umfasst kulturell dem Mann zugeschriebene Eigenschaften. Dabei steht Männlichkeit dem Begriffspol Weiblichkeit gegenüber und ist wie diese ein kulturell-ideologisch verdichtetes Verständnis (im Gegensatz zum „Mannsein“, was die tatsächlich gelebte Vielfalt repräsentiert). Die über Männlichkeit den Männern zugeschriebenen Eigenschaften unterliegen unter anderem dem kulturellen und sozialen Wandel; sie werden mit den biologisch männlichen Merkmalen als verbunden angesehen (vgl. Männchen). Inwieweit diese Zuschreibungen für sozialisiert oder angeboren (oder sogar "natürlich" bzw. "göttlich gewollt") erachtet werden, unterliegt ebenfalls dem sozialen Wandel. Unterschiedliche Religionen, Weltanschauungen und wissenschaftliche Positionen bieten dazu verschiedenste Modelle als Antworten an. Im wissenschaftlichen Bereich beschäftigen sich vor allem die Gender Studies mit diesen Fragen.
In engerem Sinne wird unter der Virilität (lat. virilis „männlich“) die männliche Stärke, die männlich-erotische Ausstrahlung, oft auch die Zeugungsfähigkeit („Manneskraft“) verstanden.
Mannhaftigkeit wird in der gehobenen Umgangssprache ähnlich wie Tapferkeit verwandt.
Inhaltsverzeichnis
- Männlichkeit im westlichen Kulturraum
- Biologie
- Soziologie
- Literatur
- Weblinks
Männlichkeit im westlichen Kulturraum
Die im westlichen Kulturkreis dem ‚Männlichen‘ unausgesprochen oder ausgesprochen zugeschriebenen Charakteristika sind:
- Eher physische Merkmale
- (Körper-)Kraft (dem gegenüber ‚weiblich‘: Leidensfähigkeit)
- Rohe Sinnlichkeit (dem gegenüber ‚weiblich‘: Zartheit, ganzheitliche Erotik)
- Eher charakterliche Merkmale
- Mut, Risikobereitschaft und Abenteuerlust (dem gegenüber ‚weiblich‘: Zaghaftigkeit, Besonnenheit, Familiensinn, Furchtsamkeit)
- Angriffslust, Gewaltbereitschaft (dem gegenüber ‚weiblich‘: Geduld, List, Täuschung)
- Dominanz, Führungsanspruch, (dem gegenüber ‚weiblich‘: Fügsamkeit, schwankendes Urteil),
- Selbstbeherrschung, auch Gefühlskälte, Coolness, (dem gegenüber ‚weiblich‘: Impulsivität, Warmherzigkeit)
- Eher mentale Merkmale
- technische und organisatorische Gaben (dem gegenüber ‚weiblich‘: soziale Kompetenzen)
- Rationalismus, also auch: Abstraktes Denken, Starrsinn (dem gegenüber ‚weiblich‘: konkretes Fühlen, Kreativität, Anpassungsfähigkeit, Schwachmut, Irrationalismus).
Diese Zuschreibungen werden außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses weithin für archetypisch gehalten, entpuppen sich aber bei näherer kritischer Betrachtung nicht selten als Stereotypen. Die Zuschreibungen stehen im Gegensatz zu vielen Ergebnissen der Genderforschung. Einige ihrer Ergebnisse verweisen auf eine faktische anthropologische Offenheit des Menschen. Von dieser Position ausgehend, werden teilweise obige Zuschreibungen kritisiert: Sie verletzten die menschliche Würde sowohl von Frauen, als auch von Männern.
Solche Probleme verschärfen sich in einer Gesellschaft mit einer höheren Bewertung von Eigenschaften, die Männlichkeit zugeschrieben werden, gegenüber Eigenschaften, die Weiblichkeit zugeschrieben werden. Wenn diese sexistische Bewertungsproblematik dazu führt, dass „Männlichkeit“ zum Maßstab erhoben und „Weiblichkeit“ zur Abweichung gegenüber solcher Norm wird, wird in den Genderforschung von androzentrischen Geschlechterverhältnissen gesprochen.
Mode, Jugendkulturen, Werbung, Filme und andere Medien bieten immer wieder neue Männlichkeitsbilder und -ideale an und verstärken, variieren oder relativieren damit diese Zuschreibungen. Beispiele: Easy Rider (Film), Terminator (Film), Mythos Cowboy (Westernromane, Film, Mode), der (zigarettenrauchende) Marlboro Man der Werbung - aber auch als Relativierung der Hippie u.a.m.
Biologie
Auch bestimmte Eigenschaften des körperlichen Erscheinungsbildes werden vielfach als Sinnbild von Männlichkeit interpretiert. So gelten körperliche Größe, eine ausgeprägte Muskulatur, eine tiefe Stimme, breite Schultern, markante Gesichtszüge und eine starke Körperbehaarung, insbesondere der Brust, als typisch männliche Merkmale. Sie signalisieren biologische Stärke.
Soziologie
Da in den meisten Gesellschaften Männer dominieren (Patriarchat), werden die Tugenden oft schlechthin mit männlichen ‚Eigenschaften‘ assoziiert (vgl. im Lateinischen virtus „Tugend“, abgeleitet von vir „Mann“).
„Männliches“ Handeln und Verhalten wird eingehender - auch im Kulturvergleich - in der soziologischen Rollentheorie behandelt.
Die aktuelle Geschlechterforschung spricht seit den Publikationen der australischen Soziologin Raewyn Connell von Männlichkeit auch in der Mehrzahl: d.h. von „Männlichkeiten“. Connell erarbeitete in historischen und kulturellen Analysen, dass es nicht nur eine, sondern viele Ausprägungen von Männlichkeit gebe, die auch in ein und derselben Kultur gleichzeitig existieren könnten. Jene, die in einer Kultur als vorherrschend akzeptiert wird, wird von ihr „hegemoniale Männlichkeit“ genannt.
Literatur
- Elisabeth Badinter: XY. Die Identität des Mannes. München 1993.
- Claudia Benthien/Inge Stephan (Hgnn.): Männlichkeit als Maskerade. Kulturelle Inszenierungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Köln [u.a.]: Böhlau, 2003. ISBN 341210003X
- Ingo Bieringer/Walter Buchacher/Edgar J. Forster: Männlichkeit und Gewalt. Konzepte für die Jungenarbeit, Verlag für Sozialwissenschaften 2000. ISBN 3810026123
- Ernest Borneman: Das Patriarchat. Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch Verlag) 1982. ISBN 3-596-23416-6
- Judith Butler: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin 1995.
- Lothar Böhnisch: Männliche Sozialisation. Eine Einführung, Juventa: Weinheim 2004. ISBN 3779913720
- Nils Borstnar: Männlichkeit und Werbung. Inszenierung - Typologie - Bedeutung, Kiel: Vlg. Ludwig, Kiel 2002. ISBN 3-933598-23-0
- Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft. Suhrkamp, 2005. ISBN 3-518-58435-9.
- Robert W. Connell (Raewyn Connell): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen: Leske + Budrich 1999. ISBN 3-8100-1805-8
- Jacques Derrida: Geschlecht. Sexuelle Differenz, ontologische Differenz. Wien 1988.
- Ute Frevert: „Mann und Weib, und Weib und Mann“. Geschlechter-Differenzen in der Moderne. München 1995.
- Ernst Hanisch: Männlichkeiten. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, Wien: Böhlau 2005. ISBN 3-205-77314-4
- Luce Irigaray: Ethik der sexuellen Differenz. Frankfurt (Suhrkamp) 1991.
- Michael Kimmel/Amy Aronson: Men & Masculinities: A Social, Cultural, and Historical Encyclopedia, ABC-CLIO, 2003. ISBN 1576077748
- Michael Meuser: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen: Leske + Budrich 1998. ISBN 3810020001
- George L. Mosse: Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit. Frankfurt am Main 1997.
