überpersönliches, Anonymes, wohinter sich die persönliche Lust an der Aggression verbirgt.


Ein weiteres Charakteristikum für die zwanghafte Aggression ist ihre Verbindung mit dem Machtwillen; sie ist nicht mehr nur Abwehr, Selbstschutz und Abreaktion von Angst wie beim Schizoiden, sondern bei ihr geht es um Macht. Die Aggression der Zwanghaften dient der Macht, und die Macht dient wieder der Aggression. Daher finden wir zwanghafte Menschen in Berufen, die Macht verleihen und gleichzeitig die Möglichkeit bieten, ihre Aggressionen legal auszuleben, im Namen der Ordnung, der Zucht, des Gesetzes, der Autorität usf. Es wird uns daher nicht wundern, daß viele Politiker mehr oder minder ausgesprochen zu diesem Strukturtypus gehören, Militärs, Polizei, Beamte, Richter, Geistliche, Pädagogen und Staatsanwälte. Es hängt dann von der Reife und Integrität der jeweiligen Persönlichkeit ab, wie sie mit Macht und Aggression umgeht. Wie jede Gesellschaft bietet auch die unsere mit ihren Ordnungen und Hierarchien dem Zwanghaften reiche Möglichkeiten, unter dem Deckmantel eines guten Prinzips, seine Aggressionen und seinen Haß legitim auszuleben. Elternhaus, Schule und Kirche sind die ersten erzieherischen Milieus bzw. Institutionen, die durch Drill, Dressur, lieblose Erziehungsmethoden, durch das Erwecken von Schuldgefühlen und durch Strafen einen dankbaren Boden abgeben für spätere zwanghafte Persönlichkeitsentwicklungen der Kinder - wir werden das im nächsten Kapitel noch besser verstehen.


Eine Form zwanghafter Aggression, der man schon in der sprachlichen Bezeichnung ihre Herkunft ansieht, ist die Verschlagenheit, also die hinterlistig-feige, versteckte Aggression, die aus dem Hinterhalt zuschlägt. Wir finden sie bei Menschen, die in ihrer Kindheit für ihre Aggressionsäußerungen schwer gestraft wurden; sie durften Trotz, Affekte usf. nie offen austragen, nur heimlich und hinterrücks - sie wurden eben im wörtlichen Sinne »verschlagen«, sobald sie es wagten. Die Grenze zur Tücke, Heimtücke, zum »Wolf im Schafspelz« ist dann eine sehr schmale.


Eine weitere Folge zu strenger Strafen vor allem für die motorisch-expansiven und affektiv-aggressiven Verhaltensweisen des Kindes ist es, daß das Kind dadurch kein gesundes Körpergefühl entwickeln kann. Es lernt nicht richtig, mit seinem Körper umzugehen, fühlt sich in ihm »nicht zu Hause«. Denn um Freude an seinem Körper zu bekommen, muß man ihn frei betätigen dürfen, eine Bewegungsfreiheit haben, die man lustvoll erlebt. Muß man dagegen dauernd darauf achten, nirgends »anzuecken«, erwirbt man nicht nur eine motorisch-aggressive Gehemmtheit, sondern zugleich eine breite Unsicherheit im sich Bewegen, die wir in ihrer ausgeprägten Form als Linkischkeit zu bezeichnen pflegen, und die in schweren Fällen zur Tölpelhaftigkeit werden kann. Hier kann sich dann die Aggression nur noch in den schon erwähnten Fehlleistungen durchsetzen. Dem Ungeschickten, Linkischen, dem Tölpel »passieren« dann seine Aggressionen »ungewollt«, scheinbar ohne Absicht. So lebt er seine unterdrückten Aggressionen und Affekte nun in der Form aus, daß ihm »aus Versehen« die kostbare Vase aus den Händen fällt, die er mit Wasser füllen sollte, daß er stolpert und die Stehlampe dabei umreißt usf. Man kann sich dann zwar über ihn ärgern, ihn aber für das, was er angerichtet hat, nicht verantwortlich machen - er genießt dadurch eine gewisse Narrenfreiheit, und man hat ihm gegenüber vielleicht sogar ein gewisses wohlwollend-mitleidiges Überlegenheitsgefühl - so fein gesteuert können seine Rachehaltungen an der Umgebung verlaufen, die ursprünglich die Schuld daran trug, daß er »lauter Daumen« erwarb, und nicht selten ergibt sich dann noch ein weiterer Gewinn für ihn: man nimmt ihm alles ab, weil er es ja doch falsch tun würde, und so kann er sich um viel Lästiges drücken.


