Individual- oder Massenmensch
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A) Individuum
1. Individuen schaffen sich nicht selbst
Die
Individuen schaffen andere Individuen und ihren gesellschaftlichen
Zusammenhang. Die Entwicklung der Individuen hängt ab von der
Reichhaltigkeit der gesellschaftlichen Beziehungen und damit vom
Entwicklungsstand der Produktivkräfte.
„Die Individuen sind immer und unter allen Umständen von sich ausgegangen, aber da sie nicht einzig in dem Sinne waren, dass sie keine Beziehung zueinander nötig gehabt hätten, da ihre Bedürfnisse, also ihre Natur, und die Weise, sie zu befriedigen, sie aufeinander bezog (Geschlechtsverhältnis, Austausch, Teilung der Arbeit), so mussten sie in Verhältnisse treten.
Da sie ferner nicht als reine Ichs,
sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer
Produktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr,
der seinerseits wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmte,
so war es eben das persönliche, individuelle Verhalten der
Individuen, ihr Verhalten als Individuen zueinander, das die
bestehenden Verhältnisse schuf und täglich neu schafft. ...
Es stellt sich hierbei allerdings heraus, dass die Entwicklung eines Individuums durch die Entwicklung aller anderen, mit denen es in direktem oder indirektem Verkehr steht, bedingt ist, und dass die verschiedenen Generationen von Individuen, die miteinander in Verhältnisse treten, einen Zusammenhang unter sich haben, dass die Späteren in ihrer physischen Existenz durch ihre Vorgänger bedingt sind, die von ihnen akkumulierten Produktivkräfte und Verkehrsformen übernehmen und dadurch in ihren eigenen gegenseitigen Verhältnissen bestimmt werden.
Kurz, es zeigt sich, dass eine Entwicklung stattfindet und die Geschichte eines einzelnen Individuums keineswegs von der Geschichte der vorhergegangenen und gleichzeitigen Individuen loszureißen ist, sondern von ihr bestimmt wird.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 423.
„Es zeigt sich hier, dass die Individuen allerdings einander machen, physisch und geistig, aber nicht sich machen ...“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 37.
„6) Feuerbach* löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es die Zusammenfassung der gesellschaftlichen Verhältnisse.
* Ludwig Andreas Feuerbach (1804 bis1872), war ein deutscher Philosoph, hatte mit seiner Religions- und Idealismuskritik bedeutenden Einfluss auf die Bewegung des "Vormärz" (Bezeichnung des historischen Zeitabschnitts zwischen Ende des Wiener Kongresses 1815 bzw. der Julirevolution in Frankreich 1830 und der Märzrevolution von 1848/49). Seine Erkenntnisstandpunkte wurden wichtig für die modernen Humanwissenschaften (zum Beispiel die Psychologie).
Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher gezwungen:
1. von dem geschichtlichen Verlauf zu
abstrahieren und das religiöse Gemüt für sich zu fixieren, und ein
abstrakt – isoliert – menschliches Individuum vorauszusetzen;
2. Das Wesen kann daher nur als ,Gattung‘, als innere, stumme, die vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefasst werden.
7) Feuerbach sieht daher nicht, dass das ,religiöse Gemüt‘ selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und dass das abstrakte Individuum, das er analysiert, in Wirklichkeit einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.“ K. Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3, 7.
„Was ist die Gesellschaft, welches
immer auch ihre Form sei? Das Produkt des wechselseitigen Handelns
der Menschen.
Steht es den Menschen frei, diese oder jene Gesellschaftsform zu wählen? Keineswegs. Setzen Sie (Adressat des Schreibens, Annenkow*) einen bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte der Menschen voraus, und Sie erhalten eine bestimmte Form des Verkehrs ... und der Konsumtion. Setzen Sie bestimmte Stufen der Entwicklung der Produktion, des Verkehrs und der Konsumtion voraus, und Sie erhalten eine entsprechende soziale Ordnung, eine entsprechende Organisation der Familie, der Stände oder der Klassen, mit einem Wort eine entsprechende Gesellschaft ...
* Paul Wassiljewitsch Annenkow 1813 bis 1887), russischer Gutsbesitzer, Publizist sowie Herausgeber der Werke Alexander Puschkins
Setzen Sie eine solche Gesellschaft voraus, und Sie erhalten eine entsprechende politische Ordnung (Staatsapparat), die nur der offizielle Ausdruck der Gesellschaft ist.
