Gottlos
Wer die Norm setzt, hat die Macht oder: Die Aufklärung hat
heute einen schlechten Stand
von Thomas Rothschild
Man kennt das: Wer auf einem Fest, bei einem Empfang lieber Orangensaft trinkt als Sekt oder Wein, muss sich erklären. Trinkt er grundsätzlich keinen Alkohol? Warum bloß? Ist er gar Alkoholiker, jetzt endlich trocken und auf der Hut vor einem Rückfall? Das kommt (davon): Alkohol zu festlichen Gelegenheiten gilt als die Norm.
Normen ändern sich. Vor kurzem noch war das Rauchen, zumindest an bestimmten
Orten, im Kaffeehaus, in der Kneipe, im Jazzclub, »normal«. Wer sich daran
störte, musste sich zurückziehen. Heute muss sich, mehr und mehr, rechtfertigen,
wer in der Öffentlichkeit rauchen will. Nur ein paar unverbesserliche Süchtige
beharren auf einer Norm, die historisch zu werden im Begriff ist.
Was als Norm gilt, bedarf keiner Begründung. Erklären muss sich, wer von der
Regel abweicht. Warum bloß muss man in der westlichen Welt Gründe anführen, wenn
man nicht an Gott glaubt? Wir lächeln über die Menschen der Antike oder der
verschwindenden »primitiven Kulturen«, die ebenso von der Existenz mehrerer
Götter, ausgestattet mit unterschiedlichen Eigenschaften, überzeugt waren wie
gläubige Christen oder Juden oder Muslime von der Existenz eines einzigen Gottes
überzeugt sind. Sie waren nicht dümmer oder einfältiger als ihre Nachfahren. Die
Geisteskraft eines Papstes darf man einem Aischylos schon zutrauen. Warum fällt
es so schwer, sich eine Zukunft auszumalen, in der man die heutigen
monotheistischen Religionen ebenso belächeln und als naiven Aberglauben
registrieren wird wie in der Gegenwart den Glauben an Zeus oder Athene? Warum
müssen sich Agnostiker einer historisch längst fragwürdigen Norm beugen? Warum
muss nicht vielmehr der Glaube an Gott begründet werden wie gemeinhin die
Zugehörigkeit zu einer Sekte oder der Satanskult? Selbst Vegetarier werden noch
eher bestaunt als Kirchgänger.
Nichts wird so sehr geschützt wie die Empfindlichkeit religiöser Menschen.
Verfolgt wird, wer die Gefühle von Gläubigen beleidigt - jedenfalls von
Gläubigen jener Religion, die am Ort die Vormacht besitzt. Sie verfügt über ein
Monopol, das sich über alle empirischen Daten hinwegsetzt. Wer aber schützt die
Atheisten? Wer schützt uns vor jenen, die mit Vehemenz hinter das
wissenschaftliche Denken zurückdrängen? Der aktuelle Kampf gegen Darwin in den
USA, der doch genau genommen außer schallendem Lachen nur Empörung hervorrufen
dürfte, ist lediglich die Spitze eines Eisbergs. Warum muss es sich der
Ungläubige gefallen lassen, dass seine Vernunft Woche für Woche durch ein Wort
zum Sonntag beleidigt wird, während ihm in den Medien ein aufklärerisches Wort
zum Dienstag oder zu welchem Wochentag auch immer verweigert wird? Warum muss er
sich immer noch zurückziehen wie einst der Nichtraucher unter Rauchern, als gäbe
es - a, einen Gott, der das Rauchen zum Gesetz gemacht hat? Wir leben nun mal in
einer christlichen Kultur, heißt die übliche Antwort. Abgesehen davon, dass das
rein sachlich in Zeiten der weltweiten Migration immer weniger zutrifft:
Beschreibt das eine Norm, oder will es sie nicht vielmehr dekretieren, wie die
Behauptung, wir lebten nun mal in einer Kultur, in der Alkohol und Nikotin zum
Wohlbefinden gehörten und unverzichtbar seien?
Die Aufklärung hat einen schlechten Stand. Sie wird in Frage gestellt, noch ehe
sie sich - in 200 Jahren - durchsetzen konnte. Alle Übel der jüngeren Geschichte
werden dem Rationalismus angelastet, als ließen sich nicht unzählige Verbrechen
nennen, die religiös motiviert sind. Die kommen nur dann ins Gerede, wenn es
gilt, eine konkurrierende Religion zu diffamieren. Der Fundamentalismus aber ist
keine Erfindung des Islam, und die Verfolgung und Tötung von Anders- oder gar
Ungläubigen gehört zum Bestand aller Religionen. In der Geschichte ohnedies, und
leider auch noch in der Gegenwart. Laut war der Aufschrei, als in der
Sowjetunion Kirchen geschlossen oder zu Jugendzentren umgewandelt wurden. Wenn
im heutigen Russland orthodoxe Christen eine Ausstellung unter dem Vorwurf der
Blasphemie stürmen und zerstören und danach nicht etwa sie, sondern die
misshandelten Künstler von einem Gericht verurteilt werden, schweigt die Welt.
Wer fragt die Fanatiker, die in den USA Mordanschläge auf abtreibungswillige
Ärzte verüben, warum sie an einen Gott glauben?
Auch sie befinden sich noch im Bereich derer, die die Macht haben, die Normen zu
bestimmen. Die scheinbar erstaunte Frage lautet immer nur und immer wieder:
»Warum glauben Sie nicht an Gott?«
Obiger Artikel wurde mir, jedoch nicht von Prof. Rothschild selbst, kurz nach Erscheinen meines Internet-Buches "Gotteswahn.info" zugesandt.
Walter Rath
>Hier< gibt es einen wichtigen Beitrag in obiger Sache in Form einer Rezension (für den Amazon-Bücherversand) von Alexa Rostoska (vom 1.11.2007, aber erst am 22.1.2011 als E-mail zugeschickt) zum Buch von Richard Dawkins "Der Gotteswahn".