
>Hier< die Sozialisation
und
>hier< zu "Zeiten sozialer Krisen und des
Übergangs".
Nach:
http://www.schader-stiftung.de/gesellschaft_wandel/
Der Begriff "sozialer Wandel"
Unter sozialem Wandel wird in der Soziologie ein Veränderungsprozess
verstanden, der sich auf der Makroebene (Sozialstruktur und Kultur), der
Mesoebene (z.B. Institutionen) und der Mikroebene (bezogen auf das Individuum)
beobachten lässt. Im folgenden sollen verschiedene Begriffsdefinitionen
vorgestellt und wesentliche Grundtrends des sozialen Wandels in Deutschland
dargestellt werden.
Die
Sozialisation, von lateinisch
sociare ‚verbinden‘, ist der Prozess sowie das Ergebnis des
Hineinwachsens des Menschen in die gesellschaftliche Struktur und deren
Interaktion durch Familie, Gruppen, Schichten. Durch die Sozialisation
formt das Individuum seine Persönlichkeitsmerkmale aus und erlernt
soziales Verhalten und gesellschaftlich verbindliche Normen, die seine
Handlungsfähigkeit begründen. Sozialisation ist ein lebenslanger
Prozess. In den frühen Sozialisationsphasen werden die Grundstrukturen
der Persönlichkeit, die Sprache, das Denken und Empfinden herausgebildet
und die fundamentalen Muster für soziales Verhalten entwickelt. Das
elementare Erlernen von sozialen Regeln und Umgangsformen in der frühen
Kindheit wird aus diesem Grund auch oft als
primäre Sozialisation
bezeichnet. Die danach, etwa ab dem vollendeten dritten Lebensjahr
erfolgende Weiterentwicklung und Variation von Verhaltensmustern wird
sekundäre Sozialisation genannt.
Nach Wikipedia ist Sozialisation, ein sozialwissenschaftlicher Begriff,
"die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch
Internalisation (Verinnerlichung) von sozialen Normen. ... Sie
bezeichnet zum einen die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer
Interaktion mit einer spezifischen, materiellen und sozialen Umwelt, zum
anderen die sozialen Bindungen von Individuen, die sich im Zuge
sozialisatorischer Beziehungen konstituieren. Sie umfasst sowohl die
absichtsvollen und planvollen Maßnahmen (
Erziehung) als auch die
unabsichtlichen Einwirkungen auf die Persönlichkeit.
Sozialisationsprozesse bewirken demnach, dass im sozialen Zusammenleben
Handlungsbezüge (Vergemeinschaftung) und Handlungsorientierungen
(soziale Identität) entstehen, auf die sich Individuen in ihrem sozialen
Handeln beziehen. Daraus ergibt sich auch die Tendenz von Individuen,
sich entsprechend den jeweils geltenden Normen, Werten und Werturteilen
der Gesellschaft zu verhalten (vgl.
Werttheorie).
Wenn die Sozialisation erfolgreich im Sinne des jeweiligen Umfeldes
verläuft, verinnerlicht das Individuum die sozialen Normen,
Wertvorstellungen, Repräsentationen, aber auch zum Beispiel die sozialen
Rollen seiner gesellschaftlichen und kulturellen Umgebung. Als
„erfolgreiche Sozialisation“ sehen wir ein hohes Maß an Symmetrie von
objektiver und subjektiver Wirklichkeit (und natürlich Identität) an.
Umgekehrt muss demnach „erfolglose Sozialisation“ als Asymmetrie
zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit verstanden werden.
(Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit
(1969), S. 175)
Im Laufe der 1970er Jahre entwickelte sich eine durch und durch
interdisziplinäre, bewusst auf die Integration verschiedener
disziplinärer Ansätze ausgerichtete Sozialisationstheorie. Diese
Konzeption wurde in Deutschland zum ersten Mal 1980 im umfangreichen
"Handbuch der Sozialisationsforschung" (Hurrelmann und Ulich 1980) einem
größeren Fachpublikum präsentiert. Unter den 34 Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern, die Beiträge für das Handbuch schrieben, waren
Soziologen, Psychologen und Pädagogen zu gleichen Anteilen vertreten.
Was versteht man unter sozialem
Wandel, Sozialstruktur und Transformation?
Auszug aus: Weymann, Ansgar 1998: Sozialer Wandel. Theorien zur
Dynamik der modernen Gesellschaft, Weinheim/München: Juventa, S. 14f.
"In der heutigen Soziologie wird sozialer Wandel (...) als Veränderung in der
Struktur eines sozialen Systems definiert. Sozialer Wandel ist auf verschiedenen
gesellschaftlichen Ebenen zu beobachten, auf der Makroebene der
Sozialstruktur und Kultur, auf der Mesoebene der Institutionen,
korporativen Akteure und Gemeinschaften, auf der Mikroebene der Personen
und ihrer Lebensläufe. (Mesoebene:
die zwischen die Makro- und Mikroebene geschobene und beide vermittelnde
Betrachtungsweise. Zwischen Gesamtgesellschaft und Kleingruppe bzw. sozialem
Handeln des Individuums stehen danach die Organisationen)
Ein exemplarischer Fall sozialen Wandels ist der Zusammenbruch der DDR, ihr
Beitritt zur Bundesrepublik und die noch laufende Transformation der neuen
Bundesländer als Folge des Beitritts. Hier finden wir das Verschwinden einer
ganzen Gesellschaftsordnung mit durchgreifenden Folgen für den Wandel vieler
Institutionen und sozialer Gemeinschaften und für Millionen von Lebensläufen.
Mit dem Begriff des sozialen Wandels ist der Begriff der Sozialstruktur eng
verbunden. Beides sind elementare Grundbegriffe der Soziologie. Als
Sozialstruktur werden z.B. Strukturen sozialer Ungleichheit vergleichend
beschrieben: Haushaltseinkommen, Wohnverhältnisse, Schichten und Milieus,
Bildung und Ausbildung, Beruf und Arbeit, Gesundheit, Familien und
Lebensgemeinschaften usw., aber auch die Institutionen der Wirtschaft, der
sozialen Sicherung, der Politik und der Kommunikation.
Untersuchungen sozialen Wandels zielen auf eine zeitabhängige oder auch
auf eine historische Betrachtungsweise und Erklärung der Veränderung der
Sozialstruktur. Der moderne soziologische Begriff des sozialen Wandels enthält
nicht mehr die älteren mythischen, religiösen oder geschichtsphilosophischen
Vorstellungen einer sinnhaften Menschheitsgeschichte, die aus einer grauen
Vorzeit in eine lichte Zukunft fährt. Der Gedanke der Evolution oder des
Fortschritts auf ein bekanntes Endziel hin ist schwächer geworden, aber nicht
ganz aufgegeben. Geblieben ist der theoretische Anspruch, dynamische Kräfte
kausalen, funktionalen oder kontingenten Typs beobachten und beschreiben zu
können, die den sozialen Wandel in modernen Gesellschaften vorantreiben.
Ein Sonderfall in der Theorie sozialen Wandels ist der (...) auch in der
Umgangssprache häufig gebrauchte Begriff der Moderne, der in der
Definition sozialen Wandels oft explizit oder implizit enthalten ist. Die als
modern definierte westliche Gesellschaft zeichnet sich durch
Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft, Wohlfahrtsstaat und Massenkonsum aus.
