Manifest
Globales Wirtschaftsethos
Konsequenzen für die Weltwirtschaft
UN-Hauptquartier, New York
6. Oktober 2009

>Hier< die Laudatio
des deutschen Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert
anlässlich der Verleihung des Abraham-Geiger-Preises
an Prof. Dr. Hans Küng am 18. Juni 2009 in Berlin;
>hier< zur "Stiftung
Weltethos" mit weiteren Informationen,
ferner
>hier< eine Definition
von "Wirtschaftsethik"
Präambel
Die Globalisierung des wirtschaftlichen Handelns wird nur dann zum
allgemeinen und nachhaltigen Wohlstand und Vorteil aller Völker und ihrer
Volkswirtschaften führen, wenn sie auf die beständige Kooperationsbereitschaft
und werteorientierte Kooperationsfähigkeit aller Beteiligten und Betroffenen
bauen kann. Das ist eine der grundlegenden Lehren der weltweiten Krise der
Finanz- und Gütermärkte.
Die Kooperation aller Beteiligten und Betroffenen wird nur dann verlässlich
gelingen, wenn das Streben aller nach Realisierung des legitimen Eigeninteresses
und nach gesellschaftlicher Wohlfahrt eingebettet ist in globale ethische
Rahmenbedingungen, die allgemein als gerecht und fair akzeptiert werden. Eine
solche Verständigung über global akzeptierte Normen wirtschaftlichen Handelns
und Entscheidens, über ein Ethos der Wirtschaftens, existiert erst in ersten
Anfängen.
Ein globales Wirtschaftsethos, also gemeinsame fundamentale Vorstellungen über
Recht, Gerechtigkeit und Fairness, baut auf moralischen Prinzipien und Werten
auf, die seit alters her von allen Kulturen geteilt und durch gemeinsame
praktische Erfahrung getragen werden.
Wir alle in unseren Funktionen als Unternehmer, Investoren, Kreditgeber,
Mitarbeiter, Konsumenten und unsere jeweiligen Interessensverbände in allen
Ländern der Welt tragen gemeinsam mit politischen und staatlichen sowie
internationalen Organisationen und Institutionen wesentliche Verantwortung für
die Herausbildung und Umsetzung eines solchen globalen Wirtschaftsethos.
Aus diesen Gründen unterstützen die Unterzeichner diese
Erklärung zu einem Globalen Wirtschaftsethos.
In dieser Erklärung werden die grundlegenden Prinzipien und Werte einer globalen Wirtschaft deklariert, so wie sie sich aus der Erklärung des Parlaments der Weltreligionen zum Weltethos (Chicago 1993) ergeben. Die in dieser Erklärung ausgesprochenen Prinzipien können von allen Menschen mit ethischen Überzeugungen, religiös begründet oder nicht, mitgetragen werden. Die Unterzeichner verpflichten sich, sich von Buchstaben und Geist dieser Erklärung in ihrem alltäglichen wirtschaftlichen Entscheiden, Handeln und Verhalten leiten zu lassen und sie so mit Leben zu erfüllen. Diese Erklärung zu einem Globalen Wirtschaftsethos nimmt die Gesetzlichkeiten von Markt und Wettbewerb ernst, will diese aber zum Wohl aller auf eine ethische Grundlage stellen. Gerade die Erfahrungen in der Krise des Wirtschaftslebens unterstreichen die Notwendigkeit international akzeptierter ethischer Prinzipien und moralischer Standards, die im Geschäftsalltag mit Leben erfüllt werden können und müssen.
I. Das Prinzip der Humanität
Ethischer Bezugsrahmen: Unterschiede zwischen den kulturellen Traditionen
dürfen kein Hindernis sein, sich gemeinsam aktiv für den Respekt, den Schutz und
die Erfüllung der Menschenrechte einzusetzen. Jeder Mensch – ohne Unterschied
von Alter, Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, körperlicher oder geistiger Fähigkeit,
Sprache, Religion, politischer Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft –
besitzt eine unveräußerliche und unantastbare Würde. Alle, der Einzelne wie der
Staat, sind deshalb verpflichtet, diese Würde zu achten und ihren wirksamen
Schutz zu garantieren. Auch in Wirtschaft, Politik und Medien, in
Forschungsinstituten und Industrieunternehmen soll der Mensch immer
Rechtssubjekt und Ziel sein, nie bloßes Mittel, nie Objekt der
Kommerzialisierung und der Industrialisierung.
Das Grundprinzip eines anzustrebenden Globalen Wirtschaftsethos ist Humanität.
Sie soll ethischer Maßstab des wirtschaftlichen Handelns sein und konkretisiert
sich in den folgenden Leitlinien für ein Wert schaffendes und an Werten
orientiertes Wirtschaften zu allgemeinem Nutzen:
Artikel 1
Ethisches Ziel und zugleich gesellschaftliche Bedingung eines nachhaltigen
ökonomischen Handelns ist es, für alle Menschen Rahmenbedingungen zu schaffen
zur dauerhaften Deckung ihrer Grundbedürfnisse und für ein Leben in Würde. Daher
ist bei wirtschaftlichen Entscheidungen als oberstes Gebot der Humanität darauf
zu achten, dass sie die Herausbildung und Entwicklung derjenigen individuellen
Ressourcen und Kompetenzen fördern, die notwendig sind für eine menschliche
Entwicklung und ein gutes Miteinander.
