Afghanistan, Syrien und Iran

>Hier< zum Artikel über Afghanistan (2009) und

>hier< Besuch des "revolutionären" Syrien (2011).

>Hier< ein Artikel über Besuch des Iran im April 2012


Jürgen Todenhöfer, Jahrgang 1940, der sich vom "CDU-Rechtsaußen" zum scharfen Kritiker der USA gewandelt hat (im Wochenmagazin "Stern" (Nr. 31, 24. Juli 2008): „Bin Laden tötete weniger Menschen als Bush“), studierte Sozial- und Staatswissenschaft, trat 1970 in die CDU (Christlich Demokratische Union) ein, dort Entwicklungs-, später (abrüstungs-)politischer Sprecher seiner Fraktion, ist nach eigenen Angaben Ehrenoberst der US Army. Von 1987 bis zum Jahr 2008 gehörte er dem Vorstand des Burda-Verlags an. Bestseller-Autor, z.B. der Bücher: »Feindbild Islam«, »Zehn Thesen gegen den Hass«. (Mehr bei Wikipedia.)

Von ihm veröffentlichte die Tagezeitung "Kölner Stadt-Anzeiger (Nr. 215 vom 16-9-2009) einen voll zweiseitigen, großformatigen Artikel, in welchem Todenhöfer auf grund seiner Beziehungen zu Afghanistan 1980 dort einen Besuch machte, um über Kriegsereignisse zwischen diesem Land und der damalige Sowjetunion grausliches berichten zu können und die derzeitigen Leiden der Menschen dort beschreibt. Er geht darauf ein, wie Ende November 2001 US-Einheiten bei Kandahar (fast Mitte unten im Bild - rot unterstrichen) gelandet worden waren, um nach Bin Laden (Usama Bin Ladin), den Führer der terroristischsten Organisation "al-Qaida" (Arabisch: Die Basis) zu fassen. Der war jedoch nicht zu finden.  Im Dezember wurde dann eine Offensive von sogenannten Anti-Taliban*-Truppen gegen die bei Jalalabad (oder Dschalabad** nach Todenhöfer, östlich von Kabul - rot unterstrichen) gelegene Bergfestung Tora Bora (rot angekreuzt) eingeleitet. In dieser Gegend habe sich Bin Laden aufgehalten, wird berichtet.

* =Koranschüler

** "j" = englisch statt "dsch" zu deutsch (geht im Artikel von Todenhöfer durcheinander)

 

Im Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers beschreibt Todenhöfer, wie es in Afghanistan zu einem Treffen mit Mullah (= "Herr", islamischer Rechts- bzw. Religionslehrer) Nasrat gekommen ist, dem Sprecher der afghanischen Taliban für die Provinzen Nangarhar, Laghman und Kunar. Dabei haben Beziehungen - wie so oft im Leben eine Rolle gespielt:

 

Anwar-ul-Haque Mudjahid ist einer der Stellvertreter des Führers der Tabilban, des Mullah Mohammed Omar. Todenhöfer berichtet, dass er einem paschtunischen* Wegbegleiter ein Foto von seinem Besuch aus den 1980er Jahren gezeigt hätte. Darauf sei er zusammen mit dem "alten rotbärtigen Mudscheddin-Führer, Maulawi Khales, zu sehen gewesen bei der Übergabe von Medikamenten am Khyber-Pass" (oder Khaiber, CHaiber, ein Pass in Pakistan nahe der Grenze zu Afghanistan). Khales ist bekanntlich der Vater des stellvertretenden Tabilbanchefs Madjahid (bzw. Madschahid nach deutscher Aussprache).

* Paschto ist eine ostiranische Sprache, sogar Amtssprache (welche die Paschtunen - meist sunnitische Muslime - heute noch sprechen)


Offensichtlich (es wird nicht näher beschrieben) hat der Paschtune den Stellvertreter von Omar erreicht, der dann den Sprecher losgeschickt hat.


Todenhöfer schreibt nun wörtlich: "Mullah Nasrat ist außerdem Taliban-Kommandant von Tora Bora. Über ihm stehen nur Mullah Omar und der Sohn von Maulawi Khales. Für die Ergreifung oder Tötung von Taliban-Führern wie Mullah Nasrat bieten die USA Unsummen. Wie wir später erfahren, haben 28 seiner Kämpfer Stellung bezogen, um unser Treffen abzusichern.


Mullah Nasrat hat noch nie einem Westler ein Interview gegeben. Und auch mit afghanischen oder pakistanischen Journalisten spricht er nur über Telefon. Er erklärt, zu diesem Gespräch sei er nur bereit, weil er wisse, dass ich" (Todenhöfer) "die Mujaheddin immer unterstützt hätte - vor allem im Kampf gegen die sowjetische Besatzung. Das Oberkommando der Taliban habe dem Gespräch zugestimmt. Er habe eine Stunde Zeit. Dann müsse er damit rechnen, dass die Nachricht über seine Anwesenheit zu den US-Streitkräften durchgesickert sei..."


