Männlichkeitswahn

>Hier< zu weiteren Artikeln,

>hier< erschreckende Zahlen

 >hier< neue Männlichkeitsbilder: Mode, Werbung, Filme...

 

auch "Machismo", genannt; ein Mann, der dem Männlichkeitswahn verfallen ist, wird "Macho" genannt. Der Männlichkeitswahn "ist ... eine sexistische Anmaßung von protzender Borniertheit, der Frauenunterdrückung von Geschlechtes Gnaden legitimiert. Er geht einher mit wahnhaften Vorstellungen von pathologischer Selbstüberschätzung und gleichzeitiger Unterbewertung weiblichen Wesens und weiblicher Fähigkeiten, mit Frauenverachtung und -verdinglichung, die in Frauenhass (Misogynie) münden." (aus: Kleines Weiberlexikon, Weltkreisverlag 1985, S. 301).

 

Einfacher ausgedrückt: Der Macho ist überzeugt, dass Frauen minderwertig sind, während er selber aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit sich für gewaltig überlegen hält und damit auch kräftig angibt. Im Grunde hasst er Frauen und verachtet sie, erniedrigt sie zu seinen (sexuellen) Gebrauchsgegenständen.

 

Der Mann hat von sich selber ein positives Bild und den Frauen gegenüber ein negatives. Unakzeptierte eigene Bedürfnisse und Eigenschaften, wie zum Beispiel Schwächen und Unzulänglichkeiten werden auf die Frauen projiziert (Tabelle nach J. Rattner "Aggression und menschliche Natur", >hier< sein Buch):

 

Mann

 Frau

starkes Geschlecht

aktiv

besonnen

intelligent

logisch

progressiv

sexuell aktiv

schöpferisch

geistreich

Gerechtigkeitssinn

Sachlichkeit

Reife

selbstkritisch

schwaches Geschlecht

passiv, rezeptiv

impulsiv

emotional

irrational

konservativ

sexuell passiv

reproduktiv

Seele

Ichhaftigkeit, Neid

Subjektivismus

Infantilismus

eitel

 

Zusammenhang mit Gotteswahn: Projektion des Mannes auf einen Gott, aus seinem Männlichkeitswahn heraus, also aus seinem Allmachtsbestreben.

 

Erschreckende Zahlen (aus P.M.Magazin Internetzusatz zur Ausgabe 06/2011):

In Deutschland verhalten sich junge männliche Migranten besonders häufig hypermaskulin. Fachleute sprechen von »Moslem-Machos«, in deren Subkultur Ehre und Gewalt, auch gegen Frauen (»Ehrenmorde«), eine besondere Rolle spielen.

In einer Langzeitstudie zum Thema Jugendgewalt in deutschen Großstädten hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen festgestellt, dass zum Beispiel in Stuttgart

- die Türken 12,7 Prozent der Befragten und 14,4 Prozent der Opfer – aber 44,3 Prozent der Täter stellten. (Das ist aber nicht nur in Schwaben so, sondern ein bundesweiter Trend).

- Insgesamt hat jeder zehnte türkische Junge mehr als fünf Gewaltdelikte begangen und gilt als Mehrfachtäter.

- Bei den Jungen aus dem ehemaligen Jugoslawien ist es jeder zwölfte,

- bei Aussiedlern aus den GUS-Staaten jeder 15

- bei den Deutschen jeder 33te.

 


Der 65 Jahre alt gewordene britische Literaturprofessor und Schriftsteller, Clive Staples, im nordirischen Belfast  Ende 1898 geboren, sagte in seiner letzten Vorlesung mit dem Titel "Der innere Ring" (u.a.), daß im Leben aller Männer zu gewissen Zeiten und bei vielen Männern zu allen Zeiten der größte Wunsch sei, zu einer Gruppe zu gehören, und daß es die größte Angst des Mannes sei, nicht dazu  zu gehören, und daß er wünsche böse Dinge zu tun, auch wenn er (noch) kein sehr böser Mann sei.

>Hier< sehr gute Betrachtungsweise zum Thema von Dr. Bongers .

>Hier< zur "Wahrnehmungshemmung",

>hier< zu "Vorurteile",

>hier< "Geschlechterstudie", Unterschiede zwischen Frau und Mann.

Ferner

zu einer Betrachtung des Androzentrismus (Mann im Zentrum) >hier<. (Andrologie: Lehre von Männerkrankheiten),

>hier< zu einem Buch "Religion - Gewalt - Politik",

>hier< Männlichkeit (im westlichen Kulturraum),

zu "Rassismus und Männlichkeitswahn >hier<,

>hier< zur Frau in der Religion (Beispiel Ehe in Afghanistan),

>hier< zur Gewaltbereitschaft junger Muslime,

>hier< zum Kapitalismuswahn

und zu Bildern von extremer Armut >hier<.

 


 

Männlichkeitsideologie und Männlichkeitswahn

 

Dieter Bongers ist Diplom-Psychologe, Dr.phil. und Gestaltpsychotherapeut.
Er hat an den Universitäten Bonn und Köln studiert und an den Universitäten Konstanz und der Technischen Universität Berlin unterrichtet.
Promoviert hat er 1984 an der TU Berlin über „Männerselbstbilder“
Die Grundausbildung in Gestalttherapie absolvierte er 1983-86 am IGG in Berlin.beim Gestalt Institute of Cleveland ( GIC , u.a. Prof. Ed Nevis) und beim „Center for Intimate Studies“ (Mass, USA, Sonja Nevis und Joseph Zinker)

 


Unter Männlichkeitsideologie verstehe ich das in einer Kultur gesammelte Inventar an Regeln und Haltungen, das die Definition regelt, was »Männlichkeit « bedeuten soll, was als männlich und was als unmännlich zu betrachten ist. Dieses Inventar findet das Individuum in der Umwelt bereits vor, es ist unter anderem in Märchen und Filmen, Kleidungsvorschriften und Berufsregelungen manifestiert Die Systeme der bestehenden Männlichkeitsideologie und Weiblichkeitsideologie werden von beiden Geschlechtern konstruiert und aufrechterhalten. Bilder, Leitsätze werden in die Kultur transportiert und in der Erziehung an die nächste Generation (auch von Müttern an ihre Söhne, sowie von Vätern an ihre Töchter) weitergegeben. Diese nächste Generation introjeziert mehr oder weniger getreu solche Ideologiepakete und macht sie sich zur Handlungsanleitung. (Bei den Frauenrollen hat sich in den letzten 30 Jahren einiges mehr verändert, als bei den Männern.)

 

Besonders im Bereich des eigenen männlichen Selbstentwurfes, dem was die Psychoanalytiker »idealisiertes Selbst« nennen und was die Orientierung für die männliche Identität bildet, findet man eine ganze Reihe solcher ideologischer Vorstellungen über Männer und Männlichkeit.


Unter Männlichkeitswahn verstehe ich die extreme Zuspitzung der Männlichkeitsideologie, die zu notorischer Grenzüberschreitung führt: Ohne die eigenen Gefühle und Grenzen und die anderer wahrzunehmen, werden Berge bezwungen, Rennen auf normalen Strassen gefahren und mittelalterliche Prügelrituale (Fusballhooligans) veranstaltet.


Sich selber nicht zu spüren, besonders Regungen von Angst und Scham, den innerlichen, zu weichen Schweinehund zu überwinden gehört zu diesen wahnhaften Ausschreitungen Ich habe vor über 20 Jahren in meiner Dissertation über Auffassung von Männlichkeit im Selbstbild junger Männer versucht, einige dieser zentralen ideologischen Figuren zu identifizieren. (Bongers 1985)


Hier eröffnet sich auch heute noch ein Feld für psychotherapeutische, philosophische und politische Arbeit. Einige Glaubenssätze, die wir introjeziert haben, gilt es zu hinterfragen und zu verhindern, dass weitere Generationen solche Introjekte schlucken müssen.


So der Glaubenssatz, dass Männer »Krieger« sein müssten. (wie z.B. Bert Hellinger in verschiedenen Veranstaltungen zur »Familienaufstellung « glaubte postulieren zu müssen)

 

Eine Vielzahl der jungen Patienten im Straf- und Massnahmevollzug, insbesondere aus dem Balkan und der Türkei, betonen immer wieder in eindrücklicher Klarheit, wie sehr diese kriegerische Auffassung Teil ihres Männerbildes ist. Vielfach ist in diesen Kulturen die Männlichkeitsideologie noch so ungebrochen, wie in Mitteleuropa im ausgehenden 19. Jahrhundert.


Mancher erlebt Friedfertigkeit und Willen zum Kompromiss als Feigheit und die entsprechende Kultur in der Schweiz als »degenerative Erscheinung«, Potenz wird mit Krieger-Sein gleichgesetzt. Hier gilt für  mich aus gestalttherapeutischer Sicht wie bei individuellen Neurosen die Erkenntnis, dass neurotische Mechanismen zu anderen Zeiten einmal einen rationalen Hintergrund hatten.


Sie haben sich in einem bestimmten Feld entwickelt, werden aber in andere Situationen und Zeiten tradiert, in denen sie nicht mehr funktional sind, sondern dem weiteren Wachstum hinderlich. Es mag in  vergangenen Jahrhunderten sehr nützlich gewesen sein, kriegerisch und kämpferisch Haus und Hof zu verteidigen und sich gegen wilde Tiere und fremde Eroberer zu stellen. In unserer Zeit mit solch hoch entwickelten technischen Waffen geht es nicht mehr um Verteidigung des eigenen Territoriums - es ist möglich mit wenigen hundert Menschen mittels Flugzeugen und Raketen ganze Länder zu zerstören.


Mannesmut und Tapferkeit sind im bestimmten historischen und sozialen Umfeld achtenswerte Eigenschaften, heute ist Krieg eine Tätigkeit, die vielmehr mit Strategie und Computersimulation zu tun hat und so gut wie gar nichts mehr mit ritterlichen Tugenden.


 Einige Elemente der heutigen Männlichkeitsideologie stammen aus Zeiten des sich entwickelnden Bürgertums, wie zum Beispiel die Idee: »Ein Mann muss sein eigener Herr sein«. Hier schwingt die Ideologie des bäuerlichen Hofes oder des kleinen Gewerbetreibenden mit, die den adligen Grundbesitzern davon laufen – »Stadtluft macht frei!«


Man muss sich heute nur die Geschichte kleinerer Unternehmungen anschauen und ihre Abhängigkeiten von Banken und Kreditgebern, um zu sehen, dass für den weitaus größten Teil der Bevölkerung solche ideologischen Gestalten reine Vergangenheit sind.

....

In den letzten Jahren sind die Stichworte der Standortkonkurrenz und der Globalisierung immer mehr in das politische und in das Alltagsdenken eingedrungen.


