Ein neuer Glaube

kann leicht gestiftet werden.

 

Leon Mann schreibt in seinem Buch "Sozialpsychologie" (>hier<) im Kapitel "6. Einstellungen" unter der Überschrift "Unbestätigte Erwartungen" folgende Begebenheit (wörtlich):

 

Eine Person kann sich psychologisch auf ein Ereignis vorbereitet haben, das niemals eintritt, oder noch schlimmer, sie kann sogar ihren Erwartungen öffentlich Ausdruck verliehen haben. Was geschieht, wenn eine wichtige Prophezeiung nicht eintritt und wenn Dissonanz dadurch entsteht, daß etwas anderes geschieht als vorausgesagt wurde, ist in der klassischen Felduntersuchung von Festinger, Riecken und Schachter (1956) beschrieben. Mitte der 50er Jahre erhielt die Hausfrau Marion Keech eine Reihe von Botschaften aus dem Weltraum. Die Aufmerksamkeit der Amerikaner und Kanadier wurde dadurch erregt, daß Mrs. Keech behauptete, in den Botschaften würde ihr zu verstehen gegeben, daß eine Flut drohe, die am 21. Dezember ganz Nordamerika überschwemmen würde. Die Publizität, die Mrs. Keech und ihren Botschaften geschenkt wurde, führte zu einer kleinen Gruppe von gläubigen Anhängern, unter ihnen auch Festinger, Riecken und Schachter, die die Gruppe infiltrierten, um festzustellen, wie Mrs. Keech am 22. Dezember reagieren würde.

 

Am 20. Dezember erhielt Mrs. Keech eine Botschaft, die sie darüber informierte, daß sie die Gruppe bereithalten solle, einen Besucher zu empfangen, der um Mitternacht käme und sie alle in einer fliegenden Untertasse in die Sicherheit des Weltalls transportieren solle. Es wurde Mitternacht, aber niemand erschien, während die Überschwemmung weniger als sieben Stunden bevorstand. Allmählich machte sich Verzweiflung und Verwirrung in der Gruppe breit, und Mrs. Keech brach zusammen und begann, bitterlich zu weinen. Die Botschaften wurden immer wieder gelesen, um festzustellen, ob nicht vielleicht ein wichtiger Hinweis übersehen worden war. Eine Erklärung nach der anderen über das Nichterscheinen des Besuchers wurde herangezogen und wieder verworfen. Dann, um 4.45 Uhr am Morgen, rief Mrs. Keech die Gruppe zusammen und kündigte an, daß sie eine Botschaft erhalten habe. Im Stile eines Propheten aus dem Alten Testament verkündete sie, daß Gott die Welt vor der Zerstörung gerettet habe, weil die Gruppe, die die ganze Nacht zusammen gesessen habe, so viel Licht verbreitet habe, daß dieses nun, und nicht Wasser, die Erde überflute.


Mrs. Keech meisterte die Dissonanz, die zwischen ihrer drastischen Prophezeiung und der trivialen Realität bestand, indem sie eine Rationaliserung lieferte. Aber sie mußte auch mit der starken Publizität fertig werden, die ihr durch die Massenmedien zuteil geworden war. Eine Möglichkeit, Dissonanz zu reduzieren, besteht darin, die Unterstützung anderer zu suchen; wenn andere soziale Unterstützung leisten, ist es dem Individuum eher möglich, sich selbst einzureden, daß sein Glaube richtig war. Mrs. Keech und ihre Anhänger, die vor dem Nichteintreten ihrer Prophezeiung den Massenmedien gegenüber eher schüchtern gewesen waren, wandelten sich nun zu unersättlichen Publizitätssuchern und unternahmen sogar aktive Bekehrungsversuche, um die Zahl der Unterstützenden zu vergrößern. Falls man sich versucht fühlen sollte, Mrs. Keechs unbestätigte Erwartungen ironisch zu belächeln, sei darauf, hingewiesen, daß auch Sozialpsychologen oft die Dissonanz unbestätigter Erwartungen ertragen müssen. Im Jahre 196o untersuchten Hardyck und Braden (1962) eine Gruppe „gläubiger" Evangelisten, die für den 15. August ein welterschütterndes atomares Unglück prophezeiten. Das Unglück trat zwar nicht ein, jedoch sucht die Gruppe für ihre Ansichten weder Publizität noch soziale Unterstützung. Andere Weltuntergangspropheten, die die Verbindung zur Realität völlig verloren haben, erleiden offensichtlich wenig Dissonanz, wenn sich ihre Erwartungen nicht erfüllen. Thomas Beverley, der Ende des 17. Jahrhunderts Rektor der Schule von Lilley in Hertfordshire, England, war, schien kognitiver Dissonanz gegenüber völlig immun. Im Jahre 1695 schrieb er ein Buch, in dem er angab, daß die Welt im Jahre 1697 untergehen werde. Im Jahre 1698 schrieb er erneut ein Buch, indem er beklagte, daß die Welt zwar im Jahre 1697 untergegangen sei, daß dies aber niemand bemerkt habe. Es ist klar, daß unbestätigte Erwartungen zu einer Reihe von Reaktionen führen können, die nicht alle auf die verminderte Dissonanz gerichtet sind. Es scheint, daß die guten Leute von Hertfordshire eine Schwäche für Prophezeiungen haben. Eine religiöse Gemeinschaft setzte am Montag, dem 9. Dezember 1968 eine Anzeige in die Zeitung, die wie folgt lautete:


„Die Welt naht sich endgültig am Mittwoch, dem 11. Dezember, genau gegen Mitternacht ihrem Ende. Nächsten Freitag wird ein vollständiger Bericht darüber in dieser Zeitung erscheinen ..."
 


 

>Hier< ausführlicher zu dem Experiment mit Analysen zum Beweis, daß ein einmal übernommener Glaube ganz, ganz selten aufgegeben wird, im Auszug aus dem Buch "When prophecy fails", Minneapolis, University of Minnesota Press, 1955, von Leon FESTINGER, Henry W. RIECKEN und Stanley SCHACHTER.