Sozialer Wandel

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und
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Nach: http://www.schader-stiftung.de/gesellschaft_wandel/

Der Begriff "sozialer Wandel"

Unter sozialem Wandel wird in der Soziologie ein Veränderungsprozess verstanden, der sich auf der Makroebene (Sozialstruktur und Kultur), der Mesoebene (z.B. Institutionen) und der Mikroebene (bezogen auf das Individuum) beobachten lässt. Im folgenden sollen verschiedene Begriffsdefinitionen vorgestellt und wesentliche Grundtrends des sozialen Wandels in Deutschland dargestellt werden.

Die Sozialisation, von lateinisch sociare ‚verbinden‘, ist der Prozess sowie das Ergebnis des Hineinwachsens des Menschen in die gesellschaftliche Struktur und deren Interaktion durch Familie, Gruppen, Schichten. Durch die Sozialisation formt das Individuum seine Persönlichkeitsmerkmale aus und erlernt soziales Verhalten und gesellschaftlich verbindliche Normen, die seine Handlungsfähigkeit begründen. Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess. In den frühen Sozialisationsphasen werden die Grundstrukturen der Persönlichkeit, die Sprache, das Denken und Empfinden herausgebildet und die fundamentalen Muster für soziales Verhalten entwickelt. Das elementare Erlernen von sozialen Regeln und Umgangsformen in der frühen Kindheit wird aus diesem Grund auch oft als primäre Sozialisation bezeichnet. Die danach, etwa ab dem vollendeten dritten Lebensjahr erfolgende Weiterentwicklung und Variation von Verhaltensmustern wird sekundäre Sozialisation genannt.

Nach Wikipedia ist Sozialisation, ein sozialwissenschaftlicher Begriff, "die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch Internalisation (Verinnerlichung) von sozialen Normen. ... Sie bezeichnet zum einen die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen, materiellen und sozialen Umwelt, zum anderen die sozialen Bindungen von Individuen, die sich im Zuge sozialisatorischer Beziehungen konstituieren. Sie umfasst sowohl die absichtsvollen und planvollen Maßnahmen (Erziehung) als auch die unabsichtlichen Einwirkungen auf die Persönlichkeit.

Sozialisationsprozesse bewirken demnach, dass im sozialen Zusammenleben Handlungsbezüge (Vergemeinschaftung) und Handlungsorientierungen (soziale Identität) entstehen, auf die sich Individuen in ihrem sozialen Handeln beziehen. Daraus ergibt sich auch die Tendenz von Individuen, sich entsprechend den jeweils geltenden Normen, Werten und Werturteilen der Gesellschaft zu verhalten (vgl. Werttheorie).

Wenn die Sozialisation erfolgreich im Sinne des jeweiligen Umfeldes verläuft, verinnerlicht das Individuum die sozialen Normen, Wertvorstellungen, Repräsentationen, aber auch zum Beispiel die sozialen Rollen seiner gesellschaftlichen und kulturellen Umgebung. Als „erfolgreiche Sozialisation“ sehen wir ein hohes Maß an Symmetrie von objektiver und subjektiver Wirklichkeit (und natürlich Identität) an. Umgekehrt muss demnach „erfolglose Sozialisation“ als Asymmetrie zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit verstanden werden. (Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (1969), S. 175)

Im Laufe der 1970er Jahre entwickelte sich eine durch und durch interdisziplinäre, bewusst auf die Integration verschiedener disziplinärer Ansätze ausgerichtete Sozialisationstheorie. Diese Konzeption wurde in Deutschland zum ersten Mal 1980 im umfangreichen "Handbuch der Sozialisationsforschung" (Hurrelmann und Ulich 1980) einem größeren Fachpublikum präsentiert. Unter den 34 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Beiträge für das Handbuch schrieben, waren Soziologen, Psychologen und Pädagogen zu gleichen Anteilen vertreten.

Was versteht man unter sozialem Wandel, Sozialstruktur und Transformation?
Auszug aus: Weymann, Ansgar 1998: Sozialer Wandel. Theorien zur Dynamik der modernen Gesellschaft, Weinheim/München: Juventa, S. 14f.

"In der heutigen Soziologie wird sozialer Wandel (...) als Veränderung in der Struktur eines sozialen Systems definiert. Sozialer Wandel ist auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen zu beobachten, auf der Makroebene der Sozialstruktur und Kultur, auf der Mesoebene der Institutionen, korporativen Akteure und Gemeinschaften, auf der Mikroebene der Personen und ihrer Lebensläufe. (Mesoebene: die zwischen die Makro- und Mikroebene geschobene und beide vermittelnde Betrachtungsweise. Zwischen Gesamtgesellschaft und Kleingruppe bzw. sozialem Handeln des Individuums stehen danach die Organisationen)

Ein exemplarischer Fall sozialen Wandels ist der Zusammenbruch der DDR, ihr Beitritt zur Bundesrepublik und die noch laufende Transformation der neuen Bundesländer als Folge des Beitritts. Hier finden wir das Verschwinden einer ganzen Gesellschaftsordnung mit durchgreifenden Folgen für den Wandel vieler Institutionen und sozialer Gemeinschaften und für Millionen von Lebensläufen.

Mit dem Begriff des sozialen Wandels ist der Begriff der Sozialstruktur eng verbunden. Beides sind elementare Grundbegriffe der Soziologie. Als Sozialstruktur werden z.B. Strukturen sozialer Ungleichheit vergleichend beschrieben: Haushaltseinkommen, Wohnverhältnisse, Schichten und Milieus, Bildung und Ausbildung, Beruf und Arbeit, Gesundheit, Familien und Lebensgemeinschaften usw., aber auch die Institutionen der Wirtschaft, der sozialen Sicherung, der Politik und der Kommunikation.

Untersuchungen sozialen Wandels zielen auf eine zeitabhängige oder auch auf eine historische Betrachtungsweise und Erklärung der Veränderung der Sozialstruktur. Der moderne soziologische Begriff des sozialen Wandels enthält nicht mehr die älteren mythischen, religiösen oder geschichtsphilosophischen Vorstellungen einer sinnhaften Menschheitsgeschichte, die aus einer grauen Vorzeit in eine lichte Zukunft fährt. Der Gedanke der Evolution oder des Fortschritts auf ein bekanntes Endziel hin ist schwächer geworden, aber nicht ganz aufgegeben. Geblieben ist der theoretische Anspruch, dynamische Kräfte kausalen, funktionalen oder kontingenten Typs beobachten und beschreiben zu können, die den sozialen Wandel in modernen Gesellschaften vorantreiben.