Auch in der Schweiz wird die Frage oft diskutiert, wie man einen Standortvorteil vor anderen Ländern bewahren kann, wie sich dieses kleine Land in der internationalen Konkurrenz behaupten kann. In dieser Denkweise werden einige Axiome von vornherein vorausgesetzt, die es eigentlich in Frage zu stellen gelte: Gilt als Beziehungsmotiv immer primär die Konkurrenz oder funktioniert auch das Prinzip der Kooperation, in welchen sozialen Umfeldern?


Ist Gier in der Form von Konsumgier, Geldgier und Profitgier ein adäquater Motor für gesellschaftliche Entwicklung oder wäre solche Gier nicht vielmehr zu kritisieren und zu ächten?


Sollen ganze Länder und Regierungen ihre Politik grundsätzlich davon abhängig machen, welche internationalen Finanzmagnaten in einem bestimmten Land bessere Profitraten erzielen? Ob sich z.B. bei Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer mehr Gewinn erzielen lässt?


Ist es moralisch zu rechtfertigen, dass 8, 10 oder 15% Gewinn auf eingesetztes Kapital als unzureichend empfunden werden und dass deshalb Fabriken geschlossen und Arbeitsplätze vernichtet werden, weil eine Profiterwartung von 25, 30 oder 50% verfolgt wird?


Wie weit ist es Ziel sozialdemokratischer Politik oder allgemein linker Politik, eine solche Logik mitzumachen?


Mit der historischen Niederlage des osteuropäischen Sozialismusmodells ist eine Lähmung auch im intellektuellen Bereich ausgelöst worden – über andere als »strikt marktwirtschaftliche« Ökonomiemodell darf gar nicht mehr diskutiert werden.

 

Das ein recht autoritäres Sozialismusmodell, welches sich um eine völlig idealisierte »Arbeiterklasse« herum gruppiert hat, gründlich gescheitert ist, gibt ja nicht automatisch denjenigen recht, die schon immer behauptet haben , dass nur das Gesetz der Wildnis und »Jeder gegen Jeden« zu optimalen wirtschaftlichen Ergebnissen führt.


Das der freie Welthandel Gewinner und Verlierer produziert ist inzwischen deutlich, es ist an der Zeit, den unverschämten Ideologen zu widersprechen, die hier die einzige Zukunftsoption sehen.


 Der Zweck heiligt die Mittel? Oder:  Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss!


Moralische Werte, Orientierungen aus Religion und kultureller Tradition werden (besonders in Wahl und Sonntagsreden) zwar gepriesen, aber in den Momenten der Wahrheit wird - zumindest den Männern - erlaubt, sich über solche kleinlichen Grenzen hinwegzusetzen.

 

In den Sagen des klassischen Altertums findet sich die Geschichte von Alexander dem Großen und dem gordischen Knoten: Schon viele Jahre hatten verschiedene Personen und Weise versucht, den gordischen Knoten zu entwirren und aufzuknüpfen. Der junge Alexander kam zu dem Ort, zog kurzerhand das Schwert und schlug den Knoten entzwei. So löst man das Problem, nicht mit dem Kopf und mit Geschicklichkeit, sondern mit Gewalt.

 

Man kann sich bei dieser Sage erinnert fühlen an die Politik der US Administration gegen den Irak – in einer komplizierten Welt war keine Mehrheit in der Uno und kein völkerrechtsgemäßes Vorgehen gegen den irakischen Feind zu finden – dann eben mit der Macht und ohne das Völkerrecht.


Diese ‹Der Zweck heiligt die Mittel Politik› setzt sich in der rechtswidrigen Behandlung von Gefangenen in Guantanamo (Kuba) fort, die ja vom eigenen ‹Supreme Court› als gesetzwidrig gerügt wurden.

 

Ich finde, der Zweck darf die Mittel nicht heiligen, sondern Zweck und Mittel müssen eine aufeinander bezogene Gestalt bilden! Auch in der aktuellen Diskussion über Israels Kriegsführung im Libanon gilt für mich weiterhin: Humanistischen Ansprüchen und menschlichem Wachstum verpflichtete Politik darf sich nicht inhumaner Mittel bedienen und Demokratie entwickelt sich niemals als eine Diktatur von oben.


 Die Zunahme von Gewalttätigkeiten insgesamt und besonders bei männlichen Jugendlichen ist eines der häufigsten Themen in den aktuellen Medien, in der Schweiz werden 95% der zu Verurteilung führenden Gewaltstraftaten von Männern begangen.


Das Thema der sexuellen Gewalt auch im häuslichen Bereich und des sexuellen Missbrauchs hat wie kaum ein anderes in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Öffentlichkeit beschäftigt. In den Arbeiten von Lempert und Oelemann (1995) aus dem Hamburger Institut »formale« wird darauf hingewiesen, dass die größte Gefahr bei gewalttätigen Männern für diejenige Frau besteht, die der gewalttätige Mann liebt.

 

In der Intimität, in der Nähe entstehen nämlich  auch die größten Bedrohungen für die männliche Identität, die in Krisensituationen eben auf gewalttätige Weise »gelöst « werden können. Nach meiner Erfahrung haben männliche Sexualstraftäter eine tief greifende Kontaktstörung – anstatt erotische Attraktion als Anziehung zu erleben, die Energie zur Annäherung und zur Kontaktnahme freisetzt, wird Angst und Scham aktiviert, Angst vor Ablehnung Verletzung Vernichtung, Scham davor gründlich »falsch« zu sein. Um diese unerträglichen Gefühle nicht zu spüren erfolgt eine Art Selbstanästhesie: Nichts mehr spüren.


Solche unerträglichen Gefühle sind z.B.: Die Angst das Gesicht zu verlieren, als impotent erlebt zu werden und die phantasierte oder reale Dominanz einzubüssen.


Das alles bedeutet in diesen ideologischen Figuren: Kein richtiger Mann zu sein! Stattdessen erfährt der Täter durch die Beängstigung seines Opfers Bestätigung - er ist der Mächtige. Wenn das Opfer Angst zeigt, spürt der Täter seine Angst nicht mehr, stattdessen eine Art der Ersatzbefriedigung: Mächtig fühlen, anstatt Kontakt spüren!


Die Gewalt ist oft Resultat von abgewehrter Ohnmacht (vgl. Lempert, J & Oelemann B., 1995).


Wir als GestalttherapeutInnen sollten die Energie nehmen, an diesem wichtigen und emotional sehr besetzten Thema teilzuhaben. Für mich heißt das: Nahe heran gehen – nicht sich ohnmächtig abwenden!


Was können wir diagnostisch über Gewalt, über sexuelle Gewalt und über die Arbeit mit Sexualstraftätern sagen? Durch die gewalttätige Bemächtigung des Gegenübers wird die eigene Macht gespürt und damit die befürchtete Ohnmacht abgewehrt. Also braucht es einerseits Akzeptanz der unangenehmen Gefühle wie Angst, Unsicherheit und fehlende eigene Fähigkeiten. Dies sind gestalttherapeutische
Herangehensweise bei vielen Störungen: den Patienten zu ermutigen Vermeidungshaltungen aufzugeben und neue Wege auszuprobieren.


Die Angst akzeptieren lernen.

 

Jetzt folgen Angaben über Gestalttherapie bzw. etwas mehr >hier<

....

 

Die ganze PDF-Datei kann angefordert werden bei info@bongers.ch

>Hier< ein spezieller Artikel über Analyse der Triebtäter


Vorstellung einer Zeitschrift

(Ausgabe 2002):

 

Inhaltsübersicht

Editorial

Das Unwort des Jahres 2001 hieß "Gotteskrieger", die Begründung lautete so: Die Bezeichnung "Gotteskrieger" für islamistische Terroristen beinhalte einen pseudoreligiösen Anspruch; kein Glaube und keine religiöse Motivation rechtfertige aber Krieg und Terrorismus. Diese Begründung ist wohl lobenswert, aber gewagt. Gott und Krieg sollen nichts miteinander zu tun haben. Schön. Sie bilden aber trotzdem unheilige Allianzen. Glaube, der sich an absolut geltende Erlösungsvorstellungen bindet, hat immer auch die Argumente für Krieg und Terror geliefert, Gott wurde immer auch zum obersten Befehlshaber von Grausamkeiten aller Art gemacht, und seine FeindInnen aus der Welt zu schaffen - wer und wo immer sie sind - ließ sich jeweils ohne Probleme mit Gottesliebe verbinden. Diesen Zusammenhang als pseudoreligiös zu bezeichnen, sagt wenig über diese unheilvollen Verbindungen und ihre Begründungen aus, aber viel über den darin enthaltenen grundlegenden Verdacht, Menschen missbrauchten Religion für eigene Zwecke. Es scheint nicht vorstellbar, dass es Glaube ist, der zum Motor wird für Grausamkeit; man ordnet ihm lieber die Rolle der Täuschung und der Verkleidung zu.


Wie auch immer, ob Gewalt nun als dunkle Seite der religiösen Heilsversprechen verstanden wird oder als etwas, das sich religiöse Begründungen nur als tarnendes Gewand überstreift: Wirklich zu verstehen, was hier vor sich geht, ist schwer. Man kann sich dem Phänomen psychoanalytisch, soziologisch, feministisch oder ökonomisch nähern, man kann Tradition und Moderne sagen, Globalisierung, Armut, Männlichkeitswahn, Kulturkonflikt - es bleibt ein unauflösbarer Rest, der sich dem Verstehen entzieht.

Der 11. September, Anlass für unser Thema, ist inzwischen etwas in die Ferne gerückt, auch wenn seine Folgen weiterhin weltweit zu beobachten sind. Dass er hier in der FAMA erneut indirekt zum Thema gemacht wird, hat zwei Gründe: Unsere Heftplanung fand unmittelbar danach statt, und das ursprüngliche Thema "Gottesbilder" bot uns die Möglichkeit, unsere Theologie generell auf ihre Relevanz hin zu befragen. So beschlossen wir, das Thema auszuweiten und auf dieses Ereignis, das uns alle beschäftigte, zu beziehen. Wir fragten uns: Hilft uns das, was wir von der Feministischen Theologie gelernt haben, diesem Ereignis zu begegnen? Können wir mit der Feministischen Theologie auf etwas zurückgreifen, das uns in einer solchen Situation von Nutzen ist? Haben wir taugliche "Instrumente" - für das Verstehen und für eine angemessene Reaktion?
Was in all den Tagen und Wochen danach zu denken und zu reden gab, machte deutlich: Wir, die wir in Gesellschaften leben, in denen Religion kaum mehr über das Private hinaus Kraft entfaltet, müssen uns erneut damit auseinandersetzen, dass Religion noch immer ein Gefäß für so viele Dinge darstellt, die wir unterschätzt und vergessen haben und die uns verschwunden schienen. Nicht nur, was alte, patriarchale Traditionen angeht, die sich erneut in Welterlösungsutopien manifestieren und in der tödlichen Anmaßung und Selbstüberschätzung von Männern mit zu viel Waffen und zu viel Geld, sondern auch in der Reaktion auf ein solches Ereignis, das erneut nach Bewältigungen sucht, die im religiösen Umfeld angesiedelt sind. Mit Erstaunen konnte man beobachten, wie schnell auf (alte) religiöse Bilder und Begriffe zurückgegriffen wurde, wie vielfältige Versuche unternommen wurden, Bilder, Rituale und konkrete Ausdrucksformen zu finden, die den Schrecken in Formen der Anteilnahme und des Trauerns überführen könnten, nicht nur für die Nächsten, sondern auch für die Fernsten. Aus Opferzahlen sollten Menschen gemacht werden. Die New York Times etwa gab den Opfern der Twin Towers Tag für Tag in ihren "portraits of grief" mit Bildern und kurze Lebensläufen ein Gesicht.