Man braucht nicht hinzuzufügen, dass die Menschen ihre Produktivkräfte – die Basis ihrer ganzen Geschichte – nicht frei wählen; denn jede Produktivkraft ist eine erworbene Kraft, das Produkt früherer Tätigkeit. Die Produktivkräfte sind also das Resultat der angewandten Energie der Menschen, doch diese Energie selbst ist begrenzt durch die Umstände, in welche die Menschen sich versetzt finden, durch die bereits erworbenen Produktivkräfte, durch die Gesellschaftsform, die vor ihnen da ist, die sie nicht schaffen, die das Produkt der vorher-gehenden Generation ist.
Dank der einfachen Tatsache, dass jede
neue Generation die von der alten Generation erworbenen
Produktivkräfte vorfindet, die ihr als Rohmaterial für neue
Produktion dienen, entsteht ein Zusammenhang in der Geschichte der
Menschen, entsteht die Geschichte der Menschheit, die umso mehr
Geschichte der Menschheit ist, je mehr die Produktivkräfte der
Menschen und infolgedessen ihre gesellschaftlichen Beziehungen
wachsen.
Die notwendige Folge: Die soziale Geschichte der Menschen ist stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Ihre materiellen Verhältnisse sind die Basis aller ihrer Verhältnisse. Diese materiellen Verhältnisse sind nichts anderes als die notwendigen Formen, in denen ihre materielle und individuelle Tätigkeit sich realisiert.“ K. Marx, Brief an Annenkow (1846), MEW 4, 548.
„Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.
Aber dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer Produktionsweise gestalten, gestalten auch die Prinzipien, Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen Verhältnissen.“ K. Marx, Elend der Philosophie, MEW 4, 130.
„Wenn also von Produktion die Rede ist, ist immer die Rede von Produktion auf einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe – von der Produktion gesellschaftlicher Individuen.“ K. Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 616.
„Dass der wirkliche geistige Reichtum des Individuums ganz von dem Reichtum seiner wirklichen Beziehungen abhängt, ist nach dem Obigen klar.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 37.
2. Individualität als persönliche
Handlungsfreiheit
ist ein geschichtliches Produkt
„Die Kooperation im Arbeitsprozess, wie wir sie in den Kulturanfängen der Menschheit, bei Jägervölkern oder etwa in der Agrikultur indischer Gemeinwesen vorherrschend finden, beruht einerseits auf dem Gemein-Eigentum an den Produktionsbedingungen, andererseits darauf, dass das einzelne Individuum sich von der Nabelschnur des Stammes oder des Gemeinwesens noch ebenso wenig losgerissen hat wie das Bienen-Individuum vom Bienenstock. Beides unterscheidet sie von der kapitalistischen Kooperation.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 353f.
„In Gesellschaft produzierende Individuen – daher gesellschaftlich bestimmte Produktion der Individuen ist natürlich der Ausgangspunkt . ...
Je tiefer wir in der Geschichte zurückgehen, je mehr erscheint das Individuum, daher auch das produzierende Individuum, als unselbständig, einem größeren Ganzen angehörig ...
Erst in dem 18. Jahrhundert, in der ‚bürgerlichen Gesellschaft‘, treten die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Zusammenhangs dem Einzelnen als bloßes Mittel für seine Privatzwecke entgegen, als äußerliche Notwendigkeit.
Aber die Epoche, die gerade diesen Standpunkt erzeugt, den des vereinzelten Einzelnen, ist gerade die der bisher entwickeltsten gesellschaftlichen ... Verhältnisse. ..
.
Die Produktion des vereinzelten
Einzelnen außerhalb der Gesellschaft ... ist ein ebensolches Unding
als Sprachentwicklung ohne zusammen lebende und zusammen
sprechende Individuen.“ K.
Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 615f und ebenso:
Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 6.
2.1. Die Vorstellung des von der Gesellschaft unabhängigen Individuums ist ein Produkt der Warengesellschaft
„Der einzelne und vereinzelte Jäger und Fischer, womit Smith und Ricardo beginnen, gehört zu den phantasielosen Einbildungen der 18.-Jahrhundert-Robinsonaden, die keineswegs, wie Kulturhistoriker sich einbilden, bloß einen Rückschlag gegen Überverfeinerung und Rückkehr zu einem missverstandenen Naturleben ausdrücken.
