Der Begriff "Opfer" ist im Deutschen doppeldeutig. Er verweist auf das Heilige und das Säkulare, auf den Opferstock in den Kirchen und auf das profane Unfallopfer. Andere Sprachen, zum Beispiel das Englische, trennen das sakrale "sacrifice" vom weltlichen "victim". Doch auch Letzteres hat eine religiöse Wurzel, denn das lateinische "victima" bedeutet "Opfertier". Allen Bedeutungen des Wortes Opfer ist gemeinsam, dass die Geopferten als unschuldig angesehen werden. Wir stellen Opfer automatisch auf die Seite der Guten. Dabei sind sie das nicht immer, vor allem aber ist das Opfern kein unschuldiger Akt.
El Greco: Christus am Ölberg, 1610-1612, Öl auf Leinwand (Bild:
© Szépmüvészeti Múzeum, Budapest; Photo: D. Jözsa)
Es gibt nicht wenige
Gelehrte, die annehmen, das geheime Zentrum der Religionen sei das
Opfer. Der Totemismus sei die Urform aller Religionen, vertrat
der französische Soziologe Emile Durkheim in seinem 1912
erschienenen Buch "Die elementaren Formen des religiösen Lebens".
Das Totem war das Wappentier eines Clans, es galt der Sippe als
"heilig" im ursprünglichen Sinne von unberührbar, ausgesondert,
tabu. Wer das Tier tötete, mordete den Clan. Das Totemtier als
gottähnliches Wesen forderte vom Clan zivilisatorische
Verhaltensregeln, damit das Zusammenleben der Menschen nicht in
Gewalt endete. Die Clanmitglieder lebten ihre mörderische Wut auf
dieses domestizierende Wesen in regelmäßigen, streng ritualisierten
Festen aus. Dabei schlachteten sie das Wappentier und aßen es
gemeinsam auf, in einer Art Kommunion, die Tod und
Wiederauferstehung des ganzen Clans symbolisierte. Diese Rituale,
glaubt Durkheim, befähigten unsere Vorfahren, Urformen von Moral und
Recht zu entwickeln.
Die Hominiden in der afrikanischen Steppe waren selbst
jahrtausendelang Opfer von wilden Bestien - von dieser These geht
die US-Publizistin Barbara Ehrenreich in ihrem Buch "Blutrituale"
aus. Ständig waren die Vormenschen auf der Flucht vor gefährlichen
Löwen, Hyänen oder Säbelzahntigern. Um die Gruppe zu retten, kamen
sie irgendwann auf die Idee, einen der ihren zu opfern: einer für
alle. In unzähligen Kulturen wird dieses Urtrauma in immer neuen
Variationen dargestellt: Menschen werden weiblichen und männlichen
Raubtiergöttern zum Fraß vorgeworfen. Die unangenehme Erfahrung, nur
ein leckerer Happen zu sein, ist wohl die Ursache für die
menschliche Angewohnheit, Gewalt zu sakralisieren und das Blutopfer
zu heiligen.
Verständlicherweise fanden es schon die Urmenschen nicht so
attraktiv, als Mittagessen eines Säbelzahntigers zu dienen. Einer
der wichtigsten Schritte in der Menschheitsgeschichte bestand
deshalb darin, den Bratspieß umzudrehen und selbst zum Jäger zu
werden, zur Bestie, die die tierische Bestie zum Schnitzel macht.
Abzulesen ist diese revolutionäre Wende in der Änderung der
religiösen Kulte vom Menschenopfer zum Tieropfer. Damit feierten die
Menschen ihren Sieg über die Tiere. Tieropferkulte finden sich in
fast allen Kulturen, ob bei den alten Ägyptern, Hebräern, Griechen,
Persern, Römern oder anderen.
Das Opfer wird zur Verhinderung von Gewalt getötet. Doch sein
Leiden, seine brutale Instrumentalisierung, sein Tod kann damit
nicht ungeschehen gemacht werden. Gegen seinen eigenen Willen
heiligt es die Gewalt und sorgt für deren Tradierung. Das Opfer
schafft weitere Opfer, der Gewaltzyklus setzt sich fort.