Unser Heft liefert keine neue Antworten auf die alte Frage nach der Bedeutung von Religion, nach dem Zusammenhang von Religion, Politik und Gewalt, nach dem Glauben und seinem Missbrauch. Aber es versucht ins Gedächtnis zu rufen, was immer wieder wichtig ist: die grundlegende Ambivalenz von Religion, ihre Kraft zu heilen und zu zerstören; die Gefahr eines Glaubens, der den Zweifel und das Lachen vergisst; die so oft tödlich endende Idee der Vollkommenheit und Reinheit, die ihn auszumerzen versucht, den nicht zu überwindenden "menschlichen Makel" (Philip Roth), der untrennbar mit dem Dasein verbunden ist.

Silvia Strahm Bernet, Mai 2002


Männlichkeit (aus Wikipedia)

umfasst kulturell dem Mann zugeschriebene Eigenschaften. Dabei steht Männlichkeit dem Begriffspol Weiblichkeit gegenüber und ist wie diese ein kulturell-ideologisch verdichtetes Verständnis (im Gegensatz zum „Mannsein“, was die tatsächlich gelebte Vielfalt repräsentiert). Die über Männlichkeit den Männern zugeschriebenen Eigenschaften unterliegen unter anderem dem kulturellen und sozialen Wandel; sie werden mit den biologisch männlichen Merkmalen als verbunden angesehen (vgl. Männchen). Inwieweit diese Zuschreibungen für sozialisiert oder angeboren (oder sogar "natürlich" bzw. "göttlich gewollt") erachtet werden, unterliegt ebenfalls dem sozialen Wandel. Unterschiedliche Religionen, Weltanschauungen und wissenschaftliche Positionen bieten dazu verschiedenste Modelle als Antworten an. Im wissenschaftlichen Bereich beschäftigen sich vor allem die Gender Studies mit diesen Fragen.

In engerem Sinne wird unter der Virilität (lat. virilis „männlich“) die männliche Stärke, die männlich-erotische Ausstrahlung, oft auch die Zeugungsfähigkeit („Manneskraft“) verstanden.

Mannhaftigkeit wird in der gehobenen Umgangssprache ähnlich wie Tapferkeit verwandt.

Inhaltsverzeichnis

  • Männlichkeit im westlichen Kulturraum
  • Biologie
  • Soziologie
  • Literatur
  • Weblinks

Männlichkeit im westlichen Kulturraum

Die im westlichen Kulturkreis dem ‚Männlichen‘ unausgesprochen oder ausgesprochen zugeschriebenen Charakteristika sind:

  • Eher physische Merkmale
    • (Körper-)Kraft (dem gegenüber ‚weiblich‘: Leidensfähigkeit)
    • Rohe Sinnlichkeit (dem gegenüber ‚weiblich‘: Zartheit, ganzheitliche Erotik)
  • Eher charakterliche Merkmale
    • Mut, Risikobereitschaft und Abenteuerlust (dem gegenüber ‚weiblich‘: Zaghaftigkeit, Besonnenheit, Familiensinn, Furchtsamkeit)
    • Angriffslust, Gewaltbereitschaft (dem gegenüber ‚weiblich‘: Geduld, List, Täuschung)
    • Dominanz, Führungsanspruch, (dem gegenüber ‚weiblich‘: Fügsamkeit, schwankendes Urteil),
    • Selbstbeherrschung, auch Gefühlskälte, Coolness, (dem gegenüber ‚weiblich‘: Impulsivität, Warmherzigkeit)
  • Eher mentale Merkmale
    • technische und organisatorische Gaben (dem gegenüber ‚weiblich‘: soziale Kompetenzen)
    • Rationalismus, also auch: Abstraktes Denken, Starrsinn (dem gegenüber ‚weiblich‘: konkretes Fühlen, Kreativität, Anpassungsfähigkeit, Schwachmut, Irrationalismus).

Diese Zuschreibungen werden außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses weithin für archetypisch gehalten, entpuppen sich aber bei näherer kritischer Betrachtung nicht selten als Stereotypen. Die Zuschreibungen stehen im Gegensatz zu vielen Ergebnissen der Genderforschung. Einige ihrer Ergebnisse verweisen auf eine faktische anthropologische Offenheit des Menschen. Von dieser Position ausgehend, werden teilweise obige Zuschreibungen kritisiert: Sie verletzten die menschliche Würde sowohl von Frauen, als auch von Männern.

Solche Probleme verschärfen sich in einer Gesellschaft mit einer höheren Bewertung von Eigenschaften, die Männlichkeit zugeschrieben werden, gegenüber Eigenschaften, die Weiblichkeit zugeschrieben werden. Wenn diese sexistische Bewertungsproblematik dazu führt, dass „Männlichkeit“ zum Maßstab erhoben und „Weiblichkeit“ zur Abweichung gegenüber solcher Norm wird, wird in den Genderforschung von androzentrischen Geschlechterverhältnissen gesprochen.

Mode, Jugendkulturen, Werbung, Filme und andere Medien bieten immer wieder neue Männlichkeitsbilder und -ideale an und verstärken, variieren oder relativieren damit diese Zuschreibungen. Beispiele: Easy Rider (Film), Terminator (Film), Mythos Cowboy (Westernromane, Film, Mode), der (zigarettenrauchende)  Marlboro Man der Werbung - aber auch als Relativierung der Hippie u.a.m.

Biologie

Auch bestimmte Eigenschaften des körperlichen Erscheinungsbildes werden vielfach als Sinnbild von Männlichkeit interpretiert. So gelten körperliche Größe, eine ausgeprägte Muskulatur, eine tiefe Stimme, breite Schultern, markante Gesichtszüge und eine starke Körperbehaarung, insbesondere der Brust, als typisch männliche Merkmale. Sie signalisieren biologische Stärke.

Soziologie

Da in den meisten Gesellschaften Männer dominieren (Patriarchat), werden die Tugenden oft schlechthin mit männlichen ‚Eigenschaften‘ assoziiert (vgl. im Lateinischen virtus „Tugend“, abgeleitet von vir „Mann“).

„Männliches“ Handeln und Verhalten wird eingehender - auch im Kulturvergleich - in der soziologischen Rollentheorie behandelt.

Die aktuelle Geschlechterforschung spricht seit den Publikationen der australischen Soziologin Raewyn Connell von Männlichkeit auch in der Mehrzahl: d.h. von „Männlichkeiten“. Connell erarbeitete in historischen und kulturellen Analysen, dass es nicht nur eine, sondern viele Ausprägungen von Männlichkeit gebe, die auch in ein und derselben Kultur gleichzeitig existieren könnten. Jene, die in einer Kultur als vorherrschend akzeptiert wird, wird von ihr „hegemoniale Männlichkeit“ genannt.

Literatur

  • Elisabeth Badinter: XY. Die Identität des Mannes. München 1993.
  • Claudia Benthien/Inge Stephan (Hgnn.): Männlichkeit als Maskerade. Kulturelle Inszenierungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Köln [u.a.]: Böhlau, 2003. ISBN 341210003X
  • Ingo Bieringer/Walter Buchacher/Edgar J. Forster: Männlichkeit und Gewalt. Konzepte für die Jungenarbeit, Verlag für Sozialwissenschaften 2000. ISBN 3810026123
  • Ernest Borneman: Das Patriarchat. Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch Verlag) 1982. ISBN 3-596-23416-6
  • Judith Butler: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin 1995.
  • Lothar Böhnisch: Männliche Sozialisation. Eine Einführung, Juventa: Weinheim 2004. ISBN 3779913720
  • Nils Borstnar: Männlichkeit und Werbung. Inszenierung - Typologie - Bedeutung, Kiel: Vlg. Ludwig, Kiel 2002. ISBN 3-933598-23-0
  • Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft. Suhrkamp, 2005. ISBN 3-518-58435-9.
  • Robert W. Connell (Raewyn Connell): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen: Leske + Budrich 1999. ISBN 3-8100-1805-8
  • Jacques Derrida: Geschlecht. Sexuelle Differenz, ontologische Differenz. Wien 1988.
  • Ute Frevert: „Mann und Weib, und Weib und Mann“. Geschlechter-Differenzen in der Moderne. München 1995.
  • Ernst Hanisch: Männlichkeiten. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, Wien: Böhlau 2005. ISBN 3-205-77314-4
  • Luce Irigaray: Ethik der sexuellen Differenz. Frankfurt (Suhrkamp) 1991.
  • Michael Kimmel/Amy Aronson: Men & Masculinities: A Social, Cultural, and Historical Encyclopedia, ABC-CLIO, 2003. ISBN 1576077748
  • Michael Meuser: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen: Leske + Budrich 1998. ISBN 3810020001
  • George L. Mosse: Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit. Frankfurt am Main 1997.
  • Paul Nathanson, Katherine Young, Legalizing Misandry: From Public Shame to Systemic Discrimination Against Men, McGill-Queen's University Press (2006), ISBN 0773528628
  • Horst-Eberhard Richter: Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft, Psychosozial-Verlag, Neuauflage 2006, ISBN 3-89806-570-7
  • Wolfgang Schmale: Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450-2000), Wien: Böhlau 2003. ISBN 3-205-77142-7
  • Klaus Theweleit: Männerphantasien. Frankfurt a. Main (Verlag Roter Stern) 1995.
  • Esther Vilar: Der dressierte Mann. Das polygame Geschlecht. Das Ende der Dressur. München: DTV, Neuauflage 2000, ISBN 3423361344
  • Karin Wieland: Worte und Blut. Das männliche Selbst im Übergang zur Neuzeit. Frankfurt 1998.

