Weltethoserklärung
vom
Parlament der Weltreligionen
(1993)
>Hier< zu den
Artikeln des globalen Weltwirtschaftsethos
und
>hier< zur "Stiftung
Weltethos" und weiteren Informationen
Einführung
Der als »Einführung« bezeichnete Text wurde auf der Grundlage der in Tübingen
verfaßten, eigentlichen Erklärung (im folgenden mit »Prinzipien« überschrieben)
von einem Redaktionskomitee des »Council« des Parlaments der Weltreligionen in
Chicago erstellt. Er wollte - zu publizistischen Zwecken - eine knappe
Zusammenfassung der Erklärung bieten.
Die Welt liegt in Agonie. Diese Agonie Ist so durchdringend und bedrängend, daß
wir uns herausgefordert fühlen, ihre Erscheinungsformen zu benennen, so daß die
Tiefe unserer Besorgnis deutlich werden mag.
Der Friede entzieht sich uns - der Planet wird zerstört - Nachbarn leben in Angst
- Frauen und Männer sind entfremdet voneinander - Kinder sterben!
Das ist abscheulich!
Wir verurteilen den Mißbrauch der Ökosysteme unserer Erde.
Wir verurteilen die Armut, die Lebenschancen erstickt; den Hunger, der den
menschlichen Körper schwächt; die wirtschaftlichen Ungleichheiten, die so viele
Familien mit Ruin bedrohen.
Wir verurteilen die soziale Unordnung der Nationen, die Mißachtung der
Gerechtigkeit, welche Bürger an den Rand drängt, die Anarchie, welche in
unseren Gemeinden Platz greift, und den sinnlosen Tod von Kindern durch Gewalt.
Insbesondere verurteilen wir Aggression und Haß im Namen der Religion.
Diese Agonie (= Todeskampf) muß nicht sein.
Sie muß nicht sein, weil die Grundlage für ein Ethos bereits existiert. Dieses
Ethos bietet die Möglichkeit zu einer besseren individuellen und globalen
Ordnung und führt die Menschen weg von Verzweiflung und die Gesellschaften weg
vom Chaos ([griechisch: »die Kluft«], gemeint
ist: Auflösung aller Ordnung, völliges Durcheinander).
Wir sind Frauen und Männer, welche sich zu den Geboten und Praktiken der
Religionen der Welt bekennen:
Wir bekräftigen, daß sich in den Lehren der Religionen ein gemeinsamer Bestand
von Kernwerten findet und daß diese die Grundlage für ein Weltethos bilden
(>hier<
eine Aufzählung unter "Projekt Weltethos").
Wir bekräftigen, daß diese Wahrheit bereits bekannt ist, aber noch mit Herz und
Tat gelebt werden muß.
Wir bekräftigen, daß es eine unwiderrufbare, unbedingte Norm für alle Bereiche
des Lebens gibt, für Familien und Gemeinden, für Rassen, Nationen und
Religionen. Es gibt bereits uralte Richtlinien für menschliches herhalten, die
in den Lehren der Religionen der Welt gefunden werden können und welche die
Bedingung für eine dauerhafte Weltordnung sind.
Wir erklären:
Wir sind alle voneinander abhängig. Jeder von uns hängt vom Wohlergehen des
Ganzen ab. Deshalb haben wir Achtung vor der Gemeinschaft der Lebewesen, der
Menschen, Tiere und Pflanzen und haben Sorge für die Erhaltung der Erde, der
Luft, des Wassers und des Bodens.
Wir tragen die Individuelle Verantwortung für alles, was wir tun. All unsere
Entscheidungen, Handlungen und Unterlassungen haben Konsequenzen.
Wir müssen andere behandeln, wie wir von anderen behandelt werden wollen. Wir
verpflichten uns, Leben und Würde, Individualität und Verschiedenheit zu achten,
so, daß jede Person menschlich behandelt wird - und zwar ohne Ausnahme. Wir müssen
Geduld und Akzeptanz üben. Wir müssen fähig sein zu vergeben, indem wir von der
Vergangenheit lernen, aber es niemals zulassen, daß wir selber Gefangene der
Erinnerungen des Hasses bleiben. Indem wir unsere Herzen einander öffnen, müssen
wir unsere engstirnigen Streitigkeiten um der Sache der Weltgemeinschaft willen
begraben und so eine Kultur der Solidarität und gegenseitigen Verbundenheit
praktizieren.
Wir betrachten die Menschheit als unsere Familie. Wir müssen danach streben,
freundlich und großzügig zu sein. Wir dürfen nicht allein für uns selber leben,
müssen vielmehr auch anderen dienen und niemals die Kinder, die Alten, die
Armen, die Leidenden, die Behinderten, die Flüchtlinge und die Einsamen
vergessen. Niemand soll jemals als Bürger zweiter Klasse betrachtet oder
behandelt oder, in welcher Weise auch immer, ausgebeutet werden. Es sollte eine
gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Mann und Frau geben. Wir dürfen
keinerlei sexuelle Unmoral begehen. Wir müssen alle Formen der Herrschaft oder
des Mißbrauchs hinter uns lassen.
Wir verpflichten uns auf eine Kultur der
Gewaltlosigkeit, des Respekts, der Gerechtigkeit und des Friedens. Wir werden
keine anderen Menschen unterdrücken, schädigen, foltern, gar töten und auf
Gewalt als Mittel zum Austrag von Differenzen verzichten.
Wir müssen nach einer gerechten sozialen und ökonomischen Ordnung streben, in
der jeder die gleiche Chance erhält, seine vollen Möglichkeiten als Mensch
auszuschöpfen. Wir müssen in Wahrhaftigkeit sprechen und handeln sowie mit
Mitgefühl, indem wir mit allen in fairer Weise umgehen und Vorurteile und Haß
vermeiden. Wir dürfen nicht stehlen. Wir müssen vielmehr die Herrschaft der
Sucht nach Macht, Prestige (französisch: »Blendwerk«), Geld und Konsum überwinden, um eine gerechte und
friedvolle Welt zu schaffen.