Fleischhungrige Priester dürfen weiter Messer wetzen. Übrig bleiben
ein Haufen Knochen, jede Menge Schuldgefühle und tiefe Angst vor der
Rache der Opfer.
Vor ihrem Auszug aus Ägypten praktizierten auch die alten Hebräer
das Menschenopfer. Ihr Gott fordert sie an mehreren Stellen des
Alten Testamentes dazu auf. Abraham, verlangt er, solle seinen
geliebten Erstgeborenen Isaak opfern. Erst als dieser das Messer am
Hals des Sohnes ansetzt, schiebt ihm Gott ein Opfertier unter. Nun
dürfen es Tiere sein, und sie können auch als "Sündenböcke" in die
Wüste gejagt werden.
Noch später ersetzt das Gesetz das Opfer, wenn auch leider nicht
konsequent. Die Juden schließen einen Bund mit Gott, in dem sie auf
Opfer verzichten und die Befolgung der göttlichen zehn Gebote
geloben. Die religiöse Pflicht zu täglichen Gebeten, guten Werken
und dem Studium der Tora werden zu symbolischen Ersatzhandlungen für
das Opfer. Zuerst Tieropfer anstelle von Menschenopfern, dann
Rituale anstelle von Tieropfern: Das sind eindeutige Fortschritte in
der Menschheitsgeschichte. Endlich muss kein Blut mehr fließen.
Aber das Christentum setzt das Menschenopfer wieder neu in Szene.
Der Sündenbock wird zum Lamm Gottes, das am Kreuz alle Sünden auf
sich nimmt. Und wer im gemeinsamen Abendmahl von Christi Leib kostet
und von seinem Blut trinkt, der ist - nein, kein Kannibale, sondern
von allen Sünden erlöst. Der Psychoanalytiker Ernst Simmel
kommentierte, ich zitiere: "Das Christentum führte symbolisch die
Totemfeste der Urzeit wieder ein."
Fra
Bartolomeo: Grablegung Christi (1516)
Im
Koran findet sich fast die gleiche Opfergeschichte wie im Alten
Testament. Abraham, der gemeinsame Urvater der Juden, Christen und
Moslems, nennt sich hier Ibrahim, und sein Sohn heißt Ismail.
Diesmal ist er nicht der Sohn Sarahs, sondern der von Abrahams
zweiter Frau Hagar, und er ist mit seiner Opferung sogar
einverstanden. In einer zeitgenössischen Interpretation dieser
Koranstelle heißt es, ich zitiere: "Die Wahl Ibrahims war das
Opfern, die von Ismail Aufopferung, das Martyrium, die Schahada."
Aber Ibrahims Messer
schneidet nicht, Allah schickt einen Widder als Ersatz und rettet
Ismail. An die heldenhafte Opferbereitschaft dieser beiden, sagen
islamische Gläubige, erinnere noch heute das Opferfest zum Ende der
alljährlichen Pilgerfahrt nach Mekka. Jeder gute Moslem ist
verpflichtet, an diesem Tag ein Tier zu opfern und das Fleisch mit
Verwandten und Bekannten zu teilen. Vor diesem Hintergrund kam der
gute Moslem und irakische Ministerpräsident Nuri al Maliki auf die
unglückselige Idee, an diesem Tag einen Menschen zu opfern und
gewissermaßen sein Fleisch mit allen Irakern zu teilen. Saddam
Hussein wurde am Morgengrauen des Opferfestes gehängt.
Bei den Schiiten wird das Opfern durch eine weitere Geschichte
geheiligt: Hussein, der Enkel des Propheten Mohammed, wurde im Jahre
680 in der Ebene der heutigen irakischen Stadt Kerbela von der Armee
des Tyrannen Yazid mitsamt seinen letzten Gefolgsleuten
niedergemetzelt. Aus der Vorstellung heraus, jeder Schiit trage
Mitschuld am Märtyrertod Husseins, werden alljährlich im
schiitischen Trauermonat Muharram pathetische Prozessionen und
Selbstgeißelungen abgehalten. Nur durch Bußübungen und neues
Martyrium erscheint den Gläubigen Erlösung möglich.
