Ein Glaube wird nie aufgegeben

und auch die Voreingenommenheiten nicht: >hier<

"Wenn der Weltuntergang nicht stattfindet"

von Leon FESTINGER, Henry W. RIECKEN und Stanley SCHACHTER.

Auszug aus dem Buch "When prophecy fails", Minneapolis, University of Minnesota Press, 1955 ,
(Die Namen aller in dieser Arbeit genannten Personen und Städte wurden geändert.)
 

Vielleicht zuerst einmal >hier< zu einer Fallstudie* zum Beweis, daß ein einmal übernommener Glaube ganz, ganz selten aufgegeben wird, und dann zurück (mit Rücktaste oben links) zu den Erklärungen der Autoren aus soziologischer Sicht. Spezielle Begriffserklärungen von sozialpsychologischen Fachausdrücken sind jeweils >hier< zu finden.

* sozialpsychologisch ">Feldmethode<" genannt. (Psychologe leben mit den Menschen zusammen, deren Verhalten sie studieren.)



Ein Mensch mit einer festen Überzeugung ist schwer umzustimmen. Widerspricht man ihm, so wendet er sich ab. Zeigt man ihm Fakten und Tabellen, so wird er die Quellen anzweifeln. Appelliert man an sein logisches Denkvermögen, dann weiß er nicht worauf es ankommt. Wir kennen alle die Variationsbreite einfallsreicher Rechtfertigungen, mit denen manche Leute ihre Überzeugungen verteidigen und an denen sie über alle Angriffe hinweg unbeschadet festhalten.


Dieses Beharren des Menschen bedeutet jedoch mehr als das bloße Verteidigen einer Meinung. Nehmen wir an, ein Mensch ist von tiefstem Herzen von etwas überzeugt; nehmen wir weiter an, daß er sich aufgrund seiner Überzeugung engagiert hat und daß er deswegen bestimmte Handlungen unternommen hat; angenommen, er wird nun mit dem untrüglichen und eindeutigen Beweis konfrontiert, daß seine Überzeugung falsch ist: was geschieht dann? Dieser Mensch wird oft nicht nur unbeeindruckt, sondern sogar noch überzeugter an seiner Meinung festhalten. Ja, er kann sogar mit noch größerem Eifer versuchen, andere Leute von seinem Standpunkt zu überzeugen.

Wie und warum entsteht eine derartige Reaktion auf evidente Gegenbeweise? Dazu wollen wir zuerst einmal die Bedingungen aufweisen, unter denen man ein verstärktes Festhalten an der in Zweifel gestellten Überzeugung erwarten würde. Fünf Bedingungen gibt es dafür:

1. Die Meinung muß mit tiefster Überzeugung vertreten werden und sie muß verhaltensrelevant sein, d.h. einen Bezug dazu haben, was der Vertreter der Meinung tut und wie er sich verhält.


2. Der so Überzeugte muß sich engagiert haben, d.h. er muß eine bedeutende Handlung im Interesse der Sache unternommen haben, die nicht mehr ungeschehen zu machen ist. Generell wächst das Engagement des Menschen mit der Bedeutsamkeit und der Unleugbarkeit seiner Handlungen.


3. Die Überzeugung muß genügend spezifisch und einen bestimmten Bezug zur realen Welt haben, so daß bestimmte Geschehnisse die Überzeugung eindeutig widerlegen können.


4. Derartige eindeutige Gegenbeweise müssen tatsächlich auftreten und von dem von der Meinung Überzeugten erkennbar sein.


Die ersten beiden Gründe beschreiben die Umstände, die die Überzeugung änderungsresistent machen. Die dritte und vierte Bedingung weisen andererseits auf Faktoren hin, die auf das Individuum
einen starken Druck ausüben, den Glauben aufzugeben. Es ist natürlich möglich, daß ein Mensch, der von einem Glauben fest überzeugt ist, diesen angesichts eindeutiger Gegenbeweise aufgibt.
 