Die Erde kann nicht zum Besseren verändert werden, wenn sich nicht das
Bewußtsein der Einzelnen zuerst ändert. Wir versprechen, unsere
Wahrnehmungsfähigkeit zu erweitern, indem wir unseren Geist disziplinieren durch
Meditation, Gebet oder positives Denken. Ohne Risiko und ohne Opferbereitschaft
kann es keine grundlegende Veränderung in unserer Situation geben. Deshalb
verpflichten wir uns auf dieses Weltethos, auf Verständnis füreinander und auf
sozialverträgliche, friedensfördernde und naturfreundliche Lebensformen.
Wir laden alle Menschen, ob religiös oder nicht, dazu ein, dasselbe zu tun.
DIE PRINZIPIEN EINES WELTETHOS
Unsere Welt geht durch eine fundamentale Krise: eine Krise der Weltwirtschaft,
der Weltökologie, der Weltpolitik. Überall beklagt man die Abwesenheit einer
großen Vision (der Verwirklichung eines Traumbildes, eines realisierbaren
prophetischen Zukunftsbildes), den erschreckenden Stau ungelöster Probleme, die politische
Lähmung, nur mittelmäßige politische Führung ohne viel Einsicht und Voraussicht
und allgemein zu wenig Sinn für das Gemeinwohl. Zu viele alte Antworten auf neue
Herausforderungen.
Hunderte Millionen von Menschen auf unserem Planeten leiden zunehmend unter
Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger und Zerstörung der Familien. Die Hoffnung auf
dauerhaften Frieden unter den Völkern schwindet wieder. Spannungen zwischen den
Geschlechtern und Generationen haben ein beängstigendes Ausmaß erreicht. Kinder
sterben, töten und werden getötet. Immer mehr Staaten werden durch
Korruptionsaffären in Politik und Wirtschaft erschüttert. Das friedliche
Zusammenleben in unseren Städten wird immer schwieriger durch soziale, rassische
und ethnische Konflikte, durch Drogenmißbrauch, organisiertes Verbrechen, ja
Anarchie (ánarchos »führerlos«, bedeutet:
Gesetzlosigkeit, aber die vorhandenen Gesetze reichen aus. Sie müssen nur
angewandt werden). Selbst Nachbarn leben oft in Angst. Unser Planet wird nach wie vor
rücksichtslos ausgeplündert. Ein Zusammenbruch der Ökosysteme droht.
(Ein Ökosystem ist - nach © 2003 Bibliographisches
Institut & F. A. Brockhaus AG - das Wirkungsgefüge zwischen Lebewesen
verschiedener Arten und ihrem Lebensraum, das aus den "Produzenten" [vor allem
grüner Pflanzen], den "Reduzenten" oder "Destruenten" [z.B. Bakterien] und
eventuell zwischen diesen eingeschalteten Konsumenten [Pflanzenfresser, Räuber]
besteht. Ökosysteme [z.B. Laubwald, Wattenmeer, Sandwüsten] sind offene Systeme.
Die natürlichen Stoffkreisläufe in einem Ökosystem sind ausgeglichen, sodass
sich ein dynamisches Gleichgewicht, ein so genanntes Fließgleichgewicht,
einstellt. Die Änderung einzelner Komponenten eines Ökosystems kann dessen
Balance empfindlich stören [z.B. Überdüngung von Gewässern] und, da Ökosysteme
immer in Beziehung zueinander stehen, auch das Gleichgewicht benachbarter
Ökosysteme beeinflussen.)
Immer wieder neu beobachten wir, wie an nicht wenigen Orten dieser Welt Führer
und Anhänger von Religionen Aggression, Fanatismus, Haß und Fremdenfeindlichkeit
schüren, ja sogar gewaltsame und blutige Auseinandersetzungen inspirieren und
legitimieren. Religion wird oft für rein machtpolitische Zwecke bis hin zum
Krieg mißbraucht. Das erfüllt uns mit Abscheu.
Wir verurteilen all diese Entwicklungen und erklären, daß dies nicht sein muß.
Es existiert bereits ein Ethos, das diesen verhängnisvollen globalen
Entwicklungen entgegenzusteuern vermag. Dieses Ethos bietet zwar keine direkten
Lösungen für all die immensen Weltprobleme, wohl aber die moralische Grundlage
für eine bessere individuelle und globale Ordnung: eine Vision, welche Frauen
und Männer von der Verzweiflung und der Gewaltbereitschaft und die
Gesellschaften weg vom Chaos zu führen vermag.
Wir sind Männer und Frauen, welche sich zu den Geboten und Praktiken der
Religionen der Welt bekennen. Wir bekräftigen, daß es bereits einen Konsens
unter den Religionen gibt, der die Grundlage für ein Weltethos bilden kann:
einen minimalen Grundkonsens bezüglich verbindender Werte, unverrückbarer
Maßstäbe und moralischer Grundhaltungen.
I. Keine neue Weltordnung ohne ein Weltethos
Wir. Männer und Frauen aus verschiedenen Religionen und Regionen dieser Erde.
wenden uns deshalb an alle Menschen: religiöse und nichtreligiöse. Wir wollen
unserer gemeinsamen Überzeugung Ausdruck verleihen:
• Wir alle haben eine Verantwortung für eine bessere Weltordnung.
• Unser Einsatz für die Menschenrechte (>hier<
und Menschenpflichten), für Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und
die Bewahrung der Erde ist unbedingt geboten.
• Unsere sehr verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen dürfen uns
nicht hindern, uns gemeinsam aktiv einzusetzen gegen alle Formen der
Unmenschlichkeit und für mehr Menschlichkeit.
• Die in dieser Erklärung ausgesprochenen Prinzipien können von allen Menschen
mit ethischen Überzeugungen - religiös begründet oder nicht - mitgetragen werden.