- Paul Nathanson, Katherine Young, Legalizing Misandry: From Public Shame to Systemic Discrimination Against Men, McGill-Queen's University Press (2006), ISBN 0773528628
- Horst-Eberhard Richter: Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft, Psychosozial-Verlag, Neuauflage 2006, ISBN 3-89806-570-7
- Wolfgang Schmale: Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450-2000), Wien: Böhlau 2003. ISBN 3-205-77142-7
- Klaus Theweleit: Männerphantasien. Frankfurt a. Main (Verlag Roter Stern) 1995.
- Esther Vilar: Der dressierte Mann. Das polygame Geschlecht. Das Ende der Dressur. München: DTV, Neuauflage 2000, ISBN 3423361344
- Karin Wieland: Worte und Blut. Das männliche Selbst im Übergang zur Neuzeit. Frankfurt 1998.
Weblinks
- Themenausgabe zu Männlichkeit von „Das Parlament“
- www.hgdoe.de „MannSein - Rolle oder Schicksal?“ Vortrag von Peter Döge auf der Tagung Politik der Liebe der Hessischen Gesellschaft für Demokratie und Ökologie e.V. am 13. Dezember 1999
- www.sexualaufklaerung.de Broschüre über Männlichkeit als PDF
- xyonline Online Magazin über Männlichkeiten mit umfassender Bibliographie
- Mark Juergensmeyer (2005): Die Welt der Cowboy-Mönche. Terror und Männlichkeit
Androzentrismus
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, respektive als Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder das „Männliche“ verstanden werden. Ein androzentristisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm.
Androzentrimus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als „das Andere“, „das von der Norm abweichende“ gefasst wird. Stillschweigend wird dabei Mensch als Mann und die männliche Sicht der Dinge als die Allgemeingültige gesetzt.
Der Begriff Androzentrismus wurde 1911 in diesem Sinne erstmals von Charlotte Perkins Gilman in ihrem Buch „The Man-Made World or Our Androcentric Culture“ verwendet und definiert. Laut Perkins Gilman haben männliche Lebensmuster und Denksysteme den Anspruch der Universalität, d.h. Allgemeingültigkeit, während weibliche Lebensmuster und Denksysteme als Devianz, d.h. Abweichung gelten. Da die Gleichsetzung von Mensch mit Mann weitgehend unbewusst geschieht, ist Androzentrismus nur schwer zu erkennen und sehr oft auch von Frauen tief verinnerlicht.
Androzentrismus in der Wissenschaft
Breite Verwendung fand der Begriff Androzentrismus in der Wissenschaftskritik der achtziger Jahre. Einzelne Themen wurden nicht mehr nur aus feministischer Sicht hinterfragt, sondern die Wissenschaften als Gesamtheit wurde kritisch analysiert. In vier Punkten wurde dem Wissenschaftsbetrieb Androzentrismus vorgeworfen:
- Durch den späten Zugang zu den Universitäten und zum Wissenschaftsbetrieb sei die weibliche Beteiligung insbesondere an der Grundlagenforschung marginal.
- Der dadurch automatisch vorherrschende Androzentrismus führe dazu, dass die zu untersuchenden Problemstellungen einseitig ausgewählt und definiert würden. Dadurch sei Wissenschaft nicht wirklich universell.
- Wissenschaftliche Experimente basierten daher auf einseitig gewählten Faktoren.
- Aufgrund der drei vorhergegangenen Punkte müsse die Objektivität und Rationalität der Wissenschaften infrage gestellt werden, denn auch in den grundlegenden Prinzipien der Wissenschaften seien ausschließlich männliche Sichtweisen und Voreingenommenheiten vertreten.
Diese Art der feministischen Wissenschaftskritik geht weit über die in den 1960er Jahren auftauchende feministische Wissenschaft hinaus, da sie nicht versucht, eine neue Art der Wissenschaft zu etablieren, sondern die herkömmlichen Wissenschaften in ihren Grundfesten kritisiert und ihnen vorwirft, dem eigenen Anspruch an Neutralität und Universalität nicht gerecht zu werden.
Rassismus und Männlichkeitswahn
(von Nadir ?)
Meine Betrachtung des Rassismus geht nicht in erster Linie von den Problemen der deutschen Bevölkerung mit MigrantInnen aus. Die Diskriminierung nicht-deutscher Bevölkerungsteile soll nur als eine Erscheinung des in der Gesellschaft bestehenden Rassismus betrachtet werden, keineswegs als dessen Kern und Wesen. Vielmehr wird Rassismus als grundlegender Bestandteil nationaler, moderner Vergesellschaftung begriffen. In diesem Sinne ist der Rassismus auch nicht von seinem Spiegelbild, dem Antisemitismus zu trennen. Die Juden gelten dem Antisemitismus in erster Linie als Rasse. Die heutige Entwicklung des Rassimsus zum Kultur-Rassismus kann auch als Entwicklung hin zu einem „verallgemeinerten Antisemitismus“ (Poliakov/Girard/Delacampagne: Über den Rassismus) begriffen werden. Der Antisemitismus hatte stets einen Rassenbegriff, der dem der „Kultur“ im heutigen Kultur-Rassismus nahesteht. Meine Kritik des Rassismus (die wohl etwas anderes als Antirassismus ist) will die Entstehung dieser Ideologien aufdecken.
In CEE IEH #84 habe ich mich der Herleitung von Rassismus und Antisemitismus aus der kapitalistischen Gesellschaft (=warenförmiges Patriarchat) gewidmet. Diesen Ansatz will ich im folgenden erweitern. In den Mittelpunkt möchte ich dabei die modernen Erscheinungsformen des Rassismus stellen. Ich vertrat die Position, daß sich Rassismus und Antisemitismus wesenhaft aus dem Kapitalismus ergeben. Eindeutige Abfuhr von mir erhalten also all jene Ansätze, die von einem Verschwinden des einen oder anderen ausgehen, z.B. weil der Kapitalismus „alles gleich machen“ würde. Das gilt auch, wenngleich mit anderer Begründung, für den Sexismus. Nach einer Beschreibung moderner Erscheinungsformen des Rassismus folgt eine Einordnung des Rassismus in das Denken der bürgerlichen Gesellschaft. Dem folgt eine Analyse der Funktion des Rassismus in der Konstitution des bürgerlichen Subjekts. Abschließend möchte ich einige Konsequenzen aus diesen Ausführungen ziehen. Die Argumentation orientiert sich weitgehend an der Psychoanalyse. Dies steht nicht im logischen Widerspruch zum wertkritischen Ansatz, den ich im vorigen Text verfolgt habe. Vielmehr kann die Psychoanalyse als eine Wertkritik von innen, bzw. die Wertkritik als Psychoanalyse von außen gelten. Eine ausführlichere Vermittlung beider Ansätze, die sich nicht 1:1 ineinander überführen lassen, steht freilich noch aus.
Rasse und Rassismus
Zunächst möchte ich klären, was unter Rassismus verstanden wird und
was in diesem Kontext „Rasse“ bedeutet. Das Wort Rassismus wurde lange
Zeit fälschlich auf den deutschen Nationalsozialismus eingeschränkt
verwandt. Heute ist eine gegenteilige Entwicklung erkennbar – die
ungebührliche Ausweitung der Verwendung. Im Sprachgebrauch tauchen
Wendungen wie Rassismus gegen Beamte, Jugendliche oder Frauen auf. Gegen
diese begriffliche Unschärfe ist auf der Bedeutung des Begriffes zu
beharren.
Zunächst eine definitorische Annäherung an den Rassismus: Detlef
Claussen beschreibt ihn als eine „gesellschaftliche Praxis,“ die darauf
hinausläuft, „in Wort und Tat Menschengruppen wegen ihrer Hautfarbe oder
ihrer Herkunft zu diskriminieren“. Sinn des Rassismus ist gemäß
Christina von Rajewski „eine Sinngebung durch Vereinheitlichung des
Bewußtseins“. In diesem Zusammenhang bestimmt sie den Rassismus als eine
„Alltagsreligion“. Deren Aufgabe ist es „die chaotische Mannigfaltigkeit
des Leben geordnet erscheinen“ zu lassen.