Es muß also eine fünfte Bedingung hinzutreten, unter der an dem im Zweifel gestellten Glauben mit erneutem Eifer festgehalten wird.

5. Der Glaubensvertreterr muß Gleichgesinnte haben. Es ist kaum anzunehmen, daß sich ein Individuum auf sich selbst gestellt den Tatsachen eines Gegenbeweises verschließt. Wenn er jedoch Mitglied einer Gruppe von überzeugten Anhängern ist, die sich gegenseitig in ihrem Glauben unterstützen, so kann man erwarten, daß der Glaube unerschüttert bleibt, und die Gläubigen sogar Nicht-Mitglieder von der Richtigkeit ihrer Überzeugung zu überzeugen versuchen.


Diese fünf Bedingungen beschreiben die Umstände, unter denen eine verstärkte Bekehrungsaktivität nach der Glaubenswiderlegung zu erwarten ist. Zur Überprüfung dieser Grundhypothese wollen wir uns jetzt auf die Suche nach solch einer Situation begeben, die die Vorhersage einer verstärkten Bekehrungstätigkeit erlaubt. Zum Glück hat es in der Geschichte wiederholt Bewegungen gegeben, die diese Bedingungen angemessen erfüllten. Meistens nennen sie sich "Tausendjährige" oder "Messianische Bewegung" ; eine solche Sekte soll auch Gegenstand dieser Untersuchung sein. Betrachten wir nun zuerst, inwieweit sie die fünf Bedingungen erfüllt.

Normalerweise sind die "Tausendjährigen" oder "Messianischen Bewegungen" auf der Vorhersage irgendeines zukünftigen Ereignisses aufgebaut. Unsere Bedingungen werden jedoch nur erfüllt, wenn die Führer der Bewegung einen bestimmten Zeitpunkt oder ein Zeitintervall angeben und dabei genau definieren, was geschehen soll. Manchmal ist dieses Ereignis die Wiederkehr Christi und der Beginn seiner Regierung auf Erden; zuweilen ist es die Zerstörung der Erde durch einen Weltuntergang (wobei meist eine auserlesene Gruppe zur Rettung bestimmt ist; oder die Weissagung bezieht sich auf bestimmte Taten, die der Messias oder Wundertäter vollbringen wird. Welches Ereignis auch vorhergesagt sein mag, so erfüllt seine Natur und die Zeit seines Eintreffens den dritten Punkt unserer Bedingungen.

Die zweite Bedingung betrifft ein starkes Einsetzen für den Glauben. Dieses erwächst meistens aus der Situation. Wenn man tatsächlich an eine Weissagung glaubt (und das ist die erste Bedingung), z.B. daß die Welt an einem bestimmten Tag durch Feuer zerstört wird, daß die Sündigen sterben und die Guten überleben werden, dann wird man bestimmte Vorbereitungen treffen, um dem zu begegnen. Die Handlungen können sich von der einfachen Erklärung in der Öffentlichkeit bis zur Vernachlässigung der weltlichen Dinge und der Auflösung allen irdischen Besitzes erstrecken. Durch derartige Handlungen, das von den Lästerungen der Ungläubigen begleitet wird, engagiert sich der Gläubige gewöhnlich sehr stark. Was sie im Laufe ihrer Vorbereitungen vornehmen, ist schwerlich wieder ungeschehen zu machen, und das Gelächter der Ungläubigen hat nur zur Folge, daß es für die Anhänger immer schwerer wird, sich von dem Glauben abzukehren und zu bekennen, daß sie sich geirrt hatten.


Die vierte Bedingung wird unweigerlich geliefert. Die geweissagten Ereignisse treten nicht ein. Im allgemeinen gibt es kein Deuteln an der Tatsache, daß das Ereignis nicht eingetreten ist, und die Gläubigen wissen das. Anders ausgedrückt, die eindeutige Widerlegung tritt klar zu Tage und wirkt auf die Gläubigen.
 