Weblinks


Androzentrismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Unter Androzentrismus wird eine Sichtweise verstanden, die Männer als Zentrum, respektive als Maßstab und Norm versteht. Androzentrismus kann also als eine gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder das „Männliche“ verstanden werden. Ein androzentristisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm.

Androzentrimus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als „das Andere“, „das von der Norm abweichende“ gefasst wird. Stillschweigend wird dabei Mensch als Mann und die männliche Sicht der Dinge als die Allgemeingültige gesetzt.

Der Begriff Androzentrismus wurde 1911 in diesem Sinne erstmals von Charlotte Perkins Gilman in ihrem Buch „The Man-Made World or Our Androcentric Culture“ verwendet und definiert. Laut Perkins Gilman haben männliche Lebensmuster und Denksysteme den Anspruch der Universalität, d.h. Allgemeingültigkeit, während weibliche Lebensmuster und Denksysteme als Devianz, d.h. Abweichung gelten. Da die Gleichsetzung von Mensch mit Mann weitgehend unbewusst geschieht, ist Androzentrismus nur schwer zu erkennen und sehr oft auch von Frauen tief verinnerlicht.

Androzentrismus in der Wissenschaft

Breite Verwendung fand der Begriff Androzentrismus in der Wissenschaftskritik der achtziger Jahre. Einzelne Themen wurden nicht mehr nur aus feministischer Sicht hinterfragt, sondern die Wissenschaften als Gesamtheit wurde kritisch analysiert. In vier Punkten wurde dem Wissenschaftsbetrieb Androzentrismus vorgeworfen:

  • Durch den späten Zugang zu den Universitäten und zum Wissenschaftsbetrieb sei die weibliche Beteiligung insbesondere an der Grundlagenforschung marginal.
  • Der dadurch automatisch vorherrschende Androzentrismus führe dazu, dass die zu untersuchenden Problemstellungen einseitig ausgewählt und definiert würden. Dadurch sei Wissenschaft nicht wirklich universell.
  • Wissenschaftliche Experimente basierten daher auf einseitig gewählten Faktoren.
  • Aufgrund der drei vorhergegangenen Punkte müsse die Objektivität und Rationalität der Wissenschaften infrage gestellt werden, denn auch in den grundlegenden Prinzipien der Wissenschaften seien ausschließlich männliche Sichtweisen und Voreingenommenheiten vertreten.

Diese Art der feministischen Wissenschaftskritik geht weit über die in den 1960er Jahren auftauchende feministische Wissenschaft hinaus, da sie nicht versucht, eine neue Art der Wissenschaft zu etablieren, sondern die herkömmlichen Wissenschaften in ihren Grundfesten kritisiert und ihnen vorwirft, dem eigenen Anspruch an Neutralität und Universalität nicht gerecht zu werden.


 

Rassismus und Männlichkeitswahn

(von Nadir ?)

Meine Betrachtung des Rassismus geht nicht in erster Linie von den Problemen der deutschen Bevölkerung mit MigrantInnen aus. Die Diskriminierung nicht-deutscher Bevölkerungsteile soll nur als eine Erscheinung des in der Gesellschaft bestehenden Rassismus betrachtet werden, keineswegs als dessen Kern und Wesen. Vielmehr wird Rassismus als grundlegender Bestandteil nationaler, moderner Vergesellschaftung begriffen. In diesem Sinne ist der Rassismus auch nicht von seinem Spiegelbild, dem Antisemitismus zu trennen. Die Juden gelten dem Antisemitismus in erster Linie als Rasse. Die heutige Entwicklung des Rassimsus zum Kultur-Rassismus kann auch als Entwicklung hin zu einem „verallgemeinerten Antisemitismus“ (Poliakov/Girard/Delacampagne: Über den Rassismus) begriffen werden. Der Antisemitismus hatte stets einen Rassenbegriff, der dem der „Kultur“ im heutigen Kultur-Rassismus nahesteht. Meine Kritik des Rassismus (die wohl etwas anderes als Antirassismus ist) will die Entstehung dieser Ideologien aufdecken.

In CEE IEH #84 habe ich mich der Herleitung von Rassismus und Antisemitismus aus der kapitalistischen Gesellschaft (=warenförmiges Patriarchat) gewidmet. Diesen Ansatz will ich im folgenden erweitern. In den Mittelpunkt möchte ich dabei die modernen Erscheinungsformen des Rassismus stellen. Ich vertrat die Position, daß sich Rassismus und Antisemitismus wesenhaft aus dem Kapitalismus ergeben. Eindeutige Abfuhr von mir erhalten also all jene Ansätze, die von einem Verschwinden des einen oder anderen ausgehen, z.B. weil der Kapitalismus „alles gleich machen“ würde. Das gilt auch, wenngleich mit anderer Begründung, für den Sexismus. Nach einer Beschreibung moderner Erscheinungsformen des Rassismus folgt eine Einordnung des Rassismus in das Denken der bürgerlichen Gesellschaft. Dem folgt eine Analyse der Funktion des Rassismus in der Konstitution des bürgerlichen Subjekts. Abschließend möchte ich einige Konsequenzen aus diesen Ausführungen ziehen. Die Argumentation orientiert sich weitgehend an der Psychoanalyse. Dies steht nicht im logischen Widerspruch zum wertkritischen Ansatz, den ich im vorigen Text verfolgt habe. Vielmehr kann die Psychoanalyse als eine Wertkritik von innen, bzw. die Wertkritik als Psychoanalyse von außen gelten. Eine ausführlichere Vermittlung beider Ansätze, die sich nicht 1:1 ineinander überführen lassen, steht freilich noch aus.

Rasse und Rassismus

Zunächst möchte ich klären, was unter Rassismus verstanden wird und was in diesem Kontext „Rasse“ bedeutet. Das Wort Rassismus wurde lange Zeit fälschlich auf den deutschen Nationalsozialismus eingeschränkt verwandt. Heute ist eine gegenteilige Entwicklung erkennbar – die ungebührliche Ausweitung der Verwendung. Im Sprachgebrauch tauchen Wendungen wie Rassismus gegen Beamte, Jugendliche oder Frauen auf. Gegen diese begriffliche Unschärfe ist auf der Bedeutung des Begriffes zu beharren.
Zunächst eine definitorische Annäherung an den Rassismus: Detlef Claussen beschreibt ihn als eine „gesellschaftliche Praxis,“ die darauf hinausläuft, „in Wort und Tat Menschengruppen wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft zu diskriminieren“. Sinn des Rassismus ist gemäß Christina von Rajewski „eine Sinngebung durch Vereinheitlichung des Bewußtseins“. In diesem Zusammenhang bestimmt sie den Rassismus als eine „Alltagsreligion“. Deren Aufgabe ist es „die chaotische Mannigfaltigkeit des Leben geordnet erscheinen“ zu lassen.

Grundlage rassistischer Argumentation ist der Begriff der „Rasse“. Wissenschaftlich ist es höchst umstritten, ob es möglich ist, Menschen in Rassen einzuteilen. Streng genommen ist dies nach biologischen Kriterien nicht durchführbar, weil sich die biologischen Merkmale, die für die Einteilung in Frage kommen (Hautfarbe, Haarform, Augenfarbe, Haarstruktur, Wuchs, Schädelform, Gesichtswinkel, chemische Eigenschaften des Blutes) zu sehr überschneiden. Strenggenommen ist jeder Mensch ein Rasse für sich, was die Soziologin Colette Guillaumin veranlaßte, zur Streichung des Rassenbegriffs aus der Naturwissenschaft aufzurufen. Der italienische Genetiker Luca Luigi Cavalli-Sforza versucht mit genetischer Argumentation den Rassismus zu widerlegen. Er geht davon aus, daß ein Afrikaner mit dunkler Haut, dessen Vorfahren ebenfalls in Afrika lebten, dennoch einem hellhäutigen Europäer genetisch enger verwandt sein kann, als einem anderen Afrikaner aus seinem Heimatort (vgl: Luca L. Cavalli-Sforza: Verschieden und doch gleich – ein Genetiker entzieht dem Rassismus die Grundlage).

Alter und neuer Rassismus

Im Folgenden soll die Entwicklung des rassistischen Denkens von seiner Entstehung an dargestellt werden. Dabei möchte ich besonders auf den Bruch eingehen, der sich nach 1945 vollzog, der auf einen Übergang zu einem kulturalistisch argumentierenden Rassismus hinzielte.
Selbst wenn man sich auf eine biologische Einteilung der Menschen in Rassen einläßt, hat dies noch nichts mit dem allgemeinsprachlichen Gebrauch des Wortes zu tun. Ein Rassist stützt sich nur scheinbar auf den biologischen Rassenbegriff. Vielmehr verwendet er einen soziologischen Rassenbegriff und behauptet dessen biologische Begründbarkeit. Der soziologische Begriff von Rasse umfaßt viel mehr Merkmale als der biologische, der sich ausschließlich auf äußere Merkmale stützt. Im soziologischen Gebrauch werden Menschengruppen, denen eine gemeinsame biologische Rassenzugehörigkeit zugeschrieben wird, auch bestimmte moralische, psychische, intellektuelle und kulturelle Eigenschaften zugesprochen. Bereits der schwedische Naturwissenschaftler Carl von Linné sprach im 18. Jahrhundert in seiner Klassifikation vom verstandgeleiteten Europäer, vom moralgeleiteten und freiheitsliebenden Indianer, vom verschlagenen und geschäftstüchtigen Asiaten und vom faulen, triebgesteuerten Afrikaner. Eine derart ausgeweitete Fassung des Rassenbegriffs ist durch nichts zu rechtfertigen. Es handelt sich um ein reines Wahngebilde.