Grundlage rassistischer Argumentation ist der Begriff der „Rasse“. Wissenschaftlich ist es höchst umstritten, ob es möglich ist, Menschen in Rassen einzuteilen. Streng genommen ist dies nach biologischen Kriterien nicht durchführbar, weil sich die biologischen Merkmale, die für die Einteilung in Frage kommen (Hautfarbe, Haarform, Augenfarbe, Haarstruktur, Wuchs, Schädelform, Gesichtswinkel, chemische Eigenschaften des Blutes) zu sehr überschneiden. Strenggenommen ist jeder Mensch ein Rasse für sich, was die Soziologin Colette Guillaumin veranlaßte, zur Streichung des Rassenbegriffs aus der Naturwissenschaft aufzurufen. Der italienische Genetiker Luca Luigi Cavalli-Sforza versucht mit genetischer Argumentation den Rassismus zu widerlegen. Er geht davon aus, daß ein Afrikaner mit dunkler Haut, dessen Vorfahren ebenfalls in Afrika lebten, dennoch einem hellhäutigen Europäer genetisch enger verwandt sein kann, als einem anderen Afrikaner aus seinem Heimatort (vgl: Luca L. Cavalli-Sforza: Verschieden und doch gleich – ein Genetiker entzieht dem Rassismus die Grundlage).
Alter und neuer Rassismus
Im Folgenden soll die Entwicklung des rassistischen Denkens von
seiner Entstehung an dargestellt werden. Dabei möchte ich besonders auf
den Bruch eingehen, der sich nach 1945 vollzog, der auf einen Übergang
zu einem kulturalistisch argumentierenden Rassismus hinzielte.
Selbst wenn man sich auf eine biologische Einteilung der Menschen in
Rassen einläßt, hat dies noch nichts mit dem allgemeinsprachlichen
Gebrauch des Wortes zu tun. Ein Rassist stützt sich nur scheinbar auf
den biologischen Rassenbegriff. Vielmehr verwendet er einen
soziologischen Rassenbegriff und behauptet dessen biologische
Begründbarkeit. Der soziologische Begriff von Rasse umfaßt viel mehr
Merkmale als der biologische, der sich ausschließlich auf äußere
Merkmale stützt. Im soziologischen Gebrauch werden Menschengruppen,
denen eine gemeinsame biologische Rassenzugehörigkeit zugeschrieben
wird, auch bestimmte moralische, psychische, intellektuelle und
kulturelle Eigenschaften zugesprochen. Bereits der schwedische
Naturwissenschaftler Carl von Linné sprach im 18. Jahrhundert in seiner
Klassifikation vom verstandgeleiteten Europäer, vom moralgeleiteten und
freiheitsliebenden Indianer, vom verschlagenen und geschäftstüchtigen
Asiaten und vom faulen, triebgesteuerten Afrikaner. Eine derart
ausgeweitete Fassung des Rassenbegriffs ist durch nichts zu
rechtfertigen. Es handelt sich um ein reines Wahngebilde.
Dessenungeachtet spielt der Rassismus in der europäischen Geschichte eine entscheidende Rolle. Vor allem ist die Entwicklung des Rassismus eng mit der Wissenschaft verknüpft. Die ersten Rassenvorstellungen wurden von den Wissenschaftlern der Aufklärung entworfen. Später verknüpften sich biologische und sprachwissenschaftliche Rassismusbegründungen. Die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts begab sich auf die „Suche nach einem neuen Adam“ (Poliakov). Aus der Erkenntnis einer sprachlichen Verwandschaft zwischen germanischen, romanischen, slawischen, keltischen und indischen sowie iranischen Sprachen (indo-europäische Sprachen) entwickelte sich der Mythos eines einheitlichen Vorfahren und einer biologischen Verwandschaft. Die derart halluzinierte „arische“ Rasse wurde im Gegensatz zu einer semitischen (Araber, Juden), sowie einer hamitischen Rasse (Berber, Somalis, Tuareg, Äthiopier etc.) konstruiert.(1) Die in Europa lebenden Juden wurden dabei als Angehörige der semitischen Rasse inmitten des „arischen Raumes“ angesehen. Dabei wurde schließlich gänzlich von äußerlichen Unterschieden abgesehen – und auf Blutszusammensetzung und daraus abgeleitet, bestimmten psychischen Eigenschaften rekurriert. Es wurde ein typisch jüdisches Wesen halluziniert (schmarotzend, umherschweifend), welches mit einem typisch arischen Wesen (produktiv, mit der Heimat verwurzelt) unvereinbar sei. Durch das Zusammenleben sei es zu einer „Rassenmischung“ gekommen, die einen unaufhaltsamen kulturellen Abstieg und schließlich den Untergang der Kultur nach sich gezogen haben soll. Spätere rassistische Argumentationen zielten daraufhin ab, diesen Prozeß durch »Rassenkampf« und »Rassenbewußtsein« zu stoppen und umzukehren. Durch Methoden der Zuchtauswahl (Eugenik) sollte eine möglichst reine arische Rasse gezüchtet werden. Angebliche Mißbildungen (Behinderte) und angeblicher kultureller Verfall (Abwendung von tradierten Sitten, sexuelle Zügellosigkeit, Homosexualität, psychische Erkrankungen wie Neurosen) wurden als Ergebnis der Rassenmischung bzw. der aus ihr folgenden „Degeneration“ dargestellt und sollten durch Ghettoisierung oder Sterilisation abgewendet werden. Das bestialische Mordprogramm der Nazis erweist sich somit als ein ideell vorbereitetes Projekt – keineswegs vom Himmel gefallen, sondern in die europäische Geistesgeschichte sich einreihend.
Nach 1945 galt der Rassismus als weitgehend diskreditiert. Neuere Entwicklungen, wie die Entstehung einer neonazistischen Massenkultur in den Neuen Bundesländern der BRD und im gesamten Osteuropa und zunehmend auch im westlichen Europa lassen diese Hoffnung als illusorisch erscheinen.
Tatsächlich vollzog sich in Westeuropa und Nordamerika eine subtile
Umgestaltung des Rassismus. „»Rasse« ist kein Konzept, aber
unbestreitbar ist es eine Vorstellung, das heißt ein Bündel von
Konnotationen, ein Cluster unbeständiger Bedeutungen, dessen
Bedeutungskern allerdings konstant bleibt“. Rasse erwies sich als
„zentrales Moment der Wahrnehmung der Beziehungen zwischen
Menschengruppen als »natürliche«, physisch zu somatischen Besonderheiten
gehörenden Beziehungen“. Rasse umfaßt „morpho-physiologische ...
soziale, ... symbolische und geistige ...“ sowie „imaginäre Kennzeichen
... Die Gesamtheit dieser Kennzeichen verschmilzt zu einem synkretischen
Ganzen. Ein Zusammenhang, der zahlreiche Zugänge aufweist. Wenn sich bis
vor kurzem der offizielle und anerkannte Zugang über somatische (oder
als somatisch angenommene) Kriterien vollzog, verändert sich dies nun.
Der Begriff Kultur ist dabei, ein angesehener Zugang zum gleichen
Cluster von Bedeutungen zu werden.“ (Colette Guillaumin, Rasse – das
Wort und die Vorstellung).
An die Stelle des alten Rassismus, in dessen Zentrum die Zuweisung von
Menschen zu Rassen stand, tritt jetzt ein Kultur-Rassismus bzw.
Kulturalismus, in dessen Zentrum die kulturelle Zuweisung steht.
Galt ein Mensch vorher als Exemplar seiner „Rasse“, so gilt er jetzt als
Exemplar „seiner Kultur“. Der alte und der neue Rassismus werden von
einem sie verbindenden ideologischen Kern durchzogen. Bevor dieser
dargestellt wird, soll noch kurz auf die Unterschiede zwischen altem und
neuen Rassismus eingegangen werden.
Kennzeichen dieses „Neorassismus“ sind:
1) Eine Verschiebung von Rasse zu Kultur ...
2) Eine Verschiebung von Ungleichheit zu Differenz: Die zur Schau
gestellte Verachtung für die »Unteren« scheint so Platz zu machen für
die Angst vor dem Kontakt mit anderen und ... einer Phobie vor der
Mischung.