• Wir aber als religiöse und spirituell orientierte Menschen, die ihr Leben auf
eine Letzte Wirklichkeit gründen und aus ihr in Vertrauen, in Gebet oder
Meditation, in Wort oder Schweigen spirituelle Kraft und Hoffnung schöpfen,
haben eine ganz besondere Verpflichtung für das Wohl der gesamten Menschheit und
die Sorge um den Planeten Erde. Wir halten uns nicht für besser als andere
Menschen, aber wir vertrauen darauf, daß uns die uralte Weisheit unserer
Religionen Wege auch für die Zukunft zu weisen vermag.
Nach zwei Weltkriegen und dem Ende des Kalten Krieges, nach dem Zusammenbruch
von Faschismus und Nazismus und der Erschütterung von Kommunismus und
Kolonialismus ist die Menschheit in eine neue Phase ihrer Geschichte
eingetreten. Die Menschheit besäße heute genügend ökonomische, kulturelle und
geistige Ressourcen, um eine bessere Weltordnung heraufzuführen. Doch alte und
neue ethnische, nationale, soziale, wirtschaftliche und religiöse Spannungen
bedrohen den friedlichen Aufbau einer besseren Welt. Unsere Zeit erlebte zwar
größere wissenschaftliche und technische Fortschritte denn je. Und doch stehen
wir vor der Tatsache, daß weltweit Armut, Hunger, Kindersterben,
Arbeitslosigkeit, Verelendung und Naturzerstörung nicht geringer geworden sind,
ja zugenommen haben. Vielen Völkern droht der wirtschaftliche Ruin, die soziale
Demontage, die politische Marginalisierung
(Grenzüberschreitung), die ökologische Katastrophe, der
nationale Zusammenbruch.
In einer solch dramatischen Weltlage braucht die Menschheit nicht nur politische
Programme und Aktionen. Sie bedarf einer
Vision des friedlichen Zusammenlebens
der Völker, der ethnischen und ethischen Gruppierungen und der Religionen in
gemeinsamer Verantwortung für unseren Planeten Erde. Eine Vision beruht auf
Hoffnungen, auf Zielen, Idealen, Maßstäben. Diese aber sind vielen Menschen
überall auf der Welt abhanden gekommen. Und doch sind wir davon überzeugt:
Gerade die Religionen tragen trotz ihres Mißbrauchs und häufigen historischen
Versagens die Verantwortung dafür, daß solche Hoffnungen, Ziele, Ideale und
Maßstäbe wach gehalten, begründet und belebt werden können. Das gilt
insbesondere für moderne Staatswesen: Garantien für Gewissens- und
Religionsfreiheit sind notwendig, aber sie ersetzen nicht verbindende Werte,
Überzeugungen und Normen (>hier<), die für alle Menschen gelten, gleich welcher sozialen
Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, Sprache oder Religion.
Wir sind überzeugt von der fundamentalen Einheit der menschlichen Familie auf
unserem Planeten Erde. Wir rufen deshalb die Allgemeine Menschenrechtserklärung
der Vereinten Nationen von 1948 in Erinnerung. Was sie auf der Ebene des Rechts
feierlich proklamierte, das wollen wir hier vom Ethos her bestätigen und
vertiefen: die volle Realisierung der Unverfügbarkeit der menschlichen Person,
der unveräußerlichen Freiheit, der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen und
der notwendigen Solidarität und gegenseitigen Abhängigkeit aller Menschen
voneinander.
Aufgrund von persönlichen Lebenserfahrungen und der notvollen Geschichte unseres
Planeten haben wir gelernt,
• daß mit Gesetzen, Verordnungen und Konventionen allein eine bessere
Weltordnung nicht geschaffen oder gar erzwungen werden kann;
• daß die Verwirklichung von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Erde
abhängt von der Einsicht und Bereitschaft der Menschen, dem Recht Geltung zu
verschaffen;
• daß der Einsatz für Recht und Freiheit ein Bewußtsein für Verantwortung und
Pflichten voraussetzt und deshalb Kopf und Herz der Menschen angesprochen werden
müssen;
• daß das Recht ohne Sittlichkeit (mehr
>hier< im Rahmen der
Definitionen von Moral und Ethik) auf Dauer keinen Bestand hat und daß es
deshalb keine neue Weltordnung geben wird ohne ein Weltethos.
Mit Weltethos meinen wir keine neue Weltideologie, auch keine einheitliche
Weltreligion jenseits aller bestehenden Religionen, erst recht nicht die
Herrschaft einer Religion über alle anderen. Mit Weltethos meinen wir einen
Grundkonsens bezüglich bestehender verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe
und persönlicher Grundhaltungen. Ohne einen Grundkonsens im Ethos droht jeder
Gemeinschaft früher oder später das Chaos oder eine Diktatur, und einzelne
Menschen werden verzweifeln.
II. Grundforderung:
Leder Mensch muß menschlich behandelt werden
Wir sind allesamt fehlbare, unvollkommene Menschen mit Grenzen und Mängeln. Wir
wissen um die Wirklichkeit des Bösen. (>Hier<
eine Relativierung von "Gut und Böse".) Gerade deshalb aber fühlen wir uns um des
Wohles der Menschheit willen verpflichtet,
das auszusprechen, was Grundelemente eines gemeinsamen Ethos für die Menschheit
sein sollten - für die Einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaften und
Organisationen, für die Staaten ebenso wie für die Religionen selbst. Denn wir
vertrauen darauf: Unsere oft schon jahrtausendalten religiösen und ethischen
Traditionen enthalten genügend Elemente eines Ethos, die für alle Menschen guten
Willens, religiöse und nicht religiöse, einsichtig und lebbar sind.
Dabei ist uns bewußt: Unsere verschiedenen religiösen und ethischen Traditionen
begründen in oft sehr verschiedener Weise, was dem Menschen nützt oder schadet,
was recht oder was unrecht, was gut oder was böse ist. Die tiefgreifenden
Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen wollen wir nicht verwischen oder
ignorieren. Aber sie sollen uns nicht hindern, öffentlich zu proklamieren, was
uns bereits jetzt gemeinsam ist und wozu wir uns aufgrund unserer je eigenen
religiösen oder ethischen Grundlagen schon jetzt gemeinsam verpflichtet fühlen.