Ihre Vorbilder sind die erfolgreichen Nationalstaaten Frankreich, England und
USA, aber auch die Niederlande oder Schweden. Heute treten andere Staaten mit
einer anderen Geschichte erfolgreich in den Wettbewerb der modernen
Gesellschaften ein und erheben den Anspruch auf die Vorreiterrolle in der
erfolgreichen Verbindung von Tradition und Modeme: Japan, die ostasiatischen
Tiger, demnächst wahrscheinlich China und Indien. Der europäisch-okzidentale,
sich als modern verstehende Gesellschaftstypus steht mit seinesgleichen und mit
anderen Gesellschaftsformen in einem Wettbewerb mit offenem Ausgang.
Im Begriff der Moderne und der Modernisierung ist der Anspruch erkennbar, den
Typus der gegenwärtigen Gesellschaft systematisch von älteren, als vormodern
definierten Gesellschaftstypen unterscheiden zu können. Und es ist die
Vorstellung von einem auch weiterhin natürlichen, sinnhaften und erfolgreich
zielführenden Prozess in diesem Wettbewerb enthalten. Denselben Anspruch einer
Unterscheidung in den Abfolgen von Gesellschaftstypen stellt auch die populäre
Debatte der letzten Jahre um die Postmoderne auf, die vorgeblich oder
tatsächlich die Moderne abzulösen beginnt.
Einen zeitlich und räumlich enger begrenzten Spezialfall von sozialem Wandel
bezeichnet der Begriff der Transformation, der (...) im Zusammenhang mit dem
gegenwärtigen sozialen Wandel in der ehemaligen DDR und den Ländern Osteuropas
benutzt [wird]. Er gibt vor, die Richtung des sozialen Wandels im Falle des
Zusammenbruchs der sozialistischen Gesellschaften zu kennen: Transformation
bezeichnet die Überführung des sozialistischen Gesellschaftstypus in den Typus
der modernen westlichen Gesellschaft."
Sozialer Wandel - einige
alternative Definitionen
Auszüge aus diversen Quellen.
- Talcott Parsons (1959): Sozialer Wandel ist der "Wandel in der
Struktur eines Systems als Wandel seiner normativen Kultur".
- Peter Heinz (1962): "Unter sozialem Wandel versteht man die
Gesamtheit der in einem Zeitabschnitt erfolgenden Veränderungen in der
Struktur einer Gesellschaft."
- Wolfgang Zapf (1969): Sozialer Wandel ist "die Abweichung von
relativ stabilen Zuständen, deren Stabilitätsbedingungen wir kennen müssen,
um Wandlungspotenziale und Entwicklungsrichtungen analysieren und erklären
zu können".
- Wieland Jäger (1981): Zum sozialen Wandel zählt "ökonomischer und
technologischer Wandel ebenso wie Wandel im Wertesystem, sozialstruktureller
Wandel, Wandel im Bildungssystem und politischer Wandel".
- Karl-Heinz Hillmann (1994): Sozialer Wandel ist eine "Veränderung
der quantitativen und qualitativen Verhältnisse und Beziehungen zwischen den
materiellen und normativ-geistigen Zuständen, Elementen und Kräften in einer
Sozialstruktur".
- Anthony Giddens (1995): "Einen Wandel zu identifizieren, heißt
aufzuzeigen, wie weit es innerhalb einer bestimmten Zeitspanne Änderungen
bei der einem Objekt oder einer Situation zugrunde liegenden Struktur gibt
(...), bis zu welchem Grad es in einem bestimmten Zeitraum zu einer Änderung
der Basisinstitutionen kommt."
- Otthein Rammstedt (1995): "1) Bezeichnung für die regelhafte,
nicht notwendig kausale, zeitliche Abfolge von sozialen Handlungen, die von
routinemäßigen Tätigkeitsfolgen verschieden sind. 2) Allgemeine Bezeichnung
für die in einem Zeitabschnitt erfolgten Veränderungen in einer
Sozialstruktur.
"Zur Veranschaulichung: Grundtrends
sozialen Wandels in Deutschland
Auszug aus: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands.
Gesellschaftliche Entwicklungstrends vor und nach der Vereinigung, 3. Aufl.,
Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 436ff.
"Die Haupttrends der sozialstrukturellen Modernisierung bzw. ihre Ergebnisse
(...) lassen sich zu zwölf Punkten verdichten:
- Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft: Die ökonomischen
Triebkräfte der kapitalistisch-liberalen Marktwirtschaft lösen in
Kombination mit einer pluralistischen Demokratie einen historisch
einzigartigen, sich später abschwächenden und auch vorübergehend auf sehr
hohem Niveau stagnierenden Anstieg von Lebensstandard und Massenkonsum aus,
der mit hoher sozialer Sicherheit für eine große Bevölkerungsmehrheit
verbunden ist. Er kommt - unter anderem wegen sozialstaatlicher
Umverteilungen - fast allen Schichten zugute und hat unter anderem die
weitgehende Entproletarisierung der Arbeiterschaft zur Folge.(Proletariat,
von lateinisch proles = die Nachkommenschaft, bezeichnete im antiken
Rom die gesellschaftliche Schicht der landlosen und lohnabhängigen
Besitzlosen im Stadtstaat, die aber nicht versklavt waren.)
- Wissens- und Bildungsgesellschaft: Verwissenschaftlichung,
Technisierung und wachsende Komplexität der Gesellschaft sind die
strukturellen Ursachen einer kontinuierlichen Höherqualifizierung der
Bevölkerung mit nachhaltigen Auswirkungen auf viele Bereiche des
gesellschaftlichen Lebens.
- Industrielle Dienstleistungsgesellschaft: Steigende Produktivität
und Wirtschaftswachstum sowie andere Faktoren des soziokulturellen Wandels
verlagern das Schwergewicht von Beschäftigung und Wertschöpfung zunehmend
vom primären und sekundären auf den tertiären Produktionssektor, wobei ein
großer Teil der Dienstleistungen direkt oder indirekt auf die
Güterproduktion bezogen ist. (Mit dem technischen Fortschritt ist eine
Gewichtsverschiebung der drei Produktionssektoren einhergegangen: Waren zu
früheren Zeiten die Menschen überwiegend in der Landwirtschaft und seit der
Industrialisierung im verarbeitenden Gewerbe tätig, so bindet heute
insbesondere der Dienstleistungssektor Arbeitskraft an sich.)
- Umschichtung nach oben und höhere Aufwärtsmobilität, aber
fortbestehende Mobilitätsbarrieren: Bildungsexpansion und
Tertiärisierung gehen einher mit einer Umschichtung nach oben: die Zahl der
mittleren und höheren Positionen nimmt zu, die der unteren Positionen nimmt
ab. Die Expansion in den mittleren und oberen Bereichen des Positionsgefüges
übt eine Sogwirkung auf Teile der mittleren und unteren Schichten aus und
erhöht deren Aufstiegschancen sowie die Aufwärtsmobilität und vergrößert die
dabei zurückgelegten Mobilitätsdistanzen, ohne dass dabei die
Abstiegsgefahren für höhere Schichten in gleichem Umfang zunehmen.
Schichtspezifische Mobilitätsbarrieren bestehen jedoch in erheblichem Umfang
fort.
