Urhorde
Aus: Sigmund Freud "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", Schriften über die Religion,
Fischer-Verlag, 480 ISBN 3-596-26300-X:
"Ich
(Freud) habe diese Behauptungen schon vor einem Vierteljahrhundert in meinem Buch
»Totem und Tabu« (1912) aufgestellt und brauche sie hier nur zu wiederholen. Die
Konstruktion geht von einer Angabe Ch. Darwins aus und bezieht eine Vermutung
von Atkinson ein. Sie besagt, daß in Urzeiten der Urmensch in kleinen Horden
lebte, jede unter der Herrschaft eines starken Männchens. Die Zeit ist nicht
angebbar, der Anschluß an die uns bekannten geologischen Epochen nicht erreicht,
wahrscheinlich hatte es jenes Menschenwesen in der Sprachentwicklung noch nicht
weit gebracht. Ein wesentliches Stück der Konstruktion ist die Annahme, daß die
zu beschreibenden Schicksale alle Urmenschen, also alle unsere Ahnen betroffen
haben.
Die Geschichte wird in großartiger Verdichtung erzählt, als ob sich ein einziges
Mal zugetragen hätte, was sich in Wirklichkeit über Jahrtausende erstreckt hat
und in dieser langen Zeit ungezählt oft wiederholt worden ist. Das starke
Männchen war Herr und Vater der ganzen Horde, unbeschränkt in seiner Macht, die
er gewalttätig gebrauchte. Alle weiblichen Wesen waren sein Eigentum, die Frauen
und Töchter der eigenen Horde, wie vielleicht auch die aus anderen Horden
geraubten. Das Schicksal der Söhne war ein hartes; wenn sie die Eifersucht des
Vaters erregten, wurden sie erschlagen oder kastriert oder ausgetrieben. Sie
waren darauf angewiesen, in kleinen Gemeinschaften zusammenzuleben und sich
Frauen durch Raub zu verschaffen, wo es dann dem einen oder anderen gelingen
konnte, sich zu einer ähnlichen Position emporzuarbeiten wie die des Vaters in
der Urhorde. Eine Ausnahmestellung ergab sich aus natürlichen Gründen für die
jüngsten Söhne, die durch die Liebe der Mütter geschützt aus dem Altern des
Vaters Vorteil ziehen und ihn nach seinem Ableben ersetzen konnten. Sowohl von
der Austreibung der älteren wie von der Bevorzugung der jüngsten Söhne glaubt
man Nachklänge in Sagen und Märchen zu erkennen. Der nächste entscheidende
Schritt zur Änderung dieserr ersten Art von »sozialer« Organisation soll gewesen
sein, daß die vertriebenen, in Gemeinschaft lebenden Brüder sich zusammentaten,
den Vater überwältigten und ihn nach der Sitte jener Zeiten roh verzehrten. An
diesem Kannibalismus braucht man keinen Anstoß zu nehmen, er ragt weit in
spätere Zeiten hinein. Wesentlich ist es aber, daß wir diesen Urmenschen die
nämlichen Gefühlseinstellungen zuschreiben, wie wir sie bei den Primitiven der
Gegenwart, unseren Kindern, durch analytische Erforschung feststellen können.
Also daß sie den Vater nicht nur haßten und fürchteten, sondern auch ihn als
Vorbild verehrten, und daß jeder sich in Wirklichkeit an seine Stelle setzen
wollte. Der kannibalistische* Akt wird dann verständlich als Versuch, sich durch
Einverleibung eines Stücks von ihm der Identifizierung mit ihm zu versichern."
Auf den Kannibalismus (Verzehr von
Menschenfleisch) wird ja sogar von Gott hingewiesen
>hier<. Es
muß also zu der Zeit, als die Bücher des Moses geschrieben worden sind,
Kannibalismus gegeben haben, sonst wären ja die Schreiber nicht auf eine solche
Idee gekommen. (bedarf jedoch näherer Untersuchung.)