Marktfundamentalismus
>Hier< etwas über das Machtzentrum des Kapitalismus, die "Börse"
Aus: Kölner Stadt-Anzeiger- Nr. 248 - Donnerstag, 23. Oktober 2008
„Wie der Fall der Mauer"
US-Ökonom Joseph Stiglitz über den Niedergang des
Marktfundamentalismus
Der Träger des Wirtschafts-Nobelpreises setzt auf mehr
Regulierung und eine stärkere Rolle der Regierungen im Wirtschaftssektor.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Stiglitz, der Titel Ihre Buches lautet „Der
drei Billionen Dollar Krieg": Gibt es einen Zusammenhang zwischen Finanzkrise
und dem IrakKrieg?
Die Meinung eines Demonstranten vor der New Yorker Börse zum staatli-
chen Rettungspaket für die US-Banken: "Sozialismus rettet Kapitalisamus"
JOSEPH
STIGLITZ: Ja. Erstens hat der Irak-Krieg viel mit der Verteuerung des
Ölpreises zu tun. Den gestiegenen Ölpreis finanzierten die Amerikaner mit
ausländischem Geld auf Pump. Die amerikanische Notenbank agierte kurzsichtig,
als sie die Zinsen senkte, um die Wirtschaft zu beleben. Die Mischung aus
niedrigen Zinssätzen, überbordender Liquidität und laxer Aufsicht über die
Geldinstitute haben zur Finanzkrise geführt. Zweitens wurde der Irak-Krieg
vollständig mit Krediten finanziert. Dadurch ist die nationale Verschuldung in
nur acht Jahren um zwei Drittel gestiegen. Im August 2007 war zwar klar, dass
etwas dagegen unternommen werden musste, aber die Regierung kümmerte sich bis
Februar 2008 nicht darum. Was sie dann tat, war sehr zurückhaltend angesichts
des riesigen Haushaltsdefizits. Die Art, wie der Krieg finanziert wurde, wird
den ökonomischen Abschwung Amerikas verlängern.
Haben wir es mit der größten Krise seit der Großen Depression zu tun?
STIGLITZ: Es ist eindeutig das schwerwiegendste Problem seit der Großen Depression, aber es wird keine vergleichbar negativen Auswirkungen haben wie 1929. Die Finanzinstitutionen der USA verursachten die derzeitigen schwerwiegende Probleme mit ihren sogenannten „Finanzinnovationen", die helfen sollten, die Risiken zu managen. Doch sie schufen eine neue Art von Nicht-Transparenz mit gewaltigen Folgen. Nun weiß niemand, wie schlecht die Dinge wirklich stehen. Allerdings sind abseits vom Bankensektor die Folgen der Krise für die reale Ökonomie ungleich milder. Zur Zeit der Großen Depression gab es 25 Prozent Arbeitslosigkeit. Heute, dem Ökonomen John Maynard Keynes sei Dank, wissen wir, wie man die Dinge stoppen kann, bevor sie sich so schlecht wie damals entwickeln. Die Regierung sollte daher unverzüglich damit beginnen, in die Infrastruktur, die Bildung und andere Projekte zu investieren, die helfen, unsere Ökonomie und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Ist die Finanzkrise das Ende der Reagan-Revolution, also des enthemmten
Kapitalismus?
STIGLITZ: Alan Greenspan wurde als Chef der Notenbank von Ronald
Reagan berufen, weil er auf das freie Spiel der Marktkräfte setzte. Während
Greenspans Amtszeit wuchs die Blase mit den faulen Immobilienhypotheken. Alan
Greenspan verfügte über eine Fülle von Instrumenten, um gegenzusteuern, aber er
scheiterte. Paul Volcker, Greenspans Vorgänger, war bekannt dafür, die Inflation
unter Kontrolle zu halten. Er wurde gefeuert, weil die Reagan-Administration
nicht glauben konnte, dass er ein angemessener Deregulierer sei. Eins ist heute
klar: Um das Problem zu korrigieren, benötigen wir politische Führung und
Gesetzgeber, die wieder auf mehr Kontrolle der Finanzmärkte setzen.
Wer trägt die Hauptschuld?