Mullah Nasrat habe über seine Entscheidung zum Widerstand berichtet, weil eines Nachts amerikanische Soldaten in sein Dorf eingefallen seien, Häuser einschließlich der Frauengemächer durchsucht und wahllos Männer verhaftet hätten, "die heute noch in US-Gefängnissen säßen. Die USA hätten inzwischen weit über Zehntausend unschuldige Afghanen umgebracht, sogar Kinder. Sie hätten den Koran entweiht und auf ihn uriniert. Irgendwann habe er das alles nicht mehr ertragen. Jeder Mensch habe ein Recht auf Freiheit und auf Widerstand gegen krasses Unrecht.
Als der Sohn Maulawi Khales zum Widerstand aufgerufen habe, sei er diesem Ruf gefolgt." Der Westen nenne alle afghanischen Widerstandskämpfer Taliban, aber es gebe völlig unterschiedliche Arten davon: Die erste Gruppe seien die wahren afghanischen Taliban, denen er angehöre. Sie hätten sich in den letzten Jahren modernisiert und auch dazugelernt. So seien sie zum Beispiel bereit, dem Schulbesuch von Mädchen zuzustimmen - in getrennten Schulen, „so wie jetzt". Außerdem griffen sie, so Mullah Nasrat, nur US-Streitkräfte an - keine afghanischen Soldaten, keine Polizisten, keine Zivilisten und erst recht keine ausländischen Organisationen, die Afghanistan respektierten und unterstützten. Mullah Omar habe erst kürzlich nochmals ausdrücklich verboten, Zivilisten anzugreifen: Sie seien Mujaheddin, Freiheitskämpfer und keine Terroristen. Die afghanischen Taliban würden in erster Linie von der einfachen Bevölkerung unterstützt.


Mullah Nasrat betont, die afghanischen Taliban hätten und bräuchten keinen Kontakt zum pakistanischen Geheimdienst. Sie kämpften nur für ihr eigenes Land. Die Gruppe, die er in Tora Bora (rotes X auf der Karte) führe, bestehe aus etwa 20 Mann. Im Kampfgebiet Nangarhar, Laghman und Kunar, für das er spreche, gebe es etwa 40 solcher Gruppen.


Die zweite Gruppe bildeten die aus den Stammesgebieten an der Grenze zu Pakistan kommenden waziristanischen* Taliban. Sie seien sehr stark. Als Nichtafghanen hielten sie sich nie länger an einem Ort auf. So weit sie gegen die Amerikaner kämpften, würden sie vom pakistanischen Geheimdienst ISI geduldet und teilweise auch gefördert. Ihr Führer sei der Afghane Mullah Kabir. Sie seien radikaler als die afghanischen Taliban. Sie hätten diese auch schon als Nichtmuslime bezeichnet und verfolgten sie teilweise mit großer Brutalität. Sie töteten auch Zivilisten, würden Schulen abbrennen und ausländische Organisationen angreifen. Die echten afghanischen Taliban versuchten, wo immer sie könnten, auf die waziristanischen Taliban Einfluss zu nehmen und ihnen klarzumachen, dass der Koran das Töten von Zivilisten verbiete. Aber sie könnten nicht alles verhindern. Viele dieser Leute seien einfach verzweifelt, manche auch verbohrt. In der Region Tora Bora gebe es etwa 200 waziristanische Taliban.

* Waziristan, ein Volksgruppe im pakistanisch-afganistanischen Grenzgebiet, zur paschtunischen (oder pastonischen, engl.) Sprachfamilie gehörig.


Die dritte Gruppe seien die „von den USA finanzierten amerikanischen Taliban". Die Amerikaner hätten systematisch junge arbeitslosse Afghanen "gekauft". Sie mischten sich unter die afghanischen und die waziristanischen Taliban sowie unter die einfachen Leute. Sie hätten den Auftrag, sich als Taliban auszugeben, diese auszuspähen und mit mörderischen Anschlägen gegen Zivilisten den USA den Vorwand zu liefern, in Afghanistan zu bleiben.


Die Amerikaner verfolgten in Afghanistan in erster Linie egoistische, geostrategische Interessen. Kein Afghane glaube, dass sie Hunderte von Milliarden Dollar ausgäben, nur um Afghanistan Demokratie und Freiheit zu schenken. Die „gekauften amerikanischen Taliban" seien schwer zu identifizieren. Man erkenne sie höchstens daran, dass sie mehr Geld sowie bessere Waffen und Fahrzeuge besäßen. Außerdem würden sie nach Festnahmen meist sehr schnell freigelassen. Er schätze die Zahl der „gekauften, amerikanischen Taliban" in „seinen" drei Provinzen auf etwa 100 Mann. Sie griffen die afghanischen Taliban oft mit großer Brutalität an. Erst vor einer Woche seien zehn seiner Männer von ihnen betäubt, gesteinigt und anschließend mit Bajonetten durchbohrt worden.
 

Neben den afghanischen, den waziristanischen und den von den Amerikanern gekauften Taliban gebe es im Kampfgebiet Nangarhar, Laghman und Kunar noch über 100 ausländische Kämpfer, Araber und Tschetschenen, die sich zu El Kaida (= al-Qaida) bekennen, als eine vierte Gruppe. Ihre Bedeutung sei im afghanischen Widerstand nicht groß.