3) Ein stärkerer Bezug auf auf heterophile Aussagen (Recht auf Differenz
etc.) als auf heterophobe Äußerungen ...
4) Der symbolische oder indirekte Rassismus äußert sich, ohne deklariert
zu werden, und tendiert dazu, den direkten oder deklarierten Rassismus
zu ersetzen ...“ (Pierre-André Taguieff, Die ideologischen Metamorphosen
des Rassismus und die Krise des Antirassismus).
Der neue Rassismus spricht also nicht mehr von Rassen sondern von
Kulturen. Der Haß auf das Fremde kann dabei (muß aber keineswegs) einer
Liebe des Fremden Platz machen. Der Neue Rassismus liebt oft die
Angehörigen fremder Kulturen ob ihrer „kulturellen Eigenarten“. Damit
liebt er sie aus den gleichen Gründen, aus denen der alte Rassismus sie
verachtete. Der fließende Übergang beider Denkweisen zeigt sich auf
einem kürzlich gesichteten Aufkleber der NPD: auf diesem wurde die
Forderung nach einem „Ausländerstopp“ mit dem Erhalt „ethnischer
Vielfalt“ verbunden.
Rassismus und Antisemitismus als Biologisierung des Sozialen
Was verknünpft den neuen Rassismus mit dem Antisemitismus?
Es läßt sich dabei eine zentrale Ideologie ausmachen, die alten und
neuen Rassismus verknüpft. Sie beinhaltet seinen „zutiefst inhumanen
Kern“, der darin besteht, „daß er Menschen ... nicht als
Persönlichkeiten mit eigenen Anlagen und Begabungen, sondern im Grunde
nur als Mitglieder ihrer »Rasse« oder ihres »Kulturkreises« ansieht“ (Butterwegge,
Rechtsextremismus, Rassismus, Gewalt, S.122ff). Diese Ideologie wurde
von Alexander Demirovic als „biologisch-genetischer Lebensbegriff“
bezeichnet (vgl. Demirovic: Vom Vorurteil zum Neorassismus). Folgende
Momente kennzeichnen diesen:
1) Ein Individuum wird als Teil eines Volkes oder einer »Rasse« aber
nicht als eigenständige und einmalige Persönlichkeit wahrgenommen.
2) Der einzelne gilt als streng determiniertes Wesen.
3) Die Gemeinschaft sei nicht für den Einzelnen, sondern der Einzelne
für das Wohl der Gemeinschaft verantwortlich.
4) Sozialdarwinistische Interpretation des Lebens: Dem Schwachen wird
kein Existenzrecht zugestanden, die Anpassung an die Mehrheit gilt als
oberstes Gebot.
5) Die Abwehr des Fremden wird mit aus der Biologie entnommenen
Metaphern (Ethnozentrismus) gerechtfertigt. Es wird also behauptet, „Fremdenhaß“
wäre angeboren etc. .
6) Ablehnung kosmopolitischer Tendenzen. Betonung der Verwurzelung des
Menschen mit seiner »Heimat«.
7) Die verändernde und intellektuelle Kraft des Einzelnen zählt nicht.
8) Ablehnung des Theoretischen zugunsten des Gefühls, des Konkreten, des
Ursprünglichen.
In diesem Zusammenhang spricht Etienne Balibar von einem „Rassismus ohne
Rassen“ (Balibar: Der Rassismus – auch noch ein Universalismus).
Kennzeichnend für diesen Neorassismus ist seine Liebe zur Vielfalt der
Kulturen und zur Differenz. Ethnische Vielfalt wird als Reichtum oder
»Wert« betrachtet, weshalb sich ethnische Mischung verböte und der
»Schutz der bedrohten Völker« (nicht selten geht es dabei um den Schutz
des eigenen – angeblich bedrohten – Volkes) gebietet. Rassismus äußert
sich nicht mehr unbedingt als Haß auf Differenz, sondern: die
Differenz der Ethnien wird zum neuen Dreh – und Angelpunkt des
Rassismus.
Neuer Rassismus kann somit wesentlich als verallgemeinerter
Antisemitismus bezeichnet werden. „Bestimmte Motive tauchen im
rassistischen wie auch im antisemitischen Denken auf, beispielsweise,
wenn »Asylanten« typisch »jüdische« Eigenschaften zugeschrieben werden.
Im Schimpfen auf die »unverschämte Lässigkeit« und »sexuelle
Attraktivität« schwarzafrikanischer Flüchtlinge schwingt der Neid
verkümmerter Volksgenossen auf Individualität und Differenz. Mit der
Figur des »Wirtschaftsflüchtlings« haben die Politiker einen
historischen Wiedergänger des »reichen Geldjudens« geschaffen. Es
handelt sich also nicht um eine Ablösung des Antisemitismus durch den
Rassismus; vielmehr ist der deutsche Rassismus mit antisemitischen
Elementen aufgeladen.
„Trotz der Gleichartigkeit der Motive des Hasses weist seine Ausprägung
die von Postone [Nationalsozialismus und Antisemitismus] skizzierten
Unterschiede auf. Rassistisch definiert der Bürger sich gegen die zur
Verwertung des Werts untauglichen; im Antisemitismus grenzt er sich ab
von den ihn angeblich bedrohenden, unfaßbaren Mächten des Abstrakten,
von Geld und Geist ...“. (Jürgen Elsässer, Antisemitismus – das alte
Gesicht des neuen Deutschland, S. 57-59).
Rasssistisches und antisemitisches Denken läßt sich auf diese Weise als
eine umfassende Biologisierung des Sozialen darstellen.
Natur und Kultur in der Moderne
Im Folgenden soll geklärt werden, wie sich diese Denkweise
kulturhistorisch im europäischen Denken ausbildete. Oft wird in der
Diskussion um den Rassismus dieser als eine vormoderne Erscheinung
betrachtet. Ursächlich für rassistisches Denken seien quasi
mittelalterliche traditionelle Relikte, die noch in den Köpfen
herumspuken würden. Mit zunehmender Weiterentwicklung der Gesellschaft
(»Globalisierung«) würden diese verschwinden. Dieser These soll hier auf
das Entschiedenste widersprochen werden.
Vielmehr ist es derartiger Fortschrittsoptimismus, der sich an der
Geschichte längst bis zur Überdrüssigkeit blamiert hat und der endlich
als überholtes Relikt beiseite gelegt werden sollte.
Daher die Gegenthese dieses Textes:
Rassismus ist untrennbarer
Bestandteil der kapitalistischen Moderne. Einige Autoren haben auf
die Verquickung des Rassismus mit der kapitalistischen Ökonomie (Werner
Ruf) bzw. mit der Kolonialgeschichte (Henning Melber) verwiesen. Darauf
soll hier nicht näher eingegangen werden. Statt dessen möchte ich
rassistisches Denken aus der Kulturgeschichte der Moderne entwickeln: Rassismus als Konsequenz des modernen Denkens.
Tatsächlich finden sich rassistische Positionen nicht in vormodernen Schriften. Diskriminierungen in vormodernen Zeiten (die Barbaren in der Antike, die Juden, Ketzer, Aussätzigen und Geisteskranken im Mittelalter) können nicht als rassistisch bezeichnet werden. Erst die europäische Moderne und einzig diese entwickelte jene für den Rassismus typische Biologisierung des Sozialen und die wissenschaftlich begründete Abwertung und Bewertung von Menschen. Auf eine ausführliche Beschreibung der Entwicklung dieses Denkens muß hier leider verzichtet werden (vgl dazu Poliakov/Delacampagne/Girard: Über den Rassismus oder Poliakov: Der arische Mythos oder Benz/Bergmann: Vorurteil und Völkermord).
Grundlegend für das Denken in der Moderne ist die Bewußtwerdung des
Unterschiedes zwischen Mensch und Natur. In Ansätzen und bei nur
geringer Verbreitung war diese Trennung den Menschen schon vorher bewußt
(Beispiele dafür stellen die antike Philosophie in ihrer komplexesteten
Gestalt, also den Werken von Aristoteles und Platon sowie das Alte
Testament als Basis der jüdischen Religion dar).