Schließlich finden wir die fünfte Bedingung leicht erfüllt - derartige Bewegungen ziehen tatsächlich Anhänger an, manchmal nur eine Handvoll, gelegentlich Hunderte und Tausende, Die Gründe, warum Menschen sich solchen Bewegungen anschließen, liegen außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, es bleibt jedoch eine unbestrittene Tatsache, daß es immer eine oder mehrere Gruppen von Gläubigen gibt, die sich gegenseitig unterstützen. Warum folgt aber gewöhnlich jeder Widerlegung des Glaubens eine verstärkte Bekehrungsaktivität? Wie kann man diesen Mechanismus erklären und welche Faktoren entscheiden über ihr Auftreten bzw. Nichtauftreten? Zur Erklärung dieses Phänomens wollen wir die Begriffe Konsonanz und Dissonanz einführen.

Konsonanz und Dissonanz bezeichnen erkenntnismäßige Beziehungen, d.h. sie treten als Beziehungen zwischen Meinungen, Überzeugungen, Umwelterfahrung und Kenntnis der eigenen Verhaltensweisen und Gefühle auf. Zwei Meinungen oder Überzeugungen oder vielleicht Erkenntnisse sind dann im Verhältnis dissonant, wenn sie nicht zusammen passen - d.h., wenn sie inkonsistent sind, oder auf zwei Erkenntnisse bezogen, daß die eine nicht logisch aus der anderen folgt. Ein Zigarettenraucher, der z.B. g1aubt; daß Rauchen schlecht für seine Gesundheit ist, hat eine Meinung, die dissonant in Bezug auf sein Wissen ist, daß er weiterhin raucht.

Dissonanz erregt Unbehagen, und daher wird das Bestreben bestehen, die Dissonanz zu reduzieren. Dieses Bemühen kann eine oder alle der folgenden drei Formen annehmen:

Das Individuum kann versuchen, eine oder mehrere seiner Überzeugungen oder Verhaltensweisen, die die Dissonanz hervorrufen, zu ändern;

es kann neue Informationen oder Meinungen aufnehmen, die die bestehende Konsonanz erhöhen und damit die Gesamtdissonanz herabsetzen; oder

es mag die dissonanten Erkenntnisse einfach vergessen oder sie in ihrer Bedeutung herabsetzen.

Damit diese Versuche überhaupt erfolgreich sein können, müssen sie von der physischen oder sozialen Umwelt akzeptiert werden. Wenn diese Unterstützung fehlt, schlagen selbst die heftigsten Versuche einer Dissonanzverminderung fehl.

In der oben erwähnten Art der Bewegung ist die zugrundeliegende Ideologie von solch ausschlaggebender Bedeutung für das Leben der Anhänger, daß die eintretende Dissonanz bei der Widerlegung, des Glaubens beträchtlich ist, und mit Schmerzen ertragen wird. Wir sollten daher erwarten, daß einige Anhänger den Versuch unternehmen, die Dissonanz zu beseitigen oder zumindest ihre Größe
zu reduzieren. Wie können sie dieses Ziel erreichen? Die Dissonanz würde größtenteils ausgeräumt, wenn sie den widerlegten Glauben aufgäben, ihr Verhalten änderten, das sie auf die Erfüllung der Weissagung gerichtet hatten, und zum normalen Leben zurückkehrten. Das kommt tatsächlich vor. Aber häufig ist das aktive Engagement so stark, daß jeder anderen Verhaltensweise der Vorzug gegeben wird. Es kann sogar weniger schmerzlich sein, die Dissonanz zu ertragen, als den Glauben aufzugeben und zuzugeben, daß man sich geirrt hatte. Wenn das der Fall ist, dann kann die Dissonanz nicht durch die Aufgabe des Glaubens beseitigt werden.