Die Frage in wie weit die Selbstmordanschläge mit dem Koran zu vereinbaren seien, auch die der „echten" afghanischen Taliban, wäre dahingehend beantwortet worden, dass der Koran ausdrücklich den Selbstmord verbiete und auch die Tötung Unschuldiger. Die meisten, aber nicht alle Selbstmordanschläge, würden von den waziristanischen Taliban durchgeführt, die unerträglich viele zivile Opfer forderen. Nach Meinung des befragten Tabansprechers dürften sich Selbstmordanschläge jedoch nur gegen die US-Streitkräfte richten und sollten zivile Opfer vermeiden. (Das bezeichnet man als Kollateralschaden, Erklärung am Ende der Seite >hier<)


Als er spürt, dass ich seine Auffassung nicht teile, fragt er mich, mit welchen Waffen seine Leute eigentlich  kämpfen sollten. Mit ihren alten Kalaschnikows? Die einzige wirkliche Waffe, Da die waffentechnisch weit unterlegenen Taliban-Kämpfer gegenüber den modernen amerikanischen Bombern, Raketen und Panzern nur ihr eigenes Leben einsetzen könnten, sei es nicht  leicht, Selbstmordanschläge zu verurteilen, wenn man es mit Flugzeug-Piloten aufnehmen müsse, die in ein paar Tausend Metern Höhe ohne jedes Risiko auf einen Knopf drücken könnten, um ihre tödlichen Waffen abzuschießen, wobei dann auch (fast) immer Zivilisten zu Tode kämen, ganz zu schweigen von "vom Bombardieren afghanischer Hochzeiten und Trauerfeiern."


Die Frage an den Talibansprecher, den Mullah Nasrat, "ob die afghanischen Taliban nach einem Abzug der US-Streitkräfte bereit seien, das Votum der afghanischen Wähler zu akzeptieren, oder ob sie um jeden Preis die Macht in Kabul anstrebten," beantworte es damit, dass die Führung der afghanischen Taliban aus bitterer Erfahrung wisse, dass die innerafghanischen Probleme nicht durch Krieg, sondern nur auf friedlichem Weg zu lösen seien. Die afghanischen Taliban würden sich nach einem Abzug der US-Streitkräfte gerne an Wahlen oder an traditionellen afghanischen Stammesversammlung beteiligen, deren Ergebnis akzeptieren und zu einem Dialog und zur Kooperation bereit sein. „Wir kämpfen nicht gegen Afghanistan. Wir kämpfen für Afghanistan."


Nach Auffassung von Todenhöfer wird in Deutschland die Diskussion über die Beteiligung am Afghanistankrieg nicht ehrlich geführt. Die Behauptung des SPD-Politikers und früheren Verteidigungsministers, Peter Struck, „unsere Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt", sei nicht nur falsch sondern das Gegenteil richtig: Denn (Zitat) wir gefährden mit unserer Beteiligung am Afghanistankrieg unsere Sicherheit. Mit jedem durch westliche Waffen getöteten afghanischen Zivilisten wächst die Gefahr des Revanche-Terrorismus in Deutschland. Noch falscher ist die Behauptung des (derzeitigen) deutschen Verteidigungsministers, Franz Josef Jung (CDU), „wenn wir den Terror nicht in Afghanistan bekämpften, dann komme der Terror zu uns". Die Bundeswehr bekämpft in Afghanistan gar keine internationalen Terroristen, die Deutschland bedrohen. Sie kämpft gegen nationale Aufständische, die sich gegen die westliche Besatzung wehren.


Die Männer Mullah Nasrats wollen und werden nie deutsche Städte angreifen. Sie wollen ihr Land befreien. Am unredlichsten ist die Behauptung Jungs, „der zivile Wiederaufbau sei (uns) genauso wichtig wie der militärische Aspekt". Deutschland gibt in Afghanistan viermal so viel für militärische Zwecke aus wie für echte Entwicklungshilfe die USA zehnmal so viel. (Zitat-Ende.)

 


Es lohnt sich, die von Jürgen Todenhöfer veröffentlichen Bücher über den Irak- und den Afghanistankrieg zu lesen! (Im Buchhandel erfragen.)


 

Reise in ein zerrissenes Land
Jürgen Todenhöfer beobachtete in Syrien die weiter große Anhängerschaft Baschar el-Assads und sprach mit Oppositionellen

Aus Kölner Stadt-Anzeiger, Samstag/Sonntag 26./27. November 2011

 

2 Bilder von  Julia Leer:

Gespräch mit Staatschef Baschar el-Assad

 

Todenhöfer unter Demonstranten in Homs


Damaskus/Homs/Hama. „Ich ein Staatsfeind?" frage ich verdutzt den Grenzbeamten, der mir abends am Flughafen Damaskus die Einreise verweigert. „Gegen Sie liegt ein Einreiseverbot des Geheimdienstes vor", antwortet er knapp. „Folgen Sie mir!" In einem kargen Büro beginnt ein schwieriges Verhör, immer wieder unterbrochen von hektischen Telefonaten. Im Juni hatte ich als Tourist Syrien bereist und Daraa besucht, die Stadt, in welcher der Aufstand begann. Den Geheimdiensten schien das missfallen zu haben. Ausländische Journalisten sind in Syrien seit langem nicht mehr zugelassen. Doch plötzlich, gegen Mitternacht, wendet ein Anruf des Außenministeriums das Blatt. „Sie können einreisen, entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten!", sagt einer der Beamten müde.

 

Syrien ist ein Land voller Überraschungen und Widersprüche.

 

Hunderttausende rufen in Sprechchören: Assad heißt Freiheit!
 