- Lockerung und Pluralisierung, aber keine Auflösung des
Schichtgefüges: Vielfältige soziokulturelle Veränderungen (insbesondere
Pluralisierung, Individualisierung, steigende Mobilität) lockern die
Zusammenhänge von Soziallagen und Subkulturen/Lebenschancen, lösen jedoch
die Schichten nicht auf.
- Pluralistische Funktionseliten mit eingeschränkter Macht: Der
´strukturierte Pluralismus’ von Teileliten mit pluralistisch und teilweise
auch demokratisch beschränkter Macht in verschiedenen gesellschaftlichen
Funktionsbereichen ist Ausdruck der funktionalen Differenzierung und
relativen Autonomie der verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche.
- Vertikale soziale Ungleichheiten: Schichtspezifisch ungleiche
Lebenschancen, unter anderem im Hinblick auf Einkommen, Vermögen und
Bildung, bleiben erhalten - teils verkleinert, teils unverändert, teils aber
auch vergrößert. Da gleichzeitig das durchschnittliche Niveau des
Lebensstandards der Qualifikation erheblich ansteigt, verlieren sie an
gesellschaftspolitischer Brisanz. Ein gewisses, nicht präzise bestimmbares
Ausmaß sozialer Ungleichheit ist eine Voraussetzung für die sozioökonomische
Leistungskraft und Wohlstandsdynamik der Gesellschaft.
- Dynamische, sozial zersplitterte Randschichten bzw.
85-%-Gesellschaft: Der steigende Wohlstand konnte die Randschicht
derjenigen, die an oder unter der relativen Armutsgrenze leben müssen und
nicht angemessen am Leben der Kerngesellschaft teilnehmen können, nicht
beseitigen. Seit zwei Jahrzehnten breitet sich Armut wieder zunehmend aus.
Als Risikofaktor für das Abgleiten in die Armut gewinnt insbesondere die
strukturelle Arbeitmarktkrise an Bedeutung, die den marktwirtschaftlichen
Weg in die Moderne begleitet. ´Moderne Armut’ wird durch eine wachsende
Armutskluft erschwert und eine bescheidene Teilhabe am Wohlstandsanstieg
sowie durch hohe Fluktuation über die Armutsgrenze hinweg
(Randschichtendasein auf Zeit) erleichtert. Eine zweite, stark fragmentierte
Randschicht von ethnischen Minderheiten, die sich immer mehr von
´Gastarbeitern’ in ´Einwanderer’ verwandeln und vor erheblichen
Integrationsproblemen stehen, entstand seit den 60er Jahren. Durch starke
Zersplitterung, hohe Fluktuation sowie Tendenzen zur Isolation und Apathie
entwickeln die Randschichten keine eigenständige politische Kraft.
- Verringerung der sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern:
Während vertikale Ungleichheiten Bestand haben, verringern sich
geschlechtsspezifische Ungleichheiten zunehmend - insbesondere im
Bildungswesen, aber auch in Arbeitswelt und Politik, am wenigsten in der
Familie. Die reduzierten Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern rücken
allerdings stärker ins Bewusstsein einer sensibilisierten Öffentlichkeit.
- Durchsetzung und Verlust des Monopols der bürgerlichen Familie sowie
Lockerung und Differenzierung der Formen des privaten Zusammenlebens:
Die Wohlstandsgesellschaft schuf die materiellen Voraussetzungen zur
endgültigen Ausbreitung der bürgerlichen Familie in allen Schichten. Diese
erhält seit den 60er Jahren zunehmend Konkurrenz durch andere Varianten des
privaten Zusammenlebens, bleibt jedoch weiterhin Leitbild für die Mehrheit
der Bevölkerung - allerdings in einer ´verkleinerten’ und ´gelockerten’
Form: die Zahl der Kinder nimmt ab, Kinder erlangen eine größere
Selbstständigkeit gegenüber den Eltern, die Fixierung der Frau auf die
Familie lockert sich, starre Formen des familialen Zusammenhalts verwandeln
sich in ´ein bewegliches Gehäuse mit kündigungsbereiten Mitgliedern’.
- Geburtenrückgang - steigende Lebenserwartungen - Alterung:
Niedrige Geburtenziffern und steigende Lebenserwartungen sind die
charakteristischen Kennzeichen der natürlichen Bevölkerungsentwicklung im
Zuge der Modernisierung. Sie lassen die Bevölkerung demographisch altern,
machen einen Umbau der sozialen Sicherungssysteme notwendig und erzeugen
einen langfristigen Bedarf an Arbeitsmigranten.
- Multiethnische Gesellschaft: Das hohe Wohlstands- und
Gratifikationsniveau übt eine Sogwirkung auf die Menschen in Gesellschaften
mit schlechteren Lebensbedingungen aus. Dadurch eröffnet sich die
Möglichkeit, die negativen Folgen der natürlichen Bevölkerungsbewegung durch
Einwanderungen zu mildern. Eine monoethnische Gesellschaft verwandelt sich
nach und nach in eine multiethnische Gesellschaft - in eine
Einwanderungsgesellschaft modernen Typs."
Was ist sozialer
Wandel?
Begriffsdefinitionen und Überblick über theoretische Erklärungsansätze
Sozialer Wandel ist eines der "Ur-Themen" sozialwissenschaftlicher Theorie und
Empirie. Schon immer wollte man wissen, wie und warum sich gesellschaftliche
Strukturen verändern und inwiefern man Richtung und Geschwindigkeit der
Veränderungen voraussagen kann. In der Mitte des 20. Jahrhunderts verlor die
Soziologie unter dem beherrschenden Einfluss des so genannten
strukturfunktionalistischen Paradigmas die Frage des sozialen Wandels eine
Zeitlang aus den Augen. Spätestens seit den 70er Jahren hat das Thema aber
wieder Konjunktur und nun streiten Modernisierungstheoretiker, (Neo-)Marxisten
und einige mehr darum, wer die "besten" Modelle und Erklärungen sozialen Wandels
parat hat.
In diesem Bereich unseres Informationsangebotes dokumentieren wir einige
Ansichten darüber, wie der
Begriff
"sozialer Wandel" am sinnvollsten zu definieren ist. Dabei dürfte deutlich
werden, dass es zum einen eine große Vielfalt möglicher Begriffsklärungen gibt,
von denen keine beanspruchen kann, "richtiger" als die anderen zu sein. Zum
anderen kristallisiert sich aus der Fülle der Definitionen doch ein gewisser
Kern, den man als kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnen kann: Von sozialem
Wandel spricht man im Allgemeinen dann, wenn sich gesellschaftliche Strukturen
verändern.
Während der Rest unseres Informationsangebotes darauf ausgerichtet ist, konkrete
Daten, Fakten und Prognosen zur Entwicklung verschiedener sozialstruktureller
Bereiche zu liefern, soll hier auch zumindest ein grober Überblick darüber
gegeben werden, welche Ansprüche an eine
Theorie
sozialen Wandels zu stellen sind und welche Arten von Erklärungsansätzen
bisher diskutiert werden.
Eine alternde
Gesellschaft
Die Entwicklung der Bevölkerung
In diesem Bereich unseres Angebotes zum Thema sozialer Wandel werden zentrale
Befunde zur bisherigen und zukünftigen Entwicklung von Bevölkerungsprozessen
dokumentiert sowie weiterführende Literatur und Internetseiten vorgestellt.
Die Bevölkerung ist das Grundelement der Sozialstruktur. Unter ihr
versteht man die Gesamtzahl der Einwohner innerhalb eines abgrenzbaren Gebietes.