Ein Sonderfall in der Theorie sozialen Wandels ist der (...) auch in der Umgangssprache häufig gebrauchte Begriff der Moderne, der in der Definition sozialen Wandels oft explizit oder implizit enthalten ist. Die als modern definierte westliche Gesellschaft zeichnet sich durch Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft, Wohlfahrtsstaat und Massenkonsum aus. Ihre Vorbilder sind die erfolgreichen Nationalstaaten Frankreich, England und USA, aber auch die Niederlande oder Schweden. Heute treten andere Staaten mit einer anderen Geschichte erfolgreich in den Wettbewerb der modernen Gesellschaften ein und erheben den Anspruch auf die Vorreiterrolle in der erfolgreichen Verbindung von Tradition und Modeme: Japan, die ostasiatischen Tiger, demnächst wahrscheinlich China und Indien. Der europäisch-okzidentale, sich als modern verstehende Gesellschaftstypus steht mit seinesgleichen und mit anderen Gesellschaftsformen in einem Wettbewerb mit offenem Ausgang.

Im Begriff der Moderne und der Modernisierung ist der Anspruch erkennbar, den Typus der gegenwärtigen Gesellschaft systematisch von älteren, als vormodern definierten Gesellschaftstypen unterscheiden zu können. Und es ist die Vorstellung von einem auch weiterhin natürlichen, sinnhaften und erfolgreich zielführenden Prozess in diesem Wettbewerb enthalten. Denselben Anspruch einer Unterscheidung in den Abfolgen von Gesellschaftstypen stellt auch die populäre Debatte der letzten Jahre um die Postmoderne auf, die vorgeblich oder tatsächlich die Moderne abzulösen beginnt.

Einen zeitlich und räumlich enger begrenzten Spezialfall von sozialem Wandel bezeichnet der Begriff der Transformation, der (...) im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen sozialen Wandel in der ehemaligen DDR und den Ländern Osteuropas benutzt [wird]. Er gibt vor, die Richtung des sozialen Wandels im Falle des Zusammenbruchs der sozialistischen Gesellschaften zu kennen: Transformation bezeichnet die Überführung des sozialistischen Gesellschaftstypus in den Typus der modernen westlichen Gesellschaft."

Sozialer Wandel - einige alternative Definitionen
Auszüge aus diversen Quellen.

"Zur Veranschaulichung: Grundtrends sozialen Wandels in Deutschland
Auszug aus: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Gesellschaftliche Entwicklungstrends vor und nach der Vereinigung, 3. Aufl., Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 436ff.

"Die Haupttrends der sozialstrukturellen Modernisierung bzw. ihre Ergebnisse (...) lassen sich zu zwölf Punkten verdichten:

  1. Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft: Die ökonomischen Triebkräfte der kapitalistisch-liberalen Marktwirtschaft lösen in Kombination mit einer pluralistischen Demokratie einen historisch einzigartigen, sich später abschwächenden und auch vorübergehend auf sehr hohem Niveau stagnierenden Anstieg von Lebensstandard und Massenkonsum aus, der mit hoher sozialer Sicherheit für eine große Bevölkerungsmehrheit verbunden ist. Er kommt - unter anderem wegen sozialstaatlicher Umverteilungen - fast allen Schichten zugute und hat unter anderem die weitgehende Entproletarisierung der Arbeiterschaft zur Folge.(Proletariat, von lateinisch proles = die Nachkommenschaft, bezeichnete im antiken Rom die gesellschaftliche Schicht der landlosen und lohnabhängigen Besitzlosen im Stadtstaat, die aber nicht versklavt waren.) 
  2. Wissens- und Bildungsgesellschaft: Verwissenschaftlichung, Technisierung und wachsende Komplexität der Gesellschaft sind die strukturellen Ursachen einer kontinuierlichen Höherqualifizierung der Bevölkerung mit nachhaltigen Auswirkungen auf viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.
  3. Industrielle Dienstleistungsgesellschaft: Steigende Produktivität und Wirtschaftswachstum sowie andere Faktoren des soziokulturellen Wandels verlagern das Schwergewicht von Beschäftigung und Wertschöpfung zunehmend vom primären und sekundären auf den tertiären Produktionssektor, wobei ein großer Teil der Dienstleistungen direkt oder indirekt auf die Güterproduktion bezogen ist. (Mit dem technischen Fortschritt ist eine Gewichtsverschiebung der drei Produktionssektoren einhergegangen: Waren zu früheren Zeiten die Menschen überwiegend in der Landwirtschaft und seit der Industrialisierung im verarbeitenden Gewerbe tätig, so bindet heute insbesondere der Dienstleistungssektor Arbeitskraft an sich.)
  4. Umschichtung nach oben und höhere Aufwärtsmobilität, aber fortbestehende Mobilitätsbarrieren: Bildungsexpansion und Tertiärisierung gehen einher mit einer Umschichtung nach oben: die Zahl der mittleren und höheren Positionen nimmt zu, die der unteren Positionen nimmt ab. Die Expansion in den mittleren und oberen Bereichen des Positionsgefüges übt eine Sogwirkung auf Teile der mittleren und unteren Schichten aus und erhöht deren Aufstiegschancen sowie die Aufwärtsmobilität und vergrößert die dabei zurückgelegten Mobilitätsdistanzen, ohne dass dabei die Abstiegsgefahren für höhere Schichten in gleichem Umfang zunehmen. Schichtspezifische Mobilitätsbarrieren bestehen jedoch in erheblichem Umfang fort.
  5. Lockerung und Pluralisierung, aber keine Auflösung des Schichtgefüges: Vielfältige soziokulturelle Veränderungen (insbesondere Pluralisierung, Individualisierung, steigende Mobilität) lockern die Zusammenhänge von Soziallagen und Subkulturen/Lebenschancen, lösen jedoch die Schichten nicht auf.
  6. Pluralistische Funktionseliten mit eingeschränkter Macht: Der ´strukturierte Pluralismus’ von Teileliten mit pluralistisch und teilweise auch demokratisch beschränkter Macht in verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereichen ist Ausdruck der funktionalen Differenzierung und relativen Autonomie der verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche.
  7. Vertikale soziale Ungleichheiten: Schichtspezifisch ungleiche Lebenschancen, unter anderem im Hinblick auf Einkommen, Vermögen und Bildung, bleiben erhalten - teils verkleinert, teils unverändert, teils aber auch vergrößert. Da gleichzeitig das durchschnittliche Niveau des Lebensstandards der Qualifikation erheblich ansteigt, verlieren sie an gesellschaftspolitischer Brisanz. Ein gewisses, nicht präzise bestimmbares Ausmaß sozialer Ungleichheit ist eine Voraussetzung für die sozioökonomische Leistungskraft und Wohlstandsdynamik der Gesellschaft.
  8. Dynamische, sozial zersplitterte Randschichten bzw. 85-%-Gesellschaft: Der steigende Wohlstand konnte die Randschicht derjenigen, die an oder unter der relativen Armutsgrenze leben müssen und nicht angemessen am Leben der Kerngesellschaft teilnehmen können, nicht beseitigen. Seit zwei Jahrzehnten breitet sich Armut wieder zunehmend aus. Als Risikofaktor für das Abgleiten in die Armut gewinnt insbesondere die strukturelle Arbeitmarktkrise an Bedeutung, die den marktwirtschaftlichen Weg in die Moderne begleitet. ´Moderne Armut’ wird durch eine wachsende Armutskluft erschwert und eine bescheidene Teilhabe am Wohlstandsanstieg sowie durch hohe Fluktuation über die Armutsgrenze hinweg (Randschichtendasein auf Zeit) erleichtert. Eine zweite, stark fragmentierte Randschicht von ethnischen Minderheiten, die sich immer mehr von ´Gastarbeitern’ in ´Einwanderer’ verwandeln und vor erheblichen Integrationsproblemen stehen, entstand seit den 60er Jahren. Durch starke Zersplitterung, hohe Fluktuation sowie Tendenzen zur Isolation und Apathie entwickeln die Randschichten keine eigenständige politische Kraft.
  9. Verringerung der sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern: Während vertikale Ungleichheiten Bestand haben, verringern sich geschlechtsspezifische Ungleichheiten zunehmend - insbesondere im Bildungswesen, aber auch in Arbeitswelt und Politik, am wenigsten in der Familie. Die reduzierten Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern rücken allerdings stärker ins Bewusstsein einer sensibilisierten Öffentlichkeit.
  10. Durchsetzung und Verlust des Monopols der bürgerlichen Familie sowie Lockerung und Differenzierung der Formen des privaten Zusammenlebens: Die Wohlstandsgesellschaft schuf die materiellen Voraussetzungen zur endgültigen Ausbreitung der bürgerlichen Familie in allen Schichten. Diese erhält seit den 60er Jahren zunehmend Konkurrenz durch andere Varianten des privaten Zusammenlebens, bleibt jedoch weiterhin Leitbild für die Mehrheit der Bevölkerung - allerdings in einer ´verkleinerten’ und ´gelockerten’ Form: die Zahl der Kinder nimmt ab, Kinder erlangen eine größere Selbstständigkeit gegenüber den Eltern, die Fixierung der Frau auf die Familie lockert sich, starre Formen des familialen Zusammenhalts verwandeln sich in ´ein bewegliches Gehäuse mit kündigungsbereiten Mitgliedern’.
  11. Geburtenrückgang - steigende Lebenserwartungen - Alterung: Niedrige Geburtenziffern und steigende Lebenserwartungen sind die charakteristischen Kennzeichen der natürlichen Bevölkerungsentwicklung im Zuge der Modernisierung. Sie lassen die Bevölkerung demographisch altern, machen einen Umbau der sozialen Sicherungssysteme notwendig und erzeugen einen langfristigen Bedarf an Arbeitsmigranten.
  12. Multiethnische Gesellschaft: Das hohe Wohlstands- und Gratifikationsniveau übt eine Sogwirkung auf die Menschen in Gesellschaften mit schlechteren Lebensbedingungen aus. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, die negativen Folgen der natürlichen Bevölkerungsbewegung durch Einwanderungen zu mildern. Eine monoethnische Gesellschaft verwandelt sich nach und nach in eine multiethnische Gesellschaft - in eine Einwanderungsgesellschaft modernen Typs."

