Die katholische Soziallehre

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Die katholische Soziallehre geht (nach "Wikipedia) vom Grundgedanken eines Ordo Socialis (“Soziale Ordnung”) aus, also einer vernünftigen Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Je mehr Sozial-, Rechts- und Wirtschaftsordnung an die Prinzipien der Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit und des Gemeinwohls angenähert werden, umso mehr entspricht die politische oder wirtschaftliche Realität dem prinzipiell erreichbaren Ideal sozialer Gerechtigkeit. Die katholische Kirche hat zu allen Zeiten bestimmte Tugenden für das Zusammenleben der Menschen gelehrt. Darin findet sich auch der Ursprung der Lehre von „gottgewollter Ordnung“.

Die neuere Soziallehre kam mit der Enzyklika "Rerum novarum" von Papst Leo XIII. 1891 zum Durchbruch, v.a. unter dem Eindruck der unübersehbar negativen Auswirkungen der industriellen Revolution und der Verstädterung für die soziale Lage der Arbeiterschaft (Soziale Frage). Im Zusammenhang mit der lehramtlich bedeutsamen Hinwendung der katholischen Kirche zur Sozialtätigkeit in Staat und Gesellschaft verwies Papst Leo XIII. auf Bischof von Ketteler, auf den zusammen mit Adolph Kolping der institutionelle Ansatz der katholischen Sozialbewegung in Praxis und Theorie zurückgeführt wird.

Die Sozialethik ergibt sich – unter praktischer Anwendung philosophischer und theologischer Vorgaben – aus den oben genannten Prinzipien. Zur Gesamtschau der Lehrschriften der römisch-katholischen Kirche treten die Päpstlichen Lehrschreiben hinzu, die Sozialenzykliken:

  1. Rerum Novarum 1891
  2. Quadragesimo Anno 1931
  3. Mater et Magistra 1961
  4. Pacem in terris 1963
  5. Populorum Progressio 1967
  6. Laborem exercens 1981
  7. Sollicitudo Rei Socialis 1987
  8. Centesimus Annus 1991
  9. Caritas in veritate 2009

Papst Pius XII. (1939-1958) widmete der Soziallehre zwar keine eigene Enzyklika, traf jedoch bedeutende Entscheidungen (Hinwendung zur Demokratie, 1944) und hielt zahlreiche sozialethische Ansprachen (sog. "Soziale Summe" Pius XII.). Papst Paul VI. veröffentlichte zwar nur die Enzyklika von 1967, mit der er die Soziallehre in die Dimension der Globalisierung hob, verfasste jedoch 1971 noch den Apostolischen Brief Octogesima Adveniens und etliche kürzere Stellungnahmen zu sozialen und politischen Fragen. Insbesondere führte Paul VI. ein, dass der Neujahrstag in der katholischen Kirche seit 1968 zugleich als Hochfest der Gottesmutter Maria und als Weltfriedenstag gefeiert wird.

Die wohl größte Aufmerksamkeit in jüngerer Zeit erzielte die Friedensenzyklika "Pacem in terris" von Papst Johannes XXIII. im Jahre 1963.

Wie das heutige Lehramt (bestätigt durch Benedikt XVI.) argumentieren zahlreiche Vertreter der christlichen Gesellschaftslehre mit den Begriffen Vernunft und Naturrecht. Dieses philosophische Naturrechtsverständnis ergibt sich aus dem natürlichen Sittengesetz (lex naturalis) und hat nichts mit dem aufklärerischen Naturrechtsverständnis gemeinsam. Sie verfolgen einen Ansatz, indem sie von Erkenntnissen innerhalb der Philosophia perennis (Aristoteles, Albertus Magnus, Thomas von Aquin u.a.) ausgehen und von einem personalen Grundverständnis aus ethische Schlussfolgerungen ziehen, die aber auch an den Methoden und Erkenntnissen der modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu überprüfen sind. Ein Vertreter dieser Richtung ist z.B. Eberhard Schockenhoff. Historisch hat in dieser Weise sehr abgewogen Joseph Höffner (1906-1987) einen Vorlesungszyklus der Christlichen Sozialwissenschaften (Grundlegung, Sozial-, Wirtschafts-, Arbeits- und Berufs-, Staatsethik in Verbindung mit Soziologie, Sozialgeschichte, Sozialpsychologie, Ökonomik, Sozialpädagogik) konzipiert. Die späteren Lehrstuhlinhaber der Christlichen Gesellschaftslehre haben dieses umfassende Spektrum von Christlichen Sozialwissenschaften nicht mehr aufrechterhalten können. Auch wegen dieser wissenschaftlichen Verkürzung ist der Einfluss der Christlichen Gesellschaftslehre in Politik und Öffentlichkeit zurückgegangen.