Als Ausweg könnte die Dissonanz reduziert oder beseitigt werden, wenn die Glaubensanhänger sich der Tatsache verschließen würden, daß die Voraussage nicht eingetreten ist. Die meisten Leute einschließlich solcher Glaubensanhänger stehen derart mit der Realität in Verbindung, daß sie eine solch eindeutige Tatsache nicht einfach aus ihrem Wissen verbannen können. Sie können immerhin versuchen, das Faktum zu ignorieren, und gewöhnlich tun sie es auch. Sie können sich einreden, daß der Zeitpunkt falsch angegeben war und daß das vorausgesagte Ereignis schließlich doch eintreffen wird. Die: Anhänger werden vernünftige Begründungen zu finden suchen, die oft einfallsreich sind und erklären sollen, warum die Weissagung nicht eingetreten ist. Die Rationalisierung kann die Dissonanz herabmindern, aber zu seiner vollen Wirksamkeit bedarf es der Unterstützung anderer, um die Erklärung bzw. Revision plausibler erscheinen zu lassen. Der enttäuschte Anhänger kann sich in der Regel an andere Mitglieder der Bewegung wenden, die die gleiche Dissonanz und das Bemühen, sie zu reduzieren, bewegt. Somit wächst die Unterstützung für die neue Erklärung, und die Mitglieder können sich von dem ersten Schock der Widerlegung erholen.

Wie die Erklärung auch immer sein mag, sie ist für sich nicht genügend. Die Dissonanz behält weiterhin ihre Bedeutung und obwohl die Personen versuchen werden, sie sogar vor sich selbst zu verbergen, so wissen sie dennoch, daß die Voraussage falsch war und daß ihre Vorbereitungen vergebens waren. Die Dissonanz kann nicht völlig durch Verleugnung oder Rationalisierung beseitigt werden. Es gibt jedoch eine Möglichkeit, die verbleibende Dissonanz zu vermindern. Wenn noch mehr Leute davon überzeugt worden können, daß der Glaube richtig ist, dann muß er logischerweise schließlich doch richtig sein. Aus diesem Grund kann man so oft verstärktes Bekehren nach einer Glaubenswiderlegung beobachten. .Denn der Bekehrung Erfolg beschieden ist, dann können die Anhänger ihre Dissonanz auf ein erträgliches Maß reduzieren, indem sie sich mit neuen Anhängern umgeben.

Mit dieser Erklärung des Bekehrungsphänomens nach einer Glaubenswiderlegung im Hintergrund, suchten wir nach einem modernen Fall einer Glaubenswiderlegung, ein Beispiel, das eindeutig genug war, um unsere Erklärungsweise empirisch zu prüfen. Eines Tages, Ende September, brachte der Lake City Herold, auf einer der hinteren Seiten, eine zweispaltige Geschichte die folgende Überschrift trug:
 

ROPHEZEIUNG VOM PLANETEN ZINKE FÜR DIE STADT:
FLIEHET VOR DER FLUT. SIE WIRD AM 21. DEZ. ÜBER UNS KOMMEN.

VORSTADTGEI4EINDE AUS DEM WELTALL INFORMIERT.


Der Inhalt der Geschichte ließ sich dann über diese nackte Tatsache näher aus:


Lake City wird nach der Aussage einer Hausfrau aus der Vorstadt, kurz vor dem Sonnenuntergang das 21. Dez. von einer vom Großen See herkommenden Flut zerstört werden. Mrs. Marian Keech aus der West School Street 847 erklärte dazu, daß diese Prophezeiung nicht von ihr stamme. Sie sagte, daß sie ihr durch automatisches Schreiben zugekommen sei....