Auf die Größe einer Bevölkerung haben genau drei Prozesse einen Einfluss:
Geburten
und Sterbefälle sowie
Außenwanderungen. Obwohl die Geburtenrate in Deutschland seit Jahrzehnten
sehr niedrig ist, kam es bisher nicht zu einem deutlichen Bevölkerungsrückgang,
weil erstens die
Lebenserwartung der Einwohner gestiegen ist und zweitens regelmäßig mehr
Menschen nach Deutschland ein- als auswandern. Für die
Zukunft
ist in Deutschland allerdings eine deutliche quantitative Abnahme der
Bevölkerung zu erwarten. Dies betrifft die neuen Bundesländer besonders stark,
da die Geburtenrate dort besonders niedrig und ein Ende der
Binnenwanderungen von Ost nach West nicht abzusehen ist. Gleichzeitig ist
eine massive Verschiebung der
Altersstruktur zu erwarten - der Anteil alter Menschen an der
Gesamtbevölkerung steigt, während immer weniger Junge nachrücken.
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weiterführender Links und Literatur
Dokumentation zentraler Befunde zur Bevölkerung:
Die
Entwicklung von Geburten und Sterbefällen
Lebenserwartung und Alterung
Wanderungen
über die Grenzen Deutschlands
Wanderungen
innerhalb Deutschlands
Langfristige Trends der Bevölkerungsentwicklung
Vielfältige Lebensformen
Die Entwicklung von Familien und Haushalten
Der Begriff der Lebensformen bezeichnet die verschiedenen Arten
unmittelbaren Zusammenlebens von Menschen. Eine Lebensform ist die
Zwei-Eltern-Familie ebenso wie die Ein-Eltern-Familie, das kinderlose Paar mit
oder ohne Trauschein usw. Auch Arten des Nicht-Zusammenlebens, beispielsweise
als Single, bezeichnet man als Lebensformen.
Eine häufig diskutierte Frage in Zusammenhang mit den Lebensformen ist die nach
der Zukunft der "traditionellen" Familie - zwei miteinander verheiratete Eltern
mit gemeinsamen Kindern. Ist diese Art des Lebensentwurfs nur noch eine neben
vielen anderen gleichberechtigten Möglichkeiten? Wird sie gar zum Randphänomen?
Oder bleibt sie doch die dominierende Lebensform, die ein Großteil der
Gesellschaftsmitglieder anstrebt und früher oder später im Laufe ihres Lebens
verwirklicht?
Man kann sich dieser Frage annähern, indem man die Entwicklung der letzten
Jahrzehnte betrachtet. Die Zahl der
Ehen und
Scheidungen gibt darüber Auskunft, ob und wie sich die Neigung zum Heiraten
geändert hat und wie dauerhaft die Partnerschaften sind, die durch die Ehe
fixiert wurden.
Genauso interessant ist die Bestandsaufnahme der verschiedenen Lebensformen und
ihrer Verbreitung, die wir unterteilt haben nach
familialen Lebensformen und
nicht-familialen Lebensformen. Das Unterscheidungsmerkmal ist dabei das
Vorhandensein von Kindern - der Soziologe redet immer dann von Familie,
wenn mindestens ein Erwachsener und mindestens ein von diesem versorgtes Kind in
die Lebensform involviert sind. Eine allein erziehende Mutter und ihr Kind sind
in diesem Sinne eine Familie, ein kinderloses Ehepaar hingegen nicht.
Eng mit der Lebensform verbunden - allerdings nicht mit ihr identisch - ist der
Haushalt. Einen Privathaushalt bilden Menschen, die in einer gemeinsamen
Wohnung leben und gemeinsam wirtschaften. Mit einigen Textauszügen informieren
wir darüber, wie sich die
Privathaushalte - u. a. in Hinblick auf ihre durchschnittliche Größe -
entwickelt haben.
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weiterführender Links und Literatur
Dokumentation zentraler Befunde zu Familien und Haushalten:
Privathaushalte
Ehen und
Scheidungen
Familiale
Lebensformen
Nicht-familiale Lebensformen
Mehr Bildung für alle
Bildungsbeteiligung und Chancengleichheit im Wandel
Die Bedeutung von Bildung ist im Laufe der vergangenen 150 Jahre
beständig gestiegen. Immer länger wird die Zeit, die junge Menschen in Schulen
und Hochschulen verbringen, immer mehr wird - sogar in Zeiten knapper
öffentlicher Haushalte - in die Bildung investiert und immer wichtiger wird die
Bildung als Kriterium dafür, wer es in der Gesellschaft "zu etwas bringt" und
wer nicht.
Dass es das Phänomen, das man als
Expansion
der Bildung beschreibt, gibt, kann wohl niemand ernsthaft bestreiten. Der
Anteil der höher Gebildeten steigt von Generation zu Generation und zwar alle
sozialen Schichten übergreifend. Insofern kann man sagen, dass die absoluten
Bildungschancen für alle gewachsen sind.
Eine andere Frage ist jedoch, ob mit den für alle verbesserten Bildungschancen
auch die Unterschiede zwischen verschiedenen sozialen Gruppierungen
geringer geworden sind. Haben zum Beispiel die Arbeiterkinder gegenüber den
Beamtenkindern aufgeholt oder hat sich die
herkunftsbedingte Benachteiligung bei den Bildungschancen auf insgesamt
höherem Niveau reproduziert? Die gleiche Frage muss man bezüglich des
Zusammenhanges von
Geschlecht
und Bildungschancen stellen: Haben Frauen die Jahrhunderte währende
Schlechterstellung überwunden? Wie die auf diesen Seiten dokumentierten
Informationen zeigen, lässt sich die letztere der beiden Fragen aus Sicht der
Chancengleichheit positiv beantworten, die erste nicht.
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weiterführender Links und Literatur
Dokumentation zentraler Befunde zur Bildung:
Expansion
der Bildung
Aktuelle Entwicklung
Künftiger Bedarf an Bildung
Geschlecht
und Bildungschancen
Herkunft
und Bildungschancen
Arbeit als knappes Gut
Die Entwicklung der Erwerbstätigkeit
Die Erwerbstätigkeit ist der zentrale Schlüssel zu materiellem Erfolg und
Ansehen in der modernen Gesellschaft. Dies scheint zunächst verwunderlich
angesichts der Tatsache, dass nur jeder vierte Bundesbürger seinen
Lebensunterhalt in erster Linie aus eigener Erwerbstätigkeit bestreitet. Nimmt
man allerdings die Quoten derer hinzu, die von der Erwerbstätigkeit ihrer
Angehörigen oder von Bezügen auf Grund früherer Erwerbstätigkeit (Renten,
Pensionen) leben, so offenbart sich, dass Wohl und Wehe von weit über 90 Prozent
der Bevölkerung von der Erwerbstätigkeit abhängen.
Wie die auf unseren Seiten dokumentierten Informationen zeigen, hat es bei der
Erwerbsbeteiligung einen starken Wandel gegeben. Erstens sind Frauen heute
weitaus häufiger erwerbstätig als noch vor wenigen Jahrzehnten. Zweitens steigt
die Zahl der Menschen im Rentenalter. Drittens, und dies ist die von der
Öffentlichkeit meistbeachtete Veränderung, gibt es heute ein Maß an
Arbeitslosigkeit in Deutschland, wie man es seit den 50er Jahren bis in die
80er Jahre hinein nicht kannte.