Eine weitere Linie der christlichen Sozialethik (z.B. Franz Furger, Dietmar Mieth) versucht, diese im Dialog mit philosophischen Konzepten und den Humanwissenschaften zu entwickeln. Denn auch theologische Ethik müsse nach diesem Ansatz argumentativ zu nicht-theologischen Ethikkonzepten konkurrenzfähig und rezipierbar sein. Der systematische Ansatz der bei Thomas von Aquin verankerten Lehre vom „natürlichen Sittengesetz“ (lex naturae) blieb aber für Furger „doch bedenkenswert“. Von Seiten des Lehramts wurde diese Linie bislang jedoch kaum rezipiert, weil sie nicht hinreichend lang reflektiert wurde.

Prinzipien der katholischen Soziallehre sind traditionell Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität, deren Auslegung im Einzelfall stets größere Anstrengung erfordert als im politischen Alltagsgeschäft häufig zugebilligt wird. Von Personalität und der Gerechtigkeit wird man ebenso sprechen können. Hinzu kommen heute die Prinzipien der Nachhaltigkeit und der Option für die Armen, die ebenfalls in die Soziallehre integriert wurden. Über die Grenzen der Kirche hinaus wird der katholischen Soziallehre zugebilligt, dass sie sich überhaupt mit der ganzen Bandbreite des Zusammenlebens der Menschen unter übergeordneter Perspektive beschäftigt, sich also weder auf prophetische Agitation noch auf kurzfristige Tagesparolen einlässt. Daher wurden die „Väter“ der katholische Soziallehre von mehreren politischen Richtungen gern zitiert, z.B. der namhafte Jesuit Oswald von Nell-Breuning.

Wegen der in Deutschland geringer werdenden faktischen Relevanz des katholischen Bevölkerungssegments wird die katholische Soziallehre inzwischen aber weniger beachtet als in der unmittelbaren Nachkriegszeit der Bundesrepublik (1949–1969). In der Schweiz hat die katholische Sozialdoktrin keine nennenswerte Bedeutung gehabt, da dort die calvinistische Arbeitsethik und das Leistungsprinzip dominieren; in Österreich führten unangenehme Erinnerungen an den Austrofaschismus vor 1938, der fälschlich zum katholischen Modellstaat ausgerufen wurde, zu Vorbehalten. Trotzdem gewannen Sozialethiker wie Johannes Messner, Alfred Klose und Rudolf Weiler erheblichen Einfluss.

Im südafrikanischen Raum ist der katholischen Soziallehre wieder eine neue Rolle zugewachsen: Durch einen breiten gemeinschaftlichen Prozess für ein „Neues Simbabwe“ wird die ethische Instanz des Staates in der diktatorischen Herrschaft von Robert Mugabe in Simbabwe in Frage gestellt und die Staatspartei in eine neue Art von Auseinandersetzung gezwungen.

Dazugehörig:

Einzelnachweise

  1. Kirche und Arbeiterschaft (Beschluss der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland ), 1975, in „Texte zur katholischen Soziallehre I I, 2. Halbband“, Seite 1471, hrsg. vom Bundesverband der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), 1976 ( Kevelaer)
  2. Vgl. näher: Jung, Harald, Soziale Marktwirtschaft und Weltliche Ordnung, EThD Bd. 21, Berlin 2009

Alfred Müller-Armack (Alfred August Arnold Müller;) (* 28. Juni 1901 in Essen; † 16. März 1978 in Köln) war ein deutscher Nationalökonom, Kultursoziologe, Urheber des Begriffs und Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft (>hier< auf dieser Seite).Müller-Armack mitten im Bild

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

In den 1920er Jahren fügte er seinem Namen den Geburtsnamen seiner Mutter hinzu und veröffentlichte ab 1929 unter dem Namen „Müller-Armack“.