Uns ist bewußt: Religionen können die ökologischen, wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Probleme dieser Erde nicht lösen. Wohl aber können sie
das erreichen, was allein mit ökonomischen Plänen, politischen Programmen oder
juristischen Regelungen offensichtlich nicht erreichbar ist: die innere
Einstellung, die ganze Mentalität, eben das »Herz« des Menschen zu verändern
und ihn zu einer »Umkehr« von einem falschen Weg zu einer neuen
Lebenseinstellung zu bewegen. Die Menschheit bedarf der sozialen und
ökologischen Reformen, gewiß, aber nicht weniger bedarf sie der spirituellen
Erneuerung. Wir als religiös oder spirituell orientierte Menschen wollen uns
besonders dazu verpflichten - im Bewußtsein, daß es gerade die spirituellen
Kräfte der Religionen sein können, die Menschen für ihr Leben ein
Grundvertrauen, einen Sinnhorizont, letzte Maßstäbe und eine geistige Heimat
vermitteln. Dies freilich können Religionen nur dann glaubwürdig tun, wenn sie
selbst jene Konflikte beseitigen, deren Quelle sie selber sind, wenn sie
wechselseitig Überheblichkeit, Mißtrauen, Vorurteile, ja Feindbilder abbauen und
den Traditionen, Heiligtümern, Festen und Riten der jeweils Andersgläubigen
Respekt entgegenbringen.
Wir alle wissen: Nach wie vor werden überall auf der Welt Menschen unmenschlich
behandelt. Sie werden ihrer Lebenschancen und ihrer Freiheit beraubt, ihre
Menschenrechte werden mit Füßen getreten, ihre menschliche Würde wird mißachtet.
Aber Macht ist nicht gleich Recht! Angesichts aller Unmenschlichkeit fordern
unsere religiösen und ethischen Überzeugungen: Jeder Mensch muß menschlich
behandelt werden!
Das heißt: Jeder Mensch - ohne Unterschied von Alter, Geschlecht, Rasse,
Hautfarbe, körperlicher oder geistiger Fähigkeit, Sprache, Religion, politischer
Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft - besitzt eine unveräußerliche und
unantastbare Würde. Alle, der Einzelne wie der Staat, sind deshalb verpflichtet,
diese Würde zu achten und ihnen wirksamen Schutz zu garantieren. Auch in
Wirtschaft, Politik und Medien, in Forschungsinstituten und
Industrieunternehmungen soll der Mensch immer Rechtssubjekt und Ziel sein, nie
bloßes Mittel, nie Objekt der Kommerzialisierung und der Industrialisierung.
Niemand steht »jenseits von Gut und Böse«: kein Mensch und keine soziale
Schicht, keine einflußreiche Interessengruppe und kein Machtkartell, kein
Polizeiapparat, keine Armee und auch kein Staat. Im Gegenteil: Als ein mit
Vernunft und Gewissen ausgestattetes Wesen ist jeder Mensch dazu verpflichtet,
sich wahrhaft menschlich und nicht unmenschlich zu verhalten, Gutes zu tun und
Böses zu lassen!
Was dies konkret heißt, will unsere Erklärung verdeutlichen. Wir wollen im Blick
auf eine neue Weltordnung unverrückbare, unbedingte ethische Normen in
Erinnerung rufen. Sie sollen für den Menschen nicht Fesseln und Ketten sein,
sondern Hilfen und Stützen, um Lebensrichtung und Lebenswerte, Lebenshaltungen
und Lebenssinn immer wieder neu zu finden und zu verwirklichen.
Es gibt ein Prinzip, die Goldene Regel, die seit Jahrtausenden in vielen
religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit zu finden ist und sich
bewährt hat: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen
zu. Oder positiv: Was du willst, das man dir tut, das tue auch den anderen! Dies
sollte die unverrückbare, unbedingte Norm für alle Lebensbereiche sein, für
Familie und Gemeinschaften, für Rassen, Nationen und Religionen.
Egoismen jeder Art - jede Selbstsucht, sie sei individuell oder kollektiv, sie
trete auf in Form von Klassendenken, Rassismus, Nationalismus oder Sexismus
- sind verwerflich. Wir verurteilen sie, weil sie den Menschen daran hindern,
wahrhaft Mensch zu sein. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sind durchaus
legitim - solange sie nicht von der Selbstverantwortung und Weltverantwortung
des Menschen, von der Verantwortung für die Mitmenschen und den Planeten Erde
losgelöst sind.
Dieses Prinzip schließt ganz konkrete Maßstäbe ein, an die wir Menschen uns
halten sollen. Aus ihm ergeben sich vier umfassende uralte Richtlinien, die sich
in den meisten Religionen dieser Welt finden.
III. Vier unverrückbare Weisungen
1. Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit
und der Ehrfurcht vor allem Leben
Ungezählte Menschen bemühen sich in allen Regionen und Religionen um ein Leben,
das nicht von Egoismus bestimmt ist, sondern vom Einsatz für die Mitmenschen und
die Mitwelt. Und doch gibt es in der Welt von heute unendlich viel Haß, Neid,
Eifersucht und Gewalt: nicht nur zwischen den einzelnen Menschen, sondern auch
zwischen sozialen und ethnischen Gruppen, zwischen Klassen und Rassen, Nationen
und Religionen. Gewaltanwendung, der Drogenhandel und das organisierte
Verbrechen, ausgestattet oft mit neuesten technischen Möglichkeiten, haben
globale Ausmaße erreicht. Vielerorts wird noch mit Terror »von oben« regiert;
Diktatoren vergewaltigen ihre eigenen Völker, und institutionelle Gewalt ist
weit verbreitet. Selbst in manchen Ländern, wo es Gesetze zum Schutz
individueller Freiheiten gibt, werden Gefangene gefoltert, Menschen verstümmelt,
Geiseln getötet.
A. Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit aber
vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv: Hab Ehrfurcht
vor dem Leben! Besinnen wir uns also neu auf die Konsequenzen dieser uralten
Weisung: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und
freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer
verletzt. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen physisch oder
psychisch zu quälen, zu verletzen, gar zu töten. Und kein Volk, kein Staat,
keine Rasse, keine Religion hat das Recht, eine andersartige oder andersgläubige
Minderheit zu diskriminieren, zu »säubern«, zu exilieren (vertreiben), gar zu
liquidieren (töten).
B. Gewiß, wo es Menschen gibt, wird es Konflikte geben. Solche Konflikte aber
sollten grundsätzlich ohne Gewalt im Rahmen einer Rechtsordnung gelöst werden.
Das gilt für den Einzelnen wie für die Staaten. Gerade die politischen
Machthaber sind aufgefordert, sich an die Rechtsordnung zu halten und sich für
möglichst gewaltlose, friedliche Lösungen einzusetzen. Sie sollten sich
engagieren für eine internationale Friedensordnung, die ihrerseits des Schutzes
und der Verteidigung gegen Gewalttäter bedarf. Aufrüstung ist ein Irrweg,
Abrüstung ein Gebot der Stunde. Niemand täusche sich: Es gibt kein Überleben der
Menschheit ohne Weltfrieden!
C. Deshalb sollten schon junge Menschen in Familie und Schule lernen, daß Gewalt
kein Mittel der Auseinandersetzung mit anderen sein darf. Nur so kann eine
Kultur der Gewaltlosigkeit geschaffen werden.
D. Die menschliche Person ist unendlich kostbar und unbedingt zu schützen. Aber
auch das Leben der Tiere und Pf1anzen, die mit uns diesen Planeten bewohnen,
verdient Schutz, Schonung und Pflege. Hemmungslose Ausbeutung der natürlichen
Lebensgrundlagen, rücksichtslose Zerstörung der Biosphäre, Militarisierung des
Kosmos sind ein Frevel. Als Menschen haben wir - gerade auch im Blick auf
künftige Generationen - eine besondere Verantwortung für den Planeten Erde und
den Kosmos, für Luft, Wasser und Boden. Wir alle sind in diesem Kosmos
miteinander verflochten und voneinander abhängig. Jeder von uns hängt ab vom
Wohl des Ganzen. Deshalb gilt: Nicht die Herrschaft des Menschen über Natur und
Kosmos ist zu propagieren, sondern die Gemeinschaft mit Natur und Kosmos zu
kultivieren.
E. Wahrhaft Mensch sein heißt im Geist unserer großen religiösen und ethischen
Traditionen, schonungsvoll und hilfsbereit zu sein, und zwar im privaten wie im
öffentlichen Leben. Niemals sollten wir rücksichtslos und brutal sein. Jedes
Volk soll dem anderen, jede Rasse soll der anderen, jede Religion soll der
anderen Toleranz, Respekt, gar Hochschätzung entgegenbringen. Minderheiten - sie
seien rassischer, ethnischer oder religiöser Art - bedürfen unseres Schutzes und
unserer Förderung.
2. Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität
und eine gerechte Wirtschaftsordnung
Ungezählte Menschen bemühen sich in allen Regionen und Religionen um Solidarität
füreinander und um ein Leben in Arbeit und treuer Berufserfüllung. Und doch gibt
es in der Welt von heute unendlich viel Hunger, Armut und Not. Schuld daran
trägt nicht bloß der Einzelne. Schuld daran sind oft auch ungerechte
gesellschaftliche Strukturen: Millionen von Menschen sind ohne Arbeit, Millionen
werden durch schlecht bezahlte Arbeit ausgebeutet, an den Rand der Gesellschaft
gedrängt und um ihre Lebenschancen gebracht. Ungeheuer sind in vielen Ländern
die Unterschiede zwischen Armen und Reichen, zwischen Mächtigen und
Ohnmächtigen. In einer Welt, in der sowohl ein ungezügelter Kapitalismus als
auch ein totalitärer Staatssozialismus viele ethische und spirituelle Werte
ausgehöhlt und zerstört hat, konnten sich Profitgier ohne Grenzen und Raffgier
ohne Hemmungen ausbreiten, aber auch ein materialistisches Anspruchsdenken,
welches ständig mehr vom Staat fordert, ohne sich selber zu mehr zu
verpflichten. Nicht nur in den Entwicklungsländern, auch in den Industrieländern
hat sich die Korruption zu einem Krebsübel der Gesellschaft entwickelt.
A. Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit aber
vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht stehlen! Oder positiv: Handle gerecht
und fair! Besinnen wir uns also wieder neu auf die Konsequenzen dieser uralten
Weisung: Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen - in welcher Form
auch immer - zu bestehlen oder sich an dessen Eigentum oder am
Gemeinschaftseigentum zu vergreifen. Umgekehrt aber hat auch kein Mensch das
Recht, sein Eigentum ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gesellschaft und der
Erde zu gebrauchen.
B. Wo äußerste Armut herrscht, da machen sich Hilflosigkeit und Verzweiflung
breit, da wird um des Überlebens willen auch immer wieder gestohlen werden. Wo
Macht und Reichtum rücksichtslos angehäuft werden, da werden bei den
Benachteiligten und Marginalisierten (... am
Rande) unvermeidlich Gefühle des Neides, des
Ressentiments, ja des tödlichen Hasses und der Rebellion geweckt. Dies aber
führt zu einem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt. Niemand täusche sich: Es
gibt keinen Weltfrieden ohne Weltgerechtigkeit!
C. Deshalb sollten schon junge Menschen in Familie und Schule lernen, daß
Eigentum, es sei noch so wenig, verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem
Wohl der Allgemeinheit dienen. Nur so kann eine gerechte Wirtschaftsordnung
aufgebaut werden.
D. Doch wenn sich die Lage der ärmsten Milliarde Menschen auf diesem Planeten,
darunter besonders die der Frauen und Kinder, entscheidend verändern soll, so
müssen die Strukturen der Weltwirtschaft gerechter gestaltet werden.
Individuelle Wohltätigkeit und einzelne Hilfsprojekte, so unverzichtbar sie
sind, reichen nicht aus. Es braucht die Partizipation aller Staaten und die
Autorität der internationalen Organisationen, um zu einem gerechten Ausgleich zu
kommen.