Neben der Frage, wer überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachgeht, ist auch
interessant, in welchen Bereichen der Wirtschaft die Menschen in
Deutschland arbeiten. Eine populäre Klassifikation, anhand derer man diese Frage
beantworten kann, ist das Modell der drei
Wirtschaftssektoren.
Schließlich interessiert noch die Frage, unter welchen
Verhältnissen in Deutschland gearbeitet wird. Dies betrifft sowohl die
Frage nach den regelmäßigen Arbeitszeiten als auch die nach unterschiedlichen
Beschäftigungsformen wie Vollzeiterwerbstätigkeit, Teilzeitarbeit,
Scheinselbstständigkeit usw.
Und: Wie sieht eigentlich
die Zukunft der Arbeit aus?
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weiterführender Links und Literatur
Dokumentation zentraler Befunde zur Erwerbstätigkeit:
Erwerbsbeteiligung
Arbeitslosigkeit
Beschäftigung nach Sektoren
Arbeitsverhältnisse
Die Zukunft der Arbeit
Ungleicher Wohlstand
Die Entwicklung der Verteilung von Einkommen und Vermögen
Unabhängig von der in der Öffentlichkeit verbreiteten Krisenstimmung ist
Deutschland nach wie vor eines der wohlhabendsten Länder der Erde. Die Einkommen
der Erwerbstätigen und die damit verbundene Kaufkraft gehören im internationalen
Vergleich ebenso zur Spitzengruppe wie die sozialen Netze, die den Einzelnen
absichern.
Das alles sagt jedoch nichts darüber aus, wie gleichmäßig der vorhandene
Wohlstand unter den Einwohnern verteilt ist. Wie die von uns
dokumentierten Informationen zeigen, sind die
Einkommen
etwas gleicher verteilt als die
Vermögen.
Das verwundert nicht, da Vermögen die Eigenschaft hat, sich durch Wertzuwachs
von selbst zu vermehren und zudem im Gegensatz zu den Einkommen nicht besteuert
wird.
Dank der sozialen Sicherungssysteme ist absolute
Armut,
also die unmittelbare Bedrohung, auf Grund ungünstiger Lebensverhältnisse an
Hunger oder Kälte zu sterben, in Deutschland kein Thema. Relative Armut
jedoch, also ein deutliches Zurückbleiben hinter Lebensstandards, die in der
Gesellschaft als Minimum angesehen werden, gibt es auch in Deutschland. Die von
uns dokumentierten Textauszüge und Grafiken informieren darüber, wie viele
Menschen in Deutschland man in diesem Sinne als arm bezeichnen muss.
Während das Phänomen Armut in den Sozialwissenschaften als relativ gut erforscht
gilt, ist Reichtum ein bisher nur wenig erkundetes Feld. Deshalb kann zu diesem
Thema auch nicht mehr als ein grober Einblick gewährt werden, der mit dem
Problem behaftet ist, dass sich die wirklich großen Einkommen und Vermögen einer
Bestandsaufnahme durch die üblichen Erhebungsformen weitgehend entziehen.
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weiterführender Links und Literatur
Dokumentation zentraler Befunde zur Verteilung des Wohlstandes:
Einkommen
Vermögen
Armut
Reichtum
Aufsteiger und Absteiger
Soziale Mobilität in Deutschland
Über die Frage, ob soziale Ungleichheit ein Problem, eine Notwendigkeit
oder sogar wünschenswert ist, lässt sich trefflich (und in der Regel ohne
handfestes "Ergebnis") streiten. Je nach dem grundsätzlichen Weltbild des
Betrachters gehen die Meinungen hier weit auseinander. Weniger umstritten ist
die Berechtigung der Wertvorstellung von einer offenen Gesellschaft. Über
fast alle Weltbilder und Ideologien hinweg herrscht heute Konsens darüber, dass
es wünschenswert ist, wenn jeder die Chance hat, Schicht- und sonstige Grenzen
überschreitend seinen Fähigkeiten und Leistungen entsprechend aufzusteigen.
Die Offenheit für soziale Mobilität ist also eine verbreitete Vorstellung
vom Wünschenswerten in der modernen Gesellschaft. Eine andere Frage ist,
inwiefern eine konkrete Sozialstruktur dieser Vorstellung entspricht.
Der Fokus liegt hier auf der vertikalen sozialen Mobilität, das heißt auf
solche Prozesse, die für den Betroffenen einen Auf- oder Abstieg innerhalb des
sozialen Gefüges bedeuten. Dies setzt voraus, dass man die Gesellschaft im Sinne
von
Klassen- oder Schichtmodellen als hierarchisch gegliedert auffasst. Um
diesen Bezugsrahmen deutlich zu machen, dokumentieren wir einige Texte, die die
zentralen Charakteristiken und Unterschiede solcher Konzepte herausstellen.
Bei der Beschäftigung mit sozialer Mobilität unterscheidet man zwischen
Generationenmobilität (auch intergenerationelle Mobilität) und
Karrieremobilität (auch intragenerationelle Mobilität). Von
Generationenmobilität spricht man dann, wenn Personen im Vergleich mit der
(Berufs-, Bildungs- usw.) Position ihrer Eltern einen Auf- oder Abstieg
innerhalb des sozialen Gefüges erleben. Karrieremobilität meint hingegen Auf-
und Abstiegsprozesse im Laufe der eigenen Biographie, also in Bezug auf soziale
Positionen, die man selbst schon einmal inne hatte.
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weiterführender Links und Literatur
Dokumentation zentraler Befunde zu sozialer Mobilität:
Klassen und
Schichten
Generationenmobilität
Karrieremobilität
Wandel in den Köpfen
Lebensstile, Werte, Einstellungen und Religion
Der größte Teil der Informationen, die wir auf unseren Seiten zum sozialen
Wandel anbieten, behandelt mehr oder weniger "objektive" Lebensbedingungen.
In diesem Bereich wollen wir einen anderen Aspekt sozialen Wandels behandeln,
indem wir Erkenntnisse zum Denken und Verhalten der Menschen in Deutschland
dokumentieren.
Modelle von
Lebensstilen und Milieus stellen eine Alternative zu herkömmlichen Klassen-
und Schichtkonzepten dar. Im Gegensatz zu diesen stellen sie nicht die äußeren
Bedingungen, sondern die inneren Haltungen in den Mittelpunkt der
Kategorisierung.
Innere Haltungen, die psychologisch tief verankert und in vielen Lebensbereichen
wirksam sind, nennt man
Werte.
Obwohl Werte als Grunddispositionen definiert sind, die sich nur sehr langsam
verändern, ist auch hier ein Wandel zu beobachten. Einige Werte nehmen an
Wichtigkeit zu, andere verlieren Bedeutung - ob man dies positiv als eine
Weiterentwicklung sieht oder negativ als einen moralischen Verfall, ist eine
normative Frage und wissenschaftlich nicht zu begründen.
Schneller als Werte verändern sich
politische
Einstellungen. In den vergangenen Jahrzehnten ist vor allem ein Abnehmen
fester Bindungen an bestimmte Parteien zu beobachten. Damit in Zusammenhang
steht die Beobachtung, dass sich individuelle Wahlentscheidungen heute weitaus
weniger treffsicher auf Grund äußerlicher Gegebenheiten wie zum Beispiel der
Konfession vorhersagen lassen.