1933 trat er der NSDAP bei und veröffentlichte im gleichen Jahr seine Schrift Staatsidee und Wirtschaftsordnung im Neuen Reich, die dem Nationalsozialismus (>hier<) ideologisch nahestand. 1940 wurde er ordentlicher Professor und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo er Beratungsaufgaben für das NS-Regime und die Wehrmacht übernahm. In vertraulichen Gesprächskreisen der Wirtschaft, in denen man nicht unbedingt von einem totalen „Endsieg“ des Deutschen Reiches ausging und wo er auch auf Ludwig Erhard traf, arbeitete er an Konzepten für eine Wirtschaftsordnung nach dem Krieg. Ab 1943 wirkte er in Vreden-Ellewick, wohin seine Forschungsstelle für Allgemeine und Textile Marktwirtschaft ausgelagert worden war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er der CDU bei und entwarf 1946 in seinem Buch Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft (erschienen 1947) die Idee und den Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ (dabei schrieb er sozial stets mit großem „S“) als einer mit „sozialer Gerechtigkeit ... in einem komplementären Verhältnis“ stehenden Marktwirtschaft. Mit seiner Studie Das Jahrhundert ohne Gott versuchte er 1948 auch eine religionssoziologische Deutung des Nationalsozialismus, den er als Ersatzreligion in einer Zeit des Glaubensabfalls ansah.

Ab 1952 arbeitete er im Wirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard als Leiter der Grundsatzabteilung. Von 1958 bis 1963 war er Staatssekretär für Europäische Angelegenheiten. Müller-Armack war sowohl vom Neoliberalismus der Freiburger Schule als auch von der christlichen Soziallehre beeinflusst.[3]

1971 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel Auf dem Weg nach Europa. 1972 erhielt er den Ernst-Hellmut-Vits-Preis der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) in Münster.

Fortleben

Nach ihm ist der Müller-Armack-Preis benannt, der an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster seit 2002 an die besten Absolventen des Studienganges Volkswirtschaftslehre vergeben wird.

Der größte Hörsaal im Wiso-Gebäude der Universität zu Köln – der Hörsaal I – trägt den Namen Müller-Armack-Hörsaal. Das Berufskolleg Köln Zollstock trägt den Namen Alfred-Müller-Armack Berufskolleg - kurz AMA-Berufskolleg Köln.

Veröffentlichungen

  • Entwicklungsgesetze des Kapitalismus. Ökonomische, geschichtstheoretische und soziologische Studien zur modernen Wirtschaftsverfassung. Junker & Dünnhaupt, Berlin 1932
  • Staatsidee und Wirtschaftsordnung im Neuen Reich. Junker & Dünnhaupt, Berlin 1933
  • Genealogie der Wirtschaftsstile. Die geistesgeschichtlichen Ursprünge der Staats- und Wirtschaftsformen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Kohlhammer, Stuttgart 1941
  • Zur Diagnose unserer wirtschaftlichen Lage. Küster, Bielefeld 1947
  • Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft. Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik, Hamburg 1947; Kastell, München 1990, ISBN 3-924592-28-4 (auch in Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik enthalten)
    • Soziale Marktwirtschaft: Ökonomie als Instrument, nicht als Selbstzweck, Rezension von Thomas Strobl , Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. April 2009
  • Das Jahrhundert ohne Gott. Zur Kultursoziologie unserer Zeit. Regensberg, Münster 1948; Schmitt, Siegburg 2004, ISBN 3-87710-324-3
  • Diagnose unserer Gegenwart. Zur Bestimmung unseres geistesgeschichtlichen Standorts. Bertelsmann, Gütersloh 1949; 2. erweiterte Auflage: Haupt, Bern/Stuttgart 1981, ISBN 3-258-03023-5
  • Religion und Wirtschaft. Geistesgeschichtliche Hintergründe unserer europäischen Lebensform. Kohlhammer, Stuttgart 1959; Haupt, Bern/Stuttgart 1981, ISBN 3-258-03024-3
  • Studien zur sozialen Marktwirtschaft. Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln, 1960
  • Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik. Studien und Konzepte zur sozialen Marktwirtschaft und zur europäischen Integration. Rombach, Freiburg 1966; Haupt, Bern/Stuttgart 1976, ISBN 3-258-02515-0
  • Wirtschafts- und Finanzpolitik im Zeichen der sozialen Marktwirtschaft. Festgabe für Franz Etzel. Seewald, Stuttgart 1967
  • Auf dem Weg nach Europa. Erinnerungen und Ausblicke. Wunderlich, Tübingen 1971, ISBN 3-8052-0202-4
  • Genealogie der Sozialen Marktwirtschaft. Frühschriften und weiterführende Konzepte. Haupt, Bern/Stuttgart 1974, ISBN 3-258-01198-2; 2. erweiterte Auflage ebd. 1981, ISBN 3-258-03025-1 (versammelt Frühschriften 1945–1948 – außer Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft – sowie Beiträge zu den geistigen Grundlagen und zur Fortentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft von 1953 bis 1973)
  • Die zentrale Frage der Forschung. Die Einheit von Geistes- und Naturwissenschaften. In: ORDO. Bd. 28, 1975, S. 13-23.
  • Die Grundformel der Sozialen Marktwirtschaft. In: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.): Symposion I: Soziale Marktwirtschaft als nationale und internationale Ordnung. VErlag Bonn Aktuell, Bonn 1978, S. 9-18.