Artikel 2
Humanität gedeiht nur in einer Kultur des Respekts vor dem
Individuum. Die Würde und Selbstachtung aller Menschen, seien es nun
Vorgesetzte, Mitarbeiter, Geschäftspartner, Kunden oder andere
Interessensträger, sind unverletzlich. Sie dürfen weder durch individuelle
Verhaltensweisen noch durch unwürdige Geschäfts- und Arbeitsbedingungen
missachtet werden. Die Ausbeutung und Ausnutzung von Abhängigkeiten und die
willkürliche Diskriminierung von Menschen sind unvereinbar mit dem Prinzip der
Humanität.
Artikel 3
Gutes zu fördern und Böses zu meiden ist eine Menschenpflicht, die
als moralischer Maßstab auch an wirtschaftliches Entscheiden und Handeln
angelegt werden muss. Eigeninteressen zu verfolgen ist legitim, doch das Suchen
des eigenen Vorteils durch eine gezielte Schädigung des Partners, also mit
unethischen Mitteln, ist unvereinbar mit einem nachhaltigen Wirtschaften zum
wechselseitigen Vorteil.
Artikel 4
Was du nicht willst, das man dir tut, das füg' auch keinem anderen
zu. Diese seit Jahrtausenden in allen religiösen und humanistischen Traditionen
bekannte Goldene Regel der Gegenseitigkeit fordert wechselseitige
Verantwortlichkeit, Solidarität, Fairness, Toleranz und Achtung von allen
Akteuren ein. Solche Haltungen oder Tugenden sind Grundsäulen eines globalen
Wirtschaftsethos. Fairness im Wettbewerb und Kooperation zum wechselseitigen
Nutzen sind grundlegende Prinzipien einer sich nachhaltig entwickelnden
Weltökonomie, die im Einklang mit der Goldenen Regel stehen.
II. Grundwerte für globales Wirtschaften
Die folgenden Grundwerte für globales Wirtschaften entwickeln das Grundprinzip der Humanität weiter und geben Empfehlungen für das Entscheiden, Handeln und Verhalten im praktischen Wirtschaftsleben.
Grundwerte: Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben
Ethischer Bezugsrahmen: Wahrhaft Mensch sein heißt im Geist der großen religiösen und ethischen Traditionen, rücksichtsvoll und hilfsbereit zu sein, und zwar im privaten wie im öffentlichen Leben. Jeder Mensch, jedes Volk, jede Rasse und jede Religion soll den anderen Toleranz, Respekt, gar Hochschätzung entgegenbringen. Minderheiten – sie seien rassischer, ethnischer oder religiöser Art – bedürfen des Schutzes und der Förderung durch die Mehrheit.
Artikel 5
Alle Menschen haben die Pflicht, das Recht auf Leben und auf seine
Entfaltung zu achten. Die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben ist ein besonders
hohes Gut. Jede Form von Gewalt als Mittel zum wirtschaftlichen Zweck ist
abzulehnen. Sklavenarbeit, Zwangsarbeit, Kinderarbeit, körperliche Züchtigung
sowie andere Formen der Verletzung international anerkannter Normen des
Arbeitsrechts müssen zurückgedrängt und abgeschafft werden. Alle
Wirtschaftsakteure müssen in erster Linie den Schutz der Menschenrechte in ihren
eigenen Organisationen sicherstellen. Sodann müssen sie alle Anstrengungen
unternehmen, dass sie in ihrem Einflussbereich nicht zu
Menschenrechtsverletzungen ihrer Geschäftspartner oder anderer Parteien
beitragen oder gar von ihnen profitieren.
Die gesundheitliche Beeinträchtigung von Menschen durch defizitäre
Arbeitsbedingungen ist zu vermeiden. Arbeitssicherheit nach dem Stand der
Technik, Produktsicherheit und die Unschädlichkeit der Produkte für die
menschliche Gesundheit sind grundlegende Anforderungen einer Kultur der
Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Menschen.
Artikel 6
Der nachhaltige Umgang mit der natürlichen Umwelt des Menschen durch
alle Teilnehmer am Wirtschaftsleben ist ein hoher Wert des wirtschaftlichen
Handelns. Die Verschwendung von natürlichen Ressourcen und die Verschmutzung der
Umwelt sind durch Ressourcen sparende Verfahren und umweltschonende Technologien
zu minimieren. Zukunftsfähige, möglichst erneuerbare Energie, sauberes Wasser
und unverschmutzte Luft sind Elementarbedingungen des Lebens überhaupt, zu denen
jeder Mensch Zugang haben muss.
Grundwerte: Gerechtigkeit und Solidarität
Ethischer Bezugsrahmen: Wahrhaft menschlich sein heißt im Geist der großen religiösen und ethischen Traditionen: Wirtschaftliche und politische Macht darf nicht zum rücksichtslosen Kampf um Herrschaft missbraucht werden, sie ist vielmehr für den Dienst an den Menschen zu gebrauchen. Eigeninteresse und Wettbewerb dienen der Entwicklung der Leistungsfähigkeit und der Wohlfahrt aller Beteiligten. Daher sollen der gegenseitige Respekt, der vernünftige Interessenausgleich, der Wille zur Vermittlung und zur Rücksichtnahme herrschen.