So wenig wie Rousseaus Gesellschaftsvertrag, der die von Natur unabhängigen Subjekte durch Vertrag in Verhältnis und Verbindung bringt, auf solchem Naturalismus beruht. ...
Es ist vielmehr die Vorwegnahme der ‚bürgerlichen Gesellschaft‘, die seit dem 16. Jahrhundert sich vorbereitete und im 18. Jahrhundert Riesenschritte zu ihrer Reife machte. In dieser Gesellschaft der freien Konkurrenz erscheint der Einzelne losgelöst von den Naturbanden usw., die ihn in früheren Geschichtsepochen zum Zubehör einer bestimmten, begrenzten menschlichen Gruppierung machen.“ K. Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 615.
„Das bloß atomistische Verhalten der Menschen in ihrem gesellschaft-lichen Produk-tionsprozess ... erscheint zunächst darin, dass ihre Arbeitsprodukte allgemein die Warenform annehmen.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 107f.
„Die wechselseitige und allseitige
Abhängigkeit der gegeneinander gleichgültigen Individuen bildet
im Kapitalismus ihren gesellschaft-lichen Zusammenhang. Dieser
gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedrückt im Tauschwert
(in der Ware), worin für jedes Individuum seine eigene
Tätigkeit oder sein Produkt erst eine Tätigkeit und ein Produkt für
die Gesellschaft wird. ... Andererseits die Macht, die jedes
Individuum über die Tätigkeit der anderen oder über die
gesellschaftlichen Reichtümer ausübt, besteht in ihm als Eigner von
Tauschwert, von Geld. Das Individuum trägt
seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der
Gesellschaft, in der Tasche mit sich. ...
Dies ist in der Tat ein Zustand sehr verschieden von dem, worin das Individuum oder das in Familie und Stamm (später Gemeinwesen) ... erweiterte Individuum direkt aus der Natur sich reproduziert ...
Der gesellschaftliche Charakter der Tätigkeit, wie die gesellschaftliche Form des Produkts, wie der Anteil des Individuums an der Produktion erscheint hier als den Individuen gegenüber Fremdes, Sachliches; nicht als das Verhalten der Individuen gegeneinander, sondern als Unter-ordnen unter Verhältnisse, die unabhängig von ihnen bestehen und aus dem Anstoß der gleichgültigen Individuen miteinander entstehen. Der allgemeine Austausch der Tätigkeiten und Produkte, der Lebens-bedingung für jedes einzelne Individuum geworden ist, ihr wechsel-seitiger Zusammenhang, erscheint ihnen selbst fremd, unabhängig, als eine Sache. Im Tauschwert (Geld) ist die gesellschaftliche Beziehung der Personen in ein gesellschaftliches Verhalten der Sachen verwandelt; das persönliche Vermögen in ein sachliches.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 74.
2.2. Emanzipierte Individuen, die frei und selbstbewusst kooperieren, sind das Erbe des entwickelten Kapitalismus
„Die universal entwickelten Individuen, deren gesellschaftliche Verhältnisse als ihre eigenen, gemeinschaftlichen Beziehungen auch ihrer eigenen gemeinschaftlichen Kontrolle unterworfen sind, sind kein Produkt der Natur, sondern der Geschichte.
Der Grad und die Universalität der Entwicklung der Vermögen, worin diese Individualität möglich wird, setzt eben die Produktion auf der Basis der Tauschwerte voraus, die ... die Allgemeinheit und Allseitigkeit der Beziehungen und Fähigkeiten des Individuums erst produziert.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 79.
„Als das rastlose Streben nach der allgemeinen Form des Reichtums (d. h. nach dem Geld) treibt aber das Kapital die Arbeit über die Grenzen ihrer Naturbedürftigkeit hinaus und schafft so die materiellen Elemente für die Entwicklung der reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produktion als Konsumtion ist und deren Arbeit daher auch nicht mehr als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der Tätigkeit selbst erscheint, in der die Naturnotwendigkeit in ihrer unmittelbaren Form verschwunden ist; ...“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 231.
„Man hat gesehen, dass die große Industrie die manufakturmäßige Teilung der Arbeit mit ihrer lebenslänglichen Fesselung eines ganzen Menschen an eine Detailoperation technisch aufhebt, ...“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 508.
„,Fast jedes Produkt von
Kunstfertigkeit und Geschicklichkeit ist das Resultat gemeinsamer
und kombinierter Arbeit.‘
(Dies ist ein Resultat der kapitalistischen Produktion.)