Generell lässt sich sagen, dass der Einfluss der
Religion
im privaten sowie im gesellschaftlichen Leben der Deutschen zunehmend an
Bedeutung verliert. In Westdeutschland häuft sich die Zahl der Kirchenaustritte,
in den neuen Bundesländern gehört ohnehin nur eine Minderheit der Bevölkerung
einer Konfession an.
Zur Liste
weiterführender Links und Literatur
Dokumentation zentraler Befunde zu Lebensstilen, Werten, Einstellungen und
Religion:
Lebensstile
und Milieus
Werte
Politische
Einstellungen
Religiosität
Auszug aus: Statistisches Bundesamt 2002: Datenreport 2002, Bonn:
Bundeszentrale für politische Bildung, S. 171ff.
"Die Bevölkerung in Deutschland gehört überwiegend einer der beiden christlichen
Volkskirchen an, und zwar je zu knapp einem Drittel der katholischen und der
evangelischen Konfession. Eine Minderheit von 2,5 % (rund 2 Mill.) bekennt sich
zu anderen christlichen Gemeinschaften, z. B. zu einer orthodoxen Kirche oder zu
einer evangelischen Freikirche. Ein weiteres knappes Drittel (32 %) der
Bevölkerung gehört keiner oder einer nicht-christlichen Glaubensgemeinschaft
an."
| unsere
zeit - Zeitung der DKP |
18. Februar 2011 |
Zeiten sozialer Krisen und des Übergangs
Ära des Übergangs
Zur Diskussion über die "allgemeine Krise" des Kapitalismus
Von Hans-Peter Brenner (mitwirkender Krankenpfleger der Chirurgischen
Station und Medizinstudent einer im Ersten bzw. in den ARD laufenden
Fernsehserie, die sich um die Belegschaft des Krankenhauses „Sachsenklinik“ in
Leipzig dreht)
Finanz-, Währungs-, Umweltkrise, soziale Krisen wohin man
blickt. Millionen Kinder, die jedes Jahr verhungern. Massenarbeitslosigkeit,
Hunger, Armut auch in den Zentren des hochentwickelten Kapitalismus. Kriege
wegen industriell verwertbarer, "seltener" oder für den Imperialismus
unverzichtbarer Rohstoffe, aber auch um Wasser und Nahrung. Krise der Umwelt und
des Klimas: Millionen versinken in den Fluten oder flüchten vor ungezügelten
Bränden. Krise der Ethik und Moral. Vom Kapital geschürte Bürgerkriege zwischen
Nationalitäten und Ethnien. - Dies alles legt nahe, dass der Kapitalismus sich
in einer, wie bereits die Theoretiker der III. Internationale formulierten,
"allgemeinen Krise" befindet. Es lohnt sich die Entwicklung dieser - oft völlig
missverstandenen - These in Erinnerung zu rufen.
Epoche der Revolution
Für die marxistisch orientierte Arbeiterbewegung waren die
Erschütterungen des imperialistischen 1. Weltkrieges nicht mit dem
Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich bzw. Deutschland und
Russland beendet. Die "revolutionäre Nachkriegskrise" war für die Kommunisten
insgesamt eine Periode der größten Schwächung des kapitalistischen Systems. Die
russische Oktoberrevolution war ihr wichtigstes Ergebnis. Im Gründungsmanifest
der Kommunistischen Internationale wurde die Auffassung geäußert, dass nun die
Epoche "des letzten entscheidenden Gefechts" eingeleitet sei und dass es jetzt
nur noch darauf ankomme die Kräfte aller "revolutionären Parteien des
Weltproletariats zu sammeln und dadurch den Sieg der kommunistischen Revolution
zu erleichtern und zu beschleunigen." (In: Die Kommunistische Internationale.
Auswahl von Dokumenten der Kommunistischen Internationale von der Gründung bis
zum VI. Weltkongress, 1919-1927, Hrsg. Parteihochschule "Karl Marx" beim ZK der
SED, S. 35) Weiter hieß es zur Charakterisierung der Tiefe der Systemkrise:
"Heute steht die Verelendung vor uns, nicht nur die soziale, sondern die
physiologische, die biologische in ihrer ganzen erschütternden Wirklichkeit."
(ebenda, S. 37) Von einer "tödlichen Krisis des kapitalistischen
Warenaustausches" infolge der "völligen Ausartung des Geldpapiers" war die Rede;
das Finanzkapital habe sich selbst "vollends militarisiert" und die
"Verstaatlichung des wirtschaftlichen Lebens" lasse nur noch ein Fazit zu: "Die
Frage besteht einzig darin, wer künftig der Träger der verstaatlichten
Produktion sein wird: der imperialistische Staat oder der Staat des siegreichen
Proletariats." (ebenda, S. 38) Die beeindruckende Liste der damaligen
Revolten, Aufstände und Revolutionen sowohl in den Zentren des Kapitals wie auch
in den Kolonialländern macht deutlich, wie berechtigt die Einschätzung war, dass
die Nachkriegsperiode der Auftakt einer allgemeinen Systemkrise der gesamten vom
Kapitalismus beherrschten Welt markierte. Dies war kein bloßer "frommer Wunsch".
"Absterbender"Monopolkapitalismus
Wie bereits Lenin in seinem Grundsatzartikel zur Revision des
Parteiprogramms der Bolschewiki im Oktober 1917 formulierte, weist das Stadium
des staatsmonopolistischen Kapitalismus alle objektiven Bedingungen auf, die den
Übergang zu einer sozialistischen Organisierung der Produktion auf die
Tagesordnung setzen. Der Kapitalismus in diesem Stadium ist objektiv bereits ein
"Auslaufmodell". Um mit Lenin zu sprechen: "Krieg und Zerrüttung zwingen alle
Länder vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus
überzugehen. Das ist die objektive Lage. Aber in revolutionären Verhältnissen,
in einer Revolution geht der staatsmonopolistische Kapitalismus unmittelbar in
den Sozialismus über. Man kann in der Revolution nicht vorwärtsgehen, ohne zum
Sozialismus zu schreiten - das ist die objektive, durch Krieg und Revolution
geschaffene Lage." (LW 26, S. 157) Dabei war den verantwortlichen
Kommunisten auch der Komintern-Periode bei aller zeitweise auch
überschwänglichen Hoffnung auf den endgültigen revolutionären "Todesstoß" klar,
dass trotz der "Überreife" des Kapitalismus es keinen automatischen Kollaps
geben würde. "Wir wissen nicht, wie bald nach unserem Sieg die Revolution im
Westen kommen wird. Wir wissen nicht, ob es nach unserem Sieg nicht noch
vorübergehende Perioden der Reaktion und des Sieges der Konterrevolution geben
wird - unmöglich ist das keineswegs ... Wir wissen das alles nicht und können es
nicht wissen. Niemand kann das wissen." (ebenda, S. 138)
Kein automatischer Zusammenbruch
Verwiesen wurde damals immer wieder mit Recht auf die
Vorbildwirkung der Oktoberrevolution, die mit der Errichtung und Stabilisierung
der jungen Sowjetmacht und Sowjetunion zu einer neuen qualitativen Schwächung
des Kapitalismus geführt hatte. So sprach Stalin - wie andere Komintern-Führer -
anlässlich des 10. Jahrestags der Oktoberrevolution davon, dass diese "eine
grundlegende Wendung im historischen Schicksal des Weltkapitalismus" sowie in
der "Befreiungsbewegung des Weltproletariats" gebracht habe (ebenda, S. 215).