Artikel 7
Recht und Gerechtigkeit bilden füreinander Voraussetzungen.
Verantwortung, Rechtschaffenheit, Transparenz und Fairness sind Grundwerte eines
Wirtschaftslebens, das von Rechtstreue und Integrität gekennzeichnet ist. Die
Einhaltung des je geltenden nationalen und internationalen Rechts ist eine
Pflicht für alle Wirtschaftsakteure. Wo es Defizite in der Qualität oder der
Erzwingung der Rechtsnormen eines Landes gibt, sind diese durch
Selbstverpflichtungen und Selbstkontrolle auszugleichen; keinesfalls dürfen sie
zu Gewinnzwecken ausgenutzt werden.
Artikel 8
Das Erzielen von Gewinn ist die Voraussetzung für die
Wettbewerbsfähigkeit und den Bestand der Unternehmen und damit für dessen
soziales und kulturelles Engagement. Korruption aber schadet dem Gemeinwohl, der
Wirtschaft und den Menschen, weil sie systematisch zur Fehlallokation und zur
Verschwendung von Ressourcen führt.
Die Zurückdrängung und Abschaffung aller korrupten und unlauteren Praktiken, wie
etwa Bestechung und Kartellabsprachen, Patentverletzung und Industriespionage,
erfordern ein präventives Engagement, das Pflicht für alle Handelnden in der
Wirtschaft ist.
Artikel 9
Die Überwindung von Hunger
und Unwissenheit, Armut und Ungleichheit der Lebenschancen in allen Ländern des
Globus ist ein großes Ziel einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die auf
Chancengleichheit, Verteilungsgerechtigkeit und Solidarität zielt. Selbsthilfe
und Fremdhilfe, Subsidiarität und Solidarität, privates und öffentliches Handeln
sind je zwei Seiten einer Medaille. Sie konkretisieren sich vor allem in
privaten und öffentlichen Investitionen im Wirtschaftssektor, aber auch in
privaten und öffentlichen Initiativen zur Schaffung von Institutionen, die der
Bildung aller Bevölkerungsteile und dem Aufbau eines Systems sozialer Sicherheit
dienen. Grundlegendes Ziel all dieser Bestrebungen ist eine menschliche
Entwicklung, die auf Förderung all jener Kompetenzen und Ressourcen abzielt, mit
denen Menschen befähigt werden, ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben
zu führen.
Grundwerte: Wahrhaftigkeit und Toleranz
Ethischer Bezugsrahmen: Wahrhaft Mensch sein heißt im Geist der großen religiösen und ethischen Traditionen: Statt Freiheit mit Willkür und Pluralismus mit Beliebigkeit zu verwechseln, der Wahrheit Geltung zu verschaffen; statt in Unehrlichkeit, Verstellung und opportunistischer Anpassung zu leben, den Geist der Integrität und Wahrhaftigkeit auch in den alltäglichen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch zu pflegen.
Artikel 10
Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sind Werte, ohne die
nachhaltige und Wohlfahrt fördernde Wirtschaftsbeziehungen nicht gedeihen
können. Sie sind Voraussetzungen für die Bildung von Vertrauen im
zwischenmenschlichen Miteinander sowie im ökonomischen Wettbewerb. Zudem gilt
es, das Recht auf Privatsphäre sowie persönliche oder berufliche Vertraulichkeit
zu schützen.
Artikel 11
Die Vielfalt der kulturellen und politischen Überzeugungen, wie auch
der individuellen Begabungen und der Kompetenzen von Organisationen sind eine
mögliche Quelle der globalen Wohlfahrt. Ihre Kooperation zum wechselseitigen
Vorteil setzt die Akzeptanz gemeinsamer Werte und Normen, gemeinsames Lernen und
Toleranz gegenüber
Anderssein voraus. Die Diskriminierung von Menschen wegen ihres Geschlechts,
ihrer Rasse, ihrer Nationalität oder ihres Glaubens ist unvereinbar mit den
Prinzipien eines globalen Wirtschaftsethos. Menschenverachtendes und
Menschenrechtsverletzendes Handeln ist nicht zu tolerieren.
Grundwerte: Gegenseitige Achtung und Partnerschaft
Ethischer Bezugsrahmen: Wahrhaft Mensch sein heißt im Geiste der großen religiösen und ethischen Traditionen: statt patriarchaler Beherrschung oder Entwürdigung, die Ausdruck von Gewalt sind und oft Gegengewalt erzeugen, gegenseitige Achtung, Verständnis, Partnerschaftlichkeit. Jeder und jede Einzelne hat nicht nur eine unverletzliche Würde und unveräußerliche Rechte; alle Menschen haben auch eine unabweisbare Verantwortung für das, was sie tun und nicht tun.
