Anmerkungen zur Beschneidung
Die Entwicklung der Angst ist wichtig für die Art- und Selbsterhaltung.
Wenn aber die Intensität der Angst zu groß ist, dann kann (in der Regel) diese Angst die Grundlage für eine psychische Fehlentwicklung werden. Nach der Psychoanalyse (Freud) gibt es 4 Formen der Angst:
- Angst vor dem Verlust des geliebten Objektes (Mutter)
- Angst vor dem Verlust der Liebe des Objektes
- Angst vor der Kastration.
Diese drei Ängste sind Realängste. Wenn sich das Über-Ich gebildet hat, kommt die Angst vor der Bestrafung durch das Über-Ich hinzu.
Die Angst vor der Kastration ist eine Angst vor der Ohnmacht, unfähig zu werden nicht selbstbestimmt zu sein, seine Fähigkeiten zu verlieren (Potenzverlust). Diese Kastrationsangst hat nicht unbedingt unbedingt eine sexuelle Komponente, sondern es ist die Angst vor der übermächtigen Autorität oder Autoritäten (Vater, Lehrer), die als entwicklungsbehindernd gesehen werden können und einen bei einer Bedürfnisbefriedigung bestrafen. Diese Autoritäten zeigen durch ihr Verhalten, daß sie dem Kind gegenüber sehr mächtig sind und das Kind sehr massiv schädigen können. In einer autoritären Erziehung kommt es verstärkt zu Kastrationsängsten. Das Kind versucht, mit diesen Ängsten fertig zu werden, indem es sich mit der Autorität (als Aggressor gesehen) identifiziert und von daher die Einstellungen und Verhaltensweisen der Autorität übernimmt.
Wenn es tatsächlich zu einer Beschneidung kommt, ist das Gefühl der Ohnmacht und der Unterlegenheit so stark, daß es zu einer traumatischen Situation kommt, die normaler Weise nicht mehr verarbeitet werden kann und dann das ganze weitere Leben mit bestimmt.
Eine Unsicherheit, ob man durch die Beschneidung noch Mann ist oder nicht, insbesondere die Angst vor den zu erwartenden Schmerzen, die auf keinen Fall gezeigt werden dürfen, bedeuten eine unerträgliche Belastung, die - je näher der Termin der Beschneidung heranrückt - einen Großteil des Denkens einnimmt. Eine Teilnahme an einem regulären schulischen Unterricht ist fast nicht mehr möglich.
Die Angst vor dem Verlust der Männlichkeit kann nicht hingenommen werden, kann nicht hingenommen werden, ohne daß das Selbstwertgefühl gestört wird. Es kommt dann zu einer Überkompensation der Männlichkeit. (Wer sich schwach fühlt, will stark sein. Wer sich ohnmächtig fühlt, will mächtig sein.) Die Angst vor der Kastration - eine Beschneidung wird vom Kind so gesehen - wird nun in einem gesteigerten Maße umgeleitet in Genugtuung, jetzt zu der Gruppe der Erwachsenen und einer männlichen Vollwertigkeit aufgenommen worden zu sein. Dieses nun übersteigerte Männlichkeitsgefühl führt nun dazu, daß Gefühle der Unterlegenheit, Zartheit, Weichlichkeit, Anschmiegsamkeit (alles als weiblich gesehene Attribute) verdrängt werden. Die Grundlage für Männlichkeitswahn, "knallhart", "draufgängerisch", unerbittlich zu sein bis hin zu einem perfekten Krieger ist damit gegeben. Die ungeheuere Unsicherheit kompensiert sich gerne durch starke Überheblichkeit, insbesondere Frauen gegenüber.
In Kulturen, in der eine Beschneidung nicht individuell sondern in einer Gruppe vorgenommen wird (z.B. in afrikanischen und muslimischen Gesellschaften), gilt die Beschneidung als Initiation (Einweihung, Reifefeier, Reifeweihe; bei Naturvölkern die im feierlichen Rahmen vollzogene Aufnahme in den Kreis der vollberechtigten Stammesmitglieder der Knaben in die Gesellschaft der Männer). Und diejenigen, die gemeinsam beschnitten worden sind, werden dann zu einer Solidargemeinschaft.
Welche Auswirkungen eine Beschneidung im Säuglingsalter hat (z.B. bei den Juden oder bei vielen US-Amerikanern) ist unbekannt.