Die Botschaft sei ihr von höheren Wesen eines Planeten namens "Zinke" übermittelt worden. Diese Wesen, so gab sie an, haben die Erde mehrmals in sogenannten "fliegenden Untertassen" besucht. Während ihrer Besuche hatten sie festgestellt, daß sich falsche Linien auf der Erdoberfläche befänden, die Vorboten des Untergangs seien. Mrs. Keech berichtete weiter, daß man ihr erzählt habe, die Flut werde einen Binnensee bilden, der sich vom Polarkreis bis zum Golf von Mexiko erstrecke. Gleichzeitig werde die Westküste von Seatlle bis Chile absinken. Da Mrs. Meechs Angaben eine bestimmte Voraussage über ein bestimmtes Ereignis machte, da sie sich öffentlich zumindest dazu bekannt hatte und da sie weiterhin öffensichtlich daran interessiert war, eine größere Öffentlichkeit darüber zu informieren, schien die Gelegenheit gegeben, eine Art "Feldtest" der oben dargelegten theoretischen Erwägungen durchzuführen. Die Autoren schlossen sich daher Mrs. Keechs Gruppe Anfang Oktober an und hielten mit ihr ständigen Kontakt während der folgenden, hier berichteten Ereignisse.


Zu der Gruppe gehörte ein gewisser Dr. Thomas Armstrong, ein Arzt, der in einer Universitätsstadt eines Nachbarstaates lebte. Dr. Armstrong verbreitete die Nachricht unter einer Gruppe von Studenten ("The Seekers"), die sich regelmäßig in seinem Haus trafen, um geistige und kosmologische Probleme zu diskutieren. Dr. Armstrong und seine Frau besuchten außerdem häufig Lake City, um dort an Treffen von Mrs. Keechs Gruppe teilzunehmen.

Während der Herbstmonate hielten die Gruppen in Salt Lake und Collegeville eine Reihe von Treffen ab, um über die Botschaften aus dem Weltall zu diskutieren und sich auf die Rettung vor dem Weltuntergang vorzubereiten. Als der 21. Dez. näherkam, gaben einige Mitglieder ihre Stelle auf, andere gaben ihren Besitz fort und fast alle gaben öffentliche Erklärungen über ihre Überzeugung ab. Im September hatte Dr. Armstrong zwei neue Einzelheiten über die Flut bekanntgegeben, obwohl Mrs. Keech keine Publizität suchte und nur jenes Interview an den Lake City Reporter gewährt hatte. Außer diesem einen Interview hatte Mrs. Keech ihre Bekehrungsaktivitäten auf ihren Freundes- und Bekanntenkreis beschränkt und Dr. Armstrong entfaltete seine Tätigkeit nur innerhalb der Gruppe der "Seekers". In den Monaten Oktober und November wurde verstärkte Geheimhaltung über die Vorstellungen und Tätigkeiten der Gläubigen ausgeübt.


Im Dezember wurde Dr. Armstrong aus seiner Krankenhausstelle entlassen, was ihn im ganzen Land schlagartig bekannt machte. Wäre die Gruppe jetzt interessiert daran gewesen, ihre Botschaft in die Welt zu tragen und für neue Anhänger zu sorgen, so hätte sich ihr am 16. Dez. eine unbezahlbare Möglichkeit dafür geboten, als die Vertreter der bedeutendsten Zeitungsagenturen sich auf der Jagd nach neuem Material nach der Entlassung Dr. Armstrongs aus dem Krankenhaus im Hause von Mrs. Keech versammelten. Aber der Presse wurde ein kalter, fast feindlicher Empfang bereitet, und selbst ihren hartnäckigsten Bemühungen wurde widerstanden. In zwei Tagen ständiger Wache gelang es den Reportern nur ein kurzes Tonband für eine Radiosendung und ein Interview mit Dr. Armstrong und Mrs. Keech herauszuschlagen - und das nur, nachdem ein Reporter buchstäblich gedroht hatte, seine eigene Version über ihren Glauben abzudrucken. Einem Kameramann, der wiederholt gegen das Fotografierverbot der Gläubigen verstiße, wurde mit dem Gericht gedroht. Den Besuchern, zumeist potentielle Konvertiten, wurde kaum Aufmerksamkeit geschenkt und die Gläubigen unternahmen nur vereinzelt Versuche, den Fragern ihren Standpunkt zu erläutern.