Die Schuldenkrise und die Armut der sich auflösenden Zweiten und erst recht der
Dritten Welt müssen einer für alle Seiten tragbaren Lösung entgegengeführt
werden. Gewiß: Interessenkonflikte sind auch künftig unvermeidlich. In den
entwickelten Ländern ist jedenfalls zu unterscheiden zwischen einem notwendigen
und einem hemmungslosen Konsum, zwischen einem sozialen und einem unsozialen
Gebrauch des Eigentums, zwischen einer gerechtfertigten und einer
ungerechtfertigten Nutzung der natürlichen Ressourcen, zwischen einer rein
kapitalistischen und einer sozial wie ökologisch orientierten Marktwirtschaft.
Auch die Entwicklungsländer bedürfen der nationalen Gewissenserforschung.
Überall gilt: Wo die Herrschenden die Beherrschten, die Institutionen die
Personen, die Macht das Recht erdrücken, ist Widerstand - wo immer möglich
gewaltlos - angebracht.
E. Wahrhaft menschlich sein, heißt im Geist unserer großen religiösen und
ethischen Traditionen das Folgende:
• Statt die wirtschaftliche und politische Macht in rücksichtslosem Kampf zur
Herrschaft zu mißbrauchen, ist sie zum Dienst an den Menschen zu gebrauchen. Wir
müssen einen Geist des Mitleids mit den Leidenden entwickeln und besondere Sorge
tragen für die Armen, Behinderten, Alten, Flüchtlinge, Einsamen.
• Statt eines puren Machtdenkens und einer hemmungslosen Machtpolitik soll im
unvermeidlichen Wettbewerb der gegenseitige Respekt, der vernünftige
Interessenausgleich, der Wille zur Vermittlung und zur Rücksichtnahme herrschen.
• Statt einer unstillbaren Gier (>hier<
eine ausführliche Betrachtung) nach Geld, Prestige und Konsum ist wieder neu
der Sinn für Maß und Bescheidenheit zu finden! Denn der Mensch der Gier verliert
seine »Seele«, seine Freiheit, seine Gelassenheit, seinen inneren Frieden und
somit das, was ihn zum Menschen macht.
3. Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
Ungezählte Menschen in allen Regionen und Religionen bemühen sich auch in
unserer Zeit um ein Leben in Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Und doch gibt es in
der Welt von heute unendlich viel Lug und Trug, Schwindel und Heuchelei,
Ideologie und Demagogie:
• Politiker und Geschäftsleute, welche die Lüge als Mittel der Politik und des
Erfolges benützen (>hier<
das Lehrbuch zur "Werbe- und Konsumentenpsychologie");
• Massenmedien, die statt wahrhaftiger Berichterstattung ideologische
Propaganda, die statt Information Desinformation verbreiten, die statt der
Wahrheitstreue ein zynisches Verkaufsinteresse verfolgen;
• Wissenschaftler und Forscher, die sich moralisch fragwürdigen ideologischen
oder politischen Programmen oder auch wirtschaftlichen Interessengruppen
ausliefern sowie Forschungen rechtfertigen, welche die sittlichen Grundwerte
verletzen;
• Repräsentanten von Religionen, die Menschen anderer Religionen als
minderwertig abqualifizieren und die Fanatismus und Intoleranz statt Respekt,
Verständigung und Toleranz verkünden.
A. Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit aber
vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht lügen! Oder positiv: Rede und handle
wahrhaftig! Besinnen wir uns also wieder neu auf die Konsequenzen dieser uralten
Weisung: Kein Mensch und keine Institution, kein Staat und auch keine Kirche
oder Religionsgemeinschaft haben das Recht, den Menschen die Unwahrheit zu
sagen.
B. Dies gilt besonders:
• Für die Massenmedien, denen zu Recht die Freiheit der Berichterstattung zur
Wahrheitsfindung garantiert ist und denen damit in jeder Gesellschaft ein
Wächteramt zukommt: Sie stehen nicht über der Moral, sondern bleiben in
Sachlichkeit und Fairness der Menschenwürde, den Menschenrechten und den
Grundwerten verpflichtet. Sie haben kein Recht auf Verletzung der Privatsphäre
von Menschen, auf Verzerrung der Wirklichkeit und auf Manipulation der
öffentlichen Meinung.
• Für Kunst, Literatur und Wissenschaft, denen zu Recht künstlerische und
akademische Freiheit garantiert sind: Sie sind nicht entbunden von allgemeinen
ethischen Maßstäben, sondern sollen der Wahrheit dienen.
• Für die Politiker und die politischen Parteien: Wenn sie ihr Volk ins
Angesicht belügen, wenn sie sich der Manipulation von Wahrheit, der
Bestechlichkeit oder einer
rücksichtslosen Machtpolitik im Inneren wie im Äußeren schuldig machen, haben
sie ihre Glaubwürdigkeit verspielt und verdienen den Verlust ihrer Ämter und
ihrer Wähler. Umgekehrt sollte die öffentliche Meinung diejenigen Politiker
unterstützen, die es wagen, dem Volk jederzeit die Wahrheit zu sagen.
• Für die Repräsentanten von Religionen schließlich: Wenn sie Vorurteile, Haß
und Feindschaft gegenüber Andersgläubigen schüren, wenn sie Fanatismus predigen
oder gar Glaubenskriege initiieren oder legitimieren, verdienen sie die
Verurteilung der Menschen und den Verlust ihrer Gefolgschaft.
Niemand täusche sich: Es gibt keine Weltgerechtigkeit ohne Wahrhaftigkeit und
Menschlichkeit!
C. Deshalb sollten schon junge Menschen in Familie und Schule lernen,
Wahrhaftigkeit in Denken, Reden und Tun einzuüben. Jeder Mensch hat ein Recht
auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Er hat das Recht auf die notwendige Information
und Bildung, um die für sein Leben grundlegenden Entscheidungen treffen zu
können. Ohne eine ethische Grundorientierung freilich vermag er kaum das
Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Bei der heutigen täglichen Flut von
Informationen sind ethische Maßstäbe eine Hilfe, wenn Tatsachen verdreht,
Interessen verschleiert, Tendenzen hofiert und Meinungen verabsolutiert werden.