Was ist sozialer Wandel?
Begriffsdefinitionen und Überblick über theoretische Erklärungsansätze


Sozialer Wandel ist eines der "Ur-Themen" sozialwissenschaftlicher Theorie und Empirie. Schon immer wollte man wissen, wie und warum sich gesellschaftliche Strukturen verändern und inwiefern man Richtung und Geschwindigkeit der Veränderungen voraussagen kann. In der Mitte des 20. Jahrhunderts verlor die Soziologie unter dem beherrschenden Einfluss des so genannten strukturfunktionalistischen Paradigmas die Frage des sozialen Wandels eine Zeitlang aus den Augen. Spätestens seit den 70er Jahren hat das Thema aber wieder Konjunktur und nun streiten Modernisierungstheoretiker, (Neo-)Marxisten und einige mehr darum, wer die "besten" Modelle und Erklärungen sozialen Wandels parat hat.

In diesem Bereich unseres Informationsangebotes dokumentieren wir einige Ansichten darüber, wie der Begriff "sozialer Wandel" am sinnvollsten zu definieren ist. Dabei dürfte deutlich werden, dass es zum einen eine große Vielfalt möglicher Begriffsklärungen gibt, von denen keine beanspruchen kann, "richtiger" als die anderen zu sein. Zum anderen kristallisiert sich aus der Fülle der Definitionen doch ein gewisser Kern, den man als kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnen kann: Von sozialem Wandel spricht man im Allgemeinen dann, wenn sich gesellschaftliche Strukturen verändern.

Während der Rest unseres Informationsangebotes darauf ausgerichtet ist, konkrete Daten, Fakten und Prognosen zur Entwicklung verschiedener sozialstruktureller Bereiche zu liefern, soll hier auch zumindest ein grober Überblick darüber gegeben werden, welche Ansprüche an eine Theorie sozialen Wandels zu stellen sind und welche Arten von Erklärungsansätzen bisher diskutiert werden.


Eine alternde Gesellschaft
Die Entwicklung der Bevölkerung


In diesem Bereich unseres Angebotes zum Thema sozialer Wandel werden zentrale Befunde zur bisherigen und zukünftigen Entwicklung von Bevölkerungsprozessen dokumentiert sowie weiterführende Literatur und Internetseiten vorgestellt.

Die Bevölkerung ist das Grundelement der Sozialstruktur. Unter ihr versteht man die Gesamtzahl der Einwohner innerhalb eines abgrenzbaren Gebietes.

Auf die Größe einer Bevölkerung haben genau drei Prozesse einen Einfluss: Geburten und Sterbefälle sowie Außenwanderungen. Obwohl die Geburtenrate in Deutschland seit Jahrzehnten sehr niedrig ist, kam es bisher nicht zu einem deutlichen Bevölkerungsrückgang, weil erstens die Lebenserwartung der Einwohner gestiegen ist und zweitens regelmäßig mehr Menschen nach Deutschland ein- als auswandern. Für die Zukunft ist in Deutschland allerdings eine deutliche quantitative Abnahme der Bevölkerung zu erwarten. Dies betrifft die neuen Bundesländer besonders stark, da die Geburtenrate dort besonders niedrig und ein Ende der Binnenwanderungen von Ost nach West nicht abzusehen ist. Gleichzeitig ist eine massive Verschiebung der Altersstruktur zu erwarten - der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung steigt, während immer weniger Junge nachrücken.