Dessenungeachtet spielt der Rassismus in der europäischen Geschichte eine entscheidende Rolle. Vor allem ist die Entwicklung des Rassismus eng mit der Wissenschaft verknüpft. Die ersten Rassenvorstellungen wurden von den Wissenschaftlern der Aufklärung entworfen. Später verknüpften sich biologische und sprachwissenschaftliche Rassismusbegründungen. Die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts begab sich auf die „Suche nach einem neuen Adam“ (Poliakov). Aus der Erkenntnis einer sprachlichen Verwandschaft zwischen germanischen, romanischen, slawischen, keltischen und indischen sowie iranischen Sprachen (indo-europäische Sprachen) entwickelte sich der Mythos eines einheitlichen Vorfahren und einer biologischen Verwandschaft. Die derart halluzinierte „arische“ Rasse wurde im Gegensatz zu einer semitischen (Araber, Juden), sowie einer hamitischen Rasse (Berber, Somalis, Tuareg, Äthiopier etc.) konstruiert.(1) Die in Europa lebenden Juden wurden dabei als Angehörige der semitischen Rasse inmitten des „arischen Raumes“ angesehen. Dabei wurde schließlich gänzlich von äußerlichen Unterschieden abgesehen – und auf Blutszusammensetzung und daraus abgeleitet, bestimmten psychischen Eigenschaften rekurriert. Es wurde ein typisch jüdisches Wesen halluziniert (schmarotzend, umherschweifend), welches mit einem typisch arischen Wesen (produktiv, mit der Heimat verwurzelt) unvereinbar sei. Durch das Zusammenleben sei es zu einer „Rassenmischung“ gekommen, die einen unaufhaltsamen kulturellen Abstieg und schließlich den Untergang der Kultur nach sich gezogen haben soll. Spätere rassistische Argumentationen zielten daraufhin ab, diesen Prozeß durch »Rassenkampf« und »Rassenbewußtsein« zu stoppen und umzukehren. Durch Methoden der Zuchtauswahl (Eugenik) sollte eine möglichst reine arische Rasse gezüchtet werden. Angebliche Mißbildungen (Behinderte) und angeblicher kultureller Verfall (Abwendung von tradierten Sitten, sexuelle Zügellosigkeit, Homosexualität, psychische Erkrankungen wie Neurosen) wurden als Ergebnis der Rassenmischung bzw. der aus ihr folgenden „Degeneration“ dargestellt und sollten durch Ghettoisierung oder Sterilisation abgewendet werden. Das bestialische Mordprogramm der Nazis erweist sich somit als ein ideell vorbereitetes Projekt – keineswegs vom Himmel gefallen, sondern in die europäische Geistesgeschichte sich einreihend.

Nach 1945 galt der Rassismus als weitgehend diskreditiert. Neuere Entwicklungen, wie die Entstehung einer neonazistischen Massenkultur in den Neuen Bundesländern der BRD und im gesamten Osteuropa und zunehmend auch im westlichen Europa lassen diese Hoffnung als illusorisch erscheinen.

Tatsächlich vollzog sich in Westeuropa und Nordamerika eine subtile Umgestaltung des Rassismus. „»Rasse« ist kein Konzept, aber unbestreitbar ist es eine Vorstellung, das heißt ein Bündel von Konnotationen, ein Cluster unbeständiger Bedeutungen, dessen Bedeutungskern allerdings konstant bleibt“. Rasse erwies sich als „zentrales Moment der Wahrnehmung der Beziehungen zwischen Menschengruppen als »natürliche«, physisch zu somatischen Besonderheiten gehörenden Beziehungen“. Rasse umfaßt „morpho-physiologische ... soziale, ... symbolische und geistige ...“ sowie „imaginäre Kennzeichen ... Die Gesamtheit dieser Kennzeichen verschmilzt zu einem synkretischen Ganzen. Ein Zusammenhang, der zahlreiche Zugänge aufweist. Wenn sich bis vor kurzem der offizielle und anerkannte Zugang über somatische (oder als somatisch angenommene) Kriterien vollzog, verändert sich dies nun. Der Begriff Kultur ist dabei, ein angesehener Zugang zum gleichen Cluster von Bedeutungen zu werden.“ (Colette Guillaumin, Rasse – das Wort und die Vorstellung).
An die Stelle des alten Rassismus, in dessen Zentrum die Zuweisung von Menschen zu Rassen stand, tritt jetzt ein Kultur-Rassismus bzw. Kulturalismus, in dessen Zentrum die kulturelle Zuweisung steht.
Galt ein Mensch vorher als Exemplar seiner „Rasse“, so gilt er jetzt als Exemplar „seiner Kultur“. Der alte und der neue Rassismus werden von einem sie verbindenden ideologischen Kern durchzogen. Bevor dieser dargestellt wird, soll noch kurz auf die Unterschiede zwischen altem und neuen Rassismus eingegangen werden.

Kennzeichen dieses „Neorassismus“ sind:
1) Eine Verschiebung von Rasse zu Kultur ...
2) Eine Verschiebung von Ungleichheit zu Differenz: Die zur Schau gestellte Verachtung für die »Unteren« scheint so Platz zu machen für die Angst vor dem Kontakt mit anderen und ... einer Phobie vor der Mischung.
3) Ein stärkerer Bezug auf auf heterophile Aussagen (Recht auf Differenz etc.) als auf heterophobe Äußerungen ...
4) Der symbolische oder indirekte Rassismus äußert sich, ohne deklariert zu werden, und tendiert dazu, den direkten oder deklarierten Rassismus zu ersetzen ...“ (Pierre-André Taguieff, Die ideologischen Metamorphosen des Rassismus und die Krise des Antirassismus).
Der neue Rassismus spricht also nicht mehr von Rassen sondern von Kulturen. Der Haß auf das Fremde kann dabei (muß aber keineswegs) einer Liebe des Fremden Platz machen. Der Neue Rassismus liebt oft die Angehörigen fremder Kulturen ob ihrer „kulturellen Eigenarten“. Damit liebt er sie aus den gleichen Gründen, aus denen der alte Rassismus sie verachtete. Der fließende Übergang beider Denkweisen zeigt sich auf einem kürzlich gesichteten Aufkleber der NPD: auf diesem wurde die Forderung nach einem „Ausländerstopp“ mit dem Erhalt „ethnischer Vielfalt“ verbunden.

Rassismus und Antisemitismus als Biologisierung des Sozialen

Was verknünpft den neuen Rassismus mit dem Antisemitismus?
Es läßt sich dabei eine zentrale Ideologie ausmachen, die alten und neuen Rassismus verknüpft. Sie beinhaltet seinen „zutiefst inhumanen Kern“, der darin besteht, „daß er Menschen ... nicht als Persönlichkeiten mit eigenen Anlagen und Begabungen, sondern im Grunde nur als Mitglieder ihrer »Rasse« oder ihres »Kulturkreises« ansieht“ (Butterwegge, Rechtsextremismus, Rassismus, Gewalt, S.122ff). Diese Ideologie wurde von Alexander Demirovic als „biologisch-genetischer Lebensbegriff“ bezeichnet (vgl. Demirovic: Vom Vorurteil zum Neorassismus). Folgende Momente kennzeichnen diesen:
1) Ein Individuum wird als Teil eines Volkes oder einer »Rasse« aber nicht als eigenständige und einmalige Persönlichkeit wahrgenommen.
2) Der einzelne gilt als streng determiniertes Wesen.
3) Die Gemeinschaft sei nicht für den Einzelnen, sondern der Einzelne für das Wohl der Gemeinschaft verantwortlich.
4) Sozialdarwinistische Interpretation des Lebens: Dem Schwachen wird kein Existenzrecht zugestanden, die Anpassung an die Mehrheit gilt als oberstes Gebot.
5) Die Abwehr des Fremden wird mit aus der Biologie entnommenen Metaphern (Ethnozentrismus) gerechtfertigt. Es wird also behauptet, „Fremdenhaß“ wäre angeboren etc. .
6) Ablehnung kosmopolitischer Tendenzen. Betonung der Verwurzelung des Menschen mit seiner »Heimat«.
7) Die verändernde und intellektuelle Kraft des Einzelnen zählt nicht.
8) Ablehnung des Theoretischen zugunsten des Gefühls, des Konkreten, des Ursprünglichen.
In diesem Zusammenhang spricht Etienne Balibar von einem „Rassismus ohne Rassen“ (Balibar: Der Rassismus – auch noch ein Universalismus).
Kennzeichnend für diesen Neorassismus ist seine Liebe zur Vielfalt der Kulturen und zur Differenz. Ethnische Vielfalt wird als Reichtum oder »Wert« betrachtet, weshalb sich ethnische Mischung verböte und der »Schutz der bedrohten Völker« (nicht selten geht es dabei um den Schutz des eigenen – angeblich bedrohten – Volkes) gebietet. Rassismus äußert sich nicht mehr unbedingt als Haß auf Differenz, sondern: die Differenz der Ethnien wird zum neuen Dreh – und Angelpunkt des Rassismus.

Neuer Rassismus kann somit wesentlich als verallgemeinerter Antisemitismus bezeichnet werden. „Bestimmte Motive tauchen im rassistischen wie auch im antisemitischen Denken auf, beispielsweise, wenn »Asylanten« typisch »jüdische« Eigenschaften zugeschrieben werden. Im Schimpfen auf die »unverschämte Lässigkeit« und »sexuelle Attraktivität« schwarzafrikanischer Flüchtlinge schwingt der Neid verkümmerter Volksgenossen auf Individualität und Differenz. Mit der Figur des »Wirtschaftsflüchtlings« haben die Politiker einen historischen Wiedergänger des »reichen Geldjudens« geschaffen. Es handelt sich also nicht um eine Ablösung des Antisemitismus durch den Rassismus; vielmehr ist der deutsche Rassismus mit antisemitischen Elementen aufgeladen.
„Trotz der Gleichartigkeit der Motive des Hasses weist seine Ausprägung die von Postone [Nationalsozialismus und Antisemitismus] skizzierten Unterschiede auf. Rassistisch definiert der Bürger sich gegen die zur Verwertung des Werts untauglichen; im Antisemitismus grenzt er sich ab von den ihn angeblich bedrohenden, unfaßbaren Mächten des Abstrakten, von Geld und Geist ...“. (Jürgen Elsässer, Antisemitismus – das alte Gesicht des neuen Deutschland, S. 57-59).
Rasssistisches und antisemitisches Denken läßt sich auf diese Weise als eine umfassende Biologisierung des Sozialen darstellen.

Natur und Kultur in der Moderne

Im Folgenden soll geklärt werden, wie sich diese Denkweise kulturhistorisch im europäischen Denken ausbildete. Oft wird in der Diskussion um den Rassismus dieser als eine vormoderne Erscheinung betrachtet. Ursächlich für rassistisches Denken seien quasi mittelalterliche traditionelle Relikte, die noch in den Köpfen herumspuken würden. Mit zunehmender Weiterentwicklung der Gesellschaft (»Globalisierung«) würden diese verschwinden. Dieser These soll hier auf das Entschiedenste widersprochen werden.
Vielmehr ist es derartiger Fortschrittsoptimismus, der sich an der Geschichte längst bis zur Überdrüssigkeit blamiert hat und der endlich als überholtes Relikt beiseite gelegt werden sollte.
Daher die Gegenthese dieses Textes: Rassismus ist untrennbarer Bestandteil der kapitalistischen Moderne. Einige Autoren haben auf die Verquickung des Rassismus mit der kapitalistischen Ökonomie (Werner Ruf) bzw. mit der Kolonialgeschichte (Henning Melber) verwiesen. Darauf soll hier nicht näher eingegangen werden. Statt dessen möchte ich rassistisches Denken aus der Kulturgeschichte der Moderne entwickeln: Rassismus als Konsequenz des modernen Denkens.