‚So abhängig ist der Mensch vom Menschen und so sehr wächst diese Abhängigkeit, je mehr die Gesellschaft fortschreitet, dass kaum die Arbeit irgendeines einzelnen Individuums ... vom geringsten Wert ist, wenn sie nicht einen Teil der großen gesellschaftlichen Arbeit bildet.‘“ K. Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 307.
„Im planmäßigen Zusammenwirken mit andern streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 349.
„Die Gleichgültigkeit gegen eine bestimmte Art der Arbeit setzt eine sehr entwickelte Totalität wirklicher Arbeitsarten voraus, von denen keine mehr die alles beherrschende ist... Die Gleichgültigkeit gegen die bestimmte Arbeit entspricht einer Gesellschaftsform, worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andere übergehen und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig ist.
Die Arbeit ... hat aufgehört als Bestimmung mit den Individuen in einer Besonderheit verwachsen zu sein.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 25.
„Wenn der Mensch von Natur gesellschaftlich ist, so entwickelt er seine wahre Natur erst in der Gesellschaft, und man muss die Macht seiner Natur nicht an der Macht des einzelnen Individuums, sondern an der Macht der Gesellschaft messen.“ K. Marx, Hl. Familie, MEW 2, 138.
„Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse (zuerst ganz naturwüchsig) sind die ersten vorkapitalistischen Gesellschaftsformen, in denen sich die menschliche Produktivität nur in geringem Umfang und auf isolierten Punkten entwickelt.
Persönliche Unabhängigkeit auf sachlicher Abhängigkeit gegründet (= Kapitalismus) ist die zweite große Form, worin sich erst ein System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universalen Beziehungen, allseitiger Bedürfnisse, und universeller Vermögen bildet.
Freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen gesellschaft-lichen Produktivität, als ihres gesellschaftlichen Vermögens, ist die dritte Stufe (Kommunismus).
Die zweite schafft die Bedingungen der dritten.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 75
B) Altruismus (Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit)
oder doch einfach nur Egoismus
von Peter Schaller
Bei Beobachtungen in der Tierwelt lassen sich überraschende Verhaltensweisen ausmachen. Es gibt Arten, bei denen einige ihrer Vertreter scheinbar ihre ureigensten Interessen dem Wohlergehen ihrer Artgenossen/anderer unterordnen. Dies kann soweit gehen, dass unter Umständen sogar der eigene Tod in Kauf genommen wird. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel, das auch in dem Buch "Sex and Death" 1) beschrieben wird, ist das eines Bienenstaates, in dem die Wächterbienen den Bienenstaat unter Einsatz ihres eigenen Lebens beschützen. In diesem Essay werde ich darlegen, warum mir der Begriff Altruismus in Bezug auf das Verhalten von Tieren diskussionswürdig scheint. Zuerst werde ich versuchen den Begriff Altruismus allgemein zu definieren. Dann werde ich die Motivation einiger Tiere, für ihr, ihren eigenen Instinkten scheinbar widersprechendes Handeln, untersuchen, um dann zu überprüfen, ob sich dieses Handeln als Altruismus bezeichnen lässt. Dabei möchte ich dann noch einmal auf die in diesem Zusammenhang auftretenden verschiedenen Formen von Altruismus genauer eingehen.
Altruismus beschreibt die Fähigkeit, nicht nur im eigenen Interesse zu handeln, sondern eine Handlung auszuführen, die ausschliesslich dem Vorteil eines anderen Individuums dient und demzufolge selbstlos ist. Sobald jedoch ein reziproker Nutzen dieser Handlung erwartet oder angestrebt wird, kann man nicht mehr von der klassischen Bedeutung dieses Begriffs ausgehen. Häufig ist es als Beobachter jedoch schwierig, zu entscheiden ob eine Handlung gänzlich ohne Erwartungshaltung ausgeführt wird. Oft lässt sich bei genauerer Betrachtung ein zunächst verborgen gebliebenes nicht ganz so selbstloses Ziel entdecken.
Wenn wir uns jetzt wieder Beispielen aus der Tierwelt zuwenden wollen, möchte ich jetzt zunächst nicht auf die zu Anfang erwähnten Bienen zurückgreifen, sondern, da es mir einfacher gelagert scheint, das Beispiel eines Kuckuckskindes und seiner Gasteltern herausgreifen.