Zur Liste weiterführender Links und Literatur

Dokumentation zentraler Befunde zur Bevölkerung:
Die Entwicklung von Geburten und Sterbefällen
Lebenserwartung und Alterung
Wanderungen über die Grenzen Deutschlands
Wanderungen innerhalb Deutschlands
Langfristige Trends der Bevölkerungsentwicklung


Vielfältige Lebensformen
Die Entwicklung von Familien und Haushalten


Der Begriff der Lebensformen bezeichnet die verschiedenen Arten unmittelbaren Zusammenlebens von Menschen. Eine Lebensform ist die Zwei-Eltern-Familie ebenso wie die Ein-Eltern-Familie, das kinderlose Paar mit oder ohne Trauschein usw. Auch Arten des Nicht-Zusammenlebens, beispielsweise als Single, bezeichnet man als Lebensformen.

Eine häufig diskutierte Frage in Zusammenhang mit den Lebensformen ist die nach der Zukunft der "traditionellen" Familie - zwei miteinander verheiratete Eltern mit gemeinsamen Kindern. Ist diese Art des Lebensentwurfs nur noch eine neben vielen anderen gleichberechtigten Möglichkeiten? Wird sie gar zum Randphänomen? Oder bleibt sie doch die dominierende Lebensform, die ein Großteil der Gesellschaftsmitglieder anstrebt und früher oder später im Laufe ihres Lebens verwirklicht?

Man kann sich dieser Frage annähern, indem man die Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrachtet. Die Zahl der Ehen und Scheidungen gibt darüber Auskunft, ob und wie sich die Neigung zum Heiraten geändert hat und wie dauerhaft die Partnerschaften sind, die durch die Ehe fixiert wurden.

Genauso interessant ist die Bestandsaufnahme der verschiedenen Lebensformen und ihrer Verbreitung, die wir unterteilt haben nach familialen Lebensformen und nicht-familialen Lebensformen. Das Unterscheidungsmerkmal ist dabei das Vorhandensein von Kindern - der Soziologe redet immer dann von Familie, wenn mindestens ein Erwachsener und mindestens ein von diesem versorgtes Kind in die Lebensform involviert sind. Eine allein erziehende Mutter und ihr Kind sind in diesem Sinne eine Familie, ein kinderloses Ehepaar hingegen nicht.

Eng mit der Lebensform verbunden - allerdings nicht mit ihr identisch - ist der Haushalt. Einen Privathaushalt bilden Menschen, die in einer gemeinsamen Wohnung leben und gemeinsam wirtschaften. Mit einigen Textauszügen informieren wir darüber, wie sich die Privathaushalte - u. a. in Hinblick auf ihre durchschnittliche Größe - entwickelt haben.

Zur Liste weiterführender Links und Literatur

Dokumentation zentraler Befunde zu Familien und Haushalten:
Privathaushalte
Ehen und Scheidungen
Familiale Lebensformen
Nicht-familiale Lebensformen


Mehr Bildung für alle
Bildungsbeteiligung und Chancengleichheit im Wandel


Die Bedeutung von Bildung ist im Laufe der vergangenen 150 Jahre beständig gestiegen. Immer länger wird die Zeit, die junge Menschen in Schulen und Hochschulen verbringen, immer mehr wird - sogar in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte - in die Bildung investiert und immer wichtiger wird die Bildung als Kriterium dafür, wer es in der Gesellschaft "zu etwas bringt" und wer nicht.

Dass es das Phänomen, das man als Expansion der Bildung beschreibt, gibt, kann wohl niemand ernsthaft bestreiten. Der Anteil der höher Gebildeten steigt von Generation zu Generation und zwar alle sozialen Schichten übergreifend. Insofern kann man sagen, dass die absoluten Bildungschancen für alle gewachsen sind.

Eine andere Frage ist jedoch, ob mit den für alle verbesserten Bildungschancen auch die Unterschiede zwischen verschiedenen sozialen Gruppierungen geringer geworden sind. Haben zum Beispiel die Arbeiterkinder gegenüber den Beamtenkindern aufgeholt oder hat sich die herkunftsbedingte Benachteiligung bei den Bildungschancen auf insgesamt höherem Niveau reproduziert? Die gleiche Frage muss man bezüglich des Zusammenhanges von Geschlecht und Bildungschancen stellen: Haben Frauen die Jahrhunderte währende Schlechterstellung überwunden? Wie die auf diesen Seiten dokumentierten Informationen zeigen, lässt sich die letztere der beiden Fragen aus Sicht der Chancengleichheit positiv beantworten, die erste nicht.

Zur Liste weiterführender Links und Literatur

Dokumentation zentraler Befunde zur Bildung:
Expansion der Bildung
Aktuelle Entwicklung
Künftiger Bedarf an Bildung
Geschlecht und Bildungschancen
Herkunft und Bildungschancen


Arbeit als knappes Gut
Die Entwicklung der Erwerbstätigkeit


Die Erwerbstätigkeit ist der zentrale Schlüssel zu materiellem Erfolg und Ansehen in der modernen Gesellschaft. Dies scheint zunächst verwunderlich angesichts der Tatsache, dass nur jeder vierte Bundesbürger seinen Lebensunterhalt in erster Linie aus eigener Erwerbstätigkeit bestreitet. Nimmt man allerdings die Quoten derer hinzu, die von der Erwerbstätigkeit ihrer Angehörigen oder von Bezügen auf Grund früherer Erwerbstätigkeit (Renten, Pensionen) leben, so offenbart sich, dass Wohl und Wehe von weit über 90 Prozent der Bevölkerung von der Erwerbstätigkeit abhängen.

Wie die auf unseren Seiten dokumentierten Informationen zeigen, hat es bei der Erwerbsbeteiligung einen starken Wandel gegeben. Erstens sind Frauen heute weitaus häufiger erwerbstätig als noch vor wenigen Jahrzehnten. Zweitens steigt die Zahl der Menschen im Rentenalter. Drittens, und dies ist die von der Öffentlichkeit meistbeachtete Veränderung, gibt es heute ein Maß an Arbeitslosigkeit in Deutschland, wie man es seit den 50er Jahren bis in die 80er Jahre hinein nicht kannte.

Neben der Frage, wer überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachgeht, ist auch interessant, in welchen Bereichen der Wirtschaft die Menschen in Deutschland arbeiten. Eine populäre Klassifikation, anhand derer man diese Frage beantworten kann, ist das Modell der drei Wirtschaftssektoren.

Schließlich interessiert noch die Frage, unter welchen Verhältnissen in Deutschland gearbeitet wird. Dies betrifft sowohl die Frage nach den regelmäßigen Arbeitszeiten als auch die nach unterschiedlichen Beschäftigungsformen wie Vollzeiterwerbstätigkeit, Teilzeitarbeit, Scheinselbstständigkeit usw.

Und: Wie sieht eigentlich die Zukunft der Arbeit aus?