Der Mensch beginnt in der Moderne, das heißt etwa ab der Aufklärung sich
seiner selbst als von der Natur getrenntes Wesen zu betrachten. Er
stellt sich ihr gegenüber, um sie wissenschaftlich zu erforschen und zu
klassifizieren („traditionelle Theorie“, Horkheimer: Traditionelle und
kritische Theorie) und sich diese Erkenntnisse in ihrer Beherrschung
nutzbar zu machen(2).
Dazu unterwirft er sich selbst jenem beherrschenden Zwang. Er übt sich
einen klaren, geregelten Tagesablauf ein – wie er für den Tagesablauf
der Arbeitenden in den entstehenden Manufakturen und Fabriken des 18.
und 19. Jahrhunderts typisch ist (und für die Verwaltenden dieser
ebenso). Es entsteht ein globales Weltsystem mit bürgerlichen Nationen,
die über Weltmarkt, Börse und Weltgeld zusammengeschweißt sind.
Dabei verschwinden einerseits die Unterschiede in den Gruppen (die
tradierten feudalen Kasten) und andererseits die Unterschiede zwischen
den Gruppen – also die vielfältigen ethnisch-kulturellen
Differenzen.
Im Zuge dieser Entgegenstellung und dem Verschwinden der Unterschiede zwischen und in den Gruppen mit zunehmender Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse kommt es zu einer Orientierung an scheinbaren biologischen Gewißheiten, wobei das scheinbar Natürliche einen hohen Stellenwert erlangt. In diesem Kontext werden ethnische, »rassische« und geschlechtliche Unterschiede naturalisiert. Es wird also behauptet, es sei „natürlich“ gegeben, also vor allem unveränderlich, daß man „Deutscher“ oder „Deutsche“ ist und deshalb sich in bestimmter Weise verhält und so und so aussieht. Das es „Deutsche“ gibt, die diesem Bild gerade nicht entsprechen, widerspricht dem gemäß rassistischer Denkweise nicht – es bestätigt sie vielmehr geradezu. Einerseits schreibt man sich selbst als Angehöriger eines Volkes oder einer »Rasse« Natürlichkeit zu, andererseits wird »den Anderen«, der »anderen Rasse« bzw. „Kultur“ Natürlichkeit zugeschrieben.
Jetzt soll nach dem Wesen rassistischer Mythen gefragt werden: In
diesem Zusammenhang ist es wichtig, daß die meisten völkischen Mythen
sogenannte Ursprungsmythen sind. So wird das deutsche Volk als ein in
sich geschlossenes organisches Ganzes halluziniert. „Wir glauben daher,
daß die wahre Bedeutung der deutschen Geschichte in dem über
Jahrhunderte hin kumulativ gewachsenen Einfluß eines Phantasmas von ganz
bestimmter Art liegt.
Daraus entstehen von Zeit zu Zeit Schübe eines Verfolgungswahns, der
sich gegen eine als nicht-deutsch, als fremd empfundene Bedrohung
richtet (Rom, die Welschen, die Slawen, die Juden); der Wahn führt dazu,
daß die Reihen dichter geschlossen werden. Er läßt den Plan aufkommen,
Feinde anzugreifen und zu vernichten, die zugleich imaginär und real
sind ...; und zwar Feinde, deren bloße Existenz als Provokation
empfunden werden kann ... daher die in ihrer Übertriebenheit
charakteristischen Anfälle eines flammenden deutschen Patriotismus,
daher auch die Tradition ... der »nationalen Demütigungen«, die
Deutschland zugefügt wurden.“ (Poliakov, Der Arische Mythos, S. 107)
Das Volk wird als organisch-biologische Einheit gesehen, für dessen
Reinheit es zu kämpfen gilt. Alle äußeren und inneren „Andersartigen“
werden dann als Feinde betrachtet. Diese Feinde stellen einerseits eine
Bedrohung dar, werden andererseits aber gerade zur Abgrenzung, zum
eigenen Finden von Identität gebraucht. Adolf Hitler in einem Gespräch:
„Gäbe es den Juden nicht, so müßten wir ihn erfinden.“
„Diese ... ideologischen Bestrebungen ... stehen wohl im Zusammenhang
mit dem hervorstechenden Merkmal des archetypischen Germanen (oder des
»idealen deutschen Menschen«): einem unerschütterlich reinen Gewissen
oder vielmehr einem Gewissen, daß um jeden Preis rein sein will –, so
daß wir schließlich ein Phantasma ohne jedes Gewissen vor uns haben (die
»blonde Bestie – ein Tier, kein Mensch«). Der Preis jedoch, der in Form
von Abwehr und Projektionsmechanismen zu zahlen ist (wobei per
definitionem »fremdländische Feinde« als Zielscheibe gewählt werden),
ist sehr hoch ...“ (ebenda, S. 106f)
Der „eigenen Nation“ wird ein dunkler und mythischer Ursprung
zugeschrieben. In Deutschland sind das die Germanen und die mythische
deutsche Sagenwelt, wie sie in Sagen wie dem „Nibelungenlied“
ausgedrückt wird. Die Vergangenheit der „sagenhaften“ deutschen Nation
wird als stark, rein, gesund, unverfälscht halluziniert. Diesen als
verloren empfundenen Zuständen wird nachgetrauert bzw. um ihre
Wiederherstellung gekämpft. Man glaubt historisch eins mit sich, der
Natur und dem Volk gewesen zu sein, anstatt von abstrakten Zwängen
beherrscht (und kann dafür sogar in gewissem Sinne Wahrheit beanspruchen
(3)). Dabei wird den „Anderen“, „Fremden“
unterstellt, diese ursprüngliche Einheit zerstört zu haben. Daher ist
jeder Mythos ein Ursprungsmythos. Er behauptet eine reine Vergangenheit,
von der man sich mit zunehmender „Modernisierung“ entfremdet hätte (hier
findet die begrenzte Wahrheit dann ihr Ende: schließlich gab es diese
Ursprünglichkeit nie und vor allem wurde sie nicht von fremden Mächten
oder durch eine „Rassenmischung“ und „Überfremdung“ zerstört).
Was ist die Konsequenz? Die erlebte und gefühlte Trennung von der
Natur soll durch Einbindung in eine angeblich natürliche, geschlossene
Gemeinschaft und durch Abgrenzung von ebenso naturhaft »Anderen«
überwunden werden. Diese »Anderen« sind dabei gleichermaßen notwendig
zur Herstellung dieser Einheit, wie Ärgernis, welches an die
Unmöglichkeit dieser Einheit mahnt und die für die Unmöglichkeit dieser
Einheit verantwortlich gemacht werden. Die »Fremden«, bzw. »Anderen«
stehen somit gleichermaßen für die Herstellung dieser Einheit wie für
die vage Erkenntnis, daß es sich dabei letztendlich um einen
Selbstbetrug handelt. Die »Anderen« müssen also zugleich immer wieder
gesucht und sogleich immer wieder verfolgt werden.
Hier hat der Begriff der „Identität“ seine Quelle: Identität drückt
stets ein Verhältnis/eine Beziehung aus. Die Frage nach meiner Identität
ist stets gleichbedeutend mit der Frage wie ich mich von anderen bzw.
„dem Anderen“ unterscheide. Identität bedeutet dabei stets
Zurechtquetschung und Zurichtung.von sich selbst und den anderen. Daher
schließen sich auch Identität und Emanzipation aus. Emanzipation kann
nur als Befreiung von der Identität gedacht werden.
Die Sehnsucht nach Vollkommenheit und das Unheimliche als Allbekanntes
Um dem Phänomen Rassismus weiter auf die Spur zu kommen, soll jetzt erörtert werden, warum einzelne Menschen in sich das Bedürfnis verspüren, derartige Denkmuster aufzugreifen. Dazu soll auf die Erkenntnisse der Psychoanalyse zurückgegriffen werden. Der den Rassismus wesentlich begründende Mythos ist oben als Resultat gefühlter Trennung von der Natur decodiert worden. Es war festgestellt worden, daß er stets als „Ursprungsmythos“ verbunden mit einer Sehnsucht nach Reinheit und Ursprünglichkeit auftritt. Dieser kollektiven Denkweise soll nun in ihrer individuellen, psychologischen Entstehung nachgespürt werden.