Artikel 12
Wechselseitige Achtung und Partnerschaft der Beteiligten, gerade auch
von Mann und Frau, ist sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis wirtschaftlicher
Kooperation. Sie basiert auf Respekt, Fairness und Aufrichtigkeit gegenüber dem
Anderen, seien es nun die Verantwortlichen der Unternehmen, die Mitarbeiter, die
Kunden oder andere Interessensträger. Achtung und Partnerschaft sind die
unverzichtbare Basis, auf der auch die nicht intendierten negativen Konsequenzen
wirtschaftlicher Interaktionen als gemeinsames Dilemma aller Involvierten
akzeptiert und im gemeinsamen Bemühen aufgelöst werden können.
Artikel 13
Partnerschaft findet ihren Ausdruck auch in der Möglichkeit zur
Teilhabe am Leben, den Entscheidungen und den Erträgen der Wirtschaft. Diese
variiert je nach den kulturellen Voraussetzungen und den ordnungspolitischen
Rahmenbedingungen eines Wirtschaftsraumes. Das Recht sich zusammenzuschließen
und kollektiv seine Interessen verantwortungsbewusst wahrzunehmen ist jedoch ein
Mindeststandard, der überall anzuerkennen ist.
Schluss
Alle Akteure sollen die international akzeptierten Verhaltensnormen des Wirtschaftslebens respektieren, schützen und an deren Verwirklichung im Rahmen ihrer Einflusssphäre mitwirken. Grundlegend dafür sind die von den Vereinten Nationen (UN) im Jahre 1948 proklamierten und inzwischen global anerkannten Menschenrechte und Menschenpflichten. Andere globale Leitlinien anerkannter transnationaler Institutionen, wie etwa der „Global Compact" der Vereinten Nationen, die „Declaration on Fundamental Principles and Rights at Work" der International Labour Organization MO), die „Rio Declaration on Environment and Development" und die UN „Convention Against Corruption", um nur einige zu nennen, stimmen überein mit den in dieser Erklärung festgehaltenen Erfordernissen eines globalen Wirtschaftsethos.
Tübingen, .l. April 2009
Erstunterzeichner
Michel Camdessus, Gouverneur honoraire der Banque de France
Walter Fust, CEO, Global Humanitarian Forum
Georg Kell, Executive Director, UN Global Compact Office
Samuel Kobia, Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen
Hans Küng, Präsident der Stiftung Weltethos
Klaus M. Leisinger, CEO, Novartis Stiftung
Peter Maurer, Botschafter und ständiger Vertreter der Schweiz bei den Vereinten
Nationen
Mary Robinson, Präsidentin von Realizing Rights: The Ethical Globalization
Initiative Jeffrey Sachs, Direktor, The Earth Institute, Columbia University
Juan Somavia, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)
Desmond Tutu, em. Erzbischof, Friedensnobelpreisträger
Daniel Vasella, CEO, Novartis International
Tu Weiming, Professor für Philosophie, Harvard Universität und Peking
Universität
Schweizerische
Eidgenossenschaft |
sowie z.B. |
Novartis Foundation for Sustainable Developmen |
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Die Erklärung wurde verfasst von einer Arbeitsgruppe der Stiftung Weltethos:
Prof. Dr. Heinz-Dieter Assmann (Universität Tübingen)
Dr. Wolfram Freudenberg (Freudenberg-Gruppe)
Prof. Dr. Klaus Leisinger (Novartis Stiftung)
Prof. Dr. Hermut Kormann (Voith AG)
Prof. Dr. Josef Wieland (Federführung, Hochschule Konstanz) Prof. h. c. Karl
Schlecht (Putzmeister AG)
Von der Stiftung Weltethos.
Prof. Dr. Hans Küng (Präsident)
Prof. Dr. Karl :Josef Kuschel (Vizepräsident)
Dr. Stephan Schlensog (Generalsekretär)
Dr. Günther Gebhardt (Wissenschaftlicher Koordinator)
Laudatio
des Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert
Lammert
anlässlich der Verleihung des Abraham-Geiger-Preises
an Prof. Dr. Hans Küng am 18. Juni 2009 in Berlin
Verehrter, lieber Herr Professor Küng, sehr geehrte Repräsentanten der Kirchen
und Religionsgemeinschaften, aus Politik und Wirtschaft und Medien, verehrte
Gäste, meine Damen und Herren,
zunächst muss ich Sie alle sehr um Nachsicht für meine ebenso unhöfliche wie
unvermeidliche Verspätung bitten. Sie war ganz sicher nicht geplant. Sie ist die
Folge eines Debatten- und Abstimmungsmarathons, der gegen Ende einer
Legislaturperiode nicht gänzlich ungewöhnlich ist, sich heute aber gewissermaßen
in einem „finale furioso" noch zusätzlich in einer Serie namentlicher
Abstimmungen ausgetobt hat, bei denen selbst dann, wenn man mit dieser
Versuchung kämpfte, das eigene Fehlen noch Generationen später nachzulesen ist.
Und ich bin ziemlich sicher, dass zumindest der Preisträger mir mein Fehlen bei
einigen dieser namentlichen Abstimmungen heute möglicherweise persönlich übel
genommen hätte, weil wir heute nämlich mehr als an anderen Tagen, an denen immer
mal mehr und mal weniger wichtige Entscheidungen zu treffen sind, uns mit
Fragestellungen zu beschäftigen und Entscheidungen zu treffen hatten, die im
Kern ethischer Natur sind; wo es um Grundsatzfragen menschlicher Existenz und
die umso schwierigere Frage geht, ob sie überhaupt und wenn ja, in welcher Weise
gesetzlichen Regelungen zugänglich sind.