Dem sunnitischen Islam ist diese Idee von Selbstopfer und Erlösung
jedoch fremd. Diese Glaubensrichtung wird in den arabischen Staaten,
Afghanistan, Pakistan oder Palästina praktiziert. Dass heute
schiitische wie sunnitische Selbstmordattentäter zum Menschenopfer
zurückkehren, ist eine makabre Pointe der Weltgeschichte, mit
verursacht durch moderne Medien und Internet, die aller Welt dieses
vermeintliche Heldentum verkünden.
Mit egomanischer Selbstherrlichkeit fordern die Suizidbomber die
Krieger der westlichen Welt heraus. Der heroische Männlichkeitswahn
in den islamischen Staaten und der popheroische in den christlichen
USA schaukeln sich gegenseitig hoch. Der bekannte US-Kommentator
Thomas Friedman schrieb 2003 in der "New York Times", ich zitiere:
"Unter radikalen Muslimen hatte sich der Glaube breit gemacht, dass
sich das Machtgefälle zwischen der arabischen Welt und dem Westen
durch Selbstmordattentate ausgleichen lässt, weil wir [ also die
Amerikaner] verweichlicht seien und ihre Leute bereit zu sterben.
Diese Blase konnte man nur zerstechen, indem amerikanische Soldaten
ins Herz dieser Welt vordrangen, von Haus zu Haus, und klarmachten,
dass wir bereit sind, zu töten und zu sterben." Es war ein
tragischer Fehlschluss, die Blase "zerstechen" zu können. Das
Ergebnis ist heute im Irak zu besichtigen.
Dass Selbstmordattentäter in bestimmten Kreisen als Helden gelten,
macht die Gefährlichkeit von Opferkulten deutlich. Suizidbomber
schwingen sich auf zu Gottgleichen, die das Recht haben, das Leben
anderer Menschen zu beenden. Inzwischen sprengen sich sogar ältere
Frauen in die Luft; so geschehen etwa im November 2006 in Palästina.
Was eine gestandene Großmutter mit den versprochenen 72 Jungfrauen
im Paradies anfangen will, bleibt dabei ihr Geheimnis. Die
Gefolgsleute Osama bin Ladens hatten mit diesem Sonderangebot an
jungfräulichen Bräuten arabische Freiwillige in den achtziger Jahren
in den Afghanistankrieg gelockt, heute ist es der Irakkrieg.
Aber Selbstmordattentäter und Menschenopferer sind wahrlich kein
rein islamistisches Phänomen. Wir kennen die japanischen
Kamikazeflieger oder die Suizidkämpfer der Tamil Tigers
in Sri Lanka. Auch hierzulande wollten selbsternannte Rächer der
Enterbten mit echten Eierhandgranaten am Sprengstoffgürtel ihre
vermeintliche Männlichkeit beweisen: die Amokläufer von Erfurt und
Emsdetten.
Dazu passend ist es in vielen Cliquen von Jungmachos Mode geworden,
vermeintliche Schwächlinge als "Du Opfer!" zu beschimpfen. Mancher
Kommentator hat schon darüber gesonnen, wie das mit unserer heutigen
Anerkennungskultur gegenüber Kriegs- oder Diskriminierungsopfern
zusammenpasst. Aber die Jungs scheren sich nicht darum, dass es eben
nicht zusammenpasst. Sie gehen einer uralten Lust am Verhöhnen,
Verspotten und Drangsalieren von Schwächeren nach. Bloß warum?