Am Spätnachmittag des 20. Dez. - am Vorabend des Weltuntergangs also - hatte sich das Tohuwabohu im Hause von Mrs. Keech etwas gelegt, und die Gläubigen begannen, ihre letzten Vorbereitungen
für die Rettung zu treffen. Am Morgen hatte Mrs. Keech die Botschaft erhalten, in der der Gruppe mitgeteilt wurde, daß ein Besucher gegen Mitternacht ankommen werde, der sie zu einer geparkten fliegenden Untertasse führen und sie dann an einen sicheren Ort, wahrscheinlich im Weltraum, fliegen werde. Gegen Abend begannen die zehn Gläubigen aus Lake City und Collegeville ihre Abreise zu proben. Zuerst übten sie das Ritual, das bei der Ankunft der fliegenden Untertasse um Mitternacht erfolgen sollte. Dr. Armstrong sollte Wache stehen, und nachdem er die Identität des Besuchers überprüft habe, sollte er ihn einlassen. Die Gruppe übte sorgfältig die rituellen Antworten, die sie auf bestimmte Fragen des außerirdischen Besuchers geben mußte, wie auch die Schlüsselworte, die sie zum Besteigen der Untertasse gebrauchten. Dann entfernten die Gläubigen jegliches Metall von ihren Kleidern. Die Botschaft aus dem Weltall hatte keinen Zweifel darüber gelassen, daß es äußerst gefährlich sein würde, in der Untertasse mit irgendwas Metallenem zu fliegen, und jeder sah peinlich darauf, sich an diesen Befehl zu halten - eine Ausnahme wurde nur bei den Füllungen in den Zähnen gemacht.

Die letzten zehn Minuten vor Mitternacht waren voll Spannung für die in Mrs. Keechs Wohnzimmer versammelte Gruppe. Die einzelnen hatten nichts anderes zu tun, als dazusitzen und mit ihren Mänteln auf den Schößen zu warten. In die Ruhe hinein tickten laut zwei Uhren, eine zeigte die Zeit etwa zehn Minuten vor der anderen an. Als die vorgehende Uhr 12:05 Uhr zeigte, erwähnte jemand die Zeit laut; im Chor antworteten die übrigen, daß Mitternacht noch nicht gekommen sei. Ein Mitglied bestätigte, er selbst habe sie am Nachmittag eingestellt. die zeigte vier Minuten vor Mitternacht. Diese vier Minuten verstrichen in völliger Ruhe, abgesehen von einer Äußerung. Als diese Uhr auf dem Kaminsims nur noch eine Minute bis zur Ankunft des Untertassenfliegers anzeigte, rief Mrs. Keech mit schriller, erregter Stimme aus: "Und nicht das Geringste ist schief gelaufen! ". Die Uhr schlug zwölf, jeder Schlag schmerzhaft laut in den Ohren der erwartungsvollen Versammlung. Die Gläubigen saßen regungslos.

Man hätte eine sichtbare: Reaktion erwarten sollen, als dir Minuten verstrichen. Mitternacht war gekommen und vorübergegangen, und nichts war geschehen. Der Weltuntergang sollte mehr als sieben Stunden vorbei sein. Aber nichts war in den Reaktionen der versammelten Leute zu beobachten. Kein Gespräch, kein einziger Laut. Die Leute saßen regungslos, ihre Gesichter scheinbar gefroren und ausdruckslos. Allmählich und schmerzlich stellte sich eine Atmosphäre der Verzweifelung und Verwirrtheit ein. Die Gläubigen überprüften noch einmal die Vorhersage und die Begleitbotschaften. Dr. Armstrong und Mrs. Keech bekräftigten ihre Überzeugung. Die Gläubigen murrten über ihre mißlibh€ Lage und verwarfen Erklärung nach Erklärung als unannehmbar. Gegen vier Uhr morgens brach. Mrs. Keech zusammen und weinte bitterlich. Sie wußte, so schluchzte sie, daß es einige gäbe, die zu zweifeln begännen, aber daß die Gruppe jenen nun die rettende Hand reichen müßte, die sie am nötigsten brauchten, und daß die Gruppe zusammenhalten müßte. Der Rest der Gruppe verlor auch seine Fassung. Sie waren alle sichtbar erschüttert und den Tränen nahe. Es war fast 4:30 Uhr und immer noch kein Weg zur Erklärung der Glaubenswiderlegung gefunden. Nun sprachen die meisten offen über das Nichterscheinen der Eskorte um Mitternacht. Dir Gruppe schien der Auflösung nahe.
 