Tatsächlich finden sich rassistische Positionen nicht in vormodernen Schriften. Diskriminierungen in vormodernen Zeiten (die Barbaren in der Antike, die Juden, Ketzer, Aussätzigen und Geisteskranken im Mittelalter) können nicht als rassistisch bezeichnet werden. Erst die europäische Moderne und einzig diese entwickelte jene für den Rassismus typische Biologisierung des Sozialen und die wissenschaftlich begründete Abwertung und Bewertung von Menschen. Auf eine ausführliche Beschreibung der Entwicklung dieses Denkens muß hier leider verzichtet werden (vgl dazu Poliakov/Delacampagne/Girard: Über den Rassismus oder Poliakov: Der arische Mythos oder Benz/Bergmann: Vorurteil und Völkermord).

Grundlegend für das Denken in der Moderne ist die Bewußtwerdung des Unterschiedes zwischen Mensch und Natur. In Ansätzen und bei nur geringer Verbreitung war diese Trennung den Menschen schon vorher bewußt (Beispiele dafür stellen die antike Philosophie in ihrer komplexesteten Gestalt, also den Werken von Aristoteles und Platon sowie das Alte Testament als Basis der jüdischen Religion dar).
Der Mensch beginnt in der Moderne, das heißt etwa ab der Aufklärung sich seiner selbst als von der Natur getrenntes Wesen zu betrachten. Er stellt sich ihr gegenüber, um sie wissenschaftlich zu erforschen und zu klassifizieren („traditionelle Theorie“, Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie) und sich diese Erkenntnisse in ihrer Beherrschung nutzbar zu machen(2).
Dazu unterwirft er sich selbst jenem beherrschenden Zwang. Er übt sich einen klaren, geregelten Tagesablauf ein – wie er für den Tagesablauf der Arbeitenden in den entstehenden Manufakturen und Fabriken des 18. und 19. Jahrhunderts typisch ist (und für die Verwaltenden dieser ebenso). Es entsteht ein globales Weltsystem mit bürgerlichen Nationen, die über Weltmarkt, Börse und Weltgeld zusammengeschweißt sind.
Dabei verschwinden einerseits die Unterschiede in den Gruppen (die tradierten feudalen Kasten) und andererseits die Unterschiede zwischen den Gruppen – also die vielfältigen ethnisch-kulturellen Differenzen.

Im Zuge dieser Entgegenstellung und dem Verschwinden der Unterschiede zwischen und in den Gruppen mit zunehmender Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse kommt es zu einer Orientierung an scheinbaren biologischen Gewißheiten, wobei das scheinbar Natürliche einen hohen Stellenwert erlangt. In diesem Kontext werden ethnische, »rassische« und geschlechtliche Unterschiede naturalisiert. Es wird also behauptet, es sei „natürlich“ gegeben, also vor allem unveränderlich, daß man „Deutscher“ oder „Deutsche“ ist und deshalb sich in bestimmter Weise verhält und so und so aussieht. Das es „Deutsche“ gibt, die diesem Bild gerade nicht entsprechen, widerspricht dem gemäß rassistischer Denkweise nicht – es bestätigt sie vielmehr geradezu. Einerseits schreibt man sich selbst als Angehöriger eines Volkes oder einer »Rasse« Natürlichkeit zu, andererseits wird »den Anderen«, der »anderen Rasse« bzw. „Kultur“ Natürlichkeit zugeschrieben.

Jetzt soll nach dem Wesen rassistischer Mythen gefragt werden: In diesem Zusammenhang ist es wichtig, daß die meisten völkischen Mythen sogenannte Ursprungsmythen sind. So wird das deutsche Volk als ein in sich geschlossenes organisches Ganzes halluziniert. „Wir glauben daher, daß die wahre Bedeutung der deutschen Geschichte in dem über Jahrhunderte hin kumulativ gewachsenen Einfluß eines Phantasmas von ganz bestimmter Art liegt.
Daraus entstehen von Zeit zu Zeit Schübe eines Verfolgungswahns, der sich gegen eine als nicht-deutsch, als fremd empfundene Bedrohung richtet (Rom, die Welschen, die Slawen, die Juden); der Wahn führt dazu, daß die Reihen dichter geschlossen werden. Er läßt den Plan aufkommen, Feinde anzugreifen und zu vernichten, die zugleich imaginär und real sind ...; und zwar Feinde, deren bloße Existenz als Provokation empfunden werden kann ... daher die in ihrer Übertriebenheit charakteristischen Anfälle eines flammenden deutschen Patriotismus, daher auch die Tradition ... der »nationalen Demütigungen«, die Deutschland zugefügt wurden.“ (Poliakov, Der Arische Mythos, S. 107)
Das Volk wird als organisch-biologische Einheit gesehen, für dessen Reinheit es zu kämpfen gilt. Alle äußeren und inneren „Andersartigen“ werden dann als Feinde betrachtet. Diese Feinde stellen einerseits eine Bedrohung dar, werden andererseits aber gerade zur Abgrenzung, zum eigenen Finden von Identität gebraucht. Adolf Hitler in einem Gespräch: „Gäbe es den Juden nicht, so müßten wir ihn erfinden.“
„Diese ... ideologischen Bestrebungen ... stehen wohl im Zusammenhang mit dem hervorstechenden Merkmal des archetypischen Germanen (oder des »idealen deutschen Menschen«): einem unerschütterlich reinen Gewissen oder vielmehr einem Gewissen, daß um jeden Preis rein sein will –, so daß wir schließlich ein Phantasma ohne jedes Gewissen vor uns haben (die »blonde Bestie – ein Tier, kein Mensch«). Der Preis jedoch, der in Form von Abwehr und Projektionsmechanismen zu zahlen ist (wobei per definitionem »fremdländische Feinde« als Zielscheibe gewählt werden), ist sehr hoch ...“ (ebenda, S. 106f)
Der „eigenen Nation“ wird ein dunkler und mythischer Ursprung zugeschrieben. In Deutschland sind das die Germanen und die mythische deutsche Sagenwelt, wie sie in Sagen wie dem „Nibelungenlied“ ausgedrückt wird. Die Vergangenheit der „sagenhaften“ deutschen Nation wird als stark, rein, gesund, unverfälscht halluziniert. Diesen als verloren empfundenen Zuständen wird nachgetrauert bzw. um ihre Wiederherstellung gekämpft. Man glaubt historisch eins mit sich, der Natur und dem Volk gewesen zu sein, anstatt von abstrakten Zwängen beherrscht (und kann dafür sogar in gewissem Sinne Wahrheit beanspruchen (3)). Dabei wird den „Anderen“, „Fremden“ unterstellt, diese ursprüngliche Einheit zerstört zu haben. Daher ist jeder Mythos ein Ursprungsmythos. Er behauptet eine reine Vergangenheit, von der man sich mit zunehmender „Modernisierung“ entfremdet hätte (hier findet die begrenzte Wahrheit dann ihr Ende: schließlich gab es diese Ursprünglichkeit nie und vor allem wurde sie nicht von fremden Mächten oder durch eine „Rassenmischung“ und „Überfremdung“ zerstört).

Was ist die Konsequenz? Die erlebte und gefühlte Trennung von der Natur soll durch Einbindung in eine angeblich natürliche, geschlossene Gemeinschaft und durch Abgrenzung von ebenso naturhaft »Anderen« überwunden werden. Diese »Anderen« sind dabei gleichermaßen notwendig zur Herstellung dieser Einheit, wie Ärgernis, welches an die Unmöglichkeit dieser Einheit mahnt und die für die Unmöglichkeit dieser Einheit verantwortlich gemacht werden. Die »Fremden«, bzw. »Anderen« stehen somit gleichermaßen für die Herstellung dieser Einheit wie für die vage Erkenntnis, daß es sich dabei letztendlich um einen Selbstbetrug handelt. Die »Anderen« müssen also zugleich immer wieder gesucht und sogleich immer wieder verfolgt werden.
Hier hat der Begriff der „Identität“ seine Quelle: Identität drückt stets ein Verhältnis/eine Beziehung aus. Die Frage nach meiner Identität ist stets gleichbedeutend mit der Frage wie ich mich von anderen bzw. „dem Anderen“ unterscheide. Identität bedeutet dabei stets Zurechtquetschung und Zurichtung.von sich selbst und den anderen. Daher schließen sich auch Identität und Emanzipation aus. Emanzipation kann nur als Befreiung von der Identität gedacht werden.

Die Sehnsucht nach Vollkommenheit und das Unheimliche als Allbekanntes

Um dem Phänomen Rassismus weiter auf die Spur zu kommen, soll jetzt erörtert werden, warum einzelne Menschen in sich das Bedürfnis verspüren, derartige Denkmuster aufzugreifen. Dazu soll auf die Erkenntnisse der Psychoanalyse zurückgegriffen werden. Der den Rassismus wesentlich begründende Mythos ist oben als Resultat gefühlter Trennung von der Natur decodiert worden. Es war festgestellt worden, daß er stets als „Ursprungsmythos“ verbunden mit einer Sehnsucht nach Reinheit und Ursprünglichkeit auftritt. Dieser kollektiven Denkweise soll nun in ihrer individuellen, psychologischen Entstehung nachgespürt werden.

Zunächst einige Gedanken zum Aufgreifen der Psychoanalyse. Kern dieser von Freud entworfenen Lehre ist die Annahme unbewußter psychischer Vorgänge. Ich habe also Gedanken, Gefühle und Gewißheiten von denen ich selbst nichts weiß. Jeder Mensch kann das an sich nachvollziehen. Mir fällt ein Name nicht ein, so angestrengt ich auch nachdenke. Er liegt mir auf der Zunge aber ich komme einfach nicht drauf. Ich denke schließlich nicht mehr dran und plötzlich fällt mit der entsprechende Name wie aus heiterem Himmel ein. Unbewußt ging also die Suche nach dem Vergessenen weiter. Ein anderes Beispiel: Ich habe ein Problem zu dem mir trotz angestrengten Nachdenkens keine Lösung einfällt. Und urplötzlich, häufig am nächsten Morgen, nach dem Schlaf, erscheint das Problem nicht mehr so aussichtslos wie zuvor und ich habe plötzlich eine Lösung parat. Diese alltäglichen Erscheinungen aus dem psychischen Leben sind für Freud Hinweise auf ein psychisch Unbewußtes (vgl. Freud: Das Unbewußte).
Ebenso beruhen Denkweisen und Ideologien der Menschen auf unbewußten psychischen Vorgängen(4). Nicht rationale Überlegungen sind der zentrale Grund für rassistische Überzeugungen, sondern eine „Idiosynkrasie“, eine wirklich gefühlte Abneigung gegenüber bestimmten Menschen. Unbewußte psychische Konstellationen sind also der Untergrund ideologischer Gebilde, mit denen bestehende Zustände scheinbar rational erklärt werden(5).