Am nächsten Nachmittag stehe ich auf dem Omajaden-Platz – inmitten einer staatlich organisierten Großveranstaltung für den syrischen Präsidenten. Als „Staatsfeind" will ich mir diese Staatsdemo nicht entgehen lassen. Obwohl sie schon morgens startete, feiern noch über eine halbe Million Menschen. Hunderttausende rufen in Sprechchören: „Assad heißt Freiheit, Assad heißt Demokratie!" Staunend stehe ich in der Menge. Bezahlte Jubel-Syrer?


Es herrscht Volksfeststimmung. Junge Soldaten und Mädchen fordern mich zum Tanzen auf. Dankend lehne ich ab. Aber in Damaskus scheint Assad mehr Anhänger zu haben, als die Welt glaubt. Die Zahl der Demonstranten ist mindestens zehnmal so groß wie am nächsten Tag in den westlichen Medien berichtet.


Damaskus allein ist nicht Syrien. Ich fahre nach Homs und Hama, die Hochburgen der Revolution. Mit einem Taxi, dessen Fahrer dort Verwandte hat. Homs, einst viel bewundertes Vorbild des friedlichen Miteinanders der Religionen, ist heute Schauplatz blutiger Kämpfe. Unzählige Menschen sind dabei getötet oder schwer verwundet worden. Aber am Stadteingang sind weder Soldaten noch militärische Sperranlagen zu entdecken. Nur Schutzwälle aus Sandsäcken an Straßenkreuzungen und öffentlichen Gebäuden erinnern daran, dass hier häufig Kämpfe toben.


Die Geschäfte sind offen, Tausende Menschen sind unterwegs. Auf dem Wochenmarkt, auf dem es von Fleisch und Gemüse bis zu warmer Unterwäsche alles zu kaufen gibt, erwerbe ich drei Bananen. Der schnauzbärtige Verkäufer schenkt mir eine Tüte Mandarinen dazu. „Danke, dass Sie gekommen sind! Hier kommt niemand mehr her." In einem Teehaus spielen alte Männer Backgammon. In einer schummrigen Ecke nehmen wir Platz. Wir bestellen Minztee und eine Shisha-Pfeife. Ein junger Mann setzt sich zu uns. „Heute Abend wird es Kämpfe geben", sagt er leise. „Sie sollten bald abfahren." Dann erzählt er von der Revolution, von seinen Träumen von Freiheit und seiner Angst vor den Geheimdiensten. „Die Menschen hassen das System. Es ist korrupt und brutal." Ich will wissen, wie viel Prozent in Homs hinter seinen Freunden, den Rebellen, stünden. „50 Prozent", antwortet er. Wir bekommen einen furchtbaren Bürgerkrieg, wenn es nicht bald eine Lösung gibt." Wieder staune ich: Nur 50 Prozent unterstützen den Aufstand von Homs? Doch ich höre diese Zahl mehrfach. Vor allem von Alawiten und Christen, die hier zwei Fünftel der Bevölkerung stellen.


Nach Sonnenuntergang fahren wir nach Hama, der Stadt malerischer Wasserräder und Aquädukte aus römischer Zeit. Im Souk pul-siert das Leben. Fröhlich grüßen uns die Menschen. Drei junge Männer ziehen uns in einen düsteren Hinterhof und berichten von den Kämpfen, die Syrien zweiteilen. Die großen Ballungszentren Damaskus und Aleppo seien noch ruhig, aber im Landesinneren hätten sich zum Schutz der friedlichen Demonstranten bewaffnete Einheiten gebildet.

 

Ein junger Syrer:

Die Menschen hassen das System
 

Der Jüngste der Gruppe zeigt mir ein Handy-Foto seines Vaters. Er sei bei einer Demo erschossen worden. Sein Filmmaterial will er mir nicht geben. Da könne er sich gleich im städtischen Gefängnis melden. Die Menschen hier haben Angst. Spätabends sind wir in unserem Hotel in Hama. Todmüde falle ich ins Bett. Plötzlich höre ich eine Explosion und Gewehrsalven. Ich rufe die Rezeption an und frage, was los sei. „Das Übliche", lacht der kleine, dicke Mann, der uns kurz zuvor noch eine friedliche Nachtruhe gewünscht hatte. „Sie können ruhig weiterschlafen."
Am nächsten Mittag fahren wir zurück nach Homs. Wieder diskutieren wir mit jungen Leuten, diesmal mit Christen. Auch sie demonstrieren regelmäßig für Demokratie. Unter großem persönlichen Risiko. Sie berichten von der Brutalität der staatlichen Sicherheitskräfte, aber auch von gnadenlosen, schwer bewaffneten Aufständischen. Sie schätzen deren Zahl landesweit auf etwa 5000. Nur ein geringer Bruchteil davon seien desertierte Soldaten. Die spielten nur in den westlichen Medien eine Rolle.
Die bewaffneten Aufständischen operierten im Stil von Guerilla-Kommandos. Sie töteten nicht nur Soldaten und Polizisten, sondern gezielt auch Zivilisten. Vor allem Alawiten. Aber auch Christen. Fast jeder in Homs kenne derartige Fälle. Die Behauptung, sie dienten nur dem Schutz der Demonstranten, sei ein Vorwand. Ihr Ziel sei die Eskalation des Konflikts, das Chaos. Niemand wisse genau, von wem sie gesteuert würden. Sie hätten der Revolution ihre Unschuld gestohlen. Die meisten friedlichen Demonstranten und auch die Oppositionsparteien in Syrien hätten andere Motive. Ihnen gehe es um echte Demokratie. Diktatur hätten sie satt. Sie wollten nicht länger von den staatlichen Sicherheitsapparaten wie Kinder gegängelt werden. Die Nato brauche man dazu nicht. Man wolle kein zweites Libyen. Der Westen mische sich ohnehin schon viel zu sehr ein. Die Revolution gehöre den Syrern. Syrien sei ein stolzes Land. Es ist ein langes, nachdenkliches Gespräch, nur gestört von den Sirenen häufig vorbeifahrender Krankenwagen. Von der Straße aus gibt uns der Fahrer nervöse Zeichen aufzubrechen. Er hat mehrere Anrufe aus Damaskus erhalten. El Dschasira und das syrische Fernsehen berichteten seit sechs Uhr morgens über schwere Kämpfe in Homs. Mit zahlreichen Toten. Das also ist der Grund, warum so viele Krankenwagen durch Homs rasen.
Die Kämpfe finden im westlichen Teil der Stadt, in Baba Amrou, in Azzahraa und in der 60sten Straße statt, während wir uns im Zentrum befinden. Das ist angeblich noch sicher. Ich will noch einmal zur Ad Droubi Moschee, um meine Gedanken zu ordnen.
Doch unser Fahrer wird immer ungeduldiger. Im Schritttempo fährt er direkt hinter uns her. Wie auf ein geheimes Zeichen lassen alle Geschäfte ihre eisernen Rollläden runter. Die Straßen sind plötzlich menschenleer. Die Szene wirkt gespenstisch.
"Man soll sein Schicksal nicht überfordern", denke ich und steige ins Taxi. Erleichtert rast der Fahrer los. Kurz nach Sonnenuntergang sind wir in Damaskus. Wieder ist hier von Revolution nichts zu spüren. Syrien ist ein tief gespaltenes Land und viel komplexer als die westliche Politik denkt. In den Cafes und Souvenirläden der Hauptstadt sind die Menschen gegenüber den wenigen Touristen, die gekommen sind, noch liebenswerter als sonst. Sie scheinen entspannt und gelassen.
Doch vielleicht ist das nur die Ruhe vor dem großen Sturm, der sich im Landesinneren und in den Vorstädten zusammenbraut. Allein an den beiden Tagen, die wir in Horns und Hama verbrachten, starben dort 68 bewaffnete Aufständische, 34 Zivilisten, aber auch 16 Soldaten. Syrien, Wiege unserer Zivilisation, steuert auf eine blutige Tragödie zu. Doch der Siegeszug der Demokratie ist unaufhaltbar. In der gesamten arabischen Welt. Auch in Syrien. Und das ist gut so. Das weiß Präsident Assad, und das wissen seine Gegner. Mit beiden habe ich darüber lange Gespräche geführt. Doch müssen dafür, wie in Libyen, wieder Zehntausende oder gar Hunderttausende Menschen ihr Leben lassen?
Nicht nur die syrische Regierung, die unverantwortlich hart gegen friedliche Demonstranten vorgeht, sondern auch die Führer der bewaffneten Guerillakommandos sollten darüber nachdenken. Und auch der Westen, der statt zu vermitteln, Öl ins Feuer gießt, und dessen Sanktionen die Existenz Hunderttausender kleiner Leute vernichten.
 

Assad ist paradoxerweise der Einzige, der Syrien noch friedlich zu einer Demokratie umformen könnte
Ein marxistischer Oppositioneller

 

„Wenn er sich freien Präsidentschaftswahlen stellte. Mit vollem Risiko. Eine solche demokratische Entscheidung würden sogar die meisten friedlichen Demonstranten akzeptieren. Weil viele Menschen noch immer einen Unterschied zwischen Baschar elAssad und dem System machen", sagt mir ausgerechnet ein alter marxistischer Oppositionspolitiker, der über ein Jahrzehnt in den Kerkern des Regimes verbrachte. Sein leises Lächeln ist von unendlicher Traurigkeit. Als spiegele es die Zukunft seines zerrissenen Landes.
 

Zusatzmeldungen (rtr):

Zehn Soldaten getötet: Bei einem Anschlag auf das syrische Militär sind nach offiziellen Angaben zehn Angehörige der Streitkräfte getötet worden, darunter sechs Piloten. Eine bewaffnete Terrorgruppe habe am Freitag einen Luftwaffenstützpunktzwischen Homs und Palmfra angegriffen, sagte ein Militärsprecher im staatlichen Fernsehen. „Dies beweist die Beteiligung ausländischer Elemente und deren Unterstützung solcher Terroraktionen, um die Kampfkraft unserer Kräfte zu schwächen."
In Syrien bekämpfen sich seit acht Monaten die Regierung von Präsident Baschar el-Assad und Demonstranten, die mehr Demokratie fordern. Nach UN-Angaben starben dabei mehr als 3500 Menschen. Die Angaben aus Syrien können kaum überprüft werden, weil die Regierung den Zugang sperrt.
Am Freitag lief ein Ultimatum der Arabischen Liga an die syrische Führung ab, ohne dass Syrien wie gefordert der Entsendung von Beobachtern zustimmte. Wie aus arabischen Kreisen weiter bekannt wurde, wollte die Liga Syrien aber noch bis Mitternacht Zeit geben, auf die Forderung einzugehen.