D. Wahrhaft Mensch sein heißt im Geist unserer großen religiösen und ethischen
Traditionen das Folgende:
• Statt Freiheit mit Willkür und Pluralismus mit Beliebigkeit zu verwechseln,
der Wahrheit Geltung zu verschaffen;
• statt in Unehrlichkeit, Verstellung und opportunistischer Anpassung zu leben,
den Geist der Wahrhaftigkeit auch in den alltäglichen Beziehungen zwischen
Mensch und Mensch zu pflegen;
• statt ideologische oder parteiische Halbwahrheiten zu verbreiten, in
unbestechlicher Wahrhaftigkeit die Wahrheit immer neu zu suchen;
• statt einem Opportunismus zu huldigen, in Verläßlichkeit und Stetigkeit der
einmal erkannten Wahrheit zu dienen.
4. Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung
und die Partnerschaft von Mann und Frau
Ungezählte Menschen bemühen sich in allen Regionen und Religionen um ein Leben
im Geiste der Partnerschaft von Mann und Frau, um ein verantwortliches Handeln
im Bereich von Liebe, Sexualität und Familie. Dennoch gibt es überall auf der
Welt verdammenswerte Formen des Patriarchalismus, der Vorherrschaft des einen
Geschlechtes über das andere, der Ausbeutung von Frauen, des sexuellen
Mißbrauchs von Kindern sowie der erzwungenen Prostitution. Die sozialen
Unterschiede auf dieser Erde führen nicht selten dazu, daß insbesondere Frauen
und sogar Kinder aus den weniger entwickelten Ländern sich gezwungen sehen,
Prostitution als Mittel des Überlebenskampfes einzusetzen.
A . Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit
aber vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht Unzucht treiben! Oder positiv:
Achtet und liebet einander! Besinnen wir uns also wieder neu auf die
Konsequenzen dieser uralten Weisung: Kein Mensch hat das Recht, einen anderen
zum bloßen Objekt seiner Sexualität zu erniedrigen, ihn in sexuelle Abhängigkeit
zu bringen oder zu halten.
B. Wir verurteilen sexuelle Ausbeutung und Geschlechterdiskriminierung als eine
der schlimmsten Formen der Entwürdigung des Menschen. Wo immer - gar im Namen
einer religiösen Überzeugung - die Herrschaft eines Geschlechts über das andere
gepredigt und sexuelle Ausbeutung toleriert, wo immer Prostitution gefördert
oder Kinder mißbraucht werden, da ist Widerstand geboten. Niemand täusche sich:
Es gibt keine wahre Menschlichkeit ohne partnerschaftliches Zusammenleben!
C. Deshalb sollten schon junge Menschen in Familie und Schule lernen, daß
Sexualität grundsätzlich keine negativ-zerstörende oder ausbeuterische, sondern
eine schöpferisch-gestaltende Kraft ist. Sie hat die Funktion einer
lebensbejahenden Gemeinschaftsbildung und kann sich nur entfalten, wenn sie in
Verantwortung für das Glück auch des Partners gelebt wird.
D. Die Beziehung zwischen Mann und Frau sollte nicht durch Bevormundung oder
Ausbeutung bestimmt sein, sondern durch Liebe, Partnerschaftlichkeit und Verläßlichkeit. Menschliche Erfüllung ist nicht mit sexueller Lust identisch.
Sexualität soll Ausdruck und Bestätigung einer partnerschaftlich belebten
Liebesbeziehung sein.
Manche religiöse Traditionen kennen auch das Ideal des freiwilligen Verzichts
auf die Entfaltung der Sexualität. Auch freiwilliger Verzicht kann Ausdruck von
Identität und Sinnerfüllung sein.
E. Die gesellschaftliche Institution Ehe ist bei allen kulturellen und
religiösen Verschiedenheiten durch Liebe, Treue und Dauerhaftigkeit
gekennzeichnet. Sie will und soll Männern, Frauen und Kindern Geborgenheit und
gegenseitige Unterstützung garantieren sowie ihre Rechte sichern. In allen
Ländern und Kulturen soll auf ökonomische und gesellschaftliche Verhältnisse
hingearbeitet werden, die eine menschenwürdige Existenz von Ehe und Familie und
vor allem auch der alten Menschen ermöglichen. Kinder haben ein Recht auf
Bildung.
Weder sollen die Eltern die Kinder noch die Kinder die Eltern ausnützen; ihr
Verhältnis soll vielmehr von gegenseitiger Achtung, Anerkennung und Fürsorge
getragen sein.
F. Wahrhaft Mensch sein heißt im Geiste unserer großen religiösen und ethischen
Traditionen das Folgende:
• statt patriarchaler Beherrschung oder Entwürdigung, die Ausdruck von Gewalt
sind und oft Gegengewalt erzeugen, gegenseitige Achtung, Verständnis,
Partnerschaftlichkeit;
• statt jeglicher Form von sexueller Besitzgier oder sexuellem Mißbrauch
gegenseitige Rücksicht, Toleranz, Versöhnungsbereitschaft, Liebe.
Auf der Ebene der Nationen und Religionen kann nur praktiziert werden, was auf
der Ebene der persönlichen und familiären Beziehungen bereits gelebt wird.
IV. Wandel des Bewußtseins
Alle geschichtlichen Erfahrungen zeigen es: Unsere Erde kann nicht verändert
werden, ohne daß ein Wandel des Bewußtseins beim Einzelnen und der
Öffentlichkeit erreicht wird. Dies hat sich in Fragen wie Krieg und Frieden,
Ökonomie oder Ökologie bereits gezeigt, wo in den letzten Jahrzehnten
grundlegende Veränderungen erreicht wurden. Diese müssen auch im Hinblick auf
das Ethos erreicht werden! Jeder Einzelne hat nicht nur eine unverletzliche
Würde und unveräußerliche Rechte; er hat auch eine unabweisbare Verantwortung
für das, was er tut und nicht tut. Alle unsere Entscheidungen und Taten, auch
unser Versagen und Scheitern haben Konsequenzen.