Doch zurück zum Unbewußten. Unsere zentrale Frage: woher stammt die oben beschriebene Sehnsucht nach Reinheit, Vollkommenheit und Ursprünglichkeit, die den Kern des Rassismus ausmacht? Daher zunächst ein kurzer Ausflug in Freuds Entwicklungstheorie.
Gemäß der Entwicklungstheorie Freuds gestaltet sich die Entwicklung des Kindes in der Form von psycho-sexuellen Phasen. Das Kind kommt als Wesen zur Welt, bei dem sexuelle Lust und Nahrungsaufnahme nicht gesondert sind. Es empfindet bei der Nahrungsaufnahme zugleich sexuelle Lust. Aufgrund fortschreitender körperlicher Entwicklung (v.a. Muskelentwicklung und Zahnbildung) einerseits und Entwöhnung von der Mutterbrust andererseits geht diese erste „orale“ Phase schließlich in die zweite, die „anale“ über. Lustgewinnung erfolgt jetzt nicht mehr bei der Nahrungsaufnahme, sondern bei der Ausscheidung. Das in dieser Phase entscheidende Lustobjekt, die eigenen Ausscheidungen, werden dem Kind aber durch elterlichen Einfluß weggenommen. Es muß sie zu festgesetzten geregelten Zeiten ausüben und darf nicht mehr frei über sie verfügen. Das daraus für ein Kind entstehende Leid muß als unermeßlich betrachtet werden – schließlich handelt es sich um die Verhinderung seiner sexuellen Befriedigung (Freuds fundamentale Entdeckung, den Menschen von seiner Geburt an und nicht erst ab der Pubertät als sexuelles Wesen zu betrachten, setze ich hier mal voraus).
Mit weiterer psycho-sexueller Entwicklung tritt schließlich, und zwar ca. im 4.-5. Lebensjahr die „phallische“ Phase ein, in der das Kind durch Masturbation, nämlich Berührung des Penis oder der Klitoris Lust empfindet. Mit der für das Kind katastrophalen Entdeckung seiner Geschlechtlichkeit zieht es sich schließlich teilweise (nicht so radikal wie Freud noch vermutete) vom Sexualleben zurück und es beginnt die „Latenzphase“ – die typisch für das Schulkind ist und bis zum erneuten Anwachsen sexueller Gefühle in der Pubertät anhält.
Die Entdeckung der eigenen Geschlechtlichkeit zerstört im Kind die vordem gefühlte Einheit, das Gefühl ein „ganzer Mensch“ zu sein. Daher der in den Träumen und Neurosen psychoanalytisch nachweisbare Wunsch der Verleugnung der Geschlechtlichkeit der Menschen. In einer männlich-patriarchalen Gesellschaft zeigt sich dieser im unbewußten Schrecken vor der Penislosigkeit der Frau (beim Mann) und dem Wunsch einen Penis zu besitzen (bei der Frau: hier zeigt er sich meist als Wunsch ein Mann zu sein, oder männliche Eigenschaften zu haben). Wie gesagt: alles weitgehend unbewußt.
Dieser Ansatz gewinnt seine Schärfe erst dann, wenn man bereit ist, die Erkenntnisse der feministischen Wissenschaft ernst zu nehmen – vor allem dann, wenn man den Kapitalismus als patriarchale Gesellschaft begreift. Kindern, die von vornherein mit der gespürten Gewißheit einer männlichen Gesellschaft aufwachsen, halten den Penis tatsächlich für ein Symbol der Macht, Beherrschung und Stärke. Die Äußerung Freuds, daß das kleine Mädchen sich als „kastriert“, also als „Wunde“ (Adorno) vorkommt, findet also in den gesellschaftlichen Verhältnissen ihre Entsprechung, in denen der Besitz eines Penis tatsächlich einen wesentlichen Zugang zu gesellschaftlichen Möglichkeiten bedeutet(6).

Es sollen jetzt zwei weitere psychische Vorgänge und ihre Konsequenzen betrachtet werden: die Regression und die Fixierung.
Aufgabe der Entwicklung ist laut Freud die Bildung eines „genitalen Charakters“. Die Sexualität soll der Fortpflanzungsfunktion unterworfen werden. Alle andere Triebwünsche des Kindes, z.B. die nach oraler oder analer sexueller Befriedigung, soll es dieser unterordnen. Vor allem soll es den Wunsch nach Einheit mit der Mutter, nach der es sich als Kind sehnte, aufgeben und statt dessen eine „normale heterosexuelle Beziehung“ eingehen. (wie gesagt: man mag zu diesen Äußerungen stehen wie man will, es bleibt der Fakt, daß es die bestehende Gesellschaft tatsächlich vom Kind, später vom Heranwachsenden verlangt und davon ist zunächst auszugehen).
Bleibt im realen Leben die Befriedigung weitgehend versagt – und davon ist in einer kapitalistischen, patriarchalen Arbeitsgesellschaft auszugehen, dann „droht“ ein psychischer und sexueller Rückfall auf frühere Stufen der Entwicklung. Der erwachsene Mensch kramt unbewußt in seiner Erinnerung, fragt sich, wann er denn einmal voll befriedigt war und stößt dabei auf jene frühkindliche Phase, die vor dem Erkenntnis der Geschlechtlichkeit liegt. Er sehnt sich zurück nach jenem frühkindlichen Stadium der gefühlten Einheit mit der Mutter. Das versteht Freud unter Regression.
Die Fixierung beschreibt das Steckenbleiben der oben beschriebenen phasenartigen Entwicklung. Es kommt also gar nicht erst zur Herausbildung jenes „genitalen Charakters“ und die Person bleibt psychisch auf der oralen oder analen Phasen stehen: in diesem Fall spricht Freud von Fixierung (auf einer bestimmten Phase).

Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß das Kind sich vor dem Erkennen der Geschlechtlichkeit als »ganzer Mensch« fühlt (zumindest erscheint dies beim Rückblick auf die Kindheit so) – erst jetzt erkennt es seine prinzipielle Getrenntheit vom anderen, in Form des Liebesobjekts Mutter. Das Kind erkennt, daß es ein vereinzeltes, auf sich allein gestelltes Wesen ist und bleibt. Dies geht einher mit einer Sehnsucht nach jener früheren Phase, der Sehnsucht nach einer verlorengegangenen, früher angeblich vorhandenen Einheit und Ganzheit (vgl. Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips).

Was bedeuten die beschriebenen psychischen Prozesse für das Verständnis des Rassismus? In dieser Sehnsucht nach der einst gefühlten „Allmacht“ und „Einheit“ hat die Herausbildung rassistischer Denkweisen ihren Urquell. Der einstmals gefühlte Zustand soll im realen Leben durch die Bindung an rigide Gemeinschaften und Denkweisen realisiert werden. Julian Bielicki spricht in diesem Zusammenhang von Faschos als erwachsen gewordenen Riesensäuglingen (Bielicki: Der rechtsextreme Gewalttäter).
Daher der Wunsch der Rassisten nach Verschmelzung mit der eigenen „Rasse“, dem eigenen „Volk“, daher die zentrale Bedeutung von „Blut“, „Volk“ und „Boden“ im rassistischen Denken. Man möchte Teil einer Blutsgemeinschaft, verwurzelt mit der „Volksgemeinschaft“ und ihrem angestammten Boden sein.
In diesem Wunsch eines mit sich, seinem Volk, dessen Boden/Natur zu sein, hat auch der sexistische Männlichkeitswahn seinen Ursprung. Wie dem Rassisten die Existenz anderer Rassen, so ist dem Sexisten die Existenz des „anderen“ – nämlich weiblichen Geschlechts ein permanentes unbewußtes Ärgernis. Das selbstherrliche männliche Subjekt kann neben sich nichts dulden, es will alles sein, eben das „Ganze“, auf das sich die infantile Sehnsucht richtet. Damit kann man durchaus vom Rassismus als männlichem Denken sprechen. Da spricht nicht dagegen, daß sich auch Frauen dieses Denkens bedienen können. Die psychische Entwicklung hält für sie, wenn auch in begrenztem Umfang, die Möglichkeit bereit, am „Männlichen“ teilzuhaben (vgl. Freud: Neue Folge: Die Weiblichkeit).

Dem „Fremden“ wie auch dem „anderen Geschlecht“ kommt im rassistischen/sexistischen Denken eine eigentümliche Ambivalenz zu. Ambivalenz ist ebenfalls ein psychoanalytischer Begriff. Er verweist auf das Nebeneinanderbestehen gegensätzlicher Regungen. Typisch dafür ist das gleichzeitige Hassen und Lieben der Eltern.(7)
Auch das besprochene Fremde unterliegt nun einer derartigen Ambivalenz. Es wird gleichzeitig panisch gesucht wie panisch davor geflohen. Einerseits braucht der Rassist die andere Rasse – und schafft sie damit geradezu – und andererseits flieht er vor ihr, buchstäblich wie vor der Pest. Einerseits ermöglicht die Abgrenzung von den „Fremden“ die Begründung einer eigenen Rasse und des Gefühls der Zugehörigkeit zu dieser. Andererseits macht gerade dieser „rassische“ Unterschied darauf aufmerksam, daß man eben nicht „alles“ ist, sondern daß es noch dieses „Andere“ gibt. An der anderen Rasse wird die Verlogenheit der Volksgemeinschaftsideologie deutlich. Sie gibt nicht, was sie verspricht. Daher mußte im Nationalsozialismus zur vollständigen Vernichtung immer erst noch aufgerufen werden, war die „wirkliche Tat“ stets erst noch zu vollbringen (Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung).

Das Fremde erscheint dem Rassisten somit als unheimlich. Unheimlich ist aber stets das allzu Vertraute. Es muß Gründe dafür geben, daß einem etwas unheimlich und eben nicht gleichgültig ist. Das ist die „... geheime Natur des Unheimlichen ... dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist ... etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist“ (Das Unheimliche, in Freud: Essays. Band 2, S. 577f)
Hinter dem Unheimlichen steht also das Heimisch-Vertraute, die Sehnsucht nach der einst gefühlten Einheit mit der Mutter. „... wenn der Träumer von einer Örtlichkeit oder Landschaft noch im Träume denkt: Das ist mir bekannt, hier war ich schon mal, so darf die Deutung dafür ... den Leib der Mutter einsetzen“ (ebenda, S. 582f). Hinter dieser Sehnsucht nach der Rückkehr in den Mutterleib steht das Bedürfnis nach Rückkehr zu jenem Zustand der frühkindlich gefühlten Ungeschlechtlichkeit. In diesem einst gefühlten Zustand unterschied das Kind nämlich noch nicht zwischen sich und der Mutter, vielmehr war dies ihm alles eines. Der konservative Charakter der Triebe(8) sorgt nun für ein Zurücksehnen zu diesem Zustand.