Literatur

  • Daniel Dietzfelbinger: Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsstil. Alfred Müller-Armacks Lebenswerk. Kaiser, Gütersloh 1998, ISBN 3-579-02617-8
  • ders.: Von der Religionssoziologie zur Sozialen Marktwirtschaft: Leben und Werk Alfred Müller-Armacks. In: Hanns-Seidel-Stiftung (Hrsg.): Politische Studien. 373, 51. Jahrgang, September/Oktober 2000, S 85–99 (.pdf-Datei)
  • Rolf Kowitz: Alfred Müller-Armack. Wirtschaftspolitik als Berufung. Zur Entstehungsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft und dem politischen Wirken des Hochschullehrers. Deutscher Instituts-Verlag, Köln 1998, ISBN 3-602-14440-2
  • Bernhard Löffler: Soziale Marktwirtschaft und administrative Praxis. Das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard. Steiner, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-07940-8
  • Friedrun Quaas: Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Verfremdung eines Konzepts. Haupt, Bern/Stuttgart/Wien 2000, ISBN 3-258-06012-6
  • Bertram Schefold: Vom Interventionsstaat zur sozialen Marktwirtschaft. Der Weg Alfred Müller-Armacks. Verlag Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 1999, ISBN 3-87881-135-7
Fest- und Gedenkschriften
  • Franz Greiss & Fritz W. Meyer (Hrsg.): Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Festgabe für Alfred Müller-Armack. Duncker & Humblot, Berlin 1961
  • Fritz W. Meyer & Hans Willgerodt (Hrsg.): Beiträge zur Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft. Festgabe für Alfred Müller-Armack. Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln, 1966
  • Christian Watrin & Hans Willgerodt (Hrsg.): Widersprüche der Kapitalismuskritik. Festschriften zum 75. Geburtstag von Alfred Müller-Armack. Haupt, Bern/Stuttgart 1976, ISBN 3-258-02567-3
  • Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.): Europa als Wertegemeinschaft. Wege und Irrwege. Zum 100. Geburtstag von Alfred Müller-Armack. Sinus-Verlag, Krefeld 2002, ISBN 3-88289-419-9

Weblinks

  • Commons: Alfred Müller-Armack – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Literatur von und über Alfred Müller-Armack im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Tabellarischer Lebenslauf von Alfred Müller-Armack im LeMO (DHM und HdG)
  • Alfred Müller-Armack – Nationalökonom und Soziologe, Kurzdarstellung von Silvio Schmidt auf der Website der Universität Frankfurt
  • Alfred Müller-Armack: Aufhebung eines natürlichen Trade-Offs oder Die Soziale Marktwirtschaft, Aufsatz von Malte Lindner auf der ECOCHRON-WebSuite zur Geschichte der Wirtschaftstheorie
  • Agenda: Soziale Marktwirtschaft aus der Klosterzelle – „Eine Spurensuche“ von Claus Hecking in der Financial Times Deutschland*, 23. Februar 2007
    * ein paar Sätze aus dem Schluss des Aufsatzes:

    Bundeskanzler Konrad Adenauer führt 1957 die umlagefinanzierte Rentenversicherung unter dem Label Soziale Marktwirtschaft ein - obwohl Erhards Ministerium heftig dagegen opponiert. Müller-Armack warnt vor einem "Gefälligkeitsstaat", der nicht mehr viel mit seinem Konzept zu tun habe. Doch seine Worte verhallen. Bis Mitte der 70er- Jahre schießt die Staatsquote von 32 auf 50 Prozent hoch, CDU wie SPD finanzieren die Wohltaten mit immer höheren Schulden.