Das Bemerkenswerte an diesen Vögeln ist, dass Kuckucke die, von ihnen gelegten, Eier nicht selbst in einem eigenen Nest ausbrüten und die daraus geschlüpften Küken dann aufziehen, sondern dass sie die Eier in Nester von anderen, nicht zu ihrer Art zählenden Vögel legen, um diesen dann komplett die Aufzucht zu überlassen. Dieser Sachverhalt ist offensichtlich egoistischer Natur, da die Kuckuckseltern durch die Vermeidung von Nestbau und den Wegfall von Nahrungssuche zur Fütterung des Nachwuchses Kraft und Zeit sparen.
Demgegenüber stellt sich die Frage ob das Verhalten der Gasteltern, nun als altruistisch bezeichnet werden kann. In den meisten Fällen versorgen diese Vögel die Kuckuckskinder mit und machen keinen Unterschied zwischen diesen und ihren eigenen. Das Verhalten der fremden Küken gipfelt häufig darin, dass sie die echten Küken aus dem Nest werfen, vermutlich, um sich der Konkurrenz um Nahrung zu entledigen. Die plausibelste Erklärung dafür, dass die parasitierten Vögel häufig nichts gegen diese Gefahr für ihre eigene Nachkommenschaft unternehmen, ist jedoch, dass sie schlichtweg nicht dazu in der Lage sind, sowohl die Eier, als auch die Küken ihrer eigenen, von denen der fremden Art zu unterscheiden. Es mag somit in diesem speziellen Falle von evolutionärem Vorteil sein, alle Eier auszubrüten, anstatt eine Selektion vorzunehmen, bei der möglicherweise eigener Nachwuchs aus Versehen aussortiert wird. Die Vögel ziehen den fremden Nachwuchs nicht aus "Mitgefühl" auf, sondern aus Ermangelung der Fähigkeit die eigenen von den fremden Nachkommen zu unterscheiden. Somit lässt sich das Beispiel der Gasteltern eines Kuckucks mit ziemlicher Gewissheit als nur auf den allerersten Blick altruistisch bezeichnen.
Wollen wir uns nun einem anderen Beispiel zuwenden, nämlich dem, bereits zu Anfang erwähnten, des Bienenstaates und seiner Wächter. Wenn diese Wächterbienen einen Angreifer oder Eindringling stechen, verlieren sie bei dieser Verteidigungshandlung ihren Stachel. Das führt zu dem sicheren Tod dieser Bienen. Hier liegt wiederum die Vermutung nahe, dass es sich um altruistisches Verhalten handeln könnte. Durch das Opfern ihres eigenen Lebens bewahren sie ihre Artgenossen vor Angriffen von aussen. Wenn man nun als Lebensziel die Fortpflanzung unterstellt, muss bedacht werden, dass diese Wächterbienen keine eigene direkte Nachkommenschaft erzeugen können. Im Bienenstaat ist es nur der Königin vergönnt, sich an einem einzigen Tag mit mehreren Drohnen zu paaren und sodann den für ihre restliche Lebensdauer benötigten Spermavorrat zu speichern. Somit sind von den zehntausenden Bienen eines Bienenstockes nur die Königin und einige der jährlich etwa tausend Drohnen direkt an der Erzeugung von Nachkommenschaft beteiligt. Auf den ersten Blick lässt sich nun keine Motivation für dieses uneigennützige Verhalten der nicht an der Reproduktion beteiligten Bienen erkennen. Wenn man jedoch Reproduktion in einem weiteren Sinne versteht, lassen sich hieraus andere Schlüsse ziehen. Die "selbstlosen" Bienen haben zwar keine direkten Nachkommen, aber sie stehen, da sie alle von der Königin abstammen, mit ihr in einem sehr engen Verwandschaftsverhältnis. Daraus lässt sich ableiten: "Having children is just one way to be causally responsible for making copies of your own genes. Another is by helping your relatives to reproduce." 2)
Diese Auffassung ist durchaus einleuchtend. In Ermangelung der Fähigkeit eigene Nachkommen zu erzeugen unterstützen manche Tiere, wie eben diese Wächterbienen durch den Schutz des Nestes, ihre Verwandten bei der Fortpflanzung um dann über den Umweg der Verwandschaft die Weiterverbreitung ihres eigenen genetischen Materials sicherzustellen. Umso enger Lebewesen miteinander verwandt sind, umso ähnlicher ist nämlich im Allgemeinen auch ihr Erbmaterial. Diese Theorie wird als "kin selection" bezeichnet. Also lässt sich auch in diesem Beispiel den beschriebenen Tieren das Verfolgen eines ureigenen Interesses unterstellen. Sie handeln somit nicht selbstlos.
