DITIB: Das wahre Gesicht
DAS
„WAHRE GESICHT" DER DITIB
Ziel ist eine andere Gesellschaft
GASTBEITRAG VON LALE AKGÜN*
(Kölner Stadt-Anzeiger 5. Juni 2008)
(>Hier< zu den Internet-Veröffentlichungen)
Wer Türkisch liest, hat einen Vorsprung: Die linksliberale Zeitung „Radikal"
zitiert derzeit genüsslich aus Internetartikeln der „Diyanet" - und offenbart
damit das wahre Gesicht der staatlichen Religionsbehörde und ihres deutschen
Ablegers, der Ditib mit Sitz in Köln. Da die Ditib von Ankara aus gesteuert
wird, gilt jedes Wort von dort als Richtungsangabe auch für Köln. Die streng
konservativen islamistischen Texte lassen wenig Platz für Individualität,
Freiheit und Pluralismus.
Die Argumentation in einem Leitfaden der Diyanet für „gute und vorbildliche
muslimische Frauen", der mittlerweile aus dem Internet entfernt wurde, fängt
recht harmlos an: Da werden Ehebruch und Prostitution als Sünde deklariert. Nun
ja, solche Ansichten vertreten auch viele Kirchen und andere Meinungsmacher.
Aber dann folgt eine Logik, die an die kruden Theorien der Evangelikalen in
Amerika oder der Wahhabiten in Saudi-Arabien erinnert: Harmlose Alltagspraktiken
werden als Vorläufer von Ehebruch und Prostitution gebrandmarkt: Parfümieren
etwa oder Flirten.
Teufel mit im Raum
Damit nicht genug der Prüderie: Die
Autoren erklären kategorisch, dass unverheiratete Männer und Frauen „in einem
geschlossenen Raum nicht beieinander sein" dürften. Das fällt nämlich schon
unter Promiskuität - was der Text etwas blumiger ausdrückt: „Wenn ein Mann und
eine Frau alleine in einem Zimmer sind, ist der Dritte im Bunde der Teufel."
Wer jetzt glaubt, Mann und Frau seien wenigstens in ihrer Unfreiheit
gleichberechtigt, irrt gewaltig. Frauen seien „besonders anregende sexuelle
Objekte" und dürften daher nur „richtig angezogen" vor die Tür. Was das
bedeutet, bleibt der Fantasie anheim gestellt. Die Liste der frauenfeindlichen
Vorschriften geht weiter: Frauen sollten lieber nicht arbeiten gehen, schon gar
nicht alleine reisen, und wenn sie mit Fremden sprechen, hätten sie sich
„ernsthaft und seriös" zu verhalten, um ja nicht die Libido der Männer zu
reizen.
Was geht eigentlich in Köpfen vor, die hinter jedem Schmuckstück oder Parfümduft
gleich die Aufforderung zu hemmungslosem Sex vermuten? Die Logik erinnert an die
auch in unseren Breiten lange Zeit verbreitete Ansicht, dass vergewaltigte
Frauen mitschuldig an dem seien, was ihnen widerfahren ist, weil sie in ihrem
Minirock den Täter erst so richtig angeheizt hätten. Heutzutage haben solche
Thesen keinen Platz mehr in der Mitte der Gesellschaft. Aber was wir glaubten
überwunden zu haben, drängt nun von islamischer Verbandsseite wieder auf die
Tagesordnung - Grund genug, diese reaktionären Gesinnungen kräftig zu bekämpfen!
Im Kern geht es diesen Moralpredigern nicht um Religion, sondern um die
Deutungshoheit über das Soziale. Sie verstehen ihre Lebensart nicht als Angebot
im Wettbewerb der Ideen, sie verstehen sie als Dogma. Sie zielen auf Machtauf
Macht einer kleinen über eine große Gruppe. Das Gefährliche daran ist, dass
sowohl die Diyanet in der Türkei als auch die Ditib in Deutschland ihren
moralischen Einfluss auf die Menschen ausnutzen, indem sie moderne Normen und
Umgangsformen, die auch in der Türkei schon lange den Alltag bestimmen,
schlichtweg abzuschaffen versuchen.
Fundus der Hardliner
In der Türkei ist es normal, dass Männer und Frauen zusammen sitzen, reden,
lachen und arbeiten. Eine Geschlechtertrennung ist künstlich, aufgezwungen und
stammt aus dem Fundus konservativer arabisch-
wahhabitischer
Hardliner. Übrigens: Inder Türkei wird über den wachsenden Einfluss
konservativ-islamischer Kräfte quer durch die Gesellschaft heftig gestritten. In
Deutschland dagegen fehlt es an der richtigen Akzentsetzung: Die Ditib spielt
hier fast immer die Rolle des „guten Islamverbandes", während die anderen
Verbände verteufelt werden. Die Internetartikel von Diyanet zeigen aber, dass
die Pauschalurteile nicht stimmen. Wir sollten nun genauer hinschauen, welche
Inhalte von Ditib und Diyanet verbreitet werden.
*Die Autorin, geb. 1953, ist islampolitische Sprecherin der
SPD-Bundestagsfraktion. Das Thema Integration beschäftigt die Kölnerin
türkischer Herkunft seit Jahren.
Ditib (Abkürzung für "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V."), betreibt unter Leitung und Aufsicht des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten Moscheen in Europa; >hier< mehr zum Moscheenbau.
Diyanet (Türkisch: Pietät, relig. Angelegenheit), auch Name der seit 1961 in der Türkei bestehenden staatlichen Religionsbehörde bzw. das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten