Gewaltexzess
27-Jährige berichtet von den Gewaltexzessen
ihres türkischen Ehemanns
Experten fordern bessere Hilfsangebote für Migrantinnen, die Opfer von Gewalt
geworden sind.
VON TIM STINAUER
Artikel in © Kölner Stadt-Anzeiger vom 6.12.2007
Sarä dachte: „Das war's, das überleb' ich nicht!" Ihr Ehemann stand vor ihr,
bedrohte sie mit einem Messer. Er brüllte. Schrie so laut, dass die drei kleinen
Kinder sich hinter ihrer Mutter versteckten. „Ich bring euch um", rief der
Vater. Er zog eine Pistole, zielte auf seine Frau. „Wenn du mich aus der Wohnung
schmeißt, bringe ich euch um!" Sarä versuchte, ruhig zu bleiben. „Wäre ich laut
geworden, hätte er es getan, das weiß ich", sagt sie heute, einige Monate
später. Es war ihr kleiner Sohn, der den Vater zur Vernunft brachte.
„Hör auf, Papa, bitte hör auf", flehte der Kleine. Der Vater ließ die Pistole
sinken und setzte sich auf das Sofa. „Und plötzlich war er wieder der liebe,
friedliche Mensch", sagt Sarä.
Aus Angst vor der Rache ihres Ehemannes will Sarä
(Name geändert) nicht erkannt werden. Heute lebt die
27Jährige mit ihren drei Kindern in einer eigenen
Wohnung.
BILD: STEFAN WORRING
Die
27jährige zierliche Frau ist in Köln geboren, ihre Eltern stammen aus der
Türkei. Sie möchte Sarä genannt werden, will ihren richtigen Namen nicht in der
Zeitung lesen. Zwar lebt sie inzwischen mit ihren drei Kindern vom
türkischen Ehemann getrennt, aber sie fürchtet, dass er ihr etwas antut, wenn er
von ihrem neuen Freund erfährt.
Sarä ist eine von 159 000 Kölnerinnen mit Migrationshintergrund. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend hat ergeben dass 40 Prozent aller Frauen und Mädchen in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt haben. Bezogen auf Köln heißt das: Etwa 60 000 Frauen mit Migrationshintergrund könnten betroffen sein. Unter den Opfern, die sich bei hiesigen Beratungsstellen wie dem „Notruf für vergewaltigte Frauen" melden, sind sie deutlich unterrepräsentiert.
„Frauen mit Migrationshintergrund kommen in unserem Hilfesystem nicht so an wie
deutsche Frauen. Das Angebot ist für sie offenbar nicht attraktiv. Das können
wir nicht akzeptieren", kritisiert Ossi Helling, sozialpolitischer Sprecher der
Grünen im Stadtrat und Mitglied des Integrationsrats. Mit Irmgard Kopetzky,
Leiterin des Notrufs, und anderen Partnern des Bündnisses „Gemeinsam gegen
Männergewalt an Frauen" will Helling das Beratungsangebot für Migrantinnen
verbessern.
Auch für Sarä kam eine Beratungsstelle nicht in Frage. „Ich wusste gar nicht, an
wen ich mich wenden konnte. In meinem Stadtteil gab es nur eine katholische und
eine evangelische Beratung." Außerdem schämte sich die 27-Jährige vor ihren
Angehörigen. „In meiner Familie hieß es: Hochzeit, Küche, Kinder, das war's."
Auch in der Moschee sei Gewalt gegen Frauen ein Tabuthema, erzählt Sarä:
„Darüber redet man da nicht. Es heißt, das muss jeder fir sich zu Hause lösen."
Und so ertrug die dreifache Mutter die Demütigungen daheim monatelang. „Er
schlug die Kinder, machte uns psychisch fertig. Ständig brüllte er rum, auch
nachts." Den Tag, an dem der Psychoterror begann, kann Sarä genau benennen: „Ich
hatte eine Arbeit gefunden im sozialen Bereich. Damit kam er überhaupt nicht
klar." Weil ihr Mann in Deutschland nur geduldet ist, darf er selbst keine
Arbeitsstelle annehmen. Stattdessen verdiente seine Frau nun ihr eigenes Geld,
fand Gefallen an ihrem Job und lernte neue Freunde kennen. „Und er saß zu Hause
und passte auf die Kinder auf, erzählt Sarä. „Das hat ihn schwer in seiner Ehre
gekränkt."
Ihr Ehemann war eifersüchtig, weil seine Frau mit männlichen Kollegen
zusammenarbeitete. Bald hielten nur noch die Kinder die Ehe zusammen - und die
Angst vor seiner Rache. „Er fürchtete, dass seine Familie ihn auslachen würde,
wenn ich ihn verließe, so nach dem Motto: »Was bist du für ein Mann, dass deine
Frau dich verlässt?«"
Sarä zog Arbeitskollegen ins Vertrauen, die ihr Mut machten und ihr
Selbstvertrauen stärkten. Schließlich traute sie sich zur Polizei - anonym. „Ich
wollte mich nur beraten lassen." Bis heute hat sie ihren Mann nicht angezeigt.
Mit den Kindern kehrte sie kaum noch nach Hause zurück, schlief bei Freunden.
Irgendwann, erzählt Sarä, gab ihr Mann auf und zog aus. Die 27-Jährige nahm sich
einen Scheidungsanwalt; das Verfahren läuft noch.
Faruk Sen, Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen, ist überzeugt, dass
Gewalt keine kulturellen Gründe hat: „30 Prozent der in Deutschland lebenden
Türken sind arbeitslos, 43 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze. Hier liegen
die Ursachen." Einig sind sich die Experten darin, dass die Hilfen für
Migrantinnen verstärkt werden müssen. Auf einem Fachforum in Köln forderten
Beratungs- und Migrantenorganisationen kürzlich ein Netzwerk, das Konzepte zur
Präventionsarbeit ausarbeiten solle. „Wünschenswert wären eine stadtteilnahe
Versorgung, aufsuchende Sozialarbeit, aber auch mehrsprachiges
Informationsmaterial und ein Dolmetscherinnen-Pool", sagt Irmgard Kopetzky vom
„Notruf für vergewaltigte Frauen". Helling fügt hinzu: „Die Stadt Köln muss
prüfen, ob die Stadtverwaltung ein Netzwerk koordinieren kann."
"Armut und Arbeitslosigkeit sind die Ursachen": ist die Erklärung
von FARUK SEN
Fragen: Warum ist dieser Ehemann in Deutschland? Woher bekommt es eine Pistole? Welches Umfeld fragt: Was bist du für ein Mann, dass deine Frau dich verlässt? Reicht die Erklärung des türkischen Migranten-Sprechers Faruk Sen: "Armut und Arbeitslosigkeit sind die Ursachen"? Welche Rolle spielt die religiöse Erziehung der erschreckenden Zahlen im Rahmen oben? § 166 der deutschen Strafgesetzes schütz die Religionen. Es gibt aber keine Ergänzung im Strafgesetzbuch, wonach Individuen oder auch Gruppen vor Religionen geschützt werden.