Koran und Selbstmordattentate

>Hier< eine kurze Situationsbeschreibung vom "Auswärtigen Amt" über Saudi Arabien


 

DIE ZEIT 18.03.2004 Nr.13

Der Koran kennt keine Selbstmordattentate

Ein Gespräch mit dem amerikanischen Islamwissenschaftler Bernard Lewis über die religiöse Verwirrung in der arabischen Kultur

die zeit: Herr Professor Lewis, Selbstmordattentate, religiöser Fanatismus, Aufruf zum Dschihad – vielen im Westen erscheint der Islam seit dem 11.September 2001 als eine aggressive Religion, einigen sogar als ein Synonym für Terrorismus…

Bernard Lewis: Das ist eine völlig falsche Vorstellung. Ganz im Gegenteil, wenn wir uns die Hauptströmungen des Islams ansehen, ist der Terror sogar ausdrücklich verboten – und das gilt auch für den Selbstmord. Natürlich gibt es eine Doktrin vom Heiligen Krieg. Aber weil der Heilige Krieg gesetzlich verpflichtenden Charakter für alle Muslime hat, ist er auch nach dem islamischen Recht genau geregelt. Wie man Feindseligkeiten eröffnet, wie man sie durchführt und beendet, wie man Gefangene macht und wie man mit ihnen umgeht – all das ist genau festgelegt. Auch dass Kinder und alte Menschen in jedem Fall verschont werden müssen, ebenso Zivilisten. Sogar der mögliche Einsatz von chemischen Waffen (wie vergifteten Pfeilen) und ballistischen Geschossen (Katapulten) ist geregelt – fast so wie in einer vorweggenommenen Genfer Konvention. Und Selbstmordattentate sind für den Islam völlig unvorstellbar. Selbstmord ist die schlimmste Todsünde. Wer sich umbringt, wird dadurch bestraft, dass er bis in alle Ewigkeit den Moment seines Selbstmordes immer wieder erleben muss. Wenn die Attentäter wüssten, was sie erwartet, würden sie es nicht tun.

zeit: Dennoch gewinnt der religiöse Extremismus an Zulauf, zum Beispiel im Umkreis der saudischen Wahhabiten, auf die sich Osama bin Laden beruft… (islamische rückschrittliche Reformbewegung, benannt nach ihrem Begründer, dem aus Innerarabien stammenden Theologen Mohammed Ibn Abd al-Wahhab (1703 -  1792)
 

Lewis: Die wahabitische Lehre ist eine völlig marginale Strömung aus Saudi-Arabien, die es erst in allerletzter Zeit durch das Zusammenspiel von Macht, Öl, Geld und Fundamentalismus zu einiger Berühmtheit gebracht hat. In der Geschichte des Islams spielt sie aber praktisch keine Rolle. Leider fällt sogar der Westen auf die Wahhabiten herein – aus bloßer Ahnungslosigkeit. In vielen Ländern wie Deutschland oder den USA liefern die Wahhabiten gratis Lehrbücher für den Religionsunterricht, die eine besonders radikale Version des Islams verbreiten. Wir haben also die völlig paradoxe Situation, dass Kinder in Hamburg oder in Kalifornien eine fanatischere und intolerantere Version des Islams gelehrt wird als irgendwo sonst in der islamischen Welt – außer in Saudi-Arabien.

zeit: Wirtschaftlich, politisch, aber auch kulturell fällt die arabische Welt immer weiter hinter den Westen zurück. Pro Jahr werden in sämtlichen arabischen Ländern nur 300 Bücher übersetzt. Und das Bruttosozialprodukt aller arabischen Staaten ist kleiner als dasjenige Spaniens…

Lewis: Das Wichtige ist diese ungeheure Frustration von innen. Vor kurzem sagte ein iranischer Exilschriftsteller, der Nahe Osten sei das schwarze Loch zwischen dem fortgeschrittenen Westen und dem fortschreitenden Osten. Den Muslimen wird jeden Tag deutlicher, wie arm und elend ihre Situation ist. Es gibt inzwischen mehr als 250 Universitäten in den arabischen Ländern, die jedes Jahr viele ausgebildete Ingenieure entlassen. Aber wenn man einen Flughafen bauen will, dann holte man früher Amerikaner – jetzt holt man Koreaner. Die Koreaner lagen vor 50 Jahren noch ein Jahrtausend hinter dem Nahen Osten zurück.

zeit: Lassen sich verarmte Bevölkerungsschichten besonders leicht für den Terrorismus begeistern?