Bevor ich der mir gestellten unlösbaren Aufgabe nachkomme, möchte ich wenigstens
einen Satz zum Abraham-Geiger-Kolleg sagen, dessen zehnjähriges Bestehen wir in
diesem Jahr feiern können. Und ich will das ganz bewusst als einer der
Repräsentanten dieses Staates sagen, dessen sechzigsten Geburtstag wir vor
wenigen Tagen gefeiert haben.
Bei der Gründung dieser zweiten deutschen Republik hätten die wenigsten für
möglich gehalten und sich niemand getraut vorherzusagen, dass es sechzig Jahre
nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wieder jüdisches Leben in diesem
Land geben würde. Und das nicht nur in mikroskopischen Resten, sondern in
lebendigen, wachsenden Gemeinden. Das Rabbinerkolleg ist Ausdruck nicht nur der
Präsenz, sondern der Zukunftsorientierung jüdischer Gemeinden in Deutschland und
der Notwendigkeit, Ausbildung zu organisieren, auch und gerade in Deutschland
und über Deutschland hinaus.
Dass es nach den entsetzlichen Verirrungen nicht nur der deutschen Geschichte
wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt und dass es sich in der Weise
entwickelt, wie wir das nun seit einigen Jahren beobachten können, das ist für
mich die schönste Vertrauenserklärung, die es für diese zweite deutsche
Demokratie überhaupt gibt. Und auch deswegen ist dies für mich ein Tag ganz
besonderer Freude und Genugtuung, an dem der Abraham-Geiger-Preis an Hans Küng
verliehen werden soll.
Die Anfrage aus diesem Anlass eine Laudatio auf Hans Küng zu halten, ist ebenso
ehrenvoll wie aussichtslos. Denn das Leben und Wirken von Hans Küng lässt sich
nicht in eine Laudatio fassen. Schon gar nicht in zehn Minuten, wie die
Veranstalter mit besonderer Liebenswürdigkeit unmissverständlich der Planung des
heutigen Abends vorgegeben haben.
Deswegen wird hoffentlich niemand erwarten, dass all das, was es Lobendes über
und zu Hans Küng zu sagen gäbe, nun ganz sicher vorgetragen würde. Mal abgesehen
davon, dass ich zuversichtlich davon ausgehe, dass ein Teil dessen in den
Grußadressen auch schon vorgekommen ist.
Heute, am 18. Juni, feiert Jürgen Habermas seinen 80. Geburtstag, der in der
„ZEIT" in Würdigung seines Lebenswerkes als „Weltmacht" beschrieben wurde. Das
ist er sicher nicht. Und ich ahne, dass die einen jetzt denken „Gott sei Dank"
und die anderen „leider" und beide haben irgendwo Recht. Aber wenn eine so
seriöse, angesehene Zeitung wie diese, sich in Zusammenhang mit einem Namen zu
einem solchen Begriff aufbäumt, dann ist das Ausdruck des besonderen Respekts
vor einer Persönlichkeit, die wie wenige andere sich über viele Jahr hinweg ein
ganz besonderes Maß nicht nur an Aufmerksamkeit, sondern an internationalem
Ansehen erworben hat.
Und tatsächlich gibt es nicht viele, aber eine Handvoll Persönlichkeiten, die in
diese ganz kleine Kategorie nicht von Weltmächten, aber von weltweit anerkannten
Persönlichkeiten gehören, ganz sicher auch Lord Dahrendorf, der heute verstorben
ist, und ganz sicher auch Hans Küng – und wenn ich mir diesen Ziel führenden
Hinweis gestatten darf, wohl auch Joseph Ratzinger – um vier ganz
unterschiedliche Namen aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Religion zu
nennen, die nach meiner Beobachtung nicht alle miteinander eng befreundet sind,
wozu auch keine verfassungsrechtlichen Verpflichtungen bestehen, die aber in
unterschiedlicher und durchaus gemeinsamer Weise mehr als die allermeisten
anderen, das Selbstverständnis dieses Landes, dieses Kontinentes, unserer
modernen Zivilisation, beeinflusst und geprägt haben.
Wenn heute Abend Hans Küng den Abraham-Geiger-Preis erhält, dann wird ein
außergewöhnlich vielseitiger Mann für ein ungewöhnlich vielfältiges Lebenswerk
ausgezeichnet. Ein engagierter Katholik, ein Priester und Seelsorger, ein
weltweit beachteter Theologe, ein leidenschaftlicher Wissenschaftler, mit einem
Werk, das, würden wir alle heute Abend diesen fröhlichen Vorsatz fassen, es noch
vollständig zu lesen, die allermeisten von uns schier überforderte, so viel Zeit
haben wir nicht mehr!
Mehr als 60 Bücher, über 700 Zeitschriftenartikel sind von ihm verfasst. Die
allermeisten davon in viele Sprachen der Welt übersetzt, was ein be-sonders
starkes Indiz für die weltweite Beachtung ist, die seine Werke und seine
Überlegungen über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg erzielt haben.
Mit Hans Küng haben wir im Übrigen auch einen der interessantesten Publizisten
unserer Zeit vor uns, mit einer medialen Präsenz, die manche Medienprofis vor
Ehrfurcht erschauern lässt, und bei der der eine oder andere Politiker
eigentlich in eine dauerhafte Versuchung der Nachschulung bei Hans Küng geraten
müsste. Er ist einer der wirklichen Vordenker und Visionäre unserer Zeit, dessen
Rat sowohl in der Wirtschaft wie in der Politik, wenn ich das richtig sehe, eben
nicht immer gerne gehört wird, aber eben trotzdem immer wieder gehört wird. Und
die Kombination der ersten mit der zweiten Hälfte des Satzes ist eigentlich die
wirkliche Besonderheit. Das eine oder das andere hat man schon mal häufiger,
beides zusammen außerordentlich selten.
Und er ist schließlich seit inzwischen einem Dutzend Jahren Präsident einer
Stiftung Weltethos, die mit einem großen Projekt, einen zunehmend großen
Eindruck auf eine überfällige Besinnung unserer heutigen Zivilisation über die
künftigen Grundlagen ihres Zusammenlebens, eingeleitet hat.
Hans Küng wird heute Abend ausgezeichnet für seinen besonderen Beitrag, den er
für den Dialog der Religionen und insbesondere für die Vermittlung des Judentums
als eine der großen Weltreligionen geleistet hat. Für den Beitrag zum
Verständnis dieser Religion und der Verbindungen, die es zwischen dieser und den
anderen großen Religionen unserer Zeit gibt.
Aber ich glaube, dass man sowohl biografisch wie konzeptionell diesen Beitrag
nur schwer verstehen kann, wenn man ihn nicht in den Kontext seiner intensiven,
kritischen und selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Religion und
der eigenen Kirche setzt. Es gibt nur wenige Theologen und noch weniger
bedeutende Theologen, die mit ähnlicher – jetzt hätte ich fast gesagt –
Rücksichtslosigkeit alle einschlägigen heißen Themen in der eigenen Kirche zum
Gegenstand einer öffentlichen Debatte gemacht haben, wie er. Von der
Geburtenregelung bis zur Sterbehilfe, von der Mischehe bis zur Ehescheidung, vom
Zölibat und von Frauenordinariaten bis zum Priestermangel und den Kausalitäten,
die tatsächlich oder vermeintlich zwischen der einen und der anderen Neigung zur
Dogmatisierung historisch gewachsener Regelungen besteht.
Das hat wiederum nach meiner Beobachtung – und ich bitte um Nachsicht, dass ich
heute Abend immer nur ganz subjektive, eigene Eindrücke vortrage und deswegen
niemand, schon gar nicht das Verfassungsorgan Deutscher Bundestag dafür in
Anspruch nehmen möchte – das hat nach meiner Beobachtung seinen Freundeskreis
nicht kontinuierlich erweitert, sondern ihm neben einem hartnäckigen Fanclub
auch einen zunehmend hartnäckigen Kreis von Gegnern eingetragen.
Da er über diesen Wirkungszusammenhang offenkundig zu jedem Zeitpunkt seiner
Biografie nie Illusionen hatte, verdient diese Auseinandersetzung mit diesen
absehbaren Wirkungen umso höheren Respekt. Und das gilt im Übrigen völlig
unabhängig von der Frage, ob man jeweils jede der von ihm streitig bezogenen
Positionen ganz, teilweise oder gar nicht teilt.
Aber die Notwendigkeit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und zwar auch
und gerade wider die herrschende Lehrmeinung, im wörtlichen wie im übertragenen
Sinne dieses Wortes, die gehört nun allerdings auch nach meiner Überzeugung zu
den Voraussetzungen für die Aussicht eines Dialogs der Religionen. Wie anders
soll er denn mit Erfolg stattfinden, wenn er nicht die Bereitschaft einschließt,
über eigene Bestandteile eigener tradierter Glaubensüberlieferungen und dem, was
daraus im Laufe der Zeit geworden ist, selbstkritisch nachzudenken. Und nicht,
was die weiter verbreitete Attitüde ist, zur Voraussetzung des Dialogs zwar
nicht ausdrücklich, aber heimlich, die Veränderungen regelmäßig in den
Nachbarreligionen zu erwarten.
Ich weise deswegen auf diesen Zusammenhang hin, weil sich im Werk von Hans Küng
genau die umgekehrte Reihenfolge nachweisen lässt. Erst kritische Beschäftigung
mit der eigenen Religion und anschließend der Aufbruch zur Expedition in den
Rest der Welt, soweit wir über Weltreligionen reden.
Hans Maier, der langjährige bayrische Kultusminister, das wird man in der
Landesvertretung ja vielleicht erwähnen dürfen, der heute übrigens auch seinen
Geburtstag feiert, hat in seiner Rezension des zweiten Bandes der Erinnerungen
von Hans Küng geschrieben, ich darf ihn mal zitieren: „Keiner fragt als Theologe
so direkt, so unbefangen, so undiplomatisch, so intellektuell zugespitzt wie
Küng, keiner beharrt so nachdrücklich darauf, dass seine Fragen ernst genommen,
dass sie diskutiert werden, auch und gerade wenn es Widerstände dagegen gibt."