Diese Verantwortung wachzuhalten, zu vertiefen und an künftige Generationen
weiterzugeben ist die besondere Aufgabe der Religionen. Dabei bleiben wir
realistisch in bezug auf das in diesem Konsens Erreichte und dringen darauf, das
Folgende zu beachten:
1. Ein universaler Konsens für viele umstrittene ethische Einzelfragen (von der
Bio- und Sexualethik über die Medien- und Wissenschaftsethik bis zur
Wirtschafts- und Staatsethik) ist schwierig. Doch im Geist der hier entwickelten
gemeinsamen Grundsätze sollten sich auch für viele bisher umstrittene Fragen
sachgerechte Lösungen finden lassen.
2. In vielen Lebensbereichen ist bereits ein neues Bewußtsein für ethische
Verantwortung erwacht. Wir begrüßen es deshalb, wenn für möglichst viele
Berufsklassen wie zum Beispiel Ärzte, Wissenschaftler, Geschäftsleute,
Journalisten, Politiker zeitgemäße Ethikcodes ausgearbeitet werden, die
konkretere Richtlinien bieten für die brisanten Fragen ihres jeweiligen
Berufsstandes.
3. Vor allem drängen wir die einzelnen Glaubensgemeinschaften, ihr ganz
spezifisches Ethos zu formulieren: Was hat jede Glaubenstradition zu sagen etwa
über den Sinn von Leben und Sterben, über das Durchstehen von Leid und die
Vergebung von Schuld, über die selbstlose Hingabe und die Notwendigkeit von
Verzicht, über Mitleid und Freude. Dies alles wird das schon jetzt erkennbare
Weltethos vertiefen, spezifizieren und konkretisieren.
Zum Schluß appellieren wir an alle Bewohner dieses Planeten: Unsere Erde kann
nicht zum Besseren verändert werden. ohne daß das Bewußtsein des Einzelnen
geändert wird. Wir plädieren für einen individuellen und kollektiven
Bewußtseinswandel, für ein Erwecken unserer spirituellen Kräfte durch Reflexion,
Meditation, Gebet und positives Denken, für eine Umkehr der Herzen. Gemeinsam
können wir Berge versetzen! Ohne Risiko und Opferbereitschaft gibt es keine
grundlegende Veränderung unserer Situation! Deshalb verpflichten wir uns auf ein
gemeinsames Weltethos: auf ein besseres gegenseitiges Verstehen sowie auf
sozialverträgliche, friedensfördernde und naturfreundliche Lebensformen.
Wir laden alle Menschen, ob religiös oder nicht, ein, dasselbe zu tun!
Direkt das Original: Globales_Wirtschaftsethos.pdf © (das auch über www.weltethos.org erreicht werden kann oder besser das unten an 2. Stelle genannte Buch kaufen; denn das Original genießt den Copyright-Schutz!)
Literatur zur Grundlegung und Erläuterung:
Hans Küng, Projekt Weltethos (Piper, München 1990; Serie Piper 1659, München
1992).
Hans Küng - Karl Josef Kuschel (Hg.), Erklärung zum Weltethos. Die Deklaration
des Parlamentes der Weltreligionen (Serie Piper 1958, München 1993) .
Aufgaben der Stiftung:
I. Durchführung und Förderung interkultureller und interreligiöser Forschung:
Dieser Zweck wird verwirklicht durch theologische und
religionswissenschaftliche Grundlagenforschung, insbesondere durch die
Erstellung und Förderung wissenschaftlicher Publikationen (Bücher, Artikel) im
Interesse interkultureller, interreligiöser und interkonfessioneller
Verständigung.
II. Anregung und Durchführung interkultureller und
interreligiöser Bildungsarbeit:
Dieser Zweck wird verwirklicht insbesondere durch
- Lehr- und Vortragstätigkeit zur Verbreitung der erarbeiteten
Forschungsergebnisse, insbesondere der Ideen eines grundlegenden, allen Menschen
gemeinsamen Ethos, eines Weltethos, in Gemeinden, Volkshochschulen, Akademien,
Schulen, Hochschulen, Verbänden, Parteien, Interessengruppen aller Art, national
und international;
- Fortbildung Interessierter durch Tagungen, Vorträge, Gastvorträge, Seminare
oder Workshops zur Vertiefung der Thematik eines Weltethos;
- Öffentlichkeitsarbeit im Dienst eines -Weltethos mit Hilfe der Medien
(Zeitungsartikel, Interviews, Rundfunk- und Fernseharbeit).
III. Ermöglichung und Unterstützung der zur
Forschungs- und Bildungsarbeit notwendigen interkulturellen und interreligiösen
Begegnung:
Dieser Zweck wird verwirklicht insbesondere durch
- Anregung und Förderung von Initiativen im Bereich von Gesellschaft, Politik
und Kultur im Interesse der Völkerverständigung (z. B. »vertrauensbildende
Maßnahmen« zwischen den Religionen);
- Förderung der Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen
(Kolloquien, Studienreisen, Kongresse);
- Ausbau des vorhandenen Netzwerks interkultureller und interreligiöser
Beziehungen zur Förderung eines globalen Ethos;
- Schaffung des Zugangs zu Schlüsseldokumenten und Literatur mit Hilfe moderner
Kommunikationstechnologien.
Vorstand:
Graf K. K. von der Groeben
Prof. Dr. Hans Küng
Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel
Geschäftsführer:
Dipl.-Theol. Stephan Schlensog
Anschrift:
Waldhäuser Straße 23
D-72076 Tübingen
Telephon 0 70 71 6 26 46
Telefax 0 70 71 61 01 40
E-mail office@stiftung-weltethos.uni-tuebingen.de
Internet www.uni-tuebingen.de/stiftung-weltethos
Bank Deutsche Bank Tübingen (BLZ 640 700 85)
Konto 12 12 620