Zur Liste weiterführender Links und Literatur

Dokumentation zentraler Befunde zur Erwerbstätigkeit:
Erwerbsbeteiligung
Arbeitslosigkeit
Beschäftigung nach Sektoren
Arbeitsverhältnisse
Die Zukunft der Arbeit


Ungleicher Wohlstand
Die Entwicklung der Verteilung von Einkommen und Vermögen


Unabhängig von der in der Öffentlichkeit verbreiteten Krisenstimmung ist Deutschland nach wie vor eines der wohlhabendsten Länder der Erde. Die Einkommen der Erwerbstätigen und die damit verbundene Kaufkraft gehören im internationalen Vergleich ebenso zur Spitzengruppe wie die sozialen Netze, die den Einzelnen absichern.

Das alles sagt jedoch nichts darüber aus, wie gleichmäßig der vorhandene Wohlstand unter den Einwohnern verteilt ist. Wie die von uns dokumentierten Informationen zeigen, sind die Einkommen etwas gleicher verteilt als die Vermögen. Das verwundert nicht, da Vermögen die Eigenschaft hat, sich durch Wertzuwachs von selbst zu vermehren und zudem im Gegensatz zu den Einkommen nicht besteuert wird.

Dank der sozialen Sicherungssysteme ist absolute Armut, also die unmittelbare Bedrohung, auf Grund ungünstiger Lebensverhältnisse an Hunger oder Kälte zu sterben, in Deutschland kein Thema. Relative Armut jedoch, also ein deutliches Zurückbleiben hinter Lebensstandards, die in der Gesellschaft als Minimum angesehen werden, gibt es auch in Deutschland. Die von uns dokumentierten Textauszüge und Grafiken informieren darüber, wie viele Menschen in Deutschland man in diesem Sinne als arm bezeichnen muss.

Während das Phänomen Armut in den Sozialwissenschaften als relativ gut erforscht gilt, ist Reichtum ein bisher nur wenig erkundetes Feld. Deshalb kann zu diesem Thema auch nicht mehr als ein grober Einblick gewährt werden, der mit dem Problem behaftet ist, dass sich die wirklich großen Einkommen und Vermögen einer Bestandsaufnahme durch die üblichen Erhebungsformen weitgehend entziehen.

Zur Liste weiterführender Links und Literatur

Dokumentation zentraler Befunde zur Verteilung des Wohlstandes:
Einkommen
Vermögen
Armut
Reichtum


Aufsteiger und Absteiger
Soziale Mobilität in Deutschland


Über die Frage, ob soziale Ungleichheit ein Problem, eine Notwendigkeit oder sogar wünschenswert ist, lässt sich trefflich (und in der Regel ohne handfestes "Ergebnis") streiten. Je nach dem grundsätzlichen Weltbild des Betrachters gehen die Meinungen hier weit auseinander. Weniger umstritten ist die Berechtigung der Wertvorstellung von einer offenen Gesellschaft. Über fast alle Weltbilder und Ideologien hinweg herrscht heute Konsens darüber, dass es wünschenswert ist, wenn jeder die Chance hat, Schicht- und sonstige Grenzen überschreitend seinen Fähigkeiten und Leistungen entsprechend aufzusteigen.

Die Offenheit für soziale Mobilität ist also eine verbreitete Vorstellung vom Wünschenswerten in der modernen Gesellschaft. Eine andere Frage ist, inwiefern eine konkrete Sozialstruktur dieser Vorstellung entspricht.

Der Fokus liegt hier auf der vertikalen sozialen Mobilität, das heißt auf solche Prozesse, die für den Betroffenen einen Auf- oder Abstieg innerhalb des sozialen Gefüges bedeuten. Dies setzt voraus, dass man die Gesellschaft im Sinne von Klassen- oder Schichtmodellen als hierarchisch gegliedert auffasst. Um diesen Bezugsrahmen deutlich zu machen, dokumentieren wir einige Texte, die die zentralen Charakteristiken und Unterschiede solcher Konzepte herausstellen.

Bei der Beschäftigung mit sozialer Mobilität unterscheidet man zwischen Generationenmobilität (auch intergenerationelle Mobilität) und Karrieremobilität (auch intragenerationelle Mobilität). Von Generationenmobilität spricht man dann, wenn Personen im Vergleich mit der (Berufs-, Bildungs- usw.) Position ihrer Eltern einen Auf- oder Abstieg innerhalb des sozialen Gefüges erleben. Karrieremobilität meint hingegen Auf- und Abstiegsprozesse im Laufe der eigenen Biographie, also in Bezug auf soziale Positionen, die man selbst schon einmal inne hatte.

Zur Liste weiterführender Links und Literatur

Dokumentation zentraler Befunde zu sozialer Mobilität:
Klassen und Schichten
Generationenmobilität
Karrieremobilität


Wandel in den Köpfen
Lebensstile, Werte, Einstellungen und Religion


Der größte Teil der Informationen, die wir auf unseren Seiten zum sozialen Wandel anbieten, behandelt mehr oder weniger "objektive" Lebensbedingungen. In diesem Bereich wollen wir einen anderen Aspekt sozialen Wandels behandeln, indem wir Erkenntnisse zum Denken und Verhalten der Menschen in Deutschland dokumentieren.

Modelle von Lebensstilen und Milieus stellen eine Alternative zu herkömmlichen Klassen- und Schichtkonzepten dar. Im Gegensatz zu diesen stellen sie nicht die äußeren Bedingungen, sondern die inneren Haltungen in den Mittelpunkt der Kategorisierung.

Innere Haltungen, die psychologisch tief verankert und in vielen Lebensbereichen wirksam sind, nennt man Werte. Obwohl Werte als Grunddispositionen definiert sind, die sich nur sehr langsam verändern, ist auch hier ein Wandel zu beobachten. Einige Werte nehmen an Wichtigkeit zu, andere verlieren Bedeutung - ob man dies positiv als eine Weiterentwicklung sieht oder negativ als einen moralischen Verfall, ist eine normative Frage und wissenschaftlich nicht zu begründen.

Schneller als Werte verändern sich politische Einstellungen. In den vergangenen Jahrzehnten ist vor allem ein Abnehmen fester Bindungen an bestimmte Parteien zu beobachten. Damit in Zusammenhang steht die Beobachtung, dass sich individuelle Wahlentscheidungen heute weitaus weniger treffsicher auf Grund äußerlicher Gegebenheiten wie zum Beispiel der Konfession vorhersagen lassen.

Generell lässt sich sagen, dass der Einfluss der Religion im privaten sowie im gesellschaftlichen Leben der Deutschen zunehmend an Bedeutung verliert. In Westdeutschland häuft sich die Zahl der Kirchenaustritte, in den neuen Bundesländern gehört ohnehin nur eine Minderheit der Bevölkerung einer Konfession an.

Zur Liste weiterführender Links und Literatur

Dokumentation zentraler Befunde zu Lebensstilen, Werten, Einstellungen und Religion:
Lebensstile und Milieus
Werte
Politische Einstellungen
Religiosität

Auszug aus: Statistisches Bundesamt 2002: Datenreport 2002, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 171ff.