Am Rande sei noch erwähnt, daß das immerwährende sich Zusammennehmenmüssen und die überwertige Selbstkontrolle auch einen Ansatz abgeben kann für hypochondrische Selbstbeobachtung; diese kann nun wieder als Aggressionsäquivalent benutzt werden, indem man die Umwelt mit seinen hypochondrischen Ängsten und Symptomen quält und auf diese Weise alle heiteren Stimmungen zerstört. Dann kann der wirklich oder vermeintlich nicht richtig funktionierende Stuhlgang etwa eine Familienkatastrophe werden usf.


Als Aggressionsäquivalent bei zwanghaften Menschen können wir noch zwei Verhaltensweisen beschreiben, in denen sich - wiederum ihnen selbst nicht bewußt und daher ohne Schuldgefühle erlebt -, ihre unterdrückten Aggressionen und Affekte durchsetzen: das Trödeln, die Umständlichkeit, die Unentschlossenheit, womit sie ihre Umwelt erheblich quälen und belasten können - eine sehr feine, versteckte Form der Aggression. Hierher gehören die Frauen, die vor jedem Konzert- oder Theaterbesuch mit ihrer Toilette nicht fertig werden und den Partner zur Weißglut bringen können; oder die Männer, die für die Erklärung des einfachsten Tatbestandes, sozusagen bei Adam und Eva anfangen, wie in folgendem Beispiel eines zwanghaften Patienten, der mir erklären wollte, warum er sich heute um »fast zwei Minuten« (!) verspätet hatte: »Ich habe mein Büro pünktlich wie immer um 18.15 Uhr verlassen; ich bin in meinem gewöhnlichen Schritt zur Omnibushaltestelle gegangen; der Bus kam knapp 3 Minuten zu spät, holte aber dann etwa 1 Minute auf. Ich kam dann mit dieser Verspätung an der Haltestelle an, wo ich aussteigen muß, um zu Ihnen zu kommen; ich wollte davon noch etwas aufholen durch schnelleres Gehen, wurde aber von einer Frau aufgehalten, die mich nach einer bestimmten Straße fragte, und der ich natürlich Auskunft geben mußte - es war nicht ganz leicht, ihr den Weg zu beschreiben - die letzten Meter zu Ihnen bin ich dann im Dauerlauf gerannt.R Das hätte er - wenn die zwei Minuten Verspätung überhaupt erwähnenswert gewesen wären - in dem Satz zusammenfassen können: »Entschuldigen Sie, daß ich mich etwas verspätet habe.« Er war auch einer der Patienten, die mit der Minute genau zu ihrer Stunde auf die Klingel drücken - sie demonstrieren damit eine Neutralität, die unangreifbar ist: weder kommen sie zu früh, was man als aufdringlich verstehen könnte oder als ein Zeichen, daß sie vielleicht gern kommen, es nicht erwarten können; noch zu spät, was ihnen als Unhöflichkeit oder böswillige Absicht ausgelegt werden könnte. Eine Variante hiervon ist das Zurückhalten, das nicht Hergeben, soweit es nicht durch vernünftige Überlegungen begründet ist. Zwanghafte Menschen benutzen es ebenfalls als Aggressionsventil, als gleichsam indirekte Aggression. Der Ehemann, der prinzipiell sich um jeden noch so kleinen Betrag bitten läßt; das trotzige oder tödliche Schweigen, an dem der andere abprallt, sind Beispiele dafür. Man wird dann nicht offen aggressiv, so daß einem nichts vorgeworfen werden kann, und kann damit doch den anderen viel mehr treffen und verletzen. Man könnte allgemein sagen, daß der Zwanghafte mehr zu den Unterlassungs- als zu den Begehungssünden neigt - Unterlassungssünden sind schwerer nachzuweisen.


Gleichsam das Gegenstück dazu wäre die Aufdringlichkeit, die Distanzlosigkeit, die sich auch in der vom Volksmund so benannten »Rederitis« äußern kann, dem pausenlosen Reden, mit dem man jemanden mit Beschlag belegt, indem man »ohne Punkt und Komma« spricht. Und schließlich ist noch das Nörgeln zu erwähnen, das eine typische Aggressionsform Zwanghafter ist.


Sind Straf- und Gewissensangst und die Schuldgefühle im Zusammenhang mit seinen aggressiven Impulsen für den zwanghaften Menschen zu stark, so daß ihm auch die oben beschriebenen Möglichkeiten und Aggressionsäquivalente nicht mehr zur Verfügung stehen, kommt es auch bei ihm zur Somatisierung. Herz- und Kreislaufstörungen, Blutdruckschwankungen (vor allem Hochdruck, nicht selten der Vorläufer von Schlaganfällen), Kopfschmerzen bis zur Migräne, Schlafstörungen und Darmaffektionen (Koliken u. a.) können die Folgen bzw. der Ausdruck zu lang unterdrückter Affekte und Aggressionen in der Körpersprache sein. In ihnen spielt sich der für sie unlösbare Konflikt ab zwischen aggressiv sein wollen und nicht dürfen, zwischen zwingen wollender Macht und nicht gewagtem nachgebenden mit sich Geschehenlassen. Es kann aber auch durch den Stau der Affekte und den damit wachsenden Innendruck zu Durchbrüchen des Unterdrückten kommen bis zum Amoklaufen, zu Jähzornsausbrüchen und einem wahllosen Vernichtungswillen. In seinem Roman »Malte Laurids Brigge« hat Rilke einen solchen motorischen Durchbruch faszinierend beschrieben.