Lewis: Der Terrorismus kommt nicht von den Armen. Das ist ein Mythos. Der Terrorismus kommt von Menschen der Mittelschicht mit guten Berufen und hohem Einkommen. Aber natürlich stammen manche Selbstmordattentäter aus Flüchtlingslagern, und man kann die Wut dieser Menschen verstehen.

zeit: Welche Lektion können wir aus dem Irak-Krieg lernen?

Lewis: Viele Menschen in Europa und einige in Amerika haben die Hoffnung auf Demokratie im Irak aufgegeben. Sie glauben, dass unsere Demokratie und unsere Freiheit rein westliche Institutionen seien, die man nicht exportieren könne. Und sie behaupten: Die Araber sind nun einmal, wie sie sind, die Verhältnisse nicht zu ändern. Aber die Araber sind eben nicht so. Nehmen Sie die Diktatur Saddam Husseins und seiner Baath-Partei. Diese Diktatur hat in der arabischen Geschichte überhaupt keinen Vorläufer. Sie ist ein Export aus Europa. Die Einparteienherrschaft ist ein europäisches Modell – der beste Exportartikel des Westens in der islamischen Welt. Die Vorgängerin der Baath-Partei stammt von den Nazis. Die Nationalsozialisten hatten über das französische Protektorat Syrien und Libanon zu Zeiten der Vichy-Regierung Einfluss auf die Region gewonnen und übrigens auch viele Texte ins Arabische übersetzt. Die Baath-Partei war der Klon der NSDAP. Ihr Führer, Raschid Ali, verbrachte das Ende des Krieges als persönlicher Gast Adolf Hitlers in Berlin.

zeit: Sie behaupten, im Islam gebe es keine Tradition brutaler Diktaturen…

Lewis: Der Islam hat eine reiche politische Tradition. Der Prophet Mohammed war selbst Staatsmann. Jesus endete am Kreuz, Mohammed als Herrscher eines Staates. Anders als Moses hat Mohammed sein Gelobtes Land gesehen, es erobert, beherrscht und alles getan, was Herrscher tun: Krieg führen, Frieden schließen, Gesetze erlassen, Steuern eintreiben. Von Anfang an gab es im Islam eine völlige Übereinstimmung von Staat und Religion. Deshalb wird im Islam schon lange über das Problem des Regierens nachgedacht. Der Koran und andere islamische Schriften äußern tiefe Abneigung gegen Gewaltherrschaft und Diktatur. Die Herrschaft muss zwar respektiert werden, sie wird aber auch eingeschränkt: Die Regierung beruht auf Konsultation und Beteiligung der Untergebenen. Beide Seiten haben Verpflichtungen.

zeit: Welche Rechte haben die Muslime?

Lewis: Der Begriff der Rechte ist ein westlicher Begriff. In der islamischen Weltsicht hat nur Gott Rechte, Menschen haben Pflichten. Aber sie haben Pflichten gegeneinander. Im Kalifat, der fundamentalen Herrschaftsinstitution, hat der Herrscher Pflichten gegenüber dem Untergebenen wie auch der Untergebene gegenüber dem Herrscher. Der Gehorsam ist nicht unbegrenzt. Es gibt keinen Gehorsam in der Sünde. Das klingt wie im Westen nach einem Recht auf Revolution. Im Islam gibt es sogar eine Art Pflicht zur Revolution.

zeit: Sie haben bereits 1990 vom clash of civilizations gesprochen. Stammt dieser Begriff von Ihnen?

Lewis: Ich habe diesen Ausdruck schon früher benutzt, bei einem Vortrag, den ich vor vielen Jahren in Washington hielt. Ob irgendjemand diesen Begriff noch früher benutzt hat, kann ich wirklich nicht sagen. Allerdings geraten Christentum und Islam nicht nur durch ihre Gegensätze in Konflikt, sondern mindestens ebenso sehr durch ihre Ähnlichkeiten. Durch den Begriff der Offenbarung zum Beispiel und vor allem durch die Überzeugung: Wir sind die glücklichen Empfänger von Gottes endgültiger Botschaft an die Menschheit. Diese Botschaft sollen wir nicht für uns behalten, sondern müssen sie mit den nötigen politischen und militärischen Mitteln verbreiten. Das haben Christentum und Islam gemein. Dass beide in Konflikt zueinander geraten, ist angesichts ihrer geografischen Nähe fast unvermeidlich.

zeit: Der Untertitel eines Ihrer Bücher klingt fatalistisch: Warum der jahrhundertealte Konflikt zwischen Christentum und Islam immer weiter eskaliert. Ist das zwangsläufig? Was kann gegen die Ausweitung dieses Konflikts und seine Neubelebung getan werden?