"Die Bevölkerung in Deutschland gehört überwiegend einer der beiden christlichen Volkskirchen an, und zwar je zu knapp einem Drittel der katholischen und der evangelischen Konfession. Eine Minderheit von 2,5 % (rund 2 Mill.) bekennt sich zu anderen christlichen Gemeinschaften, z. B. zu einer orthodoxen Kirche oder zu einer evangelischen Freikirche. Ein weiteres knappes Drittel (32 %) der Bevölkerung gehört keiner oder einer nicht-christlichen Glaubensgemeinschaft an."
 


unsere zeit - Zeitung der DKP 18. Februar 2011

Zeiten sozialer Krisen und des Übergangs

Ära des Übergangs
Zur Diskussion über die "allgemeine Krise" des Kapitalismus
Von Hans-Peter Brenner (m
itwirkender Krankenpfleger der Chirurgischen Station und Medizinstudent einer im Ersten bzw. in den ARD laufenden Fernsehserie, die sich um die Belegschaft des Krankenhauses „Sachsenklinik“ in Leipzig dreht)

Finanz-, Währungs-, Umweltkrise, soziale Krisen wohin man blickt. Millionen Kinder, die jedes Jahr verhungern. Massenarbeitslosigkeit, Hunger, Armut auch in den Zentren des hochentwickelten Kapitalismus. Kriege wegen industriell verwertbarer, "seltener" oder für den Imperialismus unverzichtbarer Rohstoffe, aber auch um Wasser und Nahrung. Krise der Umwelt und des Klimas: Millionen versinken in den Fluten oder flüchten vor ungezügelten Bränden. Krise der Ethik und Moral. Vom Kapital geschürte Bürgerkriege zwischen Nationalitäten und Ethnien. - Dies alles legt nahe, dass der Kapitalismus sich in einer, wie bereits die Theoretiker der III. Internationale formulierten, "allgemeinen Krise" befindet. Es lohnt sich die Entwicklung dieser - oft völlig missverstandenen - These in Erinnerung zu rufen.

Epoche der Revolution

Für die marxistisch orientierte Arbeiterbewegung waren die Erschütterungen des imperialistischen 1. Weltkrieges nicht mit dem Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich bzw. Deutschland und Russland beendet. Die "revolutionäre Nachkriegskrise" war für die Kommunisten insgesamt eine Periode der größten Schwächung des kapitalistischen Systems. Die russische Oktoberrevolution war ihr wichtigstes Ergebnis. Im Gründungsmanifest der Kommunistischen Internationale wurde die Auffassung geäußert, dass nun die Epoche "des letzten entscheidenden Gefechts" eingeleitet sei und dass es jetzt nur noch darauf ankomme die Kräfte aller "revolutionären Parteien des Weltproletariats zu sammeln und dadurch den Sieg der kommunistischen Revolution zu erleichtern und zu beschleunigen." (In: Die Kommunistische Internationale. Auswahl von Dokumenten der Kommunistischen Internationale von der Gründung bis zum VI. Weltkongress, 1919-1927, Hrsg. Parteihochschule "Karl Marx" beim ZK der SED, S. 35) Weiter hieß es zur Charakterisierung der Tiefe der Systemkrise: "Heute steht die Verelendung vor uns, nicht nur die soziale, sondern die physiologische, die biologische in ihrer ganzen erschütternden Wirklichkeit." (ebenda, S. 37) Von einer "tödlichen Krisis des kapitalistischen Warenaustausches" infolge der "völligen Ausartung des Geldpapiers" war die Rede; das Finanzkapital habe sich selbst "vollends militarisiert" und die "Verstaatlichung des wirtschaftlichen Lebens" lasse nur noch ein Fazit zu: "Die Frage besteht einzig darin, wer künftig der Träger der verstaatlichten Produktion sein wird: der imperialistische Staat oder der Staat des siegreichen Proletariats." (ebenda, S. 38) Die beeindruckende Liste der damaligen Revolten, Aufstände und Revolutionen sowohl in den Zentren des Kapitals wie auch in den Kolonialländern macht deutlich, wie berechtigt die Einschätzung war, dass die Nachkriegsperiode der Auftakt einer allgemeinen Systemkrise der gesamten vom Kapitalismus beherrschten Welt markierte. Dies war kein bloßer "frommer Wunsch".

"Absterbender"Monopolkapitalismus

Wie bereits Lenin in seinem Grundsatzartikel zur Revision des Parteiprogramms der Bolschewiki im Oktober 1917 formulierte, weist das Stadium des staatsmonopolistischen Kapitalismus alle objektiven Bedingungen auf, die den Übergang zu einer sozialistischen Organisierung der Produktion auf die Tagesordnung setzen. Der Kapitalismus in diesem Stadium ist objektiv bereits ein "Auslaufmodell". Um mit Lenin zu sprechen: "Krieg und Zerrüttung zwingen alle Länder vom monopolistischen Kapitalismus zum staatsmonopolistischen Kapitalismus überzugehen. Das ist die objektive Lage. Aber in revolutionären Verhältnissen, in einer Revolution geht der staatsmonopolistische Kapitalismus unmittelbar in den Sozialismus über. Man kann in der Revolution nicht vorwärtsgehen, ohne zum Sozialismus zu schreiten - das ist die objektive, durch Krieg und Revolution geschaffene Lage." (LW 26, S. 157) Dabei war den verantwortlichen Kommunisten auch der Komintern-Periode bei aller zeitweise auch überschwänglichen Hoffnung auf den endgültigen revolutionären "Todesstoß" klar, dass trotz der "Überreife" des Kapitalismus es keinen automatischen Kollaps geben würde. "Wir wissen nicht, wie bald nach unserem Sieg die Revolution im Westen kommen wird. Wir wissen nicht, ob es nach unserem Sieg nicht noch vorübergehende Perioden der Reaktion und des Sieges der Konterrevolution geben wird - unmöglich ist das keineswegs ... Wir wissen das alles nicht und können es nicht wissen. Niemand kann das wissen." (ebenda, S. 138)