Dahinter steckt oft der Versuch, Minderwertigkeitskomplexe und
Ängste vor sozialer Entwertung abzuwehren. Viele Täter waren früher
selbst Opfer. Was nichts entschuldigt, aber viel erklärt. Männer,
die als kleine Jungen geschlagen, gedemütigt und beschämt wurden,
werden als Erwachsene oft selbst zu Tätern. Sie orientieren sich an
den gewalttätigen Männern in ihrer Familie, die ihnen vormachen,
dass sich Männlichkeit durch rabiate Durchsetzungsfähigkeit und das
Niedermachen eigener Ängste definiert. Frauen, die als kleine
Mädchen verprügelt, verhöhnt oder gar sexuell missbraucht wurden,
schaffen es hingegen oftmals nicht, jemals aus der Opferrolle
herauszukommen. Sie haben keine weiblichen Rollenvorbilder, die
ihnen zeigen, wie das gehen könnte. Nicht selten geraten sie als
Erwachsene an gewalttätige Männer und erleben einen tragischen
Wiederholungszwang.
Noch einmal zurück zum christlichen Menschenopfer. Wenn ich
tagtäglich vor einem schmerzverzerrt leidenden und blutenden
Christus niederknie, der auch für mich gestorben ist, fühle ich mich
tief in Gottes Schuld. Tief ist auch meine Angst, Gott werde sich
für den Verlust seines einzigen Sohnes womöglich rächen. Diese
Gefühle, bewusst oder verdrängt, sind der Strick, mit dem
Kirchenführer Gläubige an sich zu binden versuchen. Je unschuldiger
Jesus, der Opferheld, das Unschuldslamm, in seiner Heiligkeit
aufleuchtet, desto schuldiger fühle ich mich.
Deshalb haben christliche Gläubige immer wieder Schuldige
gesucht, auf die sie ihre unerträglichen Schuldgefühle projizieren
konnten, und sie fanden die Juden als Christusmörder. Schon
Paulus verkündete in der Bibel: "Die Juden haben den Herrn Jesus
getötet... und gefallen Gott nicht und sind aller Menschen Feind."
Und Martin Luther unterbreitete seinerzeit der Obrigkeit
verschiedene Vorschläge, wie man mit den Juden verfahren solle: "Erstlich,
dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke... Zum
zweiten: dass man ihre Häuser desgleichen verbrenne und zerstöre..."
Offenbar hat der Erlöser eben doch nicht so gründlich erlöst wie
erhofft. Und der zynische Machtmensch Hitler hat genau gespürt, wie
er die Schuldgefühle der Deutschen, die sie wegen der Millionen von
Toten im Ersten Weltkrieg empfanden, für neue Verbrechen ausnutzen
konnte. Kriminologen kennen das Phänomen, dass Verbrecher immer
neue Verbrechen begehen, wenn sie unfähig sind, sich Schuld- und
Schamgefühlen zu stellen. Die Deutschen verstrickten sich in der
Nazizeit immer tiefer in Untaten, sodass am Ende kaum jemand mehr
ohne Schuld blieb. Schuldgefühle können mörderisch sein. Sie lassen
eine Täter-Opfer-Täter-Kette entstehen: Man opfert sich, um die
eigene Täterschaft zu verstecken.
Auch heute kommen die christlichen Kirchen offenbar nicht ohne
Opferkitsch aus. Der Limburger Alt-Bischof Franz Kamphaus
schrieb in einem Artikel für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung",
ich zitiere: "Leben ist... nur auf Kosten anderen Lebens möglich.