Das ist zweifellos richtig beobachtet und einer der Gründe für die vorhin
beschriebenen direkten und indirekten Wirkungen. Zu den besonders heftigen
Wirkungen gehört, dass schließlich im Dezember 1979 sein Text „Kirche – gehalten
in der Wahrheit" dem römischen Lehramt den Anlass bot, Hans Küng die „Missio
canonica", also die kirchliche Lehrbefähigung zu entziehen.
Nun könnten Sie sagen, was hat das alles mit dem Abraham-Geiger-Preis zu tun.
Zunächst mal natürlich gar nichts, aber ich wage mal die kühne These, dass hier
die List der Geschichte aus einem zunächst höchst ärgerlichen Vorgang erst die
Option geschaffen hat, mit der Hans Küng die Möglichkeit und gleichzeitig auch
ein Stückchen die Notwendigkeit hatte, zu neuen Ufern aufzubrechen. Denn der
Entzug dieser Lehrbefähigung hatte, wie Sie alle wissen, zur Folge, dass er
seine theologische Lehrtätigkeit unter den bisherigen Bedingungen aufgeben
musste, aber dank der auch in diesem Zusammenhang wieder prächtig bewährten
Trennung von Kirche und Staat, die gar nicht so unmodern ist, wie das
gelegentlich vermutet wird, seinen Status als Professor und Beamter auf
Lebenszeit beibehalten konnte, mit der klugen Lösung, dass er zwar aus der
theologischen Fakultät ausschied, aber Professor für Ökumenische Theologie und
Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung werden konnte.
Damals gab es erstmals in der deutschen Universitätsgeschichte einen Lehrstuhl
für christliche Theologie der rechtlich keiner Kirche zugeordnet war. So hat das
angefangen. Und rein von den zeitlichen Abfolgen her, ist der Nachweis leicht zu
führen, dass seine großen Werke über die Weltreligionen danach entstanden sind.
Manchmal erzeugt selbst der Vatikan Wirkungen, mit denen er nicht hat rechnen
können. Jedenfalls steht das große Projekt Weltethos in einem nachvollziehbaren
Zusammenhang zu dieser Biografie und den sich daraus herleitenden Stationen
seines Wirkens.
Da das, was man sich unter Weltethos im Allgemeinen vorzustellen hat und schon
gar das, was Hans Küng sich unter einem Weltethos im besonderen vorstellt,
jedenfalls von niemandem besser erläutert werden kann als von ihm selbst, und es
geradezu ein Anfall von Übermut wäre, in seiner Gegenwart erklären zu wollen,
was er damit meint, rette ich mich jetzt mit einer wiederum ganz subjektiven
Bemerkung meiner Einschätzung des Stellenwertes dieses Themas.
Ich glaube, es ist nicht übertrieben – ich sage das mal als gelernter
Sozialwissenschaftler – dass es Zeiten gab, in denen auch renommierte Vertreter
der einschlägigen sozialwissenschaftlichen Fächer das Ende des Zeitalters der
Religionen glaubten ausrufen zu können oder zu müssen. Auf die Idee kommt
interessanterweise niemand mehr. Manche sind mit Eifer an der Tilgung des
Nachweises beschäftigt, sich an solchen voreiligen Ausrufen jemals beteiligt zu
haben. Wir haben heute ganz offenkundig eher mit einer Renaissance der
Religionen als mit ihrer Verabschiedung zu tun. Und bei genauem Hinsehen weist
diese Renaissance sowohl erfreuliche wie ärgerliche Aspekte auf. Und wenn ich
Hans Küng richtig gelesen habe, empfiehlt er uns auch dringlich, die einen wie
die anderen Aspekte mit gleicher Sorgfalt zu betrachten.
Der Punkt, der mich an seinem Anliegen besonders interessiert und fasziniert,
ist der folgende: Mich beschäftigt aus vielerlei Gründen, die natürlich auch
etwas mit der eigenen Biografie und dem zu tun hat, was man irgendwann mal
gelernt hat, die Frage, was eigentlich Gesellschaften, auch und gerade moderne
Gesellschaften, im Inneren zusammenhält. Und je länger ich mich mit dieser Frage
beschäftige, umso mehr komme ich zu der für mich schlüssigen vorläufigen
Antwort: Das, was eine Gesellschaft im Inneren zusammenhält, ist sicher nicht
Politik, ist ganz sicher nicht Wirtschaft, ist schon gar nicht Geld. Das, was
eine Gesellschaft im Inneren zusammenhält, wenn es überhaupt irgendwo
zusammenhält, ist Kultur: Ein Mindestmaß an Orientierungen und Überzeugungen,
die die Mitglieder einer Gesellschaft miteinander teilen und die ihnen das
Mindestmaß an Verhaltenssicherheit vermittelt, ohne das man in modernen wie in
archaischen Zeiten ein Leben nicht erfolgreich bewältigen kann.