Kein automatischer Zusammenbruch

Verwiesen wurde damals immer wieder mit Recht auf die Vorbildwirkung der Oktoberrevolution, die mit der Errichtung und Stabilisierung der jungen Sowjetmacht und Sowjetunion zu einer neuen qualitativen Schwächung des Kapitalismus geführt hatte. So sprach Stalin - wie andere Komintern-Führer - anlässlich des 10. Jahrestags der Oktoberrevolution davon, dass diese "eine grundlegende Wendung im historischen Schicksal des Weltkapitalismus" sowie in der "Befreiungsbewegung des Weltproletariats" gebracht habe (ebenda, S. 215). Und weiter: "Die Ära der ´Stabilität´ des Kapitalismus ist vorbei, und mit ihr auch die Legende von der Unerschütterlichkeit der bürgerlichen Ordnung. Angebrochen ist die Ära des Zusammenbruchs des Kapitalismus." (ebenda, S. 221) "Angebrochen" sei die Ära; das ist etwas anderes als die Feststellung oder Behauptung vom "sofortigen" und/oder "unmittelbar bevorstehenden" Zusammenbruch des Kapitalismus. Die "allgemeine Krise" hat primär zu tun mit dem objektiven Maß der Vergesellschaftung der Produktion im hochentwickelten Monopolkapitalismus/Imperialismus und mit der qualitativ neuen Intensität der Verbindung zwischen Staat und Monopolen im staatsmonopolistischen Kapitalismus. Eugen Varga schrieb in der Sondernummer 7 der "Internationalen Presse-Korrespondenz" (Heft 43, 9. Mai 1931): "Für uns Marxisten ist es klar ... dass die gegenwärtige Wirtschaftskrise deshalb so tief und so allgemein ist, weil sie sich auf dem Boden der allgemeinen Krise des Kapitalismus abspielt." Und im Januar 1934 - also ein Jahr nach der Machtübertragung an den deutschen Faschismus - sprach Stalin im Zusammenhang mit einer Analyse der akuten industriellen Wirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern über deren "langwierigen Charakter". Er erklärte erneut, die "Hauptsache" sei, "dass sich die industrielle Krise auf der Basis der allgemeinen Krise des Kapitalismus (Hervorhebung durch mich - HPB) entwickelte in einer Zeit, wo der Kapitalismus sowohl in den Mutterländern als auch in den Kolonien und abhängigen Ländern nicht mehr jene Stärke und Festigkeit hat und haben kann, die er vor dem Kriege und der Oktoberrevolution hatte" (In: J. W. Stalin: "Fragen des Leninismus", S. 515).

Stalin warnte jedoch: "Manche Genossen glauben, dass die Bourgeoisie, da nun einmal die revolutionäre Krise da sei, in eine ausweglose Lage geraten müsse, ihr Ende also bereits vorausbestimmt, der Sieg der Revolution dadurch bereits gesichert sei, und dass sie bloß auf den Sturz der Bourgeoisie zu warten brauchen. Das ist ein schwerer Irrtum. Der Sieg der Revolution kommt nie von selbst. Man muss ihn vorbereiten und erkämpfen. Ihn vorbereiten und erkämpfen kann aber nur eine starke proletarische revolutionäre Partei. Es gibt Momente, wo die Lage revolutionär, die Macht der Bourgeoisie bis auf die Grundfesten erschüttert ist, der Sieg der Revolution aber dennoch nicht kommt, da keine revolutionäre Partei des Proletariats vorhanden ist, die genügend Stärke und Autorität besitzt, um die Massen zu führen und die Macht zu erobern. Es wäre unvernünftig zu glauben, dass solche Fälle nicht vorkommen können." (ebenda, S. 525 f.) Diese Warnung vor dem illusionären Glauben an einen allgemeinen Zerfallsautomatismus erfolgte zu Recht. Die Macht des Kapitals hatte sich in den kapitalistischen Hauptländern trotz massiver innerer Widersprüche noch als stabil genug erwiesen. Bei aller Überzeugung von der historischen - in diesem Sinne auch dauerhaften und "allgemeinen" - Krisenhaftigkeit des Kapitalismus als System, finden wir sowohl in der "Leninschen Etappe" wie auch in den Analysen der Komintern nicht die in der Periode der II. Internationale teilweise vorherrschende mechanistische Vorstellung vom "allgemeinen Kladderadatsch" (August Bebel) bzw. einem automatischen Kollaps, der mit "eiserner Naturnotwendigkeit" kommen werde.

Ausbrüche der immanenten Widersprüche

In welcher Beziehung stand die These Vargas und der Komintern von der "allgemeinen Krise" zur Marxschen Krisentheorie?

Die Marxsche Krisenanalyse und die Leninsche Imperialismustheorie führen unmittelbar an das Konzept der "allgemeinen Krise" heran. In seinen "Theorien über den Mehrwert" würdigte Marx die Auffassung des großen Schweizer Ökonomen Jean Charles Sismondi (1773-1842), der bereits wichtige für die Krisenabläufe verantwortlichen Widersprüche aufgespürt hatte. Die tendenziell ungebremste Ausweitung der Produktion bricht sich - so Sismondi - an der unzureichenden Fähigkeit der Masse der Produzenten mehr als nur das Notwendigste zu konsumieren; das sei ein dauerhafter immanenter Widerspruch dieser Produktionsweise.

Marx stimmte dem zu, führte diese Erkenntnis analytisch jedoch weiter fort. Im dritten Band des "Kapital" erläutert Marx dies später so: "Da nicht Befriedigung der Bedürfnisse, sondern Produktion von Profit Zweck des Kapitals, und da es diesen Zweck nur durch Methoden erreicht, die die Produktionsmasse nach der Stufenleiter der Produktion einrichten, nicht umgekehrt, so muss beständig ein Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten Dimensionen der Konsumtion auf kapitalistischer Basis und einer Produktion, die beständig über diese ihre immanente Schranke hinaus strebt." (MEW 25, S. 267) Der Widerspruch zwischen dem Hinaustreiben der Produktion über die ihr gesetzten Schranken und der begrenzten Konsumtionsfähigkeit der Massen ist - und hier unterscheidet sich die Analyse des Marxismus fundamental vom oberflächlichen Herangehen des späteren Keynesianismus, der auf dieser Ebene stehen bleibt - Ausdruck des grundlegenden Widerspruchs der kapitalistischen Produktionsweise, nämlich zwischen der gesellschaftlich organisierten Produktion und der privaten Aneignung und alleinigen Verfügung über die Produkte durch die Kapitalistenklasse. Dieser Grundwiderspruch drückt sich auch aus in dem Widerspruch zwischen der Organisiertheit der Produktion im einzelnen Unternehmen bzw. dem Konzern und der Anarchie auf dem Markt. Es geht also um Erscheinungsformen, wie Engels in seiner Arbeit "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" schreibt, eines noch grundlegenderen Widerspruchs: "In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der Warenumlauf ist momentan vernichtet: das Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis: alle Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt. Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht: Die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschweise." (MEW 19, S. 219)

Krise - Erholung - neue Krise

Lenin erinnerte im Zusammenhang mit den Debatten über das neue Parteiprogramm der Bolschewiki im März 1918 an eine grandiose Voraussage Friedrich Engels´. Engels sprach - und die Geschichte gab ihm Recht - davon, dass im Gefolge des Völkergemetzels des von ihm erwarteten großen Weltkrieges "die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen" würden "und niemand sich findet, der sie aufhebt". Nur "ein Resultat (ist) absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Sieges der Arbeiterklasse. - Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen seine unvermeidlichen Früchte trägt." (MEW 21, S. 351) Engels sprach hier von der politisch-militärischen tiefen Krise des gesamten Kapitalismus im Gefolge einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den europäischen kapitalistischen Großmächten. Die russische Oktoberrevolution, die deutsche Novemberrevolution, die zeitweilige Errichtung der ungarischen Räterepublik und die heftigen Klassenkämpfe in vielen europäischen Staaten im Gefolge des 1.Weltkrieges gaben ihm Recht. Nur wenige Monate später, im Mai 1888, verwies Engels auf einen anderen, dieses Mal ökonomischen Faktor, der die gesamte kapitalistische Produktionsweise, das gesamte kapitalistische System in eine unüberwindbare "Sackgasse" führt, in den sich ständig reproduzierenden Zyklus von Überproduktion und Unterkonsumtion der großen Massen. Dadurch gerate der Kapitalismus in eine allumfassende Systemkrise.