Kölner Stadt-Anzeiger, Seite 10 Reprotage vom  Donnerstag, 3. Mai 2012:


Die Sehnsucht der Iraner
Eindrücke aus einem Land, das wegen seiner Nuklearpolitik unter Druck steht -und dessen Bewohner, darunter auch Juden, jede kriegerische Absicht zurückweisen
EIN STANDPUNKT VON JÜRGEN TODENHÖFER

 

Teheran im April. Wie gerne würde ich einige unserer westlichen Politiker einmal in den Iran mitnehmen. Um ihnen zu zeigen, dass dieses Land so ganz anders ist, als sie es ihren Wählern erzählen. Ich würde sie in eine der christlichen Kirchen oder eine der Synagogen Teherans begleiten. Und in jenes berühmte jüdische Sapir-Hospital, wo sie Ciamak Moresadgh kennenlernen würden, den liebenswürdigen, klugen Direktor des Krankenhauses.
Moresadgh ist auf vieles stolz. Darauf, dass 80 Prozent seiner Patienten Muslime sind, die für ihre Behandlung nur wenig oder gar nichts bezahlen müssen. Und darauf, dass er Jude und Iraner ist. Wie 20 000 weitere Juden, deren Familien seit über zweieinhalbtausend Jahren hier leben.
Moresadgh, der die Juden als Abgeordneter auch im Parlament vertritt, würde mit seinen Besuchern gerne über Religionsfreiheit im Iran sprechen. Über die jüdischen Schulen und Kindergärten in Teheran, die koscheren Restaurants und darüber, dass der iranische Staat sein Krankenhausjährlich mit einer Million Dollar unterstützt.
Er würde versuchen zu erklären, dass es im Iran trotz antizionistischer Politik nie jenen grauenvollen, staatlich organisierten Antisemitismus gegeben hat wie in Deutschland oder Europa. „Antisemitismus ist kein islamisches, sondern ein europäisches Phänomen", würde er leise sagen.
Moresadgh ist wie alle Iraner an den kriegerischen Alarmismus gewöhnt, mit dem die Nuklearpläne seines Landes immer wieder in die Schlagzeilen der Weltpresse gepeitscht werden. Schon 1993 behauptete Benjamin Netanjahu, der Iran werde in drei bis fünf Jahren eine Nuklearwaffe besitzen. 1995 zitierte die „New York Times" israelische und amerikanische Regierungsstellen mit der Feststellung, der Iran werde die Bombe im Jahr 2000 haben. 1998 erläuterte DonaldRumsfeld dem Kongress, 2003 könne eine iranische Interkontinentalrakete die USA erreichen. Und 2003 berichtete der „Spiegel", der Iran stehe „offenbar kurz vor dem Bau der Atombombe". Wie vor dem Irak-Krieg wird auch im Iran-Konflikt systematisch und hemmungslos gelogen.
Die antiiranische Kampagne des Westens währt, wie man sieht, seit vielen Jahren. So forderte die US-Fernsehkommentatorin Ann Coulter schon früh: „Wir sollten unseren nationalen Arschkriecherwettbewerb beenden, Syrien ins Steinzeitalter zurückbomben und danach den Iran dauerhaft entwaffnen."
Präsidentschaftskandidat John McCain sang 2007 auf einer Parteiveranstaltung der Republikaner fröhlich: „Bomb, bomb, bomb Iran" – lasst uns endlich den Iran bombardieren. Und Obamas Herausforderer Mitt Romney, der den Iran für eine „zum Völkermord neigende Nation" und die „größte Bedrohung seit den Nazis und den Sowjets" hält, erklärte am 5. März 2012: „Entweder verstehen die Ajatollahs unsere Botschaft, oder sie werden einige sehr schmerzhafte Lektionen amerikanischer Entschlossenheit erhalten."
Israels Premierminister Netanjahu wollte da nicht zurückstehen. Gefragt, wann Israel angreifen werde, antwortete er, er arbeite "nicht mit der Stoppuhr". Es handle sich nicht um „Tage oder Wochen, aber auch nicht mehr um Jahre". Der Iran wolle „im Namen einer Herrenreligion Millionen Juden vernichten". Er sei der „größte Terrorstaat der Welt".
Am 16. April, jenem Tag, an dem j
Netan ahu den Iran als „welt- größten Terrorstaat" bezeichnete, landete ich zu meiner vierten Iran-Reise in Teheran. Begleitet von meinem Sohn Frederic. Ihm erging es wie den meisten westlichen Iran-Reisenden. Nach zwei Tagen rieb er sich nur noch die Augen. Der einzige „Extremismus", dem wir begegneten, war die extreme Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft aller Iraner, die wir trafen. Ihre Liebenswürdigkeit war fast beschämend. Dieses Landdes Lächelns sollte der Welt finsterster Terrorstaat sein?
Drei Tage später sind wir in Isfahan, einer märchenhaften Stadt voll mittelalterlicher Prachtbauten, uralter Basare und romantischer Parkanlagen. Am Imamplatz sitzen wir zusammen mit Ali, einem 22-jährigen Geschichtsstudenten. Er trägt Jeans, T-Shirt und modische Sneakers.