Lewis: Wir können den Arabern helfen, ihre tyrannischen Regierungen zu beseitigen. Der Westen hat diese Dikaturen mit rassistischer Arroganz gerechtfertigt und unterstellt, dass uns die Araber unterlegen und unfähig seien, eine funktionierende zivile Regierung zu errichten. Bisher haben wir die Gewaltherrscher aus Eigennutz unterstützt, weil es dem Westen um Stabilität ging. Nach dem Motto Roosevelts: Es werden dort immer sons of bitches regieren, und wir müssen eben zusehen, dass es unsere sons of bitches sind.

zeit: Sehen Sie Anzeichen der Hoffnung für Demokratie und Freiheit in den arabischen Ländern?

Lewis: Auf lange Sicht bin ich Optimist. Es gibt nämlich in der politischen islamischen Tradition Elemente, die zur Entwicklung einer offenen humanen Gesellschaft führen können, in der die Menschen Rechte haben und die Regierungen kontrolliert sind. Vielleicht wird das keine parlamentarische Demokratie sein – natürlich wird aus dem Irak nicht über Nacht Skandinavien –, aber die Schaffung von Demokratien ist immer schwierig, das haben wir in Mitteleuropa gesehen. Es gibt in der arabischen Kultur den Begriff der „vertragsmäßigen Regierung“, der Regierung auf der Basis von Konsens, in der der größte Herrscher ebenso dem Gesetz unterworfen ist wie der bescheidenste Sklave. Das ist die islamische Tradition, und das ist ein hoffnungsvolles Element.

Das Gespräch führte Werner Bloch

ZEIT 40/2006

Die Terroristen sind unter uns

Wer wollte noch widersprechen, wenn vor der islamischen Gefahr gewarnt wird? Das Leben der Muslime in Deutschland wird schwierig. Dafür gibt es Gründe. »

 

ZEIT 39/2006

»Dem Islam ist die Gewalt in die Wiege gelegt«

Ein Gespräch mit dem französischen Schriftsteller Abdelwahab Meddeb über die Quellen des Fanatismus und die überfällige Neuinterpretation des Korans. »

 

ZEIT 30/2006

Generation Terror

Der islamische Weg nach Westen »

 

ZEIT online 37/2005

Kampf für den Islam

Außerhalb Arabiens entsteht eine islamische Moderne: vielgestaltig und widersprüchlich. "Die Peripherie wird das Zentrum verwandeln", sagt Ziauddin Sardar »

 

ZEIT 20/2004

Arabiens Versailles

Seit über 200 Jahren fühlen sich Muslime vom Westen gedemütigt – von Napoleon bis zu George Bush »

 

ZEIT 32/2003

Der dritte Totalitarismus

Radikale Islamisten kämpfen um die Weltherrschaft. Das haben sie mit Hitler und Stalin gemein »

 

ZEIT 19/2003

Allah ist mit den Wählern

Es ist eine Legende des Westens, dass der Islam sich nicht mit Demokratie verträgt. Aber freier Volkswille allein macht aus dem Irak noch keinen modernen Staat »

 

ZEIT 06/2003

Die bewaffneten Missionare

Kann man den Irak mit Gewalt demokratisieren? Wer es glaubt, kennt die islamische Welt schlecht »

 

ZEIT 02/2003

Das heilige Phantasma

Auch islamische Gesellschaften brauchen Demokratie. Die Religion ist nicht die Ursache ihrer Probleme »

 

ZEIT 40/2002

Das Land der reinen Lehre

In Saudi-Arabien ist der Islam so radikal wie nirgendwo sonst. Ölmilliardäre und Stiftungen exportieren ihn in die ganze Welt »

 

 

ZEIT 17/2002

Einst sagten sie, Allah sei barmherzig

Der Terror verdunkelt das Bild des Islam - und meine Erinnerung an eine gläubige muslimische Kindheit »

 

ZEIT 41/2001

Das schlechte Gewissen der Kalifen -

Eine Grundbedingung für unseren Begriff der offenen Gesellschaft ist die Trennung von Religion und Staat. Der Islam trennt Religion und Staat anders als der Westen. Über Kemalismus, Nasserismus, die Baath-Partei »

 

ZEIT 40/2001

Die arabischen Regime im Schraubstock

Sie wollen sich der Allianz gegen den Terror anschließen. Damit geraten sie in Konflikt mit den Sympathisanten bin Ladens. Ein amerikanischer Vergeltungsschlag, der nicht vom UN-Sicherheitsrat gebilligt wäre und in Afghanistan sowie in den angrenzenden islamischen Ländern eine humanitäre Katastrophe auslösen würde, könnte aufgebrachte Muslime vom Atlantik bis zum Indischen Ozean auf die Barrikaden bringen. »


 

Auswärtiges Amt: ( www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/SaudiArabien/Kultur-UndBildungspolitik)

Kulturpolitik

Saudi-Arabien legt islamische Grundsätze sehr streng aus. Somit gelten im Königreich Einschränkungen selbst für kulturelle Aktivitäten, die in anderen islamischen Ländern längst selbstverständlich sind. Kinos und Theater existieren nicht. Kulturveranstaltungen mit westlicher Beteiligung wie etwa Buchlesungen, Filmvorführungen oder Ausstellungen unterliegen behördlicher Genehmigung und Zensur. Die Präsentation vom Islam abweichender Kunst - insbesondere westlicher - ist unüblich oder tabu.