Und wenn das richtig ist, dass der eigentliche Kern der inneren Konsistenz von
Gesellschaften – und zwar beliebiger Gesellschaften, auch und gerade moderner
Gesellschaften – Kultur ist, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, wo kommen
denn eigentlich diese Orientierungen her. Fallen die möglicherweise vom Himmel?
Ich glaube, sie fallen nicht vom Himmel. Aber die mit Abstand wichtigsten
einzelnen Agenturen der Vermittlung solcher Orientierungen sind in der
Geschichte der Menschheit die Religionen. Zu dieser Bemerkung braucht man
übrigens kein religiöses Bekenntnis, sondern nur ein gewisses Maß an
Beobachtungsvermögen. Auch jeder Agnostiker muss eigentlich genau diesen
Zusammenhang sozusagen aufgrund seines Beobachtungsvermögens bestätigen.
Und im Übrigen gehört es ja zu den besonders spannenden Teilen des in den
letzten Jahren viel zitierten denkwürdigen Dialogs zwischen Jürgen Habermas und
Joseph Ratzinger, dass ausgerechnet Jürgen Habermas mit einer Bemerkung, die
seinen Fanclub bis heute nachhaltig irritiert, den Abgesang auf die Religionen
als eine im doppelten Sinne voreilige Fehleinschätzung charakterisiert hat und
dass er bei der Neigung zur Emanzipation von allem und jedem, was verbindlich
sein könnte, die Gefahr einer, wie er das formuliert hat, „entgleisenden
Modernisierung" moderner Gesellschaften beschrieben hat.
Religionen haben an Bedeutung nicht verloren, vorsichtig formuliert. Manches
spricht dafür, dass sie in Zeiten der Globalisierung an Bedeutung eher gewinnen,
weil in Verhältnissen, die immer unübersichtlicher werden, das Bedürfnis an
Orientierung immer stärker wird. Dass wir heute Formen der Wiederentdeckung von
Religion erleben in der globalen Welt, in der wir leben, die uns nicht nur zu
Begeisterungsstürmen, sondern auch zu großer Besorgnis veranlassen, muss wohl
nicht im Einzelnen erläutert werden. Es bestätigt aber von einer anderen Seite
die überragende Relevanz von Religionen, die Hans Küng seit Jahrzehnten in
seinem Werk beschreibt.
Und wenn die Prognose richtig ist, dass für das Verhältnis von Ländern und
Völkern und Kontinenten zueinander oder eben auch und gerade für das Verhältnis
von Kulturen zueinander der wichtigste einzelne, maßgebend einflussreiche Faktor
die Religionen und ihre Orientierungen sind, dann ist die Frage nach deren
Dialog und den Voraussetzungen des Dialogs und dem, was sie miteinander
verbindet, eine der Schlüsselfragen unserer Zeit.
Mit genau dieser Schlüsselfrage hat sich niemand intensiver auseinandergesetzt
als Hans Küng. Ihm verdanken wir viele Hinweise auf genau die Gemeinsamkeiten
bei den von ihm wiederum sorgfältig beschriebenen Unterschieden der Religionen,
die gleichzeitig die Voraussetzungen für ein Weltethos sein könnten. Die
Weltreligionen sind für Hans Küng, wie ich finde, völlig richtig beobachtet,
herausragende Agenturen für globale ethische Standards.
Wer anderes als sie könnte solche Prinzipien vermitteln wie Gewaltlosigkeit,
Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Gleichberechtigung. Das sind eben ganz sicher
nicht Orientierungen, die vom Himmel fallen, sondern die auf Erden wachsen
müssen. Wenn sie nicht von Religionen vermittelt werden, ist die
Wahrscheinlichkeit überschaubar gering, dass sie überhaupt vermittelt werden.
Und da sich die Welt nach allem, was wir heute wissen können, auch und gerade
wegen der Globalisierung nicht auf eine einheitliche Standard-Zivil-Religion
zubewegt, wo jetzt wieder der eine „leider" und der andere „Gott sei Dank"
denken mag, ist die Organisation des Dialogs u mso wichtiger.
Jedenfalls brauchen wir für das 21. Jahrhundert, das wir zu mit Abstand größerem
Teil noch vor uns haben, sicher nicht nur ein Mindestmaß an Regeln für
internationale Finanzmärkte. Das wissen wir inzwischen auch etwas genauer als
noch vor einem halben Jahr. Sondern wir brauchen jenseits der Regelungen für
Märkte Orientierungen für Verhalten, ethische Prinzipien für ein Miteinander.
Und je eher und je überzeugender und je nachhaltiger es gelingt solche ethischen
Orientierungen zu globalen Prinzipien zu machen, desto günstiger sind die
Überlebensaussichten unserer Zivilisation.
Verehrter, lieber Herr Professor Küng, ich gratuliere Ihnen von Herzen zu dem
Beitrag, den Sie über viele Jahr hinweg zu diesem Verständnis der Bedeutung von
Religionen, ihres Verhältnisses untereinander und den Beitrag, den sie alle
miteinander und nur miteinander, für die Zukunft unserer Welt leisten können,
erbracht haben, und ich freue mich über die Auszeichnung, die Sie dafür heute
Abend erhalten.