Bevor nun aber eine Aussage in Bezug auf die Einordnung des Verhaltens hinsichtlich des Altruismus getroffen werden kann, müssen wir den Begriff noch einmal genauer betrachten. Es existieren verschiedene Anwendungsformen des Begriffes Altruismus. Drei grobe Richtungen lassen sich unterscheiden. Als erstes wäre der reziproke Altruismus zu nennen. Hier handelt es sich um eine scheinbar selbstlose Handlung, die aber nur in Erwartung eines "zeitnahen Ausgleichs" geleistet wird. Mit dem Sprichwort "Eine Hand wäscht die andere." ist dieses Vorkommen, das manchmal auch als Pseudo-Altruismus tituliert wird, gut zu versinnbildlichen.
Bei der klassischen und "reinen" Form des Altruismus verzichtet das sich selbstlos verhaltende Individuum im Gegensatz dazu auf jegliche Gegenleistung. Sobald ein Motiv für eine scheinbar uneigennützige Handlung unterstellt werden kann, steht diese im Verdacht nicht der reinen Form zugehörig zu sein.
Als drittes Auftreten möchte ich nun den biologischen Altruismus aufführen. Die Grundlagen für diese Theorie hat Charles Darwin in seinem Buch The Descent of Man geschaffen. Er vermutete hinter einer "altruistischen" Handlung innerhalb einer Art etwas, das als Mitleid bezeichnet werden könnte. W. D. Hamilton hat diese Idee dann weiterentwickelt und kam zu dem Schluss, dass nicht Mitleid der treibende Faktor ist, sondern, dass die Weiterverbreitung der eigenen Gene auch durch die Unterstützung der verwandten Artgenossen, und somit auch indirekt erfolgen kann. Dadurch wäre dann ein klares Motiv für scheinbar selbstloses Verhalten innerhalb einer Art gefunden.
Das Phänomen unserer Wächterbienen lässt sich demzufolge dem biologischen Altruismus zuordnen.
Inwieweit eine solche Konstellation unter dem Begriff Altruismus geführt werden kann ist durchaus diskussionswürdig. Das Handlungsmotiv ist nur augenscheinlich nicht vorhanden und lässt sich ja bei genauerer Betrachtung doch wieder ausmachen. Ein selbstloses Verhalten ist also nicht gegeben. Dieses Problem mit dem Zusatz "biologischer" zu beheben, verwässert die ursprüngliche Vorstellung von Altruismus. Eine Erklärung für diese Begriffsbildung könnte sein, dass anfänglich wirklich von "reinem" Altruismus ausgegangen wurde um dann im Zuge neuer Erkenntnisse in der Evulotionsbiologie diese Namensbildung sozusagen als Korrektur vorzunehmen.
Wir haben nun also gesehen dass es bei Tieren Verhaltensweisen geben kann die uns an Altruismus denken lassen. Bei manchen lässt sich diese Vermutung widerlegen, bei anderen fällt dies schwerer. Ursprünglich wollte ich die These vertreten, dass mir die Anwendung des Begriffs Altruismus auf das Verhalten von Tieren nicht angemessen scheint. Ich habe meine These jedoch abgeschwächt, da es mir in dem begrenzten Rahmen eines Essays nicht möglich schien dies auszuführen.
Ich denke jedoch dass ich aufzeigen konnte, dass zwischen dem biologischen und dem ursprünglichen Altruismus nur eine sehr vage Beziehung besteht. Ich möchte nun mit einem Zitat des britischen Historikers Eduard Gibbon schließen, das noch einmal vor Augen führt, dass ein Verhalten nur dann als selbstlos gelten kann, wenn alle egoistischen Interessen ausgeschlossen werden können:"Man traue keinem erhabenen Motiv, wenn sich auch ein niedriger Beweggrund finden lässt."
1) Kim Sterelny und Paul E. Griffiths, Sex and Death
2) Kim Sterelny und Paul E. Griffiths, Sex and Death, S. 157
www2.informatik.hu-berlin.de/~schaller/Altruismus.html