Aber diese Stimmung hielt nicht lange an. Gegen 4:45 Uhr bat Mrs. Keech um Aufmerksamkeit und gab bekannt, daß sie soeben eine Nachricht erhalten habe. Dann las sie folgende Worte vor : "Auf dieser Erde gibt es an diesem Tage nur einen Gott und Er ist in Eurer Mitte, und von Seiner Hand hast Du diese Worte geschrieben. Und allmächtig ist das Wort Gottes - und durch Sein Wort seid Ihr gerettet - denn vom Rande des Todes seid Ihr zurückgeholt und niemals ward solche eine Kraft entfesselt auf Erden. Nicht seit dem Beginn der Zeiten auf dieser Erde hat es solch eine Gottesgewalt gegeben und Licht durchflutet diesen Raum und dieses hier entfesselte Licht durchströmet nun das gesamte Weltreich. So wie Euer Gott durch diese zwei Menschen gesprochen hat , die in Eurer Mitte weilen, so hat Er zu erkennen gegeben, was Er Euch aufzugeben hat".

Diese Botschaft wurde mit Begeisterung aufgenommen. Sie war eine adäquate, ja sogar elegante Erklärung für die Widerlegung. Der Weltuntergang war vertagt worden. Die kleine Gruppe, die die ganze Nacht wartend dagesessen hatte, hatte soviel Licht verströmt, daß Gott die Welt vor der Zerstörung bewahrt hatte.

Die Stimmung der Gruppe veränderte sich genauso plötzlich wie ihr Verhalten. Wenige Minuten nachdem Mrs. Keech die Botschaft mit der Erklärung für die Glaubenswiderlegung verlesen hatte, erhielt sie eine weitere Nachricht, in der sie instruiert wurde, die Erklärung zu veröffentlichen. Sie griff nach dem Telefon und begann die Nummer einer Zeitung zu wählen. Während sie darauf wartete verbunden zu werden, fragte sie jemand ; "Marian , ist dies das erste Male, daß Du selbst die Zeitung anrufts ?" Ihre Antwort kam schnell: "Oh ja, das ist das erste Mal, daß ich mich an sie wende. Zuvor gab es nichts für mich, was ich Ihnen hätte erzählen können, aber jetzt habe ich das Gefühl, daß es dringend ist." Sobald Marian ihren Anruf beendet hatte, begannen die übrigen Mitglieder ihrerseits, Zeitungen anzurufen, an Radiostationen und Zeitschriften zu telegrafieren, und die Erklärung für das Nichteintreffen der Flut zu verbreiten. In ihrem Wunsch, die Nachricht möglichst schnell und gründlich bekannt werden zu lassen, gaben die Anhänger der Öffentlichkeit Zutritt zu Angelegenheiten, die vorher streng geheim waren. Im restlichen Verlauf des 21. Dez. gaben die Gläubigen bereitwillig Interviews vor Mikrofonen, sie sprachen offen zu Reportern und bekehrten mit Begeisterung Besucher und Neugierige, die ins Haus kamen. Mrs. Keech machte weitere Voraussagen über Besucher von Weltraummenschen, und sie lud die Zeitungsreporter ein, Zeugen des Ereignisses zu sein. Wie andere Tausendjährige Gruppen in der Gesichte, so reagierte auch diese auf die Glaubenswiderlegung mit starrem Festhalten an ihrer Überzeugung und verdoppeltem Eifer in der Gewinnung neuer Anhänger Die Gläubigen in Lake City zeigten eindeutig jene Reaktionen auf die Widerlegung, die unsere Theorie vorausgesagt hatte.