    Müller-Armack hat schon 1963 den Dienst quittiert. "Er hat die Erdrosselung der Wirtschaftsaktivität durch das Sozialversicherungssystem beklagt", sagt Starbatty. Gegen Ende seines Lebens vergleicht der geistige Vater sein Ideal noch einmal mit der politischen Realität. "Was sich in den letzten Jahren in der Bundesrepublik vollzogen hat (...), ist das Vordringen des demokratischen Sozialismus", sagt er 1975. Stück für Stück würden "antimarktwirtschaftliche Elemente in unsere wirtschaftspolitische Umwelt eingeführt".

    Dazu gehörten die paritätische Mitbestimmung, Forderungen nach einer Kontrolle multinationaler Unternehmungen sowie die "Verteufelung des Gewinns ohne Einsicht in dessen ökonomische Funktion". Und 1977, wenige Monate vor seinem Tode, warnt er, "dass diese antimarktwirtschaftliche Grundhaltung" das System "zum permanenten Scheitern verurteilt".

    Als Alfred Müller-Armack am 16. März 1978 stirbt, nimmt die Öffentlichkeit davon kaum Notiz. Denn in jenen Tagen erscheinen keine Zeitungen: Die IG Druck streikt gerade. Für mehr soziale Absicherung.

Fußnoten

  1. Ralf Ptak: Vom Ordoliberalismus (eine Form des Neoliberalismus) zur sozialen Marktwirtschaft. Stationen des Neoliberalismus in Deutschland. Leske und Budrich, Opladen 2003, ISBN 3-8100-4111-4
  2. Friedrun Quaas: Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Verfremdung eines Konzepts. Haupt, Bern 2000, S- 55.
  3. Daniel Dietzfelbinger: Von der Religionssoziologie zur Sozialen Marktwirtschaft: Leben und Werk Alfred Müller-Armacks. In: Hanns-Seidel-Stiftung (Hrsg.): Politische Studien. 373, 51. Jahrgang, September/Oktober 2000, S 85–99.

Soziale Marktwirtschaft ist ein gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Leitbild mit dem Ziel, „auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft die freie Initiative mit einem gerade durch die wirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt zu verbinden“.

Das Leitbild verband Elemente des deutschen Neoliberalismus (Ordoliberalismus, Soziologischer Neoliberalismus) und der Christlichen Soziallehre. Die Bezeichnung Soziale Marktwirtschaft geht zurück auf Alfred Müller-Armack, der den Begriff als irenische Formel ansah, welche das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des sozialen Ausgleichs verbindet. Ludwig Erhard übernahm die Bezeichnung, auch wenn sie für ihn ein Pleonasmus war. Für ihn war der Markt an sich sozial und brauchte nicht erst sozial gemacht zu werden. Erhard erhob die von Walter Eucken formulierten Prinzipien einer marktwirtschaftlichen Wettbewerbsordnung zur Grundlage seiner Wirtschaftspolitik. Als weitere geistige „Gründerväter“ gelten Franz Böhm, Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke.

Die Soziale Marktwirtschaft wurde von einigen Autoren als „Dritter Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus bezeichnet, andere Autoren grenzen sie ausdrücklich von so genannten „Dritten Wegen“ ab. Der Begriff Soziale Marktwirtschaft hat sich als Bezeichnung für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs durchgesetzt und dabei „auch gegenüber Veränderungen im Ordnungsgefüge als beständig erwiesen. Da der Begriff keineswegs eindeutig und deshalb interpretationsbedürftig ist, kann sehr Verschiedenes unter Sozialer Marktwirtschaft verstanden werden.“ Soziale Marktwirtschaft wird wegen der Vieldeutigkeit oftmals als politisches Schlagwort angesehen. Der Begriff wurde – 1949-1966 und wieder 1982-1998 – zur Richtschnur der Regierungspolitik erhoben, die reale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entsprach den Prinzipien des Erhardschen Leitbildes nur annähernd. Die Soziale Marktwirtschaft wurde im Staatsvertrag von 1990 zwischen der Bundesrepublik und der DDR als gemeinsame Wirtschaftsordnung für die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vereinbart.