Und weiter: "Die Ära der ´Stabilität´ des Kapitalismus ist vorbei, und mit ihr
auch die Legende von der Unerschütterlichkeit der bürgerlichen Ordnung.
Angebrochen ist die Ära des Zusammenbruchs des Kapitalismus." (ebenda,
S. 221) "Angebrochen" sei die Ära; das ist etwas anderes als die
Feststellung oder Behauptung vom "sofortigen" und/oder "unmittelbar
bevorstehenden" Zusammenbruch des Kapitalismus. Die "allgemeine Krise" hat
primär zu tun mit dem objektiven Maß der Vergesellschaftung der Produktion im
hochentwickelten Monopolkapitalismus/Imperialismus und mit der qualitativ neuen
Intensität der Verbindung zwischen Staat und Monopolen im staatsmonopolistischen
Kapitalismus. Eugen Varga schrieb in der Sondernummer 7 der "Internationalen
Presse-Korrespondenz" (Heft 43, 9. Mai 1931): "Für uns Marxisten ist es
klar ... dass die gegenwärtige Wirtschaftskrise deshalb so tief und so allgemein
ist, weil sie sich auf dem Boden der allgemeinen Krise des Kapitalismus
abspielt." Und im Januar 1934 - also ein Jahr nach der Machtübertragung an den
deutschen Faschismus - sprach Stalin im Zusammenhang mit einer Analyse der
akuten industriellen Wirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern über deren
"langwierigen Charakter". Er erklärte erneut, die "Hauptsache" sei, "dass sich
die industrielle Krise auf der Basis der allgemeinen Krise des Kapitalismus
(Hervorhebung durch mich - HPB) entwickelte in einer Zeit, wo der
Kapitalismus sowohl in den Mutterländern als auch in den Kolonien und abhängigen
Ländern nicht mehr jene Stärke und Festigkeit hat und haben kann, die er vor dem
Kriege und der Oktoberrevolution hatte" (In: J. W. Stalin: "Fragen des
Leninismus", S. 515).
Stalin warnte jedoch: "Manche Genossen glauben, dass die
Bourgeoisie, da nun einmal die revolutionäre Krise da sei, in eine ausweglose
Lage geraten müsse, ihr Ende also bereits vorausbestimmt, der Sieg der
Revolution dadurch bereits gesichert sei, und dass sie bloß auf den Sturz der
Bourgeoisie zu warten brauchen. Das ist ein schwerer Irrtum. Der Sieg der
Revolution kommt nie von selbst. Man muss ihn vorbereiten und erkämpfen. Ihn
vorbereiten und erkämpfen kann aber nur eine starke proletarische revolutionäre
Partei. Es gibt Momente, wo die Lage revolutionär, die Macht der Bourgeoisie bis
auf die Grundfesten erschüttert ist, der Sieg der Revolution aber dennoch nicht
kommt, da keine revolutionäre Partei des Proletariats vorhanden ist, die
genügend Stärke und Autorität besitzt, um die Massen zu führen und die Macht zu
erobern. Es wäre unvernünftig zu glauben, dass solche Fälle nicht vorkommen
können." (ebenda, S. 525 f.) Diese Warnung vor dem illusionären Glauben
an einen allgemeinen Zerfallsautomatismus erfolgte zu Recht. Die Macht des
Kapitals hatte sich in den kapitalistischen Hauptländern trotz massiver innerer
Widersprüche noch als stabil genug erwiesen. Bei aller Überzeugung von der
historischen - in diesem Sinne auch dauerhaften und "allgemeinen" -
Krisenhaftigkeit des Kapitalismus als System, finden wir sowohl in der
"Leninschen Etappe" wie auch in den Analysen der Komintern nicht die in der
Periode der II. Internationale teilweise vorherrschende mechanistische
Vorstellung vom "allgemeinen Kladderadatsch" (August Bebel) bzw. einem
automatischen Kollaps, der mit "eiserner Naturnotwendigkeit" kommen werde.
Ausbrüche der immanenten Widersprüche
In welcher Beziehung stand die These Vargas und der Komintern
von der "allgemeinen Krise" zur Marxschen Krisentheorie?
Die Marxsche Krisenanalyse und die Leninsche
Imperialismustheorie führen unmittelbar an das Konzept der "allgemeinen Krise"
heran. In seinen "Theorien über den Mehrwert" würdigte Marx die Auffassung des
großen Schweizer Ökonomen Jean Charles Sismondi (1773-1842), der bereits
wichtige für die Krisenabläufe verantwortlichen Widersprüche aufgespürt hatte.
Die tendenziell ungebremste Ausweitung der Produktion bricht sich - so Sismondi
- an der unzureichenden Fähigkeit der Masse der Produzenten mehr als nur das
Notwendigste zu konsumieren; das sei ein dauerhafter immanenter Widerspruch
dieser Produktionsweise.
Marx stimmte dem zu, führte diese Erkenntnis analytisch jedoch
weiter fort. Im dritten Band des "Kapital" erläutert Marx dies später so: "Da
nicht Befriedigung der Bedürfnisse, sondern Produktion von Profit Zweck des
Kapitals, und da es diesen Zweck nur durch Methoden erreicht, die die
Produktionsmasse nach der Stufenleiter der Produktion einrichten, nicht
umgekehrt, so muss beständig ein Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten
Dimensionen der Konsumtion auf kapitalistischer Basis und einer Produktion, die
beständig über diese ihre immanente Schranke hinaus strebt." (MEW 25, S. 267)
Der Widerspruch zwischen dem Hinaustreiben der Produktion über die ihr gesetzten
Schranken und der begrenzten Konsumtionsfähigkeit der Massen ist - und hier
unterscheidet sich die Analyse des Marxismus fundamental vom oberflächlichen
Herangehen des späteren Keynesianismus, der auf dieser Ebene stehen bleibt -
Ausdruck des grundlegenden Widerspruchs der kapitalistischen Produktionsweise,
nämlich zwischen der gesellschaftlich organisierten Produktion und der privaten
Aneignung und alleinigen Verfügung über die Produkte durch die
Kapitalistenklasse. Dieser Grundwiderspruch drückt sich auch aus in dem
Widerspruch zwischen der Organisiertheit der Produktion im einzelnen Unternehmen
bzw. dem Konzern und der Anarchie auf dem Markt. Es geht also um
Erscheinungsformen, wie Engels in seiner Arbeit "Die Entwicklung des Sozialismus
von der Utopie zur Wissenschaft" schreibt, eines noch grundlegenderen
Widerspruchs: "In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher
Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der
Warenumlauf ist momentan vernichtet: das Zirkulationsmittel, das Geld, wird
Zirkulationshindernis: alle Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation
werden auf den Kopf gestellt. Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt
erreicht: Die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschweise." (MEW 19,
S. 219)
Krise - Erholung - neue Krise
Lenin erinnerte im Zusammenhang mit den Debatten über das neue
Parteiprogramm der Bolschewiki im März 1918 an eine grandiose Voraussage
Friedrich Engels´. Engels sprach - und die Geschichte gab ihm Recht - davon,
dass im Gefolge des Völkergemetzels des von ihm erwarteten großen Weltkrieges
"die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen" würden "und niemand
sich findet, der sie aufhebt". Nur "ein Resultat (ist) absolut sicher: die
allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen
Sieges der Arbeiterklasse. - Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze
getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen seine
unvermeidlichen Früchte trägt." (MEW 21, S. 351) Engels sprach hier von
der politisch-militärischen tiefen Krise des gesamten Kapitalismus im Gefolge
einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den europäischen
kapitalistischen Großmächten. Die russische Oktoberrevolution, die deutsche
Novemberrevolution, die zeitweilige Errichtung der ungarischen Räterepublik und
die heftigen Klassenkämpfe in vielen europäischen Staaten im Gefolge des
1.Weltkrieges gaben ihm Recht. Nur wenige Monate später, im Mai 1888, verwies
Engels auf einen anderen, dieses Mal ökonomischen Faktor, der die gesamte
kapitalistische Produktionsweise, das gesamte kapitalistische System in eine
unüberwindbare "Sackgasse" führt, in den sich ständig reproduzierenden Zyklus
von Überproduktion und Unterkonsumtion der großen Massen. Dadurch gerate der
Kapitalismus in eine allumfassende Systemkrise.
