Voreingenommenheit
Muslimen gegenüber
Kölner Stadt-Anzeiger - Nr. 65, Montag, 17. März 2008
HINTERGRUND
Auch Muslime wollen Freiheit
Ergebnis einer Umfrage stellt gewohnte Denkmuster infrage
MICHAEL HESSE
Im Juni 2002 machte sich eine US-Diplomatin berechtigte Sorgen um das Ansehen
der USA in der muslimischen Welt. „Wir müssen unsere Werte besser vermitteln",
sagte Charlotte Beers vor dem auswärtigen Ausschuss des Senats. Nur auf diesem
Weg könnten Muslime ihre Vorurteile abbauen - und Attentate wie das vom 11.
September 2001 verhindert werden. Eine breit angelegte Umfrage des US-Instituts
für Meinungsforschung Gallup brachte nun erstaunliche Einsichten an den Tag.
Dass die USA ein riesiges Image-Problem haben, wird zwar erhärtet. Nur mit den
von der Diplomatin angesprochenen Vorurteilen der Muslime lassen sich die
Resultate von Gallup überhaupt nicht in Einklang bringen. Die überraschendste
Botschaft fasste Gallup-Mitarbeiterin Dalia Mogahed zusammen. „Die
Sympathisanten des Terrorismus hassen nicht unsere Freiheit, sie wollen unsere
Freiheit." Das stellt ungefähr alles auf den Kopf, was jemals über radikale
Muslime gedacht, geschrieben oder gesagt wurde.

Sechs Jahre lang wurden insgesamt 50 000 Muslime in 55 Ländern in überwiegend
muslimischen Ländern über ihr Verhältnis zum Westen befragt. Es ist laut Gallup
die umfangreichste Studie, die je in der islamischen Welt gemacht wurde, sie
stand unter dem Titel „Wer spricht für den Islam? - Was eine Milliarde Muslime
wirklich denken". Auch wenn es sich in Wahrheit nur um einen repräsentativen
Durchschnitt handelt, kann die Studie als eine direkte Widerlegung aller
Ansichten gelesen werden, die etwa vonseiten des amerikanischen Präsidenten
George W. Bush jemals über den Islam und die Muslime geäußert wurden. Gerade
einmal sieben Prozent der Muslime können laut Gallup als „politisch
radikalisiert" eingestuft werden. Sie repräsentieren jene Menschen, welche die
Terroranschläge vom 11. September 2001 rechtfertigen.
Dagegen sind 93 Prozent „politisch moderat". Und gefragt, was diese als
politisch radikal eingestuften Muslime am Westen am meisten bewundern, nannten
sie an erster Stelle die Technologie, die zweitgrößte Wertschätzung genießt „das
westliche Wertesystem", hiernach folgt „ein faires politisches System,
Demokratie". Mehr noch: Daran schließt der innere Kern des westlichen
Wertesystems an -„die Menschenrechte" stehen ebenfalls ganz oben auf der
Werte-Skala von Muslimen.
Die Ergebnisse stellen reihenweise gewohnte Denkmuster infrage. „Im Gegensatz
zur verbreiteten Annahme, dass Extremisten antidemokratisch eingestellt seien"
betonten 50 Prozent von ihnen, dass sie mehr „politische Demokratie"
befürworten. Dass die USA seit Jahrzehnten undemokratische und autoritäre Regime
unterstützen, bleibt in der Umfrage nicht ohne Folgen: Es herrscht tiefe Skepsis
gegenüber der US-Politik vor, Demokratie in die islamische Welt bringen zu
wollen. Das glauben nur die Hälfte aller befragten Muslime. 24 Prozent der
Ägypter und Jordanier und gar nur 16 Prozent der Türken nehmen den USA das
Eintreten für Demokratie in der islamischen Welt ab.
Das Fazit der Studie: Im Allgemeinen sehen Muslime keinen Gegensatz zwischen
demokratischen Werten und religiösen Prinzipien. Immer wieder betonen die
Befragten den Wert des Islam für ihre Gesellschaft. Die Muslime streben zwar
Freiheit und Demokratie an, „aber keine von den USA definierte und aufgezwungene
Demokratie."
Obige Aussage kann der Autor dieser Webseiten aufgrund seiner eigenen Beobachtungen während seiner langjährigen Tätigkeiten in muslimischen Ländern nur bestätigen. Die USA mit ihrer Kultur und ihren technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften wird gerne als vorbildlich gesehen. Obiges Bild aus dem alten römischen Amphietheater in Bosra, Syrien, zeigt, daß die jungen Leute keinen Unterschied zum sogenannten westlichen Aussehen zeigen. Eine kopftuchtragende Frau (Bildmitte) ist voll in die westlich orientierte Gruppe integriert. Nach meinen Erkundigungen wollte sie sich lediglich von den anderen jungen Frauen "abheben". Leider sind die Regierungen der USA völlig blind und erzeugen nichts als Haß.
Nach meinen eigenen "Umfragen" kann ich für Großstädte (Casablanca - Marokko, sogar Banjul - im konservativen The Gambia, Ankara und andere Großstädte in der Türkei, Kuala Lumpur oder Malakka - Malaysia, Jakarta und andere - Indonesien, Damaskus und andere - Syrien) bestätigen, daß bis auf einen ganz geringen Prozentsatz (geschätzt 10%) alle jungen Menschen den westlichen Kulturen sehr offen gegenüber stehen. Jedoch bei Nachfragen auf dem Lande, wo ich (wegen meiner deutschen Staatsangehörigkeit) sehr oft mit "Hitler gut" begrüßt wurde, hörte ich auf meine "USA-Frage": "Amerika Teufel"! (Kommentar: Walter Rath, Damaskus 1993)