Wie der schöpferische Aufbau die Zerstörung des Alten erfordert, so
muss Lebendiges geopfert werden, um das Leben zu erhalten. Aus
dieser Perspektive lässt sich Gewalt schlechterdings nicht aus der
Welt wegdenken. Eine Moral, die Gewalt grundsätzlich und ausnahmslos
verwirft und darum auch Blutopfer verurteilt, hätte darin keinen
Platz. Sie gefährdete geradezu den Bestand der Welt." (Zitat Ende)
Wohlgemerkt, der Bischof schreibt hier nicht über das Verhalten von
Tieren, die mit Fressen und Gefressenwerden ja keine bewusste Gewalt
ausüben, sondern er meint Menschen. Dabei kommt es ihm nicht in
den Sinn, dass Menschen nicht gezwungen werden, Tiere zu schlachten
und zu essen. Im Gegenteil könnte man ja meinen, dass die
"Ehrfurcht vor dem Leben", die der Christ Albert Schweitzer
predigte, auch eine Aufforderung zu vegetarischer Ernährung sein
könnte. Aber Bischof Kamphaus hält das Blutopfer offenbar für eine
Essenz des Christentums und ist nicht gewillt, Gewaltlosigkeit höher
zu stellen als archaische Gewalt.
Zwar verneint er die These, dass die Christen das Menschenopfer
wiederbelebt hätten. Nicht Menschen würden Gott geopfert, schreibt
er, sondern umgekehrt habe sich Gott in Gestalt seines Sohnes den
Menschen geopfert. Aber weil die Schuld für diesen göttlichen
Opfertod, die menschliche Täterschaft, nur durch weitere Opfer
tilgbar ist, preist der Kirchenmann die "Opferbereitschaft" und, ich
zitiere, den "Opfersinn als Sinn für die Notwendigkeit, im Dienst am
Nächsten und der Gemeinschaft notfalls selbst das eigene Leben
einzusetzen." Oh ja, wir sehen ihn vor uns, unseren wackeren
Bischof, wie er jeden Tag aufs Neue seinen prächtigen Mantel für die
Bettler dieser Welt zerteilt, um anschließend in der Kälte zu
erfrieren.
"Jesus died for somebody's sins, but not mine", sang die Rocklady
Patti Smith 1975 stellvertretend für viele ehemalige Gläubige. Und
der Psychologe Volker Dittmar schreibt auf seiner Website unter dem
Titel "Erbsünde und stellvertretendes Opfer", ich zitiere: "Jesus
hat sich nicht für unsere Sünden geopfert, sondern für die
allgemeine Schlechtigkeit der Welt, für die wir nichts können. Dafür
ist - letztlich - Gott verantwortlich, also hat Gott sich selbst für
seine eigene Schuld geopfert. Dass Gott einmal erfahren hat, wie es
ist, als Mensch zu leben und zu sterben, erscheint mir [...] eine
Art Katastrophenvoyeurismus zu sein."
Jede Art von Opferkult schafft eine Psychostruktur schuldhafter
Abhängigkeit. Auch und gerade bei Tätern gibt es so etwas wie
Opfersucht, und dafür ist mein eigener Vater das beste Beispiel. Als
NSDAP-, SA- und SS-Mitglied häufte er immer neue Schuld auf, die er
nie wieder los wurde, weil er sich im und nach dem Krieg seinem
eigenen Gewissen nicht stellte. Um sich nicht als Täter sehen zu
müssen, stellte er sich als Opfer dar. Er forderte von anderen
Erlösung ein, von der Kirche, von der Politik, er verlangte den
Freispruch seiner Generation, die sich nach seinen Worten "für
Deutschland geopfert" habe. Auf dem Kirchentag 1969 predigte er noch
einmal das "große Opfer", die "selbstlose Hingabe an die
Gemeinschaft", um sich sodann, vor zweitausend Zuschauern, mit einer
Flasche Zyankali zu töten. Er versuchte, nicht nur seine
individuelle Schuld, sondern die Schuld seiner Generation in einem
grandiosen letzten Opferakt auszulöschen. Ich gebe gerne zu, dass
meine grenzenlose Abneigung gegen Opfergehabe und Märtyrergetue
hierin seinen Ursprung hat.