Im Rahmen der Kabinettsumbildung im April 2003 wurde durch Erweiterung des bisherigen Informationsministeriums ein „Ministerium für Kultur und Medien" geschaffen, dem ein Gremium von Kulturexperten beratend zur Seite steht.

Auf internationaler Ebene liegt das Schwergewicht der saudischen Kulturaktivitäten auf der Kontaktpflege mit muslimischen Gemeinschaften und Institutionen in der ganzen Welt. Hierbei bedient sie sich internationaler islamischer Organisationen, wie der „Muslim World League" (MWL), der „Organisation der Islamischen Konferenz" (OIC), sowie Wohltätigkeitsorganisationen („Charities"), z. B. der „World Assembly of Muslim Youth" (WAMY).

Bildungspolitik

Allein schon die hohe Geburtenrate stellt das saudische Bildungssystem vor enorme Herausforderungen. Zudem wird in der saudischen Öffentlichkeit lebhaft über eine Verbesserung der Bildungsstandards diskutiert. Viele kritisieren Frontalunterricht und Auswendiglernen, während Kreativität und soziale Fähigkeiten kaum vermittelt würden.

Die islamischen Fächer nehmen einen beträchtlichen Teil des Lehrstoffes ein. Im Rahmen der internen Debatte um die Wurzeln des islamischen Extremismus werden zunehmend auch kritische Fragen an das Bildungssystem laut. So hatte auch die sechste Runde des durch König Abdallah institutionalisierten „Nationalen Dialogs“, an dem erneut verschiedene staatliche und gesellschaftliche Akteure (darunter über 40 % Frauen) beteiligt waren, das Thema Bildung zum Gegenstand. Saudi-Arabien sieht die Ausbildung seiner jungen Bevölkerung – 70 % der Menschen sind jünger als 30 Jahre – als drängende Herausforderung an und stellt hierfür seit einiger Zeit den größten Einzelbetrag seines Staatshaushalts zur Verfügung. Als nützlichen Baustein einer auf Toleranz und moderne Inhalte ausgerichteten Lehre sieht man dabei auch das Studium im Ausland an, für das jedes Jahr Tausende Regierungsstipendien vergeben werden.

Die Ausbildung von Männern und Frauen ist an Schulen und Universitäten in Saudi-Arabien streng getrennt. Im September 2002 wurde die Mädchenbildung, welche zuvor einer eigenen Behörde unterstellt war, in das Erziehungsministerium eingegliedert, was zu einer allmählichen Angleichung von Jungen- und Mädchenschulen führt. In manchen Studienfächern sind inzwischen über die Hälfte der Studierenden Frauen.

Medienlandschaft

Die technologische Entwicklung hat dem saudischen Medienkonsumenten in kurzer Zeit eine Fülle von Informationsmöglichkeiten eröffnet. Nach eigenen Angaben belegt Saudi-Arabien Platz vier der Länder mit der größten Zunahme von Internet-Anschlüssen. Internet und E-Mail bieten vor allem den saudischen Frauen einen Ausgleich für gesellschaftlich bedingten Mangel an Kommunikation und Mobilität. Allerdings besteht strenge Zensur in Bezug auf einige politische Inhalte, vor allem aber in Bezug auf ´unislamische´ Webseiten, was insbesondere den Zugang zu erotischem Material betrifft. Derzeit sind etwa 400.000 Webseiten blockiert.

Die Printmedien sind zunehmend relativ offen und kritisch. Die größten Tageszeitungen sind "Al-Watan", "Al-Riyadh" und "Okaz". Die englischsprachige "Arab News" findet auch außerhalb Saudi-Arabiens Verbreitung.

Die Hauptinformationsquelle bildet das Fernsehen. Während die saudischen Staatskanäle als eher langweilig gelten, erfreuen sich ausländische arabischsprachige Sender wie "Al-Jazeera" und "Al-Arabiya" großer Beliebtheit. Der Anfang 2004 neu gegründete saudische Nachrichtenkanal "Al-Ikhbariya" hat hieran nichts geändert. Auch der Empfang westlicher Sender ist möglich und üblich.

Hinweis

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird routinemäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.