Hiermit jedoch zurück zum Rassismus: sein Kern bestand in dem skizzierten biologistisch-genetischen Lebensbegriff, der sich in der Ideologie als Biologisierung bzw. Kulturalisierung des Sozialen ausdrückt. Diese Denkweise läßt jetzt ihren geheimen Urgrund erkennen. Er besteht in den dargestellten unbewußten Triebwünschen nach Rückkehr in den frühkindlichen Zustand einer gefühlten Ganzheit. Betreffende lehnen es ab, ein begrifflich denkendes und sich die Welt erschließendes Individuum zu sein. Genau das macht den Kern jenes biologistisch-genetischen Lebensbegriffs aus: Teil einer „Rasse“, eines „Blutes“, eines „Volkes“, einer diffusen Masse zu sein. Der Rassismus als Alltagsreligion, wie er eingangs dargestellt wurde greift systematisch diese unbewußten Phantasien auf.
Rufen wir uns nochmals gängige Praxen des Rassismus ins Gedächtnis: Mittels Methoden der Zuchtauswahl (Eugenik) geht es um die Züchtung einer reinen arischen Rasse. Angebliche Mißbildungen (Behinderte) und angeblicher kultureller Verfall (Abwendung von tradierten Sitten, sexuelle Zügellosigkeit, Homosexualität, psychische Erkrankungen wie Neurosen) werden als Ergebnis der Rassenmischung bzw. der aus ihr folgenden „Degeneration“ dargestellt und sollten durch Ghettoisierung oder Sterilisation abgewendet werden. Die Zucht- und Ausgrenzungspraxis, die in der Konsequenz zum Massenmord führte, erscheint jetzt in ihrer Entstehung klarer und durchsichtiger. Auf keinen Fall sollte man Positionen auf den Leim gehen, die solche Denkweisen aus Nützlichkeitserwägungen von irgendwem ableiten. Vielmehr ergeben sie sich aus der Geschichte der europäischen Moderne und knüpfen an unbewußte psychische Empfindungen der Einzelnen an, soweit sie in einer derartig verfaßten Gesellschaft leben.

Die Zukunft einer Illusion!?

Ein anderer Weg der Überwindung dieser Trennung besteht in der Einsicht in diese und ihrer Überwindung mittels Gestaltung des eigenen Lebens und mittels Denken (auch hier finden sich wichtige Anregungen bei Freud, z.B. in „Die Zukunft einer Illusion“ oder der letzten (35.), der Vorlesungen der „Neuen Folge“).

Die jüdische Religion steht seit vielen Jahrhunderten für diesen zweiten Weg. Im Unterschied zu den meisten anderen Religionen kennt das Judentum keine individuelle Erlösung mittels Glauben (Protestantisches Christentum), keinen Weg zu Gott über den Vermittler Jesus (Katholizismus), keine meditativen Praktiken oder positive Beeinflussung des Karmas. Das Judentum steht für die konsequente Einsicht in die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies und eine vernünftige Gestaltung des diesseitigen Lebens (zehn Gebote). Mit diesem nüchtern-realistischen wie diesseitsbejahenden Blick auf das Leben war der Judaismus seit je, besonders unter Christen, verhaßt. Es machte die Christen – und später die Nationalen, Völkischen und Rassisten – auf die Verlogenheit und den selbstbetrügerischen Charakter ihrer Ideologien aufmerksam. Ohne es zu wollen, zog die jüdische Bevölkerung durch ihre bloße Existenz den Haß der umliegenden Bevölkerung auf sich.

Die dem alten wie neuen Rassismus zugrundeliegende Sehnsucht nach Allmacht und Vollkommenheit muß also als gegeben betrachtet werden. Es geht also darum, sich dem davon ausgehenden Zwang nach Weghalluzinierung der gefühlten Unvollkommenheit durch Eingliederung in rigide Strukturen und Denkweisen zu widerstehen und schonungslos zu erkennen, daß das begriffliche Denken der einzige Weg ist, mit dem Gefühl der verlorengegangenen kindlichen Allmacht umzugehen.

Rassismus ist also weder irreale Spinnerei noch rationales Kalkül, vielmehr gibt es in jeder Person etwas psychisch real bestehendes, was die Anknüpfung derartiger Denkweisen ermöglicht. Es ging mir darum, genau das begreiflich zu machen. Ich warte schon darauf, der Verharmlosung beschuldigt zu werden. Diese Beschuldigung gebe ich postwendend an jene zurück, die allen Ernstes von einem „Nützlichkeitsrassismus“ schwafeln. Nicht die Aufdeckung der unbewußten psychischen Regungen, die Rassismus möglich machen ist verharmlosend, sondern ihr Verschweigen oder Nicht-zur-Kenntnis-nehmen. Das Wesen der Kritik hingegen besteht darin, dem kritisierten Gegenstand seine partielle Wahrheit zuzugestehen.

Martin D.

Fussnoten:

 (1) Genau betrachtet, liegt dieser Position eine doppelte Rassenkonzeption zugrunde. Einerseits würde sich die Menschheit in die drei Großrassen (negrid, europid und mongolid) teilen und andererseits würde sich die europide Großrasse nochmals in drei Zweige teilen. In Anlehnung an den biblischen Mythos unterschied man zunächst einen semitischen, einen hamitischen und einen japhetitischen Zweig. Das leitete sich von den drei Söhnen Noahs ab: Sem, Ham und Japhet. Nach biblischer Überlieferung wurde die Menschheit von Gott durch die Sintflut vernichtet. Nur Noah mit seiner Frau und seinen drei Söhnen durften auf der Arche überleben. An diesem Mythos knüpften auch die ersten Rassentheorien an. Von den drei Söhnen Noahs sollen drei Rassen abstammen – semitisch, hamitisch und japhetitisch. Aus der ursprünglich als japhetitisch bezeichneten Rasse entstand später das Bild der arischen Rasse.

(2) Vormoderne Denkweisen (also solche aus Zeiten vor Beginn der Durchsetzung des Kapitalismus) unterschieden gar nicht zwischen „Natur“ und „Zivilisation“ bzw. „Kultur“. Zu dem, was wir heute als „Natur“ bezeichnen, bestand ein völlig anderes Verhältnis. Zur Umwelt bzw. zu der die Menschen umgebenden „Dingwelt“ bestand ein heute als „sympathetisch“ bezeichnetes Verhältnis des Hineinfühlens statt des Beherrschens und Unterwerfens.

(3) Tatsächlich breiteten sich die abstrakten Zwänge erst mit der Entstehung des Kapitalismus aus. Vergleiche dazu meinen Artikel in CEE IEH #83: „Die halbe Wahrheit ist die ganze Unwahrheit“

(4) Streng genommen ist diese Ableitung nicht zulässig. Die zu beschreibenden frühkindlichen, in dem Erwachsenden vorhandenen unbewußten Wünsche sind von anderer Art, als jene unbewußte „Problemlösung“. Es gibt bei Freud nämlich zwei Arten des Unbewußten. Beschreibend ist ein vergessener Name genauso unbewußt wie verdrängte Triebe der Kindheit. Analytisch gesehen verbirgt sich hinter letzterem jedoch etwas vollkommen anderes: Freud trennt scharf zwischem der prinzipiell unbewußten Welt der Triebe und des Verdrängten (psychisches System des Unbewußten) und dem System des Vorbewußten, welches Wissen enthält, das jederzeit zu Bewußtsein treten kann, wie ein vergessener, „mir auf der Zunge liegender“ Name.

(5) Häufig werden der Psychoanalyse ähnliche Denkweisen unterschoben, wie ich sie oben im Text angegriffen habe. Freud würde Menschen als naturhaft bestimmt und festgelegt betrachten, die geschlechtlichen Rollen nicht hinterfragen – kurzum: biologistisch und sexistisch argumentieren. Dieser Einwand ist sehr schwierig zu behandeln, weil er richtig und falsch zugleich ist. Die Schwierigkeiten verschärfen sich, wenn man bedenkt, daß man Freud nicht einfach in „politisch korrekte“ und „unkorrekte“ Äußerungen zerteilen kann. So schreibt er: „Man gewinnt beim Kulturkind den Eindruck, daß der Aufbau [seiner Persönlichkeit] ein Werk der Erziehung ist ... . In Wirklichkeit ist diese Erziehung eine organisch bedingte ... . Die Erziehung verbleibt durchaus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf beschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen ... .“ (Band 5, S. 85; Hervorhebung von mir). Das klingt streng biologistisch, läßt sich jedoch auch anders auslegen. Tatsächlich kann keine noch so „politisch korrekte“ Erziehung verhindern, daß der erzogene Mensch grundlegende Momente der bürgerlichen, „falschen“ Gesellschaft in sich aufnimmt. Wirklich vollzieht sich die menschliche Entwicklung quasi biologisch – einem Naturzwang ähnlich. Das Freud diesen Naturzwang lediglich feststellt, nicht jedoch kritisch wertet, kann ihm zu Recht vorgeworfen werden. Dennoch bleibt es sein Verdienst auf einen solchen Zwang erstmals überhaupt hingewiesen zu haben.

(6) Man könnte sagen, daß es erst der Kapitalismus ist, der die Menschen auf ihre biologischen Eigenschaften reduziert. In diesem Sinne ist Freuds Erkenntnis durchaus richtig, wenn er schreibt das der anatomische Unterschied (also der Besitz eines Penis) grundlegend für die spätere psychische Entwicklung ist (vgl. Sigmund Freud: Die psychische Bedeutung des anatomischen Geschlechtsunterschieds).

(7) Dem Unbewußten kommen laut Freud bestimmte psychische Eigenschaften zu, die es vom Bewußten unterscheiden. Das Unbewußte kennt keine Zeit und keine logischen Widersprüche. Gleichzeitig eine Person zu lieben und zu hassen ist daher im Unbewußten problemlos gleichzeitig möglich.

(8) Alle Trieben haben nach Freud einen „konservativen Charakter“. Sie streben nach Rückkehr zu einem einst erreichten Zustand. Ausdruck davon ist der „Todestrieb“, der den anorganischen Zustand des Lebenden wiederherstellen will. Der „Ich- bzw. Selbsterhaltungstrieb“ strebt gleiches an. Er will dem Organismus seinen eigenen Weg zum Untergang absichern, nicht etwa einen von außen aufgezwungenen (vgl. Freud: Jenseits des Lustprinzips).

 

Literaturangabe zum Verständnis des Rassismus:
Sigmund Freud: Studienausgabe; Band 1 bis 10 +Ergänzungsband
Einführend reichen auch erstmal die „Vorlesungen“ und deren „Neue Folge“ (Band 1), die Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Band 5) und „Das Unheimliche“ (Band 6).