Dass Männer sich "fürs Vaterland" oder andere idiotische Ideen
opfern, ist allerdings ein Topos, der lange vor der Hitlerei
erfunden wurde. Die alten Griechen waren es, die das Heldentum als
Strategie gegen die menschliche Sterblichkeit entdeckten: Ein Held
wird unsterblich, gottähnlich, weil er in der Erinnerung der
Nachwelt weiterlebt. Das funktioniert allerdings nur, wenn Frauen,
die diese Heroen einstmals geboren hatten, aus den heldischen Reihen
ausgeschlossen werden. Nichts mehr soll an das Geborensein und die
Sterblichkeit der unserer Helden erinnern. Deshalb ist Heldentum
genuin männlich. Helden, sagt die US-Kulturwissenschaftlerin Nancy
Hartsock, gebären sich gegenseitig in einer zweiten homosozialen
Geburt, die die "Defekte" der heterosexuellen Geburt überwindet.
Seit Homers "Ilias" spielen die Frauen in den Heldensagen unserer
westlichen Welt keine aktive Rolle mehr - außer als Kriegsmotiv und
Kriegsbeute. Du Tarzan, ich nur Jane.
Aber auch Frauen dürfen sich opfern - für ihre Kinder und ihre
Familien. Tatsächlich: Vor der Entdeckung von notwendiger Hygiene
und Kaiserschnitt starben Mütter jahrtausendelang bei der Geburt
ihrer Kinder. Allerdings erfolgten diese "Opfer" nicht freiwillig
und waren deshalb im strengen Sinne auch keine. Doch die Ideologen
des Patriarchats formten daraus die "weibliche Opferbereitschaft",
und ihre Helfershelferinnen stimmten eifrig zu, um der Abwertung des
weiblichen Geschlechts zu entkommen. Frauen seien dazu da, dem
Führer ein Kind zu gebären, verkündeten schließlich die Nazis. In
Variation zu Jesus am Kreuz führten sie die Mutter am Kreuz ein, das
Mutterkreuz für alle, die vier und mehr Kinder gebaren.
Als Hakenkreuze und Mutterkreuze außer Mode kamen, im
Westdeutschland der fünfziger Jahre, blieb die Figur der heiligen,
opferwilligen Mutter übrig. Die Opfermutti, die ihre Kleinen mit
ihrem eigenen Blut aufpäppelt - das ist eine Ikone, die es nur in
Deutschland gibt. Eine aufopferungsvolle Mutter und Hausfrau zu sein
und so schnöde Dinge wie Karriere dem Manne zu überlassen, das sei
die wahre Bestimmung der Frau, schreibt die deutsche Mutti Eva
Herman noch im Jahre 2006. Nach ihren Worten sind "Liebe,
Aufopferung, Mitgefühl, Gemeinschaftssinn" die wahren weiblichen
Werte. Den Kampf, wer die aufopferungswilligste Sorte Frau sei,
trägt die ehemalige "Tagesschau"-Sprecherin mit großer Aggressivität
aus. Feministinnen belegt sie mit Attributen wie, ich zitiere, "mit
schwarzen Kutten getarnte Scharfmacherinnen", "schwarze
Streiterinnen", die "immer kampfbereit" einen "gezückten Dolch unter
der schwarzen Kutte" trügen. Haben wir etwa die "Tagesschau"-Meldung
verpasst, dass in Deutschland der Ku-Klux-Klan an die Macht gekommen
ist? Oder, ganz anders gefragt: Wie muss es um ein Land bestellt
sein, in dem Frauen in ihrer Opferwut jedes erkämpfte Stückchen
Freiheit gleich wieder opfern?
Aufopferung - der Psychologe Wolfgang Schmidbauer sieht darin keine
Tugend, sondern eine psychische Störung. "Helfersyndrom" nennt er
es, wenn Menschen andere Menschen bis zur Selbstaufgabe
unterstützen. In Wirklichkeit, sagt Schmidbauer, sind die
Aufopferungswilligen keineswegs selbstlos, im Gegenteil. Sie haben
keinerlei Interesse daran, die Hilfsbedürftigen zu stärken, sondern
halten sie in Abhängigkeit, weil sie gebraucht werden wollen, um mit
diesem Gefühl ihr eigenes schwaches Ego zu stabilisieren. Menschen
mit Helfersyndrom haben als Kinder meist die Erfahrung gemacht, von
ihren Eltern nicht um ihrer selbst willen geliebt zu werden, sondern
nur aufgrund ihrer Leistungen. In diesem Kindheitsmuster leben sie
auch als Erwachsene weiter. Sie sind meist schwach, ängstlich und
hilfsbedürftig, was sie mit ihrer Hilfe für noch Schwächere
kompensieren.