Zunächst einige Gedanken zum Aufgreifen der Psychoanalyse. Kern
dieser von Freud entworfenen Lehre ist die Annahme unbewußter
psychischer Vorgänge. Ich habe also Gedanken, Gefühle und Gewißheiten
von denen ich selbst nichts weiß. Jeder Mensch kann das an sich
nachvollziehen. Mir fällt ein Name nicht ein, so angestrengt ich auch
nachdenke. Er liegt mir auf der Zunge aber ich komme einfach nicht
drauf. Ich denke schließlich nicht mehr dran und plötzlich fällt mit der
entsprechende Name wie aus heiterem Himmel ein. Unbewußt ging also die
Suche nach dem Vergessenen weiter. Ein anderes Beispiel: Ich habe ein
Problem zu dem mir trotz angestrengten Nachdenkens keine Lösung
einfällt. Und urplötzlich, häufig am nächsten Morgen, nach dem Schlaf,
erscheint das Problem nicht mehr so aussichtslos wie zuvor und ich habe
plötzlich eine Lösung parat. Diese alltäglichen Erscheinungen aus dem
psychischen Leben sind für Freud Hinweise auf ein psychisch Unbewußtes
(vgl. Freud: Das Unbewußte).
Ebenso beruhen Denkweisen und Ideologien der Menschen auf unbewußten
psychischen Vorgängen(4). Nicht rationale
Überlegungen sind der zentrale Grund für rassistische Überzeugungen,
sondern eine „Idiosynkrasie“, eine wirklich gefühlte Abneigung gegenüber
bestimmten Menschen. Unbewußte psychische Konstellationen sind also der
Untergrund ideologischer Gebilde, mit denen bestehende Zustände
scheinbar rational erklärt werden(5).
Doch zurück zum Unbewußten. Unsere zentrale Frage: woher stammt die
oben beschriebene Sehnsucht nach Reinheit, Vollkommenheit und
Ursprünglichkeit, die den Kern des Rassismus ausmacht? Daher zunächst
ein kurzer Ausflug in Freuds Entwicklungstheorie.
Gemäß der Entwicklungstheorie Freuds gestaltet sich die Entwicklung des
Kindes in der Form von psycho-sexuellen Phasen. Das Kind kommt als Wesen
zur Welt, bei dem sexuelle Lust und Nahrungsaufnahme nicht gesondert
sind. Es empfindet bei der Nahrungsaufnahme zugleich sexuelle Lust.
Aufgrund fortschreitender körperlicher Entwicklung (v.a.
Muskelentwicklung und Zahnbildung) einerseits und Entwöhnung von der
Mutterbrust andererseits geht diese erste „orale“ Phase schließlich in
die zweite, die „anale“ über. Lustgewinnung erfolgt jetzt nicht mehr bei
der Nahrungsaufnahme, sondern bei der Ausscheidung. Das in dieser Phase
entscheidende Lustobjekt, die eigenen Ausscheidungen, werden dem Kind
aber durch elterlichen Einfluß weggenommen. Es muß sie zu festgesetzten
geregelten Zeiten ausüben und darf nicht mehr frei über sie verfügen.
Das daraus für ein Kind entstehende Leid muß als unermeßlich betrachtet
werden – schließlich handelt es sich um die Verhinderung seiner
sexuellen Befriedigung (Freuds fundamentale Entdeckung, den Menschen von
seiner Geburt an und nicht erst ab der Pubertät als sexuelles Wesen zu
betrachten, setze ich hier mal voraus).
Mit weiterer psycho-sexueller Entwicklung tritt schließlich, und zwar
ca. im 4.-5. Lebensjahr die „phallische“ Phase ein, in der das Kind
durch Masturbation, nämlich Berührung des Penis oder der Klitoris Lust
empfindet. Mit der für das Kind katastrophalen Entdeckung seiner
Geschlechtlichkeit zieht es sich schließlich teilweise (nicht so radikal
wie Freud noch vermutete) vom Sexualleben zurück und es beginnt die
„Latenzphase“ – die typisch für das Schulkind ist und bis zum erneuten
Anwachsen sexueller Gefühle in der Pubertät anhält.
Die Entdeckung der eigenen Geschlechtlichkeit zerstört im Kind die
vordem gefühlte Einheit, das Gefühl ein „ganzer Mensch“ zu sein. Daher der in den Träumen und Neurosen psychoanalytisch nachweisbare
Wunsch der Verleugnung der Geschlechtlichkeit der Menschen. In einer
männlich-patriarchalen Gesellschaft zeigt sich dieser im unbewußten
Schrecken vor der Penislosigkeit der Frau (beim Mann) und dem Wunsch
einen Penis zu besitzen (bei der Frau: hier zeigt er sich meist als
Wunsch ein Mann zu sein, oder männliche Eigenschaften zu haben). Wie
gesagt: alles weitgehend unbewußt.
Dieser Ansatz gewinnt seine Schärfe erst dann, wenn man bereit ist, die
Erkenntnisse der feministischen Wissenschaft ernst zu nehmen – vor allem
dann, wenn man den Kapitalismus als patriarchale Gesellschaft begreift.
Kindern, die von vornherein mit der gespürten Gewißheit einer männlichen
Gesellschaft aufwachsen, halten den Penis tatsächlich für ein Symbol der
Macht, Beherrschung und Stärke. Die Äußerung Freuds, daß das kleine
Mädchen sich als „kastriert“, also als „Wunde“ (Adorno) vorkommt, findet
also in den gesellschaftlichen Verhältnissen ihre Entsprechung, in denen
der Besitz eines Penis tatsächlich einen wesentlichen Zugang zu
gesellschaftlichen Möglichkeiten bedeutet(6).
Es sollen jetzt zwei weitere psychische Vorgänge und ihre
Konsequenzen betrachtet werden: die Regression und die Fixierung.
Aufgabe der Entwicklung ist laut Freud die Bildung eines „genitalen
Charakters“. Die Sexualität soll der Fortpflanzungsfunktion unterworfen
werden. Alle andere Triebwünsche des Kindes, z.B. die nach oraler oder
analer sexueller Befriedigung, soll es dieser unterordnen. Vor allem
soll es den Wunsch nach Einheit mit der Mutter, nach der es sich als
Kind sehnte, aufgeben und statt dessen eine „normale heterosexuelle
Beziehung“ eingehen. (wie gesagt: man mag zu diesen Äußerungen stehen
wie man will, es bleibt der Fakt, daß es die bestehende Gesellschaft
tatsächlich vom Kind, später vom Heranwachsenden verlangt und davon ist
zunächst auszugehen).
Bleibt im realen Leben die Befriedigung weitgehend versagt – und davon
ist in einer kapitalistischen, patriarchalen Arbeitsgesellschaft
auszugehen, dann „droht“ ein psychischer und sexueller Rückfall auf
frühere Stufen der Entwicklung. Der erwachsene Mensch kramt unbewußt in
seiner Erinnerung, fragt sich, wann er denn einmal voll befriedigt war
und stößt dabei auf jene frühkindliche Phase, die vor dem Erkenntnis der
Geschlechtlichkeit liegt. Er sehnt sich zurück nach jenem frühkindlichen
Stadium der gefühlten Einheit mit der Mutter. Das versteht Freud unter
Regression.
Die Fixierung beschreibt das Steckenbleiben der oben beschriebenen
phasenartigen Entwicklung. Es kommt also gar nicht erst zur
Herausbildung jenes „genitalen Charakters“ und die Person bleibt
psychisch auf der oralen oder analen Phasen stehen: in diesem Fall
spricht Freud von Fixierung (auf einer bestimmten Phase).
Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß das Kind sich vor dem Erkennen der Geschlechtlichkeit als »ganzer Mensch« fühlt (zumindest erscheint dies beim Rückblick auf die Kindheit so) – erst jetzt erkennt es seine prinzipielle Getrenntheit vom anderen, in Form des Liebesobjekts Mutter. Das Kind erkennt, daß es ein vereinzeltes, auf sich allein gestelltes Wesen ist und bleibt. Dies geht einher mit einer Sehnsucht nach jener früheren Phase, der Sehnsucht nach einer verlorengegangenen, früher angeblich vorhandenen Einheit und Ganzheit (vgl. Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips).
Was bedeuten die beschriebenen psychischen Prozesse für das
Verständnis des Rassismus? In dieser Sehnsucht nach der einst gefühlten
„Allmacht“ und „Einheit“ hat die Herausbildung rassistischer Denkweisen
ihren Urquell. Der einstmals gefühlte Zustand soll im realen Leben durch
die Bindung an rigide Gemeinschaften und Denkweisen realisiert werden.
Julian Bielicki spricht in diesem Zusammenhang von Faschos als erwachsen
gewordenen Riesensäuglingen (Bielicki: Der rechtsextreme Gewalttäter).
Daher der Wunsch der Rassisten nach Verschmelzung mit der eigenen
„Rasse“, dem eigenen „Volk“, daher die zentrale Bedeutung von „Blut“,
„Volk“ und „Boden“ im rassistischen Denken. Man möchte Teil einer
Blutsgemeinschaft, verwurzelt mit der „Volksgemeinschaft“ und ihrem
angestammten Boden sein.
In diesem Wunsch eines mit sich, seinem Volk, dessen Boden/Natur zu
sein, hat auch der sexistische Männlichkeitswahn seinen Ursprung. Wie
dem Rassisten die Existenz anderer Rassen, so ist dem Sexisten die
Existenz des „anderen“ – nämlich weiblichen Geschlechts ein permanentes
unbewußtes Ärgernis. Das selbstherrliche männliche Subjekt kann neben
sich nichts dulden, es will alles sein, eben das „Ganze“, auf das
sich die infantile Sehnsucht richtet. Damit kann man durchaus vom
Rassismus als männlichem Denken sprechen. Da spricht nicht dagegen, daß
sich auch Frauen dieses Denkens bedienen können. Die psychische
Entwicklung hält für sie, wenn auch in begrenztem Umfang, die
Möglichkeit bereit, am „Männlichen“ teilzuhaben (vgl. Freud: Neue Folge:
Die Weiblichkeit).
Dem „Fremden“ wie auch dem „anderen Geschlecht“ kommt im
rassistischen/sexistischen Denken eine eigentümliche Ambivalenz zu.
Ambivalenz ist ebenfalls ein psychoanalytischer Begriff. Er verweist auf
das Nebeneinanderbestehen gegensätzlicher Regungen. Typisch dafür ist
das gleichzeitige Hassen und Lieben der Eltern.(7)
Auch das besprochene Fremde unterliegt nun einer derartigen Ambivalenz.
Es wird gleichzeitig panisch gesucht wie panisch davor geflohen.
Einerseits braucht der Rassist die andere Rasse – und schafft sie damit
geradezu – und andererseits flieht er vor ihr, buchstäblich wie vor der
Pest. Einerseits ermöglicht die Abgrenzung von den „Fremden“ die
Begründung einer eigenen Rasse und des Gefühls der Zugehörigkeit zu
dieser. Andererseits macht gerade dieser „rassische“ Unterschied darauf
aufmerksam, daß man eben nicht „alles“ ist, sondern daß es noch dieses
„Andere“ gibt. An der anderen Rasse wird die Verlogenheit der
Volksgemeinschaftsideologie deutlich. Sie gibt nicht, was sie
verspricht. Daher mußte im Nationalsozialismus zur vollständigen
Vernichtung immer erst noch aufgerufen werden, war die „wirkliche Tat“
stets erst noch zu vollbringen (Horkheimer/Adorno: Dialektik der
Aufklärung).
Das Fremde erscheint dem Rassisten somit als unheimlich.
Unheimlich ist aber stets das allzu Vertraute. Es muß Gründe dafür
geben, daß einem etwas unheimlich und eben nicht gleichgültig ist. Das
ist die „... geheime Natur des Unheimlichen ... dies Unheimliche ist
wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von
alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung
entfremdet worden ist ... etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen
und hervorgetreten ist“ (Das Unheimliche, in Freud: Essays. Band 2, S.
577f)
Hinter dem Unheimlichen steht also das Heimisch-Vertraute, die Sehnsucht
nach der einst gefühlten Einheit mit der Mutter. „... wenn der Träumer
von einer Örtlichkeit oder Landschaft noch im Träume denkt: Das ist mir
bekannt, hier war ich schon mal, so darf die Deutung dafür ... den Leib
der Mutter einsetzen“ (ebenda, S. 582f). Hinter dieser Sehnsucht nach
der Rückkehr in den Mutterleib steht das Bedürfnis nach Rückkehr zu
jenem Zustand der frühkindlich gefühlten Ungeschlechtlichkeit. In diesem
einst gefühlten Zustand unterschied das Kind nämlich noch nicht zwischen
sich und der Mutter, vielmehr war dies ihm alles eines. Der konservative
Charakter der Triebe(8) sorgt nun für ein
Zurücksehnen zu diesem Zustand.
Hiermit jedoch zurück zum Rassismus: sein Kern bestand in dem
skizzierten biologistisch-genetischen Lebensbegriff, der sich in der
Ideologie als Biologisierung bzw. Kulturalisierung des Sozialen
ausdrückt. Diese Denkweise läßt jetzt ihren geheimen Urgrund erkennen.
Er besteht in den dargestellten unbewußten Triebwünschen nach Rückkehr
in den frühkindlichen Zustand einer gefühlten Ganzheit. Betreffende
lehnen es ab, ein begrifflich denkendes und sich die Welt erschließendes
Individuum zu sein. Genau das macht den Kern jenes
biologistisch-genetischen Lebensbegriffs aus: Teil einer „Rasse“, eines
„Blutes“, eines „Volkes“, einer diffusen Masse zu sein. Der Rassismus
als Alltagsreligion, wie er eingangs dargestellt wurde greift
systematisch diese unbewußten Phantasien auf.
Rufen wir uns nochmals gängige Praxen des Rassismus ins Gedächtnis:
Mittels Methoden der Zuchtauswahl (Eugenik) geht es um die Züchtung
einer reinen arischen Rasse. Angebliche Mißbildungen (Behinderte) und
angeblicher kultureller Verfall (Abwendung von tradierten Sitten,
sexuelle Zügellosigkeit, Homosexualität, psychische Erkrankungen wie
Neurosen) werden als Ergebnis der Rassenmischung bzw. der aus ihr
folgenden „Degeneration“ dargestellt und sollten durch Ghettoisierung
oder Sterilisation abgewendet werden. Die Zucht- und Ausgrenzungspraxis,
die in der Konsequenz zum Massenmord führte, erscheint jetzt in ihrer
Entstehung klarer und durchsichtiger. Auf keinen Fall sollte man
Positionen auf den Leim gehen, die solche Denkweisen aus
Nützlichkeitserwägungen von irgendwem ableiten. Vielmehr ergeben sie
sich aus der Geschichte der europäischen Moderne und knüpfen an
unbewußte psychische Empfindungen der Einzelnen an, soweit sie in einer
derartig verfaßten Gesellschaft leben.
Die Zukunft einer Illusion!?
Ein anderer Weg der Überwindung dieser Trennung besteht in der Einsicht in diese und ihrer Überwindung mittels Gestaltung des eigenen Lebens und mittels Denken (auch hier finden sich wichtige Anregungen bei Freud, z.B. in „Die Zukunft einer Illusion“ oder der letzten (35.), der Vorlesungen der „Neuen Folge“).