Ein Beispiel noch für die Somatisierung von Affekten und Aggressionen: Ein sehr korrekter und selbstbeherrschter Mann in hoher und verantwortlicher Position hatte seine mitmenschlichen Beziehungen so versachlicht und neutralisiert, daß in ihnen kaum noch etwas Emotionales enthalten war, vor allem keinerlei Affekthaftes. Er hatte sich dahin gebracht, weder Trauer noch Freude, weder Zorn noch Ungeduld jemals zu zeigen - er war durch nichts mehr zu erschüttern oder zu reizen in diesem Stoizismus, und er war stolz darauf, sich so in der Hand zu haben, seelisch unanfechtbar und immer überlegen zu sein. Aber er hatte doch eine verwundbare Stelle: In Situationen, in denen er eigentlich hätte ärgerlich, ja heftig werden wollen, es aber aus Prestigegründen und wegen seines Leitbildes von sich selbst nicht zuließ, bekam er immer häufiger deutlich wahrnehmbare Pulsbeschleunigungen und Herzschmerzen - seine Panzerung war offensichtlich nicht völlig geglückt. Als diese Symptome sich in einer Berufskrise, in der er viele Angriffe und Rivalitäten auszuhalten hatte, verschlimmerten, stellte der konsultierte Arzt einen drohenden Herzinfarkt fest, wenn er sich nicht mehr entspannen und entlasten würde - wobei, wie so oft, die berufliche Belastung gar nicht das Ausschlaggebende war, sondern seine ungemeine, unnatürliche Selbstbeherrschung und »Haltung«, die ihm kein Ventil offenließ für seine Affekte. Von Bismarck wissen wir, daß er aus Affektstau zu Weinkrämpfen neigte und in Teppiche biß. Es kann oft eine Tragik darin liegen, daß Menschen mit starken Affekten in Ämtern stehen, wo sie glauben, sich Affekte nicht leisten zu dürfen, wegen ihres Images oder wegen eines selbstauferlegten Leitbildes...


...Ich will noch eine Aggressionsabwehr erwähnen, die vor allem für den Zwanghaften charakteristisch ist: er kann sich vor seinen Aggressionen dadurch schützen, daß er die Person, der sie gelten, idealisiert und dadurch unangreifbar macht - nach der Kindheit finden wir das vor allem in Schüler-Meister-Beziehungen wieder - letztlich bleibt man aber so immer noch ein Stück Sohn oder Tochter; das gilt auch für den religiösen Bereich.


Der lebensgeschichtliche Hintergrund


Die ersten wichtigen und bestimmte Verhaltensweise bereits tief einspurenden Möglichkeiten für Erlebnisse seines Eigenwillens oder aber des Gehorchenmüssens bietet die Sauberkeitserziehung. Hier kann bereits der Grund gelegt werden sowohl für eine gesunde Selbstbestimmung des Kindes, als auch für Trotzhaltungen oder aber für nachgiebige Gefügigkeit, je nachdem, wie das Kind bei der Sauberkeitserziehung behandelt wird: ob man ihm Zeit läßt, diesen Schritt allmählich zu vollziehen; ob man seinen Trotz konstelliert durch zu forcierte Dressur, oder ob man schließlich seinen Eigenwillen ganz früh bricht durch Erzwingen und Strafen. Aber mit den vorbeschriebenen, dem Kind immer mehr zuwachsenden Fähigkeiten, und durch sein Bedürfnis, etwas mit der Welt anfangen, etwas mit den Dingen tun zu wollen, entstehen immer mehr Situationen, in denen es mit der Welt zusammenstoßen kann, stört, und sich durch die Reaktionen der Umwelt als »böse«, »unartig« erlebt. In dieser Zeit etwa des 2. bis 4. Lebensjahres wird im ersten Ansatz das Schicksal seiner expansiv-motorischen und aggressiven Triebe, sowie die Ausformung seines Eigenwillens entschieden; seine hier erlernten Verarbeitungsweisen werden zu Verhaltensmodellen für seine Persönlichkeitsentfaltung.