Opfer sein ist leider auch ein attraktiver Status. Er scheint die
Menschen zu adeln und ihnen die Unschuld zurückzugeben. Wer von der
Gesellschaft in seinem Opferstatus anerkannt wird, darf fordern und
anklagen, ohne sich selbst befragen zu müssen, ob er oder sie
vielleicht auch Täteranteile in sich trägt. Auch und gerade Frauen
weigern sich nicht selten, aus der Opferrolle auszubrechen, obwohl
sie ihnen schadet: Das Opfersein schmiedet sie mit eisernen Ketten
an eine schlimme Vergangenheit und festigt ihre Ohnmacht. Viele
zerstrittene Paare und Familien pflegen das tragikkomische Spiel
Du-bist-immer-schuld-und-ich-bin-immer-dein-Opfer. Geschwister
kämpfen manchmal um den Status des am innigsten leidenden
Familienopfers, als handele es sich um einen Schönheitswettbewerb um
den Rang einer Miss Sericordia.
Dabei scheint es einen geheimen Zusammenhang zwischen Überhöhung und
Ablehnung des Opfers zu geben. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten
verweigerten die Deutschen jede Anerkennung der Tatsache, dass sie
für Millionen von Opfern verantwortlich waren. Sie wollten diese
nicht sehen, weder die Toten noch die Überlebenden und ihre Leiden.
Noch in den 60-er Jahren bestritten kassenärztliche Gutachter
erfolgreich, dass KZ-Überlebende traumatisiert worden seien.
Und bis heute nehmen die unverarbeiteten Gefühle unserer opfer- und
täterreichen Vergangenheit gerne die Gestalt der "German Angst" an.
Unsere hysterische Ängstlichkeit, unser Sicherheitswahn, unser Hang
zu Melancholie, unser Bleideutschtum, das ganze nationale
Katastrophengequatsche, all das sind Überbleibsel unbewältigter
Geschichtserfahrungen. Der in Deutschland lebende US-Autor Eric T.
Hansen kommentierte das in einem Interview des "Tagesspiegel"
folgendermaßen, ich zitiere: "Man fühlt sich hier ständig bedroht
vom Verlust der Seele, der Identität und glaubt, zu kurz zu kommen
[...] Man liebt das Gefühl, Opfer oder bedroht zu sein. Entweder,
weil das dramatischer ist, oder weil Underdogs besser dastehen als
der Wirtschaftsbonze in seiner Luxuslimousine, obwohl die Deutschen
genau das sind."
Man liebt hier auch die Opfergeschichten. Eine ganze mediale
Opferindustrie bedient die gefräßige, blutrünstige Gier des
Publikums nach immer neuen herzerschütternden Stories. Vor allem
junge Mädchen sind die Märtyrerinnen der westlichen Mediokratien.
Zum Beispiel die 18-jährige Natascha Kampusch, die sich nach
achtjähriger Kellerhaft aus der Gewalt ihres Entführers befreite.
Oder die 13-jährige Stephanie, die nach fünfwöchiger
Dauervergewaltigung in deutschen Fernseh-Talkshows medial weiter
vergewaltigt wurde. Deutschland sucht das Superopfer.
In der unübersichtlichen Welt der Moderne sind moralische
Grenzlinien nicht mehr klar zu ziehen. Deshalb ist die Nachfrage
nach guten Opfern und bösen Tätern so groß. Boulevardmedien
betreiben Emotionsbewirtschaftung, und das gute, unschuldige Opfer
ist für sie Mittel zum Zweck der Auflagensteigerung. Ihnen geht es
um die Empörung, die sie gegen die Täter als menschliche Bestie
richten können. Das Publikum stimmt lustvoll in diese Empörung ein.