STIGLITZ: Die Zerstörung war weitestgehend von der Wall Street
selbst gemacht. Die Wall-StreetLeute vergaßen, wozu sie eigentlich da sind,
nämlich Risiken zu managen und Kapital richtig einzusetzen. Sie wurden zu
Zockern mit dem Geld fremder Leute, wohl wissend, dass die Steuerzahler schon
einspringen werden, wenn ihre Verluste zu groß würden. Ihnen war bewusst, dass
sie zu groß sind, um zu scheitern. So versäumten sie es, das Risiko zu
begrenzen. Sie setzten Kapital falsch ein, enorme Summen flossen in den
Immobilienmarkt und überstiegen die Möglichkeiten der
Menschen, sie zu schultern. Zu wenig Kapital wurde Hightech-Firmen zur Verfügung
gestellt, die jetzt unser Leben verändern. Die Wut, die viele Leute auf die Wall
Street haben, resultiert aus der Verteidigungshaltung der Banker: Ihr hohes
Einkommens sei wohlverdient, heißt es etwa. Zudem hätten sie die Produktivität
in solcher Weise erhöht, dass aufgrund der Gewinne des Finanzsektors alle besser
dran seien, als es ohne sie der Fall gewesen wäre. Nur sehen wir jetzt, dass sie
die Wirtschaft keineswegs effizienter gemacht haben. Sie haben schlicht und
einfach ein Kartenhaus konstruiert und die Produktivität der Wirtschaft
dezimiert und nicht verbessert. Das Leben der Menschen im Land wurde
erleichtert, indem Hunderte von Milliarden auf Pump im Ausland geliehen wurden,
um den Konsumrausch und Häuserboom zu bedienen.
Was könnte das System verbessern?
STIGLITZ: Regulierungen sind notwendig, um Vertrauen
wiederherzustellen. Damit meine ich solche, die , sich auf „corporate govemance",
also Regeln für das Unternehmertum, Leistungsanreize oder Zinssysteme, beziehen.
Wir müssen sicherstellen, dass nicht einzig die Stimme der Wall Street gehört
wird, sondern auch der Rest des Landes. Teil eines neuen Rahmensystems sollte
eine Sicherheitskommission für Finanzprodukte sein, um zu gewährleisten, dass
keine Produkte mehr durch Banken oder Pensionsfonds gekauft öder verkauft werden
können, die für den Menschen ungenießbar sein können. Eine solche Kommission
könnte dazu beitragen, die Innovationskraft zu stärken, die Hauseigentümer zu
schützen und unsere Ökonomie effizienter zu machen.
Hat Europa richtig reagiert?
STIGLITZ: Es ist interessant, die Reaktion der Regierungen in
Europa zu beobachten. Das Versprechen Deutschlands, alle Bankeinlagen zu
garantieren, sollte helfen, das Vertrauen im Land wieder herzustellen. Gewiss
ist der britische Plan, die Banken zu sanieren und sie teilweise zu
verstaatlichen, der richtige Weg. Der Druck aus Europa trug dazu bei, dass der
US-Finanzminister seinen Rettungsplan modifizierte. Die erste Version war ein
ziemlicher Reinfall.
Markiert die Finanzkrise das Ende einer Epoche des Neoliberalismus?
STIGLITZ: Abgesehen von einigen unbelehrbaren Hardlinern wird
wirklich jeder sagen, dass dies das Ende des Marktfundamentalismus ist. Der
Fall der Wall Street ist für den Marktfundamentalismus das, was der Fall der
Mauer für den Kommunismus gewesen ist. Es zeigt, dass der Weg dieser
Wirtschaftsordnung nicht gangbar ist. Nun sind die Regierungen gefragt.
Das Gespräch führte
Michael Hesse

Joseph E. Stiglitz (geb. 1943) zählt zu den großen Ökonomen der
Gegenwart. Er lehrt an der New Yorker Columbia-Universität. Er war
Wirtschaftsberater von US-Präsident Clinton. Von 1997 bis 2000 arbeitete
Stiglitz als Chefökonom der Weltbank. Sein Spezialgebiet ist die Theorie des
Marktversagens. Für die Analyse von Märkten mit ungleicher Verteilung von
Informationen erhielt er im Jahr 2001 den Wirtschaftsnobelpreis. Im
Pantheon-Verlag erschien sein Buch: „Die wahren Kosten des Krieges".