Es ist nun von entscheidender Wichtigkeit, wann und wie diese ersten Gebote und Verbote an das Kind herangetragen werden. Mit dem Erleben der ersten Ansätze von Gut-oder-böse-Sein wird ja erst ein »Sündenfall« möglich. Nun heißt es erstmals »du sollst« oder »du darfst nicht« oder »du darfst jetzt nicht« usf., und das Kind erfährt sich im Gehorchen als gut, im Trotzen als böse beurteilt. Wird es zu früh oder zu spät mit diesen Forderungen konfrontiert; handhabt man sie zu starr und zu prinzipiell, oder zu lasch und zu inkonsequent; werden Trotz und Ungehorsam im ersten Ansatz gebrochen, oder durch liebevolle Führung in freiwillige Leistung übergeleitet - all das ergibt jene frühen Prägungen, die hier vor allem das Umgehen mit seinem Eigenwillen und mit seiner Spontaneität als weitestem Überbegriff der betroffenen Impulse grundlegend vorformt. So entsteht hier die tiefste Grundlage dafür, ob ein Mensch später ein gesundes Selbstbewußtsein, gesunden Eigenwillen und Zivilcourage besitzt, oder ob er Autoritäten gegenüber sich trotzig auflehnt, oder gefügig anpaßt, und damit bereits die Ansätze zu einer später zwanghaften Persönlichkeitsstruktur erwirbt.


Es beginnt etwa damit, daß alles in der Umgebung des Kindes immer nur in einer ganz bestimmten Weise geschehen und getan werden darf, daß es Abweichungen von dieser Norm als gefährlich oder als sein Bösesein erlebt. Die Reaktionen der Umwelt auf sein »Fehlverhalten«: Tadel, Warnungen, Drohungen, Liebesentzug und Strafen, assoziieren, verbinden sich in ihm hinfort mit seinen der Umwelt offenbar unerwünschten Impulsen. Es macht etwa die Erfahrung, daß die Mutter es vorwurfsvoll und tadelnd ansieht oder straft, wenn es laut ist, etwas umwirft oder kaputt macht. Es wird durch solche, sich wiederholende Erfahrungen zumindest vorsichtiger, zögernder, kontrollierter, vielleicht auch schon verunsichert und gehemmt werden; bei schweren Ängsten wird sich mit dem Aufkommen eines Impulses in der gefährlichen Richtung, allmählich ein Reflex einfahren, der ihn sofort abbremst oder unterdrückt...

 

Der zwanghafte Mensch hat also in seiner Kindheit zu früh die Erfahrung gemacht, daß in der Welt vieles nur in einer ganz bestimmten Weise getan werden darf, und daß vieles verboten war, was er gern getan hätte. So entstand in ihm auch die Vorstellung, daß es offenbar immer so etwas wie das absolut Richtige geben müsse, woraus sich sein Hang zum Perfektionismus entwickelt. Diesen Perfektionismus erhebt er zum Prinzip; er möchte allem Lebendigen Bedingungen stellen, wie es seiner Meinung nach sein sollte, »weil« - wie Morgenstern seinen Palmström sagen läßt - »nicht sein kann was nicht sein darf«.


Aber auch ein Kind, das in einem chaotischen Milieu aufwächst, kann zwanghafte Züge entwickeln, hier aber reaktiv und kompensatorisch: es findet in seiner Umwelt keine Orientierungsmöglichkeit, keinen Halt, erlebt eine Freiheit, die es ängstigt, weil darin alle Möglichkeiten der Willkür enthalten sind. Es sucht dann nach einem inneren Halt, weil es draußen keinen findet. Es wird versuchen, aus sich heraus Ordnungen und feste Grundsätze zu entwickeln, an die es sich halten kann und die ihm Sicherheit geben. Diese nehmen dann zwanghafte Formen an, weil sie durch seine Umgebung immer wieder gefährdet werden, daher um so mehr an ihnen festgehalten werden muß.
 


Fritz Riemann, 1979 im Alter von 77 Jahren verstorben, war nach einem Studium der Psychologie und der Ausbildung zum Psychoanalytiker in Leipzig und Berlin Mitbegründer des Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie in München. Dort wirkte er als Dozent und Lehranalytiker und führte eine eigene psychotherapeutische Praxis. Seine Verdienste um die Psychoanalyse brachten ihm die Ehrenmitgliedschaft der »American Academy of Psychoanalysis« in New York. In diesem Buch entwirft der Autor, ausgehend von den Grundängsten der menschlichen Existenz, eine Charakterkunde, die den fachgebundenen Rahmen sprengt und Lesern aller Schichten Einsicht in die psychoanalytische Praxis gewährt. Seine »Grundformen« - schizoide, depressive, zwanghafte und hysterische Persönlichkeiten - sind fester Bestandteil der Psychologie geworden.