Es will die Verbrecher geteert und gefedert sehen. Je schlimmer
diese Bösen sind, desto besser. Desto mehr fühlen sich die Menschen
von ihren eigenen Sünden entlastet. Desto besser gelingt es ihnen,
sich ausschließlich als Opfer der Verhältnisse zu fühlen.
Auch für frühere oder kommende Kriegsschauplätze ist es typisch,
dass es dort von Opfern nur so wimmelt. Auf beiden Seiten der
Konfrontationslinie herrscht die Überzeugung: Unsere Feinde sind die
alleinigen Täter, sie und nur sie haben den Konflikt begonnen, wir
doch nicht. Sie und nur sie haben Verbrechen begangen, wir doch
nicht. Die Berlinerin Bosiljka Schedlich, die mit Traumatisierten
der Kriege in Ex-Jugoslawien arbeitet, ist überzeugt davon, dass es
nur dann einen historischen Fortschritt gibt, wenn die Täter sich zu
ihrer Schuld bekennen und damit den Opfern aus ihrer Rolle
heraushelfen. Sie schreibt, ich zitiere: "Die Opfer sehen ihre
Identität allein in der Opferrolle und wollen Opfer bleiben.
Deswegen ist für die Opfer entscheidend, dass diejenigen, die ihnen
das angetan haben, das zugeben. Dann müssen sie es nicht mehr selbst
beweisen durch ihr Leiden und ihr Verhalten."
Die südafrikanische Wahrheitskommission hat nach dem Ende des
grausamen Apartheid-Regimes versucht, diesen Täter-Opfer-Ausgleich
zu institutionalisieren. Täter, die öffentlich Rechenschaft über
ihre Verbrechen ablegten und um Vergebung baten, erhielten
Straffreiheit. Eine Zumutung für die Opfer. Aber eine noch größere
Zumutung für die Täter. Die ganze Nation hockte vor dem Fernseher,
schaute auf sie und debattierte über ihr Verhalten. Ein Verdrängen
und Verschweigen wie in Nachkriegsdeutschland war nicht möglich.
Eine zentrale Rolle spielte dabei der Kommissionsvorsitzende und
Friedensnobelpreisträger Bischof Tutu mit seinem goldenen Humor.
Wenn es passte, lockerte er die Atmosphäre mit Sprüchen wie diesem
auf: "Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die
Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir
schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau
umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land."
Wahrheitskommissionen wie in Südafrika machen Gerichtsprozesse nicht
überflüssig, vor allem nicht die gegen notorische Leugner. Das Recht
und die Justiz, ursprünglich aus dem Verzicht auf das Blutopfer
entstanden, sind in ihrer zivilisierenden Funktion nicht hoch genug
einzuschätzen. Doch heute verhängt ein bürokratisierter
Justizapparat die Strafe oft genug als Selbstzweck. Die Opfer werden
darüber vergessen. In vielen Ländern und vielen Fällen zeigt sich
aber immer wieder, dass Opfer nicht nach Rache und hohen Strafen für
die Täter dürsten, sondern nach Wahrheit. Wenn Täter ihre Taten
nicht leugnen, sondern Verantwortung für sie übernehmen, dann
gewinnen sie ihre Menschlichkeit zurück und die Opfer ihre Würde.
Alle Seiten gewinnen.
Wenn man Zivilisation als Bändigung von Gewalt versteht, dann sind
Opferkulte barbarische, vorzivilisatorische Akte. Nur durch ihre
gesellschaftliche Ächtung können wir Opfer-Täter-Ketten
durchbrechen. Nur wenn wir aufhören, Lebewesen irgendwelchen fernen
ideologischen Zielen zu opfern, können wir den wirklichen Opfern von
Gewalt und Ungerechtigkeit in nachhaltiger Weise helfen.