"Die Spaltung der Gesellschaft in zwei Klassen, Kapitalisten
hier, Lohnarbeiter dort; erblicher Reichtum auf dieser, erbliche Armut auf jener
Seite; Überschuss des Angebots über die Nachfrage, Unfähigkeit der Märkte, die
stets wachsende Masse der Industrieprodukte aufzusaugen; ein stets wiederholter
Kreislauf von Prosperität, Überproduktion, Krisis, Panik, chronischer Stauung
und allmählicher Wiederbelebung des Geschäfts; diese letztere ein Anzeichen
nicht dauernder Besserung, sondern bevorstehender erneuter Überproduktion und
Krisis; in einem Wort, die gesellschaftlichen Produktivkräfte zu so riesigen
Dimensionen heranwachsend, dass ihnen die gesellschaftlichen Institutionen,
unter denen sie in Betrieb gesetzt worden, zu unerträglichen Fesseln werden. Nur
eine mögliche Lösung: eine gesellschaftliche Umgestaltung, die die
gesellschaftlichen Produktivkräfte von den Fesseln einer veralteten
gesellschaftlichen Ordnung und die wirklichen Produzenten, das heißt die große
Volksmasse, von der Lohnsklaverei befreit." (MEW 21, S. 362 f.) Was ist
dies anderes als eine auf das Notwendige verknappte Darlegung der wichtigsten
Merkmale des Krisenmechanismus im Kapitalismus, die ihn immer wieder und wieder
in neue tiefe Krisen stürzt? Der von Marx und Engels analysierte Teufelskreis
von "Krise _ Erholung _ neue Krise", der nur durch ein Überwinden der
kapitalistisch verfassten Eigentums- und Machtverhältnisse durchbrochen werden
kann, besagte nicht viel anderes als die spätere Rede von der "allgemeinen
Krise" des Kapitalismus. Sie hatte ihren sinnfälligsten und deutlichsten
Ausdruck vor allem im Sieg der Oktoberrevolution und der Errichtung der
sozialistischen Arbeiter- und Bauernmacht in der Sowjetunion gefunden.
Subjektiver Faktor - die Organisationsfrage
Dass diese in den 90er Jahren so dramatisch von der
historischen Bühne abtrat, führte natürlich zu gewaltigen Veränderungen der
Existenzbedingungen des Kapitalismus. Die Krisenauswirkungen und -erscheinungen
wurden modifiziert, ihre wesentlichen Mechanismen haben sich dadurch jedoch
nicht geändert. (Siehe dazu das DKP-Parteiprogramm von 2006, Abschnitt
"Imperialismus heute") Insofern werden auch künftig Krisen unterschiedlicher
Dauer und Schwere die kapitalistische Produktionsweise erschüttern. Bis zu dem
Zeitpunkt, an dem es einen oder mehrere neue sozialistische Anläufe auch in den
entwickelten kapitalistischen Ländern gibt.
Doch welche organisierte Kraft wird diesen Übergang von der
"allgemeinen Krise" zu einer sozialistischen Alternative wagen und erkämpfen
können? Wer oder was wird den geistig-moralisch-theoretischen "Input" dafür
geben? Und - welche Organisationsform wird dafür gebraucht?
Ist es eine "Mosaik-Linke" aus "neuen politischen Subjekten
und Bewegungen" jenseits des "vergilbten Arbeiterbewegungsmarxismus" (so Robert
Kurz herablassend vor 20 Jahren in seinem "Kollaps der Moderne")? Oder wer oder
was sonst?
Ich bin so keck und "orthodox", dass ich sage: Niemals wird
dieser neue Anlauf klappen ohne eine selbstbewusste und kämpferische
Arbeiterbewegung mit einer starken marxistisch-leninistischen Organisation -
einer starken KP. Denn das, und genau das, gehört unverzichtbar zur Theorie von
der "allgemeinen Krise" des Kapitalismus dazu.
Gekürzte Fassung des in der "jungen Welt"
am 12. 1. 2011 erschienenen Artikels
Nachsatz (Red.):
Die Diskussion zum Thema ist - wie sich zeigt - bei weitem
nicht abgeschlossen.
Auch in unserer Diskussion ist unbestritten, dass die
Unfähigkeit des Kapitalismus, die eigenen und die Probleme der Menschen regional
und international zu lösen, systembedingt ist und sich die damit verbundenen
ökonomischen, politischen, sozialen Widersprüche mit dem Übergang zum
Monopolkapitalismus verschärft haben. Die Zerstörung der Umwelt hat eine neue
Dimension erreicht. "Das kapitalistische Profitprinzip ist zu einer Gefahr für
den Fortbestand der menschlichen Zivilisation geworden" (Programm der DKP).
Strittig bleibt dagegen erstens, ob der Begriff "allgemeine
Krise", wie er seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der
kommunistischen und Arbeiterbewegung benutzt wurde ausreicht, um die real heute
vor sich gehenden ökonomischen wie aber auch politischen, kulturellen usw.
Entwicklungen richtig widerzuspiegeln. Im Kleinen Politischen Wörterbuch, Dietz
Verlag Berlin 1983, wird die "allgemeine Krise" als "umfassende System- und
Gesellschaftskrise des niedergehenden Kapitalismus" gekennzeichnet. "Die a. K.
erfasst alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens: Ökonomie, Politik, Kultur,
Ideologie, Moral usw. Sie umfasst jenen historischen Zeitabschnitt der Existenz
des Kapitalismus, in dem sich der Prozess seines Niedergangs und seiner
revolutionären Ablösung durch den Sozialismus und Kommunismus im Weltmaßstab
gesetzmäßig vollzieht." (Ebenda) In der bisherigen Debatte wurden zweitens die
politischen Wirkungen nach dem VI. Weltkongress der Komintern - als der Begriff
der "allgemeinen Krise" in das Komintern-Programm aufgenommen wurde und es sich
einbürgerte, große Etappen der "allgemeinen Krise" zu bestimmen -, die damit
verbundenen Illusionen über vorhandene Entwicklungspotenziale des Kapitalismus
sowie darauf beruhende politische Fehlentscheidungen in der kommunistischen und
Arbeiterbewegung weitgehend ausgeklammert