"Die Spaltung der Gesellschaft in zwei Klassen, Kapitalisten hier, Lohnarbeiter dort; erblicher Reichtum auf dieser, erbliche Armut auf jener Seite; Überschuss des Angebots über die Nachfrage, Unfähigkeit der Märkte, die stets wachsende Masse der Industrieprodukte aufzusaugen; ein stets wiederholter Kreislauf von Prosperität, Überproduktion, Krisis, Panik, chronischer Stauung und allmählicher Wiederbelebung des Geschäfts; diese letztere ein Anzeichen nicht dauernder Besserung, sondern bevorstehender erneuter Überproduktion und Krisis; in einem Wort, die gesellschaftlichen Produktivkräfte zu so riesigen Dimensionen heranwachsend, dass ihnen die gesellschaftlichen Institutionen, unter denen sie in Betrieb gesetzt worden, zu unerträglichen Fesseln werden. Nur eine mögliche Lösung: eine gesellschaftliche Umgestaltung, die die gesellschaftlichen Produktivkräfte von den Fesseln einer veralteten gesellschaftlichen Ordnung und die wirklichen Produzenten, das heißt die große Volksmasse, von der Lohnsklaverei befreit." (MEW 21, S. 362 f.) Was ist dies anderes als eine auf das Notwendige verknappte Darlegung der wichtigsten Merkmale des Krisenmechanismus im Kapitalismus, die ihn immer wieder und wieder in neue tiefe Krisen stürzt? Der von Marx und Engels analysierte Teufelskreis von "Krise _ Erholung _ neue Krise", der nur durch ein Überwinden der kapitalistisch verfassten Eigentums- und Machtverhältnisse durchbrochen werden kann, besagte nicht viel anderes als die spätere Rede von der "allgemeinen Krise" des Kapitalismus. Sie hatte ihren sinnfälligsten und deutlichsten Ausdruck vor allem im Sieg der Oktoberrevolution und der Errichtung der sozialistischen Arbeiter- und Bauernmacht in der Sowjetunion gefunden.

Subjektiver Faktor - die Organisationsfrage

Dass diese in den 90er Jahren so dramatisch von der historischen Bühne abtrat, führte natürlich zu gewaltigen Veränderungen der Existenzbedingungen des Kapitalismus. Die Krisenauswirkungen und -erscheinungen wurden modifiziert, ihre wesentlichen Mechanismen haben sich dadurch jedoch nicht geändert. (Siehe dazu das DKP-Parteiprogramm von 2006, Abschnitt "Imperialismus heute") Insofern werden auch künftig Krisen unterschiedlicher Dauer und Schwere die kapitalistische Produktionsweise erschüttern. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem es einen oder mehrere neue sozialistische Anläufe auch in den entwickelten kapitalistischen Ländern gibt.

Doch welche organisierte Kraft wird diesen Übergang von der "allgemeinen Krise" zu einer sozialistischen Alternative wagen und erkämpfen können? Wer oder was wird den geistig-moralisch-theoretischen "Input" dafür geben? Und - welche Organisationsform wird dafür gebraucht?

Ist es eine "Mosaik-Linke" aus "neuen politischen Subjekten und Bewegungen" jenseits des "vergilbten Arbeiterbewegungsmarxismus" (so Robert Kurz herablassend vor 20 Jahren in seinem "Kollaps der Moderne")? Oder wer oder was sonst?

Ich bin so keck und "orthodox", dass ich sage: Niemals wird dieser neue Anlauf klappen ohne eine selbstbewusste und kämpferische Arbeiterbewegung mit einer starken marxistisch-leninistischen Organisation - einer starken KP. Denn das, und genau das, gehört unverzichtbar zur Theorie von der "allgemeinen Krise" des Kapitalismus dazu.

Gekürzte Fassung des in der "jungen Welt"
am 12. 1. 2011
erschienenen Artikels


Nachsatz (Red.):

Die Diskussion zum Thema ist - wie sich zeigt - bei weitem nicht abgeschlossen.

Auch in unserer Diskussion ist unbestritten, dass die Unfähigkeit des Kapitalismus, die eigenen und die Probleme der Menschen regional und international zu lösen, systembedingt ist und sich die damit verbundenen ökonomischen, politischen, sozialen Widersprüche mit dem Übergang zum Monopolkapitalismus verschärft haben. Die Zerstörung der Umwelt hat eine neue Dimension erreicht. "Das kapitalistische Profitprinzip ist zu einer Gefahr für den Fortbestand der menschlichen Zivilisation geworden" (Programm der DKP).

Strittig bleibt dagegen erstens, ob der Begriff "allgemeine Krise", wie er seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der kommunistischen und Arbeiterbewegung benutzt wurde ausreicht, um die real heute vor sich gehenden ökonomischen wie aber auch politischen, kulturellen usw. Entwicklungen richtig widerzuspiegeln. Im Kleinen Politischen Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin 1983, wird die "allgemeine Krise" als "umfassende System- und Gesellschaftskrise des niedergehenden Kapitalismus" gekennzeichnet. "Die a. K. erfasst alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens: Ökonomie, Politik, Kultur, Ideologie, Moral usw. Sie umfasst jenen historischen Zeitabschnitt der Existenz des Kapitalismus, in dem sich der Prozess seines Niedergangs und seiner revolutionären Ablösung durch den Sozialismus und Kommunismus im Weltmaßstab gesetzmäßig vollzieht." (Ebenda) In der bisherigen Debatte wurden zweitens die politischen Wirkungen nach dem VI. Weltkongress der Komintern - als der Begriff der "allgemeinen Krise" in das Komintern-Programm aufgenommen wurde und es sich einbürgerte, große Etappen der "allgemeinen Krise" zu bestimmen -, die damit verbundenen Illusionen über vorhandene Entwicklungspotenziale des Kapitalismus sowie darauf beruhende politische Fehlentscheidungen in der kommunistischen und Arbeiterbewegung weitgehend ausgeklammert