Naghsh-e Jahan Square in Esfahan (oder Isfahan, Arabische Vokale werden oft nicht geschrieben)


 

Ali, Student in Isfahan

Niemand will vom Westen befreit werden
 

Ali bekennt sich zur grünen Protestbewegung. Das Mullah-Regime hält er für unzeitgemäß und repressiv. „Das ist so, wie wenn Ihr von Kardinalen regiert würdet", sagt er. Wegen umstürzlerischer Umtriebe hat man ihn vor einem Jahr zwei Wochen ins Gefängnis gesteckt. „Die Iraner sehnen sich nach echter Demokratie", flüstert er. „Aber niemand will nach dem Irak-Desaster vom Westen befreit werden."
In der Nuklearfrage gibt er der iranischen Führung, wie alle, die wir trafen, recht. Niemand im Iran wolle Nuklearwaffen. Selbst die Mullahs nicht. Allerdings wollten alle Iraner das Recht auf friedliche Nutzung der Nukleartechnologie –wie jeder Staat der Welt. Das sei nationaler Konsens.
Den Nachmittag verbringen wir mit Ali auf der mittelalterlichen, steinernen 33-Bogen-Brücke. Dort treffen sich 'um diese Zeit Tausende Jugendliche. Immer wieder werden wir angesprochen und zu irgendwas eingeladen. In kaum einem Land der Welt flirten die Mädchen fröhlicher als im Iran. Frederic schmunzelt: „Kein Wunder, dass die Mullahs verlangen, dass sie wenigstens ihre Haare bedecken." Der Nachmittag dauert bis tief in die Nacht. Bei iranischer und westlicher Musik und einem Picknick, weit außerhalb von Isfahan. Iraner feiern gerne.
In der geheimnisumwitterten heiligen Stadt Ghom, dort, wo Khomeini lehrte und zum Sturz des Schahs aufrief, treffen wir Ajatollah Abbas Ka'bi. Er ist Mitglied des mächtigen Expertenrats, das den Revolutionsführer wählt und überwacht. Wir sprechen über die von Ali Chamenei erlassenen Fatwas, jene vielzitierten, verbindlichen Religionsgutachten zur Nuklearfrage. Darin hatte der mächtigste Mann des Iran Nuklearwaffen als unvereinbar mit dem Koran erklärt. Weil sie keinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten machten. Frederic fragt, ob eine veränderte Bedrohungslage zu einer Änderung der Fatwas führen könne.
Ajatollah Abbas Ka'bi erklärt lächelnd, dass das bei diesen Fatwas unmöglich sei. Atomwaffen würden immer Zivilisten töten, und das werde der Koran immer verbieten. Kein Religions- oder Revolutionsführer habe die Macht, das zu ändern.
Abbas Ka'bi wehrt sich gegen die Unterstellung, sein Land habe Kriegsabsichten. Seit 150 Jahren habe der Iran kein Land angegriffen, anders als die USA. Er sei jedoch mehrfach überfallen worden, zuletzt 1980 von Saddam Hussein mit Unterstützung der USA. Dass der Iran seine Friedfertigkeit nun ausgerechnet gegenüber den USA und Israel beweisen solle, stelle die Dinge auf den Kopf. Die USA wüssten durch ihre Geheimdienste, dass der Iran keine Nuklearwaffen wolle. „Anders als manche westliche Politiker schalten wir in kritischen Situationen unseren Verstand nicht aus", sagt Abbas Ka'bi.
General Martin Dempsey, Chef der US-Streitkräfte, scheint das ähnlich zu sehen. Im Februar erklärte er: „Wir glauben, dass der Iran ein rationaler Akteur ist und nicht beschlossen hat, Nuklearwaffen herzustellen." Selbst ExMossad-Chef Meir Dagan betonte, dass Ahmadinedschad in der Nuklearfrage rational handele.
Den Iran jetzt zu bombardieren sei die „dümmste Idee, die er je gehört habe".
Für den Iran machen Nuklearwaffen in der Tat keinen wirklichen Sinn. Das Land, dessen Militärhaushalt ein Prozent des amerikanischen beträgt, ist eingekreist von Dutzenden amerikanischen Stützpunkten. Es liegt in der Reichweite von über tausend strategischen Atomgefechtsköpfen der USA und mehreren 100 Gefechtsköpfen Israels. Das kleine Einmaleins der Nuklearstrategie gälte für den Iranganz besonders: Wer als Erster schießt, stirbt als zweiter. Die USA könnten mit ihren Atomwaffen rein rechnerisch jeden der 75 Millionen Iraner mehr als hundertmal zu Asche verbrennen. Bei diesen Kräfteverhältnissen ist eine Handvoll Atomwaffen nicht sehr abschreckend.
Vieles spricht dafür, dass das „iranische Nuklearproblem" ein Vorwand ist, um den Iran zu isolieren und in die Knie zu zwingen. Dass es in Wahrheit um die Vorherrschaft im ölreichen Mittleren Osten geht. Der Iran ist zum Ärger der USA der eigentliche Gewinner des Irak-Kriegs, ohne daran teilgenommen zu haben. Seither erstreckt sich der iranische Einfluss über den Irak, Syrien, Libanon bis tief in die schiitischen Gebiete Saudi-Arabiens und Bahreins hinein. Diesen Machtzuwachs wollen die USA rückgängig und den Iran