Die jüdische Religion steht seit vielen Jahrhunderten für diesen zweiten Weg. Im Unterschied zu den meisten anderen Religionen kennt das Judentum keine individuelle Erlösung mittels Glauben (Protestantisches Christentum), keinen Weg zu Gott über den Vermittler Jesus (Katholizismus), keine meditativen Praktiken oder positive Beeinflussung des Karmas. Das Judentum steht für die konsequente Einsicht in die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies und eine vernünftige Gestaltung des diesseitigen Lebens (zehn Gebote). Mit diesem nüchtern-realistischen wie diesseitsbejahenden Blick auf das Leben war der Judaismus seit je, besonders unter Christen, verhaßt. Es machte die Christen – und später die Nationalen, Völkischen und Rassisten – auf die Verlogenheit und den selbstbetrügerischen Charakter ihrer Ideologien aufmerksam. Ohne es zu wollen, zog die jüdische Bevölkerung durch ihre bloße Existenz den Haß der umliegenden Bevölkerung auf sich.
Die dem alten wie neuen Rassismus zugrundeliegende Sehnsucht nach Allmacht und Vollkommenheit muß also als gegeben betrachtet werden. Es geht also darum, sich dem davon ausgehenden Zwang nach Weghalluzinierung der gefühlten Unvollkommenheit durch Eingliederung in rigide Strukturen und Denkweisen zu widerstehen und schonungslos zu erkennen, daß das begriffliche Denken der einzige Weg ist, mit dem Gefühl der verlorengegangenen kindlichen Allmacht umzugehen.
Rassismus ist also weder irreale Spinnerei noch rationales Kalkül, vielmehr gibt es in jeder Person etwas psychisch real bestehendes, was die Anknüpfung derartiger Denkweisen ermöglicht. Es ging mir darum, genau das begreiflich zu machen. Ich warte schon darauf, der Verharmlosung beschuldigt zu werden. Diese Beschuldigung gebe ich postwendend an jene zurück, die allen Ernstes von einem „Nützlichkeitsrassismus“ schwafeln. Nicht die Aufdeckung der unbewußten psychischen Regungen, die Rassismus möglich machen ist verharmlosend, sondern ihr Verschweigen oder Nicht-zur-Kenntnis-nehmen. Das Wesen der Kritik hingegen besteht darin, dem kritisierten Gegenstand seine partielle Wahrheit zuzugestehen.
Martin D.
Fussnoten:
(1) Genau betrachtet, liegt dieser Position eine doppelte Rassenkonzeption zugrunde. Einerseits würde sich die Menschheit in die drei Großrassen (negrid, europid und mongolid) teilen und andererseits würde sich die europide Großrasse nochmals in drei Zweige teilen. In Anlehnung an den biblischen Mythos unterschied man zunächst einen semitischen, einen hamitischen und einen japhetitischen Zweig. Das leitete sich von den drei Söhnen Noahs ab: Sem, Ham und Japhet. Nach biblischer Überlieferung wurde die Menschheit von Gott durch die Sintflut vernichtet. Nur Noah mit seiner Frau und seinen drei Söhnen durften auf der Arche überleben. An diesem Mythos knüpften auch die ersten Rassentheorien an. Von den drei Söhnen Noahs sollen drei Rassen abstammen – semitisch, hamitisch und japhetitisch. Aus der ursprünglich als japhetitisch bezeichneten Rasse entstand später das Bild der arischen Rasse.
(2) Vormoderne Denkweisen (also solche aus Zeiten vor Beginn der Durchsetzung des Kapitalismus) unterschieden gar nicht zwischen „Natur“ und „Zivilisation“ bzw. „Kultur“. Zu dem, was wir heute als „Natur“ bezeichnen, bestand ein völlig anderes Verhältnis. Zur Umwelt bzw. zu der die Menschen umgebenden „Dingwelt“ bestand ein heute als „sympathetisch“ bezeichnetes Verhältnis des Hineinfühlens statt des Beherrschens und Unterwerfens.
(3) Tatsächlich breiteten sich die abstrakten Zwänge erst mit der Entstehung des Kapitalismus aus. Vergleiche dazu meinen Artikel in CEE IEH #83: „Die halbe Wahrheit ist die ganze Unwahrheit“
(4) Streng genommen ist diese Ableitung nicht zulässig. Die zu beschreibenden frühkindlichen, in dem Erwachsenden vorhandenen unbewußten Wünsche sind von anderer Art, als jene unbewußte „Problemlösung“. Es gibt bei Freud nämlich zwei Arten des Unbewußten. Beschreibend ist ein vergessener Name genauso unbewußt wie verdrängte Triebe der Kindheit. Analytisch gesehen verbirgt sich hinter letzterem jedoch etwas vollkommen anderes: Freud trennt scharf zwischem der prinzipiell unbewußten Welt der Triebe und des Verdrängten (psychisches System des Unbewußten) und dem System des Vorbewußten, welches Wissen enthält, das jederzeit zu Bewußtsein treten kann, wie ein vergessener, „mir auf der Zunge liegender“ Name.
(5) Häufig werden der Psychoanalyse ähnliche Denkweisen unterschoben, wie ich sie oben im Text angegriffen habe. Freud würde Menschen als naturhaft bestimmt und festgelegt betrachten, die geschlechtlichen Rollen nicht hinterfragen – kurzum: biologistisch und sexistisch argumentieren. Dieser Einwand ist sehr schwierig zu behandeln, weil er richtig und falsch zugleich ist. Die Schwierigkeiten verschärfen sich, wenn man bedenkt, daß man Freud nicht einfach in „politisch korrekte“ und „unkorrekte“ Äußerungen zerteilen kann. So schreibt er: „Man gewinnt beim Kulturkind den Eindruck, daß der Aufbau [seiner Persönlichkeit] ein Werk der Erziehung ist ... . In Wirklichkeit ist diese Erziehung eine organisch bedingte ... . Die Erziehung verbleibt durchaus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf beschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen ... .“ (Band 5, S. 85; Hervorhebung von mir). Das klingt streng biologistisch, läßt sich jedoch auch anders auslegen. Tatsächlich kann keine noch so „politisch korrekte“ Erziehung verhindern, daß der erzogene Mensch grundlegende Momente der bürgerlichen, „falschen“ Gesellschaft in sich aufnimmt. Wirklich vollzieht sich die menschliche Entwicklung quasi biologisch – einem Naturzwang ähnlich. Das Freud diesen Naturzwang lediglich feststellt, nicht jedoch kritisch wertet, kann ihm zu Recht vorgeworfen werden. Dennoch bleibt es sein Verdienst auf einen solchen Zwang erstmals überhaupt hingewiesen zu haben.
(6) Man könnte sagen, daß es erst der Kapitalismus ist, der die Menschen auf ihre biologischen Eigenschaften reduziert. In diesem Sinne ist Freuds Erkenntnis durchaus richtig, wenn er schreibt das der anatomische Unterschied (also der Besitz eines Penis) grundlegend für die spätere psychische Entwicklung ist (vgl. Sigmund Freud: Die psychische Bedeutung des anatomischen Geschlechtsunterschieds).
(7) Dem Unbewußten kommen laut Freud bestimmte psychische Eigenschaften zu, die es vom Bewußten unterscheiden. Das Unbewußte kennt keine Zeit und keine logischen Widersprüche. Gleichzeitig eine Person zu lieben und zu hassen ist daher im Unbewußten problemlos gleichzeitig möglich.
(8) Alle Trieben haben nach Freud einen „konservativen Charakter“. Sie streben nach Rückkehr zu einem einst erreichten Zustand. Ausdruck davon ist der „Todestrieb“, der den anorganischen Zustand des Lebenden wiederherstellen will. Der „Ich- bzw. Selbsterhaltungstrieb“ strebt gleiches an. Er will dem Organismus seinen eigenen Weg zum Untergang absichern, nicht etwa einen von außen aufgezwungenen (vgl. Freud: Jenseits des Lustprinzips).
Literaturangabe zum Verständnis des Rassismus:
Sigmund Freud: Studienausgabe; Band 1 bis 10 +Ergänzungsband
Einführend reichen auch erstmal die „Vorlesungen“ und deren „Neue Folge“
(Band 1), die Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Band 5) und „Das
Unheimliche“ (Band 6).