Für die Mitglieder der Collegeville-Gruppe, die anläßlich der Flut nicht nach Lake City gegangen waren, verlief der Gang der Dinge ganz anders. Die meisten von ihnen waren Studenten, die über die Weihnachtstage nach Hause gefahren waren. Außer zweien verbrachten alle anderen den 20. und 21. Dez. voneinander getrennt in Gesellschaft Nichtgläubiger. Diese Isolierten reagierten auf die Widerlegung auf ganz andere Weise. Anstatt sich von dem anfänglichen Schock der Widerlegung zu erholen, gaben sie entweder ihren Glauben ganz auf oder sie fanden sich in ihrer Überzeugung ernsthaft gefährdet. Es gab kein verstärktes Bekehren unter den Daheimgebliebenen, selbst nachdem sie über den Inhalt der Botschaft informiert worden waren. In zwei Fällen schien sogar das Gegenteil der Fall gewesen zu sein, in denen die Anhänger versuchten, ihre Mitgliedschaft zu leugnen. Der Großteil der Collegeville-Gruppe versuchte somit ,die durch die Glaubenswiderlegung entstandene Dissonanz durch Aufgabe ihres Glaubens zu reduzieren, während die Lake City Gläubigen starr an ihrer Überzeugung festhielten und versuchten einen größeren Kreis von Unterstützern zu schaffen.

Der Vergleich der beiden Gruppen in Collegeville und Lake City erlaubt zumindest die ungefähre Ermessung der Bedeutung eines Elementes der oben beschriebenen Theorie zur Erklärung der verstärkten Bekehrungsaktivität nach Glaubenswiderlegung: nämlich das Element der sozialen Unterstützung. In Lake City befanden sich die Mitglieder in ständigem Kontakt mit den Mitgläubigen während der Zeit der Glaubenswiderlegung; sie erhielten soziale Anerkennung; sie konnten akzeptieren und sie gewannen das Vertrauen lin ihren Glauben zurück. Mit der Ausnahme von zwei Mitgliedern sahen sich die Anhänger der Collegeville-Gruppe am Morgen des 21. Dez. von Leuten umgeben, denen die Meinung der "Seekers" entweder gleichgültig war oder der sie offen widersprachen. Es scheint, daß die Anwesenheit unterstützender Mitgläubiger eine unbedingte Voraussetzung für die Wiedergewinnung des Vertrauens in den Glauben ist.

Eingangs wiesen wir die Bedingungen auf, unter jenen Glaubenswiderlegung zu verstärkter Glaubensaktivität führt; für die meisten der Lake City Gruppe waren diese Bedingungen erfüllt. Die meisten glaubten an Mrs. Keechs Voraussage und engagierten sich aufgrund ihrer Überzeugung. Die Widerlegung war eindeutig, und die versuchte Rationalisierung allein konnte niemals genügen, die Dissonanz völlig zu beseitigen. Schließlich sahen sich dies Gruppenmitglieder der Widerlegung und ihrer Folgen gemeinsam gegenüber. Die Anhänger reagierten mit starken, hartnäckigen Bekehrungsversuchen. Für die "Seekers" waren die Bedingungen außer den fehlenden Mitgläubigen die gleichen. Unter diesen Isolierten gab es keine verstrickte Bekehrung, kein Versuch Publizität zu erlangen, sondern ihre typische Reaktion war, ihren Glauben aufzugeben oder gar ihre frühere Mitgliedschaft zu verbergen.