99 Angesichts der provokativen Rhetorik Ahmadinedschads kann man die traumatischen Ängste vieler Israelis verstehen


durch Druck, Drohung und Gewalt wieder zu einem linientreuen Verbündeten machen. Wie zu Zeiten des CIA-Schützlings Schah Reza Pahlevi, dessen Nuklearpläne der Westen stets bereitwillig unterstützte.
Daneben geht es den USA im Mittleren Osten immer auch um die Stabilisierung Israels. Die arabische Revolution hat die Region unberechenbar gemacht. Jeder israelische Politiker muss sich Sorgen um die Zukunft seines Landes machen. Angesichts der provokativen Rhetorik Ahmadinedschads kann man die traumatischen Ängste vieler Israelis verstehen. Der Iran betreibt gegenüber Israel eine offen feindselige Politik. Ahmadinedschad hat dies am 26. Oktober 2005 mit seiner berüchtigten Aussage unterstrichen, so wie die „Regime" des Schah, der Sowjetunion und Saddams müsse auch „das Regime, das Jerusalem besetzt hält, aus den Annalen der Geschichte getilgt werden".
Zwar zeigt diese amtliche Übersetzung des Deutschen Bundestags, dass Ahmadinedschad nicht erklärt hat, „Israel müsse von der Landkarte getilgt werden". Israels stellvertretender Ministerpräsident Dan Meridor hat dies vor wenigen Tagen ausdrücklich bestätigt. Allerdings ist auch die Äußerung, ;,das Besatzungsregime von Jerusalem" – nicht Israel – „müsse Geschichte werden", aggressiv und feindselig. Doch Feindseligkeit ist kein Kriegsgrund. Wenn die Forderung nach Regimewechseln Kriegsgrund wäre, dürfte man die USA ständig angreifen. Die US-Politik ist seit Jahrzehnten weltweit auf „Regimewechsel" ausgerichtet. Kuba, Irak, Nordkorea, Libyen, Syrien und der Iran sind nur einige Beispiele.
Durch Militärschläge werden die USA im Iran allerdings nichts erreichen. Der Irankonflikt ist nur durch Verhandlungen auf oberster Regierungsebene lösbar. Doch seit über 30 Jahren reden die Regierungen beider Länder nicht mehr miteinander. Nur einen unverbindlichen Briefverkehr zwischen Obama und Chamenei gibt es. Selbst wenn Ahmadinedschad zur UN-Vollversammlung nach New York reist, kommt es nie zu Gesprächen mit der US-Regierung. Obwohl die iranische Führung ihre Bereitschaft hierzu auf mehreren Kanälen signalisiert hatte.
Präsident Reagan oder Willy Brandt waren sich nie zu schade, Herrscher des damaligen „Reichs des Bösen" zu treffen. Doch die US-Administration hält ein Gespräch mit Ahmadinedschad für „politischen Selbstmord". Welch ein politisches „Meisterwerk", Gegner so zu dämonisieren, dass man nicht mehr mit ihnen sprechen kann!
 

Der ägyptische Präsident Anwar Sadat hatte da mehr Zivilcourage. Er setzte sich ins Flugzeug und flog zum damaligen israelischen Regierungschef Menachem Begin, einem früheren „zionistischen Terroristen". Die beiden schafften einen historischen Frieden. Müsste nicht gerade Netanjahu die Größe zu einem derartigen Schritt haben? Weil vielleicht gerade Hardliner die große Lösung, den „Big Deal", schaffen könnten? Welch ein Raunen und Staunen, welch eine Welle der Hilfsbereitschaft ginge durch die Welt, wenn er diesen Schritt wagte!
Angriffsdrohungen und erst recht Militärschläge sind völkerrechtswidrig. Die deutsche Unterstützung eines Angriffs widerspräche Artikel 26 unseres Grundgesetzes und wäre nach § 80 des Strafgesetzbuches strafbar. Die lockere Art, mit der westliche und israelische Politiker völkerrechtsund verfassungswidrige Pläne in Betracht ziehen, zeigt, dass ihnen die rechtlichen und moralischen Maßstäbe abhandengekommen sind.
Auch dass der Westen im Iranwie im Syrien-Konflikt mit dem Feuer spielt, scheint manchem nicht klar zu sein. Beide Länder könnten bei militärischen Angriffen zurückschlagen und einen Flächenbrand auslösen. Wenn der Mittlere Osten in Flammen steht, könnten auch bei uns die Lichter ausgehen. Die westlichen Chaosstrategen, die schon im Irak- und Afghanistan-Krieg so kläglich gescheitert sind, scheint das nicht anzufechten. Einen funktionierenden strategischen Kompass haben sie schon lange nicht mehr.
Am letzten Abend besuchen wir mit Ciamak Moresadgh die YusefAbad-Synagoge in Teheran. Im brechend vollen Gemeindesaal feiern wir mit 400 jüdischen Iranern den„Arwit Schel Schabbai", den Beginn des Schabbai-Festes. Donnernd singen die Männer mit den markanten Gesichtern ihr hebräisches „Lecha Dodi", das Lied zur Begrüßung des Schabbai. Für Frederic und mich ist das, ein ergreifendes, fast surreales Erlebnis – Gottesdienst in Teheran mit jüdischen Iranern!
Moresadgh fährt uns ins Hotel. Er hofft, dass die Nukleargespräche doch noch zu friedlichen Ergebnissen führen. West und Ost seien aufeinander angewiesen. Wenn der Iran allerdings angegriffen werde, werde er seine iranische Heimat selbstverständlich verteidigen. Gegen jeden Feind, egal, woher er komme.